Oliver Twist

Part 17

Chapter 173,714 wordsPublic domain

«Meine schöne Inquirentin,» erwiderte Losberne, «weil in ihr, wenn man sie mit den Augen jener Herren betrachtet, so viele böse Umstände vorkommen. Der Knabe kann nur beweisen, was übel, und nichts von dem, was gut aussieht. Die verwünschten Spürhunde werden nach dem Warum und Weshalb fragen und nichts als wahr gelten lassen, was ihnen nicht vollständig bewiesen wird. Er sagt selbst, daß er sich eine Zeitlang in der Gesellschaft von Diebesgelichter befunden, eines Taschendiebstahls angeklagt vor einem Polizeiamte gestanden hat, und aus dem Hause des bestohlenen Herrn gewaltsam entführt ist, er kann selbst nicht angeben, hat nicht einmal eine Vermutung, wohin. Er wird von Männern nach Chertsey hergebracht, die ganz vernarrt in ihn zu sein scheinen und ihn durch ein Fenster stecken, um ein Haus zu plündern; und gerade in dem Augenblicke, wo er die Bewohner wecken und tun will, was seine Unschuld ins Licht setzen würde, verrennt ihm der verwünschte Haushofmeister den Weg und schießt ihn in den Arm, gleichsam recht absichtlich, um ihn daran zu hindern, etwas zu tun, das ihm nützen könnte. Leuchtet Ihnen das alles nicht ein?»

«Natürlich leuchtet es mir ein», erwiderte Rose, den Eifer des Doktors belächelnd; «allein ich sehe nur noch immer nichts darin, wodurch die Schuld des armen Kindes erwiesen würde.»

«Nicht -- ei!» rief Losberne aus. «O, über die hellen, scharfen Äugelein der Damen, womit sie, sei es zum Guten oder Bösen, immer nur die eine Seite an einer Sache oder Frage sehen, und zwar stets die, die sich ihnen eben zuerst dargeboten hat!»

Nachdem er seinem Herzen Luft dadurch gemacht, daß er Miß Rose diesen Erfahrungssatz zu Gemüt geführt, steckte er die Hände in die Taschen und fing wieder an, mit noch rascheren Schritten als zuvor im Zimmer auf und ab zu gehen. «Je mehr ich darüber nachdenke,» fuhr er fort, «desto zahlreichere und größere Schwierigkeiten sehe ich voraus, den beiden Leuten die Geschichte des Knaben glaubhaft zu machen. Ich bin überzeugt, daß sie ihm schlechterdings keinen Glauben schenken werden, und selbst wenn sie ihm am Ende nichts anhaben können, so werden doch ihre Zweifel und der Verdacht, den diese wieder auf ihn werfen müssen, von sehr wesentlichem Nachteile für den wohlwollenden Plan sein, ihn aus dem Elende zu retten.»

«O bester Doktor, was ist da zu tun?» rief Rose aus. «Du lieber Himmel, daß Giles auch den unseligen Einfall hat haben müssen, nach der Polizei zu schicken!»

«Ich wüßte nicht, was ich darum gäbe, wenn es nicht geschehen wäre», fiel Mrs. Maylie ein.

«Ich weiß nur eins,» sagte der Doktor, sich mit einer Art Ruhe der Verzweiflung hinsetzend, «daß ich die Kerle mit göttlicher Unverschämtheit aus dem Hause zu bringen suchen muß. Der Zweck ist ein guter, und darin liegt die Entschuldigung. Bei dem Knaben zeigen sich starke Fiebersymptome, und er befindet sich in einem Zustande, daß er für jetzt nicht mehr befragt werden darf; das ist ein Trost. Wir müssen seine Lage so gut wie möglich zu benutzen suchen, und wenn es nicht glücken will, so ist es nicht unsere Schuld. Herein!»

Blathers und Duff erschienen, und der erstere sprach sogleich ein Urteil über den Einbruch in einem Kauderwelsch aus, das weder Losberne noch die Damen verstanden. Um eine Erklärung gebeten, sagte er, dem Doktor einen verächtlichen Blick zuwerfend und sich mitleidig zu den Damen wendend, er meine, daß die Dienerschaft bei dem beabsichtigten Raube nicht im Einverständnisse gewesen sei.

