Part 27
Obgleich aber alle ihre inneren Kämpfe so endeten, erneuerten sie sich doch fortwährend und ließen auch ihre Spuren zurück. Nach wenigen Tagen sah sie blaß und abgezehrt aus. Bisweilen beachtete sie gar nicht, was um sie her vorging, und nahm an Gesprächen keinen Teil, bei welchen sie sonst die Lebhafteste und Lauteste gewesen sein würde; und bisweilen lachte sie wieder ohne Heiterkeit und lärmte ohne Zweck und Veranlassung. Zu anderen Zeiten -- und oft einen Augenblick darauf -- saß sie schweigend, niedergeschlagen, hinbrütend, den Kopf auf die Hände gestützt, da, während gerade die Anstrengung, womit sie sich dann wieder aufraffte, noch stärker verkündete, daß sie Unruhe empfand und daß ihre Gedanken mit ganz anderen Dingen als denen beschäftigt waren, die von ihren Gesellschaftern besprochen wurden.
Der Sonntagabend war gekommen, und die Glocke der nächsten Kirche schlug elf. Sikes und der Jude unterbrachen ihr Gespräch und horchten -- und aufblickend und noch gespannter horchte Nancy.
«'ne Stunde vor Mitternacht», sagte Sikes, das Fenster öffnend und nach seinem Stuhle zurückkehrend; «auch ist's neblig und finster -- 'ne gute Geschäftsnacht.»
«Ah, ja,» sagte Fagin, «'s ist sehr schade, Bill, daß es eben nichts gibt zu tun.»
«Da hast du mal recht», entgegnete Sikes barsch. «'s ist um so mehr schade, da ich obendrein recht in der Laune dazu bin.»
Der Jude schüttelte seufzend den Kopf.
«Wir müssen die verlorene Zeit wieder einzubringen suchen, wenn wieder was Gutes eingefädelt ist», fuhr Sikes fort.
«So ist's recht, mein Lieber», erwiderte Fagin, sich erdreistend, ihn auf die Schulter zu klopfen. «Es freut mich herzinnig, Euch reden zu hören so.»
«Freut Euch herzinnig -- so! Meinetwegen», sagte Sikes.
«Ha, ha, ha!» lachte der Jude, als wenn ihm schon dies sehr geringe Zugeständnis Freude gewährte. «Ihr seid heute abend der echte, wahrhaftige Bill -- wieder ganz Ihr selber, mein Lieber.»
«Mir ist's, als wär ich ein ganz anderer, wenn du mir die alte, welke Tatze auf die Schulter legst -- runter damit!» rief Sikes, die Hand des Juden zurückschleudernd.
«Wird Euch schlimm dabei, Bill -- erinnert's Euch ans Gefaßtwerden?» fragte der Jude, entschlossen, keine Empfindlichkeit zu zeigen.
«Ja -- aber ans Gefaßtwerden vom Teufel, nicht von 'nem Häscher. Von Adam her ist kein Mensch gewesen mit 'nem Gesicht wie das deinige, müßte denn sein dein Vater, und dem wird wohl jetzund sein grauer Bart versengt, sofern nicht Satan selber dein Vater ist, was mich eben nicht wundern würde.»
Fagin erwiderte nichts auf diese Schmeichelei, sondern zupfte Sikes am Ärmel und wies nach Nancy hin, die ganz in der Stille den Hut aufgesetzt hatte und eben hinausgehen wollte.
«Heda, Nancy!» rief Sikes. «Wohin will die Dirne bei dieser Nachtstunde?»
«Nicht weit.»
«Was ist das für 'ne Antwort! Wohin willst du?»
«Ich sage, nicht weit.»
«Und ich sage, wohin? Hast du gehört?»
«Ich weiß nicht, wohin.»
«Dann weiß ich's», sagte Sikes, mehr aus Eigensinn, als daß er einen bestimmten Grund gehabt hätte, sich Nancys Ausgehen, wohin es ihr beliebte, zu widersetzen. «Nirgend. Setz dich wieder hin.»
«Ich bin unwohl, wie ich Euch schon gesagt habe, und muß frische Luft schöpfen.»
«Steck den Kopf aus 'm Fenster 'naus, das ist ebensogut.»
«Das ist's nicht; ich muß Bewegung haben.»
