Oliver Twist

Part 25

Chapter 253,742 wordsPublic domain

«Mag wohl sein, Sir», erwiderte die gute Alte. «In meinen Jahren pflegen die Augen nicht schärfer zu werden, Sir.»

«Das hätte ich Ihnen auch sagen können», entgegnete Brownlow. «Doch setzen Sie Ihre Brille auf und sehen Sie zu, ob Sie nicht selbst entdecken können, weshalb ich Sie habe heraufkommen lassen.»

Die alte Frau begann sogleich in ihren Taschen zu wühlen; aber Olivers Geduld hielt die Probe nicht aus, er überließ sich dem Drange seiner Gefühle und warf sich in ihre Arme.

«Gott sei mir gnädig! -- es ist mein unschuldiger Knabe!» rief sie aus, indem sie ihn zärtlich in die Arme drückte.

«Meine liebe alte Pflegemutter!» rief Oliver.

«Gott, ich wußte es wohl, daß er zurückkehren würde! Wie gesund und blühend er aussieht, und er ist obendrein wie 'nes Edelmannes Sohn gekleidet! Wo bist du so lange, so lange gewesen! Ach! es ist dasselbe süße Gesichtchen, aber nicht so blaß; dasselbe sanfte Auge, aber nicht so trübe. Sie sind mir gar nicht aus dem Sinn gekommen und ihr stilles Lächeln auch nicht; ich habe sie Tag für Tag neben meinen lieben Kindern gesehen, die, seit ich ein glückliches junges Weib war, tot und dahingegangen sind.»

Sich so ihrer Redseligkeit überlassend und Oliver bald von sich haltend, um ihn genauer ansehen zu können, und ihn bald zärtlich an die Brust drückend und ihm die Locken aus dem Gesichte streichend, weinte und lachte die gute alte Seele in einem Atem.

Brownlow überließ beide dem Austausch ihrer Gefühle und führte Rose in ein anderes Zimmer, wo sie ihm einen ausführlichen Bericht über die Unterredung mit Nancy erstattete, die ihn nicht wenig überraschte und in Verwirrung und Unruhe setzte. Rose teilte ihm auch ihre Gründe mit, weshalb sie nicht ihren Freund Losberne zunächst zum Vertrauten gemacht hätte. Der alte Herr äußerte, sie habe daran sehr klug getan, und erklärte sich bereit, mit dem würdigen Doktor selbst in Beratung zu treten. Um ihm hierzu eine baldige Gelegenheit zu verschaffen, wurde verabredet, daß er noch an demselben Abend in der Villa vorsprechen und daß mittlerweile Mrs. Maylie von allem, was vorgefallen war, vorsichtig in Kenntnis gesetzt werden sollte. Sobald diese vorläufigen Bestimmungen getroffen waren, kehrten Rose und Oliver wieder nach Hause zurück.

Rose hatte das Maß der Entrüstung des trefflichen Doktors keineswegs überschätzt; denn kaum war ihm Nancys Erzählung mitgeteilt worden, als er seinen Zorn in einem Strome von Verwünschungen und Drohungen ergoß, sie zum ersten Schlachtopfer des vereinten Scharfsinnes der Herrn Blathers und Duff zu machen gelobte und sogar den Hut aufsetzte, in der Absicht, fortzueilen und den Beistand der genannten Ehrenmänner in Anspruch zu nehmen. Und er würde im ersten Losstürmen sein Vorhaben, ohne die Folgen des allergeringsten Nachdenkens zu würdigen, ohne Zweifel ausgeführt haben, wenn er nicht zurückgehalten worden wäre, teils durch das ebenso große Ungestüm Brownlows, der selbst ein reizbares Temperament besaß, und teils durch die Gründe und Gegenvorstellungen, die man für die zweckdienlichsten erachtete, ihn von seinem unbesonnenen Verfahren zurückzubringen.

«Was ist aber zum Geier zu tun?» sagte der hitzige Doktor, als sie in das Zimmer zu den beiden Damen getreten waren. «Wir sollen doch nicht all das männliche und weibliche Gesindel unseres Dankes versichern und es bitten, hundert oder ein paar hundert Pfund als ein geringes Zeichen unserer Achtung und als einen kleinen Beweis unserer Erkenntlichkeit für ihre Güte gegen Oliver anzunehmen?»