«Wir haben auch durchaus keinen Verdacht gegen sie gehabt», bemerkte Mrs. Maylie.

«Mag wohl sein, Ma'am», entgegnete Blathers; «sie konnte aber auch Hand im Spiele gehabt haben.»

«Und eben weil kein Verdacht sie traf,» fiel Duff ein, «mußte um so mehr danach geforscht werden.»

«Wir haben gefunden, daß der Einbruch Londoner Werk ist», fuhr Blathers fort; «die Kerle haben meisterhaft gearbeitet.»

«In Wahrheit sehr wackere Arbeit», bemerkte Duff leise.

«Der Einbrecher sind zwei gewesen,» berichtete Blathers weiter, «und sie haben einen Knaben bei sich gehabt, was aus der Größe des Fensters klar ist. Mehr läßt sich für jetzt nicht sagen. Zeigen Sie uns doch den Burschen, den Sie im Hause haben.»

«Die Herren nehmen aber wohl erst ein wenig zu trinken an, Mrs. Maylie», sagte der Doktor mit erheiterten Mienen, als wenn ihm ein neuer Gedanke aufgegangen wäre.

«Gewiß», fiel Rose eifrig ein. «Es steht Ihnen sogleich alles zu Diensten, wenn Sie befehlen.»

«Besten Dank, Miß», sagte Blathers, mit dem Rockärmel über den Mund fahrend. «So ein Verhör ist trockene Arbeit. Was Sie eben zur Hand haben, Miß; machen Sie sich unsertwegen keine Ungelegenheiten.»

«Was belieben Sie?» fragte der Doktor, der jungen Dame nach dem Eckschrank folgend.

«Wenn's Ihnen gleichviel ist, 'nen Tropfen Branntwein, Sir», erwiderte Blathers. «Wir hatten 'ne kalte Fahrt von London her, und der Branntwein läuft einem so warm übers Herz.»

Er richtete die letzteren Worte an Mrs. Maylie, und der Doktor schlüpfte unterdes aus dem Zimmer.

«Ah, meine Damen,» fuhr Blathers, das ihm gereichte Glas vor das Auge emporhaltend, fort, «ich habe in meinem Leben die schwere Menge solcher Geschichten erlebt.»

«Zum Beispiel den Einbruch in Edmonton, Blathers», fiel Duff ein.

«Ja, ja», sagte Blathers; «der war diesem allerdings ähnlich genug. Er wurde von dem Conkey Chickweed begangen.»

«Das hast du immer behauptet», entgegnete Duff; «aber ich sage dir, die Familie Pet hat ihn verübt, und Conkey hat nicht mehr die Hand im Spiele dabei gehabt als ich.»

«Ei was,» sagte Blathers, «ich weiß es besser. Entsinnst du dich noch, wie sich Conkey sein Geld stehlen ließ? Es war 'ne Geschichte, noch merkwürdiger, als sie in 'nem Buche vorkommen kann.»

«Erzählen Sie doch», nahm Rose das Wort, um die unwillkommenen Gäste bei guter Laune zu erhalten.

«Es war 'ne Spitzbüberei, worauf so leicht niemand verfallen sein würde, Miß», begann Blathers. «Nämlich der Conkey Chickweed --»

«Conkey bedeutet soviel als Emmesgatsche[AN], Ma'am», bemerkte Duff.

[AN] Verräter, Angeber.