«So -- du sollst aber keine haben», entgegnete Sikes, stand auf, verschloß die Tür, zog den Schlüssel aus, riß dem Mädchen den Hut vom Kopfe und warf ihn auf einen alten Schrank. «Willst du jetzt ruhig dableiben, wo du bist, oder nicht?»
«Ich kann auch ohne Hut gehen», sagte Nancy erblassend. «Was soll dies bedeuten, Bill? Wißt Ihr auch, was Ihr tut?»
«Ob ich weiß, was -- Fagin, sie ist von Sinnen, denn sie würde sich's sonst nicht herausnehmen, solche Worte zu mir zu sprechen!»
«Ihr macht's danach, daß ich etwas Verzweifeltes tue», murmelte Nancy, beide Hände gegen die Brust pressend, als wenn sie einen heftigen Ausbruch gewaltsam zurückdrängen wollte. «Laßt mich hinaus -- in dieser Minute -- diesem Augenblick --»
«Nein!» schrie Sikes.
«Fagin, sagt ihm, daß er mich gehen läßt. Ich rat's ihm. Hört Ihr?» rief Nancy, mit den Füßen stampfend.
«Ob ich dich höre? Ja», rief Sikes zurück; «und wenn ich dich noch ein paar Augenblicke höre, so soll dich der Hund dermaßen an der Kehle packen, daß er dir die kreischende Stimme herausreißt. Was fällt dir ein, Weibsbild -- was steckt dir im Kopfe?»
«Laßt mich gehen», sagte Nancy flehend, setzte sich an die Tür auf den Boden nieder und fuhr fort: «Bill, laßt mich gehen; Ihr wißt nicht, was Ihr tut -- wißt's wahrlich nicht. Nur eine -- nur eine einzige Stunde.»
«Ich will mich vierteln lassen,» rief Sikes, sie sehr unsanft beim Arm fassend, «wenn ich nicht glaube, daß die Dirne verrückt -- toll und verrückt geworden ist. Steh auf!»
«Ich stehe nicht eher auf, als bis Ihr mich gehen laßt -- nicht eher!» schrie Nancy.
Sikes blickte sie eine Weile an, ersah den rechten Augenblick, faßte plötzlich ihre beiden Hände, zog die Sträubende in ein anstoßendes Gemach, setzte sich auf eine Bank, warf sie auf einen Stuhl und hielt sie gewaltsam nieder. Sie bat und suchte sich ihm abwechselnd mit Gewalt zu entziehen, gab endlich, als es zwölf geschlagen hatte, ganz erschöpft ihre Versuche auf, und Sikes verließ sie mit einer durch mehrfache kräftige Beteuerungen unterstützten Warnung, um zu Fagin zurückzukehren.
«Was für'n sonderbares Geschöpf die Dirne ist!» sagte er, sich den Schweiß abwischend.
«Das mögt Ihr wohl sagen -- mögt Ihr wohl sagen, Bill», versetzte der Jude nachdenklich.
«Was meinst du denn, was ihr im Kopfe gesteckt hat, noch so spät mit Gewalt ausgehen zu wollen? Du mußt sie besser kennen als ich -- was meinst du, Jude?»
«Eigensinn, glaub' ich -- Weibertrotz und Eigensinn, mein Lieber», antwortete Fagin achselzuckend.
«Glaub's auch. Ich dachte, daß ich sie zahm gemacht hätte, sie ist aber so schlimm wie je.»
«Noch schlimmer, Bill. Ich habe so etwas erlebt noch niemals an ihr, und um solch 'ner geringen Ursache.»
«Ich auch nicht. Es scheint, mein Fieber steckt ihr im Blut und will nicht 'raus -- was?»
«Mag wohl sein, Bill.»
«Ich will ihr 'n bissel Blut abzapfen, ohn' den Doktor zu bemühn, wenn sie's wieder so macht.»
Der Jude nickte beistimmend.
«Sie war Tag und Nacht um mich,» fuhr Sikes fort, «als ich auf der Seite lag, während du wie 'n falscher Kujon, der du bist, dich fern hältst. Wir hatten die ganze Zeit nichts zu beißen und zu brechen, und ich glaub', es hat sie verdrießlich gemacht, und sie ist unruhig geworden, weil sie so lang hat im Haus sitzen müssen -- he?»
