Olivia oder Die unsichtbare Lampe

Chapter 5

Chapter 53,868 wordsPublic domain

Das Wort tönte fremd in dieser Ferne von allem Menschentreiben. Die Majestät und Ruhe der Natur vernichteten seinen Sinn.

Es war herrliches Oktoberwetter. Nebel lagen in der Frühe auf den Höhen ringsum und füllten die Tiefen; alsbald begannen sie unter der noch unsichtbaren Sonne zu glänzen, sich zu zerteilen, und der strahlend blaue Himmel trat hervor.

In den ersten Tagen ging Robert Lamm regelmäßig auf die Jagd. Aber er merkte, daß ihm die rechte Lust und Sammlung fehlte. Einmal war er einem Bock auf der Spur, und es gelang ihm, das Tier vor den Schuß zu bringen. Kaum hundert Schritte von ihm stand es witternd zwischen den Bäumen; er legte an, doch seltsam, das Herz klopfte ihm so heftig, daß er die Flinte absetzen mußte. Das Tier hatte ein Geräusch gehört und enteilte, nicht in großen Sätzen, sondern beinahe bedächtig und als wisse es, daß es nicht mehr bedroht sei. Ärgerlich feuerte Lamm sein Gewehr in die Luft, und da erst sprang es voll Schrecken davon.

Sein bedächtiger, federnder Traumgang hatte den Jäger an eine Menschengestalt gemahnt. Er hatte plötzlich Olivia vor sich gesehen.

Er ließ die Flinte zu Hause und unternahm weite Wanderungen über das Gebirge.

Wo der Horizont verstellt war durch Felsen oder Wälder, fühlte er sich abgegrenzt und sicher; auf den Gipfeln schien es ihm, als zitterte die Glocke des Himmels, und am Rande war ein Flimmern wie von Eisenbändern, die im Feuer glühen.

Wenn er in ein Dorfwirtshaus kam, griff er nach der Zeitung und las die Berichte. Die Bauern, denen er eine vertraute Erscheinung war, knüpften Gespräche mit ihm an und wollten Aufschluß und Trost von ihm haben. Er aber gefiel sich darin, sie in der Furcht zu bestärken, und sein letztes Wort war stets: »Es ist aus mit uns.« Und in seinen Mienen malte sich eine herzlose, fanatische Schadenfreude.

Einmal bewies er dem Förster und dem Postmeister mit der Karte in der Hand, daß es gegen die Überzahl der Feinde kein Entrinnen gäbe. Jene hörten bekümmert zu, und der Förster wagte bescheiden auf die Siege hinzudeuten, welche die Truppen doch schon errungen hätten. Da lachte der Hofrat und antwortete: »Im besten Fall siegen wir uns zu Tode.«

Er war immer in unruhiger Bewegung. Er ließ sich Bücher aus der Stadt kommen, hatte aber zum Lesen keine Geduld. In früheren Tagen hatte er den Plan gefaßt, unweit von der Hütte ein ausgemauertes Wasserbecken anzulegen, um im Sommer baden und schwimmen zu können. Jetzt dünkte es ihn an der Zeit, das Projekt zu verwirklichen, und jeden Morgen ging er mit der Schaufel zu der bestimmten Stelle und grub selbst die Erde aus, viele Stunden lang. In der Müdigkeit, die ihn dann überfiel, war ihm zumute, als erlahmte die Wut eines Tieres, das ihn zwischen seinen Pranken hielt.

Bei Regenwetter saß er im Haus. Oft schickte er Romana mit Aufträgen ins Tal und kochte selbst. Oft auch, besonders am Abend, kauerte er am Herd und starrte in die Flammen. Dann begann er in trotzigem Ton vor sich hin zu reden, oder er nahm ein halbverbranntes Stück Holz und zeichnete mit dem verkohlten Ende Hieroglyphen auf die weiße Kalkmauer. Aus den Flammen aber erhob sich Olivias Gestalt und verlor sich wieder in die Finsternis.

