Oliver Twist

Part 28

Chapter 283,785 wordsPublic domain

«Nein, nein», entgegnete das Mädchen mit heiserer Stimme. «Ich will darauf schwören, daß das Wort >Sarg< auf jeder Seite des Buches mit großen, schwarzen Lettern gedruckt stand -- und erst vor kurzem, als ich hierher ging, ward einer dicht an mir vorübergetragen.»

«Das ist nichts Ungewöhnliches. Ich habe sehr oft Särge an mir vorübertragen sehen.»

«*Wirkliche* -- das war aber dieser nicht.»

Sie sprach dies alles in einem Tone, daß es den versteckten Lauscher kalt überlief, ja, daß ihm das Blut in den Adern erstarrte. Er hatte nie eine größere Herzenserleichterung empfunden, als in dem Augenblicke, da er die süße Stimme der jungen Dame -- Roses -- vernahm, die Nancy bat, sich zu beruhigen und sich nicht so entsetzlichen Gedanken hinzugeben.

«Reden Sie ihr freundlich zu, der Armen; sie scheint es zu bedürfen», fügte sie, zu ihrem Begleiter sich wendend, hinzu.

«Ihre hochmütigen, frommen Damen würden mich, wenn sie mich in dieser Nacht sähen, wie ich bin, verächtlich anblicken und mir vom ewigen Höllenfeuer und der Rache des Himmels predigen», rief das Mädchen aus. «Oh, meine teure junge Dame, warum sind die nicht, die Gottes Auserwählte sein wollen, so mild und gütig gegen uns arme Unglückliche wie Sie! Ach, Sie besitzen alles, was jene verloren haben, Jugend und Schönheit, und könnten gar wohl ein wenig stolz sein, statt so viel bescheidener.»

«Ah!» fiel der Herr ein; «ein Türke kehrt sein Antlitz, nachdem er es reinlich abgewaschen, nach Osten, indem er seine Gebete spricht. Jene guten Leute reiben an der rauhen Welt die Freundlichkeit von ihren Gesichtern ab und wenden sie dann nach der finsteren Seite des Himmels. Hab' ich zwischen dem Muselman und Pharisäer zu wählen, so lobe ich mir den ersteren.»

Er sprach die Worte zu der jungen Dame, doch vielleicht beabsichtigend, Nancy Zeit zu verschaffen, sich wieder zu sammeln. Bald darauf redete er das Mädchen an.

«Sie waren am vorigen Sonntagabend nicht hier.»

«Ich konnte nicht kommen -- wurde gewaltsam zurückgehalten.»

«Von wem?»

«Von Bill -- dem Manne, von dem ich der jungen Dame erzählt habe.»

«Ich will doch hoffen, daß niemand Verdacht wegen der Sache auf Sie geworfen hat, die uns jetzt zusammengeführt?» fragte der alte Herr besorgt.

«Nein», antwortete Nancy kopfschüttelnd. «Es ist aber nicht eben leicht für mich, ihn zu verlassen, ohne daß er weiß, warum, und ich würde auch zu der Dame nicht haben gehen können, hätt' ich ihm nicht, um mich von ihm entfernen zu können, einen Schlaftrunk gegeben.»

«War er denn vor Ihrer Rückkehr erwacht?»

«Nein; und so wenig, wie er selbst, hat sonst jemand Verdacht auf mich geworfen.»

«Gut. Hören Sie mich jetzt an. Diese junge Dame hat mir und einigen andern, das vollkommenste Zutrauen verdienenden Freunden mitgeteilt, was Sie vor vierzehn Tagen ihr anvertraut haben. Ich gestehe, anfangs Zweifel gehegt zu haben, ob man sich ganz auf Ihre Aussagen verlassen könnte, halte mich aber jetzt davon überzeugt.»

«Das können Sie allerdings sein», beteuerte Nancy.

«Ich wiederhole, daß ich es fest glaube; und um Ihnen zu beweisen, daß ich Ihnen zu vertrauen geneigt bin, sage ich Ihnen ohne Rückhalt, daß wir das Geheimnis, worin es auch bestehen mag, Monks durch Furcht zu entreißen gesonnen sind. Doch wenn -- wenn wir seiner nicht sollten habhaft werden können, oder wenn ihm nichts abzudringen wäre, so müssen Sie uns den Juden in die Hände liefern.»