«Ganz recht, mein Lieber», erwiderte Fagin flüsternd. «Pst!»
In diesem Augenblick trat Nancy wieder herein und setzte sich an ihren gewohnten Platz. Ihre Augen waren rot und geschwollen: sie wiegte sich hin und her, warf den Kopf empor und brach nach einiger Zeit in ein Gelächter aus.
«Was ist denn dies nun wieder?» rief Sikes, erstaunt zu Fagin sich wendend, aus.
Der Jude gab ihm einen Wink, sie für den Augenblick nicht weiter zu beachten, und nach einigen Minuten saß sie wieder da wie vorhin. Er flüsterte Sikes zu, sie würde von nun an ganz ruhig bleiben, nahm seinen Hut und sagte ihm gute Nacht. An der Tür stand er still, drehte sich noch einmal um und bat, daß ihm jemand auf der dunkeln Treppe leuchten möchte.
«Leucht ihm 'nunter», sagte Sikes, der eben seine Pfeife füllte. «'s wäre schade, wenn er hier selbst den Hals bräche und den Hängezuschauern nichts zu gaffen gäbe.»
Nancy geleitete den alten Mann mit dem Lichte hinunter. Auf dem Hausflur angelangt, legte er den Finger auf den Mund und flüsterte ihr in das Ohr: «Was hattest du, liebes Kind?»
«Wieso?» erwiderte sie, gleichfalls flüsternd.
«Warum du ausgehen wolltest mit Gewalt. Wenn er,» sagte Fagin, mit dem knöchernen Finger nach oben zeigend, «wenn er ist so barbarisch gegen dich -- er ist ein Tier, Nancy, ein unvernünftiges, wildes Tier -- warum --»
«Nun?» fragte sie, als er, den Mund dicht an ihrem Ohre und die Augen dicht vor den ihrigen, innehielt.
«Laß jetzt gut sein,» fuhr der Jude fort, «wollen ein andermal sprechen davon. Du hast einen Freund an mir, Kind, einen treuen Freund. Ich hab' auch die Mittel -- wenn du willst dich rächen an ihm, der dich behandelt wie einen Hund -- schlimmer als einen Hund, dem er schmeichelt bisweilen doch -- so komm zu mir; komm zu mir, was ich dir sage. Er ist ein Tagesfreund; aber mich kennst du von alters her, Nancy -- von alters her.»
«Ich kenne Euch sehr wohl», antwortete das Mädchen, ohne die mindeste Bewegung zu zeigen. «Gute Nacht.»
Sie trat zurück, als er ihr die Hand reichen wollte, sagte ihm aber noch einmal mit fester Stimme gute Nacht, erwiderte den Blick, den er ihr zum Abschiede zuwarf, mit einem hinlängliches Verstehen andeutenden Zunicken und verschloß die Tür hinter ihm.
Fagin kehrte gedankenvoll nach seiner Wohnung zurück. Er war schon seit einiger Zeit der Ansicht, in welcher ihn das soeben Vorgefallene bestärkte, daß Nancy der schlechten Behandlung, welche sie von dem brutalen Sikes erfuhr, müde geworden sei und eine Neigung zu einem neuen Freunde gefaßt habe. Ihr verändertes Wesen, daß sie so häufig allein ausging, ihre verhältnismäßige Gleichgültigkeit gegen den Vorteil oder Schaden der Bande, für welche sie vormals so großen Eifer bewiesen hatte, und dazu ihr so heftiges Verlangen, an diesem Abende und gerade zu einer bestimmten Stunde das Haus noch verlassen zu wollen: dieses alles unterstützte seine Annahme und überzeugte ihn fest von der Richtigkeit derselben. Der Gegenstand dieser neuen Liebschaft des Mädchens befand sich unter den Leuten seines Anhangs nicht. Er mußte mit einer Alliierten wie Nancy eine schätzbare Erwerbung sein, die es so bald wie möglich zu machen galt.