Allmählich bemächtigte sich seiner eine unbestimmte Angst vor Gefahren und vor Krankheit. Er glaubte sich nicht sicher genug in der Nacht und verbarrikadierte die Türe. Im Bett liegend, betastete er seinen Körper und suchte nach einer Schmerzempfindung. Er zündete Licht an, griff nach der Uhr und zählte seine Pulsschläge. Kaum konnte er es ertragen, sein Herzgeräusch zu hören; jeden Augenblick war er darauf gefaßt, daß die geheimnisvolle Maschine im Innern des Leibes stillestehn würde. Er wanderte in den nächsten Ort und kaufte allerlei Mixturen und Probatmittel in der Apotheke. Es kam ihm vor, als sähen ihn die Leute mit argwöhnischen Augen an, als hätten sie sich besprochen und führten etwas Verderbliches gegen ihn im Schilde. Das Rascheln im Gebüsch erschreckte ihn, der Schrei der Krähen ließ ihn erbleichen, das Heulen des Windes verursachte ihm die größte Pein. Beim Ausschaufeln der Badgrube war ihm eines Morgens plötzlich zumute, als schaufle er ein Grab, sein Grab. Entsetzt warf er das Gerät weg und hütete sich, die Arbeit wieder aufzunehmen. Sobald es dämmerte, wagte er sich nicht mehr ins Freie. Romana hatte bisher jeden dritten Tag die Post holen müssen. Jetzt ließ er sie nur jede Woche hinunter, weil er sich vor dem Alleinsein fürchtete, und wenn sie mit den Briefen kam, besah er nur die Umschläge und die Aufschriften und getraute sich nicht, sie zu öffnen. Er las auch keine Zeitung mehr; er wollte nicht wissen, was draußen vorging; er wartete auf eine Katastrophe und wollte nicht erfahren, ob sie näher gerückt oder noch abgewendet sei. Und doch zitterte er nicht für die Menschen, nur für sich. So unentbehrlich ihm auch die Gesellschaft Romanas war, so sehr haßte er ihr Reden und ihr Schweigen. Wenn alles stille war, im Schnee, denn es war mittlerweile Winter geworden, quälte es ihn, daß er um ihren Atem wußte. Manchmal schlich er des Nachts durch die Stube und an den Bretterverschlag, hinter dem sie schlief. Sah er noch Licht in den Spalten, so schlug er roh an die Wand, und sie blies die Kerze aus. Vernahm er ihr Schnarchen, so biß er die Zähne zusammen und gab sich seiner unergründlichen Erbitterung hin.

In der Schläferin war die Menschheit; nur in ihr noch. Sie drängte sich ihm auf, sie war fordernd da. Was wollte sie, stumpfen Leibes, wie sie lag, gefühllos und gemein? Träumte sie von dem blöden Bauernburschen, den sie geliebt hatte und der nun in der Schlacht war? Und hatte sie darum ein Anrecht auf ihn, Robert Lamm? Aber war nicht etwas Zufälliges in ihrem Dasein, in ihrer Gestalt? Ein wenig verfeinert die Kontur, ein wenig glatter die Haut, ein wenig beseelter das Gesicht, und sie war eine andere, unheilvoll verwandelt.

»Olivia,« murmelte er vor sich hin.

