Oliver Twist

Part 18

Chapter 183,753 wordsPublic domain

Da Oliver die Straße zu nennen wußte, in welcher Mr. Brownlow wohnte, so waren keine Kreuz- und Querfragen erforderlich, und als sie hineinfuhren, klopfte des Knaben Herz so heftig, daß er kaum zu atmen imstande war. Losberne forderte ihn auf, das Haus zu bezeichnen.

«Das da!» rief Oliver, eifrig aus dem Fenster zeigend. «Das weiße Haus! Oh, lassen Sie rasch fahren, recht rasch. Es ist mir, als wenn ich sterben müßte, eh' ich hinkomme; ich kann mir vor Zittern nicht helfen!»

«Nur Geduld, mein lieber Kleiner», sagte Losberne, ihn auf die Schulter klopfend. «Du wirst deine Freunde sogleich sehen, und sie werden sich freuen, dich gesund und wohlbehalten wiederzufinden.»

«Oh, das hoff' ich auch», versetzte Oliver. «Sie waren so gütig, so sehr, sehr gütig gegen mich, Sir.»

Der Wagen hielt, und Oliver blickte mit Tränen der freudigsten Erwartung nach den Fenstern hinauf. Doch ach! Das weiße Haus war unbewohnt; ein Anschlag verkündigte, daß es zu vermieten sei. Losberne stieg aus, zog den Knaben mit sich fort, klopfte an die nächste Tür und fragte die öffnende Magd, ob sie wisse, wohin sich Mr. Brownlow gewendet, der nebenan gewohnt habe. Sie wußte es nicht, lief hinauf, um sich zu erkundigen, kehrte zurück und brachte die Nachricht, er habe sein Haus und seine Mobilien verkauft und sei vor sechs Wochen nach Westindien gegangen. Oliver schlug die Hände zusammen und wäre bald zu Boden gesunken.

«Hat er auch seine Haushälterin mitgenommen?» fragte Losberne nach einem kurzen Stillschweigen.

«Ja, Sir; der alte Herr, die Haushälterin und ein Freund von ihm sind miteinander abgereist.»

«Wir kehren sogleich nach Hause zurück», rief der Doktor dem Kutscher zu; «und fahren Sie rasch, daß wir sobald wie möglich aus dem verwünschten London wieder hinauskommen.»

«Der Buchhändler, Sir -- wollen wir nicht zu ihm?» fiel Oliver ein. «Ich weiß, wo er wohnt. O bitte, lassen Sie uns zu ihm fahren.»

«Mein liebes Kind, wir haben für einen Tag der Täuschung genug gehabt», erwiderte Losberne. «Führen wir zum Buchhändler, so würden wir sicher hören, daß er sein Haus angezündet hat, oder davongegangen oder tot wäre. Nein, wir wollen für heute sogleich wieder nach Chertsey zurückkehren.»

Er wiederholte, gemäß dem Eindruck des Augenblicks, seinen Befehl, und sie kehrten nach Chertsey zurück.

Die erfahrene bittere Täuschung verursachte Oliver mitten in seinem Glücke viel Kummer; denn wie oft hatte er sich während seiner Krankheit an der Vorstellung gelabt, was Mr. Brownlow und Mrs. Bedwin zu ihm sagen würden, und welche Wonne es sein müßte, ihnen zu erzählen, wie viele lange Tage und Abende er zugebracht in der Erinnerung an das, was sie für ihn getan, und in Tränen über seine schreckliche Entführung aus ihrem Hause. Die Hoffnung, sich von Verdacht bei ihnen reinigen zu können, hatte ihn in mancher bösen Stunde aufrecht erhalten; und nun war der Gedanke, daß sie außer Landes gegangen in dem Glauben, daß er ein Dieb und Betrüger sei -- einem Glauben, in welchem sie vielleicht bis zu ihrer Sterbestunde verharrten -- fast mehr, als er zu ertragen vermochte.

