Chapter 12
»Leb' wohl, Onkel Tom, behalte guten Muth!« sagte Georg.
»Leben Sie wohl, Master Georg,« entgegnete Onkel Tom, ihn zärtlich und mit Bewunderung anblickend. »Gott der Allmächtige segne Sie! -- Ach, Kentucky hat nicht Viele wie Sie!« fügte er hinzu, als das freie, offene Gesicht des Knaben seinem Blicke entzogen war. Fort flog Georg, und Tom schaute ihm nach, bis der Hufschlag seines Pferdes nicht mehr zu hören war, -- der letzte Ton, der letzte Blick aus seiner Heimath. Aber über seinem Herzen schien eine warme Stelle zu sein, da wo jene jugendlichen Hände den kostbaren Dollar hingelegt hatten. Tom hob seine Hand auf und drückte sie fest auf sein Herz.
»Nun höre, Tom, ich will Dir was sagen,« sagte Haley, während er an den Wagen trat und die Handschellen hinein warf, »ich meine, Du sollst 's gut bei mir haben, wie 's meine Nigger immer haben; und also sag' ich Dir gleich zum Anfang, Du bist ehrlich gegen mich, und ich bin gut gegen Dich. Bin nie hart gegen meine Nigger, -- thue immer 's Beste für sie, was ich kann. Also, Du siehst, das Gescheidste ist, Du bist ruhig und zufrieden und machst mir keine Streiche; denn die Niggerstreiche kenn' ich alle, und werde damit fertig. Wenn Niggers ruhig sind und versuchen nicht davon zu laufen, so haben sie gute Zeit bei mir; und wenn nicht, na, denn so ist 's ihre eigne Schuld und nicht meine.«
Tom versicherte Haley, daß er nicht die Absicht habe, davon zu laufen. Die Ermahnung schien in der That ziemlich überflüssiger Weise an einen Mann gerichtet zu sein, der schwere Fußeisen an seinen Beinen trug. Allein Mr. Haley hatte die Gewohnheit angenommen, sein Verhältniß zu neuen Waarenartikeln stets mit kleinen derartigen Ermahnungen zu eröffnen, die darauf hinwirkten, wie er glaubte, ihnen guten Muth und Zutrauen einzuflößen, und die Nothwendigkeit unangenehmer Scenen zu verhüten.
Und hier nehmen wir für jetzt von Onkel Tom Abschied, um die Schicksale andrer Personen unserer Erzählung zu verfolgen.
Elftes Kapitel.
Worin das Eigenthum in einen unpassenden Geisteszustand geräth.
Es war an einem regnichten Nachmittage, als ein Reisender an der Thür eines kleinen Gasthofes im Dorfe N-- in Kentucky abstieg. Im Schenkzimmer fand er eine sehr gemischte Gesellschaft, die vom Wetter hier, um Schutz zu suchen, zusammen getrieben worden war, und der Ort gewährte deshalb die gewöhnliche Scenerie solcher Versammlungen. Große, hagere Kentuckier, in ihren Jagdhemden, die ihre gelenkigen Gliedmaßen, in der ihnen so eigenthümlichen, behaglichen Faulheit über einen unglaublichen Raum ausstreckten; -- Gewehre, die aufgestapelt in den Ecken standen, Jagdtaschen, Schrotbeutel, Jagdhunde, kleine Neger, in bunter Mischung durch einander rollend, -- waren die charakteristischen Züge des Gemäldes. Auf jeder Seite des Kamines saß ein langbeiniger Gentleman, mit zurück gelehntem Stuhle, seinen Hut auf dem Kopfe, und die Hacken seiner schlammigen Stiefel auf dem Kaminsimse ruhen lassend, -- eine Stellung, die, wie wir unserm Leser versichern müssen, entschieden günstig für diejenige Art von Betrachtungen ist, welche in jenen westlichen Wirthshäusern gefunden werden, in denen die Reisenden eine besondre Vorliebe für diese besondre Art und Weise, ihrem Reflektionsvermögen nachzuhelfen, an den Tag legen.
