Olivia oder Die unsichtbare Lampe
Chapter 2
Olivia stellte ihre Freunde vor. Bei dem Namen Friesheim zuckte er sichtlich zusammen. Er nahm am Tische Platz, und obwohl er drüben die beste Laune gezeigt hatte, war er seit dem Augenblick, wo er sich an den Tisch gesetzt hatte, einsilbig und verstimmt. Mit gerunzelter Stirn stellte er ein paar Fragen, dann erhob er sich wieder, verabschiedete sich steif und ging aus dem Zimmer. Die jungen Mädchen riefen ihm nach, aber er kümmerte sich nicht um sie.
Olivia war bedrückt wie schon lange nicht. Sie sagte, sie wolle schlafen gehen, nahm ihren Rucksack und ließ sich von der Kellnerin in eine der Touristenkammern führen. Trotz ihrer Müdigkeit schlief sie schlecht. Schon um fünf Uhr stand sie auf und ging hinaus. Die Berge waren von der frühen Sonne umglüht, aus dem Wald strömte ein feuchter, kalter, harziger Duft. Sie ging über einen Wiesenweg und bog wie eine Trinkende den Kopf zurück.
Da schallte ein Gruß an ihr Ohr; sie drehte sich um und gewahrte den Hofrat. Er war in Steirertracht; auf dem Lodenhut stak ein reichbuschiger Gemsbart. Er glich nicht einem verkleideten Städter, sondern sah ganz urwüchsig aus, sehnig, robust, sonnegebräunt.
Er nannte ihr die welsch klingenden Namen der Gipfel und Gletscher, die gegen Süden lagen, und erzählte ihr von den Touren, die er gemacht. Er fragte, ob sie gefrühstückt habe, und als sie verneinte, gab er ihr eine Tafel Schokolade. Zuerst angeregt, schien er plötzlich wieder zerstreut. Dann beschämte ihn ein forschender Blick Olivias, und er zwang sich zum Reden. Da dies Olivia peinigte, fragte sie ihn geradezu nach dem Grund seiner gestrigen jähen Verstimmung.
Er bedachte sich kurz und antwortete, er habe schon davon gehört, daß sie fleißig im Hause Friesheim verkehre; die beiden jungen Leute, in deren Begleitung sie sich befinde, seien ja wohl Sohn und Tochter des Sektionschefs. Olivia nickte. Wenn dem so sei, fuhr er fort, erübrigten sich alle Erklärungen. Seine Stimme war schneidend, sein Blick finster. Olivia blieb stehen und schaute ihn erstaunt an.
Sie waren auf einem Felsenpfad, ziemlich hoch; zur Linken fiel der Abgrund steil hinunter. Auf einmal fühlte sich Olivia von den Händen des Hofrats heftig an den Armen gepackt und mit unerwarteter Kraft gegen die Tiefe gedrängt. Sie schrie erschrocken, ihr bestürztes Gesicht war ihm zugewendet; da ließ er sie los und lachte grimmig. »Es ist nicht viel anders, als wenn ich dich da hineinwürfe,« sagte er; »schlimmer noch. Mit solchen Menschen umgehen, das heißt, allen Anspruch auf Achtung verwirken und seinen Namen beflecken.«
Mit entsetzten Augen fragte Olivia. »Du hättest dich vorsehen sollen,« begann der Hofrat wieder; »eine Person wie du ist verpflichtet, Instinkt zu haben und nicht in den Dreck zu steigen, wo er am klebrigsten ist. Dieser Mann, in dessen Gehege du so munter herumspazierst, ist einer unserer verderblichsten Praktikenmacher und Gelegenheitsjäger, ein Streber und Schleicher von einem Format, daß sogar unsere vielbesungene Gemütlichkeit keinen Reim mehr auf ihn zu finden weiß. Dieser Mann ist imstande, wenn sich zehn fähige Leute zu einem Posten gemeldet haben, ihn mit dem elften zu besetzen, der gänzlich unfähig ist, und nicht vielleicht aus Unwissenheit, nicht immer bloß deshalb, weil der elfte ein Freunderl oder der Freund eines Freunderls ist, sondern aus purem Vergnügen an der Unfähigkeit und aus Bosheit und Neid gegen die Fähigen. Dieser Mann ist einer von denen, die nie einen Richter brauchen, weil sie alles Recht so lange verschleppen, bis der Kläger erschöpft und kirre gemacht ist; einer von denen, die mit der Peitsche auf die Pferde einhauen, wenn der Wagen den Berg hinauf soll, und insgeheim den Hemmschuh ans Rad legen. Dieser Mann ist ein Symbol, er ist mein Feind, er ist schlechthin der Feind; ihn unschädlich zu machen, habe ich schon meine beste Kraft verschwendet. Und nun geh hin und setz' dich wieder an seinen Tisch und tu, als wüßtest du von nichts.«
Er hatte scharf und kalt gesprochen wie ein Sachwalter vor dem Tribunal. Olivia zitterte das Herz; sie ging mit niedergeschlagenen Augen gleich einem gescholtenen Kind. Der Hofrat nahm einen Stein, schleuderte ihn in den Abgrund und lauschte bis das Gepolter verklungen war. Dann lachte er.
