Oliver Twist

Part 30

Chapter 303,660 wordsPublic domain

«Er kam zu mir und ließ unter anderen Gegenständen ein von ihm selbst gemaltes Bild des unglücklichen Mädchens, seiner Verlobten, zurück, das er in anderen Händen nicht zu lassen wünschte, auf seiner eiligen Reise aber nicht wohl mitnehmen konnte. Er war fast zu einem Schatten zusammengeschwunden, sprach verstört von begangenem Ehrenraube und Verderben, das er angerichtet, und kündigte mir an, daß er entschlossen wäre, sein ganzes Vermögen, ob auch mit großem Verluste, in bares Geld umzuwandeln, Ihrer Mutter und Ihnen einen Teil seiner neu zu erwerbenden Erbschaft auszusetzen, und das Land zu verlassen -- ich wußte nur zu wohl, daß er nicht allein gehen würde --, um es nie wiederzusehen. Mehr bekannte er sogar mir, seinem alten Jugendfreunde, nicht, dessen starke Zuneigung in der Erde wurzelte, die sie bedeckte, die beiden so teuer gewesen war. Er versprach mir, zu schreiben und mir alles zu sagen, und mich dann noch ein -- das letztemal hienieden, wiederzusehen. Ach, es war schon das letztemal. Ich bekam keinen Brief und sah ihn nicht wieder. Als ich vernahm, daß er tot war, begab ich mich nach dem Schauplatz seiner -- wie die Welt es nennen würde -- sündlichen Liebe, um, wenn ich meine Befürchtungen wahr geworden fände, dem verirrten Mädchen ein mitleidiges Herz und eine Zuflucht anzubieten. Allein die Familie hatte vor einer kurzen Zeit die Angelegenheiten geordnet und war bei Nacht abgereist, niemand wußte wohin.»

Monks atmete freier und blickte mit einem triumphierenden Lächeln umher. Brownlow rückte seinen Stuhl näher zu ihm und sagte: «Als Ihr Bruder -- ein verlorener, schwacher, in Lumpen gehüllter Knabe -- nicht durch Zufall, sondern durch eine höhere Fügung in meinen Weg geworfen und von mir gerettet wurde --»

«Wie?!» rief Monks in heftiger Spannung aus.

«Von mir», wiederholte Brownlow. «Ich sagte es Ihnen, daß Sie schon aufmerken würden auf das, was ich Ihnen zu sagen gedächte. Ja, von mir -- ich sehe, Ihr schlauer Verbündeter hat Ihnen meinen Namen verschwiegen, obwohl er nicht annehmen konnte, daß Ihnen derselbe bekannt wäre. Während sich Ihr Bruder als Kranker und Wiedergenesener in meinem Hause befand, erkannte ich zu meinem lebhaften Erstaunen seine große Ähnlichkeit mit dem erwähnten Bilde. Schon im ersten Augenblicke, als ich ihn sah, erinnerten mich seine Züge an einen alten Freund, nur daß mir alles unbestimmt blieb, wie wenn ich mir Traumbilder vergeblich deutlich und klar vor die Seele zurückzurufen suchte. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß er mir entführt wurde, ehe ich seine Geschichte kennen lernte --»

«Warum nicht?» fragte Monks hastig.

«Sie wissen es sehr gut.»

«Ich?»

«Sie leugnen vergeblich und sollen bald sehen, daß ich noch mehr weiß.»

«Sie -- Sie können nichts gegen mich beweisen», stotterte Monks. «Tun Sie's, wenn Sie's imstande sind.»