«Das wird die Dame ja wohl wissen», bemerkte Blathers. «Unterbrich mich doch nicht immer. Also, Miß, der Conkey Chickweed hatte ein Wirtshaus oberhalb Battle-Bridge und 'nen Raum, den viele junge Lords besuchten, um den Hahnenkämpfen, Dachshetzen und dergleichen zuzuschauen, was man nirgends besser sehen konnte. Er gehörte zu der Zeit noch nicht zur Kabrusche[AO], und einst wurden ihm mitten in der Nacht dreihundertsiebenundzwanzig Guineen aus seiner Schlafkammer von 'nem großen Manne mit 'nem schwarzen Pflaster über dem einen Auge gestohlen, der sich unter dem Bett versteckt gehabt hatte und mit dem Gelde aus dem Fenster sprang. Er war dabei flink genug; Conkey aber war auch geschwind; das Geräusch hatte ihn aufgeweckt; er sprang aus dem Bette, schoß hinter dem Diebe drein und machte die Nachbarn wach. Sie erhoben sogleich ein allgemeines Hallo und fanden, daß Conkey den Dieb getroffen haben mußte, denn sie entdeckten und verfolgten auf einer ganzen Strecke Blutspuren, die sich indes endlich verloren. Das Geld war fort, und Chickweed machte Bankerott. Er ging ein paar Tage ganz außer sich umher, zerraufte sich das Haar und erregte so sehr das allgemeine Mitleid, daß ihm von allen Seiten milde Gaben zugeschickt, Subskriptionen für ihn eröffnet wurden usw. Eines Tages kam er in das Polizeibureau hereingestürzt und hatte eine geheime Unterredung mit dem Friedensrichter, der darauf Jem Spyers (Jem war einer der tätigsten Geheimpolizisten) beorderte, Chickweed bei Gefangennehmung des Diebes Beistand zu leisten. >Spyers<, sagte Chickweed, >ich habe ihn gestern morgen vor meinem Hause vorbeigehen sehen.< -- >Warum haben Sie ihn nicht sogleich angehalten?< fragte Spyers. >Ich war so bestürzt, daß Sie mir den Hirnschädel mit 'nem Zahnstocher hätten entzweischlagen können,< antwortete der arme Mensch; >wir werden ihn aber gewiß attrapieren, denn heut' abend zwischen zehn und elf Uhr kommt er wieder vorüber.< Spyers ging sogleich mit ihm und pflanzte sich an ein Wirtshausfenster hinter den Vorhang. Er rauchte in guter Ruh', aber mit dem Hut auf dem Kopfe, seine Pfeife, als Chickweed plötzlich anfing zu schreien: >Da ist er! Haltet den Dieb! Mordjo, mordjo!< Jem Spyers stürzte hinaus und sah Chickweed im vollen Laufe hinter dem Diebe herrennen. Er fing auch an zu laufen, was hast du, was kannst du, geriet endlich ins Gedränge und fand Chickweed darin wieder, allein der Dieb war entkommen, was merkwürdig genug war. Am anderen Morgen war Spyers abermals auf seinem Posten, sah sich die Augen nach 'nem großen Manne mit 'nem schwarzen Pflaster müde, so daß er sie endlich mal wegwenden und ruhen lassen mußte, und im selbigen Augenblick, als er's tat, fing Chickweed wiederum an zu schreien. Jem stürzt hinaus und ihm nach, sie laufen zweimal so weit wie am vorigen Tage, und endlich ist der Dieb wiederum zum Geier. Und so ging's noch mehrere Male, so daß die Nachbarn sagten, der Teufel selbst hätte Chickweed bestohlen und spielte ihm hinterher noch schlechte Streiche; andere aber sagten, der unglückliche Chickweed wäre vor Kummer verrückt geworden.»

[AO] Gaunergenossenschaft.

«Was sagte denn Jem Spyers?» fragte der Doktor, der wieder in das Zimmer zurückgekehrt war.

«Jem Spyers,» erwiderte der Erzähler, «sagte 'ne lange Zeit gar nichts und horchte auf alles, ohne daß man's ihm ansah, zum Zeichen, daß er sich auf sein Geschäft verstand. Eines Morgens aber trat er zu Chickweed und sagte: >Guter Freund, ich hab's jetzt heraus, wer den Diebstahl begangen hat.< -- >Wirklich!< rief Chickweed aus; >o mein bester Spyers, machen Sie nur, daß ich mich an dem Halunken rächen kann, so werd' ich dermaleinst zufrieden sterben. Bester Spyers, wie heißt der Bösewicht?< -- >Guter Freund,< antwortete Spyers, ihm eine Prise anbietend, >lassen Sie die Narretei! Sie haben es selbst getan.< Und so war's auch, Chickweed hatte sich dadurch ein anständiges Stück Geld gemacht, und es würde auch niemand dahintergekommen sein, wenn er nicht so übereifrig gewesen wäre, den Verdacht von sich fernzuhalten.»

