Olivia oder Die unsichtbare Lampe

Chapter 9

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Aber sein selbstquälerischer und haßerfüllter Gang zu den Menschen nahm eine unerwartete Wendung. Die Gegenspieler traten vor ihn hin, während ihn die Spieler beschäftigten; von Schatten umringt, die in einer Schattensprache redeten, sah er über ihnen, unter ihnen, hinter ihnen Gestalten. Hingekauert an einem morschen und entlaubten Baum, vernahm er den ewigen Gesang der Wurzel. Er fühlte die Kraft, fühlte die Bewegung, fühlte die Wehen der Wiedergeburt mitten unter Gespenstern; er fühlte sein Land, er fühlte sein Volk. Wenn er vor den Bäckerläden die blassen Frauen stehen sah, geduldig wartend, daß das Brot ausgeteilt werde, wenn die zu Krüppel Geschossenen mit unbegreiflich strahlenden, fast schwärmerischen Augen, an Stöcke gefesselt, einherhumpelten, wenn verschämte Armut den Geber mied und die Verlorenen in den Elendsquartieren Siegesfeste gläubig-still feierten, da wurde ihm der Zusammenhang bewußt, da war er Teil und Erbe, da erkannte er nicht nur, wie allein er war, sondern auch, wie verlassen sie waren, wie er sie verlassen hatte.

Über den Gesichtern, die er schaute, lag der Schein einer verborgenen Lichtquelle. Kam nicht das Licht von der unsichtbaren Lampe her, mit der Olivia des Nachts durch die Säle geschritten? Er konnte sich dieser Vorstellung nicht entziehen: in der finster gewordenen Welt die eine Flamme; ringsum im Kreis die Seelen, deren Kraft es ist, zu schweigen und zu dienen; sie warten auf das Wunder, das darin besteht, daß sie die Lampe sehen werden, denn dann sind sie erlöst.

Traum eines Einsamen, Traum von der Lampe und vom Volk!

Eines Abends kam er heim, angegriffen von der Frühlingsluft, in einer sonderbaren Stimmung zwischen Hinwelken und innerlicher Glut, in der ihm jetzt zumute war, als müsse er das Gesicht in Kissen vergraben und schluchzen, und jetzt wieder, als stehe er am Anfang der Zeit und an der Schwelle des Lebens: so zwischen Tod und Werden kam er und suchte ein Bild und einen Begriff von seinem eigenen Wesen. Da öffnete sich die Türe und Olivia trat herein.

Er erbebte; es ahnte ihm, daß es sich um eine Entscheidung handelte.

Die Bestürzung, in der Olivia das letztemal von Lamm weggegangen, war nachhaltig gewesen. Sie hatte eine dunkle Schuld gegen ihn immer empfunden, aber daß er sie nun zur Verantwortung ziehen würde, hatte sie nicht erwartet.

So weit sie auch zurückdachte, er war die herrschende Gestalt in ihrem Dasein, von jener Stunde an, wo sie als Kind durch seinen Einspruch einer peinlichen Schaustellung enthoben worden war. Sie hatte gegen ihn gewirkt, er gegen sie, aber das Band zwischen ihnen war nur um so fester geworden, und als sie sich zur Flucht entschlossen hatte, um ihm nicht gänzlich zu verfallen, war sie ihm schon gänzlich verfallen.

Sie hatte aber nie aufgehört, ihn Freund zu heißen. Ja, es war der erfahrene, wohlgesinnte, starke, verläßliche Freund gewesen, sogar in den Jahren ihrer Verfinsterung und des Selbstverlustes. Dann, als die Verwandlung kam, als sie sein Haus von ihm forderte, als er in geheimnisvollem Groll verreiste, als alle Geschenke des Lebens ihr entrissen wurden bis auf eine Lampe in der Hand, die sie nicht gewahrte, nur ahnte, deren Licht sie nur im Auge der andern entdeckte, auch da war noch der Freund an ihrer Seite geschritten, der Lebendige, der Mensch. Und das Wissen um seinen Haß und Abscheu war nur ein Ansporn geworden, so zu erglühen, daß der Eispanzer um seine Brust schmelzen mußte.

