Olivia oder Die unsichtbare Lampe

Chapter 4

Chapter 43,792 wordsPublic domain

In einem andern Kreis lernte sie wenige Tage später einen russischen Sänger kennen, dem sie zuerst wenig Beachtung schenkte; doch als er dann, von Männern und Frauen bestürmt, Lieder seiner Heimat sang, wurde ihr Herz im Innersten aufgewühlt. Trunken ging sie nach Hause und wünschte nichts anderes, als den Sänger noch einmal zu hören. Sie erfuhr, daß er an einem bestimmten Abend wieder dort sein würde, und versäumte nicht, sich einzufinden. Es war ein gastliches Haus, in welchem allerlei freie und halbfreie Menschen zwanglos verkehrten. Bei ihrem Eintritt wurde sie von Georg Ingbert begrüßt; sie zeigte weder Überraschung, noch Freude. Mit dem Russen hatte sie kaum gesprochen, dennoch herrschte eine geheime Verständigung zwischen ihr und ihm. Während er sang, behielt er sie im Blicke; sie starrte gebannt in sein Gesicht. Er hatte eben ein Lied geendet; das Entzücken der Hörer äußerte sich in lärmendem Händeklatschen, Olivia schaute immer noch verzaubert in die Richtung, wo er stand. Da drängte sich Ingbert durch eine aufgeregte Gruppe; er ging ganz nahe an Olivia vorbei; mit einer freien Anmut der Gebärde strich er mit den Fingerspitzen seiner Linken leicht und schmeichelnd über Olivias entblößten Unterarm und flüsterte, so daß nur sie es vernehmen konnte: »Olivia, Sie sind verliebt.«

Ein entsagendes Lächeln spielte auf seinen Lippen. Olivia erschrak. Sie lächelte gleichfalls, matt und schuldbewußt. Verliebt, das war kein Wort mehr für sie; es mahnte sie an unwiederbringlich Verlorenes.

In diesem Augenblick gewahrte sie Robert Lamm. Niemand schien sein Kommen bemerkt zu haben, aber daß er da war, schien doch allen selbstverständlich. Er hatte zu keiner Zeit in dem Hause verkehrt, trotzdem benahm er sich, als wären ihm die Räume und die Menschen wohlbekannt. Er war von einer komödiantisch übertriebenen Freundlichkeit, in seinen Verbeugungen gegen die Damen lag etwas Geziertes und zugleich Hämisches, sein Gesicht war krebsrot. Olivia erhob sich. Er sah sie nicht oder wollte sie nicht sehen. Das Beängstigende aber war, daß ihn seinerseits die andern, in deren Mitte er sich befand, nicht zu sehen schienen. Langsam, in der Haltung einer Hypnotisierten, näherte sie sich ihm. Da wurden die Leute aufmerksam, stellten sich um sie herum, beobachteten verwundert ihr sonderbares Gehaben und richteten scheue Fragen an sie. Ja, seht ihr denn nicht! hätte sie rufen mögen. Das Blut pochte wider ihre Schläfenwand, mit einem dumpfen Schrei brach sie zusammen.

Ingbert fing sie in seinen Armen auf. Sie aber fühlte sich in den Armen Robert Lamms. Sie fühlte sich in seinem Besitz, unentrinnbar und für alle Zeiten. Ihr graute vor seiner Stimme, vor seinem Auge, vor seiner Hand, vor seinem Hauch; sie sträubte sich leidenschaftlich, aber alle Bemühungen waren vollkommen vergebens.

Man brachte sie nach Hause. Unterwegs wurde sie wieder Herrin ihrer Sinne und bat die Begleiter, die bei ihr im Wagen saßen -- es waren Ingbert und ein junges Mädchen --, sie möchten die Mutter nicht beunruhigen. Am Ziel angelangt, dankte sie ihnen, und als sie fort waren, atmete sie noch eine Weile in tiefen Zügen die Nachtluft ein, bevor sie am Tor läutete.