«Wir werden sehen», sagte der alte Herr mit einem durchdringenden Blicke. «Der Knabe wurde mir entführt, und meine Bemühungen, ihn wieder aufzufinden, waren vergeblich. Da Ihre Mutter tot war, so konnten Sie allein, wenn irgend jemand, das Geheimnis enthüllen, und da Sie, wie ich gehört hatte, auf Ihrer Pflanzung in Westindien sich aufhielten -- wohin Sie nach Ihrer Mutter Tode gegangen waren, um den Folgen Ihres ruchlosen Lebenswandels hier in England zu entgehen --, so reiste ich Ihnen nach. Sie hatten sich unterdes wieder entfernt, und man glaubte, daß Sie sich in London befänden, doch vermochte niemand genauere Nachweisungen zu geben. Ich kehrte zurück. Ihren Geschäftsführern war Ihr Wohnort vollkommen unbekannt; sie sagten, daß Sie ebenso geheimnisvoll kämen und gingen, wie Sie es immer getan hätten, bisweilen wochen- und monatelang nicht erschienen und aller Wahrscheinlichkeit nach mit den schandbaren Menschen sich umhertrieben, denen Sie sich zugesellt, seit Sie ein trotziger, unlenksamer Knabe waren. Ich hörte nicht auf, sie zu befragen, in Tätigkeit zu erhalten. Ich durchwanderte die Straßen bei Nacht wie bei Tage, allein meine Mühe war bis vor zwei Stunden fruchtlos, wo ich Ihrer endlich zum ersten Male ansichtig wurde.»

«Und da Sie mich nun aufgefunden haben,» nahm Monks, sich dreist erhebend, das Wort, «was mehr? Betrug und Raub sind volltönende Worte -- und gerechtfertigt, wie Ihnen scheint, durch die eingebildete Ähnlichkeit eines kleinen Landstreichers mit der Pinselei eines längst Verstorbenen. Allein Sie wissen nicht einmal, ob aus der Verbindung des letzteren mit dem erwähnten Mädchen ein Kind entsproß -- wissen das nicht einmal!»

«Ich weiß es wirklich erst seit vierzehn Tagen», erwiderte Brownlow, gleichfalls aufstehend. «Sie haben einen Bruder, wissen es und kennen ihn. Es war ein Testament vorhanden, das Ihre Mutter vernichtete, die Ihnen bei ihrem Tode das Geheimnis und den sündigen Gewinn hinterließ. Das Testament nahm Bezug auf ein Kind, das Ihrem Vater noch geboren werden möchte; es wurde geboren, Sie trafen mit ihm zusammen, und seine Ähnlichkeit mit Ihrem Vater erweckte böse Ahnungen in Ihnen. Sie suchten seinen Geburtsort auf, wo Beweise, lange unterdrückte Beweise seiner Geburt und Herkunft vorhanden waren. Sie vernichteten sie, und, wie Sie Ihrem jüdischen Schand- und Schuldgenossen sagten, sie liegen jetzt auf dem Grunde des Stromes, und die alte Hexe, die sie seiner Mutter nahm, fault in ihrem Sarge. Unwürdiger Sohn, Lügner, Feigling, der du nachts mit Räubern und Mördern in finsteren Gemächern verkehrst, -- der du durch schändliche List an dem kläglichen Tode einer Unglücklichen schuld bist, deren Wert Millionen von deinesgleichen aufwog, -- der du von deiner Wiege an dem Herzen deines Vaters nur Bitterkeit und Galle warst, -- du, in dessen angefaultem Innern die schlechtesten Leidenschaften so lange eiterten, bis sie einen Ausbruch in der scheußlichen Krankheit fanden, die dein Antlitz zu einem Spiegel deiner teuflischen Seele gemacht hat, -- Eduard Leeford, setzt du mir auch jetzt noch Trotz entgegen?»

«Nein, nein, nein!» stöhnte der durch so gehäufte Beschuldigungen überwältigte Feigling.

«Jedes Wort,» rief Brownlow aus, «jedes Wort, das zwischen dir und dem über alles schändlichen Bösewicht gewechselt worden, ist mir bekannt. Schatten an der Wand haben dein Geflüster vernommen und meinem Ohr zugeführt; der Anblick des unschuldigen, verfolgten Kindes hat selbst das Laster ergriffen und ihm den Mut und fast die Wesenheit der Tugend verliehen. Ein Mord ist begangen, an welchem du mindestens moralisch teilgenommen hast!»

«Nein, nein», unterbrach Monks. «Ich -- ich weiß nichts davon. Ich ging eben, um zu erfahren, was Wahres an der Sache wäre, als Sie mich mit sich fortführten. Die Veranlassung der Tat war mir unbekannt -- ich glaubte, sie wäre nur durch einen gewöhnlichen Streit gegeben worden.»