»Warum lachst du?« flüsterte Olivia, ohne den Kopf zu erheben.
»Ich lache, weil es so schön ist,« antwortete er, »weil die Sonne so freundlich scheint und der Himmel so blau ist. Und weil unser Herrgott soviel Geduld hat. Und weil die Bowle gestern so vorzüglich war, und weil überhaupt alles so famos ist.«
Plötzlich dünkte es Olivia, als sei die ganze Welt grau geworden.
Sie sagte: »Ich habe bisher nichts von deinem Leben gewußt, Robert. Ich habe dich für einen Menschen gehalten, der in seinem Beruf glücklich ist.«
Abermals ließ er sein kurzes, höhnisches Lachen hören. Dann schwieg er eine Weile, und sein Gesicht wurde ernst. Darauf fing er an, von seinem Leben zu sprechen, von dem Beruf, in dem sie ihn glücklich wähnte. Von den Untergebenen und den Vorgesetzten; wie ihn jene lähmten und diese ihm mißtrauten. Wie nirgends ein Wille galt, nirgends Einsicht des Besseren, nirgends Vernunft, bloß Vorschrift, bloß der Buchstabe, das halbe Ungefähr, das veraltete Gutdünken, die sinnlose Herrschaft derer vom Schlage Friesheim. Wie jeder Schritt nach vorwärts auf Fallen stoße, das wohlwollende Ermessen selbst im engsten Kreis behindert sei durch unangreifbare Idole und lügenhafte Grundsätze. Wie kein Weg aus diesem Pfuhl führe, an dem nicht die Dummheit Wache hielt, oder die Phrase, oder die Pedanterie, oder die Verleumdung, oder die Bequemlichkeit, oder der Eigennutz, oder der Neid.
Es war Flamme in seinen Worten, dabei auch Witz; eine bissige Schadenfreude, als bereite es ihm Spaß, Illusionen zu zerstören.
Und er zerstörte Illusionen, gründlich. Ein eisiger Hauch wehte durch Olivias Brust. Ihre Augen blickten verloren, ihre Wangen waren blaß; es war, als hätte sich etwas Schmackhaftes auf ihrer Zunge in Ekles verwandelt, als stünde dort, wo eine frohe Erwartung sie hingezogen, ein Schreckbild. Sie staunte, sie sträubte sich, sie glaubte nicht und fürchtete doch, zu zweifeln. Alles war plötzlich sonderbar anders.