Der Wirth, welcher hinter dem Schenktische stand, war, wie die meisten seiner Landsleute, groß von Gestalt, gutmüthig und gewandt, mit einer unglaublichen Decke von Haar auf seinem Kopfe, auf der er einen großen, hohen Hut trug.
Es trug überhaupt Jeder im Zimmer dieses charaktervolle Zeichen der männlichen Souveränetät, sei es ein Felbelhut, oder ein Palmblatt, ein schmutziger Filzhut, oder ein schöner, neuer #chapeau#, -- dort ruhte er mit ächt republikanischer Unabhängigkeit, und schien in der That das charakteristische Merkmal jeder einzelnen Individualität zu sein. Einige trugen ihn verwegen auf die Seite gedrückt, -- das waren muntere, lustige, fröhliche Burschen; Andere hatten ihn bis tief auf die Nasen hinabgedrückt, -- das waren jene harten Charaktere, Männer durch und durch, die, wenn sie einen Hut trugen, ihn ganz tragen wollten, und grade so wie es ihnen gefiel; noch Andre ließen ihn weit hinten über fallen, -- tief blickende Männer, die von Allem eine deutliche Anschauung haben wollten; während wieder andre, sorglose Männer, welche entweder nicht wußten, oder sich nichts daraus machten, wie ihr Hut saß, ihn nach allen Seiten umher schwanken ließen. Die verschiedenartigen Hüte gewährten in der That ein Feld für ein wahrhaft Shakespearsches Studium.
Verschiedene Neger, in weiten Beinkleidern, liefen geschäftig hin und her, ohne daß man ein besondres Resultat ihrer Geschäftigkeit entdecken konnte, aber mit der ihrem Geschlechte eigenthümlichen Willigkeit, Alles in der ganzen Schöpfung umzukehren, um ihrem Master und seinen Gästen dienstlich zu sein. Denke Dir endlich, lieber Leser, zu diesem Bilde ein munteres, prasselndes Feuer, welches den großen, weiten Rauchfang hinauffährt, -- alle Thüren und Fenster weit offen, so daß die Gardinen in der kalten, feuchten Zugluft hin und her wehen, -- und Du hast eine Idee von den Annehmlichkeiten eines Kentuckischen Wirthshauses.
Der Kentuckier der jetzigen Zeit ist eine treffliche Versinnlichung der Lehre von ererbten Instinkten und Eigenthümlichkeiten. Seine Vorväter waren gewaltige Jäger, -- Männer, die in den Wäldern lebten, und unter dem freien Himmel und dem Lichte der Sterne schliefen; und ihr Abkömmling handelt bis auf den heutigen Tag so, als wenn das Haus sein Lager wäre, -- trägt seinen Hut zu allen Zeiten, rollt sich umher und wirft seine Hacken auf die Stühle und Kaminsimse, grade so wie sein Vorvater sich auf dem grünen Rasen umher rollte, und seine Füße auf Stämme und Bäume legte, -- hält alle Fenster und Thüren Sommer und Winter offen, -- nennt jedermann »Fremder« mit #nonchalant bonhommie#, und ist überhaupt die offenherzigste, ungenirteste und gemüthlichste Kreatur der Welt.
In eine solche freie und leichte Gesellschaft trat unser Reisender. Er war ein kleiner, untersetzter Mann, sorgfältig gekleidet, mit einem runden, gutmüthigen Gesichte, und hatte etwas Komisches, Sonderbares in seiner ganzen Erscheinung. Er schien für seine Reisetasche und seinen Regenschirm sehr besorgt zu sein, denn er brachte sie mit eignen Händen herein und widerstand dabei hartnäckig allen Versuchen der Dienstboten, ihm diese Last abzunehmen. Indem er sich etwas ängstlich im Schenkzimmer umschaute, zog er sich mit seinen Kostbarkeiten in die wärmste Ecke desselben zurück, legte diese unter seinen Stuhl, setzte sich nieder, und blickte beinahe furchtsam auf zu dem Ehrenmanne, dessen Hacken vom Kaminsimse getragen wurden, und der ununterbrochen von rechts nach links mit einem Muthe und einer Heftigkeit ausspie, daß Leute von schwachen Nerven und besondern Gewohnheiten sich nothwendig dadurch beunruhigt fühlen mußten.