Auch war noch ein anderer und finsterer Zweck zu erreichen. Sikes wußte zu viel, und seine plumpen, beleidigenden Reden hatten Fagin darum nicht minder verletzt und gereizt, weil er es sich nicht merken ließ. Nancy konnte es nicht entgehen, daß sie, sobald sie sich von ihm trennte, vor seiner Wut nicht sicher war und daß er dieselbe ohne allen Zweifel auch an ihrem neuen Liebhaber auslassen würde, so daß die gesunden Gliedmaßen, ja das Leben desselben in offenbarer Gefahr schwebten. Fagin glaubte, sie würde sich leicht bereden lassen, ihn zu vergiften. «Weiber,» dachte er, «haben so etwas und noch Schlimmeres wohl schon getan, um die Ziele zu erreichen, die das Mädchen jetzt verfolgt. Tut sie es, so werde ich von dem gefährlichen Halunken, dem Menschen, den ich hasse, befreit -- erhalte einen Ersatzmann für ihn, und mein Einfluß über Nancy ist, bei meiner Kenntnis dieses Verbrechens, fortan ganz unbegrenzt.»
Dies waren seine Gedanken gewesen, während ihn Sikes allein gelassen, und er hatte deshalb beim Fortgehen das Mädchen auszuforschen gesucht. Sie hatte keine Überraschung gezeigt, sich nicht angestellt, als ob sie ihn nicht verstände, vielleicht bewies der Blick, mit welchem sie ihm zum zweitenmal gute Nacht gesagt, klar, daß sie seine Meinung sehr wohl verstanden hatte.
Aber sie weigerte sich vielleicht, in einen Anschlag auf Sikes Leben einzugehen, worauf es hauptsächlich ankam. «Wie kann ich meinen Einfluß bei ihr vergrößern?» dachte der Jude auf seinem Heimwege. «Welche neue Gewalt über sie kann ich mir verschaffen?»
Ein Gehirn, wie das seinige, ist fruchtbar an Hilfsmitteln. Sollte er sie nicht seinen Plänen fügsam machen können, wenn er sie, sofern kein Geständnis von ihr zu erlangen war, von einem Kundschafter beobachten ließ, den Gegenstand ihrer neuen Leidenschaft entdeckte und Sikes (vor dem sie sich in hohem Maße fürchtete) alles zu enthüllen drohte, falls sie nicht einwilligte, zu tun, was er von ihr verlangte.
«Es wird angehen», sagte er fast laut; «hab' ich nur erst ihr Geheimnis, so darf sie mir's nicht abschlagen -- so gewiß ihr an ihrem Leben liegt. Ich besitze die Mittel, Nancy, und nur Geduld, Sikes, ich hab' euch, hab' euch beide!»
Er wandte sich mit einer drohenden Handbewegung um und warf einen finsteren Blick nach der Straße zurück, wo er den verwegenen Bösewicht verlassen, und senkte im Weitergehen die knöchernen Hände in die Falten seines zerlumpten Mantels, die er zusammenpreßte, als wenn er einen verhaßten Feind zwischen den spitzigen Fingern hätte.
45. Kapitel.
Noah Claypole wird von Fagin als Spion verwandt.
Der alte Mann stand am anderen Morgen beizeiten auf und erwartete ungeduldig seinen neuen Verbündeten, der sich erst nach einem endlos scheinenden Ausbleiben zeigte und sogleich mit Gier über das Frühstück herfiel.
«Bolter», sagte der Jude, sich ihm gegenüber setzend.
«Was gibt's?» erwiderte Noah. «Fordert nichts von mir, bis ich mit'm Essen fertig bin. Das ist der große Fehler hier. Es wird einem niemals Zeit genug bei den Mahlzeiten gelassen.»
«Ei, Ihr könnt doch sprechen beim Essen», sagte der Jude, vom Grunde seines Herzens des jungen Freundes Eßgier verwünschend.
«Und es geht obendrein noch besser, wenn ich spreche», versetzte Bolter, ein ungeheures Stück Brot abschneidend. «Wo steckt denn Charlotte?»
«Ich habe sie ausgeschickt heute morgen mit dem anderen jungen Frauenzimmer, weil ich wünschte zu sein allein.»
«Wollte nur, daß Ihr der Dirne erst gesagt hättet, sie sollte Brotschnitte mit Butter rösten. Nun schwatzt aber nur zu -- werde mich nicht stören lassen», sagte Noah, und es schien in der Tat wenig auf sich zu haben mit der Besorgnis, daß er sich stören lassen dürfte, denn er war offenbar entschlossen, wacker fortzuarbeiten.