An ihrer Schweigsamkeit merkten Eduard und Marianne, daß etwas mit ihr vorgegangen war. Sie hatten am selben Tag weiter wandern wollen, aber Olivia konnte sich nicht zum Aufbruch entschließen und schützte eine Unpäßlichkeit vor. Ingbert fühlte sich in dem teuren und eleganten Hotel nicht behaglich, und da die Geschwister zögerten, die Tour ohne Olivia fortzusetzen, sagte er, er wolle allein seiner Wege gehen. Um sich zu verabschieden, kam er in Olivias Zimmer und fand sie in tiefem Nachdenken. Sie gab ihm die Hand, und als sie spürte, daß er ihren Blick forderte, sah sie ihn an. Ein wortloses Einanderbegreifen hatte sich zwischen ihnen schon seit langem entfaltet. Der bekümmerte Ausdruck in seinem klugen, ernsten Gesicht ging ihr nahe. Ehe sie es bedacht hatte, zog sie seinen Kopf herab und küßte ihn. Er errötete wie ein Knabe, seine Verwirrung erfüllte sie mit noch größerer Liebe, er drückte seine Lippen auf ihre Hand und verließ sie stumm.
Es trieb sie zu Robert hin, und wenn sie bei ihm war, erschien sie sich treulos gegen Eduard und Marianne. Und wenn sie bei Eduard und Marianne war, peinigte sie deren argloses Wesen, und die beiden Menschen waren ihr verdunkelt und entrückt. Marianne, die über Ingberts Flucht unglücklich war und Pläne schmiedete, wie man ihn noch erreichen könnte, nahm Olivias verändertes Betragen nicht schwer und war offen und anschmiegend wie immer; Eduard jedoch deutete alles auf sich und sein Verhältnis zu Olivia. Seine Erregung wuchs, er suchte eine Aussprache herbeizuführen, er bat sie schließlich, ihm den Grund ihrer rätselhaften Abkehr mitzuteilen. Sie erschrak; sie leugnete. Er ging nicht weiter darauf ein und sagte, daß er mit Anita Gröger gebrochen habe. Sie wußte, was nun folgen würde, sie hatte Angst davor, und mit einer Kälte, die ihn bleich machte, verbot sie ihm, davon zu sprechen. Da gingen sie auseinander.
Am selben Abend schlug ihr Robert Lamm vor, sie solle mit ihm nach Hause reisen. Sie willigte ein, ihn bis Salzburg zu begleiten, wo ihre Mutter sie erwartete. Zu Eduard und Marianne sagte sie, die Mutter habe ihr geschrieben und sie gerufen. Sie umarmte Marianne mit dem Gefühl einer Trennung für immer, Eduard schaute sie starr an, und so oft sie nachher an sein verstörtes Gesicht dachte, wurde ihr weh zumute, und sie hätte die Erinnerung auslöschen mögen.
Gegen den Hofrat war sie einsilbig, er seinerseits sprach nur von gleichgültigen Dingen. Sie grollte ihm, wagte sich aber dem Groll nicht zu überlassen; sie vermied es, seinem Blick zu begegnen, der während der langen Eisenbahnfahrt zuweilen prüfend auf ihr ruhte, und als sie von Innsbruck ab allein im Coupé waren, brach sie selbst das Schweigen aus unbestimmter Angst. Sie begann von Menschen zu sprechen, die sie beide kannten und von denen sie annahm, daß er sie schätzte. Sie redete sich in Eifer, entschuldigte Gewohnheiten und Handlungen dieser Menschen und übertrieb ihre Vorzüge, als seien sie von ihm angegriffen worden. Er hörte mit scheinbarem Anteil zu, nickte manchmal ermunternd und schaute in die Landschaft.
