Chapter 10
Die beiden kleinen Knaben, nachdem sie verzweiflungsvoll ihre Taschen nach jenen Tüchern durchsucht hatten, von denen Mütter wissen, daß sie dort nie zu finden sind, hatten ihre Gesichter in die Falten des mütterlichen Kleides gesteckt und schluchzten und wischten sich die Augen und Nase nach Herzenslust. Mrs. Bird verbarg ihr Gesicht vollständig im Taschentuche; und die alte Dinah, über deren schwarzes, ehrliches Gesicht die Thränen hinab strömten, rief wiederholt, und mit all' der Inbrunst einer Brüderversammlung: »O Herr! sei uns gnädig!« während der alte Cudjoe, seine Augen heftig mit dem Rockärmel reibend und die seltsamsten und verschiedenartigsten Gesichter dabei schneidend, zuweilen aus demselben Schlüssel, und mit großer Inbrunst, antwortete. Unser Senator war ein Staatsmann, und konnte deshalb nicht, wie andre Sterbliche, weinen; und deshalb wandte er der ganzen Gesellschaft den Rücken, und sah zum Fenster hinaus, und schien besonders bemüht seine Kehle zu reinigen, und seine Augengläser abzuwischen, wobei er sich zuweilen in einer Weise ausschnaubte, die Verdacht hätte erregen können, wenn Jemand im Stande gewesen wäre, ihn genau zu beobachten.
»Wie kamst Du dazu, mir zu sagen, daß Du einen guten Herrn gehabt habest?« rief plötzlich Mr. Bird, indem er gewaltsam etwas hinunter schluckte, was ihm in der Kehle aufstieg, und sich plötzlich nach der Frau umwandte.
»Weil er wirklich ein guter Herr war; ich werde das immer von ihm sagen; -- und meine Missis war gut; -- aber sie konnten sich nicht anders helfen. Sie waren Geld schuldig, und auf eine oder die andre Weise, -- ich kann nicht sagen, wie, -- war es geschehen, daß ein Mann sie in seine Gewalt bekommen hatte, und daß sie ihm seinen Willen thun mußten. Ich horchte, und hörte, wie er dies zu Missis sagte, und wie sie für mich bat und stritt, -- und er sagte, daß er sich nicht helfen könne, und daß die Papiere schon alle unterschrieben wären; -- und dann nahm ich mein Kind, und verließ meine Heimath, und floh. Ich wußte, es wäre ganz fruchtlos gewesen, wenn ich hätte versuchen wollen zu leben, nachdem sie 's gethan hätten, -- denn dies Kind ist Alles, was ich habe!«
»Hast Du keinen Mann?«
»Ja, aber er gehört einem anderen Herrn. Sein Master ist sehr hart gegen ihn, und will ihn nie ausgehen lassen, um mich zu sehen; und er ist immer schlimmer gegen uns geworden, und hat ihm gedroht, ihn nach Süden zu verkaufen -- ich werde ihn wohl nie wieder sehen!«
Der ruhige Ton, in welchem die Frau diese Worte sagte, hätte einen oberflächlichen Beobachter verleiten können zu glauben, daß sie sich in vollständiger Apathie befinde; aber aus ihrem großen dunklen Auge sprach ein stummer, tiefer Schmerz, der einen ganz andern Gemüthszustand verrieth.
»Und wohin willst Du denn gehen, meine gute Frau?« fragte Mistreß Bird.
»Nach Canada; -- wenn ich nur wüßte, wo es wäre. Ist es sehr weit von hier, -- Canada?« sagte sie, mit einfachem, vertrauungsvollem Blicke zu Mrs. Bird aufschauend.
»Armes Wesen!« sagte Mrs. Bird unwillkührlich.
»Ist es =sehr= weit von hier, -- glauben Sie?« fragte die Frau eifriger.
