Part 24
«Ich will es Ihnen sagen, Lady. Er kam gestern wieder zu Fagin. Sie gingen wieder die Treppe hinauf; ich versteckte mich und hüllte mich so ein, daß mich mein Schatten nicht verraten konnte, und horchte abermals an der Tür. Die ersten Worte, die ich Monks sagen hörte, waren diese: >So liegen denn die einzigen Beweise, daß der Oliver der Knabe ist, auf dem Grunde des Stromes, und die alte Hexe, die sie von seiner Mutter erhielt, verfault in ihrem Sarge.< Sie lachten und sprachen von der glücklichen Ausführung des Streichs, und Monks, der noch weiter von dem Knaben sprach und sehr ingrimmig wurde, sagte: obwohl er des jungen Teufels Geld jetzt sicher genug hätte, so würde er es doch lieber auf andere Art erlangt haben; denn welch eine Lust würde es sein, das prahlerische Testament des Vaters dadurch über den Haufen zu werfen, daß man den Knaben durch alle Gefängnisse der Hauptstadt hetzte und ihn dann wegen eines todeswürdigen Verbrechens vor Gericht zöge, was Fagin leicht würde veranstalten können, nachdem er ihn obendrein mit großem Vorteile benutzt haben würde.»
«Was ist das alles?» rief Rose entsetzt aus.
«Die Wahrheit, Lady, obwohl es von meinen Lippen kommt», versetzte das Mädchen. «Dann sagte er unter Verwünschungen, die für mein Ohr gewöhnlich genug sind, den Ihrigen aber fremd und schauerlich klingen müßten, er würde es tun, wenn er seinen Haß ohne Gefahr für seinen eigenen Hals dadurch befriedigen könnte, daß er dem Knaben das Leben nähme; es dürfte aber zu gefährlich sein; er würde ihm jedoch überall im Leben auflauern und könnte, wenn er sich die Geburt und Lebensgeschichte des Knaben zunutze machte, ihm dennoch Schaden genug zufügen. >Kurzum, Fagin,< sagte er, >Jude, der du bist, du hast noch nie Fallstricke gelegt, wie ich sie zum Verderben meines jungen Bruders legen werde.<»
«Sein Bruder!» rief Rose bestürzt.
«Das waren seine Worte», sagte Nancy, sich besorgt umschauend, wie sie es fast unablässig getan hatte, denn Sikes' finstere Gestalt schwebte ihr beständig vor der Seele.
«Und mehr noch. Indem er von Ihnen und der anderen Dame sprach, äußerte er, der Himmel oder der Teufel müsse wider ihn gewesen sein, als Oliver in Ihre Hände geraten sei, und sagte mit Hohngelächter: darin läge ebenfalls einiger Trost. Denn wieviel tausend und hunderttausend Pfund würden Sie nicht geben, wenn Sie sie hätten, zu erfahren, wer Ihr zweibeiniger Schoßhund wäre.»
«Sie wollen doch nicht sagen, daß das alles ernstlich gemeint war», sagte Rose erblassend.
«Wenn jemals ein Mensch im Ernst gesprochen, so tat ich es in diesen Augenblicken», erwiderte das Mädchen, traurig den Kopf schüttelnd; «und auch er pflegt nicht zu scherzen, wenn sein Haß in ihm lebendig ist. Ich kenne viele, die noch Schlimmeres üben, aber ich würde sie alle lieber zehnmal als jenen Monks ein einziges Mal darüber sprechen hören. Doch es wird spät, und ich muß nach Hause zurückkehren, um ja nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, daß ich zu einem solchen Zweck hier gewesen wäre. Ich muß nach Hause zurückeilen.»
«Doch, was kann ich tun?» fragte Rose. «Welchen Nutzen kann ich ohne Sie aus Ihrer Mitteilung ziehen? Zurückkehren wollen Sie! Wie können Sie zu Genossen zurückzukehren wünschen, die Sie mit so schrecklichen Farben schildern? Wenn Sie Ihre Aussage in Gegenwart eines Herrn, welchen ich augenblicklich herbeirufen kann, wiederholen wollen, so können Sie binnen einer halben Stunde an einen sicheren Ort gebracht werden.»