Da erschien ihr alles falsch und einfältig, was sie sagte, sie mochte die schönen Gegenden nicht betrachten, durch die sie fuhren, und sie fühlte mit Betrübnis, daß sie all dieses Schöne nicht mehr so liebte wie sie es bisher geliebt. Es war, als hätte Robert Lamm einen Schleier darüber gezogen, und als sei es fruchtlos, sich gegen die stumme Gewalttätigkeit, die er an ihr übte, zu wehren. Desungeachtet zwang es sie, ihn kurz vor dem Ziel ihrer Reise zu fragen, ob sie ihn nach ihrer Rückkehr in die Stadt sehen werde. Sie hätte aufgeatmet, wenn er nein gesagt oder eine Ausflucht gebraucht hätte. Er antwortete: »Freilich will ich dich sehen.« Und als sie schwieg, fügte er düster lächelnd hinzu: »Vielleicht brauch' ich dich.«
Sie war ängstlich verwundert. »Brauchen? Du -- mich?«
»Kommt dir das so unglaublich vor?« Er lachte über ihr hilfloses Gesicht. Plötzlich, der Zug fuhr schon in die Halle, beugte er sich nahe zu ihr, ergriff ihre beiden Hände und sagte mit jener Eindringlichkeit, die sie bei keinem andern Menschen als bei ihm wahrgenommen hatte: »Ich kämpfe gegenwärtig einen Kampf, in dem für mich alles auf dem Spiel steht. Ich kämpfe für die Ehre eines Toten, für die Rettung seines guten Namens, für sein Weib und seine Kinder. Sie wollen ein Verbrechen, das begangen worden ist, vertuschen, wollen die ungeheuerlichste Niedertracht, die sich denken läßt, nicht verantworten. Das darf nicht geschehen, verstehst du? Es darf nicht geschehen, obwohl ähnliches schon tausendmal geschehen ist. Aber bei diesem einen Mal hab' ich mir in den Kopf gesetzt: es darf nicht sein. Geschieht es trotzdem, dann bin ich fertig mit der Wirtschaft. Dann komm zu mir, Olivia, dann haben wir vielleicht einiges miteinander zu reden. Leb' wohl, grüß' mir die Mutter.«
Sie stieg aus, aber am liebsten hätte sie jetzt mit ihm weiterfahren mögen. Schwäche kam über sie, ihr ganzes Denken und Gefühl war dunkler gefärbt. Alles, was sie vorhatte, Arbeiten und Vergnügungen, dünkte ihr plötzlich falsch und einfältig. Drei Tage später fuhr sie mit der Mutter in die Stadt zurück, und einen Tag nach der Ankunft ging sie zu Robert Lamm.
* * * * *
In Riedach, einem kleinen oberösterreichischen Kurort, hatte der junge Arzt Doktor Seelmann bis vor Jahresfrist seine Praxis zu allgemeiner Zufriedenheit ausgeübt. Da hatte sich im Sommersbeginn in einer Häuslerfamilie ein Typhusfall ereignet, und Doktor Seelmann hatte getan, was seine beschworene Pflicht als Gemeindearzt war, er hatte die Erkrankung zur Anzeige gebracht.
Es entstand sogleich eine große Erregung. Einige Bürger hatten noch in letzter Stunde den Doktor an der Ausführung seines Entschlusses zu hindern gesucht. Die Sanitätskommission selbst, deren Vorsitzender der Bürgermeister war, hatte geltend gemacht, daß die Sommerfrischler und Kurgäste den Ort verlassen und für lange Zeit in Verruf bringen würden. Es war umsonst gewesen; weder Bitten, noch Versprechungen, weder Warnungen, noch Einschüchterungen fruchteten, Doktor Seelmann achtete die Pflicht höher als die gefährdeten Interessen der Gemeinde.
Die unmittelbare Folge seines Schrittes war, daß eine Militärabteilung, die in Riedach hatte einquartiert werden sollen, in einen andern Ort befehligt wurde. Auch der wenigen Sommerparteien bemächtigte sich Schrecken, und mehrere Familien reisten ab. Eine schmutzige Flut von Beschimpfungen ergoß sich nun über den jungen Arzt, und alt und jung machte der Erbitterung in den unflätigsten Formen Luft. Die Männer erwiderten seinen Gruß nicht; sie spuckten auf der Straße vor ihm aus. Der Metzger, der Bäcker, der Milchhändler weigerten sich, seiner Frau die Lebensmittel zu verkaufen, die sie für sich, den Mann und das kleine Kind brauchte. Täglich erhielt er gemeine Spott- und Drohbriefe, die Fenster seiner Wohnung wurden ihm eingeworfen, man ging nicht mehr in seine Sprechstunde, enthielt ihm die Bezahlung vor, und im September wurde ihm seine Stellung als Gemeindearzt gekündigt.