«Ihr habt gestern gemacht Eure Sachen gut», sagte der Jude; «sehr schön. Sechs Schillinge, neun Pence und 'nen halben Penny am allerersten Tage! Das Schratzchen wird Euch machen reich.»
«Vergeßt nicht die drei Bierkannen und den Milchtopf», erwiderte Bolter.
«Nein, nein, mein Lieber. Die Bierkannen waren große Geniebeweise, der Milchtopf aber war ein vollkommenes Meisterstück.»
«Ging wohl an für 'nen Anfänger», bemerkte Mr. Bolter selbstgefällig. «Die Bierkannen nahm ich von 'nem Sout'raingitter 'runter, und der Milchtopf stand draußen vor 'nem Gasthofe; ich dachte also, er möchte rostig werden durch den Regen oder sich erkälten, wißt Ihr. Ha, ha, ha!»
Der Jude stimmte in Mr. Bolters Gelächter, der seine Beschäftigung rüstig weiter fortsetzte, des Scheines halber herzlich ein und sagte, sich über den Tisch hinüberlehnend: «Ihr müßt mir ausrichten etwas, mein Lieber, das erfordert große Sorgfalt und Vorsicht.»
«Fagin,» entgegnete Noah, «Ihr dürft aber nichts Gefährliches von mir verlangen und mich nicht wieder in Polizeigerichte schicken; denn ein für allemal, das gefällt mir nicht, und ich will's nicht.»
«'s ist dabei nicht die geringste Gefahr -- Ihr sollt bloß baldowern ein Frauenzimmer.»
«Ein altes?»
«Ein junges.»
«Nun, darauf versteh' ich mich gut genug -- trieb's schon mit Glück, als ich noch in die Schule ging. Was soll ich denn auskundschaften von der jungen Person?»
«Wohin sie geht, mit wem sie verkehrt, und womöglich, was sie sagt; Euch merken die Straße, wenn's eine Straße, oder das Haus, wenn's ist ein Haus, und mir bringen so viel Kunde, wie Ihr nur vermögt.»
«Was gebt Ihr mir dafür?» fragte Noah begierig.
«Wenn Ihr's gut ausrichtet, ein Pfund, mein Lieber -- ja, ja, ein Pfund», erwiderte Fagin, der ihn so sehr wie möglich für die Sache zu interessieren wünschte; «und das ist so viel, als ich noch nie habe gegeben für ein Stück Arbeit, wobei nicht war viel zu gewinnen.»
«Wer ist denn das Frauenzimmer?»
«Eine der Unsern.»
«Hm -- so! Ihr setzt Mißtrauen in sie?»
«Sie hat sich gewandt zu neuen Liebhabern, und ich muß wissen, wer die mögen sein.»
«Verstehe schon -- um das Vergnügen zu haben, sie kennen zu lernen, wenn es respektable Leute sind -- wie? Ha, ha, ha! Verlaßt Euch auf mich.»
«Wußte wohl, daß ich's würde können.»
«Natürlich, natürlich! Wo ist sie? Wo muß ich ihr auflauern? Wann geh' ich los?»
«Ihr sollt das alles hören von mir, mein Lieber, zu seiner Zeit. Haltet Euch bereit nur und überlaßt das übrige mir.»
Sechs Abende saß der Kundschafter gestiefelt und in seinem Kärrneranzuge da, bereit, auf einen Wink von Fagin zu beginnen, und Abend für Abend kehrte der Jude verdrießlich nach Hause zurück und sagte, daß es noch nicht Zeit wäre. Am siebenten -- einem Sonntagabend -- trat er mit einem Vergnügen ein, das er nicht zu verbergen imstande war.
«Sie geht aus heute abend,» sagte er, «und ich bin gewiß, daß sie geht hin da, wo ist zu erforschen, was ich wünsche zu wissen; denn sie hat allein gesessen den ganzen Tag, und der Mann, vor dem sie sich fürchtet, wird erst zurückkehren gegen Tagesanbruch. Kommt, kommt! Folgt mir geschwind!»
