Olivia oder Die unsichtbare Lampe

Chapter 8

Chapter 83,626 wordsPublic domain

Die Schicksale stürzten über sie, und sie wurde das Opfer von ihnen. Sie wollte es sein, in ihren hingegebensten Stunden sehnte sie sich danach, völlig zermalmt zu werden, um jeder Schuld zu entgehen. Ruhte sie, faßte sie sich wieder, so wurde es zu gräßlich, nur zu denken an das, was war. Nicht allein von Bildern der Zerstörung war ihr Geist beladen, Bildern leckender Flammen, eingeäscherter Wohnungen, unerträglichen Hungers, erstickender Todesangst, hoffnungslosen Siechtums und der Verzweiflung, die keinen Blutstropfen unvergiftet ließ, sondern von dem auch, was dahinter war an Wut, Haß und Bosheit, dem Gewebe kleiner Lügen, den Beleidigungen der Menschenwürde, von dem Aufgestachelten in allen, der von überallher tönenden Klage.

Damals, als ihre Mutter in der Sorge um Ferdinand zu ihr kam, mußte Olivia in ihren Gedanken den Bruder erst suchen; sie sagte: »Du darfst die Hoffnung nicht sinken lassen, Mutter; sei nicht ungeduldig.«

»Ich? Warum nur ich? Warum nicht auch du?« gab Frau Khuenbeck erstaunt zurück.

Olivia schwieg. Ihr war, als verriete sie alle andern, wenn sie den Bruder beklagte.

Leo von Scheyern war gefangen, Ernst von Scheyern war unter den Vermißten. Frau von Scheyern kam nicht mehr ins Spital. Sie sprach eines Tages mit Olivia darüber, wie sie beim Anblick jedes Briefträgers bleich geworden sei, bei jedem Läuten der Wohnungsglocke gezittert habe. Da sah Olivia Tausende und aber Tausende von Müttern, die in folternder Ungewißheit um das Leben ihrer Söhne schwebten und an keinem Morgen erwachten, ohne auf die Kunde gefaßt zu sein, die ihr Dasein in eine Wüstenei verwandelte.

Im Anfang blieben die Geschehnisse im Schatten, und nur die Gesichter traten hervor. Als sie aufhörten, stumm zu sein, wenigstens für Olivia, wälzte sich von allen Seiten das Grauen heran. Viele von denen, die dalagen, hatten überdies Worte, unvergeßliche Worte, um andre wieder schallte tönend ihr Erlebnis, ohne daß sie selber Kunde gaben.

»Ich will nimmer hinaus,« knirschte einer im Fieber und bäumte sich verzweifelt, »tut mit mir, was ihr wollt, aber ich geh' nimmer.« Einer stieß im Schlaf die schrecklichsten Angstlaute aus, und einer schaute gebannt, mit aufgerissenen Augen in die Luft, als sehe er in ununterbrochener Folge wieder und wieder, was ihm das Herz zerfleischt und den Verstand geraubt hatte.

Da war ein Mann, der in seinem bürgerlichen Beruf Akrobat gewesen war. Mit seiner Familie, die eine kleine Truppe bildete, die Cromwell-Truppe, wie sie sich fremdländisch-imposant nannte, war er jahrelang durch die Provinz gezogen und hatte das Publikum durch seine Geschicklichkeit ergötzt. Ein Schrapnellschuß hatte ihm beide Beine weggerissen, Frau und Kinder waren des Ernährers beraubt, er lag da, ein Krüppel, und sann darüber nach, was er an Stelle seiner verlorenen Kunst würde treiben können. Er dachte an das bunte Kostüm, in dem er aufgetreten war, an den Beifall, den er mit seiner Arbeit am hohen Trapez geerntet, und daß das alles nun vorbei war.

Oft blickte Olivia forschend in sein Gesicht. Es war ein sehr gewöhnliches Gesicht mit vollen Backen, kleinen dummen Augen und niederer, fliehender Stirn. Aber die Gewöhnlichkeit der Züge war durch die geheimnisvolle Arbeit irgendwelcher inneren Kräfte umglüht. Wie ging das zu?