Das Benehmen seiner Wohltäter und Gönner gegen ihn blieb jedoch unverändert. Als nach vierzehn Tagen schönes Frühlingswetter war, die Bäume im jungen, frischen Grün zu prangen und die Blumen zu blühen anfingen, trafen sie die erforderlichen Vorbereitungen, ihre Wohnung in Chertsey auf einige Monate zu verlassen. Das Silbergerät, das die Begierde des Juden erregt hatte, wurde in sicheren Gewahrsam gebracht, Giles mit einem zweiten Diener zur Bewachung des Hauses zurückgelassen, und sie reisten ab auf das Land und nahmen Oliver mit.

Wer vermöchte das selige Entzücken, den Seelenfrieden und die süße, trauliche Ruhe zu schildern, die der noch immer schwache Knabe in der balsamischen Luft, auf den grünen Hügeln und in den schönen Waldungen empfand, die das kleine Dorf, seinen neuen Wohnsitz, umgaben! Wer könnte es mit Worten beschreiben, welche Stille, welche Frische, welche Lust ein Frühling auf dem Lande in die Herzen geplagter Stadtbewohner senkt! Selbst von Leuten, die in engen, menschengefüllten Straßen ihr Leben unter stetem Geräusch und in fortwährender Plackerei zugebracht haben, und in denen nie ein Wunsch nach Veränderung ihrer Lage aufgestiegen ist, und die das Mauerwerk und die Steine, die engen Grenzmarken ihrer kleinen, täglichen Ausflüge, fast zu lieben angefangen -- selbst von ihnen, wenn die Todesstunde sich ihnen nahte, weiß man es, daß sie sich endlich nach einem flüchtigen Blicke des Antlitzes der Natur sehnten, daß sie, hinweggeführt von dem Schauplatze ihrer Mühen, Schmerzen und Freuden, gleichsam verjüngt zu werden schienen, Tag für Tag ein grünes, sonniges Plätzchen aufsuchten und in dem bloßen Schauen des blauen Himmels, der blumenübersäten Wiesen und des glitzernden Stromes einen Vorgeschmack des Himmels selbst empfanden, der ihre letzten Leiden versüßte, so daß sie friedlich wie die untergehende Sonne in ihre Gräber sanken, gleich der Sonne, die sie mit Entzücken am Fenster ihres einsamen, stillen Kämmerchens sinken sahen. Die Erinnerungen, welche durch friedliche ländliche Szenen hervorgerufen werden, sind nicht von dieser Welt und ihren Gedanken oder Hoffnungen. Ihr süßes, lindes Einwirken kann uns lehren, frische Kränze für die Gräber unserer Lieben zu winden, unsere Herzen zu läutern und unseren alten Haß, unsere Feindschaften zu verscheuchen und auszutilgen; und durch das alles zieht sich auch bei minder sinnigen Gemütern ein halbes, unbestimmtes Bewußtsein, Gefühle solcher Art einst in einer fernen, längstentflohenen Zeit empfunden zu haben -- ein Bewußtsein, das feierlich-ernste Ahnungen einer entfernten kommenden Zeit erweckt, und Stolz und Weltsinn dämpft und unterdrückt.

Das Dörfchen, wohin sie sich begaben, lag äußerst angenehm, und Oliver war es, als wenn ein neues Leben für ihn begonnen hätte, denn er hatte seine Tage von frühester Kindheit an in engen, oft schmutzigen Räumen und unter Geräusch und Lärm zugebracht. Rosen und Geißblatt bedeckten die Wände des Häuschens seiner Gönnerin, die Stämme der Bäume waren mit Efeu bewachsen, und die Gartenblumen erfüllten die Luft mit köstlichen Düften. Dicht neben dem Häuschen lag ein kleiner Friedhof, nicht angefüllt mit hohen, widerwärtigen Grabsteinen, sondern voll von bescheidenen Gras- und Mooshügelchen, unter welchen die alten Leute des Dorfes von ihren Mühen ausruhten. Oliver besuchte ihn oft und setzte sich, des elenden Grabes seiner Mutter gedenkend, bisweilen nieder und weinte ungesehen; doch wenn er dann die Augen emporhob zu dem klaren blauen Himmel über ihm, so dachte er sie sich nicht mehr ruhend im Schoße der Erde, sondern droben in den Wohnungen der Seligen und weinte wohl fort um sie, doch ohne Schmerz.