Sie schlief schwer, und gegen Morgen hatte sie folgenden Traum. Sie war in einem Saal, in welchem viele festlich gekleidete und festlich gelaunte Menschen sich ergingen. Namentlich die Frauen zeichneten sich durch blendenden Schmuck und kostbare Kleider aus. Unzählige Lichter brannten, nicht nur an den Wänden, in Hunderten von Kandelabern, sondern auch von der Decke hingen sie herab. Olivia selbst hatte nichts am Leibe als einen grauen Schleier, und da sie auf solche Lichtfülle nicht gefaßt gewesen war, begann sich eine quälende Scham ihrer zu bemächtigen. Auf einmal verlosch ein Licht, dann ein zweites, ein drittes, zwanzig, dreißig, fünfzig, in regelmäßigen Pausen. Dies wurde anfangs von keinem beachtet, denn die Helligkeit blieb noch lange strahlend; als es aber dunkler und immer dunkler wurde, weil mehr und immer mehr Lichter verloschen, wurden die Menschen still; alle bewegten sich gegen die Wände hin, wie wenn sie dort Schutz suchten vor der drohenden Finsternis, und als zuletzt nur noch eine einzige Lampe brannte, stand Olivia allein in einem öden Raum. Der Schleier, der sie einhüllte, wuchs und dehnte sich wie Rauch, machte das Geschmeide und die kostbaren Gewänder unsichtbar, und eine gellende Stimme rief in das Schweigen hinein: Wo seid ihr denn? Niemand antwortete, niemand rührte sich.

Sie erwachte, kleidete sich an und ging in die Villa Robert Lamms. Der Hofrat war trotz der frühen Stunde schon in den Treibhäusern. Sie wanderte durch das Haus, durch alle die schönen Räume, betrachtete die schönen Gegenstände. Sie lagen, hingen und standen so nutzlos da, so weltfern und ohne Freude.

'Er allein in dem großen Haus,' mußte sie denken, 'so nutzlos und ohne Freude! Und soviel Haß in der Brust!'

Dann ging sie in den Park. Es war Sommer, unendliches Blühen. In zauberhafter Pracht standen die Rosen; Säulen-, Wild-, Zaun-, Moos- und Hundsrosen. Die Erde schien durch geheimnisvolle Chemikalien vorbereitet, es war ein Wuchern von Lilien, Tulpen, Anemonen, Veilchen, Rhododendren, Azaleen und Flieder. Blaue Felder von Levkojen, Lobelien, Clematis und Winden drängten sich an gelbe von Zinnien, Skabiosen, Portulak und Dahlien. Und die üppigen Hecken, die kleinen Kanäle voller Seerosen, die feierlichen Alleen von Pappeln, Kastanien, Linden und Ulmen, die dunklen Eichen, die gelbgeflammten Platanen: es war ein Fest der Natur.

Er aber kauerte im Treibhaus wie ein Alchimist in seiner Küche und suchte das Mittel zur Züchtung einer schwarzen Rose.

Während Olivia mit Blicken des Abschieds den Garten langsam verließ, hatte sie das Gefühl, als riefe sie jemand, aber als dürfe sie um keinen Preis dem Rufe folgen und zurückkehren.

Sie kehrte nicht zurück.

* * * * *

Olivia hatte mit der Mutter ein entscheidendes Gespräch, und am gleichen Abend reiste sie nach München. Von dort ging sie nach Florenz, dann nach Rom, dann nach Paris. Nirgends hatte sie Ruhe. Sie lebte kärglich, gönnte sich kaum den Bissen zum Sattwerden und verkehrte mit keinem Menschen.

In Paris besuchte sie eine Bildhauerschule und arbeitete mit Hingabe, wenn auch ohne Enthusiasmus.

Die spärlichen Briefe, die sie schrieb, erregten die Besorgnis ihrer Mutter; Frau Khuenbeck reiste nach Paris. Der berühmte Meister, dessen Unterricht sie genoß, äußerte sich über Olivias Charakter mit Bewunderung, über ihr Talent mit Vorbehalt. Er glaubte nicht daran, daß ihr Entschluß zur Kunst ein unwiderruflicher sei; er erschien ihm vielmehr als ein Akt der Erprobung und des Verzichtes.