'Auch Blindheit kann Todsünde sein, siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir bist?' Dieses Wort vernichtete wie ein zündender Blitzstrahl alles, was sie um sich her gebaut hatte.

Nur zu deutlich hatte sie die Not gefühlt, in der er es ihr entgegenschrie. Also war er überzeugt, daß sein Vorwurf und der Anspruch, den er erhob, zu Recht bestünden? Daß sein Schicksal, er das ihre wäre? Unbeseelt und mißverstehend hatte sie ihn benutzt, wie man einen Boten benutzt oder einen Führer, und hatte seine Gaben, sein hingeströmtes Inneres als Tribut genommen, doch immer in der fernen Ahnung einer Schuld. War, so betrachtet, der Titel Freund nicht eine wertlose Münze, ein Almosen, das ihr Gewissen beruhigen sollte? So wenig Sinn und Phantasie war in ihr, daß sie ihn im Dunkeln hatte tappen lassen Jahr für Jahr und er mit getäuschtem Herzen zum Verräter werden mußte an sich und an der Menschheit? Jetzt begriff sie vieles, den niedergeschlagenen Blick an ihm, die Wildheit und den hartgeschlossenen Mund, das lieblose Urteil und sein entgleistes Leben, die Tyrannei und die stumme Bitte, das ganze Leiden, den ganzen mühevollen Weg. Und sie hatte oft an ihn gedacht als an einen, der die Truggestalten überdauert, die in kurzem Glücks- und Sehnsuchtsrausch verlockend erschienen waren. Geträumt hatte sie nie von ihm, aber vergessen hatte sie ihn nicht eine Stunde, nie hatte sie sein Bild verloren.

Einst, auf einem Ball, hatte ein junger Mann zu ihr gesagt: »Man erzählt, daß der Hofrat Lamm um Sie wirbt.« Sie hatte den Kopf zurückgeworfen und mit aufsteigender Blässe in den Wangen erwidert: »Wenn Robert Lamm mich haben wollte, hätte er nicht nötig, zu werben.«

Doch gerade damals war sie in Georg Ingbert verliebt gewesen.

Plötzlich war sie ein Weib, sein Weib. Er hatte den Verlauf ihrer Spiele, ihrer Verstrickungen, ihrer Trübungen abgewartet, um sie zu rufen im Angesicht einer blutüberströmten Welt. Geschah es, weil er nach einem letzten Halt griff? Geschah es in der Erkenntnis ihres Wesens oder in der Verzweiflung über den Niederbruch aller irdischen Ordnung? Sie widerstrebte nicht, sie gehorchte, im Innern war sie sein Weib. Doch außer einem schmerzlichen Verlangen nach Frieden und Zärtlichkeit fühlte sie nichts, was an Liebe erinnerte oder was die Menschen darunter verstanden.

* * * * *

An einem Nachmittag um die Dämmerungsstunde betrat sie das kleine Lese- und Sprechzimmer, das für die Genesenden eingerichtet worden war. Es war niemand darin als Schwester Nina Senoner. Sie saß am Tisch und hatte den Kopf in die Hand gestützt. Trotz der Dunkelheit war an den Umrissen des schönen Gesichts der Kummer erkennbar. Olivia ging näher zu ihr hin. »Was ist mit Ihnen, Nina?« fragte sie, und als Nina Senoner erschrocken aufblickte, spürte Olivia die unheilbare Verstörung in diesem Gemüt. Aber sie hatte Furcht, der neuen Forderung nicht gewachsen zu sein, die in dem Schmerz der Freundin lag.

Da machte Nina Senoner eine jähe Bewegung, schlang die Arme um Olivias Hüften und preßte das Gesicht gegen ihre Brust.

Olivia hatte lange nicht mit einer Frau gesprochen; persönliches Wort auf dem Grund persönlichen Gefühls zu finden, fiel ihr schwer. Sie hatte verlernt, wichtig zu nehmen, was der einzelne in seinem Kreis mit seinem Schicksal auszukämpfen hat; nun sah sie die Verarmung darin und empfand Reue. Sie legte die Hände wie schützend auf Ninas Haar. Die stolze, herbe Frau, die ungeachtet ihrer fünfunddreißig Jahre wie ein junges Mädchen wirkte, begann zu schluchzen; unaufhörlich zuckte ihr Körper.