«Das eben nicht», erwiderte Brownlow mit Lachen; «allein wir müssen besonnen und mit großer Vorsicht handeln.»

«Besonnen und vorsichtig!» rief der Doktor aus. «Ich würde die Halunken samt und sonders zum --»

«Es ist einerlei, zu wem Sie sie schicken würden», unterbrach ihn Brownlow. «Doch fragen Sie sich selbst, ob wir, wir mögen sie schicken, wohin wir wollen, eine Hoffnung haben, dadurch zum Ziele zu gelangen.»

«Zu welchem Ziele?» fragte der Doktor.

«Dem einfachen Ziele, zu erforschen, wer Olivers Eltern gewesen sind, und ihm seine Erbschaft wieder zuzuwenden, um welche er, sofern alle vorliegenden Angaben begründet sind, schändlich betrogen worden ist.»

«Ah!» sagte Losberne, sich mit dem Schnupftuche Kühlung zuwehend, «das hätte ich bald vergessen.»

«Sie begreifen also», fuhr Brownlow fort. «Was würden wir denn Gutes stiften, wenn wir, angenommen, es wäre ausführbar, ohne die Sicherheit des armen Mädchens zu gefährden, die Bösewichter dem Arme der Gerechtigkeit überlieferten?»

«Das Gute, daß einige von ihnen baumelten und die übrigen deportiert würden», meinte der Doktor.

«Sehr wohl», erwiderte Brownlow lächelnd; «allein sie werden dafür seinerzeit ohne Zweifel schon selber sorgen, und wenn wir ihnen vorgreifen, so scheint mir's, wir werden eine arge Don-Quichotterie begehen und unserm oder doch Olivers Interesse, was aber dasselbe ist, gerade zuwiderhandeln.»

«Wieso denn?» fragte der Doktor.

«Ist es nicht klar genug,» erwiderte Brownlow, «daß es uns äußerst schwer werden wird, dem Geheimnisse auf den Grund zu kommen, wenn wir nicht imstande sind, Monks zum Beichten zu bringen? Das kann aber nur durch List geschehen und dadurch, daß wir ihn fassen, wenn er eben nicht von dem übrigen Gelichter umgeben ist. Denn gesetzt auch, daß er aufgegriffen würde -- wir haben keine Beweise wider ihn. Er hat (soviel wir wissen, oder so weit es aus den Umständen hervorgeht) an keinem Diebstahle oder Raube der Bande teilgenommen. Wenn er auch nicht freigesprochen werden würde, so ist es doch sehr unwahrscheinlich, daß er eine weitere Strafe erhielte als die, daß man ihn eine Zeitlang als Landstreicher einsperrte, und sein Mund würde dann hinterher für immer so fest geschlossen sein, daß wir unsere Zwecke ebensowenig erreichten, wie wenn er taub, stumm, blind und blödsinnig wäre.»

«Ich frage Sie abermals,» sagte der Doktor heftig, «ob Sie das dem Mädchen gegebene Versprechen vernünftigerweise für bindend halten -- ein Versprechen, das in der besten und wohlwollendsten Absicht gegeben ist, aber wirklich --»

«Ich bitte, lassen Sie den Punkt unerörtert, mein verehrtes junges Fräulein», sagte Brownlow, Rose zuvorkommend; «das Versprechen soll gehalten werden. Ich glaube nicht, daß es unseren Schritten auch nur im mindesten hinderlich sein wird. Doch bevor wir bestimmte Entschließungen in betreff der zu ergreifenden Maßregeln fassen können, müssen wir notwendig das Mädchen sehen, um von ihr zu hören, ob sie uns so oder anders dazu verhelfen will oder kann, Monks' habhaft zu werden, oder wenn nicht, sie wenigstens zu bewegen, uns seine Person zu beschreiben und uns zu sagen, wo er sich zu verstecken pflegt, oder wo er sonst zu finden sein mag. Das kann nun vor dem nächsten Sonntag abend nicht geschehen, und heute ist Dienstag. Mein Rat ist daher, daß wir uns bis dahin vollkommen ruhig und die Sache selbst vor Oliver geheimhalten.»