«Ich wünsche aber zurückzukehren», versetzte das Mädchen. «Ich muß zurückkehren, weil -- ach, wie kann ich mit einer unschuldigen Dame, wie Sie sind, über solche Dinge reden? -- weil unter den Männern, von welchen ich Ihnen erzählt habe, sich einer befindet, der Schrecklichste von allen, den ich nicht zu verlassen vermag; nein -- und wenn ich auch dadurch von dem ruchlosen, fürchterlichen Leben erlöst werden könnte, das ich jetzt führe!»
«Daß Sie zugunsten des teuren Knaben sich schon einmal bemüht haben; daß Sie unter so großer Gefahr hierher gekommen sind, um das, was Sie gehört, mir zu enthüllen; Ihre Mienen, die mich von der Wahrheit Ihrer Angaben überzeugen; Ihre offenbare Reue und Ihr Schamgefühl: alles berechtigt mich dazu, zu glauben, daß Sie wieder auf den rechten Weg gebracht werden können. Oh», fuhr die tiefbewegte Rose Maylie, die Hände faltend, während Tränen über ihre Wangen hinabliefen, fort, «hören Sie auf das Flehen einer Angehörigen Ihres eigenen Geschlechts, der ersten -- gewiß der ersten, die jemals mit der Stimme des Mitleids und der Bangigkeit um Ihr Seelenheil zu Ihnen geredet hat. Hören Sie auf meine Worte und lassen Sie sich durch mich zu einem besseren Dasein erretten!»
«Lady,» versetzte das Mädchen, auf die Knie sinkend, «teure, engelgleiche Lady, ja, Sie sind die erste, die mich jemals durch Worte, wie diese sind, beseligt hat, und hätte ich sie vor Jahren vernommen, so hätten sie mich einem sündhaften und leidvollen Leben entreißen können; doch es ist zu spät -- zu spät.»
«Zur Reue und Buße ist es niemals zu spät», entgegnete Rose.
«Es ist dennoch zu spät!» rief Nancy in einem Tone aus, der ihre ganze Seelenqual verriet. «Ich kann ihn jetzt nicht mehr verlassen -- ich vermöchte es nicht, seinen Tod herbeizuführen.»
«Und weshalb sollten Sie es?» fragte Rose.
«Nichts könnte ihn retten», jammerte das Mädchen. «Wenn ich anderen erzählte, was ich Ihnen offenbart habe, und dadurch seine Verhaftung veranlaßte, er müßte ohne Rettung sterben. Er ist der verwegenste von allen, und hat so entsetzliche Dinge begangen!»
«Ist es möglich,» rief Rose, «daß Sie einem solchen Menschen zuliebe jeder Hoffnung auf die Zukunft und der Gewißheit der Rettung für die Gegenwart entsagen können? Es ist Wahnsinn.»
«Ich weiß nicht, was es ist,» versetzte das Mädchen, «ich weiß nur, daß es so ist, und nicht allein bei mir, sondern bei Hunderten, die ebenso schlecht und elend sind, wie ich es bin. Ich muß zurück. Ob es der Zorn Gottes ist, wegen des vielen Bösen, das ich begangen habe, weiß ich nicht; aber ich fühle mich trotz aller Leiden und aller harten Behandlung unwiderstehlich zu ihm hingezogen, was, glaub' ich, auch dann der Fall sein würde, wenn ich überzeugt wäre, daß ich noch durch seine Hand sterben müßte.»
«Was soll ich tun?» fragte Rose. «Ich müßte Sie eigentlich nicht fortlassen.»
«Ja, ja, Lady, Sie werden es», entgegnete das Mädchen. «Sie werden mein Fortgehen nicht hindern, weil ich in Ihre Güte Vertrauen gesetzt und Ihnen, wie ich es hätte tun können, kein Versprechen abgerungen habe.»
«Wozu nützt denn aber Ihre Mitteilung?» beharrte Rose. «Dies Geheimnis muß enthüllt werden; welcher Vorteil kann sonst für Oliver, dem zu dienen Ihnen so sehr am Herzen liegt, daraus erwachsen, daß Sie es mir anvertraut haben?»
«Sie werden sicher irgendeinen wohlwollenden Herrn kennen, dem Sie es mitteilen können, und der Ihnen Rat erteilen wird», erwiderte Nancy.