Nach einer Weile gelang es Olivia, sie in ihr Zimmer zu führen, wo sie ungestört sein konnten. Sie zog Nina dicht an sich; sie trocknete mit ihrem Taschentuch die Tränen auf dem weißen Gesicht. Sie fragte, fragte; hingebend, ja zärtlich. Es dauerte lange, bis Nina Senoner ihre Scheu überwand. Nie zuvor hatte jemand in solchem Ton mit ihr geredet. Sie war in der Gesellschaft geboren, in der Gesellschaft aufgewachsen, sie kannte nur Menschen von Haltung, von nicht zu durchdringender Fremdheit, von vorsichtigstem Anteil. Das Element der Kälte hatte sie allmählich in eine lebende Statue verwandelt; alles in ihr war erfroren, was Frauen erst zu Wesen macht, Traum, Sehnsucht, Bluttrieb und Mitteilung.

Mit achtzehn Jahren hatte sie einen Mann geheiratet, den sie achtete und der ihr ein vortrefflicher Gefährte war. Aber sein Los war die Arbeit, und je reicher er wurde, desto verantwortungsvoller und aufreibender wurde die Arbeit. In den Ruhepausen verlangte er freundliche Mienen, einen geräuschlosen Haushalt und angenehme Gespräche. Nina hatte viel Verkehr, dabei lebte sie einsamer als ein Eremit. Alle Güte und Sorgfalt des Mannes war auf das Äußere des Daseins gerichtet; er umgab sie mit Luxus und mit Menschen, und wenn sie Kopfweh hatte und blaß aussah, ließ er die teuersten Ärzte kommen und wachte darüber, daß deren Ratschläge befolgt würden. Sie hatten nie Streit miteinander, kaum einen Wortwechsel, ihre Ehe wurde als mustergültig betrachtet, und das strahlende Temperament der aufwachsenden Jeanette schien ein Glück zu besiegeln, dem in den Augen der Welt nichts zur Vollkommenheit mangelte.

Es vergingen viele Jahre, ehe Nina Senoner überhaupt merkte, daß sich mit ihr eine Veränderung ereignet hatte, die durchaus nicht zu diesem bewunderten und beneideten Bild des Glückes passen wollte. Sie gehörte zu den Menschen, die selten über sich und ihren Zustand nachdenken, zu jenen frommen Naturen, die mit unerbittlicher Strenge jede Regung der Unzufriedenheit in ihrer Brust ersticken. Doch kam es immer häufiger vor, daß ein sehnsüchtiger Gedanke, ein Zweifel, eine Unruhe ihre Stirn in Schatten hüllten. Sie war gern allein; solche Stunden genoß sie tief; da verflog das Gefühl der Einsamkeit, und sie wurde fröhlich, wie sie als junges Mädchen gewesen war. Aber man erlaubte ihr nicht, allein zu sein. Die geselligen Pflichten nahmen an Vielfältigkeit zu; man drängte sich an sie; man wollte sie haben; man fühlte sich wohl in ihrem Haus und in ihrer Nähe; trotzdem sie fast immer schweigsam war, fesselte und reizte sie Männer wie Frauen; ihr Lachen verbreitete eine festliche Stimmung, ihr sanfter Blick glättete alle Stirnen. Sie war immer verabredet, immer unterwegs, oder zu Hause immer unter Gästen. Die zahllosen Ansprüche zu befriedigen, wurde schwer, sie zu vermindern ganz unmöglich. Es war eine Lawine, die selbsttätig anschwoll und ihre Seele unter sich begrub.

Da hatte sie eines Tages die Empfindung, als werde sie nur künstlich und nach dem Belieben aller dieser Menschen bewegt und in ihr selbst sei gar kein Wille mehr, kein Entschluß und keine Freiheit. Es schien ihr, als habe man sie planmäßig und Schritt für Schritt ihres Eigenlebens beraubt und als sei sie dessen erst inne geworden, nachdem jeder Funke davon ausgelöscht war. Sie sah sich nur noch als Hülle ihres früheren Ichs, als Opfer von toten Dingen, als Erfüllerin von zwangvollen Pflichten, als Beute von fremden Menschen. Und das Schreckliche war, daß sie auch Mann und Kind unter diesen Fremden erblickte, die sie geplündert und ihr nichts übriggelassen hatten als einen müden Körper und ein freudloses Herz.