Sie grübelte unablässig. Was bedeuteten ihr im Grunde all diese Leute, die aus einem kleinen Leben zufällig in ein großes gerissen worden und darin zerschmettert worden waren, zufällig in diesem Haus ein Asyl gefunden hatten? Was galt ihr der Bauer aus der Südmark, der da lag, erblindet? Aber wie er es trug, was er daraus schuf! Was war mit ihm vorgegangen, daß er tun konnte, was er getan? Viele Wochen hatte er unbeweglich im nassen Schützengraben zugebracht, unter den Folgen eines bösartigen Rheumatismus hatte er das Augenlicht eingebüßt. Eines Tages war seine Mutter ins Spital gekommen, ein abgehärmtes Weib, frühzeitig ergraut, in Sorgen gealtert. Er war ihr einziger Sohn, ihre Stütze, ihre Hoffnung. Sie wußte nichts von der Erblindung, und er hatte beschlossen, sie ihr noch zu verhehlen. Von ihrer Ankunft benachrichtigt, hatte er Ärzte und Schwestern gebeten, daß man ihr nichts sage. Zuerst ging es ganz gut; er nahm sich zusammen, die Brille mit farbigen Gläsern begünstigte die Täuschung. Allmählich wurde die Frau stutzig. Ein paar tastende Gebärden, der tote Ausdruck der Züge erweckten Ahnungen. Sie langte plötzlich nach seiner Hand, und als er sich nicht rührte, stieß sie einen markerschütternden Schrei aus. Der junge Mensch erbleichte. Mit schuldbewußtem Ton sagte er: »Was willst denn, Mutter, ich seh' dich ja.« Aber es war zu spät, sie glaubte ihm nicht mehr. Sie mußte fortgebracht werden. Von Zeit zu Zeit hörte man ihn immer wieder vor sich hinmurmeln: »Ich seh' dich ja.«

Woher kam ihm dieser Heroismus?

Woher kamen dem einfachen mährischen Soldaten die Worte, mit denen er schilderte, wie er in Polen einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hindurch einen irrsinnig gewordenen Oberleutnant hatte bewachen müssen? Es waren die furchtbarsten Stunden seines Lebens gewesen und der tiefste Eindruck, den er vom Krieg empfangen hatte. Er vor der Hütte, der Offizier in der einzigen Stube drinnen, immer auf und ab gehend, vor sich hinsprechend, immer auf und ab und in regelmäßigen Pausen zu dem Soldaten tretend. »Laß mich heraus.« -- »Darf nicht, Herr Oberleutnant.« Und jener, wie ein verstörter Geist, zur Wand hinüber, in die Wand hineinredend: »Er will mich nicht herauslassen.« Dann wieder: »Gib mir dein Gewehr.« -- »Darf nicht, Herr Oberleutnant.« Der Offizier zur Wand, und dort in klagendem Ton: »Er gibt mir das Gewehr nicht.« So ging es den ganzen Tag, die ganze Nacht; mit verzweifelten, kurzen, hastigen Schritten wanderte er ruhlos auf und ab, auf und ab, kam nach zehn Minuten und forderte etwas, das Gewehr, ein Messer, Briefpapier, Schnaps, und wenn es ihm der Soldat verweigerte, stellte er sich mit dem Gesicht zur Wand und rapportierte der Wand, daß er nicht erhalten habe, was er begehrt. Es war herzbeklemmend, man konnte es kaum ertragen, noch der Bericht stockte unter der Wirkung des Grauens.