«Doch, wo finde ich Sie, wenn ich Ihrer bedürfen sollte?» fragte Rose. «Ich will nicht fragen, wo jene fürchterlichen Menschen wohnen, allein, wo wird man Sie an irgendeinem zu bestimmenden Tage wiedersehen können?»
«Versprechen Sie mir, daß mein Geheimnis auf das strengste bewahrt werden soll, und daß Sie allein oder doch nur mit dem Manne kommen, dem Sie es anvertrauen wollen, und daß man mir weder auflauere noch nachfolge?»
«Ich verspreche es feierlichst», erwiderte Rose.
«Wohlan, so will ich jeden Sonntag von elf bis zwölf Uhr abends, wenn ich am Leben bleibe, auf der Londoner Brücke auf und nieder gehen», verhieß Nancy unbedenklich.
«Warten Sie noch einen Augenblick», sagte Rose, Nancy, die schon nach der Tür eilte, zurückhaltend. «Erwägen Sie noch einmal Ihre Lage und die Gelegenheit, die Ihnen geboten wird, sich derselben zu entreißen. Sie haben nicht allein als freiwillige Überbringerin einer so wichtigen Kunde, sondern auch als eine fast unwiederbringlich Verlorene Ansprüche auf meinen Beistand. Wollen Sie in der Tat zu der Räuberbande und dem schrecklichen Manne zurückkehren, da doch ein einziges Wort Sie retten kann? Was für ein Zauber ist es, der Sie unwiderstehlich zurückzuziehen und der Gottlosigkeit und dem Elend preiszugeben vermag? Ach, befindet sich denn in Ihrem Herzen keine Saite, die ich zu berühren vermöchte -- regt sich kein Gefühl in ihm, das gegen diese Verblendung ankämpfen könnte?»
«Wenn Damen, so jung, so freundlich und schön, wie Sie sind, ihre Herzen verschenken,» versetzte das Mädchen mit fester Stimme, «so macht die Liebe sie zu allem fähig -- selbst Ihresgleichen, die Sie eine Heimat, Angehörige, Freunde, zahlreiche Bewunderer, alles haben, was Ihr Herz ausfüllen kann. Wenn Frauen wie ich, die wir kein Dach als den Sargdeckel, in Krankheit und Tod keinen Beistand als die Krankenwärterin des Hospitals haben, einem Manne unser angefaultes Herz hingeben und ihn die Stelle ausfüllen lassen, die einst von den Eltern, der Heimat und den Freunden ausgefüllt wurde, oder die unser ganzes elendes Leben hindurch eine leere und wüste Stätte gewesen ist: wer kann hoffen uns zu heilen? Bemitleiden Sie uns, Lady -- bemitleiden Sie uns darum, daß uns nur ein weibliches Gefühl geblieben ist, und daß dieses Gefühl, durch die schwere Ahndung des Himmels, statt unser Trost und Stolz zu sein, zu einem Fluche und die Quelle neuer Leiden und Mißhandlungen wird.»
«Sie werden doch eine Kleinigkeit von mir annehmen,» sagte Rose nach einer Pause, «die Sie in den Stand setzen wird, ohne Schande zu leben -- wenigstens bis wir uns wiedersehen?»
«Keinen Heller», erwiderte das Mädchen, mit der Hand abwehrend.
«Verschließen Sie Ihr Herz doch nicht gegen meine Anerbietungen, Ihnen Beistand zu leisten», sagte Rose, ihr näher tretend. «Gewiß, ich wünsche Ihnen nützlich zu sein.»
«Sie würden mir am nützlichsten sein, Lady, wenn Sie mir mit einem Male das Leben nehmen könnten», versetzte Nancy händeringend; «denn der Gedanke an das, was ich bin, hat mir in dieser kurzen Stunde ein schwereres Herzweh verursacht, als ich jemals empfunden habe, und es würde ein Gewinn sein, nicht in der Hölle zu sterben, in der ich gelebt habe. Gottes Segen über Sie, süße Lady, und möge der Himmel ebensoviel Glück auf Ihr Haupt herabsenden, wie ich auf das meine Schande geladen habe!»