«Fagin!» rief das Mädchen, plötzlich zurücktretend, aus.

«Ihn -- ja, ihn müssen Sie uns in die Hände liefern.»

«Nimmermehr -- das werd' ich nimmermehr tun», entgegnete Nancy; «werde es nie tun, solch ein Teufel er auch ist, und obwohl er ärger als ein Teufel an mir gehandelt hat.»

«Sie wollen also nicht?» fragte der Herr, der keine andere Antwort erwartet zu haben schien.

«In keinem Falle!»

«Dann sagen Sie mir, warum Sie es nicht wollen.»

«Aus einem Grunde,» erwiderte Nancy mit Festigkeit, «aus einem Grunde, den die Dame kennt, und ich weiß, denn ich habe ihr Versprechen, sie wird dabei auf meiner Seite stehen; und aus dem weiteren Grunde, weil ich -- ein so ruchloses Leben er auch geführt hat -- gleichfalls einen schlechten Wandel geführt habe. Viele von uns sind miteinander schlecht und böse gewesen, und ich will sie nicht verraten, die mich hätten verraten können und es, so schlecht sie sind, nicht taten.»

«Dann,» fiel der Herr lebhaft ein, als wenn er erreicht hätte, was er eben gewollt, «dann liefern Sie mir Monks in die Hände und überlassen Sie es mir, nach Gutdünken mit ihm zu verfahren.»

«Wie aber, wenn er die andern verrät?»

«Ich verspreche Ihnen, daß die Sache ruhen soll, sobald wir ihm die Wahrheit abgerungen haben. In Olivers kleiner Lebensgeschichte kommen ohne Zweifel Umstände vor, die man nur sehr ungern der Öffentlichkeit preisgeben würde, und ist nur die Wahrheit heraus, so soll niemand in Ungelegenheit kommen.»

«Aber wenn Sie sie nicht herausbekommen?»

«Dann soll der Jude nicht ohne Ihre Einwilligung vor Gericht gezogen werden, und ich glaube Ihnen für den Fall Gründe vorlegen zu können, nach deren Anhören Sie einwilligen werden.»

«Hab' ich dafür das Versprechen der Dame?» fragte Nancy mit Nachdruck.

«Ich gebe es Ihnen», nahm Rose das Wort; «gebe Ihnen die aufrichtigste und bestimmteste Zusage.»

«Monks soll nie erfahren, wie Sie zu der Kunde, die Sie durch mich besitzen, gelangt sind?» fuhr das Mädchen nach einem kurzen Stillschweigen fort.

«Nein -- nie,» erwiderte der Herr. «Er soll es nicht einmal vermuten können.»

«Ich bin eine Lügnerin gewesen und habe unter Lügnern gelebt von meiner frühsten Kindheit an, will aber Ihren Worten Glauben schenken», sagte Nancy nach einem abermaligen Stillschweigen.

Beide versicherten ihr, daß sie es getrost könne, und nunmehr nannte sie ihnen, so leise flüsternd, daß der Horcher nur sehr schwer zu verstehen vermochte, den Namen, den Stadtteil und die Straße der Taverne, aus welcher ihr Noah nach der Brücke gefolgt war. Sie sprach in kurzen Pausen; der Herr schien sich das Nötigste zu notieren. Als sie auch das Innere des Hauses beschrieben und angegeben hatte, wie es am besten beobachtet werden könnte, und an welchen Abenden und zu welchen Stunden es von Monks besucht zu werden pflegte, schien sie ein paar Augenblicke innezuhalten, um sich die Züge und das ganze Äußere desselben um so lebhafter zurückzurufen.

«Er ist groß,» sagte sie, «und kräftig gebaut, aber nicht stark; er hat einen lauernden Gang und blickt beim Gehen beständig erst über die eine und dann über die andere Schulter. Vergessen Sie das nicht, denn seine Augen liegen so tief wie nur immer möglich im Kopfe, so daß Sie ihn daran fast allein schon unter Tausenden zu erkennen vermögen. Er hat dunkles Haar und Augen und ein schwärzliches Gesicht, das aber ältlich und verfallen aussieht, obwohl er nicht über sechs- bis achtundzwanzig Jahre alt sein kann. Seine Lippen sind oft blau und durch Bisse entstellt, denn er hat fürchterliche Zufälle und beißt sich bisweilen sogar die Hände blutig -- warum stutzen Sie?» fragte sie plötzlich abbrechend.