Er wandte sich an den Reichsverband der Ärzte, und dieser rief die Behörden um Unterstützung an. Der Appell war nicht vergebens, Gemeinderat und Sanitätskommission wurden vom Statthalter aufgelöst, der Bürgermeister seines Amtes entsetzt, die Kündigung für ungültig erklärt, und der Bezirkshauptmann schickte eine Gendarmerie-Eskorte, die den Arzt schützen sollte.
Doktor Seelmanns Lage besserte sich aber dadurch mit nichten. Vor körperlichem Schaden konnte man ihn bewahren, die Praxis konnte man ihm nicht zurückgeben; die Leute zwingen, ihm die Honorare zu entrichten, die sie ihm seit Jahr und Tag schuldeten, konnte man nicht. Er war ruiniert. In den verflossenen Monaten hatte er einundzwanzig Ehrenbeleidigungsklagen vor Gericht gebracht, und jeder dieser Prozesse wurde zu seinen Gunsten entschieden. Aber nach jedem Prozesse kam er mutloser und hoffnungsloser heim. Seine Spannkraft war dahin, sein Geist getrübt, seine Gesundheit erschüttert, mit vierzig Jahren sah er wie ein Greis aus.
Daß seines Bleibens in Riedach nicht war, begriff er wohl. Riedach war aber seine Heimat; er liebte das Land, er hatte sein Dasein hier zu beschließen gedacht. Wohin sollte er als mittelloser Landarzt ziehen, wohin mit Frau und Kind und einer alten, gebrechlichen Mutter? Wie sollte er die Verleumder zum Schweigen bringen, die ihn sicher bis in die Ferne verfolgen würden? Wie die Schmach abwaschen, mit der sie ihn bedeckt, die Besudelung, die Kränkung vergessen? Ein neues Leben anzufangen, fehlte ihm das Selbstvertrauen; er hatte keinen Freund, der ihn aufrichtete, die Tröstungen seines Weibes beugten ihn nur noch tiefer, denn er spürte ihre eigene Verzweiflung darin. So brach er zusammen, wurde krank und starb. Der Arzt, der ihn behandelte, nannte eine Gehirnentzündung als Ursache seines Todes, aber in Wirklichkeit hatten ihn der Kummer und der Lebensekel getötet.
Der Reichsverband der Ärzte stellte nun den Anspruch an den Staat, für die Hinterbliebenen zu sorgen, die der bittersten Not preisgegeben waren. Dies wurde bewilligt, aber in so kargem Ausmaß, daß die Hilfeleistung beinahe wie Hohn aussah. Einer von den Männern, die sich dafür eingesetzt hatten und den Fehlschlag ihrer Erwartung nicht ruhig hinnehmen wollten, bezeichnete den Hofrat Lamm als den einzigen, dessen Beistand und Vermittlung den halbwegs gescheiterten Plan noch zum Erfolg führen konnte. Ihm allein traute man die Entschlossenheit zu, ihn allein hielt man für unabhängig genug, daß er es als hoher Staatsbeamter wagen durfte, für den begangenen Frevel eine Sühne zu verlangen, die freilich verspätet war, jedoch die beleidigte Gerechtigkeit wieder erhöhte.
Der Hofrat hatte von dem Martyrium des Arztes nichts gehört; die Zeitungen hatten alle Berichte unterdrückt, die sonstige Kunde, die im Dunkel umlief, war nicht zu ihm gedrungen. Er vernahm die Erzählung der Geschehnisse mit unbeweglichem Gesicht. Den Abgesandten, die ihm Vortrag hielten, begegnete er mit seiner unverbindlichen und trockenen Höflichkeit, ohne mit einer Miene zu verraten, daß ihm die Angelegenheit näher ging als irgendein anderer Hader zwischen Parteien. Er ließ sich alle einschlägigen Akten kommen, auch die der einundzwanzig Prozesse, und las und studierte sie mit aufeinandergebissenen Zähnen. Dann zauderte er nicht mehr, zu handeln. Er forderte die Regierung auf, nicht nur mit genügenden Geldmitteln die Mutter, die Witwe und die Waise des in Ausübung seiner Pflicht und seines Amtes gemordeten Doktor Seelmann zu unterstützen, des gemordeten, so lautete sein Diktum; nicht nur alle schuldigen Bürger und behördlichen Organe von Riedach zu einer scharfen Strafe zu verurteilen; sondern auch durch eine öffentliche und feierliche Erklärung die geschändete Ehre und den verunglimpften Namen des Toten vor den Augen der Welt von allem Makel zu befreien. Denn ein solcher Mann sei, genau wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld, für das Vaterland, für die Menschheit gefallen und habe sich den gleichen Dank verdient.