«Ein seltsamer Fall», bemerkte der Doktor. «Wenn es Ihnen aber beliebt, so können Sie jetzt hinaufgehen.»

Die beiden Konstabler begaben sich mit Losberne in Olivers Zimmer. Giles leuchtete ihnen. Der kleine Patient hatte geschlummert und sah kränker und fieberischer aus als am Tage. Der Doktor stützte ihn, so daß er sich eine kurze Weile emporrichten konnte, und er starrte umher, ohne zu wissen, was mit ihm vorging, oder sich zu erinnern, wo er sich befand oder was mit ihm vorgegangen war.

«Dies ist der Knabe,» sagte Losberne leise, aber dessenungeachtet mit großer Lebhaftigkeit, «der in einem Garten hier in der Nähe bei einer kleinen Übertretung, wie sie bei Kindern häufig vorkommt, durch einen Selbstschuß verwundet ist, in Mrs. Maylies Hause Beistand gesucht, und den der scharfblickende Herr da mit dem Lichte in der Hand sogleich festgehalten und dermaßen mißhandelt hat, daß das Leben des Patienten, was ich ärztlich bescheinigen kann, beträchtlich gefährdet worden ist.»

Blathers und Duff hefteten die Blicke auf den solchermaßen ihrer Beachtung empfohlenen Giles, dessen Mienen das spaßhafteste Gemisch von Furcht und Verwirrung ausdrückten.

«Sie werden nicht leugnen wollen?» fügte Losberne, Oliver wieder niederlegend, hinzu.

«Es geschah alles zum -- zum Besten, Sir!» antwortete Giles. «Ich hielt ihn für den Knaben; hätte mich sonst sicher nicht mit ihm befaßt. Ich bin wahrlich kein Unmensch, Sir.»

«Für was für 'nen Knaben hielten Sie ihn?» fragte Blathers.

«Für den Gehilfen der Einbrecher», erwiderte Giles. «Sie -- sie hatten einen Knaben bei sich.»

«Halten Sie ihn jetzt noch für den Knaben?»

«Kann's wirklich nicht sagen -- könnt's nicht beschwören, daß er es ist.»

«Was glauben Sie aber?»

«Ich weiß wirklich nicht, was ich glauben soll. Ich glaube nicht, daß es der Knabe ist; ich bin so gut wie gewiß, daß er es nicht ist, Sie wissen, daß er es nicht sein kann.»

«Hat der Mann getrunken, Sir?» fragte Blathers den Doktor.

Losberne hatte unterdes Olivers Puls gefühlt, stand auf und bemerkte, die Herren möchten, wenn sie Zweifel hegten, im anstoßenden Zimmer Brittles befragen. Man begab sich in das anstoßende Zimmer, und Brittles wurde gerufen und verwickelte sich, wie Mr. Giles, in ein solches Irrsal neuer Widersprüche und Unmöglichkeiten, daß durchaus nichts klar wurde als seine eigene Unklarheit, und daß nur einige seiner Aussagen einiges Licht gaben: er würde den Knaben nicht wiedererkennen, hätte Oliver nur für denselben gehalten, weil Giles gesagt, daß er es wäre, und Giles hätte noch vor fünf Minuten in der Küche erklärt, daß er zu voreilig gewesen zu sein fürchte.

Unter anderen scharfsinnigen Fragen wurde auch die aufgeworfen, ob Mr. Giles wirklich jemand getroffen habe, und als sein zweites Pistol untersucht wurde, fand sich, daß es nur mit Pulver geladen war, -- eine Entdeckung, welche großen Eindruck auf alle machte, den Doktor ausgenommen, der zehn Minuten zuvor die Kugel herausgezogen hatte. Den größten Eindruck machte sie aber auf Mr. Giles selbst, der in der schrecklichsten Angst geschwebt hatte, ein unglückliches Kind verwundet zu haben, und nunmehr nach Kräften die Vermutung begünstigte, daß auch das erste Pistol nur mit Pulver geladen gewesen sei. Endlich entfernten sich Blathers und Duff, ohne sich um Oliver viel zu kümmern, den Konstabler aus Chertsey zurücklassend und unter dem Versprechen, am anderen Morgen wiederzukommen.