Ihre Liebenswürdigkeit und Schönheit hatten viele Männer berückt; hochgestellte und geringe, alte und junge, berühmte und unbedeutende hatten für sie geschwärmt; manche hatten sich mit der Verehrung aus der Ferne begnügt, andere hatten ihr Heil in heimlichem oder offenem Werben gesucht; die Bemühungen der meisten hatte sie übersehen, und sie konnte dabei einen Hochmut entfalten, der gründlich erkältete; einige gab es, die sie eines vertrauten Gesprächs für würdig hielt, von denen sie Briefe empfing, deren Schicksal ihr Interesse einflößte. Doch keinen einzigen hatte sie so begünstigt, daß er sich in besonderer Weise hätte ausgezeichnet finden dürfen, geschweige denn, daß sie sich ihm gegenüber etwas vergeben hätte. In den Kreisen, in denen sie verkehrte, zählte die ungetreue Gattin zu den gewöhnlichsten Erscheinungen des Lebens; sie hatte gegen solche Frauen stets eine heftige Abneigung verspürt, und der Gedanke, ihren Gatten zu betrügen, auch nur mit einem Blick, mit einem Lächeln nur, war ihr niemals in den Sinn gekommen.

Vor zwei Jahren war es gewesen, da hatte sie in einem Kurort einen Mann kennen gelernt, einen Ingenieur, einen vom Leben weit umhergetriebenen Menschen, sehr ernst im Wesen, schmucklos im Auftreten, mit Eigenschaften des Charakters, die je anziehender wurden, je länger man sich mit ihm beschäftigte. Der Eindruck, den er auf sie machte, war von der ersten Sekunde an entscheidend. Er stand im selben Alter wie Nina, in der Mitte der Dreißig, aber so reif und erfahren er wirkte, es war doch etwas Frisches in ihm, und die Unabhängigkeit seiner Gesinnung öffnete Nina eine neue Welt, deren Schwelle zu überschreiten sie zaghaft und verwundert zauderte. Er war verheiratet, nicht eben glücklich, hatte Kinder, die er liebte, verfocht aber mit einer beinahe zornigen Leidenschaft und mit Verachtung gegen die feigen Grundsätze der sogenannten Moral das Recht der Freiheit der Herzen.

Wenn Nina um jene Zeit in den Spiegel schaute, sah sie, daß ihre Züge anfingen, welk zu werden. Ihr Gesicht trug die Spuren einer eigentümlichen Abspannung wie bei jemand, der jahrelang vergebens gewartet und endlich die Hoffnung aufgegeben hat. Jetzt wußte sie, worauf sie gewartet hatte. Die Jugend war dahin, und sie hatte nichts von ihr genossen. Sie hatte nie geliebt. Ihre Seele war verdorrt.

Der Freund vermochte es, ihr dieses Geständnis zu erpressen. Er vermochte mehr. Er gab ihr den Glauben, daß es noch nicht zu spät sei. Dies aus seinem Mund zu hören und immer wieder zu hören, beglückte und erschütterte sie. Sie verlor sich in dunkle Träumereien. Stumm lauschte sie den Worten des Mannes, den sie plötzlich mit einer Gewalt liebte, von der sie früher keinen Begriff gehabt und in der sie sich verwildert und entwurzelt erschien. Mied sie gleich seinen Blick, so hätte sie doch niederknien mögen, um seinen Schatten zu umfassen; war auch ihr Auge, ihre Gebärde furchtsam und abwehrend, so war doch ihr Inneres voll Zärtlichkeit und Sehnsucht. Er verstand sie; er drängte nicht; er achtete ihr Gefühl, und seine besondere Art von Güte erstaunte sie bei einem Mann und machte ihn ihr täglich teurer, während der Kampf, der in ihr tobte, täglich ungestümer wurde. Eine stille Raserei nahm von ihr Besitz; es schwindelte ihr, wenn sie seine Stimme, seinen Namen hörte; sie wünschte zu sterben und begehrte heißer als jemals zu leben; alle Menschen wurden ihr zu Phantomen, mystische Ratlosigkeit prägte ihrem Gesicht den Ausdruck einer Somnambulen auf, dabei mußte sie auf der Hut sein und sich beherrschen, denn sie war das Ziel der Aufmerksamkeit von vielen.