»Guten Tag, Fremder, wie geht's?« sagte der so eben beschriebene Herr, indem er eine Ehrensalve von Tabackssaft nach der Gegend des neuen Ankömmling's zu abfeuerte.
»Ziemlich gut,« war die Antwort des Anderen, während er mit einiger Unruhe der drohenden Ehre auszuweichen suchte.
»Neuigkeiten?« fragte Ersterer wieder, eine Rolle Taback und ein großes Jagdmesser aus seiner Tasche nehmend.
»Wüßte keine,« war die Antwort.
»Kauen?« fragte Jener, indem er dem alten Herrn ein Stück Taback mit ächt brüderlicher Miene hinreichte.
»Nein, danke schön, -- es bekommt mir nicht,« sagte der kleine Mann, zurück rückend.
»Nicht, ah so!« bemerkte der Andre, während er den Taback in seinen eignen Mund steckte, um daselbst den nöthigen Vorrath von Saft zum allgemeinen Besten der Gesellschaft in steter Bereitschaft zu halten.
Der alte Herr ließ jedesmal einen leisen Schrecken sehen, wenn sein langer Bruder nach seiner Gegend zu feuerte; und als dieser das bemerkte, richtete er gutmüthig seine Artillerie nach einer andern Seite, und begann die Feuerzange mit einem Grade militärischen Talentes anzugreifen, der hinreichend gewesen sein würde, um eine Stadt zu stürmen.
»Was ist das?« fragte der alte Herr, als er mehrere Anwesende um einen großen Anschlagezettel gruppirt sah.
»Ein Nigger ist bekannt gemacht!« entgegnete Einer derselben kurz.
Mr. Wilson, denn dies war der Name des alten Herrn, stand auf, und nachdem er sorgfältig seine Reisetasche und seinen Regenschirm zurecht gelegt hatte, schritt er bedächtig dazu, seine Brille hervor zu ziehen, setzte diese auf die Nase, und begann sodann zu lesen:
»Dem Unterzeichneten entlaufen ein Mulattenbursche, Georg. Besagter Georg ist sechs Fuß groß, ein sehr hellfarbiger Mulatte, hat braunes, lockiges Haar, spricht gut, kann lesen und schreiben; wird wahrscheinlich versuchen für einen Weißen zu gelten; hat tiefe Narben auf dem Rücken und Schultern, und trägt an der rechten Hand ein Brandmal mit dem Buchstaben #H#.
Ich will vierhundert Dollar für ihn lebendig geben, und dieselbe Summe für den vollständigen Nachweis, daß er getödtet worden ist.«
Der alte Herr las diese Anzeige von Anfang bis zu Ende mit leiser Stimme, als wenn er sie studiere.
Der langbeinige Veteran, der, wie vorher erwähnt, die Feuerzange gestürmt hatte, ließ jetzt seine bedeutende Länge nieder, erhob seine hohe Gestalt, schritt nach dem Orte, wo diese Anzeige angeschlagen war, und spie dann eine volle Ladung von Tabackssaft auf dieselbe.
»Das ist meine Meinung darüber!« sagte er kurz, und setzte sich dann wieder nieder.
»Oho, Fremder, was soll das heißen?« sagte der Wirth.
»Ich würde dasselbe mit Dem thun, der's geschrieben hat, wenn er hier wäre,« entgegnete kaltblütig der lange Mann, während er seine alte Beschäftigung, Taback zu schneiden, wieder vornahm. »Jeder, der einen Burschen besitzt wie der, und keinen bessern Weg finden kann, ihn zu behandeln, =verdient= ihn zu verlieren. Solche Papiere wie das da, sind eine Schande für Kentucky! Das ist meine Meinung grade heraus, wenn Jemand sie wissen will!«
»Das ist 'mal gewiß!« sagte der Wirth, während er Etwas in sein Buch eintrug.
