Olivia oder Die unsichtbare Lampe
Chapter 11
Doch schwankte er nur wenig; er ging dicht an den brennenden Häusern entlang, immer mit wagrecht vorgestreckten Armen. Die Funken prasselten um seinen Kopf, brennende Balken fielen dicht neben ihm nieder, aber durch keine Miene verriet er Schrecken oder Unsicherheit. Der Eindruck war so mächtig, daß die Bauern, ihre Weiber und ihre Kinder ihm alsbald in Scharen folgten und sich dicht an ihn drängten, als ob sie in seiner Nähe gefeit wären.
Olivia blickte rundum: die nasse Erde rot, der sternenlose Himmel rot, und zwischen Erde und Himmel tobende Mordmaschinen, brüllendes Vieh, winselnde Hunde und verzweifelte Menschen. Es wollte ihr scheinen, als käme der blinde Riese auf sie zu, um ihr eine Botschaft zu bringen, und je deutlicher sie sein Gesicht sehen konnte, je mehr wunderte sie sich über die unbeschreibliche, fast selige Ruhe darin. Gefährdeter konnte kein Mensch sein; hilfloser keiner; aber was bedeutete ihm die Gefahr? Was galt ihm diese Stunde und die nächste? Obgleich in Olivia ein rätselhafter Wunsch war, daß er sie sehen möge, ein rätselhaftes Bedauern, daß er sie nicht mehr sehen konnte, war es ihr doch klar, daß nach allem, was er von dieser Welt gesehen, er glücklich zu preisen sei, daß er nichts mehr von ihr sah.
Sie wanderte den Weg zurück, verirrte sich jedoch. Ihre Erschöpfung wuchs, und sie konnte nicht mehr daran zweifeln, daß sie krank war.
Patrouillen begegneten ihr und riefen ihr etwas zu. Sie verstand nicht und antwortete nicht. Auf einem umgehauenen Baumstamm rastete sie eine Weile, dann schleppte sie sich eine halbe Stunde weiter. Sie kam zu einem offenen Parktor, ging hinein und gewahrte ein Schilderhaus, das leer war. Durch die Baumwipfel sah sie die Umrisse eines großen Gebäudes.
Die Beine versagten den Dienst; sie schlüpfte in das Schilderhaus, kauerte sich nieder und hüllte sich fester in den nassen Mantel. Ein schlafähnlicher Zustand machte sie bewußtlos.
Als sie wieder zu sich kam, war es Tag. Sie raffte alle Kräfte zusammen und trat ins Freie. Da bot sich ihren fieberheißen Augen ein unvermuteter Anblick. Fahler Frühsonnenschein war durch die Nebel gebrochen und fiel auf unzählige Beete und Sträucher voller Rosen. Lauter Rosen, über die ganze Fläche des Parks, in allen Farben der Gattung, soweit der Blick reichte. Dazwischen aufgeworfene Gräben, zertretener Rasen, zersplitterte Bäume. Sie trat zum nächsten Strauch; die Freude an den Blumen, erst wie eine überwältigende Erinnerung, verdrängte jedes andere Gefühl und steigerte sich zu leidenschaftlichem Verlangen. Voller Hast, ja fast gierig brach sie einige Rosen ab, ohne darauf zu achten, daß sie sich an den Dornen die Hände blutig riß.
Aber da ihr schwindelte und alles um sie zu tanzen begann, schritt sie dem Hause zu und trat in die Vorhalle. Es war eine geräumige Baulichkeit, einer der vielen adligen Herrensitze dieser Gegend. Kein Mensch war zu sehen. Die Türen der Zimmer standen offen, und überall zeigten sich die Spuren böswilliger Zerstörung. Die Gläser der Spiegel lagen in Scherben auf dem Boden, die Möbel waren umgestürzt, das Porzellan zerschmettert, die Bücher aus den Regalen geschleudert und zerfetzt, die Bilder zerschnitten, die Wände mit Unrat beschmiert. Hier mochte sie nicht bleiben; ihre letzte Kraft zusammenraffend, stieg sie die Treppe hinauf. Sie rief, doch niemand antwortete. Da, als sie in einen Raum mit hohen Fenstern trat, gewahrte sie endlich einen Menschen. In der Mitte des sonst völlig leeren Raumes stand ein Sarg, darin lag ein Greis mit langem, weißem Bart; ein Kruzifix aus Silber ruhte auf seiner Brust, und an den vier Ecken des Sarges brannten vier Kerzen. Daneben aber saß ein Knabe von etwa vierzehn Jahren; er hatte tiefschwarze Haare, die über die blassen Wangen fielen; seine Augen waren traurig und voll Angst.
Erstaunt betrachtete er die Fremde. Er erhob sich und redete sie polnisch an. Olivia verstand die Sprache nicht; da sie sich aber hinschwinden fühlte, machte sie eine bittende Gebärde und preßte die linke Hand gegen ihre Brust, in der der Atem flog. Der Knabe sah sie an und begriff; ihn hatte der Krieg frühzeitig über menschliches Leiden unterrichtet. Auf den Zehen, als könne der tote Mann noch gestört werden, ging er zu einer Tür, die er öffnete und wies auf ein Bett, das dort im Zimmer stand. Nicht zu verkennen, daß es das Schlafgemach einer Frau gewesen war; auf den Lehnen der Stühle hingen Frauenkleider, in einer Ecke standen Frauenschuhe; sonst deutete manches auf eine eilige Flucht hin.