Ihren Gatten zu hintergehen und sein Vertrauen zu mißbrauchen, war ihr entsetzlich zu denken. In ihrer Glut und Bezauberung und völlig im Bann der überlegenen Beredsamkeit des Freundes war sie dennoch nahe daran, den letzten Schritt zu wagen, bloß um die Qual zu beenden, bloß um dem Spender des Gefühls, das sie erfüllte, dankbar zu sein. Da kam Jeanette. Als sie acht Tage bei der Mutter gewesen, sagte Nina zu ihrem Freund: »Wir dürfen uns nicht mehr sehen.« Der Ingenieur reiste ab. Nina erkrankte.

Nachdem man sie in die Stadt geschafft hatte, rief sie ihn wieder. Sie konnte es nicht mehr ertragen, ganz ohne ihn zu sein. Es waren Nächte, wo sie Angst hatte, wahnsinnig zu werden. Der Freund folgte ihrem Ruf, und er besuchte sie nun, so oft sie es verlangte, zu jeder Stunde, die sie bestimmte. Es konnte nicht häufig geschehen, aber von einem Mal zum nächsten brachte sie die Zeit in einer trunkenen, beklommenen Freude hin. Sie konnte tagelang in seliger Schwärmerei an ihn denken, sich seinen Gang vorstellen, sein Lächeln, seinen Gruß, und wenn sie ihn erwartete, schritt sie vom frühen Morgen an aufgeregt durch die Zimmer und war totenbleich.

Aber die wenigen Stunden, die sie dann für einander hatten, wurden oft durch das Erscheinen Jeanettes gestört. Sie trat mit einem Scherz, einer Neckerei ein, so wie sie damals getan, als sie zur Mutter aufs Land gekommen war. Genau wie damals schien sie belustigt von dem tiefen Ernst in den Mienen der beiden, bedachte den Mann mit mädchenhaftem Spott, bevormundete in ihrer gutmütigen und etwas derben Weise die Mutter, war anspruchsvoll, ohne es zu wissen, grausam, ohne es zu wollen. Ihre Heiterkeit hatte einen Anflug von Trotz, ihre Zutraulichkeit erweckte den Verdacht, daß sie spioniere. Und doch war sie davon weit entfernt. Sie war nur immer da; war sie nicht im Zimmer, so war sie doch im Haus; war sie nicht im Haus, so war sie doch im Garten; war sie fortgegangen, so drohte ihre Rückkehr; sie war immer da, immer zu fürchten.

Allmählich verkörperte sie für Nina den Argwohn der Welt, die Stimme des Gewissens, die Pflicht, die sie dem Gatten schuldete. Schaute sie in das Antlitz der Tochter, so fühlte sie die unbarmherzige Forderung, die Fessel nicht zu brechen, die fast zwei Jahrzehnte um sie geschmiedet hatten, empfand sie die ganze Nüchternheit und Dumpfheit ihres Daseins. Das eigene Kind, das sie liebte, ja vergötterte, war ihr zugleich ein Gegenstand des Hasses und der Furcht; es war der Wächter vor ihrem Gefängnis, der Anwalt des Vaters, die Meinung der Gesellschaft.

