Oliver Twist

Part 29

Chapter 293,708 wordsPublic domain

Er befreite einen seiner Arme und ergriff seine Pistole; doch so wütend er war, der Gedanke, daß sogleich alles entdeckt werden würde, wenn er Feuer gäbe, flog ihm durch den Sinn, und er schlug sie daher mit aller Kraft, die er zu sammeln vermochte, zweimal auf das zu ihm emporgehobene, das seinige fast berührende Gesicht.

Sie wankte und stürzte, fast erblindet von dem aus einer tiefen Wunde in ihrer Stirn hervorströmenden Blute, zu Boden, richtete sich jedoch mühsam wieder auf die Knie, zog ein weißes Tuch -- das ihr von Rose geschenkte -- aus dem Busen und hielt es in den gefalteten Händen so hoch, als es ihre schwachen Kräfte erlaubten, zum Himmel empor und flehte um Erbarmen zu ihrem Schöpfer.

Sie war gräßlich anzuschauen. Der Mörder wankte zurück nach der Wand, hielt die Hand vor die Augen, um sie nicht zu sehen, ergriff einen schweren Knotenstock und schlug sie nieder.

48. Kapitel.

Sikes' Flucht.

In der ganzen großen Hauptstadt war an diesem Morgen sicher keine so greuliche, ruchlose Tat geschehen. Die Sonne -- die helle Sonne, die nicht bloß Licht, sondern neues Leben, Hoffnung und rüstige Frische den Menschen zurückbringt -- ging strahlend auf über der menschenerfüllten Stadt und ergoß ihren Glanz durch kostbar bemalte Scheiben wie durch papierverklebte Fenster und hinein in den himmelanstrebenden Dom wie in die schlechteste, niedrigste Hütte. Sie erhellte auch das Gemach, in welchem die ermordete Nancy lag. Sikes bemühte sich, dem Eindringen ihres Lichtes zu wehren, jedoch vergeblich, und hatte das Mädchen beim ungewissen Dämmerscheine des Morgens einen fürchterlichen Anblick dargeboten, so war ihre blutige Gestalt bei voller Tageshelle noch zehnmal unheimlicher und schauerlicher anzuschauen.

Sikes war aus Furcht nicht von der Stelle gewichen. Er hatte ein leises Ächzen der jammervoll Daliegenden vernommen, ein Zucken ihrer Hand gewahrt und aber- und abermals geschlagen, denn Schrecken und Angst waren bei ihm zu der Erbitterung des Hasses hinzugekommen. Er warf eine Decke über sie; doch es war noch fürchterlicher, im Geiste ihre Augen zu schauen, nach ihm sich wenden und dann emporstarren zu sehen, als wenn sie des Himmels Rache herabriefen. Er entfernte die Decke wieder, und da lag der schreckliche Leichnam, aus dessen Wunden das Blut noch langsam hervorquoll.

Er zündete Feuer an und steckte den Knotenstock hinein, an welchem Haare der Ermordeten klebten, die er, trotz seiner Eisenfestigkeit, mit Zagen von den Flammen ergreifen sah, und ließ ihn darin, bis er zerbrach und zu Asche verbrannte. Er wusch sich und rieb seine Kleider ab. Sie hatten Flecke, die nicht ausgehen wollten, und er schnitt die Stücke heraus und verbrannte sie. Das ganze Gemach war blutbefleckt -- sogar die Füße des Hundes waren blutig.

Er hatte während dieser ganzen Zeit nicht nach der Leiche zurückgesehen, nicht ein einziges Mal, und ging, den Hund mit sich fortziehend, ohne hinzublicken nach der Tür, verschloß sie und verließ das Haus. -- Er schritt quer über die Straße und schaute nach dem Fenster hinauf, um sich zu überzeugen, daß von außen nichts zu sehen wäre. Das Fenster war durch den Vorhang verhüllt, den sie aufziehen wollte, um dem Lichte freien Zugang zu verschaffen, das sie aber nie wiedersehen sollte. Ihre Leiche lag ganz in der Nähe -- er wußte es -- und wie hell die Sonne das Fenster erleuchtete!

