Oliver Twist

Part 22

Chapter 223,698 wordsPublic domain

«Freilich,» sagte Monks spöttisch, «wie könnten Sie mich auch verstehen!» Er blickte die Eheleute halb höhnisch und halb grollend an, winkte ihnen abermals, ihm nachzufolgen, eilte durch das große, jedoch niedrige Zimmer voran und wollte eben eine steile Treppe oder vielmehr Leiter hinaufsteigen, als der helle Glanz eines Blitzes durch die Öffnung herabfuhr und ein Donnerschlag erfolgte, der das gebrechliche Gebäude in seinem Grunde erschütterte.

«Hören Sie!» rief er, zurückschreckend aus. «Hören Sie, wie es prasselt und rollt, als ob es durch tausend Höhlen widerhallte, wo sich die Teufel davor verstecken. Fluch über den Lärm! Ich hasse ihn.»

Er schwieg einige Augenblicke, entfernte plötzlich die Hände von seinem Gesicht, und Mr. Bumble gewahrte zu seinem unaussprechlichen Schrecken, daß es fast kreideweiß und ganz verzerrt war.

«Ich leide bisweilen an diesen Zufällen,» sagte Monks, die Bestürzung des Armenhausverwalters bemerkend, «und dann und wann werden sie durch den Donner hervorgerufen. Achten Sie nicht darauf; es ist für diesmal vorüber.» Mit diesen Worten ging er voran, erklomm die Treppe, verschloß hastig die Fensterläden des Gemaches, in welches er das Ehepaar führte, und ließ eine an einer Leine und einer Rolle an einem der Deckenbalken hängende Laterne herunter, die ein mattes Licht auf einen alten Tisch und drei an denselben gestellte Stühle warf. Als sie sich gesetzt hatten, sagte er: «Je eher wir zur Sache kommen, desto besser ist's für uns alle. Weiß die Frau, worauf sich unser Geschäft bezieht?»

Die Frage war an Mr. Bumble gerichtet, allein Mrs. Bumble nahm sogleich das Wort und erklärte, daß sie mit dem Zwecke der Zusammenkunft vollkommen bekannt sei.

«Er sagte, Sie wären bei der alten Hexe an dem Abend gewesen, da sie starb, und sie hätte Ihnen etwas anvertraut --»

«Was die Mutter des Knaben betraf, den Sie nannten», unterbrach ihn Frau Bumble. «Ja, Sir.»

«Die erste Frage», sagte Monks, «ist die, worin bestand ihre Mitteilung?»

«Das ist die zweite Frage», bemerkte Frau Bumble mit großer Ruhe. «Die erste ist die, was wohl der Preis des Geheimnisses sein mag?»

«Wer zum Teufel kann das sagen, ohne zu wissen, worin es besteht?» lautete Monks' Gegenfrage.

«Ich bin überzeugt, niemand besser als Sie», antwortete Frau Bumble, der es, wie ihr Gatte aus hinreichender Erfahrung bezeugen konnte, keineswegs an Herzhaftigkeit gebrach.

«Hm!» sagte Monks bedeutsam und mit einem begierigen und lauernden Blick; «handelt es sich denn um etwas Wertvolles?»

«Vielleicht -- o ja, vielleicht», antwortete Frau Bumble gelassen.

«Etwas, was man ihr abnahm», fuhr Monks eifrig fort; «etwas, was sie trug -- etwas, was --»

«Sie tun am besten, wenn sie bieten», unterbrach ihn Frau Bumble. «Ich habe schon gehört, um gewiß zu sein, daß Sie der Mann sind, für welchen mein Geheimnis Wert hat.»

Mr. Bumble, den seine bessere Hälfte von dem Geheimnis noch nicht mehr hatte wissen lassen, als er gleich zu Anfang gewußt, horchte diesem Zwiegespräch mit vorgerecktem Halse und weit aufgerissenen Augen, die er mit unverhohlenem Erstaunen bald auf seine Frau, bald auf Monks heftete, und seine Spannung nahm womöglich noch zu, als der letztere ernstlich nach der Summe fragte, welche für die Offenbarung des Geheimnisses gefordert würde.