»Viel weiter, als Du glaubst, armes Kind!« sagte Mrs. Bird; »aber wir wollen versuchen und sehen was sich für Dich thun läßt. Hier, Dinah, schlage ihr ein Bett auf in Deinem eignen Zimmer, dicht bei der Küche, und ich will überlegen was morgen früh für sie gethan werden kann. Inzwischen fürchte nichts, liebe Frau; setze Dein Vertrauen auf Gott, er wird Dich beschützen.«
Mrs. Bird und ihr Mann kehrten in das Zimmer zurück. Sie setzte sich in ihren kleinen Wiegenstuhl vor das Feuer und schaukelte sich gedankenvoll hin und her, während Mr. Bird im Zimmer auf und ab schritt, und vor sich hin murmelte: »Puh! pah! fatale, verdammte Geschichte!« Endlich, zu seiner Frau heran tretend, sagte er:
»Höre, Frau, sie wird von hier fort müssen, heute Nacht noch. Der Kerl wird ihr nach sein auf der Spur und wird morgen früh bei guter Zeit hier sein. Wenn's das Weib allein wäre, so könnte sie ruhig liegen bleiben, bis Alles vorüber ist; aber der kleine Bengel wird nicht still sein können, wenn da ein Trupp Pferde und Menschen ankommt; er wird uns alle verrathen, indem er den Kopf durch irgend ein Fenster oder eine Thür steckt. 'S wär' ein schönes Gericht Fische für mich, wenn Beide gerade jetzt hier gefangen würden! Nein, sie müssen diese Nacht noch fort.«
»Diese Nacht! Wie ist das möglich? -- Wohin denn?«
»Gut, ich weiß schon, wohin,« sagte der Senator, indem er mit nachdenkender Miene anfing, seine Stiefel anzuziehen, und dann innehaltend, als sein Bein halb hinein war, sein Knie mit beiden Armen umschlang und sich in tiefstes Nachsinnen zu verlieren schien.
»'S ist eine verdammte, fatale Geschichte,« sagte er endlich, seinen Stiefel von Neuem anziehend, »das ist gewiß!« Als der eine Stiefel glücklich angezogen war, saß der Senator mit dem andern in der Hand da und schien die Figuren des Teppichs gründlich zu studiren. »Aber 's muß doch geschehen, sehe keinen andern Weg, -- häng' die ganze Geschichte!« und er zog den andern Stiefel hastig an und schaute zum Fenster hinaus.
Mrs. Bird war eine sehr discrete kleine Frau, -- eine Frau, die nie zu ihrem Manne sagte: ich hab's Dir vorher gesagt! und bei der gegenwärtigen Gelegenheit, obgleich sie recht wohl errieth, welche Richtung die Gedanken ihres Mannes nahmen, hütete sie sich weislich, in dieselben einzugreifen, sondern saß ganz ruhig in ihrem Stuhle und schien ganz vorbereitet, die Beschlüsse ihres Herrn und Gemahls zu hören, sobald er für gut befinden sollte, dieselben zu äußern.
»Siehst Du,« sagte er, »da ist mein alter Freund, Van Trompe, der von Kentucky herüber gekommen ist und alle seine Sklaven frei gelassen hat, -- er hat einen Platz gekauft, etwa sieben Meilen weit die Bucht hinauf, tief in der Waldung drin, wo Niemand hinkommt, ausgenommen, wenn er absichtlich hingeht; -- und es ist ein Ort, der nicht leicht ausgefunden wird. Da ist sie sicher genug; aber das Uebel ist, daß Niemand mit einem Wagen diese Nacht dahin fahren kann, als ich selbst.«
»Warum denn nicht? Cudjoe ist ein vortrefflicher Fuhrmann.«
»Ganz gut, aber hier, das ist die Sache. Man muß zweimal über die Bucht fahren, und die zweite Ueberfahrt ist sehr gefährlich, wenn man die Richtung nicht genau kennt. Ich bin hundertmal durchgeritten, und kenne ganz genau alle Wendungen, die ich zu nehmen habe. Also Du siehst, da hilft nichts. Cudjoe muß die Pferde, ungefähr um zwölf Uhr, so still wie möglich anspannen, und ich will sie hinüber bringen; und dann, um der Sache einen Anschein zu geben, muß er mich bis an das nächste Wirthshaus bringen, um mit der Post nach Columbus weiter fahren zu können, die ungefähr zwischen drei und vier Uhr dort ankommt, und so hat es dann den Schein, als wenn ich den Wagen blos zu diesem Zwecke genommen hätte. Ich werde morgen früh recht zeitig in meinen Geschäften sein, aber ich glaube, ich werde nicht viel nütze sein nach alle dem, was gesprochen und gethan worden ist; aber, zum Henker, ich kann nicht anders!«