Der Herr erwiderte hastig, daß er sich dessen nicht bewußt wäre, und er bat sie, fortzufahren.

«Ich mußte dies großenteils von andern herauslocken, um es Ihnen sagen zu können,» sprach das Mädchen weiter, «denn ich habe ihn nur zweimal gesehen, und beide Male war er in einen weiten Mantel eingehüllt. Mehr glaube ich Ihnen nicht -- doch ja! An seinem Halse, so hoch hinauf, daß man etwas davon sehen kann, wenn er sein Gesicht abwendet, ist --»

«Ein breites rotes Mal, wie von einer Brandwunde», fiel der Herr ein.

«Wie -- Sie kennen ihn?» rief das Mädchen aus.

Roses Lippen entfloh ein Ausruf des höchsten Erstaunens, und auf einige Augenblicke waren alle drei so stumm, daß der Horcher sie atmen hören konnte.

«Ich glaube es», unterbrach der Herr jedoch bald das Stillschweigen. «Nach Ihrer Beschreibung sollte ich ihn allerdings kennen. Wir werden indes sehen. Es gibt auffallende Ähnlichkeiten -- kann sein, daß er dennoch ein anderer ist.»

Er trat bei diesen, in einem verstellt gleichgültigen Tone gesprochenen Worten ein paar Schritte zurück, wobei er sich dem versteckten Kundschafter näherte, der ihn flüstern hörte: «Er muß es sein!» Gleich darauf sagte er wieder laut: «Junges Mädchen, Sie haben uns die wichtigsten Dienste geleistet, und ich wünsche Ihnen dankbar dafür zu sein. Was kann ich für Sie tun?»

«Nichts», erwiderte Nancy.

«So dürfen Sie nicht sprechen», fuhr der Herr in einem so dringenden und herzlichen Tone fort, daß auch ein weit verhärteteres Gemüt dadurch hätte gerührt werden mögen. «Ich bitte, sagen Sie es mir.»

«Ich muß dabei bleiben, Sir», entgegnete Nancy weinend. «Sie können nichts tun, mir zu helfen. Für mich ist wahrlich keine Hoffnung übrig.»

«Sie schneiden sich die Hoffnung selbst ab», fuhr der Herr fort. «Ihre Vergangenheit ist eine beklagenswerte Verschwendung unschätzbarer Jugendgaben gewesen, wie sie der Schöpfer nur einmal gibt und nicht wieder verleiht; auf die Zukunft aber können Sie Hoffnung setzen. Ich sage nicht, daß es in unserer Macht stehe, Ihnen Seelenfrieden zu bieten, der Ihnen nur in dem Maße werden kann, wie Sie selbst ihn suchen; wohl aber sind wir imstande, und es ist unser eifriger Wunsch, Ihnen einen stillen Zufluchtsort entweder im Lande oder, wenn Sie Furcht hegen, hierzubleiben, außer Landes zu verschaffen. Noch ehe der Morgen graut, sollen Sie Ihren bisherigen Genossen so gänzlich entrückt sein und so wenige Spuren hinter sich zurücklassen, als wenn Sie von der Erde verschwunden wären. Geben Sie unseren Vorstellungen und Bitten nach. Ich möchte nicht, daß Sie auch nur noch ein einziges Wort mit den Leuten Ihres bisherigen Umgangs wechselten, nur noch einen Blick auf die Stätte Ihres bisherigen Daseins würfen, oder die Luft nur wieder atmeten, welche Pest und Tod für Sie ist. Geben Sie unsern Bitten nach, während es noch Zeit ist, solange Sie noch können.»

«Sie läßt sich bewegen», rief Rose aus; «ich weiß es, sie faßt den rettenden Entschluß.»