Am anderen Morgen verbreitete sich in dem Städtchen, in welchem sie übernachtet, das Gerücht, daß zwei Männer und ein Knabe in der Nacht unter verdächtigen Umständen angehalten und nach Kingston gebracht wären, wohin sich demgemäß Blathers und Duff begaben. Die verdächtigen Umstände schrumpften indes bei genauerer Nachforschung zu dem einen Umstande zusammen, daß die Delinquenten in einem Heuschober geschlafen hatten, was, obwohl ein großes Verbrechen, doch nur mit Gefängnis bestraft werden kann und in den gnadenvollen Augen des englischen, mit gemeinsamer Liebe alle Untertanen umfassenden Gesetzes, in Ermangelung aller sonstigen Indizien, nicht als genügender Beweis gilt, daß der oder die Schläfer gewaltsamen Einbruch begangen haben und deshalb der Todesstrafe verfallen sind. Blathers und Duff kehrten daher gerade so klug zurück, wie sie hingereist waren.

Kurz, nach mehrfachen Verhandlungen ließ sich der nächstwohnende Friedensrichter leicht bewegen, Mrs. Maylies und Mr. Losbernes Bürgschaft für Olivers Erscheinen vor Gericht anzunehmen, falls er zitiert werden sollte, und Blathers und Duff gingen, nachdem sie durch ein paar Guineen belohnt waren, mit geteilten Meinungen nach London zurück, indem der letztere, nach reiflicher Überlegung aller betreffenden Umstände, zu der Annahme hinneigte, daß der Einbruchsversuch von der Familie Pet ausgegangen sei, wogegen der erstere ebenso sehr geneigt war, das ganze Verdienst der Tat dem großen Conkey Chickweed zuzuschreiben.

Mit Oliver besserte es sich unter der vereinten sorgfältigen Behandlung und Pflege Mrs. Maylies, Roses und des gutherzigen Doktors. Wenn glühende Bitten, aus Herzen von Dankbarkeit überfließend, im Himmel erhört werden -- und was sind Gebete, wenn der Himmel sie nicht erhört? --, so vernahm er die Segnungen, die das verwaiste Kind auf seine Wohltäter herabflehte, die dadurch mit Friede und Freude in ihrem Innern belohnt wurden.

32. Kapitel.

Von dem glücklichen Leben, das Oliver bei seinen gütigen Gönnerinnen zu führen anfing.

Oliver litt nicht wenig. Zu den Schmerzen der Schußwunde kam noch ein heftiges Fieber, die Folge der Kälte und Nässe, der er nach seiner Verwundung ausgesetzt gewesen war. Er lag mehrere Wochen fest zu Bett, fing indes allmählich an zu genesen und konnte bald unter Tränen mit wenigen Worten ausdrücken, wie tief er die Güte der beiden freundlichen, liebevollen Damen empfände, und wie sehr er wünschte und hoffte, wenn er wiederhergestellt wäre, imstande zu sein, ihnen Beweise seiner Dankbarkeit zu geben, etwas zu tun, und wenn es noch so wenig wäre, ihnen die Liebe zu zeigen, die sein Herz erfüllte, ihnen die Überzeugung zu verschaffen, daß sie ihre Güte an keinen Unwürdigen verschwendeten, sondern daß der arme, verlassene Knabe, den sie vom Elende oder Tode errettet, den glühenden Wunsch hege, ihnen nach all seinen Kräften und mit tausend Freuden zu dienen.

«Armes Kind!» sagte Rose, als er eines Tages mit bleichen Lippen Worte des Dankes zu stammeln versuchte. «Du sollst viele Gelegenheiten erhalten, uns zu dienen, wenn du willst. Wir gehen auf das Land, und meine Tante beabsichtigt, dich mitzunehmen. Die ländliche Ruhe, die reine Luft und die Freuden und Schönheiten des Frühlings werden bald deine gänzliche Genesung bewirken, und wir wollen dir hundert kleine Geschäfte auftragen, sobald du der Mühe gewachsen bist.»