Des Juden Erregtheit steckte auch Noah an, der sogleich aufsprang. Sie verließen das Haus, eilten durch ein Straßen- und Gassenlabyrinth und langten endlich vor einem Gasthause an, in welchem Noah die Krüppel erkannte. Es war elf Uhr vorüber und die Tür verschlossen; sie öffnete sich aber auf ein leises Pfeifen des Juden und schloß sich wieder, als sie geräuschlos hineingegangen waren. Fagin flüsterte kaum, sondern besprach sich mit dem jüdischen Jünglinge durch stumme Zeichen, wies darauf nach dem kleinen Fenster hin und bedeutete Noah, auf einen Stuhl zu steigen und sich die im anstoßenden Zimmer befindliche Person anzusehen.
«Ist das das Frauenzimmer?» flüsterte Noah. «Sie sieht vor sich nieder, und das Licht steht hinter ihr. Ich kann ihr Gesicht nicht erkennen.»
«Bleibt ruhig stehen», flüsterte Fagin und gab Barney ein Zeichen, der sogleich hinausging, nach ein paar Augenblicken in dem anstoßenden Zimmer erschien, das Licht, unter dem Vorwande, es zu schneuzen, vor das Frauenzimmer -- Nancy -- hinstellte, sie anredete und dadurch veranlaßte, den Kopf emporzuheben.
«Jetzt seh' ich sie», flüsterte Noah.
«Deutlich?»
«Würde sie unter Tausenden wiedererkennen.»
Nancy stand auf und schickte sich zum Fortgehen an. Er stieg eilig von dem Stuhle herunter und trat sacht mit Fagin hinter einen Vorhang; gleich darauf ging Nancy durch das Zimmer und aus dem Hause hinaus.
«Pst!» rief Barney, der ihr die Haustür geöffnet, «jetzt.»
Noah wechselte einen Blick mit Fagin und schlüpfte hinaus.
«Links», flüsterte Barney; «haltet Euch linker Hand und auf der anderen Seite.»
Noah sah Nancy beim Laternenscheine schon in einiger Entfernung. Er eilte ihr nach, folgte ihr so nahe, wie es ihm rätlich erschien, und hielt sich auf der anderen Seite, um sie desto besser beobachten zu können. Sie sah sich ängstlich ein paarmal um und stand einmal still, um einige ihr dicht nachfolgende Männer vorüberzulassen. Sie schien im Weitergehen Mut zu gewinnen und einen sicheren und festeren Schritt anzunehmen. Der Kundschafter hielt sich in gemessener Entfernung hinter ihr und ließ sie nicht aus den Augen.
46. Kapitel.
Nancy erfüllt ihre Zusage.
Die Kirchenglocken schlugen dreiviertel auf elf Uhr, als zwei Gestalten auf der Londoner Brücke erschienen. Die eine leicht und rasch vorwärts eilende war die eines Mädchens, das unruhig um sich blickte, als erwarte sie jemand; die andere die eines Mannes, der im tiefsten Schatten, den er finden konnte, der ersteren in einiger Entfernung nachschlich, aber stillstand, wenn das Mädchen stillstand, und wieder vordrang, so schnell oder langsam dasselbe sich eben fortbewegte. So schritten sie über die Brücke von dem Middlesex- nach dem Surreyufer hinüber. Das Mädchen, das alle Vorübergehenden mit forschenden Blicken gemustert hatte, schien sich in seiner Erwartung getäuscht zu haben, drehte sich plötzlich um und ging wieder zurück. Der Kundschafter war indes auf seiner Hut gewesen, trat in eine Vertiefung, lehnte über das Geländer, ließ das Mädchen vorüber und folgte ihr sodann wieder nach wie vorher. Fast mitten auf der Brücke angelangt, stand sie still und er gleichfalls.
Es war eine sehr finstere und kalte Nacht, nur wenige gingen an den beiden vorüber und beachteten sie nicht. Die Themse war von dichtem Nebel bedeckt, den der matte, rötliche Glanz der Feuer auf den kleinen, in den Werften ankernden Fahrzeugen kaum zu durchdringen vermochte, und die Feuer ließen die Häuser am Ufer nur als dämmrige, noch undeutlichere Massen erscheinen. Die Türme der alten Heilands- und St.-Magnus-Kirche -- so lange schon die riesigen Wächter der alten Brücke -- waren sichtbar durch die Finsternis, der Wald der Schiffsmaste aber unter der Brücke und weiter umher die Menge der Türme auch für den schärfsten Blick unerkennbar.