»Dein Herz ist in diesem Falle besser, als Dein Kopf, John,« sagte seine Frau, ihre kleine weiße Hand in die seinige legend. »Hätte ich Dich je lieben können, wenn ich Dich nicht besser gekannt hätte, als Du Dich selbst?« Und die kleine Frau sah bei diesen Worten so hübsch aus, während Thränen in ihren Augen glänzten, daß der Senator dachte, er müsse ganz entschieden ein außerordentlicher Mensch sein, um ein so hübsches Wesen in eine so leidenschaftliche Bewunderung für ihn versetzen zu können; und was konnte er unter diesen Umständen also anderes thun, als gelassen fortgehen, um nach dem Wagen zu sehen. An der Thür hielt er jedoch einen Augenblick an, und kam dann zurück, indem er zaudernd sagte:
»Marie, ich weiß nicht, wie Du darüber denkst, -- aber da ist die Kommode voll von Sachen von -- von -- unsrem armen kleinen Henry.« So sagend wandte er sich schnell um und schloß die Thür hinter sich.
Die Frau öffnete eine nach einem kleinen Schlafgemach führende Thür, welches dicht neben dem Wohnzimmer belegen war, setzte ein Licht auf ein darin befindliches Bureau, und nahm einen Schlüssel aus einem kleinen Kästchen hervor, den sie gedankenvoll in das Schloß eines unterhalb befindlichen Schubkastens schob, und hielt dann plötzlich inne, während zwei Knaben, welche kinderähnlich ihren Tritten gefolgt waren, hinter ihr standen und ihre Mutter schweigend und mit bedeutsamen Blicken betrachteten. Und o Mutter, die Du dieses liesest, ist in Deinem Hause nie ein Kästchen oder irgend ein Behältniß gewesen, dessen Oeffnen für Dich wie das Wiederöffnen eines kleinen Grabes war? O glückliche Mutter, die Du das nie erfahren hast.
Mrs. Bird öffnete den Schubkasten langsam. Es lagen darin kleine Röckchen von verschiedener Form, Stöße von Hemdchen und Reihen von kleinen Strümpfchen, und aus den Falten eines Papieres blickten selbst ein Paar kleiner, getragener Schuhe mit abgeriebenen Fußspitzen hervor. Ein hölzernes Pferdchen und ein Wagen, ein Kreisel und ein Ball lagen darin, -- alles Angedenken, die mit mancher Thräne und dem bittersten Schmerze gesammelt worden waren! Sie setzte sich nieder an den Kasten, lehnte ihr Haupt in ihre Hände, und weinte, bis die Thränen durch ihre Finger in den Kasten niederfielen; dann plötzlich sich aufrichtend, begann sie mit ängstlicher Eile die einfachsten und dauerhaftesten Stücke auszusuchen und sie in ein Bündel zu sammeln.
»Mamma,« sagte der eine Knabe, ihren Arm sanft berührend, »willst Du denn diese Sachen fortgeben?«
»Meine lieben Kinder,« entgegnete sie sanft und ernst, »wenn unser lieber kleiner Henry vom Himmel herabblickt, so wird er sich freuen, daß wir dieß thun. Mein Herz hätte sich nie dazu verstehen können, sie an eine gewöhnliche Person fort zu geben, aber ich gebe sie einer Mutter, deren Herz noch mehr gebrochen und noch kummervoller als das meinige ist, und ich hoffe, Gott wird ihnen seinen Segen mit geben!«
Es gibt in dieser Welt besonders gesegnete Seelen, aus deren Kummer Freuden für Andere entsprießen; deren irdische Hoffnungen, wenn sie mit vielen Thränen ins Grab gelegt worden sind, der Same zu heilenden Blumen und zu Balsam für Leidende und Trostlose werden. Und zu diesen gehörte die zarte Frau, die jetzt mit der Lampe dort sitzt und aus deren Augen langsame Thränen fallen, während sie die Angedenken ihres eignen verlorenen Kindes für die ausgestoßene Heimathlose sammelt.