«Der Mühe!» sagte Oliver. «Ach, wenn ich nur für Sie arbeiten -- Ihnen nur Freude machen könnte, dadurch, daß ich Ihre Blumen begösse, Ihre Vögel fütterte, den ganzen Tag hin und wieder für Sie liefe, was würde ich darum geben!»

«Du sollst gar nichts darum geben,» versetzte Rose lächelnd, «denn wie ich es dir schon gesagt habe, wir denken dich auf die vielfachste Weise zu beschäftigen, und du wirst mir die größte Freude bereiten, wenn du nur halb so viel tust, wie du jetzt versprichst.»

«Ihnen Freude bereiten -- o wie gütig Sie sind!» rief Oliver aus.

«Du wirst mir mehr Freude bereiten, als ich es dir sagen kann», versetzte die junge Dame. «Es gewährt mir schon unsägliches Vergnügen, zu denken, daß meine liebe, gute Tante ein Werkzeug in den Händen der Vorsehung gewesen ist, einen Knaben aus einer so entsetzlichen Lage zu erretten, wie du sie uns beschrieben hast; allein zu erfahren, daß ihr kleiner Schützling dankbar und liebevoll gegen sie für ihre Wohltätigkeit und ihr Mitleid ist, wird mich weit glücklicher machen, als du es dir vorstellen kannst. Verstehst du mich, Oliver?» fragte sie, Olivers nachdenkliches Gesicht betrachtend.

«O ja, ja, ich verstehe Sie wohl; aber ich meinte nur, daß ich jetzt undankbar wäre.»

«Gegen wen denn?»

«Gegen den gütigen Herrn und die gute alte Frau, denen ich so große Wohltaten verdanke, die sich meiner so liebevoll annahmen. Gewiß, sie würden sich freuen, wenn sie es wüßten, wie gut ich es hier habe.»

«Das glaube ich auch, und Mr. Losberne hat schon versprochen, dich mitzunehmen zu ihnen, sobald es deine Kräfte erlauben würden.»

«Hat er das versprochen? Oh, ich weiß nicht, was ich vor Freude tun werde, wenn ich sie einmal wiedersehe!»

Oliver war nach einiger Zeit hinlänglich wiederhergestellt, um stark genug zu einer Ausfahrt zu sein, und fuhr eines Morgens mit Mr. Losberne in Mrs. Maylies Wagen ab. Als sie an die Brücke von Chertsey kamen, erblaßte Oliver plötzlich und stieß einen lauten Ausruf der Überraschung und Bestürzung aus.

«Was gibt es?» rief der Doktor mit seiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit. «Siehst du etwas -- hörst du etwas -- hast du Schmerz -- was gibt's?»

«Da, Sir!» sagte Oliver, aus dem Wagenfenster zeigend. «Da, jenes Haus!»

«Was ist mit dem Hause? Halt, Kutscher! -- He -- was willst du sagen?»

«Die Diebe -- in das Haus schleppten sie mich», flüsterte Oliver.

«Ist es möglich! Halt, halt, Kutscher!» rief der Doktor, sprang aus dem Wagen, noch ehe derselbe hielt, lief nach dem verödet aussehenden Hause und fing an wie toll gegen die Tür zu hämmern.

«Zum Teufel, was soll das?» sagte ein kleiner, häßlicher, buckliger Mann, der die Tür so plötzlich öffnete, daß Losberne fast in das Haus hineingefallen wäre.

«Was das soll?» rief der Doktor, ihn ohne Umstände beim Kragen fassend. «Sehr viel soll's. Es handelt sich um Diebstahl und Einbruch.»

«Und es wird sich auch sogleich um Mord handeln,» erwiderte der Bucklige kaltblütig, «wenn Sie nicht sogleich von mir ablassen. Hören Sie?»

«Ich höre sehr wohl», sagte der Doktor, ihn kräftig schüttelnd. «Wo ist -- wie heißt der verwünschte Halunke gleich -- ja, Sikes -- Spitzbube, wo ist Sikes?»

Der Bucklige starrte ihn erstaunt und wütend an, entschlüpfte ihm, stieß eine Flut der schrecklichsten Verwünschungen aus und ging in das Haus zurück. Bevor er jedoch die Tür wieder verschließen konnte, stürmte der Doktor in das nächste Zimmer hinein und blickte forschend umher, allein von allem, was er sah, wollte nichts mit Olivers Beschreibung zusammenstimmen.