Eines späten Abends wurde an die Haustür gepocht. Der Hofrat ging hin und öffnete. Ein junger Mensch mit abgerissenen Gewändern und verstörtem Gesicht stand draußen. Stammelnd bat er um Einlaß. Da es stürmte und schneite, mochte ihn Lamm nicht zurückweisen. Auf die Frage, wo er herkomme und weshalb er sich im Gebirg herumtreibe, gab er nur verworrene Antworten. Romana führte ihn auf den Dachboden, wo er auf einem Strohsack nächtigen konnte. Als sie zurückkam, sagte sie, es sei ein Knecht aus ihrem Dorf, er sei bei der Musterung ausgehoben worden und sei geflohen. Der Hofrat fuhr auf; »dann sag' ihm, er soll sich packen!« rief er. Man könne doch keinen Menschen in diese Nacht hinausjagen, war die Erwiderung. Lamm zündete die Laterne an, stieg auf den Dachboden, und da er den Mann in tiefem Schlafe fand, leuchtete er ihm ins Gesicht. Eine Sekunde lang schien es ihm, als werfe ihm ein Spiegel sein Bild entgegen, soviel Trotz und eingefleischter Schrecken war in diesen Zügen. Er glaubte, lauter Arme zu gewahren, die sich aus der Finsternis nach dem Fahnenflüchtigen streckten, und von dort, wohin er den Rücken kehrte, griffen sie auch nach ihm. In einer Wallung von Zorn rüttelte er an der Schulter des Schläfers; der ließ nur ein Stöhnen hören und schlief weiter. Und wie hinter dem Bretterverschlag die schlafende Romana die Gestalt Olivias angenommen hatte, wurde dieser fremde Mensch in ihn selbst verwandelt, und es war nicht zu unterscheiden, ob der Schlaf dieses andern eine Wahnvorstellung war oder sein eigenes Wachen. Es war ein grausiges Ineinanderschmelzen von Mensch und Mensch, von Seele und Seele, ein grausiger Verlust der Leibesgrenze, ein Übergreifen von Bewußtsein zu Bewußtsein.

Bis zum Morgengrauen schritt Lamm in seiner Stube auf und ab. Sobald es Tag war, wollte er hinunter in den Ort, um die Anzeige zu machen. Aber bevor er sich noch für den Gang gerüstet hatte, sah er zwei Gendarmen mit einem Polizeihund auf das Haus zukommen. Sie hatten die ganze Gegend abgestreift, da der Hund im Schnee die Spur verloren hatte und wollten sich auch hier nach dem Flüchtling erkundigen. »Der Mann ist droben, den ihr sucht,« redete sie der Hofrat an und zeigte auf die Stiege zum Dach.

Der junge Knecht wurde verhaftet und mit Handfesseln versehen. Lamm gebot der Magd, daß sie den Gendarmen einen Imbiß reiche, und während sie warteten und aßen, packte er eilig seinen Koffer. Dann begleitete er die Leute ins Tal und war auffallend gesprächig, in einer seltsam unterwürfigen Art, als habe er irgendeine Schuld auf sich geladen und könne es durch beflissenes Wesen verhindern, daß man ihn bezichtigte.

Beim Brandwirt ließ er sein Gepäck von der Almhütte holen. Am Abend fuhr er in die Stadt.

Er mietete sich in einem Hotel ein. Mehrere Tage ging er nicht aus dem Zimmer, endlich entschloß er sich, seinen Diener zu benachrichtigen. Gerold kam und brachte ihm Kleider und Wäsche, die er verlangt hatte. Auf die Frage, ob er bei ihm bleiben solle, schüttelte der Hofrat den Kopf und erwiderte, er werde ihn rufen, sobald er seiner bedürfe.

Die Veränderung, die mit dem stillen, plumpen Menschen vorgegangen war, schien er nicht zu bemerken. Die Augen Gerolds schwammen in roter Flüssigkeit, seine Arme zuckten beständig, beim Reden stotterte er und verlor den Zusammenhang.

Aber Robert Lamm sah die Leute nicht an. Wenn er ausging, wählte er die Abendstunden und vermied die hellbeleuchteten Straßen. Er schritt mit gesenkten Lidern und stützte sich auf seinen Stock wie ein Greis. Es lag eine unheimliche Komödie darin, daß er auch den Gang eines Greises nachahmte. Er wollte vor sich selber und vor den Menschen alt sein. Er trug sich nicht mehr mit jener gewählten Feinheit, durch welche er stets aufgefallen war, sondern sorgte mit listiger Berechnung für kleine Merkmale der Verlotterung; der flachkrempige Zylinder, der etwas wie ein Wahrzeichen seiner Persönlichkeit bildete, war nicht mehr so glänzend gebürstet, obwohl er noch immer ein bißchen schief auf dem Kopfe saß.