«Sie war keine andere als die teilweise Enthüllung Ihrer Geheimnisse», sagte Brownlow. «Wollen Sie dieselben jetzt ganz offenbaren?»

«Ja, ich will's!»

«Alles vor Zeugen wiederholen und eine wahrhafte Aufzeichnung durch Ihre Namensunterschrift beglaubigen?»

«Auch das verspreche ich.»

«Ruhig in meiner Wohnung verweilen, bis es geschehen ist, und sich mit mir an den Ort begeben, den ich für den geeignetsten halte, dem Dokumente die vollkommenste Gültigkeit zu verschaffen?»

«Wenn Sie darauf bestehen, will ich auch das tun.»

«Sie müssen noch mehr tun, dem guten, unschuldigen Kinde Ersatz leisten. Sie haben die Verfügungen Ihres väterlichen Testaments nicht vergessen. Bringen Sie dieselben, soweit sie Ihren Bruder betreffen, zur Ausführung und gehen Sie dann, wohin es Ihnen beliebt. Sie dürfen einander in dieser Welt nicht mehr begegnen.»

Während Monks auf und ab ging und der Aufforderung Brownlows und listigen Ausflüchten, zwischen Furcht und Haß schwankend, nachsann, wurde plötzlich die Tür aufgeschlossen und geöffnet, und herein trat in heftiger Aufregung Mr. Losberne.

«Er wird ergriffen, wird heute abend ergriffen werden!» rief er.

«Der Mörder?» fragte Brownlow.

«Ja, ja. Sein Hund hat die Polizei auf die Spur geführt. Sein Schlupfwinkel ist von allen Seiten umstellt, und die Behörden haben hundert Pfund ausgesetzt.»

«Ich lege noch fünfzig zu und will es auf der Stelle mit meinen eigenen Lippen verkünden. Wo ist Maylie?»

«Harry -- er warf sich, sobald er Sie mit dem jungen Menschen im Mietswagen sah, zu Pferde und sprengte fort, um sich den Verfolgern des Mörders anzuschließen.»

«Hörten Sie nichts von dem Juden?»

«Er wird in diesem Augenblick bereits festgenommen sein.»

«Haben Sie Ihren Entschluß gefaßt?» fragte Brownlow Monks leise.

«Ja. Sie -- Sie werden mich nicht ausliefern?»

«Nein. Aber Sie bleiben hier, bis ich zurückkehre. Ihre Sicherheit hängt einzig davon ab.»

Brownlow und Losberne entfernten sich, und die Tür wurde wieder verschlossen.

«Was haben Sie ausgerichtet?» fragte Losberne flüsternd.

«Soviel ich hoffen konnte und mehr. Veranstalten Sie auf übermorgen abend die Zusammenkunft. Wir werden ein paar Stunden früher da sein, aber Ruhe bedürfen, besonders die junge Dame, die vielleicht größerer Festigkeit benötigt sein möchte, als Sie und ich jetzt voraussehen können. Doch mir kocht das Blut in den Adern, das arme ermordete Geschöpf zu rächen. Wohin muß ich meine Schritte richten?»

«Eilen Sie nur zuvörderst nach dem Polizeiamte; ich will hierbleiben.»

Die Herren nahmen hastigen Abschied voneinander, beide in einem unbezähmbaren Fieber von Aufregung.

50. Kapitel.

Verfolgung und Entkommen.

Unweit der Stelle des Themseufers, wo die Kirche von Rotherhithe steht und die Gebäude am erbärmlichsten und die Fahrzeuge auf dem Strome am schwärzesten aussehen vom Kohlenstaube und dem Rauche der eng aneinander gebauten niedrigen Häuser, befindet sich heutigestags die schmutzigste, widerwärtigste und unheimlichste der vielen in London versteckten und der großen Mehrzahl der Bewohner der Hauptstadt selbst dem Namen nach unbekannten Örtlichkeiten.