Es war eine schöne, glückliche Zeit. Die Tage vergingen friedlich und heiter, und die Abende brachten weder Furcht noch Sorge, kein Schmachten in einem düsteren Kerker, nicht den Anblick heimkehrender, verworfener Menschen mit sich, sondern nur süße, traute Gedanken. Jeden Morgen ging Oliver zu einem silberhaarigen, alten Manne, der dicht neben der kleinen Kirche wohnte und ihn lesen und schreiben lehrte, und so freundlich mit ihm redete und sich so sehr um ihn bemühte, daß Oliver sich selbst nie genug tun konnte, ihm Freude zu machen. Zu anderen Tagesstunden lustwandelte er mit Mrs. Maylie und Miß Rose und hörte ihrer Unterhaltung zu oder saß bei ihnen an einem schattigen Plätzchen und horchte dem Vorlesen der jüngeren Dame, ohne sich jemals satthören zu können. Zu anderen Zeiten war er eifrig mit seiner Lektion auf den folgenden Tag in einem kleinen Zimmer beschäftigt, dessen Fenster in den Garten ging; und wenn der Abend herankam, ging er wieder mit den Damen aus und war überglücklich, wenn er ihnen eine Blume pflücken konnte, nach welcher sie etwa Begehrung trugen, oder wenn sie etwas vergessen hatten und ihm auftrugen, es zu holen. War es dämmerig geworden, so pflegte sich Rose an das Fortepiano zu setzen und zu spielen oder ein altes Lied zu singen, das ihre Tante zu hören wünschte, und Oliver saß dann am Fenster und horchte den lieblichen Tönen, und Zähren wehmütiger Lust rannen über seine Wangen hinab.

Wie ganz anders wurde der Sonntag hingebracht, als ihn Oliver je verlebt hatte, und welch ein schöner Tag war er gleich den anderen Tagen in dieser glücklichen Zeit! Morgens wurde die kleine Kirche besucht, vor deren Fenstern sich grüne Blätter im Winde bewegten, und draußen zwitscherten die Vögel, und durch die niedrige Tür drang die reine, erquickende Luft herein. Die armen Landleute erschienen so sauber und reinlich und knieten bei den Gebeten so ehrfurchtsvoll nieder, daß ihr Gottesdienst wie eine Freude und nicht wie eine beschwerliche Pflichtübung erschien; und wenn der Gesang auch weniger als kunstlos war, so kam er doch vom Herzen und klang zum wenigsten Olivers Ohre wohltönender als alle Kirchenmusik, die er in seinem ganzen Leben gehört hatte. Und dann wurden die Spaziergänge wie gewöhnlich gemacht, und manche reinliche Hütte im Dorfe ward besucht; abends las dann Oliver einige Kapitel aus der Bibel vor, die ihm in der Woche vorher erklärt waren, und er empfand dabei eine so stolze Freude, als wenn er der Geistliche selbst gewesen wäre.

Morgens früh um sechs Uhr war er auf und draußen und streifte in den Feldern umher, Sträuße von wilden Blumen pflückend, mit denen er den Frühstückstisch schmückte. Auch brachte er frisches Kreuzkraut für Roses Vögel mit nach Hause, und waren dieselben besorgt, so hatte er fast täglich einen kleinen Mildtätigkeitsauftrag im Dorfe auszurichten, oder es war etwas im Garten zu tun, wobei er unter der Anleitung des Gärtners den lebhaftesten Eifer bewies, bis Miß Rose erschien und ihn durch manches Lächeln, manchen freundlichen Lobspruch belohnte.

So vergingen drei Monate -- drei Monate, die im Leben der Glücklichsten schön zu nennen gewesen sein würden, für Oliver aber, nach seinen unruhigen, trüben Tagen, die ungemischteste Seligkeit waren. Bei reinster und edelster Liebe und Großmut auf der einen und bei der wahrhaft innigsten und wärmsten Dankbarkeit auf der anderen Seite war es in der Tat kein Wunder, daß Oliver am Schlusse dieses kurzen Zeitabschnittes bei der alten Dame und ihrer Nichte vollkommen heimisch geworden war, und daß beide durch ihren Stolz auf ihn und ihre Freude an ihm die heiße Zuneigung seines jungen und lebhaft empfänglichen Herzens vergalten.