Es kam häufig vor, daß er trotz der Verstellung, die er übte, trotz des Versteckenspiels, das er trieb, gegrüßt wurde. Doch dankte er nie. Einmal trat ihm ein guter Bekannter in den Weg, gebärdete sich entzückt, ihn zu sehen, und wünschte ihm Glück zu seiner großen Tat. Verdrossen fragend schaute ihn der Hofrat an. Es erwies sich, daß jener das Verwundetenspital meinte, zu welchem das Landhaus umgewandelt worden war. Begeistert rühmte er die dortselbst getroffenen Einrichtungen, sowie die außerordentlichen Leistungen Olivia Khuenbecks, über die man immer neue Wunder zu hören bekomme und von der die ganze Stadt schwärme.

Mürrisch erwiderte der Hofrat, das gehe ihn alles nichts an, die Villa sei längst keine Privatanstalt mehr, sondern befinde sich als öffentliches Kriegslazarett unter staatlicher Aufsicht. Er könne kein Verdienst beanspruchen, und Lobsprüche seien ihm gegenüber am falschen Ort.

Einem ehemaligen Kollegen, von dem er gleichfalls aufgehalten und mit Fragen belästigt wurde, flüsterte er mit heuchlerischer Bekümmernis zu, der Arzt habe ihm das Sprechen verboten; er deutete auf seinen Kehlkopf und ließ den Verdutzten stehen.

In den Speise- und Kaffeehäusern, die er besuchte, setzte er sich in einen Winkel; um sich vor zudringlichen Blicken zu schützen, hielt er eine Zeitung vor das Gesicht, ohne jedoch zu lesen. Die Menschen lärmten ihm zu viel; seine Miene verzerrte sich gehässig, wenn sie lachten oder aufgeregt kannegießerten. Nach seiner Ansicht hätten sie stille sein müssen, ganz still, und am Abend hätten keine Lichter brennen dürfen. Hörte er irgendwo Musik, so geriet er außer sich und fand, daß man das Schicksal frech herausforderte. Wurden Extrablätter ausgerufen und alle Hände griffen gierig danach, so blieb er teilnahmlos und rührte sich nicht. Er war überzeugt, daß fast alles, was in diesen Blättern stand, erlogen war. Die zahllosen Flüchtlinge, welche die Stadt füllten, erregten seinen Ärger, anderseits bereitete ihm der Gedanke an die Ursache ihrer Gegenwart eine hämische Genugtuung, und er machte boshafte Glossen über das dumme Volk, das die Gefahr nicht zu ahnen schien, die sich darin verkündete. Begegnete er Gruppen von Soldaten, geheilten Verwundeten, die in schmierigen Uniformen und mit erbarmenswürdig blassen Gesichtern durch die Straßen zogen, so ballte er wie im Zorn die Faust und lächelte düster.

Dreimal wechselte er sein Quartier, weil er sich einbildete, daß während seiner Abwesenheit Leute in seinem Zimmer gewesen seien, um zu spionieren. Auch war es ihm überall zu teuer und zu laut. Er prüfte mißtrauisch die Rechnungen und gab keine Trinkgelder. Zuletzt wohnte er in einem geringen Gasthof in Währing. Seine wachsende Vereinsamung steigerte die hypochondrischen Gefühle; oft lag er tagelang im Bett.