»Ich habe einen Trupp Burschen, Herr,« sagte der lange Mann, indem er seinen Angriff auf die Feuerzange von Neuem begann, »und rede mit ihnen so: -- >Jungens,< sage ich -- >rennt nun, lauft! wenn ihr wollt! -- ich will Euch nie nachlaufen!< -- So halt' ich =meine=. Laßt sie 's wissen, daß sie fortlaufen können wenn sie wollen, dann grade verlieren sie die Lust. Ueberdies habe ich Freischeine für sie alle ausgefertigt, im Fall es mir 'mal zu bunt wird in den jetzigen Zeiten; und das wissen sie. Ich sage Euch, Fremder, 's giebt keinen Kerl hier, der mehr aus seinen Negern herausbringt, als ich. Glaubt Ihr's? Meine Burschen sind bis nach Cincinnati gegangen mit Füllen, fünfhundert Dollar werth, und haben mir das Geld alles richtig heimgebracht, -- mehr als einmal. 'S ist ganz natürlich, warum. Behandelt sie wie Hunde, und Ihr habt Hundewerk; behandelt sie wie Menschen, und Ihr habt Menschenwerk.« Und der ehrliche Pferdehändler bekräftigte sein moralisches Gefühl dadurch, daß er ein förmliches #feu de joie# gegen den Kamin losließ.
»Ich glaube, Ihr habt vollkommen recht, Freund,« sagte Mr. Wilson; »und der hier beschriebene Bursche ist wirklich ein braver Bursche, -- kein Zweifel darüber. Er hat für mich beinahe sechs Jahre lang in meiner Sackfabrik gearbeitet, und war mein bester Arbeiter, Herr. Er ist außerdem ein kluger, erfinderischer Bursche. Er hat eine Maschine zum Reinigen des Hanfes erfunden, -- eine wirklich werthvolle Sache, die jetzt in vielen Fabriken angewendet wird. Sein Herr hat das Patent darauf.«
»Kann mir's denken,« sagte der Pferdehändler, »hat es und macht Geld mit, und dann dreht er sich um und brennt den Burschen in die rechte Hand. Wenn ich 'ne gute Gelegenheit hätte, ich wollte ihn zeichnen, meiner Seele, er sollte 's 'ne gute Zeit mit sich herum tragen.«
»Ja, die klugen Burschen das sind alle ungezogene, impertinente Schlingel,« sagte ein Mann von rohem, ungeschlachtem Aeußern auf der andern Seite des Zimmers; »das ist's warum sie gepeitscht und so gezeichnet werden. Wenn sie sich ordentlich betrügen, würde 's nicht geschehen.«
»Das heißt, Gott hat sie Menschen werden lassen, und 's muß ein harter Druck sein, um sie zu Bestien zu machen,« sagte der Pferdehändler trocken.
»Kluge Niggers sind gar nichts nütze für 'nen Herrn,« fuhr der Andre fort, der gegen die Verachtung seines Gegners in einer rohen, bewußtlosen Stumpfheit wohl verschanzt war; -- »wozu brauchen sie Talente und solche Sachen, wenn Ihr selbst keinen Nutzen davon haben könnt? Alles, was sie mit thun ist, daß sie Euch betrügen. Habe ein paar solche Burschen gehabt, aber habe sie bald den Fluß hinunter verkauft. Wußte doch, daß ich sie früh oder spät verlieren würde, wenn ich's nicht that.«
»Noch besser, Ihr schickt eine Bestellung hinauf zum lieben Gott, daß er Euch welche schafft ohne Seelen,« sagte der Pferdehändler.
Hier wurde die Unterhaltung durch das Heranfahren eines kleinen, einspännigen Kabriolet's vor das Wirthshaus unterbrochen. Es hatte ein anständiges Aeußeres, und darin saß ein fein gekleideter Mann mit einem farbigen Diener, welcher fuhr.