Es war ihm jedoch Erleichterung, das Zimmer verlassen zu haben; er pfiff dem Hunde und entfernte sich eiligen Schrittes. Er ging durch Islington und über Highgate-Hill, ungewiß, wohin er sich wenden sollte, hatte endlich Hampstead hinter sich gelassen, befand sich im Freien, legte sich hinter eine Hecke, schlief ein, erwachte jedoch bald wieder und irrte von neuem umher, bald eilend, bald zögernd, rastlos selbst, wenn er bisweilen rastete. In Hendon gedachte er irgendwo einzukehren, allein sogar die Kinder vor den Türen schienen ihn argwöhnisch anzublicken, der Mut fehlte ihm, einen Trunk oder einen Bissen Brot zu fordern, und er suchte das Freie wieder auf, obwohl ihn die vielstündige Wanderung, die ihn immer und immer wieder auf denselben Fleck zurückführte, fast gänzlich erschöpft hatte.

Um neun Uhr abends wagte er sich endlich in ein kleines Gasthaus in Hatfield hinein. Im Schenkstübchen am Feuer saßen einige ländliche Arbeiter. Sie machten Platz für den unbekannten Gast, allein er setzte sich in den fernsten Winkel und aß und trank allein, seinem ermüdeten Hund von Zeit zu Zeit ein Stück zuwerfend. Die Arbeiter unterhielten sich von ganz gewöhnlichen Dingen, und er schlummerte schon ein, als lärmend ein Mann eintrat, der halb Hausierer, halb Marktschreier zu sein schien und sogleich anfing, seine Waren ruhmrederisch und unter mannigfachen Scherzen, wie sie zu dem Orte sich schicken mochten, anzupreisen.

«Diese Kügelchen hier», sagte er in Erwiderung auf eine Frage eines der Arbeiter, «sind ein untrügliches und unfehlbares Mittel, aus allerlei Art Zeug alle Arten von Flecken auszutilgen. Hat eine Dame ihre Ehre befleckt, so braucht sie nur ein solches Kügelchen zu genießen. Will ein Herr seine Ehre beweisen, kann er's ebensogut mit 'nem solchen Kügelchen tun als mit 'ner Pistolenkugel und noch besser, denn der Geschmack ist viel schlechter. Wer kauft? Das Stück 'nen Penny -- oder auch zwei Halbpence oder vier Heller -- mir ist's ganz gleich. Sie gehen so reißend ab, daß sie nur selten zu haben sind; vierzehn Wassermühlen, sechs Dampfmaschinen und eine galvanische Batterie sind unaufhörlich in Arbeit und können nicht schnell genug fabrizieren, um die Käufer zu befriedigen, obgleich die angestellten Arbeiter sich totarbeiten und die Witwen mit zwanzig Pfund jährlich für jedes Kind pensioniert werden und mit 'ner Prämie für Zwillinge. Alle Flecke gehn davon aus, Fettflecke, Wein- und Farbe- und Wasser- und Blutflecke. Schauen Sie hier! Da ist ein Fleck auf dem Hute 'nes Gentleman, den ich 'runterbringen werde, eh' er mir 'nen Krug Ale bringen lassen kann.»

«Wollt Ihr wohl meinen Hut liegen lassen!» rief Sikes emporschreckend.

«Sir,» fuhr der Hausierer, den Arbeitern zublinzelnd, fort, «ich werde den Fleck 'runter haben, eh' Sie zu mir herkommen können. Gentlemen, Sie bemerken den dunkeln Fleck auf dem Hute des Gentleman, nicht größer als ein Schilling, aber dicker als eine halbe Krone. Gleichviel, ob's ein Fettfleck ist, oder ein Wein-, ein Farbe-, ein Wasser- oder ein Blutfleck --»

Er kam nicht weiter, denn Sikes stieß mit einer schrecklichen Verwünschung den Tisch um, entriß ihm den Hut, schritt wütend aus dem Hause hinaus und wandte sich in derselben Verwirrung und Unentschlossenheit, die ihn, ihm selber zum Trotze, den ganzen Tag nicht hatte verlassen wollen, wieder nach der Stadt zurück. Vor dem Posthause stand eine Londoner Diligence, und sorgfältig den Schein ihrer Laternen meidend, näherte er sich ahnungsvoll, um zu horchen.