Sie geriet in Verwirrung und unsägliche Qual. Sie floh vor Jeanette und suchte sie, wenn sie nicht zugegen war. Sie schmeichelte ihr und bestach sie mit Geschenken; dann wieder war sie verschlossen und kalt. Eines Tages sagte die Achtzehnjährige zu ihrer Mutter: »Du bist mir ein Rätsel,« und vor ihrem verwundert forschenden Auge senkte Nina den Blick. Der Freund fand sie ruhelos und launenhaft. Wenn sie dem Flehenden ihre Hand überließ, horchte sie mit emporgezogenen Schultern und abgewandtem Gesicht zur Tür. Er fragte, warum sie so vor dem Kind zittere. Sie hatte nur eine bittende Gebärde als Antwort; wie von Leidenschaft gebrochen, sank ihr Kopf zur Seite. Er bot ihr alles, sein Leben, die Lösung seiner Ehe; ihr Blick umklammerte ihn, doch sie erhob beschwörend die Hände. Er wollte sie umarmen, sie stieß einen Schrei aus und stellte sich schnellatmend mit dem Rücken gegen die Türe. »Sie würde mich bis ans Ende der Welt verfolgen,« sagte Nina flüsternd; »sie hat alle Macht, und ich habe keine.« Dieses wunderliche Wort ergriff den Freund, und zum erstenmal hatte auch er bei dem Gedanken an Jeanette die Ahnung der Gefahr.

Einst standen sie in der Dämmerung nah' beieinander am Fenster, da wurden rasche Schritte hörbar, und Jeanette trat ein. Sie blieb an der Schwelle stehen und lachte. Nina drehte sich um und bemerkte unmutig: »Wie kann man sich nur so taktlos benehmen!« -- »Aber Mutter!« rief Jeanette, abermals und noch lauter lachend. Was konnte der Grund ihres Lachens sein, das eigentlich ein wenig albern klang? Es schnitt Nina in die Seele, jedoch der Freund erkannte jetzt die Gefahr. Diese Jugend verachtete das Halbe und seine dunklen Katastrophen, verachtete die hingezogenen Entscheidungen, verachtete die Umwege und das matte Zweifeln, verachtete die Dämmerung und das Geheimnis. Sie schuf sich ein neues Lebensgesetz, sie hatte etwas Unbedingtes in ihrer Art, sich zu verkündigen und für sich einzustehen, sie erklärte sich für das Gerade, für die Helligkeit und für die Kraft.

Das war es, was er aus dem unschuldig und albern klingenden Lachen Jeanettes herausfühlte. Und er sagte es Nina. »Geh zu ihm oder geh zu mir,« schloß er; »zu einem mußt du gehen.«

Sie schwieg. Aber am Abend schrieb sie dem Freund einen Abschiedsbrief, dann ging sie zu ihrem Mann und sagte ihm, daß sie einen andern liebe. Sein Gesicht wurde wie Blei; er konnte nichts tun, als sie anstarren. Zwei Tage und zwei Nächte sperrte er sich in seinem Zimmer ein, dann rief er Nina und fragte, was sie vorhabe. Sie sagte: »Ich bin deine Frau.« Da fragte er sie, ob sie einige Zeit auf dem Gut leben wolle, das sie in Ungarn besaßen, und sie bejahte. Er begleitete sie hin, und sie blieb dort monatelang. Jeanette besuchte sie häufig, sie war verändert, voll Zartheit und Rücksicht, als wisse sie um das Geschehene und sei nun zufriedengestellt. Von dem Geliebten hörte sie erst wieder, als er bei Kriegsausbruch freiwillig ins Feld zog. Er sandte einen letzten Gruß.

Heute hatte sie die Nachricht erhalten, daß er gefallen sei.

* * * * *

In das verstörte Herz fiel der Strahl der Lampe. Ihr Geisterschein ließ aufschimmern, was Ninas wortunkundige Lippen verschweigen mußten. Olivia war so sehend geworden, so allfühlend, so mitschwingend; sie dachte auf einmal an ein Wort Ingberts: Die ganze Welt ist ein einziges Herz.

Auf einmal tauchte auch Ingberts Gestalt und Gesicht vor ihr auf. Es war wie ein vergessener Teil ihres Lebens, der dem, den sie wußte und lebte, zum Kampf gegenübertrat. Leib und Seele standen auf widereinander; ach, dieser Verzicht, dies dumpfe Sichnichtkennen, das nun Verrat wurde! Der ewige Hunger der Dämonen schrie nach Stillung.