Obgleich Mr. Losberne zu dem Vorschlage, fünf ganze Tage untätig zu sein, die sauerste Miene machte, so mußte er doch zugeben, im Augenblick keinen besseren Rat zu wissen; und da sowohl Rose wie Mrs. Maylie auf Brownlows Seite traten, so wurde des letzteren Rat endlich allerseits gebilligt.

«Ich nähme gern den Beistand meines Freundes Grimwig in Anspruch», sagte Brownlow. «Er ist ein wunderlicher Kauz, besitzt aber sehr viel Scharfblick und könnte uns von wesentlichem Nutzen sein. Er ist Rechtsgelehrter von Haus aus und entsagte lediglich aus Unmut darüber, daß ihm binnen zehn Jahren nur ein einziger Prozeß anvertraut wurde, dem Advokatenstande. Sie mögen indes selbst entscheiden, ob das eine Empfehlung ist oder nicht.»

«Ich habe nichts dawider, daß Sie Ihren Freund zuziehen, wenn ich auch den meinigen zuziehen darf,» sagte Losberne und erwiderte auf Brownlows Frage, wer derselbe wäre: «Der Sohn Mrs. Maylies und Miß Roses -- sehr alter Freund.»

Roses Wangen wurden purpurn; sie machte jedoch keine hörbare Einwendung gegen den Vorschlag (vielleicht weil sie erkannte, daß sie doch jedenfalls in einer hoffnungslosen Minorität bleiben würde), und Harry Maylie und Grimwig wurden daher zu Mitgliedern des Komitees ernannt.

«Wir bleiben natürlich so lange in der Stadt,» sagte Mrs. Maylie, «wie noch die geringste Aussicht vorhanden ist, unsere Nachforschungen mit Erfolg fortzusetzen. Ich werde bei einer uns alle so sehr interessierenden Sache weder Mühe noch Kosten sparen und gern hierbleiben, und wenn es sein muß, zwölf Monate, solange Sie mir sagen können, daß noch Hoffnung vorhanden ist.»

«Gut», versetzte Brownlow; «und da ich auf Ihren Gesichtern lese, daß Sie mich fragen wollen, wie es zugegangen ist, daß ich nicht zur Stelle war, Olivers Erzählung zu bestätigen, und daß ich das Land so plötzlich verlassen, so erlauben Sie mir, die Forderung zu stellen, daß mir nicht eher Fragen vorgelegt werden, als bis ich es für geeignet erachte, denselben durch meine Geschichte zuvorzukommen. Glauben Sie mir, meine Forderung hat ihren guten Grund; denn wenn ich von ihr abginge, könnte ich vielleicht Hoffnungen erwecken, welche nie verwirklicht würden und nur alle schon hinlänglich zahlreichen Schwierigkeiten und Täuschungen noch vermehrten. -- Meine Herrschaften, wir sind zum Abendessen gerufen, und Oliver, der einsam im anstoßenden Zimmer weilt, wird am Ende glauben, daß wir seiner müde geworden wären und einen finsteren Anschlag ausdächten, ihn wieder in die Welt hinauszustoßen.»

Mit diesen Worten reichte der alte Herr Mrs. Maylie die Hand und führte sie in das Speisezimmer; Losberne folgte mit Rose, und die Beratung hatte damit ein Ende.

42. Kapitel.

Ein alter Bekannter von Oliver läßt entschiedene Geniespuren blicken und wird ein öffentlicher Charakter in der Hauptstadt.

Gerade an dem Abende, an welchem Nancy ihre selbstauferlegte Mission bei Rose Maylie erfüllte, wanderten auf der großen, nach Norden führenden Heerstraße zwei Personen nach London, denen wir einige Aufmerksamkeit widmen müssen. Die eine derselben, eine Mannsperson, gehörte zu den langen, knöchernen Gestalten, die als Knaben wie verkümmerte Männer, und wenn sie fast Männer sind, wie zu früh groß gewordene Knaben aussehen. Die zweite, ein Frauenzimmer, war jung, aber derb und kräftig, was sie auch sein mußte, um unter der schweren Bürde auf ihrem Rücken nicht zu erliegen. Ihr Begleiter trug nur weniges und leichtes Gepäck an einem Stocke über der Schulter und konnte daher um so leichter, zumal da ihm auch die Länge seiner Beine zustatten kam, stets einige Schritte weit voran sein, woran er es auch ebensowenig fehlen ließ wie an häufigen Vorwürfen, die er seiner Gefährtin wegen ihrer Langsamkeit machte. Sie hatten Highgate hinter sich, als er stillstand und ihr ungeduldig zurief: «Kannst du nicht geschwinder gehen? Was schleichst du immer so faul von weitem nach, Charlotte?»