«Nein, nein», erwiderte Nancy nach einem kurzen inneren Kampfe; «ich bin an mein bisheriges Leben gekettet. Ich verabscheue und hasse es jetzt, kann es aber nicht aufgeben. Ich war schon längst zu weit gegangen, um zurückkehren zu können -- und doch weiß ich nicht, ob ich es nicht versucht haben würde, wenn Sie vor einiger Zeit so zu mir gesprochen hätten. Doch diese Angst ergreift mich wieder,» setzte sie, sich hastig umwendend, hinzu: «ich muß nach Hause gehen.»

«Nach Hause?!» wiederholte Rose, großen Nachdruck auf die Worte legend.

«Nach Hause, Miß -- nach einem solchen Hause, wie ich es mir durch die ganze Mühe meines Lebens erbaut habe. Lassen Sie uns scheiden. Man wird mich beobachten oder sehen. Fort, fort von hier! Habe ich Ihnen einen Dienst geleistet, so erzeigen Sie mir nur die einzige Güte, zu gehen und mich allein nach Hause zurückkehren zu lassen.»

«Es ist vergeblich», sagte der Herr seufzend. «Wir gefährden vielleicht Ihre Person, wenn wir hier weilen, und haben Sie vielleicht schon länger aufgehalten, als Sie erwartet haben.»

«Ja, ja, das haben Sie», sagte Nancy.

«Was kann das Ende des Lebens der Ärmsten sein?» rief Rose aus.

«Schauen Sie hinunter in das finstere Wasser!» sagte das Mädchen. «Wie oft lesen Sie von meinesgleichen, die sich in die Fluten hinunterstürzen und kein lebendes Wesen, sie zu beweinen oder nur nach ihnen zu fragen, zurücklassen. Es können Jahre darüber hingehen oder vielleicht nur Monate, doch nicht besser wird zuletzt mein Ende sein.»

«O bitte, reden Sie nicht so», sagte Rose schluchzend.

«Sie werden nie davon hören, beste junge Dame, und Gott verhüte, daß solcher Graus -- Gute Nacht, gute Nacht!»

Der Herr wandte sich ab.

«Nehmen Sie um meinetwillen diese Börse,» sagte Rose, «damit es Ihnen in der Stunde der Not nicht an einer Hilfsquelle mangle.»

«Nein, nein», entgegnete das Mädchen. «Ich habe, was ich tat, nicht für Geld getan. Lassen Sie mir dieses Bewußtsein. Doch -- geben Sie mir ein Andenken -- etwas, das Sie getragen haben -- nein, nein, keinen Ring -- Ihre Handschuhe oder Ihr Taschentuch -- so, des Himmels Segen über Sie -- gute Nacht, gute Nacht!»

Ihre heftige Erregtheit und die Besorgnis einer Entdeckung, welche gefährlich für sie werden könnte, bewog den Herrn, sich ihrem Verlangen gemäß mit Rose zu entfernen. Auf der obersten Stufe angelangt, standen beide still.

«Horch!» flüsterte Rose. «Rief sie nicht? Ich glaube, daß ich ihre Stimme hörte!»

«Nein, mein liebes Fräulein», erwiderte Brownlow, traurig zurückblickend. «Sie hat sich nicht einmal leise geregt und wird es auch nicht eher, als bis wir fort sind.»

Rose zögerte noch immer, allein der alte Herr legte ihren Arm in den seinigen und zog sie mit sanfter Gewalt fort. Sobald sie verschwunden waren, warf sich Nancy fast der Länge nach auf eine der Treppenstufen nieder und machte ihrer Herzensqual durch bittere Tränen Luft. Nach einiger Zeit stand sie wieder auf und begann mit wankenden Schritten ihren Heimweg. Der erstaunte Horcher blieb noch einige Minuten hinter dem Pfeiler stehen, schlich sodann die Treppe hinauf, lugte vorsichtig umher und eilte dann, so schnell er konnte, nach dem Hause des Juden zurück.

47. Kapitel.

Unglückliche Folgen.

Es war fast zwei Stunden vor Tagesanbruch -- die rechte Nachtzeit im Herbste, da, indem sogar der Schall zu schlummern scheint, die Straßen schweigend und verlassen und die Schlemmer und Schwelger nach Hause getaumelt sind, um zu träumen -- als der Jude wachend in seiner alten Höhle mit einem so bleichen und verzerrten Gesichte und so roten und blutunterlaufenen Augen dasaß, daß er weniger einem Menschen als einem greulichen, vom Grabe feuchten und von einem bösen Geiste gepeinigten Gespenste glich.