33. Kapitel.

In dem Olivers und seiner Gönnerinnen Glück eine plötzliche Störung erleidet.

Der Frühling schwand rasch dahin, und der Sommer kam, und war alles umher schön gewesen im Lenz, so blühte und glänzte es nun in vollster, üppigster Pracht. Die Bäume streckten ihre Arme über den durstigen Boden aus, verwandelten offene und nackte Stellen in dunkle, heimliche Plätzchen, und wie köstlich ließen sich aus ihrem stillen, hehren Schatten die sonnigen Felder beschauen! Die Erde hatte sich mit ihrem glanzvoll grünsten Mantel geschmückt, und Millionen Blüten durchdufteten die Luft. Alles grünte, blühte, strahlte von Lust und verkündete Freude.

Das ruhige Leben in Mrs. Maylies Landhäuschen nahm seinen Fortgang, und heiter und froh genossen die Bewohner die schöne Zeit. Oliver war gesund und kräftig geworden, ohne daß -- wie es sonst wohl der Fall ist -- eine Änderung in seinen Gefühlen oder seinem Benehmen eingetreten wäre. Er war fortwährend derselbe sanfte, zärtliche, liebevolle Knabe, der er gewesen, als unter Krankheit und Schmerz seine Kräfte geschwunden waren und seine Schwäche ihn auch bei den kleinsten Wünschen und Bedürfnissen von seinen Pflegerinnen abhängig gemacht hatte.

Einst an einem schönen Abende machte er mit Mrs. Maylie und Rose einen ungewöhnlich langen Spaziergang; es war sehr heiß gewesen, doch kühlte jetzt ein linder Wind die Luft, und am Himmel glänzte schon der Vollmond. Rose war sehr munter und wohlgemut, sie gingen unter fröhlichem Gespräche weiter, als sie gewöhnlich zu tun pflegten, Mrs. Maylie empfand endlich Ermüdung, und sie kehrten langsamer nach Hause zurück. Rose legte nur ihren Hut ab, setzte sich wie gewöhnlich an das Piano, schlug einige Akkorde an, ging zu einer langsam-feierlichen Weise über und fing, während sie dieselbe spielte, zu schluchzen an.

«Was weinst du, liebes Kind?» fragte Mrs. Maylie; allein Rose antwortete nicht und spielte nur ein wenig rascher, als wenn sie aus einem schmerzlichen Sinnen aufgeweckt worden wäre.

«Liebes Kind, was ist dir?» fragte Mrs. Maylie, hastig aufstehend und sich über sie beugend. «Dein Gesicht ist in Tränen gebadet. Was betrübt dich denn, bestes Kind?»

«Nichts, Tante, nichts», erwiderte Rose. «Ich weiß selbst nicht, wie mir ist -- ich kann es nicht beschreiben -- ich fühle mich so matt, so --»

«Du bist doch nicht krank, Rose?» fiel Mrs. Maylie ein.

«O nein, nein», sagte die junge Dame schaudernd, als wenn sie plötzlich von einem Fieberfroste geschüttelt würde; «mir wird wenigstens sogleich wieder besser sein. Schließe das Fenster, Oliver.»

Oliver eilte, ihr Geheiß zu erfüllen, sie zwang sich, heiter zu scheinen und spielte eine muntere Weise; allein die Hände fielen ihr kraftlos in den Schoß, sie stand auf, sank auf das Sofa nieder, bedeckte ihr Antlitz und ließ den Tränen freien Lauf, die sie nicht mehr zu unterdrücken vermochte.

«Mein liebes Kind!» rief Mrs. Maylie, sie an die Brust drückend, aus; «ich habe dich ja noch nie so gesehen!»

«Ich beunruhige Sie nur sehr ungern,» erwiderte Rose, «kann aber trotz aller Mühe dies Weinen nicht unterdrücken. Ich fürchte, daß ich doch krank bin, Tante.»