Um zu ihr zu gelangen, muß man sich durch ein Labyrinth von kotigen und engen Straßen hindurchwinden, die von den rohesten und ärmsten Uferbewohnern erfüllt und ihrem Verkehre gewidmet sind. In den Läden schaut man die wohlfeilsten und uneinladendsten Nahrungsmittel, an den Fenstern und Türen der Altkleiderhändler die verschiedenartigsten Lumpen. Man arbeitet und stößt sich mühsam weiter durch das Gedränge unbeschäftigter Menschen der niedrigsten Klasse, Last- und Kohlenträger, frecher Weiber, zerlumpter Kinder, des recht eigentlichen Themseabschaums, indem ekelhafte Gegenstände und Düfte in allen Richtungen das Auge und den Geruchsinn beleidigen und das Ohr durch verwirrtes Geräusch aller Art betäubt wird. Gelangt man endlich in die noch entlegneren, minder besuchten Winkelgassen, so scheinen wankende Häuser zu beiden Seiten mit augenscheinlichem Einsturze zu drohen, und man sieht, wohin man blickt, halb eingefallene Schornsteine, erblindete oder zerschlagene Fenster und was nur sonst an Armut und Vernachlässigung erinnern mag.

In einer solchen Umgebung, jenseits Dockhead im Borough Southwark, befindet sich die Jakobsinsel, umgeben von einem Sumpfgraben von sechs bis acht Fuß Tiefe und fünfzehn bis zwanzig Fuß Breite zur Flutzeit, vormals der Mühlgraben genannt, jetzt bekannt unter dem Namen Folly Ditch. Sie ist eine Art Strombucht und kann bei hohem Wasser durch Öffnung der Schleusen bei den Leadmühlen, von welchen sie ihre alte Benennung hat, ganz unter Wasser gesetzt werden. Steht man, wenn dies geschieht, auf einer der hölzernen Brücken, die bei der Mühlengasse über sie hinüberführen, so kann man sehen, wie die Bewohner der Häuser zu beiden Seiten an den Hintertüren und Fenstern Eimer und Küchengerät aller Art herunterlassen, um Wasser zu schöpfen, und erblickt hölzerne Galerien, welche ein halbes Dutzend Hinterhäuser verbinden, mit Löchern, aus denen sich auf die Lache hinunterschauen läßt; verklebte und verstopfte Fenster, aus welchen Stangen hervorstehen zum Trocknen von Wäsche, die nicht vorhanden ist; die denkbar engsten, dumpfigsten, finstersten Gemächer; halbversunkene, mißfarbige Wände und zahllose ähnliche Anzeichen des Verfalls und Elends.

Die Warenhäuser der Jakobsinsel stehen leer und haben weder Dächer noch Fenster noch Türen. Dem lebhaften Verkehre, der hier vor einigen Jahrzehnten stattfand, ist Verödung gefolgt. Die Häuser haben keine Eigentümer, stehen unbewohnt oder werden erbrochen und bewohnt von Leuten, die den Mut dazu und sonst keine Wohnstätte haben, bei welchen entweder starke Beweggründe obwalten, in tiefer Verborgenheit zu leben, oder die sich in der allerbedürftigsten und jammervollsten Lage befinden.

In einem oberen Gemache eines dieser Häuser, das etwas abgesondert stand, in anderen Beziehungen zu den verfallensten gehörte, aber stark befestigte Türen und Fenster hatte, von welchen die hinteren auf das beschriebene sumpfige Gewässer hinausgingen, saßen drei Männer in tiefem düsteren Stillschweigen, einander von Zeit zu Zeit Blicke der Bangigkeit und angstvollen Erwartung zuwerfend. Es waren Toby Crackit, Tom Chitling und ein Raubgeselle von etwa fünfzig Jahren, dem einst die Nase fast plattgeschlagen worden, und dessen Gesicht eine grauenvolle Narbe hatte, ohne Zweifel gleichfalls infolge einer Schlägerei. Er war ein zurückgekehrter Deportierter und hieß Kags.

«Ich wollte,» nahm endlich Toby, zu Chitling sich wendend, das Wort, «daß Ihr Euch ein anderes Bayes ausgesucht hättet, als Euch die beiden alten zu warm wurden, und nicht hierher gekommen wäret.»

«Freilich», stimmte Kags bei; «warum tat'st das nicht, Dummkopf?»

«Ich glaubte, Ihr würdet etwas vergnügter gewesen sein, mich zu sehen», antwortete Chitling mit trübseliger Miene.