Er kauerte, in eine zerlumpte Bettdecke gehüllt, an einem kalten Herde und hatte die Blicke auf ein dem Erlöschen nahes Licht gerichtet, das auf einem Tische neben ihm stand. Die rechte Hand hielt er, wie in Gedanken verloren, an die Lippen und kaute an seinen langen, schwarzen Fingernägeln, so daß man in dem sonst zahnlosen Munde einige Vorderzähne erblickte, die einem Hunde oder einer Ratte hätten angehören können.

Auf einer Matratze am Boden ausgestreckt lag Noah Claypole in festem Schlafe. Zwischen ihm und dem Lichte schweiften die zerstreuten Blicke des alten Mannes bisweilen hin und wieder, in dessen Innerem, einander drängend, unruhige Gedanken und stürmische Leidenschaften wogten und wühlten -- bitterer Verdruß über das Mißlingen seines gewinnverheißenden Planes, tödlicher Haß gegen das Mädchen, das hinterlistig mit Fremden zu verkehren gewagt hatte, gänzliches Mißtrauen in die Aufrichtigkeit ihrer Weigerung, ihn zu verraten, Ingrimm darüber, sich an Sikes nicht rächen zu können, Furcht vor Entdeckung, Verurteilung und Tod, die wildeste, durch das alles entzündete Wut und neue Pläne der Arglist und schwärzesten Bosheit. Er saß da, ohne auch nur im mindesten seine Stellung zu verändern oder anscheinend die Zeit zu beachten, bis der Schall von Fußtritten auf der Straße bei seinem feinen Gehör seine Aufmerksamkeit zu erregen schien.

«Endlich,» murmelte er, über die trocknen, fieberheißen Lippen mit der Hand hinfahrend, «endlich!»

Die Glocke ertönte leise, er ging hinaus und kehrte bald darauf mit einem Manne zurück, der bis an das Kinn vermummt war und ein Bündel unter dem Arme trug. Es war Sikes.

«Da», sagte der verwegene Raubgesell, das Bündel auf den Tisch werfend. «Mach draus, was du kannst. Es hat mir Mühe genug gekostet; ich meinte schon vor drei Stunden hier sein zu können.»

Fagin verschloß das Bündel, setzte sich wieder, blieb stumm, blickte jedoch nach Sikes scharf hinüber, und seine Lippen zitterten so heftig, und sein Gesicht war infolge der in ihm wühlenden Leidenschaften so verändert, daß der Dieb unwillkürlich sich zurücklehnte und ihn bestürzt ansah.

«Was gibt's?» fuhr er auf. «Zu allen Teufeln, was siehst du mich so an?»

Der Jude hob die rechte Hand empor und schüttelte den bebenden Zeigefinger; allein seine Bewegung war so heftig, daß er kein Wort hervorzubringen imstande war.

«Gott verdamm' mich!» rief Sikes, in seine Brusttasche greifend, aus. «Er ist verrückt geworden. Ich muß auf meiner Hut gegen ihn sein.»

«Nein, o nein», brachte Fagin endlich hervor. «Ihr -- Ihr seid's nicht, Bill. Gegen Euch hab' ich nichts -- gar nichts, Bill.»

«Hm, 's ist auch ein Glück für einen von uns -- gleichviel für wen», sagte Sikes, ein Pistol absichtlich hervorziehend und in eine andere Tasche steckend.

«Ich hab' Euch zu sagen was, Bill,» fuhr der Jude näher rückend fort, «was Euch noch mehr wird erzürnen als mich.»

«So?!» entgegnete Sikes mit einer ungläubigen Miene. «Wenn's aber wahr ist, so tu's Maul auf und mach' g'schwind, oder Nancy wird glauben, daß ich verloren wär'.»

«Das hat sie schon ausgemacht bei sich selbst bestimmt genug!»

Sikes blickte ihn ungewiß an, streckte die mächtige Faust nach ihm aus, schüttelte ihn und forderte ihn barsch und polternd auf, sich deutlicher zu erklären.