«'s ist 'ne schwere Tracht, das kannst du nur glauben», erwiderte sie, fast atemlos herankommend.

«Schwer? Was ist das für Schwätzen -- wozu hab' ich dich?» fuhr Noah Claypole (denn er war es) fort und legte sein kleines Bündel auf die andere Schulter. «Und nun stehst du schon wieder still? Bei dir muß auch der Beste die Geduld verlieren.»

«Ist es noch weit?» fragte Charlotte, indem ihr die Schweißtropfen über das Gesicht herabströmten.

«Noch weit? Wir sind schon so gut wie da. Sieh hin -- dort sind die Lichter von London.»

«Dann sind wir wenigstens noch zwei gute Meilen davon entfernt», sagte Charlotte verzweiflungsvoll.

«Zwei Meilen oder zwanzig ist auch einerlei; steh auf und mach fort, oder du bekommst Fußtritte», warnte Noah mit vor Zorn noch mehr als gewöhnlich geröteter Nase, und Charlotte stand auf und schritt wieder neben ihm her.

«Wo denkst du für diese Nacht einzukehren, Noah?» fragte sie nach einiger Zeit.

«Was weiß ich's?» antwortete Mr. Claypole, den das lange Gehen verdrießlich gemacht hatte.

«Doch in der Nähe?»

«Nein, nicht in der Nähe.»

«Warum denn nicht?»

«Wenn ich dir sage, daß ich das will oder nicht will, so ist's genug, ohne daß du zu fragen brauchst, warum oder weshalb», entgegnete Noah mit Würde.

«Ich frage ja nur -- brauchst ja nicht so böse darüber zu werden.»

«Das wär' mir wohl ein recht kluger Streich, im ersten besten Wirtshause vor der Stadt einzukehren, daß Sowerberry, wenn er uns etwa nachsetzte, seine alte Nase hereinsteckte und uns gleich wieder fest hätte und mit Handschellen zurückbrächte! Nein, ich werde in die engsten Straßen einlenken, die ich finden kann, und nicht eher haltmachen, als bis wir das entlegenste Gasthaus gefunden haben. Du kannst deinem Schöpfer danken, daß ich Pfiffigkeit für dich mit habe; denn wenn wir nicht auf meinen Rat erst den entgegengesetzten Weg eingeschlagen hätten, so wärst du schon vor acht Tagen eingesperrt, und dir wäre recht geschehen als 'ner dummen Gans.»

«Ich weiß es, daß ich nicht so klug bin wie du; aber wirf nur nicht alle Schuld auf mich allein. Wär' ich eingesperrt, würdest du es doch auch sein.»

«Du weißt doch wohl, daß du das Geld aus dem Ladentische nahmst?»

«O ja, lieber Noah, aber ich nahm es für dich.»

«Nahm ich's hin und trug's bei mir?»

«Nein; du vertrautest mir und ließest 's mich tragen, und das war doch gut von dir», sagte Charlotte, ihn unter das Kinn klopfend und ihren Arm in den seinigen legend.

Es verhielt sich in der Tat so; allein es war Mr. Claypoles Weise nicht, in irgend jemand ein blindes und törichtes Vertrauen zu setzen, und wir lassen ihm nur Gerechtigkeit widerfahren, wenn wir bemerken, daß er Charlotten lediglich deshalb so sehr vertraut hatte, damit das Geld, wenn sie verfolgt würden, bei ihr gefunden werden möchte. Er ließ sich jedoch bei dieser Gelegenheit natürlich auf keine Darlegung seiner Beweggründe ein, und beide wanderten im zärtlichsten Einvernehmen miteinander weiter.