Diese unumwundene Sprache begegnete verlegenen Ausflüchten. Er drängte auf eindeutigen Bescheid, man antwortete, daß man den Fall noch einmal gründlich untersuchen wolle. Das Bestreben, Zeit zu gewinnen, war offenbar; der Hofrat kannte die verwickelten Auswege und die rostige Maschinerie zu gut, um sich damit beschwichtigen zu lassen. Er ging zum Minister; der erklärte sich als mangelhaft unterrichtet, schützte wichtigere Geschäfte vor und wies ihn an den Sektionschef Friesheim. Hier täuschte Gleichgültigkeit durch gefälligen Eifer; auch mit dieser Taktik war der Hofrat vertraut. Er ließ den Herren keine Ruhe, er bestand auf seiner Forderung, er pochte auf das Recht. Man hörte ihn an, man zuckte die Achseln, jeder versicherte seine Willigkeit, jeder beteuerte machtlos zu sein. Überall dieselbe scheinbare Nachgiebigkeit, dieselbe Lauheit. Robert Lamm fürchtete, alles zu verderben, wenn er seinen Zorn nicht bändigen konnte. In den Salzburger Bergen hatte er, vor langer Zeit schon, eine Alm und ein Blockhaus gekauft; dorthin floh er, so oft ihm des Ärgers und der Plage zu viel wurde. Er tat es auch jetzt und nahm sich vor, geduldig zu warten. Aber diesmal graute ihm vor der Einsamkeit; er fuhr nach Karersee, wo er zahlreiche Bekannte zu treffen sicher war, wo er sich zerstreuen, betäuben konnte. Zwei Tage nach dem Gespräch mit Olivia erhielt er in der Sache des Doktors Seelmann den schriftlichen Bescheid des Ministeriums: die sachliche Entschädigung betreffend, habe man die Gelder zum reichlichen Unterhalt der Familie bewilligt, alle übrigen Ansprüche müsse man aber aus wohlerwogenen Gründen zurückweisen.
»Die Gründe will ich wissen,« knirschte der Hofrat. Er packte seine Koffer und reiste. In seiner finstern Ungeduld kam ihm die Eisenbahnfahrt wie ein boshaft langsamer Schneckengang vor. Gleich nach seiner Ankunft eilte er zu den verantwortlichen Stellen.
An Gründen war man nicht arm. Wozu einen verjährten Streitfall aufwärmen, einen glücklich begrabenen Skandal mutwillig noch einmal vor die Öffentlichkeit zerren? Wozu sonst friedliche Bürger wegen immerhin zweifelhafter und schwer nachweisbarer Vergehen schädigen oder gar um ihre Existenz bringen? Es ist doch nun alles so schön geglättet und vergessen, wozu den Brand wieder anblasen, wozu böses Blut machen? Wozu endlich die Komödie einer Ehrenerklärung, die dem Toten nicht mehr nützen und die Lebenden nur verdrießen würde?
»Ein glücklich begrabener Skandal ist euch das!« rief Robert Lamm mit funkelnden Augen. »Schön geglättet und vergessen findet ihr alles? Nun, wir werden sehen, ob euch nicht angst und bange wird vor Gespenstern.«
Er drohte Lärm zu schlagen. Die Geschichte wurde bedenklich; der Störenfried begann höchst unbequem zu werden. Man konnte ihm nichts anhaben, zu viele stützten ihn, er war zu beliebt. Daher jubelte man im stillen, als er in seinem Zorn die Saite zu straff spannte und um seinen Abschied bat. Es war ein Schreckmittel, er glaubte nicht, daß man ihn würde gehen lassen, er hatte ein zu starkes Bewußtsein von seiner Notwendigkeit und der Wichtigkeit seiner Dienste. Allein der Abschied wurde gewährt. Da er schon vor Jahren in einer Angelegenheit, die den Hof berührt hatte, zu scharf ins Zeug gegangen war, brauchte man Tadel oder Einwand von oben nicht zu fürchten.