Mit diesen Worten und unter lautem Schluchzen verließ die Bejammernswerte das Zimmer, während Rose, durch die eben beendete Unterredung, die mehr einem flüchtigen Traume als der Wirklichkeit ähnlich sah, fast überwältigt auf einen Stuhl niedersank und ihre verworrenen Gedanken zu sammeln suchte.
41. Kapitel.
Welches neue Entdeckungen enthält und zeigt, daß Überraschungen, gleich Unglücksfällen, selten allein kommen.
Roses Lage war in der Tat nicht wenig schwierig, denn während sie das lebhafte Verlangen empfand, das geheimnisvolle Dunkel zu durchdringen, das Olivers Geschichte umhüllte, konnte sie doch nicht umhin, das Vertrauen zu ehren, welches die Unglückliche, mit der sie soeben gesprochen, in sie, als ein junges, argloses Mädchen, gesetzt hatte. Die Worte und das ganze Wesen derselben hatten Rose tief gerührt, und ihrer Zuneigung für ihren jugendlichen Schützling gesellte sich der ebenso heiße Wunsch hinzu, das Gefühl der Reue in der Verlorenen zu erwecken und ihr neue Lebenshoffnung einzuflößen.
Mrs. Maylie hatte beabsichtigt, nur drei Tage in London zu verweilen und dann auf einige Wochen nach einem entfernten Ort an der Seeküste abzureisen. Es war Mitternacht zwischen dem ersten und zweiten Tage. Für welche Schritte konnte sich Rose binnen achtundvierzig Stunden entscheiden? und wie konnte sie die Reise aufzuschieben suchen, ohne Vermutungen zu wecken, daß sich etwas Besonderes ereignet hätte?
Mr. Losberne weilte im Hause und beabsichtigte, auch noch die beiden folgenden Tage zu bleiben; allein Rose kannte die ungestüme Lebhaftigkeit des Ehrenmannes zu wohl und dachte sich im voraus zu deutlich den Zorn, welchen er im ersten Ausbruch seiner Entrüstung auf das Werkzeug der zweiten Entführung Olivers werfen würde, um es zu unternehmen, ihm das Geheimnis, solange ihre Gegenvorstellungen zugunsten Nancys von keiner Seite unterstützt wurden, anzuvertrauen. Dies waren die Gründe, welche Rose zu dem Entschlusse bewogen, ihre Tante nur mit der größten Vorsicht von der Sache in Kenntnis zu setzen, da dieselbe, wie sie voraussah, nicht verfehlen würde, sich mit dem würdigen Doktor über die Angelegenheit zu beraten. Aus denselben Gründen war nicht daran zu denken, sich an einen Rechtskundigen zu wenden, selbst wenn sie gewußt, wie sie sich dabei zu benehmen hätte. Einmal stieg der Gedanke in ihr auf, Harrys Beistand in Anspruch zu nehmen; allein er weckte die Erinnerung an ihr letztes Scheiden von ihm wieder auf, und es erschien ihr unwürdig, ihn wieder in ihre Nähe zu ziehen, da es ihm -- und bei dieser Vorstellung traten ihr die Tränen in die Augen -- jetzt vielleicht gelungen war, sie zu vergessen und auf eine andere Art glücklich zu sein.
Durch diese wechselnden Betrachtungen aufgeregt und sich bald für diese, bald für jene Maßregel entscheidend, bald alle verwerfend, brachte Rose die Nacht in schlafloser Bangigkeit hin und faßte, nachdem sie am folgenden Tage die Sache abermals überlegt hatte, den verzweifelten Entschluß, trotz aller Bedenken Harry Maylie zu Rate zu ziehen.
«Wenn es ihm auch peinlich sein wird, hierher zurückzukehren, ach! wie peinlich wird es für mich sein!» dachte sie sinnend. «Doch vielleicht kommt er nicht; er wird vielleicht schriftlich antworten oder auch kommen und mich ängstlich zu meiden suchen -- wie damals, als er fortreiste. Ich hatte es nicht erwartet; doch es war für uns beide besser -- viel besser»; und Rose legte hier die Feder nieder und wandte sich hinweg, gleichsam, als ob sie zu vermeiden wünschte, daß auch nur das Papier, das ihre Botschaft ausrichten sollte, ein Zeuge ihrer Tränen wäre.