Seinem vorsichtigen Plane zufolge schritt Mr. Claypole, ohne anzuhalten, bis nach dem Engel von Islington weiter, wo er aus dem beginnenden Gedränge der Fußgänger und Fuhrwerke sehr scharfsinnig schloß, daß London nunmehr ernstlich anfinge. Er schaute nun einen Augenblick umher, welche Straßen die belebtesten und also am meisten zu meidenden schienen, lenkte in St. Johns Road ein und befand sich bald tief in dem Gewirr obskurer und schmutziger Straßen und Gassen zwischen Grays Inn Lane und Smithfield, einem Stadtteile mitten in London, der trotz der allgemeinen Fortschritte und ungemeiner Verschönerungen abscheulich geblieben ist.

Noah schaute fortwährend nach einem Gasthause aus, wie er es sich bei seinen Zwecken und seiner Lage wünschenswert dachte, stand endlich vor dem elendesten still, das er bis dahin gesehen hatte, und erklärte, hier für die Nacht einkehren zu wollen.

«Gib mir nun das Bündel,» sagte er, es seiner Begleiterin abnehmend, «und sprich nicht, außer wenn du angeredet wirst. Wie nennt sich das Haus? Was steht da -- d-r-e-i --?»

«Krüppel», fiel Charlotte ein.

«Drei Krüppel -- ein sehr guter Name,» bemerkte Noah. «Halt dich dicht hinter mir -- vorwärts!»

Er stieß die gebrechliche Tür mit den Schultern auf, und beide gingen hinein. Im Schenkstübchen war niemand, als ein junger Mensch, ein Jude, der in einem schmutzigen Zeitungsblatte las. Er starrte Noah und Noah starrte ihn an.

«Sind dies die drei Krüppel?» fragte Noah.

«So nennt sich das Haus.»

«Wir trafen 'nen Gentleman, der uns hierher rekommandiert hat», fuhr Noah, Charlotte anstoßend, fort, vielleicht, um sie aufmerksam auf seine List zu machen, sich Achtung zu verschaffen, oder vielleicht um sie zu erinnern, ihn nicht zu verraten. «Wir möchten hier übernachten.»

«Ich weiß nicht, ob es geht an,» erwiderte Barney -- denn er war der dienende Geist dieses Hauses -- «will aber anfragen.»

«Bringt uns unterdes in die Gaststube und gebt uns 'nen Mund voll kaltes Fleisch und 'nen Schluck Bier», sagte Noah.

Barney führte die müden Reisenden in ein Hinterzimmer, brachte ihnen die geforderten Erfrischungen, teilte ihnen zugleich mit, daß sie über Nacht bleiben könnten, und ließ das liebenswürdige Pärchen allein. -- Das Zimmer, in welches er sie geführt hatte, befand sich unmittelbar hinter dem Schenkstübchen und lag einige Fuß niedriger, so daß man aus jenem, wenn man von einem Diminutivfensterchen etwas hoch in der Wand einen Vorhang zurückschob, ohne bemerkt zu werden, genau sehen und hören konnte, was die Gäste darin vornahmen oder sprachen. Noah und Charlotte hatten sich kaum zu ihrem Imbisse niedergesetzt, als Fagin im Schenkstübchen erschien, um nach einem seiner jungen Zöglinge zu fragen.

«Pst!» sagte Barney; «es sind nebenan Fremde.»

«Fremde?» wiederholte Fagin flüsternd.

«Ja -- nicht aus der Stadt, kurioses Volk; und ich müßte irren sehr, wenn sie nicht was wären für Euch.»

Fagin stieg sogleich auf einen Stuhl und sah durch das kleine Fenster, wie Noah tapfer schmauste und Charlotte von Zeit zu Zeit homöopathische Dosen zuteilte.

«Aha!» flüsterte Fagin, zu Barney sich umdrehend, «die Miene des Burschen könnte gefallen mir. Er würde uns sein können nützlich, denn er versteht's schon, zu kirren die Dirne. Sei stiller als eine Maus, mein Lieber, daß ich sie höre sprechen.»

Er schaute abermals durch das kleine Fenster, und zwar mit einem Gesichte, das einem alten Gespenst angehört haben könnte.