Er hatte eine Zeitlang dagestanden, als ein Wildwärter zu dem Kondukteur trat, der am Fenster des Bureaus auf seine Abfertigung wartete, und ihn fragte, ob es nichts Neues gäbe.

«Das Korn ist ein bissel gestiegen», lautete die Antwort. «Auch hörte ich von 'ner Mordtat, begangen in der Gegend von Spitalsfield -- doch wer weiß? Es wird entsetzlich gelogen.»

«Es ist vollkommen wahr», nahm ein Reisender das Wort. «Es ist eine höchst schauderhafte Mordtat gewesen.»

«Ist sie denn an einem Manne oder an einer Frau begangen, Sir?»

«An einem Mädchen, und man sagte --»

Hier wurde der Kutscher ungeduldig und rief dem Kondukteur zu, daß er sich beeilen möchte.

«Komme schon,» rief der Kondukteur heraustretend zurück, «wie auch die reiche junge Dame schon kommt, die sich in mich verlieben wird, ich weiß nur nicht, wann.»

Er stieg hinauf, stieß in sein Horn, und die Diligence rasselte fort.

Sikes stand da, anscheinend unbewegt und nur zweifelhaft, wohin er sich wenden sollte. Endlich schlug er den Weg nach St. Albans ein.

Als er die Stadt hinter sich hatte und sich in der Finsternis auf der einsamen Straße befand, bemächtigte sich seiner eine Beängstigung, so furchtbar, wie wenn sie ihm das Herz abdrücken wollte. Alles um ihn her, wirkliche Gegenstände wie Schatten, ob es sich regen mochte oder nicht, nahm eine schreckliche Gestalt an; allein noch unendlich fürchterlicher war die greuliche der Erschlagenen, die ihm dicht auf den Fersen mit feierlichen, geisterhaften Schritten nachfolgte. Er sah sie deutlich in der Finsternis, hörte ihre Kleider in den Blättern rauschen, und jeder Windhauch führte seinem Ohre ihr letztes leises Ächzen zu. Stand er still, so tat sie es ihm nach; lief er, so folgte sie ihm auch -- nicht im Laufe, was ihm eine Herzenserleichterung gewesen sein würde -- sondern wie eine Leiche, begabt nur mit mechanischer Bewegungskraft und getragen von einem traurigen, langsam daherrauschenden und sich weder verstärkenden noch abnehmenden Lufthauche.

Mehreremal drehte er sich mit einem verzweifelten Entschlusse um, gewillt, das Phantom zu verscheuchen, und wenn es ihn mit seinen Blicken tötete; aber dann stand ihm das Haar zu Berge und das Blut still, denn die Gestalt hatte sich mit ihm umgedreht und war fortwährend hinter ihm. Am Morgen war sie vor ihm hergegangen -- jetzt folgte sie ihm. Er stellte sich mit dem Rücken an die Wand eines steilen Grabens und hatte das Gefühl, daß sie, in deutlichen Umrissen gegen den kalten Nachthimmel abstechend, vor ihm stand. Er warf sich nieder auf die Straße, und sie stand ihm zu Häupten, aufgerichtet, stumm und regungslos, gleich einem lebendigen Grabsteine mit blutgeschriebener Inschrift.

Sage niemand, daß Mörder der Gerechtigkeit entgingen oder daß die Vorsehung schlummere! Der Mörder Sikes erduldete in einer einzigen Minute die Angst und Pein eines gewaltsamen Todes hundertfach.