Und der Konditor, der vom Vollzug des Standrechts in Serbien erzählte. Man hieß ihn bloß den Konditor, denn er war in seinem Zivilverhältnis Gehilfe bei einem Zuckerbäcker. Er war aufgeschwemmt und ziemlich roh, doch wenn er an eine gewisse Szene erinnert wurde, die er mitangesehen und die ihm nicht aus dem Sinn wollte, zitterte jedesmal seine Stimme, und von oben bis unten schüttelte es ihn. Es war Befehl gegeben worden, alle Häuser zu durchsuchen, aus denen auf die durchziehenden Truppen gefeuert worden war, und die Männer, die man darin fand, sogleich zu erschießen. Eines Tages marschierte die Abteilung durch eine Dorfstraße und gelangte unangefochten bis ans letzte Haus. Aus einem Fenster dieses Hauses wurden zwei Schüsse abgegeben, die aber niemand trafen. Die Leute, denen das Morden schon zu viel war, wollten keine Notiz davon nehmen, jedoch das Kommando wurde erteilt. Als sie nun das Haus betraten, lagen in der Tenne zwölf Männer auf den Knien, schon zum Tod bereit. Ebenso viele Frauen standen bleich, hochaufgerichtet im Hintergrund des Raumes an der Wand. Zwölf Soldaten legten die Gewehre auf die zwölf Männer an, die Salve krachte, die Männer stürzten tot zu Boden. Von den Frauen aber verzog keine einzige eine Miene, sie rührten sich nicht, mit Ausnahme eines jungen Weibes; dieses strich langsam mit der Hand über die Stirne; sonst nichts. Es mußte in der Gebärde etwas Übermenschliches an Qual enthalten gewesen sein, denn der Erzähler kam immer wieder darauf zurück; es ließ ihn nicht los, er mußte es immer wieder beschreiben.

Olivia sah diese Frauenhand, sah sie über die Stirne streichen, als sei die letzte Hoffnung die, daß vielleicht alles nur ein böser Traum war. Und »warum?« fragte es in ihr, »warum, o Gott?«

In einem der Zimmer kauerte ein Hund; er war nicht vom Bett seines Herrn zu vertreiben, dem er in die Schlacht und von der Schlacht wieder bis ans Krankenlager gefolgt war. Ein schmutziger, häßlicher Köter war es, der aber niemand zur Last fiel. So oft sein Herr einen Laut von sich gab, blickte er mit sanften Augen empor, sonst starrte er müde vor sich hin, gleich als sei er dort draußen von einem Strahl höheren Bewußtseins getroffen worden, der seine Tierseele flüchtig erleuchtet hatte, so daß sie jetzt in dunkler Pein noch danach rang.

Warum diese unermeßliche Schwermut in den Augen des schmutzigen Hundes? Was begriff er? Was war ihm seltsam, was hatte ihn so still werden lassen?

Ein Bild war da, so oft sie es dachte war ihr als müsse sie hinstürzen und ihr Denken erwürgen: zwei Offiziere, in der Attacke aufeinander zureitend, mit geschwungenem Säbel gegeneinander. Schon will der unsere zuhauen, da sieht er, daß der Russe keinen Kopf mehr hat, daß er aber noch immer, den Säbel hoch im Arm, auf seinem Gaul sitzt. Da stößt der unsere einen Schrei aus, fällt vom Pferd, und auf dem Boden windet er sich stumm wie ein Epileptiker. Und er blieb auch stumm, er hatte die Sprache verloren.

Sie sah die Flüchtlinge, Männer mit eilig errafften Habseligkeiten, die Weiber mit ihren Kindern, die eine hatte einen Säugling verloren, die andere brach zusammen, und sie waren ohne Speise und Trank und nächtigten auf dem Felde und zogen dahin ohne Ziel. Sie sah sie in den Viehwagen langer Eisenbahnzüge eingesperrt, wie sie fuhren, immerzu fuhren, durch eine Welt, in der es nur noch verkohlte Ruinen gab, und wie sie um Brot schrien, und wie ihre Kinder verhungerten, ihre Säuglinge verschmachteten.