«Ja seht, junger Herr,» sagte Toby, «wenn sich einer so exklusiv hält, wie ich's getan habe, und somit in 'nem gemütlichen Hause sitzt, da niemand reinguckt und das niemand umschnüffelt, so ist's ein verfluchtes Ding, die Ehre 'nes Besuchs von 'nem jungen Gentleman in Eurer Lage zu haben, so respektabel und angenehm es sonst sein mag, nach Umständen Karten mit ihm zu spielen.»

«Besonders,» fügte Kags hinzu, «wenn der exklusive junge Gentleman 'nen Freund bei sich hat, der aus fremden Ländern eher zurückgekehrt ist, als er erwartet wurde, und zu viel Bescheidenheit besitzt, um zu wünschen, nach seiner Heimkehr den Richtern vorgestellt zu werden.»

Toby Crackit schwieg eine Zeitlang und fragte darauf Chitling, doch nicht mehr in seinem leichtfertig renommistischen Tone, wann Fagin ergriffen worden wäre.

«Heute nachmittag um zwei Uhr», erwiderte Tom. «Charley und ich entkamen durch den Waschhausschornstein, und Bolter plumpste mit dem Kopfe zuerst in 'ne leere Wassertonne hinein; aber seine langen Beine standen heraus, und er wurde auch gefaßt.»

«Und Bet?»

«Sie ging, um die Leiche anzusehen, und fing an zu toben und zu rasen bei dem Anblicke und wollte sich den Kopf einrennen. Sie legten ihr drum 'ne Zwangsjacke an und brachten sie ins Tollhaus, wo sie noch ist.»

«Was ist denn aus dem Bates geworden?» fragte Kags.

«Er wird hier sein, sobald es dunkel geworden ist, und treibt sich solange herum, wo er kann. Die aus 'n Krüppel sitzen alle, und die ganze Schenkstube ist voll von Polizei; ich hab's mit meinen eigenen Augen gesehen.»

«Da wird noch manch einer mit hineinverwickelt werden», bemerkte Toby, sich auf die Lippen beißend.

«'s ist Schwurgerichtssaison,» sagte Kags, «und wenn Bolter gegen Fagin aussagt, was er ohne Zweifel tun wird, so baumelt der Jude bei Gott nach sechs Tagen.»

«Ihr hättet nur die Leute toben hören sollen», fuhr Chitling fort. «Hätten die Schuker nicht wie Teufel gefochten, so wär ihnen Fagin vom Volk entrissen. Er sah aus wie durch Kot und Blut gezogen, denn einmal war er schon niedergeschlagen und hing sich an die Schuker, als wenn sie seine teuersten Freunde gewesen wären. Sie mußten ihn in die Mitte nehmen, und der andrängende wütende Haufen war wie 'ne Herde reißender, nach seinem Blute lechzender Wölfe und lärmte wie besessen, und die Weiber schrien, daß sie ihm das Herz aus'm Leibe reißen wollten.»

Alle drei saßen einige Minuten entsetzt und schweigend da, als plötzlich auf der Treppe ein Geräusch ertönte und unmittelbar darauf Sikes' Hund hereinsprang. Sie liefen an das Fenster; er mußte durch irgendeine Öffnung hereingekommen sein; sein Herr war jedoch nicht zu sehen.

«Was ist dies?» sagte Toby, nachdem sie vom Fenster zurückgetreten waren. «Ich will doch hoffen, daß er nicht hierher kommt?»

«Wenn er das gewollt hätte, würd' er mit dem Hunde gekommen sein, der gerade so aussieht, als wenn er weit hergelaufen wäre», meinte Kags.

«Aber woher kann er gekommen sein?» fuhr Toby fort. «Hm! er hat Fremde in den andern Häusern gefunden, und hier ist er schon öfter gewesen. Aber warum kommt er ohne ihn?»

«Er» (keiner nannte den Mörder bei seinem Namen), «er ist sicher übers Wasser,» sagte Kags, «und er hat den Hund zurückgelassen, der sonst nicht so ruhig daliegen würde.»