Sie hatte die Feder schon zwanzigmal wieder ergriffen und sie ebensooft wieder zur Seite gelegt und die Fassung der allerersten Zeile ihres Schreibens hin und her überlegt, ohne auch nur eine Silbe niedergeschrieben zu haben, als Oliver, der mit Mr. Giles von einer Wanderung durch die Stadt zurückgekehrt war, in atemloser Hast und lebhafter Unruhe in das Zimmer trat, wie wenn ein neues Unglück zu fürchten wäre.
«Oliver, warum siehst du so erschreckt aus?» fragte Rose, ihm entgegentretend. «Rede, mein Kind!»
«Ich kann kaum; mir ist es, als ob ich ersticken müßte», erwiderte der Knabe. «Ach! daß ich ihn doch noch gesehen habe, und daß Sie sich überzeugen werden, daß ich Ihnen die reine Wahrheit erzählt habe!»
«Ich habe nie daran gezweifelt, daß du die Wahrheit gesprochen hast, mein Liebling», versetzte Rose besänftigend. «Doch was bedeutet dies alles -- von wem ist die Rede?»
«Ich habe den Herrn gesehen,» erwiderte der Knabe, «den Herrn, der so gütig gegen mich war -- Mr. Brownlow, von dem wir so oft gesprochen haben.»
«Wo?» fragte Rose.
«Er stieg eben aus einem Wagen und ging in ein Haus», erwiderte Oliver, indem Freudentränen aus seinen Augen hervorstürzten. «Ich redete ihn nicht an -- ich konnte nicht, denn er sah mich nicht, und ich zitterte so, daß ich nicht imstande war, zu ihm zu gehen. Aber Giles erkundigte sich, ob er in dem Hause wohnte, und man sagte ja. Sehen Sie,» fuhr er fort, ein Stück Papier entfaltend, «hier steht es; da wohnt er -- ich will sogleich hingehen. O Gott! ich werde mich nicht fassen können, wenn ich ihn sehe und seine Stimme wieder höre!»
Rose Maylie hatte unter diesen und noch vielen ähnlichen Ausrufen der Freude des Knaben große Mühe, Mr. Brownlows Adresse zu lesen, >Craven Street, Strand<; sie beschloß indes nach einiger Zeit, Olivers Entdeckung ohne Säumen zu benutzen.
«Schnell!» sagte sie, «gib Befehl, einen Mietwagen kommen zu lassen, und halte dich bereit, mich zu begleiten. Ich werde dich, ohne einen Augenblick zu verlieren, hinbringen und will nur erst meiner Tante sagen, daß wir auf eine Stunde ausfahren wollen; ich werde ebenso rasch fertig sein wie du selbst.»
Es bedurfte bei Oliver keiner Mahnung zur Eile, und in weniger als fünf Minuten befanden sie sich auf dem Wege nach der bezeichneten Straße. Als sie angelangt waren, ließ Rose Oliver unter dem Vorwande, den alten Herrn auf sein Erscheinen vorzubereiten, allein im Wagen, stieg aus und schickte durch den Diener ihre Karte mit der Bitte hinauf, Mr. Brownlow in sehr dringenden Angelegenheiten sprechen zu dürfen. Der Diener kehrte bald wieder zurück, um sie zu ersuchen, hinaufzukommen. Sie folgte ihm in eins der oberen Zimmer, wo sie einen ältlichen, in einem dunkelgrünen Rocke sich präsentierenden Herrn, in dessen Mienen unverkennbare Herzensgüte sich ausdrückte, fand. Nicht weit von ihm erblickte sie einen zweiten alten Herrn in Nankingbeinkleidern und Gamaschen, der nicht besonders wohlwollend aussah und dasaß, die Hände auf den Knauf eines schweren Spazierstocks gestützt und das Kinn auf demselben ruhend lassend.
«Ah!» sagte der Herr im grünen Rocke, eilfertig und mit Zuvorkommenheit aufspringend, «ah, entschuldigen Sie, mein gnädiges Fräulein -- ich glaubte, es wäre irgendeine zudringliche Person, die -- Sie werden mich gütigst entschuldigen. Bitte, nehmen Sie Platz!»