«Was ist es Ihnen wert?» fragte Frau Bumble ebenso kaltblütig wie vorhin.

«Kann sein, daß es mir nichts oder daß es mir zwanzig Pfund wert ist», erwiderte Monks; «sprechen Sie und lassen Sie mich Ihre Forderung wissen.»

«Legen Sie noch fünf Pfund zu; geben Sie mir fünfundzwanzig Pfund in Gold,» versetzte Frau Bumble, «und ich sage Ihnen alles, was ich weiß -- doch eher nicht.»

«Fünfundzwanzig Pfund!» rief Monks, sich zurückbeugend, aus.

«Ich sprach so deutlich, wie ich konnte,» entgegnete Frau Bumble, «und die Summe ist auch nicht bedeutend.»

«Die Summe nicht bedeutend für ein erbärmliches Geheimnis, das vielleicht der Rede nicht wert ist, wenn Sie es offenbart haben!» rief Monks ungeduldig aus; «ein Geheimnis, das seit zwölf Jahren oder länger vergessen oder begraben gelegen hat!»

«Solche Dinge halten sich gut und verdoppeln gleich gutem Weine häufig ihren Wert durch die Zeit», bemerkte Frau Bumble mit der kalten Entschlossenheit, die sie angenommen hatte; «und was das betrifft, daß es begraben gewesen, so gibt es Leute, die, soviel wir wissen, noch zwölftausend oder zwölf Millionen Jahre begraben liegen können und endlich sonderbare Geschichten erzählen werden.»

«Wie aber, wenn ich für nichts zahle?» fragte Monks bedenklich zögernd.

«Sie können mir das Geld leicht wieder abnehmen», erwiderte die Dame. «Ich bin ja nur eine Frau und allein und ohne Schutz in Ihrer abgelegenen Wohnung.»

«Weder allein, meine Liebe, noch ohne Schutz», fiel Mr. Bumble mit vor Angst bebender Stimme ein; «ich bin auch hier, meine Liebe. Und außerdem,» fuhr er zähneklappernd fort, «und außerdem ist Mr. Monks zu sehr Gentleman, um sich auch nur die mindeste Gewalttätigkeit gegen Kirchspielpersonen zu erlauben. Mr. Monks weiß, daß ich nicht mehr in der Blüte der Jahre und der Kraft stehe; allein er hat gehört -- hat ohne Zweifel gehört, lieber Schatz, daß ich ein sehr entschlossener Beamter und ungewöhnlich stark bin, wenn ich Veranlassung bekomme, mich zusammenzunehmen. Ich brauche mich nur eben etwas zusammenzunehmen.»

Und als Mr. Bumble so sprach, machte er einen trübseligen Versuch, mit trotziger Entschlossenheit nach seiner Laterne zu greifen, und zeigte deutlich durch den in allen seinen Zügen sich malenden Schrecken, wie es allerdings bei ihm nötig war, daß er sich ein wenig oder vielmehr recht sehr zusammennehmen mußte, bevor er sich zu einer nur irgend kriegerischen Demonstration herbeiließ, ausgenommen gegen Arme oder andere wehrlose Personen.

«Du bist ein Narr,» entgegnete ihm seine Ehehälfte, «und kannst nichts Besseres tun als den Mund halten.»

«Und ich werde ihm sogleich darauf schlagen, wenn er nicht leiser spricht», sagte Monks zornig. «Er ist also Ihr Mann?»

«Er mein Mann!» kicherte Frau Bumble, der Frage ausweichend.

«Ich dachte es, als Sie beide hereinkamen», fuhr Monks fort, den zornigen Blick gewahrend, den die Dame ihrem Eheherrn zuwarf. «Desto besser; ich trage um so weniger Bedenken, mit Leuten zu unterhandeln, wenn ich finde, daß sie von einem und demselben Willen beseelt sind. Ich meine es ernstlich -- schauen Sie hier!»

Er zog einen Beutel aus der Tasche, zählte fünfundzwanzig Sovereigns auf den Tisch und schob sie Frau Bumble hin.

«Nehmen Sie,» fuhr er fort, «und lassen Sie mich nun hören, was Sie zu erzählen haben, sobald der verwünschte Donnerschlag vorüber ist, der, ich fühl's, gerade über dem Hause loswettern wird.»