Als es dunkel geworden war, verschlossen sie den Fensterladen und zündeten Licht an. Die schrecklichen Ereignisse der beiden letzten Tage hatten sie mit Furcht und Entsetzen erfüllt. Sie schreckten bei jedem Laute zusammen und flüsterten nur von Zeit zu Zeit ein paar Worte, als wenn das Gespenst der Ermordeten im Hause umginge. Plötzlich wurde laut an die Haustür geklopft. Crackit sah aus dem Fenster und erblaßte. Sie berieten, und das Ergebnis war, daß er eingelassen werden müsse. Crackit ging und kehrte bald darauf mit einem Manne zurück, der mehr wie des Mörders fürchterlicher Geist als wie Sikes selber aussah, mit seinen erdfahlen, eingefallenen Wangen, erloschenen, tiefliegenden Augen und langgewachsenem Barte. Er wollte sich auf einen Stuhl am Tische niederlassen, schauderte aber und schob den Stuhl dicht an die Wand.

Kein Wort war noch gesprochen worden. Seine Blicke schweiften von dem einen zum andern. Ward ein Auge aufgeschlagen und begegnete dem seinigen, so wurde es augenblicklich wieder gesenkt. Als er endlich das Stillschweigen brach, schreckten alle drei bei dem nie vernommenen hohlen Tone seiner Stimme zusammen.

«Wie kam der Hund hier ins Haus?» fragte er.

«Allein. Vor drei Stunden.»

«Es heißt, daß Fagin eingezogen wäre. Ist's wahr oder gelogen?»

«Vollkommen wahr.»

Es trat ein abermaliges Schweigen ein.

«Geht alle zur Hölle!» hub Sikes endlich, mit der Hand über die Stirn fahrend, wieder an. «Habt ihr mir nichts zu sagen?»

Es erfolgte eine unruhige Bewegung unter ihnen, aber niemand sprach.

«Ihr, der Ihr hier Herr im Hause spielt,» fuhr Sikes zu Crackit gewandt, fort, «denkt Ihr mich zu verkaufen oder mich hier unterducken zu lassen, bis die Hetze vorbei ist?»

«Ihr könnt bleiben, wenn Ihr Euch hier für sicher haltet», antwortete Toby zögernd.

Sikes blickte oder machte vielmehr nur den Versuch, hinter sich an der Wand hinaufzublicken, und sagte: «Ist -- ist sie -- ist die Leiche schon beigesetzt?»

Das Kleeblatt schüttelte die Köpfe.

«Warum nicht?» fuhr er, ebenso hinter sich blickend, fort. «Warum lassen sie ein so häßliches Ding über der Erde? -- Wer klopft da?»

Toby erwiderte, es wäre nichts zu fürchten, ging hinaus und trat mit Charley Bates wieder herein. Sikes saß der Tür gegenüber, so daß die Blicke des Knaben sogleich auf seine Gestalt fielen.

«Toby,» sagte Charley, «warum habt Ihr mir das unten nicht gesagt?»

Sikes sah die drei zusammenschrecken und hielt dem Knaben die Hand zutunlich schmeichelnd entgegen, denn es bemächtigte sich seiner ein unnennbares Entsetzen.

«Laß mich in ein anderes Zimmer gehen», sagte Charley, sich zurückziehend.

«Charley», sagte Sikes, aufstehend und ein paar Schritte vortretend: «wie -- kennst du mich nicht?»

«Kommt mir nicht näher!» rief der Knabe, noch weiter zurückweichend und schaudernd dem Mörder in das Angesicht blickend. «Ihr Ungeheuer -- Ihr Unmensch!»

Sikes stand auf halbem Wege still, und beide blickten einander an; aber dann senkte der Mörder allmählich die Augen zu Boden.

«Ich nehm' euch drei zu Zeugen,» rief der Knabe, die geballte Faust schüttelnd und im Fortreden einen immer heftigeren Ton annehmend, «ich nehm' euch drei zu Zeugen, daß ich mich nicht vor ihm fürchte, und wird er hier gesucht, so zeig' ich ihn selbst an. Ich sag's euch rund heraus, er kann mich totschlagen, wenn's ihm beliebt, oder wenn er's wagt, aber bin ich hier, so zeig' ich ihn selbst an, würd' ihn anzeigen, und wenn er lebendig geröstet werden sollte. Hilfe! Mörder! Wenn ihr nicht alle drei elende Memmen seid, so steht ihr mir bei. Hilfe! Mörder! Nieder mit ihm!»