Er erblickte einen Schuppen in einem Felde, welcher ein Obdach für die Nacht darbot. Vor der Türe desselben standen drei hohe Pappelbäume, die das Innere noch finsterer machten, und der Wind säuselte unheimlich in ihren Blättern. Es war unmöglich, er konnte nicht bis zu Tagesanbruch fortwandern und streckte sich dicht an der Wand nieder -- um neuen Qualen zum Raube zu werden. Denn jetzt trat ein Gesicht vor ihn, noch schrecklich beharrlicher und grausiger als das, welchem er entronnen war. Zwei starre, halbgeöffnete Augen, glanzlos und gläsern, erschienen ihm mitten in der Finsternis, hatten ihr eignes Licht, gaben aber keins von sich. Es waren ihrer nur zwei, aber sie waren überall. Bedeckte er seine Augen, so stand sein Zimmer mit allem, was es enthielt, so deutlich vor ihm, wie wenn er sich darin befände. Alles war an seinem Orte, auch die Leiche an dem ihrigen, und ihre Augen waren so gläsern und starr wie in der Minute, als er hinausschlich. Er sprang auf und eilte wieder in das Freie. Die Gestalt war hinter ihm. Er ging in den Schuppen zurück und drückte sich wieder dicht an die Wand, und die Augen waren wieder da, noch bevor er sich niedergelegt hatte.

Er bebte an allen Gliedern, und kalter Angstschweiß bedeckte ihn von Kopf bis zu Füßen, als plötzlich aus weiter Ferne verwirrtes Rufen und Schreien an sein Ohr drang. Es erschien ihm als eine Wohltat, eine wirkliche Ursache zu Furcht und Schrecken zu erhalten. Kraft und Mut kehrten ihm bei der Aussicht auf persönliche Gefahr zurück, er raffte sich auf, eilte hinaus und sah den Himmel weithin von einer furchtbaren Feuersbrunst gerötet. Die Sturmglocke ertönte, und lauter und lauter wurde der Lärm und das Getöse. Es war ihm, als wäre ein neues Leben in ihm erwacht. Er rannte, sein Hund wie toll vor ihm her, nach der Richtung hin, über Hecken und Gräben, Mauern und Tore, kein Hindernis achtend, und langte atemlos an.

Es standen viele Häuser in Flammen, und die Angst, das Geräusch, die Verwirrung waren grenzenlos. Er schrie selbst mit, bis er heiser war, und stürzte sich, um seinem Gedächtnisse und sich selbst zu entfliehen, in den dichtesten Haufen, arbeitete bald an den Spritzen, erstieg bald auf wankenden Leitern die höchsten Dachgiebel, war überall und trotzte jeder Gefahr; allein er schien ein bezaubertes Leben zu haben und empfand, bis der Tag graute, keine Spur von Ermüdung, trug nicht die kleinste Brandwunde, keine Beule, keine Schramme davon.

Als jedoch die wahnsinnige Aufregung vorüber war, kehrte ihm mit zehnfacher Gewalt das schreckliche Bewußtsein seines Verbrechens zurück. Er blickte argwöhnisch umher, denn die Leute standen hier und da beieinander und redeten untereinander, und er fürchtete, der Gegenstand ihrer Gespräche zu sein. Der Hund gehorchte seinem Winke, und beide stahlen sich davon. Die Wärter einer Spritze forderten ihn auf, ihren Morgenimbiß mit ihnen zu teilen. Er nahm ein Stück Brot und einen Trunk Bier an. Sie waren aus London und fingen an, von der Mordtat zu sprechen. «Er ist nach Birmingham gegangen,» sagte einer von ihnen, «aber sie werden ihn bald fassen, denn die Polizei hat ihre Späher schon ausgeschickt, und bis morgen wird nur der eine Schrei im ganzen Lande sein. >Wo ist der Mörder?<»

Er eilte fort und ging, solange die Füße ihn tragen wollten, warf sich an einem entlegenen Orte nieder, verfiel in einen langen, aber unruhigen, oft unterbrochenen Schlaf, setzte unentschlossen und ungewiß, geängstet von der Furcht vor einer zweiten einsamen Nacht, seine Wanderung wieder fort und faßte plötzlich den verzweifelten Entschluß, nach London zurückzukehren.

«Kann doch wenigstens dort mit jemand sprechen,» dachte er, «und hab' ein gutes Versteck. Sie suchen mich da am letzten. Ich halte mich 'ne Woche still, zwinge Fagin, zu blechen und schiffe 'nüber nach Frankreich. Gott verdamm mich, ich wag's!»