Sobald das Donnergeroll vorüber war, hob Monks das Gesicht vom Tische empor und beugte sich zu Frau Bumble hinüber, um begierig zu hören, was sie sagen würde. Auch das Ehepaar lehnte sich über den kleinen Tisch, so daß die Köpfe von allen dreien sich berührten. Das auf sie gerade herunterfallende matte Licht der hängenden Laterne ließ ihre Gesichter noch bleicher und gespenstischer erscheinen, und sie sahen um so unheimlicher aus, als rings umher die tiefste Finsternis sie umgab.

«Als die Frau, die wir die alte Sally nannten, starb,» hub Frau Bumble flüsternd an, «war ich mit ihr allein.»

«War niemand dabei?» fragte Monks mit demselben hohlen Geflüster; «keine Kranke oder Verrückte in einem anderen Bette? -- keine Seele, welche hören, vielleicht verstehen konnte?»

«Wir waren ganz allein», versicherte Frau Bumble; «ich und sonst niemand stand an ihrem Bette, als sie im Sterben lag. Sie sprach von einer jungen Frauensperson, die einige Jahre zuvor einem Kinde das Leben gegeben hätte, und zwar nicht bloß in demselben Zimmer, sondern auch in demselben Bette, in welchem die Sterbende lag.»

«Fürwahr!» sagte Monks mit bebender Lippe und über seine Schulter blickend. «Teufel! Wie doch die Dinge zuletzt kommen können!»

«Das Kind war dasselbe, das Sie ihm gestern abend nannten», fuhr Frau Bumble, nachlässig nach ihrem Manne hindeutend, fort; «und die alte Sally hat seine Mutter bestohlen.»

«Bei ihren Lebzeiten?» fragte Monks.

«Nein, als sie gestorben war», erwiderte Frau Bumble mit einigem Schaudern. «Sie bestahl die Leiche, nachdem dieselbe eine solche geworden war, und was sie nahm, war eben das, was die sterbende Mutter in ihren letzten Atemzügen sie gebeten hatte, um des Kindes willen aufzubewahren.»

«Verkaufte sie es?» fiel Monks in der größten Spannung ein; «hat sie es verkauft? -- Wo? -- Wann? -- An wen? -- Vor wie langer Zeit?»

«Als sie mir mit großer Mühe gesagt hatte, was sie getan, sank sie zurück und starb.»

«Und sagte weiter nichts mehr?» rief Monks mit einer Stimme, die nur um so wütender ertönte, je gewaltsamer er sie zu dämpfen suchte. «Es ist eine Lüge! Ich werde mich nicht hinter das Licht führen lassen. Sie sagte mehr -- ich morde Sie beide, wenn ich nicht erfahre, was es war!»

«Sie sagte kein Sterbenswörtchen mehr,» entgegnete Frau Bumble, allem Anscheine nach durch Monks' Heftigkeit nicht im mindesten erschreckt, was ihr Mann augenscheinlich in einem desto höheren Grade war; «sie faßte aber krampfhaft mit der einen Hand mein Kleid, und ich fand, als sie tot war, und als ich ihre Hand mit Gewalt losmachte, einen schmutzigen Papierstreifen darin.»

«Was enthielt er?» unterbrach Monks, sich vorbeugend.

«Nichts; es war ein Schein von einem Pfandleiher.»

«Worüber?»

«Das werde ich Ihnen seinerzeit schon sagen. Ich muß glauben, sie hatte das Geschmeide, über dessen Empfang der Papierstreifen ausgestellt war, einige Zeit aufbewahrt, um größeren Gewinn daraus zu ziehen, es sodann verpfändet und dem Pfandleiher jedes Jahr die Zinsen bezahlt, um es wieder einlösen zu können, wenn es etwa zu einer Entdeckung führen sollte. Dies war jedoch nicht geschehen, und sie starb mit dem Scheine in der Hand, der nach einigen Tagen verfallen sein würde, und ich löste das Pfand ein, weil ich glaubte, dereinst noch einmal Nutzen daraus ziehen zu können.»

«Wo haben Sie es?» fragte Monks hastig.