Ein paar Tage später sagte Olivia zu ihrer Mutter: »Eine Frau kann es in der Kunst zu nichts Großem bringen. Wir können die Welt nicht anschauen, wir können die Welt nicht fassen. Heute hab' ich meine Tonfigur zerschlagen. Ich gehe nicht mehr hin.«

Frau Khuenbeck fuhr mit ihr ans Meer. Olivia ertrug das Meer nicht, und sie reisten in die Schweiz, wo sie Frau von Scheyern treffen sollten. In Zürich wurde Olivia bettlägerig, doch was ihr fehlte, konnte nicht ergründet werden. Ein Arzt, der Frau Khuenbeck empfohlen worden war, bezeichnete die Krankheit als Hysterie und machte sich anheischig, Olivia vermittelst einer sogenannten Seelenanalyse zu heilen. Das Verfahren erregte solchen Abscheu in ihr, daß sie drohte, sich aus dem Fenster zu stürzen, wenn der Mann noch einmal in ihre Nähe komme.

Sie verweigerte die Nahrung, sie konnte nicht schlafen, sie blieb stumm, wenn man sie anredete; jedes Gesicht quälte sie, bei jedem Geräusch zitterte sie, vor Büchern empfand sie Widerwillen, die Natur ließ sie kalt.

Als Frau von Scheyern kam, merkte Frau Khuenbeck erst durch die Betroffenheit ihrer Schwester, welche Veränderung mit Olivia geschehen war. Sie war überschlank, ihre Formen hatten die Weichheit eingebüßt, ihr Gesicht die Lieblichkeit, sogar die Farbe ihrer Haare schien gebleicht. Die Augen lagen tief in den Höhlen und blickten fremd und matt.

Man wollte sie zur Heimreise bewegen. Sie weigerte sich und blieb gegen alles Zureden taub. Das Beste, was man für sie tun könne, sei, sie sich selbst zu überlassen, erklärte sie. Den Frauen dünkte dies Verlangen sinnlos; sie berieten sich mit einem Arzt und brachten sie in ein Sanatorium am Bodensee.

Nach einigen Wochen schrieb sie der Mutter, die nach Hause gereist war, sie halte es in der Anstalt nicht aus, sie wolle einsam sein, sie wolle ins Gebirge. Nun ging sie nach Arosa und mietete sich in einem kleinen Gasthof ein. Sie lebte ganz ohne Menschen, ganz ohne Zuspruch, vom November bis August. Wenn man sie sah, hatte man den Eindruck, als denke und fühle sie nicht, als sei ihre Seele gelähmt.

Sie war von einer mörderischen Verachtung gegen sich und ihren Zustand erfüllt. Die einzigen Gefährten in ihrer traurigen Abgeschiedenheit waren Blumen, die sie bei ihren Spaziergängen auf den Alpenwiesen pflückte. Doch in ihrem erstorbenen Herzen verspürte sie keine Freude über die Blumen. Sie sammelte täglich einen Strauß und trug ihn in ihre Stube. Am andern Tag war er ein totes Ding.

Ihre Hände waren jetzt ganz schmal und gelb.

* * * * *

Eines Morgens trat der Besitzer des Gasthofs in ihr Zimmer und sagte: »Es ist Krieg ausgebrochen, ich muß mein Haus schließen.«

Sie suchte nach einer andern Unterkunft, aber man wollte sie nirgends aufnehmen. Alle Fremden reisten ab. Dumpf und teilnahmlos, wie sie war, traf sie Vorbereitungen, nach Paris zu fahren. Man bedeutete ihr, daß dies nicht anginge. Da bekam sie eine Depesche ihrer Mutter, worin sie kategorisch zur Heimreise aufgefordert wurde. Sie gehorchte.

In allen Bahnhöfen drängten sich aufgeregte Menschen, und Neugier und Angst waren auf allen Gesichtern. Der Zug war so voll, daß Olivia kein Plätzchen zum Sitzen fand und sechzehn Stunden lang gepfercht im Korridor stehen mußte. Und immer mehr Leute stiegen ein; Frauen kreischten, Kinder weinten, Männer suchten ihre Gepäckstücke, Hunde bellten, unaufhörlich liefen Gerüchte von Mund zu Mund, das Kaiserlied wurde gesungen.

Olivia hielt sich krampfhaft am Fensterrahmen fest. Ihr schwindelte vor Ekel bei den fortwährenden Berührungen, denen sie ausgesetzt war.