«Ich denke also von jetzt ab ein Gentleman zu sein,» sagte Noah, die Beine ausstreckend und ein Gespräch fortsetzend, dessen Anfang dem Juden entgangen war. «Nichts mehr von Särgen und Aufwarten bei Herrschaften, Charlotte, sondern nunmehr wie ein Gentleman gelebt; und wenn du willst, sollst du 'ne Dame werden.»

«Ei, das möcht' ich freilich wohl, lieber Noah», antwortete Charlotte; «aber es gibt nicht alle Tage Ladenkassen zu leeren und so, daß man nachher gut davonkommt.»

«Hol' der Geier alle Ladenkassen!» rief Noah aus, «es gibt noch mehr Dinge, die geleert werden können.»

«Was meinst du denn?» fragte Charlotte.

«Taschen, Strickbeutel, Häuser, Postkutschen, Banken», erwiderte Mr. Claypole, dem der Mut wuchs, indem ihm der Porter zu Kopfe stieg.

«Du kannst das aber nicht alles, lieber Noah», sagte Charlotte.

«Ich werde mich nach Genossen umsehen, die es vermögen», versetzte Noah. «Sie werden uns auf die eine oder andere Weise gebrauchen können. Du bist selbst soviel wie fünfzig Weibsbilder wert; denn ich hab' nie eins gekannt, das so voll List und Trug steckte wie du, wenn ich dir freie Hand lasse.»

«Jemine, wie du flattieren kannst!» rief Charlotte aus und drückte ihm einen Kuß auf den häßlichen Mund.

«Laß gut sein», sagte Noah mit großer Würde, sich von ihr losmachend; «sei ja nicht zu zärtlich, wenn ich böse mit dir bin. Ich wollte, daß ich Hauptmann 'ner Bande wär', hätte sie unter der Zucht und folgte ihnen allerwärts nach, ohn' daß sie's selber wüßten. Das wär' so was für mich, wenn's guten Profit abwürfe; und hör', wenn's uns nur glückte, daß uns einige Gentlemen von dieser Sorte in den Wurf kämen, es wär' uns soviel wert wie unsere Zwanzigpfundnote -- besonders da wir eigentlich nicht wissen, wie wir sie loswerden sollen.»

Mr. Claypole blickte bei diesen Worten mit äußerst weiser Miene in den Porterkrug hinein, trank, nickte Charlotte herablassend zu und stand im Begriff, einen zweiten Zug zu tun, als die Tür sich auftat und die Erscheinung eines Unbekannten ihn unterbrach. Der Unbekannte war Mr. Fagin. Er hatte seine einnehmendste Miene angenommen, näherte sich mit einer sehr tiefen Verbeugung, nahm an einem Tische dicht neben dem, an welchem das Pärchen saß, Platz und rief dem grinsenden Barney zu, ihm einen Trunk zu bringen.

«Ein angenehmer Abend, Sir, nur kühl für die Jahreszeit», hub er händereibend an. «Sie kommen vom Lande herein, wie ich sehe, Sir?»

«Woran sehen Sie denn das?» fragte Noah Claypole.

«Wir haben nicht in London soviel Staub, wie Sie mitbringen», erwiderte der Jude, nach Noahs und Charlottes Schuhen und den Bündeln hinzeigend.

«Sie sind mir ein pfiffiger Gesell», versetzte Noah mit Lachen. «Hör' nur an, was er sagt, Charlotte.»

«Ei nun, mein Lieber, man muß wohl sein pfiffig in dieser Stadt», fuhr der Jude, vertraulich flüsternd, mit dem Finger an die Nase schlagend, fort, -- eine Geste, die Noah sogleich nachahmte, doch nicht mit vollständigem Gelingen, da seine Nase nicht groß genug dazu war. Fagin schien jedoch den Versuch so auszulegen, als wenn ihm Noah vollkommen hätte beipflichten wollen, und schob dem letzteren sehr freundschaftlich den soeben von Barney kredenzten Krug zu.

«Gutes Getränk», entgegnete Fagin. «Wer es will immer trinken, muß immer leeren etwas, eine Ladenkasse, eine Tasche, einen Strickbeutel, ein Haus, eine Postkutsche oder eine Bank.»