Olivia schloß die Tür, als sie drinnen war, riß ihre nassen Gewänder vom Körper, stürzte förmlich in das Bett, wühlte die zitternden Glieder in die Kissen, richtete sich noch einmal auf und griff nach den Rosen, dann rang sie seufzend die Hände, spürte, daß ihr die Sinne vergingen, und freute sich darauf, nicht mehr denken und fürchten zu müssen.
Nach einer Weile klopfte es an der Tür, der Knabe trat lautlos ein. Unschlüssig stand er zu Füßen des Lagers und schaute auf die Kranke, deren Wangen sich mit Scharlachröte bedeckten. Er fand sie schön; ihre Gegenwart erregte scheue Neugier in ihm, ihr Zustand stimmte ihn mitleidig. Abermals sagte er etwas in polnischer Sprache. Olivia riß entsetzt die Augen auf. Plötzlich schrie sie: »Gebt mir die Rosen!« und preßte die drei Rosen, die sie krampfhaft in den Fingern hielt, an ihren Mund.
Dieses Wort kannte der Knabe. Wahrscheinlich hatten Rosen in seinem bisherigen Leben eine gewisse Rolle gespielt. Sie mußten ein Ziel eigensinniger Liebhaberei gewesen sein, vielleicht des toten Greises, der draußen im Sarg lag; nicht bloß die Kultur des Parks lenkte darauf hin, sondern auch die zerstörten Gemälde, auf denen fast ausschließlich Rosen dargestellt waren. Und da Olivia ihren Fieberruf wiederholte und immer wieder ekstatisch die Rosen, die sie hatte, ans Gesicht drückte, glaubte er, sie wolle mehr, sie brauche sie aus irgendeinem Grund, den er nur noch nicht verstand. Rasch verließ er das Zimmer, und nach einigen Minuten schon kehrte er zurück, beide Hände voller Rosen, und warf sie auf das Bett.
Als er vernahm, daß die Fiebernde sich beruhigte, war er auch gewiß, das Rechte getroffen zu haben. Er ging noch einmal, dann ein drittes und viertes Mal. Schließlich hatte er so viele Rosen heraufgebracht, daß sie von der Bettdecke auf den Boden fielen und ihr Geruch das ganze Zimmer und jenes noch, in dem der Tote lag, erfüllte. Danach ging er zu dem Toten hinaus, kam wieder zurück, lief zum fünften Male in den Garten und brachte wieder Rosen, soviel er tragen konnte, und lächelte zufrieden, als er sah, daß die unbekannte Frau, die mit ihren kurzgeschnittenen Haaren einen rührenden Eindruck auf ihn machte, nun stille war und die Augen geschlossen hatte.
Olivias Kopf ruhte auf dem Arm; während sie schlief, wurde ihr Gesicht erst bleich und immer bleicher; von einem gewissen Punkt an kehrte aber die Farbe des Lebens zurück, als ob ein Traum von glücklicher und tätiger Zukunft die Seele jäh berührt hätte. Dieser Traum erzeugte ein Lächeln; das Lächeln schien das Blut, das schon verblaßte, neu zu röten. Verwandlung war in ihr; über ihr Verheißung eines Geistes aus verwandelter Welt.
[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf Grundlage der Erstveröffentlichung erstellt. Diese erschien in »Velhagen & Klasings Monatshefte«, XXXI. Jahrgang 1916/1917, Hefte 1-3, September-November 1916. Die Seitenzahlen springen entsprechend dieser Heftaufteilung. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
S. 002: [Punkt ergänzt] Mühe hatte, sie zu beruhigen. S. 003: [Punkt korrigiert] über ihn erholt hatte, -> hatte. S. 017: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit -> ohnehin S. 167: mit abgerissenen Gewändern und verstörtem Gesichts -> Gesicht S. 168: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten -> geheilten S. 172: die Finsternis brannte ihn förmlich auf der Stirn -> brannte ihm S. 173: [Komma entfernt] fruchtloses Unterfangen, ist, -> Unterfangen ist, S. 182: die Bestürzung in ihrem Gedicht -> Gesicht S. 182: Er war rührend und unheimlich. -> Es ]
[Transcriber's Notes: This ebook has been transcribed from the first publication of the story, printed in "Velhagen & Klasings Monatshefte", XXXI. bound volume 1916/1917, issues 1-3, September-November 1916. The page numbers jump according to the distribution of the story onto the three issues of the monthly periodical. The table below lists all corrections applied to the original text.
p. 002: [added period] Mühe hatte, sie zu beruhigen. p. 003: [corrected period] über ihn erholt hatte, -> hatte. p. 017: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit -> ohnehin p. 167: mit abgerissenen Gewändern und verstörtem Gesichts -> Gesicht p. 168: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten -> geheilten p. 172: die Finsternis brannte ihn förmlich auf der Stirn -> brannte ihm p. 173: [extra comma] fruchtloses Unterfangen, ist, -> Unterfangen ist, p. 182: die Bestürzung in ihrem Gedicht -> Gesicht p. 182: Er war rührend und unheimlich. -> Es ]