Es war zu Beginn des Dezember, als von den Grenzen her Vernichtung und Untergang drohte. Es schien, daß nur ein dünner Schleier noch zu reißen brauchte, und das Antlitz der Meduse starrte schauerlich in eine Welt, die bis zur Stunde noch mit Not und Grauen gespielt hatte. Alles Leben stockte wie im Zimmer eines Sterbenden: die Menschen sahen sich an, und einer suchte Hilfe im Auge des andern. Da kam über Robert Lamm eine eigentümliche Schwäche, und er spürte seine Verlassenheit wie ein Zentnergewicht. Als er einmal an einer Blumenhandlung vorüberging, stockte sein Schritt. Er mußte lachen. Es kam ihm so widersinnig vor, daß hinter der Glasscheibe Blumen standen, jetzt, im Winter und am Abend aller Dinge. Plötzlich erfaßte ihn die Sehnsucht nach seinen Treibhäusern; er spürte sogleich die feuchtschwirrende Luft und den warmen Geruch der Erde. Er erinnerte sich an seine Lieblingspflanzen und an das Gefühl der Verschwisterung, das er gegen sie empfunden hatte. Die letztvergangenen Monate dünkten ihm eine Zeit der Verbannung und der Entbehrung, er begriff seine Flucht nicht, sein trotziges Fernbleiben; er wollte hin, doch fand er sich gehemmt, und er beargwöhnte sein Verlangen, als sei es nur ein Vorwand für ein anderes, das er sich nicht eingestehen mochte. Der alte Selbsthaß schlug empor und mischte sich mit dem Groll gegen eine Gestalt, die ihm einst teuer gewesen, weil er Macht über sie gehabt, soviel Macht, daß er sich hatte einbilden dürfen, sie sei ein von ihm abhängiges; ja von ihm geschaffenes Wesen, gleich einer Blume, die er hegte und deren Wachstum und Farbe er bestimmte. Da kam er zur Oper und mußte stehen bleiben, da eine Wagenkette den Weg versperrte. Eine schöne Frau stieg aus einem Fiaker, dem Anschein nach eine Polin, ein kostbarer Mantel umfloß den schlanken Körper, auf dem dunklen Haar trug sie eine tiefrote Rose. Lamm hätte die Rose von ihrem Haupt reißen mögen; es war etwas so Verwegenes und Lüsternes um sie; die Welt erschien ihm maßlos entartet, aus aller Form und aller Vernunft; er sah ein andres Gesicht unter der Rose, es verblaßte, erglühte, verblaßte wieder; er wollte das Bild halten, verfolgte es, irrte ziellos umher, wurde müde, raffte sich wieder auf, stieg in einen elektrischen Zug, ging wieder ein Stück, und es war später Abend, als er vor seiner Villa anlangte.

Kraft- und Krankenwagen standen am Gartentor. Soldaten eilten ein und aus, über dem Hauseingang hing ein großes, rotes Kreuz, alle Fenster waren hell beleuchtet. Einzutreten konnte er sich nicht entschließen. Es war Flucht, als er sich zum Gehen wandte. Er verachtete sich, war ein Narr in seinen Augen. Sein eigenes Haus, ein Ort der Leiden und der Pestilenz, Teil einer Welt, aus der er sich ausgeschlossen hatte, ihm entrissen von einer Kreatur, die er zu sein, zu denken, zu empfinden gelehrt hatte!

Am nächsten Tag kehrte er zurück, sprach mit dem Gärtner, einem würdigen Mann, der seit zwanzig Jahren bei ihm und mit ihm lebte. Er ging in die Glashäuser, begleitet von dem Alten. Er ließ Gerold rufen und merkte noch immer nichts von der Verstörung des Mannes. Er wollte nichts von Olivia hören, doch der Gärtner fing an, sie zu preisen. Jedes Wort war Staunen, jeder Blick Bewunderung. Mit welcher Umsicht und Geschicklichkeit sie alles in Angriff genommen; zuerst das Ausräumen des Hauses, dann die Neueinrichtung; wie sie mit den Behörden verhandelt, die Handwerker zur Eile getrieben, die Geschäftsleute gefügig gemacht habe; wie unermüdlich sie am Werk gewesen und wie nichts ihrer Beachtung entgangen sei, von den Vorräten für die Küche bis zu den Instrumenten für den Operationssaal. Dann kam die Frau des Gärtners hinzu und erzählte gleichfalls; man sah, daß das Schauspiel opfervoller Tätigkeit, das Olivia gegeben, alle andern Ereignisse im Sinn dieser Menschen verdrängt hatte. Der Hofrat fragte, wie die Petunienstöcke fortgekommen seien; der Gärtner gab befriedigende Auskunft. Sein Weib ließ sich aber nicht zum Schweigen bringen und schilderte trotz der abwehrenden Gebärde des Hofrats, wie das Fräulein die Pflegerinnen aufgenommen, nicht bloß Berufsschwestern, sondern auch vornehme Damen, die freiwillig Dienst täten, und wie sie nicht geruht habe, bis sie die besten Ärzte bekommen. Anfangs habe ihr Frau von Scheyern gute Hilfe geleistet, auch andere Damen hätten sich angeboten, die Arbeit mit ihr zu teilen, aber es sei ihr alles zu wenig gewesen, was man getan, niemand konnte vor ihrem Eifer bestehen. Der Gärtner nickte; es sei kaum zu fassen, fügte er hinzu, an allen Orten scheine sie zu gleicher Zeit zu sein, auf dem Bahnhof, um die Transporte zu überwachen, bei den Ämtern, um neue Vergünstigungen zu erhalten, in den Krankenzimmern und in der Küche, bei Tag und bei Nacht, und wann sie schlafe, wisse eigentlich kein Mensch.