Sein Plan war, nach Dunkelwerden auf Schleichwegen Fagins Wohnung zu erreichen. Aber der mit ihm vermißte Hund konnte seine Entdeckung und Verhaftung veranlassen. Er beschloß, ihn zu ersäufen, hob einen schweren Stein auf und knüpfte denselben in sein Taschentuch. Ein Gewässer war in der Nähe, er lockte den Hund, allein lange mit vergeblicher Mühe; die Blicke seines brutalen Herrn mochten den Instinkt des Tieres noch verschärft haben. Sikes schmeichelte und drohte, der Hund kroch endlich zu ihm heran, sprang aber, als er sich plötzlich gefaßt fühlte, zurück, lief davon, und Sikes mußte seine Wanderung allein fortsetzen.

49. Kapitel.

Die endlich stattfindende Unterredung zwischen Monks und Mr. Brownlow.

Es wurde dunkel, als Mr. Brownlow mit zwei Männern aus einem Mietswagen stieg, der vor seinem Hause hielt; die letzteren halfen einem dritten Manne heraus und drängten ihn rasch durch die geöffnete Tür hinein. Der Mann war Monks.

Brownlow ging ihnen schweigend in ein hinteres Zimmer voran. Vor der Tür desselben stand Monks widerstrebend still, und die beiden handfesten Männer sahen Brownlow fragend an.

«Entweder oder», sagte Brownlow. «Die Folgen des einen wie des andern sind ihm bekannt. Weigert er sich, hineinzugehen, so führt ihn aus dem Hause, ruft die Polizei zu Hilfe und klagt ihn in meinem Namen als Kapitalverbrecher an.»

«Wie können Sie sich unterstehen, mich so zu nennen?» fuhr Monks auf.

«Wie können Sie es wagen, mich zu einer Anklage gegen Sie zu drängen, junger Mensch?» entgegnete Brownlow, ihn sehr bestimmt anblickend. «Werden Sie unsinnig genug sein, mein Haus zu verlassen? Laßt ihn los! So, Sir. Sie können jetzt gehen -- und wir können Ihnen nachfolgen. Aber ich gebe Ihnen mein Wort darauf, sobald Sie den Fuß vor die Tür setzen, sind Sie auch schon wegen Betruges und Raubes verhaftet. Ich bin fest entschlossen. Sind Sie es auch -- nun wohl! -- aber Ihr Blut kommt auf Ihr eigenes Haupt.»

«Aus wessen Macht bin ich auf offener Straße aufgegriffen und von diesen Schuften hierher gebracht worden?»

«Ich verantworte, was die Leute getan haben. Beklagen Sie sich über Freiheitsberaubung -- es stand in Ihrer Gewalt, ihr auf dem Wege hierher ein Ende zu machen; Sie erachteten es aber selbst für rätlich, sich ruhig zu verhalten. Wollen Sie die Gesetze anrufen -- tun Sie's; allein ich werde es gleichfalls tun und Ihnen keine Milde mehr zeigen, mich nicht bemühen, Sie zu retten, wenn die Sachen erst einmal vor den Richter gekommen sind.»

Monks war offenbar unentschlossen geworden.

«Entschließen Sie sich rasch», fuhr Brownlow mit ruhiger Festigkeit fort. «Wollen Sie, daß ich Anklagen gegen Sie vorbringe, deren Ausgang ich schaudernd vorhersehe, so wissen Sie, was Sie zu tun haben; wünschen Sie Nachsicht und Vergebung von mir und den von Ihnen schwer Gekränkten, so treten Sie hinein und nehmen Sie, ohne ein Wort zu sagen, dort auf jenem Stuhle Platz, der schon zwei Tage auf Sie gewartet hat.»

Monks zögerte noch einige Augenblicke, ging indes endlich hinein und setzte sich. Brownlow befahl den beiden Männern, die Tür zu verriegeln und wieder zur Stelle zu sein, wenn er klingelte.

«Eine saubere Behandlung, die ich von dem ältesten Freunde meines Vaters erfahre», sagte Monks, Hut und Mantel ablegend.