Als im Morgengrauen der Zug hielt, sah sie auf dem Bahnsteig eine Bäuerin, die von ihrem Sohn Abschied nahm. Was zwischen den beiden geredet wurde, konnte sie nicht hören, aber wie sie voreinander standen, Hand in Hand, Blick in Blick, das rüttelte sie auf einmal aus ihrer selbstischen Pein.

'Wohin bin ich geraten?' dachte sie schuldbewußt; 'wer hat mir die Menschheit geraubt? Wer hat mich gelehrt, sie zu fliehen?' Auf einmal hatte der Lärm, der um sie herrschte, etwas Melodisches. Das Ungeheuere, von dem die Menschen erfaßt wurden, begriff sie nicht, doch spürte sie seine Gewalt.

Niemand holte sie ab. Sie mußte lange warten, bis sie einen Wagen bekam. Die Mutter empfing sie mit Herzlichkeit; Ferdinand, der einrücken mußte, war schon aus Berlin heimgekehrt. Auch er begrüßte sie froh, aber im übrigen wurde nicht viel Wesens aus ihr gemacht, und das tat ihr wohl. Niemand fragte, niemand bewachte, niemand belauerte sie, deshalb gewann sie Sicherheit und fühlte sich minder einsam, als wenn man ihre Einsamkeit zu stören versucht hätte.

Eines Morgens kamen Ferdinand und ihre zwei jungen Vettern, Leo und Ernst von Scheyern, um ihr Lebewohl zu sagen. Die Uniform kleidete sie vortrefflich. In ihren Augen war neben einer heiteren Genugtuung ein Etwas, von dem Olivia elektrisch berührt wurde.

Später kamen noch einige der früheren Freunde und Bekannten, die vernommen hatten, daß sie wieder zu Hause war und sich von ihr verabschieden wollten. Sie schienen vergessen zu haben, daß Olivia ihrer längst vergessen hatte, und waren so zutraulich und aufgeräumt, daß sie sich über jeden einzelnen wundern mußte. Oft war sie nah daran, zu fragen: Bist du es denn wirklich? Seid ihr es wirklich? Seid ihr wirklich so?

Am Nachmittag erschien Georg Ingbert. Er war Artillerieoffizier und sah aus, als ob er mit dem bunten Rock geboren wäre. Er sprach nicht viel. Er gab Olivia eine papierne Rolle, die versiegelt war, und bat, sie möge sie in Verwahrung nehmen. Der Abschied war kurz und fast ganz stumm. Erst nach einer langen Zeit des Hindenkens stützte Olivia den Kopf in die Hand und weinte. Es waren gute Tränen.

Soldaten zogen singend am Haus vorbei. Sie trat ans Fenster, einige schauten empor. Die lachenden, jungen Gesichter! An den Mützen steckten Feldblumen. Auch diese fremden Leute hatten das seltsame Etwas in den Augen, das wie ein Funke herübersprang.

Sie ging in die Stadt. Unzählbare Scharen von Menschen zogen über den Ring. Ein ahnungsvolles Schweigen veredelte die Massen. Elemente, die vorher gegeneinander gewirkt hatten, flossen zusammen und bildeten eine einheitliche Kraft.

In einer Nacht traf eine schlimme Botschaft vom Kriegsschauplatz ein; sie war in der Luft zu spüren, ehe sie verkündet wurde. Es schien, als seufzten die Pflastersteine.

Der Vorrat von Hoffnung war gering im Lande; das Land hatte keinen Glauben an sich. Aber aus dem verbrüderten Reich strömten, wie aus einem unerschöpflichen Sammelbecken, immer neue Fluten von Zuversicht. Nie waren Städte einander so nah gewesen, nie hatten Menschen durch die Ferne einander so gefühlt. Um jeden einzelnen barst ein Gehäuse, das ihm zum Kerker geworden war.

* * * * *

Immer wieder, suchend, fliehend, wanderte Olivia durch die Stadt. Sie ging zu Leuten, mit denen sie seit Jahren die Verbindung gelöst hatte, konnte aber, als schäme sie sich, nicht sprechen. Alles in ihr, an ihr war Frage, Zweifel, dunkles Ringen.