«Denkt Euch,» sagte der Jude mit vor Wut fast erstickter Stimme, «der Bursch da schliche nachts hinaus auf die Straßen, knüpfte an Einverständnisse mit unsern schlimmsten Feinden, gäbe ihnen Beschreibungen von uns und unsern verborgensten Schlupfwinkeln, verriete unsere geheimsten Pläne und Taten, setzte auch hinzu noch viel Lügen -- was dann, was dann?»

Sikes erklärte unter einer furchtbaren Verwünschung, er würde ihm in einem solchen Falle den Schädel unter den eisernen Nägeln seiner Stiefel zermalmen.

«Aber wie, wenn ich's täte!» schrie der Jude fast, «ich, der ich weiß so viel und so viele kann bringen an den Galgen.»

«Weiß nicht,» erwiderte Sikes, bei dem bloßen Gedanken die Zähne zusammenbeißend und erblassend. «Aber ich würd' im Kerker was tun, daß sie mich in Eisen schlagen müßten, und stellten sie mich mit dir vor Gericht, würd' ich dir vor den Richtern und allen den Kopf einschlagen. Ich würd' ne solche Kraft haben,» murmelte er, den sehnigen Arm auf und nieder schwingend, «daß ich ihn dir zu Brei schlagen könnte, als wenn ein belad'ner Frachtwagen drüberhingegangen wär'.»

«Würdet Ihr tun das wirklich?»

«Ob ich's wohl tun würd'! Stell mich auf die Probe.»

«Wenn's aber getan hätte Charley oder der Baldowerer oder Bet oder --»

«Ist mir gleichviel wer», unterbrach Sikes ungeduldig. «Ich würd' ihn bezahlen, möcht's sein, wer wollte.»

Fagin blickte ihn abermals scharf an, winkte ihm, zu schweigen, beugte sich über den Schläfer und schüttelte denselben, während Sikes verwundert und erwartungsvoll, die Hände auf die Knie stemmend, dasaß.

«Bolter, Bolter! Der arme Junge», sagte Fagin, mit einer Miene emporblickend, in welcher die Vorahnung einer teuflischen Freude sich ausdrückte. «Er wird müd' -- müde davon, daß er hat müssen wach sein ihretwegen so lange -- ihr hat nachschleichen müssen noch so spät, Bill.»

«Was willst du damit sagen?» fragte Sikes, sich zurücklehnend.

Der Jude antwortete nicht, setzte seine Bemühungen, Noah zu wecken, fort, und es war ihm endlich einigermaßen gelungen.

«Erzähl' noch einmal -- daß der es hört auch», sagte er, nach Sikes hinzeigend.

«Was soll ich erzählen?» fragte Noah, noch halb im Schlafe.

«Das von -- Nancy», antwortete der Jude, Sikes fest am Arme fassend, wie um ihn zu verhindern, fortzueilen, bevor er genug gehört hätte, und fragte darauf dem schlaftrunkenen Noah mit einer Wut, deren er nur mit Mühe Herr zu bleiben vermochte, alles ab, was der Lauscher erhorcht hatte.

«Und was sagte sie,» fragte er endlich mit wutschäumenden Lippen, «was sagte sie vom vorigen Sonntage?»

«Der Herr fragte sie, warum sie nicht am vorigen Sonntage gekommen wäre,» antwortete Noah, in welchem eine Ahnung davon auftauchte, wer Sikes sein möchte; «und sie sagte, weil sie gewaltsam zurückgehalten worden wäre von Bill, dem Manne, von dem sie ihnen schon gesagt hätte.»

«Was weiter von ihm?» rief der Jude. «Was sagte sie von ihm weiter? Sag' ihm das, sag' ihm das!»

«Es wäre nicht leicht für sie,» fuhr Noah fort, «aus dem Hause zu kommen, ohn' daß er wüßte, wohin sie ginge, und sie hätt' ihm daher, als sie das erstemal zu der Dame gekommen wäre, 'nen Schlaftrunk eingeben müssen -- ha, ha, ha.»

«Höll' und Teufel!» schrie Sikes, von dem Juden sich losreißend. «Laß mich!»

Er stürzte wütend hinaus, Fagin rief und eilte ihm nach, würde ihn jedoch nicht zurückgehalten haben, wenn die Haustür nicht verschlossen gewesen wäre.