Sie sah die Gefangenen, die den Schiffbrüchigen auf einer öden Insel glichen; sah die Väter, die keine Söhne, die Kinder, die keinen Vater mehr hatten, die Witwen, die trauernden Bräute, die Verlassenen, Beraubten, zugrunde Gerichteten überall. Sie sah die Mutigen erlahmen, die Feigen apathisch werden, und wie die Freunde aufhörten, füreinander zu zittern. Sie sah die tausendfältige Unbill, Zurücksetzung und Bestechlichkeit, sah wie die Fackel der Idee auch im Edlen erlosch, wenn die trübe Flut des Niedrigen und Gewöhnlichen emporschwoll oder das körperliche Leiden die Kraft der Seele besiegte. Wie die Begeisterung flügellahm, die Tapferkeit zur Grimasse wurde, das Abenteuer auch für den Leichtherzigsten seinen Reiz, die Gefahr ihre Lockung einbüßte und nur den Stärksten noch der Ruf der Pflicht aufrechterhielt.

Olivia sah die Städte rauchen, die Anwesen geplündert, die Äcker zerstampft, die Wälder geknickt. Sie sah den Tod in jeglicher Gestalt, ja, die Erde war gepflastert mit Toten. Sie hingen verstümmelt in den Drahtverhauen und lagen eingebettet in Blumen, sie waren versunken in den Sümpfen und hinuntergestürzt in Gebirgsschluchten, sie schwammen in den Wellen des Meeres und fielen aus den Wolken herab: Männer und Jünglinge, Kinder und Greise, Frauen und Mädchen, Reiche und Arme, Gute und Schlechte, Verräter und Verratene, Schöne und Häßliche, Glückliche und Unglückliche.

Und sie hörte das Geläute der Glocken und das Prasseln der Brände und alle Laute, die die menschliche Stimme hat, um Schmerz und Todesangst auszudrücken. Sie hörte, wie sie in den Kirchen beteten und in den Stuben weinten. Sie hörte die Worte des Abschieds und die Worte frommer Fügsamkeit. Sie hörte den Marschschritt der Armeen, das Schlürfen müder Kolonnen, die seufzende Eile der Geschlagenen, die Gesänge des Triumphes und die Lieder, die sie sangen, wenn sie vergessen oder wenn sie sich berauschen wollten.

Da war ein Lied, welches ihr ein Landsturmmann vorsang, der in einer Nacht beim Granatenfeuer weiße Haare bekommen hatte.

Befohlen wird, ihr Bauern: holt den Spaten, zu begraben, zu begraben die Soldaten.

Eines Klafters Tiefe, zwanzig Klafter Länge, dritthalb Ellen breit, da liegen sie nicht enge.

Hurtig, Leute, hurtig; Erde ausgehoben! die Gemeinen unten, Korporale oben.

An den Seiten viere, in der Mitten viere, überquer die Herren, Herren Offiziere.

Dann kommt der Herr Oberst in der festen Truhe, dem nimmt keiner mehr die verdiente Ruhe.

Haben ihre Ruh, die tapfern Kameraden, zieht nur wieder heim, ihr Bauern mit dem Spaten.

Morgen früh vielleicht bin ich auch geschossen, morgen früh, gewiß, ist mein Blut geflossen.

Diese einfachen Strophen machten auf Olivia einen ungewöhnlichen Eindruck, und ihre Gedanken begannen hinter dem zerstückten und verworrenen Getriebe nach etwas Bestimmtem zu suchen.

Es wurde ihr alles zur Vision, immer glühender und glühender, und sie suchte in der glühenden Wirrnis nach einer Gestalt. Sie suchte den Urheber, sie suchte den Bösen. Ja, sie gab ihm schlankweg den Namen des Bösen. Sie sagte sich: einer muß sein, der das ungeheure Leid, den unermeßlichen Jammer bewirkt; einer muß da wirken, Gott kann es nicht sein, es muß ein Gegner von Gott sein und ein Feind seiner Kreaturen; Feind alles Geschaffenen, alles Blutes, aller Wärme, aller Liebe, alles Lebens und Entstehens. Sie nannte ihn den Bösen, und sie suchte ihn.

