Oliver Twist

Part 16

Chapter 163,568 wordsPublic domain

Der Doktor blieb weit länger fort, als es die Damen vermutet hatten. Es wurde ein langer, flacher Kasten aus dem Gig geholt, häufig geklingelt, die Dienerschaft lief treppauf, treppab; mit einem Worte, es mußte wohl etwas Wichtiges vorgehen. Endlich trat er mit einer äußerst geheimnisvollen Miene wieder herein, verschloß die Tür sorgfältig und sagte, während er mit dem Rücken an sie gelehnt stehenblieb, als wenn er verhindern wollte, daß jemand hereinkäme: «Mrs. Maylie, dies ist ein ganz wunderbarer Fall.»

«Ich will doch hoffen, daß der Patient sich nicht in Gefahr befindet?» fragte die alte Dame.

«Es würde den Umständen nach nicht zu verwundern sein,» erwiderte Losberne, «obwohl ich es nicht glaube. Haben Sie den Dieb gesehen?»

«Nein.»

«Auch sich ihn nicht beschreiben lassen?»

«Nein.»

«Bitt' um Vergebung, Ma'am», fiel Giles ein; «ich wollte Ihnen eben eine Beschreibung von ihm geben, als Doktor Losberne erschien.»

Die Sache verhielt sich indes so, daß sich Mr. Giles nicht hatte überwinden können, das Geständnis zu machen, daß er nur einen Knaben getroffen habe. Er hatte wegen seines mutvollen Benehmens so große Lobsprüche erhalten, daß er nicht umhin gekonnt, die Aufhellung der Sache noch ein paar entzückende Minuten aufzuschieben, um noch ein Weilchen in dem süßen Bewußtsein des Ruhmes einer unerschütterlichen Herzhaftigkeit zu schwelgen.

«Rose wünschte den Mann zu sehen,» sagte Mrs. Maylie, «allein ich wollte nichts davon hören.»

«Hm!» sagte der Doktor. «Er sieht aber nicht eben sehr fürchterlich aus. Möchten Sie ihn auch nicht in meiner Gegenwart sehen?»

«Warum nicht, wenn Sie es für notwendig halten?» erwiderte die alte Dame.

«Ich muß es für notwendig erklären oder bin doch jedenfalls überzeugt, daß Sie es gar sehr bedauern würden, es nicht getan zu haben, wenn Sie ihn später zu sehen bekämen. Er ist vollkommen ruhig, und wir haben auch in allen Beziehungen für ihn gesorgt. Erlauben Sie mir Ihren Arm, Miß Rose. Auf meine Ehre, Sie brauchen nicht im mindesten Furcht zu hegen.»

30. Kapitel.

Was die beiden Damen Maylie und Doktor Losberne von Oliver denken.

Der Doktor legte unter noch viel anderen redseligen Versicherungen, daß die Damen durch den Anblick des Verbrechers angenehm überrascht werden würden, den Arm der jüngeren in den seinigen, bot Mrs. Maylie seine andere freie Hand und führte sie mit der förmlichsten Galanterie die Treppe hinauf.

«Lassen Sie mich nun hören, was Sie von ihm denken», sagte er, als sie vor der Tür des Patienten standen. «Er hat sich seit vielen Tagen den Bart nicht abnehmen lassen, sieht aber trotzdem keineswegs wie ein Gurgelabschneider aus.»

Er führte die Damen hinein und an das Bett, schob die Vorhänge zurück, und sie erblickten statt eines grimmig aussehenden Banditen, den sie zu sehen erwartet hatten -- einen vor Schmerz und Erschöpfung eingeschlafenen Knaben. Olivers verbundener Arm lag auf seiner Brust, und sein Kopf ruhte auf dem andern, der durch sein langes, wallendes Haar fast versteckt war. Rose setzte sich, während Losberne im Anschauen des Knaben verloren dastand, oben an das Bett des letzteren, beugte sich über ihn und strich ihm leise das Haar von der Stirn, auf welche ein paar Tränen aus ihrem Auge herabfielen.