Die ganze Versammlung im Schenkzimmer betrachtete den neuen Ankömmling mit der Neugierde, mit welcher Wirthshausgäste an einem regnichten Tage gewöhnlich einen frisch Ankommenden beobachten. Er war sehr groß, und hatte eine dunkle, spanische Gesichtsbildung, schöne, ausdrucksvolle Augen, und dichtes, lockiges Haar, welches ebenfalls rabenschwarz war. Seine schöngeformte, gebogene Nase, seine schmalen Lippen, und die auffallend schönen Formen seiner Glieder erregten bei der ganzen Gesellschaft sofort die Idee von etwas Ungewöhnlichem. Er schritt mit leichter Haltung in das Zimmer, grüßte die Gesellschaft, und deutete dem Kellner durch einen Wink an, wo er seinen Mantelsack niederzusetzen habe, worauf er, mit seinem Hute in der Hand, sich nachlässig an den Schenktisch begab, und seinen Namen als Henry Butler, von Oakland, Grafschaft Shelby, angab. Sich sodann mit gleichgültiger Miene umwendend, schlenderte er an die im Zimmer ausgehängte Bekanntmachung heran, und las sie.
»Jim,« sagte er zu seinem Diener, »ich glaube, wir sind einem Burschen, der diesem ähnlich sieht, in der Nähe von Bernan begegnet, nicht wahr?«
»Ja wohl, Master,« sagte Jim, »nur weiß ich nicht, ob's mit der Hand zutrifft?«
»Ich habe natürlich nicht darauf geachtet,« sagte der Fremde, nachläßig gähnend. Sodann sich zum Wirth begebend, verlangte er ein besonderes Zimmer, da er, wie er sagte, sofort einige Schreibereien zu besorgen habe.
Der Wirth war äußerst bereitwillig, und ein halbes Dutzend Neger, alt und jung, männlichen und weiblichen Geschlechts, groß und klein, sprangen gleich darauf umher, eilig und geschäftig, wie ein Volk Rebhühner, einander auf die Füße tretend und über einander stolpernd in ihrem Eifer, um Master's Zimmer in Stand zu setzen, während dessen er sich nachlässig in einen Stuhl in der Mitte des Zimmers niedergelassen und mit dem ihm zunächst Sitzenden ein Gespräch begonnen hatte.
Der Fabrikant, Mr. Wilson, hatte den Fremden vom ersten Augenblicke ab, wo er in's Zimmer getreten war, mit dem Ausdrucke unruhiger Neugierde betrachtet. Er glaubte ihn irgendwo gesehen und kennen gelernt zu haben, aber er konnte sich nicht besinnen, wo. Jeden Augenblick, wenn der Mann sprach oder lächelte, oder sich bewegte, hob er sich und heftete seine Blicke auf ihn und wandte sich dann schnell wieder ab, wenn die dunkeln, leuchtenden Augen desselben den seinigen mit dem Ausdrucke der sorglosesten Ruhe begegneten. Endlich schien eine plötzliche Erinnerung in ihm aufzuflammen, denn er starrte den Fremden mit einer Miene solcher Verwunderung und solchen Schreckens an, daß dieser auf ihn zuging.
»Mr. Wilson, wenn ich nicht irre,« sagte er in einem Tone, als erkenne er ihn so eben, seine Hand ausstreckend. »Ich bitte um Verzeihung, ich habe Sie vorher nicht erkannt. Ich sehe, Sie erinnern sich meiner -- Mr. Butler, von Oakland, Grafschaft Shelby.«
»Ja -- ja -- ja,« sagte Mr. Wilson wie Jemand, der in einem Traume spricht.
Grade in diesem Augenblicke kam ein Negerknabe herein, welcher ankündigte, daß das Zimmer des Herrn bereit sei.
»Jim, sieh nach dem Gepäck,« sagte der Herr nachläßig, und fügte sodann, sich an Mr. Wilson wendend, hinzu: »Ich würde Sie um eine kurze Unterhaltung über Geschäftssachen in meinem Zimmer bitten, wenn Sie nichts dagegen haben.«
Mr. Wilson folgte ihm, wie Jemand, der im Schlafe wandelt, und sie gelangten in ein großes Zimmer im oberen Stocke, wo ein frisch angezündetes Feuer prasselte, und verschiedene Dienstboten noch umher flogen, um die letzte Hand an die Ordnung des Zimmers zu legen.
Als Alles gethan war und die Dienstboten sich entfernt hatten, schloß der junge Mann vorsichtig die Thür zu und steckte den Schlüssel die Tasche, schaute sich um, und dann seine Arme auf der Brust über einander schlagend, schaute er Mr. Wilson voll in's Gesicht.