* * * * *

Eines Nachts lag sie angekleidet auf dem Sofa in der Kammer, die allein zu bewohnen die einzige Bequemlichkeit war, welche sie sich verstattete. Es war finster, sie konnte nicht schlafen, und sie starrte in die Luft.

Um eine reichgedeckte Tafel saßen fünf oder sechs junge Weiber. Sie waren in Gesellschaftstoilette, tief entblößt, lachten ausgelassen und tranken Sekt. Mit ihren Scherzen, frivolen Wortspielen und verführerischen Gebärden wandten sie sich an einen, der am oberen Ende der Tafel saß. Der aber hatte keine Gestalt, er war wie ein Kloß, wie ein Stück Lehm. Aber die Diener zitterten, wenn sie in seine Nähe kamen, und die Frauen wurden unter der Schminke bleich, wenn er sie anschaute.

Ein befrackter Mensch mit langem Künstlerhaar spielte Klavier; bisweilen warf ihm der Gestaltlose ein Goldstück hinüber, das er geschickt auffing, ohne sein Spiel zu unterbrechen.

Mitten auf dem blendendweißen Tischtuch lag, unbemerkt von allen, eine Leiche. Ihr Körper war ganz und gar mit Früchten und Konfekt bedeckt, und aus der Brust ragten, zwischen Pfirsichen und Trauben, die Griffe von drei Messern heraus. Durch die Fugen des Tisches rann Blut und tropfte in leisen Schlägen auf den Boden.

Die Mahlzeit war zu Ende, alle waren in übermütigster Laune, da erhob sich der Gestaltlose und forderte eine der Frauen zum Tanze auf. Die Betreffende war geradezu ein Wunder an Schönheit, strahlend von Jugend und Leidenschaft; sie trug ein enganliegendes Gewand aus Silberschuppen, das die schlanke Figur zur höchsten Geltung brachte. In ihrem Tanz war die freie Anmut bewußter Kunst, und als sie den Kopf zurückbog und hingerissen lächelte, lächelten die andern Frauen mit und klatschten in die Hände.

Während der Klavierspieler in einen schnelleren Rhythmus überging, war es, als ob der tanzende Kloß sich dehne und wachse; er bekam einen Schädel, aus dem Schädel blickten Augen, und diese Augen sprachen: Ich begehre, ich begehre. Diese irisierenden Gallertaugen waren von einer solchen Lust erfüllt, daß die Zuschauerinnen plötzlich verstummten und sich ein bleierner Druck auf sie legte. Die Tänzerin aber wurde zusehends blasser, sie suchte sich aus der Umklammerung des Kloßes zu befreien. Ihm jedoch wuchsen spindeldürre Arme, mit denen er sie still gewalttätig an sich preßte, immer fester, so fest, daß sie zu röcheln begann, daß ihr Gesicht blau wurde, daß ihr Leib in der Mitte einknickte, und als sie ihm schließlich entseelt in den Armen hing, sah es aus, als sei nichts mehr von ihr übrig als das Kleid.

Ihre Genossinnen sprangen schreiend auf, wollten fliehen, umklammerten einander, da richtete der Mensch, der mit den drei Messern in die Brust unter Früchten begraben war, den Kopf in die Höhe und sagte mit geschlossenen Augen, wodurch sein Sprechen doppelt unheimlich wurde: Gib sie mir wieder!

In dem prunkvollen Raum, der sich auszuweiten schien, strömten nun auf einmal viele Menschen, Bauern, Fabrikarbeiter, Soldaten, Offiziere, ärmlich gekleidete Frauen, junge Mädchen. Einer von ihnen, ein alter Mann mit weißem Bart, drängte sich nach vorn und sagte zu dem Kloß, der jetzt allmählich eine menschliche Gestalt annahm: Gib mir meine Tochter wieder!

Mehrere, die hinter ihm standen, schrien gleichfalls, wie außer sich: Gib uns unsere Töchter zurück! Unsere Bräute! Unsere Schwestern!