Nach einiger Zeit öffnete Mrs. Bird einen Kleiderschrank, nahm ein oder zwei einfache, brauchbare Kleider heraus, setzte sich an ihrem Arbeitstische mit Nadel, Scheere und Fingerhut nieder, und begann schweigend den ihr von ihrem Manne empfohlenen Proceß des »Auslassens,« und fuhr emsig damit fort, bis die alte Uhr in der Ecke des Zimmers zwölf schlug und sie ein leises Rasseln der Räder vor der Thür hörte.
»Marie,« sagte ihr Mann, mit dem Mantel auf dem Arme eintretend, »Du mußt sie nun aufwecken; wir müssen fort.«
Mrs. Bird legte schnell die verschiedenen, von ihr gesammelten Artikel in einen kleinen Mantelsack, bat ihren Mann, diesen in den Wagen bringen zu lassen und ging hinaus, um die Frau zu wecken. Bald darauf erschien diese, in einen Mantel gehüllt, mit Hut und Shawl, was Alles ihrer Wohlthäterin angehört hatte, in der Thür, ihr Kind auf dem Arme tragend. Mr. Bird drängte sie in den Wagen und Mrs. Bird folgte ihr bis an den Tritt desselben. Elisa lehnte sich hinaus und streckte ihre Hand aus, eine Hand, so sanft und schön wie die war, die als Erwiederung gereicht wurde. Sie heftete ihre großen, dunkeln Augen mit unbeschreiblichem Ausdrucke auf Mrs. Bird's Gesicht und schien sprechen zu wollen. Ihre Lippen bewegten sich, -- sie versuchte ein, zweimal, aber kein Laut wurde hörbar, und indem sie endlich nur himmelwärts zeigte, mit einem nie zu vergessenden Blicke, sank sie in ihren Sitz zurück und bedeckte ihr Gesicht. Die Thür schloß sich und der Wagen fuhr fort.
Welche Lage war dies nun für einen patriotischen Senator, der die ganze Woche vorher den gesetzgebenden Körper seines Geburtslandes angeregt hatte, strengere Bestimmungen gegen flüchtige Sklaven und deren Helfer und Mitschuldige zu erlassen!
Unser guter Senator wurde in seinem Geburtsstaate von keinem seiner Brüder in Washington in Betreff derjenigen Beredsamkeit übertroffen, welche diesen unsterblichen Ruhm erworben hatte! Wie stolz er dort gesessen hatte, mit den Händen in der Tasche, während er die sentimentale Schwäche derjenigen bespöttelte, die die großen Staatsinteressen über das Wohl einiger elenden Flüchtlinge vergessen wollten! Er war kühn wie ein Löwe in dieser Sache, und »vollständig überzeugt« davon, so wie jeder, der ihn hörte; allein seine Vorstellung von einem Flüchtlinge war lediglich eine Vorstellung, welche den Buchstaben, aus denen das Wort bestand, -- oder höchstens der Abbildung irgend eines kleinen Zeitungsbildes entnommen war, welches einen Mann mit einem Stocke und Bündel darstellte und die Unterschrift trug: »dem Unterzeichneten entlaufen!« Die zauberische Wirkung wirklichen Elends, -- das flehende, menschliche Auge, die schwache, zitternde Hand, das verzweifelnde Flehen um Beistand, der hülflose Todesschmerz, -- diese waren ihm fremd geblieben. Er hatte nie daran gedacht, daß ein Flüchtling eine unglückliche Mutter, ein wehrloses Kind sein könne, -- gleich dem, das jetzt das wohlbekannte Mützchen seines kleinen verlorenen Henry trug, und da unser armer Senator weder von Stein noch von Stahl, sondern ein Mensch war, und dazu ein edelherziger, so muß Jeder sehen, daß er sich mit seinem Patriotismus in einer bösen Lage befand. Du brauchst nicht über ihn zu frohlocken, guter Bruder des Südens, denn wir haben Winke bekommen, daß Mancher von Euch unter ähnlichen Umständen nicht anders gehandelt haben würde. Wir haben Grund anzunehmen, daß in Kentucky sowohl wie in Mississippi edle, großmüthige Herzen schlagen, denen nie eine Schilderung menschlichen Leidens vergeblich gemacht worden ist. Also, guter Bruder, ist es billig, daß Du von uns Dienste erwartest, die Dein eigenes braves ehrenhaftes Herz Dir nicht zu leisten erlauben würde, wenn Du in unsrer Stelle wärest?