«Was soll das bedeuten, daß Sie auf solche Weise in mein Haus eindringen?» fragte nach einigen Augenblicken der Bucklige, der ihn scharf beobachtet hatte. «Wollen Sie mich bestehlen oder ermorden?»

«Hast du jemals einen Mann in solcher Absicht aus einer Equipage aussteigen sehen, du lächerliche, alte Mißgeburt?» lautete des reizbaren Doktors Gegenfrage.

«Was wollen Sie denn aber sonst?» fuhr ihn der Bucklige an. «Packen Sie sich augenblicklich aus meinem Hause, oder es wird Sie reuen.»

«Ich werde gehen, sobald es mir beliebt,» sagte Losberne, in das andere Zimmer hineinblickend, das gleichfalls keine Ähnlichkeit mit dem von Oliver beschriebenen hatte, «und will dir schon noch hinter die Schliche kommen!»

«So!» höhnte der Krüppel. «Wenn Sie mich suchen, ich bin hier zu finden. Ich habe hier nicht als ein Verrückter und ganz allein seit fünfundzwanzig Jahren gewohnt, um mich von Ihnen hudeln zu lassen. Sie sollen mir dafür büßen, sollen mir dafür büßen!»

Der mißgestaltete kleine Dämon fing darauf an, auf das schrecklichste und ungebärdigste zu schreien und zu toben, der Doktor murmelte vor sich hin: «Dumme Geschichte! Der Knabe muß sich geirrt haben», warf dem Buckligen ein Stück Geld zu und kehrte zu dem Wagen zurück. Der Bucklige folgte ihm unter beständigen Schimpfreden und Verwünschungen, sah, während Losberne dem Kutscher ein paar Worte sagte, in den Wagen hinein und warf Oliver einen so grimmigen, stechenden, rachsüchtigen und giftigen Blick zu, daß ihn der kleine Rekonvaleszent monatelang wachend oder schlafend nicht wieder vergessen konnte. Losberne stieg ein, und sie fuhren ab, hörten aber den Buckligen noch lange schreien und toben, der sich vor Wut schäumend das Haar zerraufte, mit den Füßen stampfte und ganz außer sich zu sein schien.

«Ich bin ein Esel!» sagte der Doktor nach einem langen Stillschweigen. «Hast du das schon gewußt, Oliver?»

«Nein, Sir.»

«Dann vergiß es ein anderes Mal nicht. -- Selbst wenn es das Haus war,» fuhr er nach einer abermaligen Pause fort, «und die Diebe darin gewesen wären -- was hätt' ich als einzelner tun können? Und hätt' ich Beistand gehabt, so wäre auch nichts weiter dabei herausgekommen, als daß meine Voreiligkeit und die Weise kund geworden, wie ich den unangenehmen Handel zu vertuschen gesucht. Es wäre mir freilich gerade recht geschehen, und ich würde nicht dümmer danach geworden sein, denn ich bringe mich selbst in eine Patsche nach der andern, indem ich immer bloß nach den fatalen Eindrücken des Augenblicks handle.»

Der treffliche Doktor hatte in seinem ganzen Leben nur nach ihnen gehandelt, und es lag kein geringes Lob der in ihm vorherrschenden oder ihn bestimmenden Eindrücke in dem Umstande, daß er, weit entfernt, jemals in ernstliche Unannehmlichkeiten durch sie geraten zu sein, bei allen, die ihn kannten, die wärmste und größte Hochachtung genoß. Muß die Wahrheit gesagt sein, so war er ein paar Minuten übler Laune, sich in der Hoffnung getäuscht zu sehen, sogleich bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit Zeugnisse für die Wahrheit der Erzählung Olivers zu erhalten. Sein Gleichmut war jedoch bald wiederhergestellt, und da die Antworten des Knaben auf seine erneuerten Fragen klar und zusammenhängend waren und blieben und mit derselben offenbaren Aufrichtigkeit wie früher gegeben wurden, so nahm er sich vor, ihnen von nun an vollkommenen Glauben zu schenken.