Lamm erhob sich und schritt erregt auf und ab.

Gerold sagte dumpf: »Soviel ich höre, sollen jetzt Baracken im Park gebaut werden.«

Der Hofrat fuhr jäh herum. »Baracken im Park? Da hab' ich noch was dreinzureden, dünkt mich!«

»Ich denke auch,« murmelte Gerold und preßte die Hand um seinen Hals.

Auf einmal ertönte vom Haus herüber ein langgezogener Schrei. Robert Lamm lauschte erschrocken. Die andern schienen derlei schon gewohnt. »Armer Teufel,« sagte die Frau des Gärtners. Gerold war sichtlich zusammengeschaudert.

Der Schrei wiederholte sich, in einer höheren Tonlage, aus heftigerem Schmerz heraus. Lamm verließ die Gärtnerstube, sah sich draußen um, der Schrei dauerte noch an, setzte ab, begann abermals. Von dem Trieb beseelt, sich dem Bereich der gräßlichen Stimme zu entziehen, schlug Lamm den Weg zum Tor ein. Plötzlich aber blieb er stehen und kehrte um. Es zog ihn unwiderstehlich zurück, die Muskeln in seinem Gesicht verkrampften sich, zaudernd und beklommen schritt er zum Haus. Es war schon Abend, weicher Schnee klatschte unter seinen Füßen. Gerold folgte ihm wie ein Schatten. Er stand vor einem beleuchteten Fenster; in den Raum konnte er nicht blicken, da ein weißer Vorhang hinter den großen Scheiben hing. Er stand da und lauschte zitternd dem fürchterlichen Schrei.

»Herr Hofrat,« flüsterte Gerold, »man kann's hier nicht aushalten, man kann nicht mehr leben in dem Haus.«

Die Umrisse einer Gestalt fielen plötzlich auf den hellen Vorhang. Das Fenster wurde jäh geöffnet. Die es öffnete und nun in den Ausschnitt trat und einen Blick in den Abend warf und die beiden sah und Robert Lamm erkannte, war Olivia.

Robert Lamm nannte ihren Namen. Er stützte sich mit bebenden Armen auf den Sims und war ihr so nah wie damals, als er ihren Händen das Jagdmesser entwunden hatte. Doch die Schwesterntracht verlieh ihr eine Würde, die ihn unwillkürlich veranlaßte, einen Schritt zurückzuweichen. Der Mann im Saale schrie und schrie, gellend, markerschütternd. »Er wird sterben,« sagte Olivia, und trotzdem sie in die Dunkelheit hineinschaute, sah man, wie ihre Augen glanzlos wurden.

Als sei er von einer überirdischen Erscheinung geblendet, senkte Robert Lamm den Kopf.

Nach einer Weile ging er in das Giebelzimmer hinauf, das er ehedem bewohnt hatte und das von der Verwandlung des Hauses nicht berührt worden war.

* * * * *

Da brannte wieder die Lampe, da blickten ihn die Bücherreihen an, und es herrschte auch Stille; aber die alte Stille war es nicht, die Stille des Gartens und der leeren Zimmer, nicht mehr die Stille, die er beherrscht hatte.