Dem sei, wie ihm wolle, wenn unser guter Senator ein politischer Sünder war, so befand er sich auf dem besten Wege, dafür eine nächtliche Buße zu thun. Es hatte seit längerer Zeit anhaltendes Regenwetter geherrscht und der weiche, fruchtbare Boden von Ohio ist, wie jedermann weiß, ganz besonders für die Fabrikation von Schlamm geeignet, -- und der Weg war überdies ein Ohio'scher Bahnweg der guten, alten Zeit.
»O bitte, was für eine Art Weg mag dies sein?« fragt irgend ein östlicher Reisender, der gewohnt ist, keine andern Ideen mit einem Bahnwege zu verbinden, als die der Ebenheit und Schnelligkeit.
So wisse denn, unschuldiger, östlicher Freund, daß in den gesegneten Regionen des Westens, wo der Koth von sublimer, unergründlicher Tiefe ist, Straßen von runden, rohen Scheiten gebaut werden, welche man dicht und quer über einander legt und sodann mit Erde, Rasen, oder was immer zur Hand sein mag, bewirft, -- und dies nennt selbstzufrieden der Eingeborene einen Weg, und versucht sofort darauf zu fahren. Im Laufe der Zeit wäscht natürlich der Regen Rasen und Erde ab, und die Scheite verlieren ihre ursprüngliche Lage und nehmen allerhand malerische Stellungen an, auf und nieder und quer, mit verschieden Abgründen und Gleisen schwarzen Schlammes dazwischen.
Ein solcher Weg war es, welchen unser Senator jetzt stolpernd verfolgte, während er sich mit moralischen Betrachtungen in so ununterbrochener Weise beschäftigte, wie die Umstände es zuließen, indem der Lauf des Wagens etwa folgender Art war: -- bump! bump! bump! platsch! nieder in den Schlamm! -- Der Senator, die Frau und das Kind verändern ihre Sitze so plötzlich, daß sie ohne besondere Vorbereitung gegen die Fenster der Seite liegen. Der Wagen steckt fest, während Cudjoe außerhalb sehr laut mit den Pferden verhandelt.
Nach wiederholtem Anziehen und Reißen der Zügel, gerade in dem Augenblicke, wo der Senator alle seine Geduld verliert, hebt sich plötzlich der Wagen in Bogen, -- die beiden Vorderräder gehen nieder in einen andern Abgrund, und der Senator, die Frau und das Kind, fallen in bunter Mischung auf den Vordersitz, -- des Senators Hut ist ihm ohne alle Ceremonie bis über Augen und Nase hinunter gedrückt, und er hält sich für vollständig ausgelöscht; das Kind schreit, und Cudjoe hält außerhalb eine sehr lebhafte Anrede an die Pferde, welche toben und schlagen, und unter wiederholten Peitschenhieben die Stränge reißen. Der Wagen springt auf in einen neuen Bogen, -- nieder gehen die Hinterräder, -- und Senator, Frau und Kind fliegen zurück auf den Rücksitz, während die Ellbogen des Ersteren Elisa's Hut sehr unsanft berühren, und ihre beiden Füße sich in dem Hute des Senators eingeklemmt befinden, welcher ihm während des Stoßes vom Kopfe gefallen ist. Nach einigen Augenblicken hat der Wagen das Morastloch verlassen; -- der Senator findet seinen Hut, die Frau bringt den ihrigen wieder in Ordnung, und beruhigt das Kind, und Alle bereiten sich auf eine Wiederholung vor.