Das Mädchen war -- fortwährend von seinem ungesehenen Beobachter verfolgt -- unruhig ein paarmal hin und wieder über die Brücke gegangen, als die Glocke der St.-Pauls-Kirche abermals das Hinscheiden eines Tages verkündete. Mitternacht war gekommen über die menschenerfüllte Stadt, die Paläste und Hütten, die Bettler- und Gaunerhöhlen, den Kerker und das Irrenhaus, die Gemächer, in welchen neues Leben begann und abgelaufenes endete, Gesunde ruhten und Kranke ächzten, Leichen starr dalagen und blühende Kinder süß schlummerten und träumten.
Nicht zwei Minuten, nachdem der letzte Glockenton verklungen war, stiegen eine junge Dame und ein grauköpfiger Herr aus einem Mietswagen nicht weit von der Brücke, auf welche sie rasch zuschritten. Sie hatten sich kaum auf derselben gezeigt, als das Mädchen aufmerksam stillstand und ihnen sodann entgegeneilte, deren Munde ein Ausruf der Überraschung entfloh, welchen sie jedoch sogleich unterdrückten, als ein wie ein Kärrner Gekleideter plötzlich fast gegen sie anrannte.
«Nicht hier», flüsterte Nancy hastig. «Ich fürchte mich, hier mit Ihnen zu reden. Folgen Sie mir dort die Treppe hinunter.»
Der Kärrner drehte sich um, während sie so sprach und nach der Treppe hinwies, rief in rauhem Tone zurück, «wozu sie die Breite des ganzen Steinpflasters einnähmen», und ging vorüber.
Die Treppe, nach welcher das Mädchen hingewiesen hatte, befand sich am Surreyufer und führte zu einem Landungsplatze hinunter; der Kärrner eilte hin zu ihr, blickte forschend umher und fing an, hinabzusteigen. Sie besteht aus drei Absätzen, auf deren zweitem die Mauer linker Hand in einen Pfeiler nach der Themse hin ausläuft. Die Stufen der unteren Flucht sind breiter, und wer nur um eine einzige tiefer hinter den Pfeiler tritt, ist denen verborgen, die, wenn auch ganz in seiner Nähe, auf dem Treppenabsatze stehen. An dieser Stelle versteckte sich der Kärrner, mit dem Rücken an den Pfeiler tretend. Er war in gespanntester Erwartung, denn was hier vorging, lag gänzlich außer dem Kreise aller seiner Vermutungen, und wollte schon wieder höher hinaufgehen, als er den Schall von Fußtritten und gleich darauf dicht neben sich Stimmen vernahm. Er horchte mit verhaltenem Atem.
«Dies ist weit genug», sagte der Herr. «Ich lasse die junge Dame nicht weiter hinuntergehen. Viele andere würden Ihnen nicht einmal so weit gefolgt sein; Sie sehen, daß ich Ihnen Vertrauen bewiesen habe.»
«Sie sind in der Tat sehr vorsichtig -- oder auch mißtrauisch, wie mir scheint. Doch gleichviel», sagte Nancy.
«Weshalb führen Sie uns denn aber an einen solchen Ort?» fragte der Herr in einem milderen Tone. «Warum wollten Sie sich nicht dort oben sprechen lassen, wo es hell ist und wo doch Menschen in der Nähe sind?»
«Ich habe es Ihnen schon gesagt, daß ich mich fürchtete, dort mit Ihnen zu reden. Ich weiß nicht, wie es kommt,» sagte Nancy schaudernd, «bin aber so beklommen und zittere so sehr, daß ich kaum auf den Füßen stehen kann.»
«Was fürchten Sie denn?» fragte der Herr mitleidig.
«Ich weiß es selbst kaum», erwiderte das Mädchen. «Den ganzen Tag haben mich schreckliche Gedanken an die verschiedensten Todesarten und blutige Leichentücher heimgesucht, und fortwährend hat mich eine Angst gequält, daß es mir war, als wenn ich mitten im Feuer brannte. Ich las heute abend in einem Buche, um mir die Zeit zu verkürzen, und las nur immer dasselbe heraus.»
«Einbildungen», sagte der alte Herr beruhigend.