So kam sie auch zu Frau von Scheyern. Diese wollte die Sorge um ihre Söhne betäuben und machte sich an vielen Orten nützlich. Sie forderte Olivia auf, sie zu begleiten, und sie fuhren zum Ostbahnhof, wo zahlreiche Damen beim Labedienst beschäftigt waren. In einer Halle waren mehr als zwanzig Verwundete auf Stroh gebettet; sie lagen ganz still da, mit traurigen Augen und blutbefleckten Verbänden.

Olivia blieb stehen und wurde bleich. Was war das? Was geschah hier? Menschen lagen da in ihrem Blut, und andere Menschen gingen vorbei, als müsse es so sein. Von der Welt fiel eine Hülle ab, die ihre Gestalt verborgen hatte, und plötzlich trat diese Gestalt in schrecklicher Nacktheit hervor. Unbeschreiblichen Ernst im Auge, wandte sie sich zu Frau von Scheyern und fragte tonlos: »Warum liegen denn die Leute hier?«

»Wir haben zu wenig Platz,« war die Antwort.

Sie kehrte sich hinweg und verfiel in Grübelei. Fremde Leute drängten sich um sie, und Frau von Scheyern entschwand ihr aus dem Gesicht. Sie trat auf die Straße. 'Zu wenig Platz,' grübelte sie und starrte auf die Häuser, die vielen Fenster, 'wieso denn zu wenig Platz?' Wie konnten alle die Männer und Frauen in ihren Stuben weilen, wenn für jene Blutenden zu wenig Platz war? Wie konnten sie essen, trinken, schwatzen, ihre Geschäfte besorgen und in der Nacht schlafen? Zu wenig Platz!

Sie wurde von einer wachsenden Unruhe ergriffen. Am andern Tag ging sie wieder auf den Bahnhof, und noch mehr Verwundete lagen da. Wie gestern an Frau von Scheyern, wandte sie sich mit scheuer Frage an einen jungen Militärarzt. Die Antwort, mit bedauerndem Achselzucken gegeben, war dieselbe. Unwillkürlich preßte sie die Hände zusammen, dann floh sie wie von einem Ort der Sünde.

Immer entsetzlicher wurde das Bild in ihrer Phantasie. 'Was tust du? Wozu bist du da?' rief sie sich zu. Beständig zitterten ihre Lippen. Sie wußte kaum, wie die Tage vergingen, ihre Mutter glaubte, sie würde von neuem krank. Eines Morgens begegnete sie Eduard von Friesheim. Er bot ihr beide Hände dar, aber sie beachtete seine freudige Erregung nicht, es war ihr unangenehm, zu denken, daß ihre Person Gegenstand auch nur eines einzigen Wortes sein sollte. Als sei sie ausgehungert nach Mitteilung und Aufklärung, sprudelte sie in raschen Sätzen hervor, was sie bedrückte. Eduard war als Arzt in der Stiftskaserne tätig; dort seien die Zustände beängstigend, sagte er; die Leute lägen in den Gängen, haufenweise, und mit den furchtbarsten Verletzungen. »Und Sie, Eduard, und Sie?« kam es gequält und empört von Olivias Lippen.

Er sah hilflos aus, blickte sie verwundert an. Viel Schicksal und Erlebnis lag in seinen Zügen, aber sie gewahrte es nicht.

Auf einmal tauchte in ihrer Erinnerung ein Haus empor, zuerst wie ein Traumbild, dann immer wirklicher, greifbarer, ein Haus mit vielen unbewohnten Zimmern.

»Ich gehe demnächst zur Front,« sagte Eduard Friesheim, und sein auf Olivia gerichteter Blick verlor alle Freude.

Olivia nickte ohne Anteil; von einem gebieterischen Bedürfnis nach Eile gepackt, rief sie einen Kraftwagen an. Sie ließ sich zu Robert Lamms Villa fahren.

Gerold, der auf ihr Läuten das Tor öffnete, sagte: »Ich weiß nicht, ob der Herr Hofrat empfängt.« Olivia schob ihn beiseite, flog durch den Flur, über zwei Treppen hinauf und pochte an der Tür des Giebelzimmers.