«Mr. Brownlow, wenn ich nicht irre, Sir?» sagte Rose, nachdem sie auf den andern Herrn einen Blick geworfen hatte.
«So ist mein Name, ja», erwiderte der alte Herr. «Dies ist mein Freund, Mr. Grimwig. Grimwig, Sie haben wohl die Gefälligkeit und verlassen uns auf einige Minuten.»
«Ich glaube nicht, daß es notwendig sein wird, den Herrn zu bemühen», bemerkte Rose. «Wenn ich nicht irre, so ist ihm die Angelegenheit, in welcher ich Sie zu sprechen wünsche, nicht fremd.»
Brownlow gab seine Einwilligung durch eine leichte Kopfneigung zu erkennen, und Grimwig, der eine sehr steife Verbeugung gemacht hatte und aufgestanden war, machte eine zweite sehr steife Verbeugung und nahm wieder Platz.
«Was ich Ihnen mitzuteilen habe, wird Sie ohne Zweifel sehr überraschen», begann Rose etwas verlegen. «Sie erwiesen einst einem mir sehr teuern jungen Freunde viel Wohlwollen und Güte, und ich bin überzeugt, daß es Sie freuen wird, wieder von ihm zu hören.»
«Einem jungen Freunde!» sagte Mr. Brownlow. «Darf ich seinen Namen wissen?»
«Oliver Twist!» erwiderte Rose.
Kaum waren die Worte ihrem Munde entflohen, als Grimwig, der sich gestellt hatte, als ob ihn der Inhalt eines auf dem Tisch liegenden großen Buches lebhaft interessierte, dasselbe mit großem Geräusche zuschlug, sich zurücklehnte, wobei sein Antlitz den Ausdruck des äußersten Erstaunens annahm, und lange mit großen, stieren Augen dasaß, worauf er, als ob er sich schämte, so viel innere Bewegung an den Tag gelegt zu haben, sich in seine vorige Stellung gleichsam wieder zurückschnellte und, indem er gerade vor sich hinstarrte, einen langen, pfeifenden Ton erschallen ließ, der nicht in der leeren Luft, sondern in den innersten Höhlen seines Magens zu ersterben schien.
Mr. Brownlow war nicht weniger erstaunt, wiewohl sein Erstaunen sich auf eine weit minder seltsame Art kundgab. Er rückte seinen Stuhl näher zu Rose heran und sagte: «Erzeigen Sie mir den Gefallen, mein liebes, gnädiges Fräulein, die Güte und das Wohlwollen, von welchem Sie reden, und wovon, Sie ausgenommen, niemand weiß, gänzlich außer Frage zu lassen; und wenn Sie irgend Beweise herbeizubringen vermögen, welche geeignet sind, mir die üble Meinung zu benehmen, die ich vormals von dem genannten unglücklichen Kinde zu hegen mich bewogen fand, so teilen Sie sie mir mit -- ich bitte dringend darum.»
«Ein böser Bube -- ich will meinen Kopf aufessen, wenn er es nicht ist», brummte Grimwig in sich hinein wie ein Bauchredner und ohne einen Gesichtsmuskel in Bewegung zu setzen.
«Der Knabe besitzt einen reinen Sinn und ein warmes Herz», sagte Rose, vor Unmut errötend; «und die Allmacht, der es gefallen, ihm Prüfungen, die über seine Jahre hinausgingen, aufzuerlegen, hat in seiner Brust Gefühle und Gesinnungen keimen lassen, welche unzähligen Ehre machen würden, die seine Jahre sechsfach zählen.»
«Ich bin erst einundsechzig,» bemerkte Grimwig mit derselben starren Unbeweglichkeit, «und da es mit dem Teufel zugehen müßte, wenn dieser Oliver nicht wenigstens zwölf Jahr alt ist, so sehe ich das Zutreffende der Bemerkung nicht ein.»
«Achten Sie nicht auf meinen Freund, Miß Maylie», sagte Brownlow; «er meint es doch nicht so.»
«Das tut er allerdings», brummte Grimwig vor sich hin.
«Nein, er tut es nicht», beharrte Brownlow, der offenbar immer erzürnter wurde.