Eine Zeit lang mischt sich nur das regelmäßige bump! bump! der Abwechselung halber, mit einigen Seitenstößen, und die Reisenden fangen an sich Glück zu wünschen, daß ihre Lage dennoch nicht so ganz schlimm ist; allein endlich, und zwar mit einem heftigen Stoße, daß Alle in die Höhe und dann mit unglaublicher Schnelligkeit in ihren Sitz zurückgeworfen werden, hält der Wagen plötzlich ganz still, und nach einer längeren und sehr lebhaften Bewegung außerhalb, erscheint endlich Cudjoe an der Wagenthür.
»Verzeihen Sie, Herr, 's ist mächtig dunkel hier; -- weiß nicht, wie wir 'raus kommen sollen; -- denke, wir müssen frische Gleise legen.«
Der Senator steigt verzweiflungsvoll aus, indem er vorsichtig mit dem einen Fuße nach einem festen Grunde sucht; -- nieder fährt ein Fuß in eine bodenlose Tiefe, -- er versucht ihn wieder herauszuziehen, allein er verliert das Gleichgewicht und fällt in den Schlamm, aus welchem er durch Cudjoe in einem höchst traurigen Zustande wieder hervorgezogen wird.
Aber wir wollen aus Mitleid für unsere Leser uns jeder weiteren Schilderung enthalten; genug, es war spät in der Nacht, als der Wagen endlich, triefend und mit Koth bedeckt, die Bucht verließ, und vor der Thür eines großen Farmgebäudes anhielt.
Es kostete nicht wenig Geduld und Ausdauer, die schlafenden Inwohner zu erwecken; aber endlich erschien der ehrenwerthe Besitzer und öffnete die Thür. Es war ein großer, struppiger Orson von Mann, volle sechs Fuß und einige Zoll hoch, und in ein rothwollenes Jagdhemde gekleidet. Eine ziemlich schwere Decke rothen Haares, in einem entschieden ungekämmten Zustande, und ein mehrere Tage alter Bart, verliehen dem Ehrenmanne ein, im gelindesten Ausdrucke, nicht sehr einnehmendes Aeußere. Er stand einige Minuten lang, das Licht hoch erhoben haltend, stumm da, und schaute unsere Reisenden mit einer finsteren, mystischen Miene an, die wirklich komisch war. Unser Senator hatte einige Mühe, ihm das ganze Sachverhältniß vollkommen deutlich zu machen; und während der gute Mann sein Bestes thut, es gehörig aufzufassen, wollen wir unsere Leser etwas näher mit ihm bekannt machen.
Der brave, alte John Van Trompe war früher ein sehr bedeutender Land- und Sklavenbesitzer im Staate Kentucky. Da er nichts weiter zu tragen hatte, als seine eigene Haut, und da er von Natur ein großes, gutes, gerechtes Herz besaß, welches im richtigsten Verhältniß mit seinem gigantischen Körper stand, so hatte er schon seit längeren Jahren mit Mißbehagen die Wirkungen eines für den Unterdrücker und den Unterdrückten gleich nachtheiligen Systems beobachtet. Eines Tages endlich, begann John's großes, gutes Herz zu sehr zu schwellen um seine Fesseln länger tragen zu können; und so nahm er sein Taschenbuch aus seinem Schreibtische hervor, und ging hinüber nach Ohio, und kaufte ein Viertel eines ganzen Stadtgebietes, üppiges Land, fertigte Freilassungsscheine für alle seine Sklaven aus, -- Männer, Weiber und Kinder, packte sie auf Wagen, und sandte sie fort, um sich dort niederzulassen; und dann wandte sich Ehren John der Bucht zu, und ließ sich auf einer kleinen, abgelegenen Farm nieder, um sich seines Bewußtseins und seiner Betrachtungen zu freuen.
»Seid Ihr der Mann, der ein armes Weib und ein Kind aufnehmen will, um sie nicht den Sklavenhäschern in die Hände fallen zu lassen?« sagte der Senator mit Nachdruck.