Da aber wurde ein monotones Gemurmel hörbar, die Aufgeregten sahen sich um und machten scheu einer Gruppe von Bauern Platz, die demütig und bekümmert aussahen; sie beugten sich zur Erde und riefen: Gib uns unser Land, gib uns unsere Wälder!

Dazwischen gellten die Stimmen von Frauen: Unsere Söhne gib uns, du Mörder, unsre Söhne!

Der Kloß wich Schritt für Schritt ins Leere, bekam aber immer mehr Gestalt. Er war ganz und gar braun, Gesicht, Hände und Körper; es war als sei er mit Rost überzogen oder mit verkrustetem Schlamm. Die Züge erweckten nicht die geringste Vorstellung von seinem Wesen; sie hatten etwas Verwischtes, Mumienhaftes. Mit seinen überaus langen Armen winkte er den Dienern, die brachten nun Säcke voll Gold und Edelsteinen und schütteten ihren Inhalt auf den Boden. Es entstand ein beklommenes Schweigen, bis der alte Mann vortrat, auf den ausgebreiteten Schatz wies und in strengem Ton sagte: Das für unsere Töchter? Das für unsere Söhne? Für unser Herzblut das, du in Ewigkeit Verruchter?

Und alle Stimmen riefen verzweifelt: Unsere Brüder! Unsere Söhne! Unsere Länder! Du in Ewigkeit Verruchter!

Olivia hatte die Augen offen und sah und hörte alles so wirklich, als ob sie im Theater säße.

* * * * *

Wo bin ich, wo war ich? fragte sie sich unablässig; wo soll ich hin, wo kann man noch leben, wo ist es noch möglich, zu lächeln, wo ist noch Freude, wie kann je wieder Freude entstehen?

Sie wünschte, sich verwandeln zu können. Als sie von fern durch die Glaswand der Treibhäuser Blumen sah, erbleichte sie in geisterhafter Sehnsucht nach einem Blumenleben. So in der Erde zu wurzeln, tief und innig, bewußtlos hinzudämmern, mit zartesten Fasern an die Natur gebunden!

Daß man Blume werden könne, irgendwie, irgendwann, wurde Traum und beglückende Idee für sie. Es erschien ihr wie ein letzter Preis und ein letztes Asyl.

Sie erhielt die Nachricht, daß ihr Bruder bei einem Sturmangriff fern im Osten gefallen war. Stumm und zu keiner Tröstung fähig saß sie zu Hause vor der versteinerten Mutter.

Nach einer Weile kam Robert Lamm und setzte sich zu ihnen.

»Dazu muß man Kinder haben, dazu sie aufziehen,« sagte die unglückliche Mutter mit Augen ohne Tränen; »zwanzig Jahre war er alt.«

Lamm nickte. Beim Fortgehen sagte er zu Olivia: »Um Pfingsten herum werd' ich vielleicht allein bei ihr sitzen. Man müßte dich mit Stricken auf ein Bett binden.«

Ein paar Tage später ging sie gegen Abend in seine Kammer. »Schau' dich nach der Mutter um,« bat sie, »ich kann meinen Platz nicht verlassen.«

»Ja, du bist wichtig,« pflichtete er ihr voller Hohn bei, »oder du glaubst es wenigstens zu sein. Ich aber tauge nicht dazu, den Halbtoten ihre Toten beklagen zu helfen.«

»Wozu also taugst du?« konnte sie sich zu fragen nicht enthalten, und ihr Blick flammte. »Du warst dir und andern lang genug gut gewesen, das schlechte Wetter zu machen. Wir haben aber soviel von der Sorte in unserm Land, daß sich die Sonne schon mit Ekel von uns abwendet. Es ist kein Ruhm damit zu holen.«

Er lachte sonderbar. »Wenn du Widerpart zu leisten verstehst, räum' ich dir die Freiheit ein, mich zu beschimpfen,« entgegnete er und ließ, beinahe wie ein Sklave, Arme und Schultern hängen; »nur nicht diese wolkenhafte Unnahbarkeit, dieses Schmachten im Überschmerz. Ich werde verrückt, wenn ich es ansehe. Zu weich, meine Teure, zu weich! Ihr lockert eure Fundamente und unsere mit solcher Seelenverschwendung.«

Olivia sah ihn an, halb bedauernd, halb erstaunt. »Du bist sehr einsam,« sagte sie.