«Gerade weil ich Ihres Vaters ältester Freund bin, junger Mann,» erwiderte Brownlow, «weil einst die Hoffnungen und Wünsche meiner glücklichen Jugendzeit an ihn sich anknüpften und an ein holdes Wesen von seinem Blute, das in seinen jungen Jahren zu Gott zurückkehrte und mich einsam und allein hier zurückließ; -- weil er, noch ein Knabe, mit mir an seiner einzigen Schwester Sterbebette kniete, an dem Morgen kniete, der sie, wenn es der Himmel nicht anders gewollt hätte, zu meinem Weibe gemacht haben würde: -- weil mein wundes Herz von der Zeit an bis zu seinem Tode bei all seinen Prüfungen und Irrtümern an ihm hing; -- weil alle teure Erinnerungen an ihn mein Herz erfüllen und selbst durch Ihren Anblick erneuert werden; -- das alles ist es, weshalb ich Sie jetzt nachsichtig behandle -- ja, Eduard Leeford, sogar jetzt -- Sie, der Sie erröten müssen, dieses Namens so unwürdig zu sein.»

«Was hat der mit der Sache zu schaffen?» fragte Monks, der verstockt und stumm-verwundert die Bewegung des alten Herrn gewahrt hatte. «Was gibt mir der Name?»

«Freilich gilt er Ihnen nichts», versetzte Brownlow. «Er war aber der Ihrige, und noch glüht und erhebt mir altem Manne in so weiter Zeitenferne das Herz wie sonst, wenn ich ihn nur von fremden Lippen nennen höre. Ich bin sehr, sehr erfreut, daß Sie ihn mit einem anderen vertauscht haben.»

«Das klingt alles gar prächtig», sagte Monks nach einem langen Stillschweigen, während dessen er sich trotzig hin und her gewiegt und Brownlow, die Augen mit der Hand bedeckend, dagesessen hatte. «Aber was wollen Sie von mir?»

«Sie haben einen Bruder, dessen Name, in Ihr Ohr geflüstert, als ich auf der Straße hinter Ihnen ging, fast allein schon genügte, Sie zu veranlassen, erstaunt und erschreckt mich hierher zu begleiten.»

«Ich habe keinen Bruder. Sie wissen, daß ich das einzige Kind war, wissen es ebensogut wie ich selbst.»

«Hören Sie, was ich weiß, und Sie werden schon anders reden, schon aufmerken auf das, was ich Ihnen sage. Ich weiß allerdings, daß Sie der einzige und höchst unnatürliche Sprößling aus der unseligen Verbindung waren, zu welcher elender Familienstolz Ihren unglücklichen Vater fast noch als Knaben nötigte.»

«Es gilt mir gleich, wie harte Ausdrücke Sie wählen mögen», unterbrach ihn Monks mit einem höhnischen Lachen. «Sie sind mit der Sache bekannt, und das ist mir genug.»

«Mir sind aber auch das Elend und die langen Qualen bekannt,» fuhr Brownlow fort, «welche der unpassenden Verbindung folgten. Ich weiß, unter welcher Pein das unglückliche Paar seine Kette durch die ihm vergällte Welt nachschleppte; weiß, daß auf förmliche Gleichgültigkeit Beleidigungen, Widerwille, Haß und Abscheu folgten, bis sie sich endlich trennten, um fern voneinander zu leben und in anderen Kreisen die lange Quälerei zu vergessen. Und Ihre Mutter vergaß sie bald, Ihren Vater aber drückte sie noch jahrelang zu Boden.»

«Was weiter, als sie sich voneinander getrennt hatten?»

«Die zehn Jahre ältere Gattin vergaß unter Zerstreuungen auf dem Festlande den jugendlichen Gatten, der daheim sein geknicktes Leben vertrauerte, bis er eine Verbindung mit neuen Freunden anknüpfte -- und zum wenigsten dieser Umstand ist zu Ihrer Kenntnis gelangt.»

«Nein», sagte Monks, die Blicke wegwendend und auf den Boden stampfend, wie jemand, der alles abzuleugnen entschlossen ist. «Nein!»