Mr. Claypole sank rückwärts auf seinen Stuhl und wandte sein kreideweiß gewordenes und grenzenlos bestürztes Gesicht vom Juden nach Charlotten.

«Seien Sie ohne Sorgen meinetwegen, mein Lieber», sagte Fagin, näher rückend. «Ha, ha, ha! -- es war ein Glück, daß niemand Sie hörte, als ich zufällig -- es war ein großes Glück für Sie.»

«Ich nahm's nicht heraus», stotterte Noah, die Füße nicht mehr wie ein unabhängiger Gentleman ausstreckend, sondern so tief unter den Stuhl ziehend, als er konnte. «Sie hat's ganz allein getan, und du hast's Charlotte; du weißt, daß du's hast.»

«Es ist gleichviel, mein Lieber, wer es hat oder wer es tat», fiel der Jude ein, doch nichtsdestoweniger mit Falkenaugen nach dem Mädchen und den beiden Bündeln hinblickend. «'s ist mein Geschäft auch, und Sie gefallen deswegen mir.»

«Was ist Ihr Geschäft?» fragte Noah, sich einigermaßen wieder fassend.

«Nun, dasselbe, das angefangen haben Sie,» antwortete Fagin, «und die Wirtsleute hier treiben es auch. Sie sind eingegangen zur rechten Tür und sind hier so sicher wie in Abrahams Schoß. Es gibt kein sichereres Haus in der Stadt als die Krüppel; das heißt, wenn ich's will, und ich habe gefaßt eine Neigung zu Ihnen und dem jungen Frauenzimmer. Sie wissen nun Bescheid und können sich beruhigen vollkommen.»

Noah blickte ihn trotz dieser Versicherung noch immer furchtsam und argwöhnisch an und rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her. Fagin nickte Charlotte freundlich zu, sprach ihr leise Mut zu und fuhr fort: «Ich will Ihnen sagen noch mehr. Ich hab' einen Freund, der Ihren Herzenswunsch, glaub' ich, kann befriedigen und Ihnen Gelegenheit geben, zu arbeiten vorerst in dem Geschäftszweige, der Ihnen gefällt am besten, und Sie lehren alle anderen.»

«Sie sprechen, als wenn es Ihr Ernst wäre,» bemerkte Noah.

«Wenn ich nicht spräche im Ernst, welchen Nutzen könnt' ich haben davon?» versetzte der Jude achselzuckend. «Kommen Sie -- lassen Sie mich reden mit Ihnen ein Wörtchen draußen!»

«Es tut nicht not, daß wir uns die Mühe geben, hinauszugehen», sagte Noah, die Beine allmählich wieder unter dem Stuhle hervorziehend. «Sie kann unterdes das Reisegepäck in unsere Kammer tragen. Charlotte, bring' die Bündel hinauf!»

Charlotte gehorchte dem mit großer Würde gegebenen Befehle ohne die mindeste Zögerung, hob die beiden Bündel auf und ging hinaus.

«Hab' ich sie nicht ganz gut in der Zucht?» fragte Noah im Tone eines Wärters, der ein wildes Tier gezähmt hat.

«Oh, vortrefflich», erwiderte Fagin, ihn auf die Schulter schlagend. «Sie sind ein Genie, mein Lieber.»

«Würde schwerlich hier sein, wenn ich's nicht wäre», versetzte Noah. «Doch verlieren Sie keine Zeit, denn sie wird bald wieder da sein.»

«Sehr wohl! Was meinen Sie -- wenn Ihnen gefiele mein Freund, was könnten Sie tun Besseres, als zu treten mit ihm in Verbindung?» sagte Fagin.

«Es kommt darauf an, ob er gute Geschäfte macht», entgegnete Noah, dem Juden mit dem einen seiner kleinen Augen pfiffig zublinzelnd.

«Er beschäftigt eine Menge Leute und hat die beste Gesellschaft von allen, die treiben das Geschäft.»

«Echte Stadtbursche?»

«'s ist kein Nicht-Lond'ner drunter, und er würde Sie nicht einmal annehmen, selbst auf meine Empfehlung nicht, wenn es ihm nicht fehlte eben jetzt an Gehilfen.»

«Würd' ich 'rausrücken müssen?» fragte Noah, an seine Beinkleidertaschen schlagend.