* * * * *

Robert Lamm saß lesend am Fenster. Bei dem stürmischen Eintreten des jungen Mädchens erhob er sich, zuckte zusammen, schaute zu Boden, schaute wieder auf Olivia und sagte kalt verwundert: »Du bist es?«

Seine Lippen schienen schmaler geworden, die Wangen etwas faltiger, der schüttere Schnurrbart war ergraut. Doch seine Gestalt war noch elastisch, die Haltung ungebeugt. Der einsame Blick seiner Augen erschütterte Olivia, ein Schauder überlief sie: der Mann war ihr so nah und so fern dadurch, in ihr war plötzlich alles Heißglut des Erlebens, in dieser Glut schmolz er dahin, und ihr dünkte, als vergehe sie sich an ihm, nur weil sie hier stand und er sein Wesen verlor, sie ihres gewann. Es war ein Gefühl aus einer Tiefe, wo vordem nichts gewesen war als die Wucht von Erfrorenem.

Eine Gebärde Lamms fragte. Die Gebärde war beredt: die Menschen meiden mich, ich habe aufgehört, etwas von ihnen zu erwarten. Was für ein selbstsüchtiger Anlaß führt dich her?

Olivia schöpfte Atem. Mit der Stimme aus jener aufgetauten Tiefe sagte sie: »Robert, es liegen Soldaten in ihrem Blut, die keine Lagerstätte haben, kein Dach über dem Kopf, keinen Winkel, wo sie sich bergen können.«

»Ja, ich weiß, es ist Krieg,« entgegnete Robert Lamm sachlich. »Du hast offenbar Verwundete gesehen. Regt dich das so auf? Es sind die notwendigen Folgeerscheinungen. Was hab' ich damit zu schaffen?«

Olivia trat dicht vor ihn hin und legte die Hand auf seinen Arm. »Um Gottes willen, was redest du,« rief sie leise. »Die Unglücklichen gehn zugrunde, und es sind so viele Häuser da mit leeren Stuben! Robert, dein Haus! Vierzehn Zimmer! In jedem Zimmer können zehn Betten sein. Man hat zu wenig Platz, Robert, zu wenig Platz für Menschen, die sich geopfert haben. Hier bei dir ist Platz in Hüll' und Fülle. Gib mir dein Haus, Robert, besinn dich nicht, gib ihnen Platz, wenn nicht zum Leben, so doch zum Sterben.«

Stumm erstaunt blickte Lamm in Olivias flammendes Gesicht.

»Wie sie still halten,« flüsterte Olivia und preßte die Hände gegeneinander, »wie fromm sie daliegen, wie verstümmelte Tiere. Geh mit mir und schau' sie an.«

Robert Lamm schüttelte langsam den Kopf, als begriffe er diese Worte nicht. Endlich sagte er scharf abweisend: »Sie haben sich nicht geopfert, sie sind geopfert worden. Ad eins. Ad zwei: verschlägt es nichts, wenn das Pack dezimiert wird. Es bleiben immer noch genug übrig. Ad drei ist es nicht meines Amtes, den Samariter zu spielen. Das überlass' ich denen, die noch Erwartungen oder Ehrgeiz oder den Glauben an ihre Wichtigkeit haben.«

Fassungslos blickte Olivia in sein unbewegtes Gesicht. Sie begann am ganzen Leib zu beben. »Und wenn du dort lägst, hilflos dort lägst,« stammelte sie; alle Farbe wich aus ihren Wangen. Lamm schwieg und rührte sich nicht. »Und wenn's dein Bruder wäre, irgendein Mensch, den du liebst,« fuhr sie flehend, beschwörend, außer sich fort. Robert Lamm zog mit eigentümlich bösartiger Bewegung die Schultern hoch und starrte finster über Olivia hinweg. »Und wenn ich's selbst wäre, Robert, ich selbst!« brach es nun wie ein Schrei aus ihr hervor. Ihre Augen schwammen in schimmernder Feuchtigkeit, der wilderregte Blick lief suchend durch den kargen Raum und blieb an einer Stelle der Wand haften, wo unter einem Hirschgeweih zwei Gewehre hingen und zwischen den Gewehren ein Jagdmesser mit kunstvoll eingelegter Klinge. In leidenschaftlicher Wallung trat sie an die Wand, riß das Messer an sich, öffnete mit zitternden Fingern die oberen Knöpfe ihrer Bluse und richtete die Spitze des Stahls gegen die weiße Haut ihrer Brust. »Wenn ich es wäre!« wiederholte sie, und in den Ton der Verzweiflung mischte sich ein seltsames Jauchzen. Ihre von den Lippen entblößten großen engen Zähne leuchteten, als ob sie lache, und das Bild, wie sie dastand, drohend, fordernd, anklagend, das Messer in der Faust, mitten im Schmerz und in der Furcht vor der Enttäuschung gleichsam spielend, hatte bei allem Unerwarteten und Beängstigenden etwas so Rührendes, ja Kindliches, daß in Robert Lamms Zügen eine verwunderte Ergriffenheit bemerkbar wurde.