«Hier ist es», erwiderte Frau Bumble und warf eilig, als wenn sie froh wäre, sich davon zu befreien, ein kleines ledernes Beutelchen auf den Tisch; Monks bemächtigte sich desselben begierig und öffnete es mit zitternden Händen. Es enthielt ein kleines goldenes Medaillon, in welchem sich zwei Haarlocken und ein einfacher goldener Trauring befanden.

«Auf der Innenseite ist der Name Agnes zu lesen», sagte Frau Bumble. «Für den Zunamen ist ein Raum offen gelassen, und dann folgt das Datum von einem Tage in dem Jahre vor der Geburt des Kindes, das ich in Erfahrung gebracht habe.»

«Und das ist alles?» fragte Monks nach einer genauen und eifrigen Untersuchung des kleinen Beutels.

«Ja,» antwortete Frau Bumble, und ihr Eheherr atmete lang und tief, als wenn er sich freute, daß alles vorüber wäre, ohne daß Monks die fünfundzwanzig Pfund zurückforderte. Er faßte jetzt so viel Mut, um endlich den Schweiß abzuwischen, der ihm vom Anfange der Unterredung an über die Stirn und Wangen hinabgeträufelt war.

«Ich weiß nichts von der Geschichte außer dem, was ich mutmaßen kann,» nahm seine Frau nach einem kurzen Stillschweigen wieder das Wort, «und begehre auch nichts zu wissen, denn es ist sicherer. Darf ich Ihnen aber ein paar Fragen vorlegen?»

«Das können Sie», sagte Monks mit einiger Verwunderung; «ob ich aber antworte oder nicht, ist eine andere Frage.»

«Was ihrer drei macht», bemerkte Mr. Bumble, ein wenig Scherzhaft-Witziges einschaltend.

«War es das, was Sie von mir zu bekommen erwarteten?» fragte die Dame.

«Ja», erwiderte Monks. «Die zweite Frage?» --

«Was denken Sie damit zu tun -- kann es gegen mich gebraucht werden?»

«Niemals,» sagte Monks, «und auch nicht gegen mich. Sehen Sie hier; aber bewegen Sie sich keinen Schritt vorwärts, oder Ihr Leben ist keinen Strohhalm wert!» Er schob bei diesen Worten plötzlich den Tisch zur Seite und öffnete eine große Falltür dicht vor den Füßen Mr. Bumbles, der sich in größter Hast mehrere Schritte zurückzog. «Schauen Sie hinunter», sagte Monks, die Laterne in die Öffnung hinablassend; «fürchten Sie nichts. Ich hätte Sie ganz unbemerkt hinunter spedieren können, als Sie darüber saßen, wenn es meine Absicht gewesen wäre.»

Frau Bumble trat ermutigt an die Öffnung, und sogar ihr Eheherr wagte es, von Neugierde getrieben, dasselbe zu tun. Das vom Regen angeschwollene trübe Wasser rauschte unten so gewaltig, daß sich alle anderen Töne in seinem Geräusche verloren. Es war an der Stelle vormals eine Wassermühle gewesen, und das Pfahlwerk und die sonstigen Überreste derselben hielten das Wasser nur auf, um seinen Andrang und das Brausen noch zu verstärken.

«Wenn man hier eine Leiche hinunterwürfe, wo würde sie morgen früh sein?» fragte Monks, die Laterne in dem finsteren Schlunde hin und her schwingend.

«Zwölf Meilen weit unten im Strome und obendrein in Stücke gerissen», erwiderte Bumble, bei dem bloßen Gedanken zurückbebend.

Monks nahm den kleinen Beutel, band ihn fest an ein daliegendes bleiernes Gewicht und warf ihn in das Wasser hinunter; man hörte, wie er hineinfiel, alle drei sahen einander an und schienen freier aufzuatmen. Monks verschloß die Falltür wieder.

«So!» sagte er. «Wenn die See ihre Toten jemals zurückgibt, wie Bücher sagen, daß sie es werde -- so wird sie doch ihr Gold und Silber samt jenem Plunder für sich behalten. Wir haben einander nichts mehr zu sagen und können unserem angenehmen Zusammensein ein Ende machen.»