Sie war es in der Tat; denn als Licht gebracht wurde, gewahrten alle, daß sich ihre Farbe in der kurzen Zeit seit der Rückkehr von dem Spaziergange in Marmorblässe verwandelt hatte. Ihr Antlitz hatte nichts von seiner Schöne verloren, und doch war mit ihren Zügen eine Wandlung vorgegangen, und es lag ein Ausdruck der Unruhe und Abspannung darin, den sie noch niemals gezeigt hatten. Nach Verlauf einer Minute waren ihre Wangen wieder von Purpurröte übergossen, ihre sanften, blauen Augen bekamen einen stechenden, unheimlichen Blick, und auch dieser verschwand bald wieder, gleich einem vorüberziehenden Wölkchen, und die Leichenblässe kehrte zurück.

Oliver, der die alte Dame genau beobachtet hatte, bemerkte, daß sie große Unruhe empfand, wie es in Wahrheit bei ihm selber der Fall war; da sie sich indes offenbar den Anschein zu geben suchte, als wenn sie die Sache leicht nähme, so tat er dasselbe, was bei Rose eine günstige Wirkung hervorzubringen schien. Denn als sie auf Zureden ihrer Tante zu Bett ging, sah sie wieder wohler aus, versicherte, es auch zu sein und fügte hinzu, sie wäre überzeugt, daß sie am anderen Morgen gesund und munter wie sonst erwachen würde.

«Ich hoffe, Ma'am,» sagte Oliver, als Mrs. Maylie zurückkehrte, «daß Miß Rose nicht ernstlich krank werden wird. Sie sah heute abend unwohl genug aus; doch --»

Die alte Dame winkte ihm, nicht fortzufahren, setzte sich, stützte schweigend den Kopf auf die Hand und sagte endlich mit bebender Stimme: «Ich will es auch hoffen, Oliver. Ich habe einige Jahre sehr glücklich -- vielleicht zu glücklich mit ihr verlebt, und es könnte Zeit sein, daß mir wieder ein Unglück begegnet -- ich hoffe indes, nicht dieses.»

«Was für ein Unglück, Ma'am?» fragte Oliver.

«Ich meine den schweren Schlag,» antwortete die alte Dame fast tonlos, «das liebe Mädchen zu verlieren, das so lange schon meine Freude und mein Trost gewesen ist.»

«Das verhüte Gott!» rief Oliver hastig aus.

«Ich sage Ja und Amen dazu, mein Kind!» fiel die alte Dame, die Hände ringend, ein.

«Sie brauchen sicher so etwas Schreckliches nicht zu fürchten», fuhr Oliver fort. «Miß Rose war ja vor zwei Stunden vollkommen wohl.»

«Und jetzt ist sie sehr unwohl», versetzte Mrs. Maylie, «und wird ohne Zweifel noch kränker werden. O meine liebe, liebe Rose! Was sollte ich anfangen ohne sie!» Sie wurde so sehr und so schmerzlich bewegt, daß Oliver, seine eigene Herzensangst unterdrückend, sich bemühte, sie zu beruhigen, und sie dringend bat, um der lieben jungen Dame selbst willen gefaßter zu sein.

«Bedenken Sie doch nur, Ma'am,» sagte er, gewaltsam die Tränen zurückdrängend, die ihm in die Augen schossen, «wie jung und wie gut sie ist und wie sie alles um sich her erfreut. Ich weiß es -- weiß es ganz gewiß, daß sie um ihrer selbst und um Ihret- und unser aller willen, die sie so froh und glücklich macht, nicht sterben wird; nein, nein, Gott läßt sie nimmermehr schon jetzt sterben!»