In dumpfer Trauer schritt er auf und ab. Es dünkte ihm, als habe er kein Recht, hier zu sein, als müsse er sich das Recht erst erkämpfen. Gegen wen aber erkämpfen? Offenbar doch gegen Olivia. Er wünschte, sich mit ihr auseinanderzusetzen, dabei fühlte er, daß ihr an einer Auseinandersetzung gar nichts gelegen war, daß seine Person und was er dachte und der Grund, weshalb er nun plötzlich im Hause war, in ihren Augen gar nichts bedeutete. Er drückte auf den elektrischen Knopf der Leitung, die in Gerolds Kammer ein Signal gab. Gerold kam nicht. Er öffnete die Türe und rief hinaus. Keine Antwort. Er brüllte Gerolds Namen über die Treppe hinunter. Eine weibliche Stimme fragte unwillig erstaunt nach der Ursache des Lärms. Er fuhr fort, nach Gerold zu rufen. Endlich erschien Gerold. Er wolle sofort das Fräulein Khuenbeck sprechen, herrschte ihn Lamm an. Nach einigen Minuten kehrte Gerold zurück und sagte, Schwester Olivia habe jetzt keine Zeit, sie werde später kommen. »Bleib in deinem Loch, was streunst du im Hause herum, wenn man dich braucht!« keifte Lamm und schlug die Tür hinter sich zu.

Gleich danach pochte es an der Tür, und Gerold schob sich über die Schwelle. »Der Herr Stabsarzt läßt dringend ersuchen, die Türe nicht zu schmettern,« sagte er furchtsam.

Lamm blickte finster verwundert empor. »Hinaus mit dir!« erwiderte er.

Er zog ein Buch aus dem Schrank und blätterte darin. Dann warf er es weg. Die Hände auf dem Rücken, lief er ungestüm die Kreuz und Quer durchs Zimmer. Ein leises Klopfen überhörte er, und er richtete sich steif auf, als Olivia eintrat. Erst scheute er sich, ihrem Auge zu begegnen, bald aber faßte er Mut. Ihr Gesicht hatte einen träumerisch-verschleierten Ausdruck, der in starkem Gegensatz zu einer gewissen Beschwingtheit und einem selbst im Ruhen willensvollen Fortstreben aller Bewegungen stand. Sie war verändert, ganz und gar; er wußte auch, daß ihre Stimme verändert klingen würde. Alles an ihr erregte seinen erbitterten Widerspruch, ihre Haltung, ihr Antlitz, ihr Blick reizten ihn gleichsam zu einer blindgehässigen Verneinung; er schämte sich dessen und geriet doch noch mehr in Wut, gegen sich, gegen sie, gegen ein ungreifbares Etwas, das zwischen ihnen war.

»Du reibst dich auf,« sagte er in übellaunigstem Ton, »du übernimmst dich, du richtest dich zugrunde. Man braucht dich nur anzusehen, um zu wissen, wie leichtsinnig du mit dir umgehst. Es schmeichelt dir vielleicht, wenn die Leute viel Aufhebens davon machen, und es liegt in einer solchen Zeit nahe, sich zu betäuben und im allgemeinen Elend das eigene zu ersticken. Aber ich sehe nicht ein, warum man mit so verhängnisvoller Leidenschaft wider sich und seinen Körper wüten soll. Dafür bist du nicht geschaffen, das ist Verblendung.«

Olivia, die gegen die Tür gelauscht hatte und sichtlich unruhig war wie ein Soldat, der seinen Posten verlassen hat, wandte ihm mit befremdeter Miene das Gesicht zu. »Was weißt du von mir?« fragte sie. »Was weißt du denn eigentlich von mir?«

Ihre Stimme klang wirklich verändert, tiefer, frauenhafter; sie enthielt mehr Brechungen und entschiedenere Akzente.

»Ich weiß, was ich sehe,« versetzte er kurz.

»Hast du mich deshalb von der Arbeit wegrufen lassen, um mir Vorwürfe zu machen?« fuhr sie fort. »So will ich dir sagen, daß du dazu kein Recht hast und daß ich dir das Recht auch nicht einräume. Du bist nicht Herr über mich. Du bist es kaum über dich. Was willst du?«

Sie schaute ihn an, und er fühlte sich ganz in ihrem Auge drinnen; es umgab ihn förmlich, und er war klein, wie er nie gewesen, vor ihr nicht und vor keinem. Er begriff, daß sie einen weiten Weg zurückgelegt hatte, seit er zuletzt vertraut mit ihr gesprochen, und daß sie seine Führung nicht mehr annahm und nicht mehr brauchte.