«Allerdings, allerdings», bemerkte Mr. Bumble mit großem Eifer.

«Sie werden doch aber reinen Mund halten?» fragte Monks mit einem drohenden Blick. «Für Ihre Frau bin ich nicht besorgt.»

«Sie können sich auf mich verlassen, junger Mann», antwortete Bumble, sich unter fortwährenden, unendlich höflichen Verbeugungen der Leiter nähernd. «Um jedermanns willen, und Sie wissen, auch um meinetwillen, Mr. Monks.»

«Ich freue mich um Ihretwillen, Sie so sprechen zu hören», entgegnete Monks. «Zünden Sie Ihre Laterne an, und machen Sie sich davon, so schnell Sie können.»

Diese Aufforderung kam sehr zur rechten Zeit, denn Mr. Bumble würde, wenn er sich noch einmal verbeugt und dann noch einen einzigen Schritt zurückgetan hätte, unfehlbar hinuntergestürzt sein. Er zündete seine Laterne an, stieg schweigend hinab, und seine Frau folgte ihm. Monks folgte zuletzt, nachdem er einige Augenblicke gehorcht hatte, ob sich auch keine anderen Laute vernehmen ließen, als die des Wasser- und Regengeräusches. Sie gingen langsam und vorsichtig durch das Zimmer im Erdgeschoß, denn Monks erschrak über jeden Schatten, und Bumble hielt seine Laterne einen Fuß über dem Boden und blickte fortwährend angstvoll nach versteckten Falltüren umher. Monks öffnete ihnen leise die Tür, und das Ehepaar trat in die Finsternis hinaus, nachdem es von seinem geheimnisvollen Bekannten durch ein Kopfnicken Abschied genommen hatte.

Sobald der Armenhausverwalter und seine Gattin fort waren, rief Monks, der einen unüberwindlichen Widerwillen gegen das Alleinsein zu hegen schien, einen Knaben, der irgendwo versteckt gewesen sein mußte, befahl ihm, mit der Laterne voranzugehen, und kehrte in das Gemach zurück, das er soeben verlassen hatte.

39. Kapitel.

In welchem alte Bekannte auftreten und Fagin und Monks die Köpfe zusammenstecken.

An dem Abende, der auf die im vorigen Kapitel erzählte Unterredung der drei wackeren Leute folgte, erwachte Sikes aus seinem Schlummer und fragte schlaftrunken, welche Zeit es wäre. Das Zimmer, in welchem er sich befand, war keins von denen, die er vor der Chertseyer Expedition bewohnt hatte, obgleich es sich in einem Hause nicht weit von seiner früheren Wohnung befand. Es war allem Anschein ein weit schlechteres Gemach und erhielt nur durch ein einziges Dachfenster Licht, das auf eine enge und schmutzige Gasse hinausging. Auch fehlte es nicht an mannigfachen anderen Anzeichen, daß Mr. Sikes zur äußersten Dürftigkeit herabgesunken war, was auch durch sein bleiches und abgemagertes Aussehen bestätigt wurde.

Der Einbrecher lag auf seinem Bett, in einen großen weißen Mantel gehüllt und mit einem Gesicht, das durch seine leichenhafte Blässe und einen mindestens eine Woche alten, stachligen, schwarzen Bart nichts weniger als verschönt war. Sein Hund saß neben dem Bett, bald seinen Herrn mit ernsten Augen anblickend, bald die Ohren spitzend und ein dumpfes Knurren ausstoßend, sobald ein Geräusch auf der Straße oder in dem unteren Teile des Hauses seine Aufmerksamkeit erregte.

An dem Fenster mit Ausbesserung eines dem Einbrecher gehörenden alten Kleidungsstückes beschäftigt, saß Nancy, welche gleichfalls so blaß und erschöpft von Hunger und Wachen aussah, daß man sie kaum anders als an der Stimme erkannt haben würde, als sie Sikes' Frage beantwortete. «Noch nicht lange sieben vorüber», sagte sie. «Wie befindet Ihr Euch heute abend, Bill?»

«So schwach wie Wasser», erwiderte er mit einem seiner gewöhnlichen Flüche. «Komm her, reich' mir die Hand und hilf mir von dem verdammten Bette.»