«Laß mich 'naus,» tobte er, «oder nimm dich in acht! Laß mich 'naus -- hörst du?»

«Ein Wort, Bill -- bloß ein einziges Wort», versetzte der Jude, die Hand auf das Türschloß legend und mit verstellter Besorglichkeit: «Ihr -- Ihr wollt doch nicht tun etwas zu -- zu Gewaltsames, Bill?»

Der Tag brach an, es war hell genug, als sie einander in das Gesicht schauten, um deutlich sehen zu können, und in ihren Augen blitzte ein Feuer, dessen Bedeutung nicht mißzuverstehen war.

«Ich meine», setzte Fagin hinzu, einsehend, daß Verstellung nicht mehr möglich war, «nichts Gewaltsames, wodurch wir geraten könnten in Gefahr. Fein listig, Bill, und seid nicht zu verwegen.»

Er hatte unterdes aufgeschlossen, Sikes antwortete nicht, riß die Tür auf, stürzte hinaus und eilte, ohne rechts oder links zu schauen, ohne eine Gesichtsmuskel zu bewegen oder ein zorniges Wort zu murmeln, mit verbissenen Zähnen und trotzig-blutdürstiger Entschlossenheit nach seiner Wohnung. Er ging mit leisen Schritten hinauf, öffnete und verschloß die Tür seines Zimmers, stellte einen schweren Tisch gegen sie und schob den Bettvorhang zurück.

Und da lag Nancy, halb angekleidet. Sie schreckte aus dem Schlaf empor.

«Steh auf», sagte er.

«Bist du es?» rief sie ihm, erfreut über seine Rückkehr, entgegen.

«Ja. Steh auf!»

Es brannte ein Licht -- er schleuderte es unter den Kaminrost. Sie stand auf und ging nach dem Fenster, um den Vorhang aufzuziehen.

«Laß das», herrschte er ihr zu. «'s ist hell genug für das, was wir zu tun haben.»

«Bill,» sagte sie bestürzt, «was seht Ihr mich so an?»

Er heftete eine kurze Weile schnaubend und mit wogender Brust die Blicke auf sie, packte sie darauf beim Kopfe und der Kehle, zog sie in die Mitte des Gemachs, warf einen einzigen Blick nach der Tür und legte seine schwere Hand auf ihren Mund.

«Bill, Bill!» keuchte sie, in Todesangst unter seinem Griff sich sträubend, «ich will nicht schreien -- nicht weinen -- hört mich -- sprecht doch nur -- sagt mir, was ich getan habe.»

«Weißt es selbst, du Satan in Dirnengestalt. Bist belauert gewesen gestern abend; ich weiß jedes Wort, was du gesagt hast.»

«Oh, um der Liebe des Himmels willen,» rief sie, sich fest an ihn anklammernd, «dann schont mein Leben, wie ich Eures geschont habe. Bill, bester Bill, Ihr könnt mich ja nicht morden wollen. Bedenkt, was ich gestern abend um Euretwillen aufgegeben habe. Ihr sollt Zeit haben, es zu bedenken, Euch dies Verbrechen zu ersparen -- ich lasse Euch nicht los, nimmermehr! Bill, Bill, um Gottes Barmherzigkeit, um Euret- und um meinetwillen, besinnt Euch, eh' Ihr mein Blut vergießt. Bei meiner sündigen Seele, ich bin Euch treu gewesen!»

Er suchte sich gewaltsam von ihr loszumachen, allein vergebens, sie hielt mit der Kraft der Verzweiflung fest.

«Bill,» rief sie und bemühte sich, den Kopf auf seine Brust zu legen, «der Herr und die liebe Dame boten mir einen Zufluchtsort außer Landes an. Laßt mich noch einmal zu ihnen, daß ich sie auf den Knien anflehe, Euch dieselbe Liebe und Güte zu erweisen, und dann laßt uns aus dieser Höhle entfliehen und weit von hier ein besseres Leben anfangen und unser voriges Leben, ausgenommen im Gebet, vergessen und uns nie wiedersehen. Es ist zur Reue niemals zu spät. Sie sagten es mir -- ich fühle es jetzt -- aber wir müssen Zeit -- ein wenig, ein wenig Zeit haben!»