«Ihr Benehmen und Ihre Handlungen überzeugen mich, daß Sie ihn nie vergessen, nie aufgehört haben, mit Bitterkeit daran zurückzudenken. Ich rede von der Zeit vor fünfzehn Jahren, wo Sie erst elf Jahre alt waren, und Ihr Vater nur einunddreißig zählte, -- denn, wie gesagt, er war fast noch ein Knabe, als ihn sein Vater zu heiraten zwang. Muß ich Dinge erwähnen, die einen Schatten auf das Andenken Ihres Erzeugers werfen, oder wollen Sie es mir ersparen und mir die Wahrheit enthüllen?»

«Ich habe nichts zu enthüllen!» erwiderte Monks in offenbarer Verwirrung. «Reden Sie weiter, wenn Sie es nicht lassen können.»

«Nun wohl», sagte Brownlow. «Die neuen Freunde waren zunächst ein Flottenoffizier, der sich aus dem aktiven Dienste zurückgezogen, und dessen Frau vor einem halben Jahre gestorben war. Sie hatten mehrere Kinder gehabt, von denen nur zwei die Mutter überlebten, beide Töchter, die eine schön und neunzehn, die andere ein Kind, zwei bis drei Jahre alt.»

«Was geht das mich an?» fragte Monks.

«Sie wohnten», fuhr Brownlow, anscheinend ohne die Unterbrechung zu beachten, fort, «in einer Grafschaft, in welche Ihren Vater seine Streifereien geführt, und wo auch er seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte. Bekanntschaft, vertraulicher Umgang und Freundschaft folgten schnell aufeinander. Ihr Vater war begabt, wie es wenige Männer sind -- er hatte seiner Schwester Züge und Seele. In dem Maße, wie der alte Offizier ihn kennen lernte, begann er, ihn wahrhaft zu lieben. Daß es dabei geblieben wäre! Doch seine Tochter tat dasselbe.»

Der alte Herr hielt inne, sprach aber bald weiter, da er sah, daß sich Monks in die Lippen biß und die Blicke an den Boden heftete.

«Sie war am Schlusse des Jahres mit Ihrem Vater verlobt, feierlich verlobt, Ihr Vater der Gegenstand der ersten, treuinnigen, glühenden, einzigen Liebe eines arglosen, unerfahrenen Mädchens.»

«Ihre Erzählung wird lang», bemerkte Monks, unruhig hin und her rückend.

«Sie ist eine wahre und traurige,» versetzte Brownlow, «und Geschichten dieser Art pflegen lang zu sein; wenn sie von ungetrübtem Glücke handelte, so wäre sie ohne Zweifel sehr kurz. -- Endlich starb einer der reichen Verwandten, dessen Einfluß zu verstärken Ihr Vater von Ihrem Großvater geopfert worden war, und hinterließ ihm seine Panazee für alles Wehe -- Geld. Er mußte nach Rom eilen, wo der Erblasser gestorben war und seine Angelegenheiten in großer Verwirrung hinterlassen hatte, erkrankte selbst am Tage nach seiner Ankunft und starb nach einiger Zeit, ohne für eine letztwillige Verfügung Sorge getragen zu haben, so daß sein ganzes Vermögen Ihrer Mutter und Ihnen zufiel, die mit Ihnen nach Rom eilte, sobald sie in Paris die Kunde seines Todes erhalten.»

Monks hielt hier den Atem an und hörte Brownlow in großer Spannung zu, obgleich er die Blicke nicht nach ihm hinwandte. Als Brownlow schwieg, veränderte er seine Stellung, wie wenn er sich plötzlich erleichtert fühlte, und fuhr mit dem Tuch über sein glühendes Antlitz. Brownlow sprach langsam und die Blicke fest auf ihn heftend, weiter: «Bevor er außer Landes ging und als er London berührte, kam er zu mir.»

«Davon habe ich nie gehört», unterbrach Monks in einem Tone, der Unglauben ausdrücken sollte, doch mehr auf eine unangenehme Überraschung hindeutete.