Sikes' Laune war durch seine Krankheit nicht freundlicher geworden, denn während ihn Nancy emporhob und nach einem Stuhle leitete, murmelte er Flüche über ihr Ungeschick und schlug sie.

«Plärrst du?» sagte er. «Laß das Winseln bleiben! Wenn du nichts Besseres weißt, so troll' dich lieber. Hörst du?»

«Freilich hör' ich», antwortete das Mädchen, das Gesicht abwendend und sich zu einem Lachen zwingend. «Was fällt Euch denn jetzt wieder ein, Bill?»

«Hast dich 'nes Bessern besonnen?» sagte Sikes finster, die in ihrem Auge zitternde Träne gewahrend. «Um so besser für dich.»

«Oh, Ihr könnt heut' abend nicht schlimm gegen mich sein, Bill», versetzte sie, die Hand auf seine Schulter legend.

«Warum nicht?» fuhr er sie an.

«Wie viele, viele Nächte,» sagte sie mit einer Regung von Frauenzärtlichkeit, die sogar dem Ton ihrer Stimme eine gewisse Weichheit gab, -- «wie viele, viele Nächte hab' ich geduldig bei Euch gesessen und Euch gepflegt und gewartet, als ob Ihr ein Kind gewesen wäret; und Ihr würdet mich sicher nicht behandelt haben, wie Ihr's eben tatet, wenn Ihr daran gedacht hättet; nicht wahr, Bill? Sprecht nur ein Wort -- sagt nein.»

«Nun ja, ich hätt's nicht getan», sagte Sikes. «Aber Gott verdamm' mich, die Dirne winselt schon wieder!»

«'s ist nichts», seufzte Nancy, sich auf einen Stuhl werfend. «Kümmert Euch nur nicht um mich, und es wird bald vorüber sein.»

«Was wird vorüber sein?» fragte Sikes zornig. «Was hast du jetzt wieder für Dummheiten vor? Steh' auf, mach' dir zu schaffen und bleib mit deinen Weiberpossen zu Haus!»

Zu jeder anderen Zeit würde diese Aufforderung und der Ton, in welchem sie ausgesprochen wurde, die beabsichtigte Wirkung gehabt haben; allein Nancy war in der Tat kraftlos und erschöpft, ließ den Kopf auf die Stuhllehne sinken und wurde ohnmächtig, ehe noch Sikes die angemessenen Flüche ausstoßen konnte, mit welchen er unter ähnlichen Umständen seine Drohungen zu würzen pflegte. Er wußte nicht recht, was er tun sollte, denn Nancys Ohnmachten pflegten von der heftigsten Art zu sein; er nahm daher seine Zuflucht zu ein wenig Gotteslästerung und rief nach Hilfe, als sich das Mittel vollkommen unwirksam zeigte.

«Was gibt es, mein Lieber?» fragte der Jude hereinblickend.

«Kannst der Dirne nicht beispringen?» rief ihm Sikes ungeduldig zu. «Steh' nicht da und schwatz', gaff' mich nicht an!»

Fagin eilte mit einem Ausrufe der Verwunderung, Nancy Beistand zu leisten, während Mr. John Dawkins (sonst genannt der gepfefferte Baldowerer), der seinem ehrwürdigen Freunde in das Zimmer gefolgt war, hastig ein Bündel niederlegte, Master Charley Bates, der dicht hinter ihm war, eine Flasche aus der Hand riß, sie im Nu mit den Zähnen entkorkte und der Patientin einige Tropfen daraus eingoß, jedoch erst, nachdem er selbst gekostet, um einen etwaigen Irrtum zu verhüten.

«Blase ihr 'n Bissel frische Luft mit dem Blasebalge zu, Charley,» sagte er, «und Ihr, Fagin, klapst ihr die Hände, während Bill ihr die Kleider lockert.»

Da alle sehr eifrig waren, besonders Master Bates, dem seine Rolle der köstlichste Spaß zu sein schien, so kam Nancy nach kurzer Zeit allmählich wieder zu sich selbst, wankte nach einem Stuhle am Bett, verbarg ihr Gesicht in den Kissen und überließ es Sikes, ohne alle Einmischung von ihrer Seite, den Neuangekommenen seine Meinung über sie und ihr unerwartetes Erscheinen auszudrücken.