Das traf ihn unerwartet. Es dauerte Tage, ja Wochen, bis er sich wieder gesammelt hatte. Die Zustände waren also noch viel heilloser, viel giftiger, als er sich eingebildet hatte. Er war wie gelähmt. Er ließ die Sache, für die er sich geopfert, auf sich beruhen. Er wich den Menschen aus, wurde scheu und wunderlich. Er verließ seine Stadtwohnung und zog sich ganz in seine Villa zurück.
Diese Villa lag am Ende der Südwestvorstadt, nahe den bewaldeten Hügeln und inmitten eines großen Gartens, der vor neugierigen Blicken durch eine hohe, steinerne Mauer geschützt war. Die zahlreichen Räume enthielten Schätze von Gemälden, Statuen, Büchern, Porzellan und alten Möbeln. Der Hofrat ließ aber die Zimmer versperrt und nistete sich in einer Giebelkammer ein. Die Haushälterin kochte für ihn, und der Diener Gerold, eine Art Faktotum, sorgte für seine übrigen Bedürfnisse.
* * * * *
Anfangs hatte ihn Olivia beinahe täglich gesehen. Entweder kam er zu ihr, unterhielt sich eine Weile mit der Mutter und forderte Olivia auf, ihn zu begleiten, oder sie ging zu ihm. Wenn er arbeitete, setzte sie sich in eine Ecke, nahm ein Buch und las.
Von dem, was ihn in dieser Zeit erfüllte, sprach er nicht. Sie erfuhr es von andern. Jeder entstellte es auf seine Weise, aber es genügte, daß sie Robert Lamm anschaute, dann rückte sich alles zurecht. Sie war stolz auf ihn, nichtsdestoweniger drückte sein Wesen sie nieder, ohne daß sie wußte, wie es geschah. Er war vertraulich und herzlich, dennoch schien es, als rede er mit ihr durch eine Wand hindurch. Daß sie ihm nicht näher kommen konnte, beunruhigte sie und trieb sie immer wieder in seine Nähe.
Da trat die Katastrophe ein, die ihn aus seiner Wirksamkeit, aus seiner Laufbahn riß. Am Tag, bevor er in die Villa übersiedelte, gab er ihr in unfreundlichem Ton zu verstehen, daß er bis auf weiteres von keinem Menschen behelligt werden wolle. Sie ließ sich's gesagt sein und ging verletzt und schweigend hinweg. Wieder erst von andern hörte sie, was sich ereignet hatte; es machte tiefen Eindruck auf sie, aber da er sie zurückgestoßen hatte, blieb sie ihm fern.
Sie wollte ihr Leben wieder wie früher führen. Allein die Heiterkeit und Sorglosigkeit waren verflogen. Es war nicht mehr der Leichtsinn darin, das süße Träumen, das unbefangene Lachen. Sie lauschte aufmerksam auf das, was die Leute zu ihr sagten, und mißtraute den Worten. Zu einigen Menschen, die sie lieb gehabt, ging sie auch jetzt gerne, aber die rechte Freude fehlte. Da war zum Beispiel Nina Senoner, die Frau eines Großindustriellen. Sie war um zehn Jahre älter als Olivia, hatte schon eine fünfzehnjährige Tochter und wurde von allen, die sie kannten, wegen ihrer Sanftmut und ihres Liebreizes bewundert. Wohl verspürte Olivia noch immer den Zauber ihres Wesens, aber das ganze Dasein dieser Frau erschien ihr auf einmal leer, sie bemerkte in ihren Zügen eine Melancholie, die ihr vordem nicht aufgefallen war, und, was das Schlimmste war, das Zusammensein mit ihr langweilte sie.