«Ach! du sprichst und denkst wie ein Kind, mein guter Oliver,» sagte Mrs. Maylie, ihm die Hand auf den Kopf legend, «und irrst, so natürlich es sein mag, was du sagst. Indes hast du mich an meine Pflicht erinnert. Ich hatte sie auf einen Augenblick ganz vergessen, Oliver, und hoffe Verzeihung zu finden, denn ich bin alt und habe genug gesehen von Krankheiten und vom Tode, um den Schmerz zu kennen, den sie den Hinterbleibenden zufügen. Auch besitze ich genug Erfahrung, um zu wissen, daß es nicht immer die Jüngsten und Besten sind, die den sie Liebenden erhalten werden -- was uns jedoch eher trösten als bekümmern sollte, denn der Himmel ist weise und gütig, und Erfahrungen solcher Art lehren uns eindringlich, daß es eine noch schönere Welt gibt als diese und daß wir bald hinübergehen zu ihr. Gottes Wille geschehe! Doch liebe ich sie, und er allein weiß es, wie sehr, wie sehr!»

Oliver war verwundert, daß Mrs. Maylie, sobald sie diese Worte gesprochen, ihren Klagen plötzlich Einhalt tat, sich hoch emporrichtete und vollkommen ruhig und gefaßt erschien. Er war noch mehr erstaunt, als er bemerkte, daß sie sich in ihrer Festigkeit gleich, bei allem Sorgen und Wachen besonnen und gesammelt blieb und jede ihrer Pflichten dem Anscheine nach sogar mit Heiterkeit erfüllte. Doch er war jung und wußte noch nicht, welch großen Tuns und Duldens starke Seelen unter schwierigen und entmutigenden Umständen fähig sind; und wie hätte er es wissen sollen, da sich die Starken selbst ihrer Kraft nur selten bewußt sind?

Es folgte eine angstvolle Nacht, und als der Morgen kam, waren Mrs. Maylies Vorhersagungen nur zu wahr geworden. Rose lag im ersten Stadium eines heftigen und gefahrdrohenden Fiebers.

«Wir müssen tätig sein, Oliver, und dürfen uns nicht einem nutzlosen Schmerze überlassen», sagte Mrs. Maylie, den Finger auf den Mund legend und ihm fest in das Gesicht blickend. «Dieses Schreiben muß so eilig wie irgend möglich Mr. Losberne zugeschickt werden. Du sollst es nach dem Flecken tragen, der auf dem Fußwege nur vier Meilen entfernt ist; von dort soll ein reitender, expresser Bote nach Chertsey abgehen. Der Gastwirt besorgt ihn, und ich weiß, daß du den Auftrag pünktlich ausrichten wirst.»

Oliver konnte nicht antworten, allein seine Mienen verkündigten, daß er vor Begierde brannte, sich sogleich auf den Weg zu begeben.

«Hier ist noch ein Schreiben,» fuhr Mrs. Maylie nachsinnend fort, «allein ich weiß kaum, ob ich es sogleich abschicken oder abwarten soll, wie es mit Roses Befinden wird. Ich möchte es lieber zurückhalten, bis ich das Schlimmste fürchten müßte.»

«Soll er auch nach Chertsey, Ma'am?» fragte Oliver ungeduldig, seinen Auftrag auszurichten, und die zitternde Hand nach dem Briefe ausstreckend.

«Nein!» erwiderte die alte Dame.

Sie gab ihn jedoch dem Knaben, da sie in Gedanken verloren war, und Oliver sah, daß er an Harry Maylie Esq. und nach dem Landsitze eines Lords, dessen Namen er noch nie gehört hatte, adressiert war.

«Soll er fort, Ma'am?» fragte Oliver ungeduldig.

«Nein; ich will bis morgen warten», sagte die alte Dame, ließ sich das Schreiben zurückgeben, reichte Oliver ihre Börse, und er eilte hinaus, um in kürzester Frist nach dem Marktflecken zu gelangen, in welchem er staubbedeckt ankam. Er hatte bald das Gasthaus zum Georg gefunden und wandte sich an einen Postillon, der ihn an den Hausknecht verwies, von welchem er wiederum an den Wirt verwiesen wurde, der bedächtig zu lesen und dann zu schreiben und Befehle zu erteilen anfing, worüber manche Minute verging. Oliver hätte selbst auf das Pferd springen und davongaloppieren mögen; doch endlich sprengte ein Berittener des Wirts die Straße hinunter und war nach wenigen Augenblicken verschwunden. Oliver, der vor der Tür gestanden hatte, ging mit leichterem Herzen über den Hof des Gasthauses, um eiligst heimzukehren. Als er um die Ecke eines Stallgebäudes bog, rannte er gegen einen großen, in einen Mantel eingehüllten Mann an, der eben aus der Tür des Gasthauses getreten sein mußte.