«Er will seinen Kopf aufessen, wenn er es nicht tut», beteuerte Grimwig.
«Er verdiente, ihn zu verlieren, wenn er es täte», entgegnete Brownlow.
«Und er möchte denjenigen sehen, der es zu versuchen wagte, ihm den Kopf zu nehmen», erwiderte Grimwig, seinen Stock mit Heftigkeit gegen den Fußboden stoßend.
Nachdem die alten Herren soweit gediehen waren, nahmen beide eine Prise Schnupftabak und drückten darauf, gemäß ihrer unabänderlichen Gewohnheit, einander die Hände.
«Und nun, Miß Maylie,» begann Brownlow, sich wieder zu Rose wendend, «lassen Sie uns zu dem Gegenstande zurückkehren, an welchem Ihre Menschenliebe einen so großen Anteil nimmt. Darf ich wissen, welche Kunde Sie von dem armen Knaben besitzen? Erlauben Sie mir, Ihnen vorher mitzuteilen, daß ich, um ihn ausfindig zu machen, alle mir zu Gebote stehenden Mittel erschöpft habe, und daß seit meiner Reise außer Landes meine erste Meinung, daß er mich belogen und durch seine ehemaligen Genossen beredet gewesen, mich zu bestehlen, bedeutend erschüttert worden ist.»
Rose, welcher diese Rede Zeit gelassen hatte, ihre Gedanken zu sammeln, berichtete nun Brownlow alles, was sich mit Oliver zugetragen, seit er das Haus desselben verlassen, und verschwieg ihm einstweilen nur Nancys unter vier Augen ihm anzuvertrauende Mitteilungen. Sie schloß mit der Versicherung, daß der einzige Kummer, den der Knabe seit einigen Monaten empfunden, dem Umstande zuzuschreiben sei, daß er seinen ehemaligen Wohltäter und Freund nirgends habe finden können.
«Gott sei Dank!» rief der alte Herr. «Diese Nachricht macht mich glücklich, sehr glücklich. Doch Sie haben mir nicht gesagt, wo er sich gegenwärtig befindet, Miß Maylie. Verzeihen Sie mir -- doch weshalb haben Sie ihn nicht mitgebracht?»
«Er wartet im Wagen vor der Tür», erwiderte Rose.
«Vor meiner Tür?» rief der alte Herr freudig überrascht aus, eilte, ohne ein Wort zu sagen, hinaus, die Treppe hinunter, sprang auf den Wagentritt und in den Wagen hinein.
Sobald er fort war, hob Grimwig den Kopf empor, balancierte seinen Stuhl auf einem Hinterbeine und beschrieb, ohne aufzustehen und mit Hilfe seines Stockes und des Tisches, drei ganze Kreise. Nachdem er die Evolution glücklich ausgeführt hatte, sprang er auf und humpelte nach besten Kräften zum wenigsten ein dutzendmal im Zimmer auf und ab, blieb plötzlich vor Rose stehen und küßte sie ohne alle weitere Einleitung.
«Pst!» sagte er, als Rose, über dieses ungewöhnliche Verfahren ein wenig erschreckt, aufstand; «seien Sie ohne Furcht. Ich bin alt genug, um Ihr Großvater zu sein. Sie sind ein wackeres, ein sehr gutes Mädchen -- ich habe Sie lieb. Da kommen sie!»
Bei diesen Worten warf er sich mit einer geschickten Wendung auf seinen Sitz, und in demselben Augenblick trat Brownlow mit Oliver herein, den Grimwig sehr gnädig begrüßte. Ach, wenn die Freude dieses Augenblicks Roses einzige Belohnung gewesen wäre für alle ihre Sorge und Angst um Oliver, sie würde sich hinlänglich belohnt gefühlt haben.
«Es ist aber noch jemand, den wir nicht vergessen dürfen», sagte Brownlow, nach der Klingelschnur greifend.
«Sage Mrs. Bedwin, sie möchte einmal heraufkommen», befahl er dem hereintretenden Diener.
Die bejahrte Haushälterin erschien sogleich, machte ihren Knicks und blieb, des Befehls des Herrn gewärtig, an der Tür stehen.
«Mein Gott, Sie werden ja alle Tage blinder», sagte Brownlow ein wenig verdrießlich.