»Ich will ja deine Mutter besuchen,« lenkte er ab, unangenehm berührt von ihrem Ton und ihrer betrachtenden Kühle, »aber sie hat nichts von mir. Ich bin ihrer Trauer nur im Wege. Ich bin schließlich allen im Wege, auch mir selbst.«

»Du bist sehr einsam,« wiederholte Olivia, und in ihrem Gesicht war plötzlich ein Ausdruck von Mitleid, der ihn schaudern machte.

»Nun ja,« stotterte er, »was weiter?«

»Einsamkeit ist eine Todsünde, Robert.« Sie trat einen Schritt näher vor ihn hin und sagte: »_Deine_ Einsamkeit ist Todsünde.«

»So nimm sie mir weg,« versuchte er düster zu scherzen. »Bekehre mich, vielleicht gelingt's, sonst holt mich eines Tages sicher der Teufel. Siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir bist? Sahst du es nicht?« brach er aus und bohrte die Fäuste in die Augenhöhlen. »Auch Blindheit kann eine Todsünde sein,« murmelte er völlig verstört, »genau so wie Einsamkeit.«

Daß ihm dieses oder ein ähnlich geartetes Wort jemals entschlüpfen könnte, hätte er nie für möglich gehalten. Scham bemächtigte sich seiner, und am liebsten hätte er sich mit Nägeln das Gesicht zerfleischt. Er sah sich alt, verkommen, wertlos, ohne Licht, ohne Kraft, ohne Würde, und für die Dauer einiger Minuten war sein ganzes Wesen umnachtet und im Krampf.

Als die Hände von den Augen sanken, war Olivia aus dem Zimmer gegangen. Mit welcher Miene, mit welch erschüttertem Zögern hatte er nicht wahrgenommen, darum brach alles zusammen in ihm. Nun war er wirklich alt, wirklich ohne Wert und Würde. Denn der Mensch ist doch am Ende das, wozu ihn die formen, denen seine Liebe gilt.

* * * * *

Einsamkeit Todsünde? So will ich mich mit Menschen umstellen, sagte er sich, das steht in meiner Macht, und mit dem liederlichsten Lebenswandel kann ich Absolution erwerben.

Es kam eine Wut über ihn, sich gemein zu machen, ein Verlangen nach Lärm, Streit und Verwirrung, ein Trieb, zu horchen, zu schnüffeln, zu schüren. Er ging in die Kaffeehäuser, in die Versammlungen, zu früheren Kollegen, sprach Bekannte auf der Straße an und redete so lange mit ihnen, bis sie zutraulich wurden. Er hatte einen Geierblick für die Unzufriedenen, die Verschwörer, die heimlichen Brandstifter, die Nörgler und Dunkelmänner aller Kategorien. Er wußte sie so einzuspinnen, daß sie getäuscht die Maske fallen ließen. Er verstand so zu heucheln, daß er sich selber widerlich wurde. Seine tückischen Mitleids- und Freundschaftsversicherungen wurden mit den Geständnissen quittiert, um die es ihm zu tun war. Er tat jenen schön, deren Bestechlichkeit und Verrätertum öffentliches Geheimnis war; er schmeichelte den Betrügern und klatschte den falschen Propheten Beifall.

Er rechnete mit der Redseligkeit, der sich auch die Schlauesten im Katzenjammer nach einer Orgie überließen; mit dem Zynismus, den auch der Tartüff in der Erwartung der großen Katastrophe an den Tag legte; mit der aufgehäuften Bitterkeit der Erniedrigten und Zurückgesetzten, mit dem Druck der Lasten auf allen Schultern, mit der natürlichen Freude des Menschen an Unheil, Tod und Zerstörung.