»Denke schon, daß ich's bin,« entgegnete Ehren John mit demselben Nachdrucke.
»Ich dachte so,« sagte der Senator.
»Wenn Jemand kommen solle,« sagte der gute Mann, seine große, muskulöse Figur aufrichtend, »=na=, so will ich ihn empfangen; habe auch sieben Söhne, jeder sechs Fuß hoch, die für ihn bereit sind. Bestellt ihm nur mein Compliment,« fügte John hinzu, »und sagt ihm nur, 's komme gar nicht drauf an, wie bald er komme, -- macht gar keinen Unterschied,« sagte John, durch seine struppigen Haare fahrend, und in lautes Lachen ausbrechend.
Matt, ermüdet und gebrochen, schleppte sich Elisa bis an die Thür, während ihr Kind in festem Schlafe auf ihrem Arme lag. Der rauhe Mann hielt das Licht vor ihr Gesicht, und indem er dann eine Art mitleidigen Grunzens ausstieß, öffnete er die Thür eines kleinen Schlafzimmers, welches neben der großen Küche lag, in der sie standen, und bedeutete sie, da hinein zu gehen. Er holte ein Talglicht, zündete es an, setzte es auf den Tisch, und wendete sich dann an Elisa.
»Brauchst Dich hier nicht zu fürchten, mein Wort, laß kommen wer will. Bin fertig für alles das,« sagte er, auf einige handfeste Gewehre deutend, die über dem Kamine hingen: -- »und die Meisten, die mich kennen, wissen, daß es nicht gut gethan ist, Einen aus meinem Hause wegzuholen, so lange ich drin bin. Also nun, lege Dich hin und schlafe, so ruhig als wenn Dich Deine Mutter wiegte,« sagte er, während er die Thür zumachte.
»Das ist ein ungewöhnlich hübsches Weibsbild,« sagte er dann zu dem Senator. »Ja, ja, die Hübschen haben die größte Gefahr auszustehen, oft, wenn sie ein Bißchen Gefühl haben, wie ordentliche Frauenzimmer haben sollen. Kenne das alles.«
Der Senator theilte ihm kurz, in wenigen Worten, Elisa's Geschichte mit.
»O! o! sieh Einer!« sagte der gute Mann mitleidig; »nun ja! das ist natürlich, versteht sich, armes Wesen! -- gehetzt wie ein Thier, grade deshalb, weil sie natürliche Gefühle hat, und das thut, was keine Mutter anders kann. Ich sage Euch, diese Dinge hätten mich beinahe zum Fluchen gebracht, -- zu wer weiß was,« sagte der ehrliche John, während er seine Augen mit der Kehrseite seiner großen, fleckigen Hand wischte. »Ich sage Euch, Mann, es hat Jahre und Jahre gedauert, daß ich nicht in die Kirche ging, weil die Geistlichen da in unsrer ganzen Gegend predigten, daß die Bibel alle diese Schändlichkeiten gut heiße, -- und ich konnte nicht mit ihnen fertig werden, mit ihrem Griechisch und Ebräisch, und so ließ ich sie hinter mir, Bibel und Alles. Bin nie in der Kirche gewesen, bis ich einen Pfarrer fand, der 's Alles verstand, Griechisch und Alles, und der grade das Gegentheil sagte; und dann hielt ich fest dran, und ging in die Kirche, -- so ist's,« sagte John, der inzwischen emsig beschäftigt gewesen war, einige vortreffliche Flaschen Cider zu öffnen, die er nunmehr, bei dieser Pause, seinem Gaste offerirte.
»Solltet nun grade hier bleiben, bis es Tag wird,« sagte er in herzlichem Tone; »ich will meine alte Frau wecken, und Ihr sollt ein Bett im Nu fertig haben.«
»Ich danke Euch, mein guter Freund,« sagte der Senator, »ich muß fort, um die Nachtpost nach Columbus zu treffen.«
»So, nun, wenn Ihr müßt, so will ich Euch ein Stück begleiten, und Euch einen Richteweg zeigen, der Euch besser hinbringen wird, als der, auf dem Ihr kamt. Das ist ein bitter böser Weg.«