«Welcher böse Wind hat Euch denn hierher geblasen?» fragte er Fagin.

«Gar kein böser Wind, mein Lieber,» antwortete der Jude; «denn ein böser Wind bläst zu niemandem Gutes, und ich habe mitgebracht etwas Gutes, das Ihr Euch werdet freuen zu schaun. Baldowerer, mein Lieber, öffne das Bündel und gib Bill, wofür wir haben ausgegeben all unser Geld.»

Der Gepfefferte band das Bündel auf, und Charley Bates leerte es unter Lobsprüchen des Inhalts.

«Schaut nur, Bill,» sagte der junge Herr, «solch 'ne Kaninchenpastete, von so zarten Tierchen, daß einem sogar die Knochen auf der Zunge zerschmelzen; -- und hier den prächt'gen Tee -- und den Zucker -- und das Brot -- und die frische Butter -- den Gloucesterkäs -- und vor allen Dingen, was sagt Ihr hierzu?»

Er stellte bei diesen Worten eine wohlverkorkte Weinflasche auf den Tisch, während Dawkins aus der Flasche, die er vorhin Charley entrissen, dem Patienten ein Glas Branntwein einschenkte, das von demselben sogleich auf einen Zug geleert wurde.

«Das wird Euch bekommen, wird Euch bekommen, Bill», sagte der Jude, sich vergnügt die Hände reibend.

«Bekommen?» rief Sikes aus. «Ich hätte zwanzigmal umkommen können, eh' du 'nen Finger für mich gerührt hättest. Was soll das bedeuten, du falscher Schuft, daß du einen in 'nem solchen Zustande länger als drei Wochen im Stich lässest?»

«Hört, Kinder, hört ihn nur!» sagte der Jude achselzuckend; «hört, was er sagt, da wir kommen eben und ihm bringen alle die prächtigen Sachen.»

«Die Sachen sind in ihrer Art ganz gut», bemerkte Sikes, durch einen Blick nach dem wohlbesetzten Tische ein wenig besänftigt; «aber womit kannst du dich entschuldigen, daß du mich hier krank, ohne Geld und entblößt von allem hast liegen lassen und dich die ganze Zeit nicht mehr um mich bekümmert hast, als wenn ich nicht besser wär' wie der Hund da?»

«Ich bin gewesen aus London, mein Lieber, länger als eine Woche», erwiderte der Jude.

«Und wo warst du die anderen vierzehn Tage,» fragte Sikes, «wo du mich hast hier liegen lassen wie 'ne Ratt' in ihrem Loche?»

«Konnt's nicht ändern, Bill», antwortete Fagin; «kann mich nicht einlassen auf die Gründe vor so vielen Ohren; aber, auf meine Ehre, ich konnt's nicht ändern.»

«Worauf?» schnaubte ihn Sikes mit der äußersten Verachtung an. «Jungen, schneid' mir einer von euch ein Stück Pastete ab, daß ich den Geschmack von seiner Ehr' aus dem Munde los werde, oder ich ekle mich daran zu Tode.»

«Seid nur nicht unwirsch, mein Lieber», erwiderte der Jude sehr unterwürfig. «Ich hab' Euch vergessen nicht, Bill; niemals, Bill.»

«Oh, ich will selbst darauf schwören», fiel Sikes mit dem bittersten Lächeln ein. «Du gehst deinen Geschäften nach, während ich hier im Fieber liege. Ich hab' bald dies, bald das für dich tun müssen, solang ich gesund und auf'n Beinen war, und hab's spottwohlfeil getan und bin arm dabei geblieben und hätte sterben und verderben müssen, wär' die Dirn' nicht gewesen.»

«Ganz recht, Bill,» sagte der Jude, Sikes' letzte Äußerung begierig auffassend, «wär' nicht gewesen die Dirne! Wer aber hat sie erzogen als der arme, alte Fagin, und hättet Ihr sie gehabt ohne mich?»

«Er hat ganz recht», rief Nancy aus, hastig näherkommend. «Laßt ihn zufrieden.»