»Georg,« sagte Mr. Wilson.
»Ja, Georg,« entgegnete der junge Mann.
»Ich hätte mir's nicht denken können!«
»Ich bin ziemlich gut entstellt, glaube ich,« sagte der junge Mann. »Etwas Wallnußschale hat meiner gelben Haut ein sanftes Braun verliehen, und mein Haar habe ich schwarz gefärbt. So, sehen Sie, paßt die Bekanntmachung auf mich durchaus nicht.«
»O Georg! aber das ist gefährliches Spiel, was Du treibst. Ich hätte Dir nicht rathen können, es zu thun.«
»Ich kann es auf meine eigene Verantwortung thun,« entgegnete Georg mit demselben stolzen Lächeln.
Wir müssen #en passant# bemerken, daß Georg von seines Vaters Seite weißer Abkunft war. Seine Mutter war eine jener Unglücklichen ihres Geschlechtes, die durch ihre persönliche Schönheit dazu bestimmt sind, die Sklavinnen der Begierden ihrer Besitzer, und Mütter von Kindern zu werden, die nie ihren Vater kennen dürfen. Von einer der stolzesten Familien in Kentucky hatte er schöne, europäische Züge und einen stolzen, unzähmbaren Geist ererbt. Von seiner Mutter hatte er eine leichte Mulattenfärbung empfangen, die durch das damit verbundene glänzende, dunkle Auge vollständig aufgewogen wurde. Eine kleine Veränderung in der Farbe seiner Haut und seiner Haare hatte ihm das Ansehen eines Spaniers verliehen, unter welchem er sich jetzt zeigte; und da eine edle Haltung und ein anständiges Benehmen ihm von jeher natürlich gewesen waren, so fand er keine Schwierigkeit darin, die kühne Rolle zu spielen, in der er sich jetzt bewegte, -- die eines mit seinem Bedienten reisenden Gentlemans.
Mr. Wilson, ein gutmüthiger, aber außerordentlich zaghafter und vorsichtiger alter Mann, lief unruhig im Zimmer auf und ab, während in seinem Innern der Wunsch, Georg beizustehen, mit einem dunkeln Begriffe von Aufrechterhaltung des Gesetzes und der Ordnung zu kämpfen schien. Während er deßhalb im Zimmer umherstrich, gab er sich etwa auf folgende Weise zu vernehmen:
»So, Georg, vermuthe, Du bist davon gelaufen Deinem rechtmäßigen Herrn, Georg, -- (wundere mich nicht) -- aber ich muß Dir doch sagen, es thut mir leid, Georg, -- ja, entschieden -- ich muß Dir das sagen, Georg, -- es ist meine Pflicht, Dir das zu sagen.«
»Was thut Ihnen leid, lieber Herr?« fragte Georg ruhig.
»Je nun, daß ich sehe, daß Du dich gleichsam den Gesetzen Deines Vaterlandes entgegen stellst.«
»=Meines= Vaterlandes!« sagte Georg mit starker und bitterer Betonung; »welches andere Vaterland habe ich, als das Grab? -- und ich wünschte bei Gott, daß ich schon darin läge.«
»Wie, Georg, nein -- nein -- das geht nicht; solches Gespräch ist sündhaft, unchristlich. Georg, Du hast einen schlimmen Herrn -- das ist wahr, -- sein Betragen ist sehr zu tadeln, -- ich will ihn nicht vertheidigen; aber Du weißt, wie der Engel Hagar befahl, zu ihrer Herrin zurückzukehren und sich ihrer Hand zu unterwerfen, -- und der Apostel sandte Onesimus zurück zu seinem Herrn.«
»Führen Sie mir nicht die Bibel an auf diese Weise, Mr. Wilson,« sagte Georg mit flammendem Auge, -- »ich bitte Sie, thun Sie es nicht! denn mein Weib ist eine Christin, und ich gedenke ein Christ zu sein, wenn ich je dahin gelangen sollte, wohin ich kann; aber einem Menschen in meinen Verhältnissen gegenüber die Bibel anführen ist genug, um ihn Alles aufgeben zu lassen. Ich berufe mich auf Gott den Allmächtigen, -- ich bin bereit, mit meiner Sache vor Ihn zu treten und Ihn zu fragen, ob ich Unrecht thue, indem ich meine Freiheit suche.«
»Diese Gefühle sind ganz natürlich, Georg,« sagte der gutmüthige Mann, sein Taschentuch gebrauchend. »Ja, sie sind natürlich, aber es ist meine Pflicht, Dich nicht darin zu bestärken. Ja, mein Junge, Du thust mir leid, es ist ein schlimmes Ding -- sehr schlimm; aber der Apostel sagt: >Ein Jeglicher bleibe in dem Berufe, darinnen er berufen ist.< Wir müssen uns alle den Winken der Vorsehung unterwerfen, -- siehst Du das nicht ein?«
Georg stand da mit zurückgebogenem Kopfe, mit fest unter einander geschlagenen Armen auf seiner breiten Brust, und mit einem bittern Lächeln auf der Lippe.