Er warf sich bei diesen Worten allein auf den riesenstarken Mann, und zwar so wütend und plötzlich, daß beide zu Boden stürzten. Die drei Zuschauer waren wie betäubt, machten nicht einmal Miene, sich in das Mittel zu legen, und der Knabe und der Mann wälzten sich um und um, indem jener der auf ihn herabregnenden Streiche nicht achtete, die Kleider des Mörders immer fester vor der Brust desselben faßte, und nicht aufhörte, aus aller Macht nach Hilfe zu rufen.

Der Kampf war jedoch zu ungleich, um lange währen zu können. Sikes hatte seinen Gegner unter sich gebracht und setzte ihm das Knie auf die Kehle, als ihn Crackit mit bestürzter Miene emporriß und nach dem Fenster hinwies. Es schimmerten Lichter auf der Straße unten, eifrige Stimmen ertönten, von der nächsten Brücke her wurde der unaufhörliche Schall von Fußtritten vernommen, wie wenn eine zahllose Menschenmenge herüberkäme, unter welcher sich ein Berittener zu befinden schien, denn man hörte deutlich das Geräusch von Rossehufen auf dem unebenen Steinpflaster. Es wurde immer heller, der Nahenden Anzahl immer größer, und endlich wurde laut an die Haustür geklopft, während ein heiseres Gemurmel unzähliger zorniger Stimmen auch wohl den Beherztesten mit Beben erfüllte.

«Hilfe, zu Hilfe!» schrie der Knabe im durchdringendsten Tone. «Hier ist er, hier ist er! Brecht die Tür auf!»

«In des Königs Namen!» wurde draußen gerufen und wiederum erhob sich, nur lauter, das zornige Gemurmel.

«Schlagt die Tür ein!» schrie Charley. «Sie öffnen sie nimmermehr. Schlagt die Tür ein und dann herauf, wo das Licht ist!»

Ein lautes Hussa ertönte, und es war, als wenn mit hundert und abermals hundert Knütteln und Stangen gegen die Fensterläden gehämmert würde.

«Macht mir das Loch da auf, daß ich diesen verfluchten kleinen schreienden Galgenstrick einschließen kann», rief Sikes wütend, schleuderte den Knaben in ein Gemach hinein, das Toby öffnete, und verschloß es. «Ist die Tür unten gut verwahrt?»

«Verschlossen und doppelt und dreifach verriegelt», erwiderte Crackit, der gleich den andern beiden kaum einen deutlichen Gedanken fassen zu können schien.

«Wie ist's mit den Wänden und Fenstern?» fragte Sikes weiter.

«Verwahrt wie ein Gefängnis.»

Jetzt öffnete Sikes das Fenster und rief trotzig hinunter: «Seid alle verdammt! Macht eure Sachen, so gut ihr könnt, ihr bekommt mich doch nicht!»

Erschütterndes Geschrei der wütenden Menge erfüllte die Luft. Einige riefen, man möge das Haus anzünden, andere, die Polizeidiener möchten den Mörder totschießen, und niemand zeigte eine solche unsinnige Wut wie der Reiter, der aus dem Sattel sprang, sich durch die Menge hindurchdrängte, als wenn er nur Wasser teilte, und dicht vor dem Hause mit einer den gräßlichen Lärm übertönenden Stimme rief: «Zwanzig Guineen, wer eine Leiter bringt.»

Und nunmehr riefen Hunderte nach Leitern und Schmiedehämmern, andere rannten mit Fackeln hin und her, und noch andere stießen Flüche und Verwünschungen aus, drängten wie rasend gegen die Tür oder versuchten an dem Hause emporzuklimmen.

«Es war Flutzeit, als ich kam», rief Sikes, das Fenster wieder verschließend. «Gebt mir 'nen Strick. Sie sind alle vorn. Ich kann mich hinten in den Graben 'nunterlassen und entkommen. 'nen Strick -- hurtig -- oder ich tue noch drei Mordtaten und mache mir dann selber den Garaus.»

Die drei von dem Schrecken Gelähmten wiesen nach einem Winkel hin, in welchem Stricke lagen. Sikes wählte hastig den stärksten und längsten aus, eilte hinauf und bestieg das Dach.