«Ha! zum Teufel, was ist das?» rief der Mann zurückprallend und die Blicke auf Oliver heftend.

«Ich bitte um Vergebung, Sir», sagte Oliver; «ich hatte große Eile und sah Sie nicht kommen.»

«Alle Teufel!» murmelte der Mann vor sich hin, den Knaben mit seinen großen, schwarzen Augen anstarrend. «Wer hätte das denken können? Und wenn man ihn zu Staub zerriebe, er würde aus 'nem marmornen Sarge wieder aufstehen und mir in den Weg treten.»

«Es tut mir leid, Sir», stotterte Oliver verwirrt; «ich hoffe, daß ich Ihnen keinen Schaden getan habe.»

«Daß seine Knochen verfaulen!» murmelte der finstere Mann durch die verbissenen Zähne; «hätte ich nur den Mut gehabt, das Wort auszusprechen, so hätte mich eine einzige Nacht von ihm befreien können. Fluch über dein Haupt und die Pest in deinen Leib, du Höllenbrand! Was hast du hier zu schaffen?»

Er hob drohend die Faust empor, knirschte mit den Zähnen und trat einen Schritt vor, als wenn er Oliver einen Schlag versetzen wollte, stürzte aber plötzlich zu Boden und wand und krümmte sich, während ihm dicker Schaum vor dem Munde stand. Oliver schaute dem Wahnwitzigen (denn ein solcher schien ihm der schreckliche Mann zu sein) ein paar Augenblicke zu, lief darauf in das Haus, um Beistand zu holen, verlor sodann keine Zeit mehr und eilte nach Hause zurück, mit großer Verwunderung und nicht ohne Bangigkeit an das seltsame Benehmen des Unbekannten zurückdenkend. Er verlor den ganzen Vorfall jedoch bald aus dem Gedächtnis, denn als er in Mrs. Maylies Wohnung wieder angelangt war, hörte und sah er genug, was seinen Gedanken eine ganz andere Richtung gab.

Roses Zustand hatte sich sehr verschlimmert, und noch vor Mitternacht lag sie in Fieberphantasien. Der Wundarzt aus dem Dorfe hatte Mrs. Maylie erklärt, daß die Krankheit ihrer Nichte eine sehr beunruhigende Wendung genommen hätte, und zwar in dem Maße, daß ihre Wiederherstellung einem Wunder gleichkommen würde.

Wie oft sprang Oliver aus seinem Bett in der Schreckensnacht, um an die Treppe zu schleichen und zu horchen, was in dem Krankenzimmer vorgehen möchte! Er bebte fast fortwährend an allen Gliedern, und kalte Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, wenn ihm irgendein Geräusch zu verkünden schien, daß das Schlimmste eingetreten sei. Er hatte nie so inbrünstig zum Himmel gefleht, wie er in dieser Nacht um die Erhaltung des teuren Lebens seiner holden, am Rande des Grabes stehenden Freundin betete.

Die Ungewißheit, die schreckliche, ängstigende Ungewißheit, wenn wir untätig daneben stehen, während die Wagschale eines Heißgeliebten zwischen Tod und Leben schwankt -- die folternden Gedanken, welche dann auf das Gemüt einstürmen, das Herz zu rascheren, heftigen Schlägen treiben, den Atem stocken machen -- die düsteren Bilder, welche sie heraufbeschwören --, der verzweifelte Herzensdrang, etwas zu tun zur Linderung von Schmerzen, die wir nicht lindern können, zur Entfernung einer Gefahr, die wir nicht zu entfernen vermögen, und die tiefe, traurige Niedergeschlagenheit, welche uns dann bei dem Bewußtsein unserer Ohnmacht ergreift: -- welche Qualen lassen sich diesen vergleichen, durch welche Erwägungen oder Anstrengungen könnten wir sie uns in der Fieberhitze der Aufregung, in unserer tiefen Not erleichtern?