»Es sollte mich wundern, Mr. Wilson, ob, wenn die Indianer kämen und Sie von Weib und Kindern wegschleppten, und Sie lebenslang bei sich behalten wollten, um ihnen das Korn zu mahlen, -- ob Sie es dann für Ihre Pflicht halten würden, in der Lage zu bleiben, in die Sie versetzt worden sind. Ich glaube eher, Sie würden das erste, beste frei umher laufende Pferd, das Sie finden könnten, für einen Wink der Vorsehung halten, -- was meinen Sie?«
Der alte Herr starrte mit beiden Augen, als er diese Anschauung der Sachlage hörte; und obgleich er kein großer Denker war, so hatte er doch so viel gesunden Sinn, worin er von manchen Logikern nicht übertroffen wird, -- da nichts zu sagen, wo nichts gesagt werden kann. Während er deßhalb beschäftigt war, seinen Regenschirm zu streichen und jede Falte darin auszuglätten, fuhr er mit seinen Ermahnungen in allgemeiner Beziehung fort.
»Du siehst, Georg, Du weißt, daß ich immer Dein Freund gewesen bin, und was ich gesagt habe, habe ich immer nur zu Deinem Besten gesagt. Hier nun, scheint es mir, setzest Du dich einer schrecklichen Gefahr aus. Du kannst nicht darauf hoffen, es auszuführen, und wenn sie Dich fangen, so wird Deine Lage noch schlimmer werden, als sie bisher gewesen ist. Sie werden Dich mißhandeln und halb umbringen, und Dich den Fluß hinunter verkaufen.«
»Mr. Wilson, ich weiß das Alles,« sagte Georg. »Ich setze mich einer Gefahr aus, aber --« hier öffnete er seinen Ueberrock und ließ zwei Pistolen und ein Weidmesser sehen. »Hier!« sagte er, »ich bin bereit für sie! Hinunter nach Süden will ich nimmer gehen. Nein! wenn es dahin kömmt, so kann ich mir wenigstens noch sechs Fuß freien Grund und Boden erringen, -- den ersten und letzten, den ich jemals in Kentucky besitzen werde!«
»Höre, Georg, diese Gemüthsstimmung ist schrecklich! -- sie ist ganz verzweifelt, Georg. Das bekümmert mich sehr; -- so die Gesetze Deines Vaterlandes übertreten zu wollen!«
»Wieder, =meines Vaterlandes=! Mr. Wilson, =Sie= haben ein Vaterland; aber welches Vaterland habe ich oder irgend Einer, der von einer Sklavenmutter geboren worden ist? Welche Gesetze bestehen denn für uns? Wir erlassen sie nicht, -- wir geben nicht unsre Stimme dazu, wir haben nichts mit ihnen zu thun; Alles, was sie für uns thun, ist, daß sie uns niederschmettern und uns niederhalten. Habe ich denn nicht ihre Reden am 4ten Juli gehört? Haben sie uns nicht allen alljährlich einmal gesagt, daß die Regierungen ihre Gewalt nur durch den Willen der Regierten erhalten? Kann ein Mensch denn nicht denken, der solche Sachen hört? Kann er dies und jenes nicht zusammenreimen und sich daraus Schlüsse ziehen?«