Er griff hin, packte sie beim Gelenk und löste das Messer mit sanfter Gewalt aus ihrer Hand. »Keine dramatischen Übungen, mein Kind,« sagte er tadelnd; »ruhig Blut, laß uns ruhig verhandeln.«

Er warf das Messer auf den Tisch und schritt ein paarmal durch das Zimmer. »Dein Gefühl macht dir Ehre,« begann er wieder; »ich sehe nur nicht ein, warum mir daraus Pflicht und Zwang erwachsen soll. Niemand läßt sich gern auf einen Posten drängen, der weder seinem Charakter, noch seiner Auffassung der Dinge gemäß ist --«

»Die Übel, unter denen du am ärgsten gelitten, und die du immer als unsern Fluch bezeichnet hast, Trägheit und Unverantwortlichkeit, daß mir die gerade dein Bild verunstalten sollten, könnt' ich nicht ertragen,« warf Olivia ein.

Robert Lamm blieb stehen und senkte den Kopf. Die Glut in Olivias Worten überraschte ihn sichtlich; er schien mit sich zu kämpfen. »Mit dem Haus allein ist's nicht getan,« sagte er zögernd, »wer wird es einrichten?«

»Das laß meine Sorge sein.«

»Du vergißt, daß dazu viel Geld gehört.«

»Du bist reich. Was willst du mit all dem Geld machen? Es gibt noch andere, die reich sind, wenn du nicht genug hast oder nicht soviel entbehren willst. Am Gelde sollt' es scheitern? Geld beschmutzt den, der jetzt nicht hilft.«

Robert Lamm lachte; es klang halb überlegen, halb beengt. Er setzte sich an den Tisch und starrte in den Garten hinaus. »Nun gut,« sagte er nach einer Weile, »nun gut. Ich will nicht deine Verachtung auf mich laden. Tue, wozu es dich drängt. Ich werde Auftrag geben, daß man dich nach deinem Belieben hier schalten läßt. Ich werde dir ein ausreichendes Konto bei der Bank eröffnen. Ich nehme an, daß deine praktische Eignung mit der Begeisterung gleichen Schritt hält; daß du Leute ausfindig machst und zu Rate ziehst, die Erfahrung und Redlichkeit besitzen, ist wohl selbstverständlich. Ich kann ja zusehen, was daraus entsteht. Auf meine Person allerdings darfst du nicht weiter zählen. Ich bin nicht da, für dich nicht, für keinen. Jetzt geh, du hast ja Eile, versäum' die Zeit nicht.«

Olivia trat an den Tisch, nahm Robert Lamms Hand mit ihren beiden und drückte sie fest. Unsicher, fast beklommen schaute er sie an und schlug hierauf den Blick zu Boden. Sie ging.

* * * * *

Am selben Abend reiste Robert Lamm ab. Er floh auf seine Alm.

Jedesmal, wenn er in das Tal kam, ließ er den Wagen beim Brandwirt halten, und ein Bauernmädchen, das dort bedienstet war, folgte ihm in das Blockhaus. Dieses Mädchen, Romana hieß sie, war ihm seit vielen Jahren treu ergeben und freute sich stets, wenn sie droben bei ihm sein durfte.

Sie war zur Schweigsamkeit erzogen, und da er sie in trüben Gedanken sah, fragte er, was ihr sei. Sie antwortete, ihr Schatz sei im Krieg.