Eine reuevolle Unruhe erfaßte sie. Ingbert war der Erwecker ihrer Sinne gewesen, und ihre Sinne erhoben sich, jetzt, aus der Zerrüttung menschlicher Dinge, aus Ninas vernichtetem Schicksal. Der Genius in ihrer Brust rief sie an, jetzt, da der andre, da Lamm gekommen war, um sein Recht zu fordern.

Sie erinnerte sich der Rolle, die ihr Ingbert beim Abschied übergeben hatte. Sie hatte sie zu Hause aufbewahrt, es drängte sie hin wie zu einem Menschen. Als sie die Rolle in der Hand hielt, sah sie, daß auf dem Bande, an dem das Siegel befestigt war, Worte geschrieben standen. Sie las: Zu öffnen von Olivia, wenn sie einmal spüren kann, was sie mir war.

Zaghaft streifte sie das Band herunter und öffnete die Rolle. Es kam eines der Porträts zum Vorschein, das Ingbert nach seiner Krankheit von ihr angefertigt hatte. Bei genauerer Betrachtung erkannte sie, daß es ein ausgearbeitetes Werk war, eine Komposition, der die zahlreichen Skizzen, die er damals gemacht, zur Grundlage gedient hatten. Das Gesicht war von solcher Schönheit, daß Zweifel sie beschlichen, ob es auch wirklich ihre Züge seien und nicht eine in dem Maler wurzelnde Idee davon. Es war eine glanzvolle Freudigkeit in dem Antlitz, etwas Strahlendes und Enthusiastisches, und um den Mund lag eine sinnliche Bereitschaft, die Olivia fremd berührte und sie erröten ließ. 'Soll ich so gewesen sein?' fragte sie sich.

Hatte er sie so gesehen und empfunden, dann mußte sie auch so gewirkt haben. Dann mußte das alles auch in ihr sein. Ihr Puls schlug matter; unwillkürlich schaute sie sich um, ob Ingbert nicht hinter ihr stehe und sie ihn fragen könne. Nichts erschien ihr jetzt so wichtig als ihn zu fragen.

Voller Unruhe kehrte sie ins Spital zurück. Da meldete man ihr, daß im Sprechzimmer ein Offizier auf sie warte. Sie ging hinein; der Offizier, der Arm und Kopf verbunden und wie alle, die unmittelbar vom Felde kamen, leidend angestrengte Züge hatte, erhob sich und fragte höflich, ob sie Schwester Olivia Khuenbeck sei. Dann nannte er seinen Namen und fuhr fort: »Ich bin vom Leutnant Georg Ingbert dringend beauftragt, Ihnen Grüße zu bestellen. Er hat mir das Wort abgenommen, es nicht zu versäumen. Ich entledige mich hiermit meiner Mission.«

»Wo ist Georg Ingbert?« erkundigte sich Olivia mit leiser Stimme.

»Er liegt in Zawadow bei Strji.«

»Verwundet?«

»Schwer verwundet; so schwer, daß man ... daß man seinen Tod wünschen muß.«

Olivia atmete tief. Nach langem Schweigen sagte sie, kaum hörbar: »Ich danke Ihnen. Sie haben mir einen großen Dienst geleistet.«

Ihr Entschluß war gefaßt.

* * * * *

Sie stand vor Robert Lamm in derselben Haltung wie vor dem Offizier. »Ich muß so schnell wie möglich nach Galizien, Robert,« sagte sie; »sei mir behilflich, daß ich morgen die nötigen Papiere erhalte.«

»Was willst du denn in Galizien tun?« fragte er.

Sie antwortete: »Ich muß zu Georg Ingbert. Georg Ingbert liegt sterbend in einem Feldspital.«

Lamm ging, an ihr vorüber, auf und ab. Nach einer Weile sagte er: »Ich werde die Papiere besorgen.« Dann, wieder nach einer Weile: »Wäre es dir lästig, wenn ich dich begleiten würde? Du brauchst auf dieser Reise einen Schutz.«

Sie sah ihn groß an. Statt etwas zu entgegnen, bot sie ihm die Hand. Er starrte darauf nieder, überwältigt. »Olivia, zwischen uns beiden steht das Schicksal in seiner ganzen Unerbittlichkeit,« murmelte er.