Der Knabe bewegte sich und lächelte im Schlafe, als wenn ihn diese Zeichen des Mitgefühls und zarten Erbarmens in einen süßen Traum von nie gekannter Liebe und Zärtlichkeit versenkt hätten, so wie entfernte Töne einer lieblichen Melodie oder das Rauschen des Wassers an einem heimlichen Plätzchen oder der Duft einer Blume oder selbst das Aussprechen eines teuren Namens bisweilen plötzlich unbestimmte Bilder in diesem Dasein nie erlebter Szenen, die gleich einem Hauche wieder verschwinden, vor die Seele zaubert, Szenen, die aus der dunklen Erinnerung eines längst vergangenen glücklichen Daseins emporzutauchen scheinen, denn keine Kraft der menschlichen Seele vermag es, sie wieder zurückzurufen.

«Ich bin fast außer mir vor Verwunderung», flüsterte die alte Dame. «Dieses arme Kind kann nun und nimmermehr ein Diebes- und Räuberzögling sein.»

«Das Laster schlägt seinen Wohnsitz in gar vielerlei Tempeln auf», versetzte Losberne seufzend, indem er den Vorhang wieder fallen ließ, «und erscheint oft genug in lieblicher Gestalt.»

«Aber doch nicht bei solcher Jugend», fiel Rose ein.

«Meine teure Miß,» entgegnete der Wundarzt mit traurigem Kopfschütteln, «das Verbrechen beschränkt sich gleich dem Tode nicht auf die Bejahrten und Abgelebten allein. Die Jugendlichsten und Schönsten sind nur zu oft seine auserwählten Opfer.»

«O Sir, können Sie wirklich glauben, daß dieser zarte Knabe sich freiwillig den schlimmsten Bösewichtern zugesellt hat?» wandte Rose lebhaft ein.

Losberne schüttelte den Kopf mit einer Miene, als ob er es für sehr möglich hielte, und führte die Damen in das anstoßende Zimmer, damit der kleine Patient, wie er sagte, nicht gestört würde.

«Aber selbst, wenn er ruchlos gewesen wäre,» fuhr Rose fort, «so bedenken Sie, wie jung er ist; daß er vielleicht nie eine liebevolle Mutter, vielleicht nicht einmal ein elterliches Haus gekannt hat, und wie wahrscheinlich es ist, daß ihn schlechte Behandlung, Schläge oder Hunger genötigt haben, sich an Menschen anzuschließen, die ihn zum Verbrechen zwangen. Tante, beste Tante, bedenken Sie das doch ja, ehe Sie zugeben, daß der kranke Kleine in ein Gefängnis geschleppt wird, das auf alle Fälle das Grab jeder Hoffnung der Besserung bei ihm sein würde. Oh, so gewiß Sie mich liebhaben und wissen, daß ich bei Ihrer Güte und Zärtlichkeit meine Elternlosigkeit nie empfunden, daß ich sie aber schmerzlich hätte fühlen können und gleich hilf- und schutzlos wie dies arme Kind sein könnte, haben Sie Mitleid mit ihm, ehe es zu spät ist.»

«Mein liebes Kind,» sagte die ältere Dame, das weinende Mädchen an die Brust drückend, «glaubst du, ich würde auch nur ein Haar seines Hauptes krümmen lassen wollen?»

«O nein, nein, beste Tante, Sie wollen und könnten es nicht!» rief Rose mit Lebhaftigkeit aus.

«Nein, sicherlich nicht,» fuhr Mrs. Maylie mit bebender Lippe fort, «meine Tage neigen sich ihrem Ende zu, und möge ich Barmherzigkeit erfahren, wie ich sie anderen erweise. Was kann ich zur Rettung des Knaben tun, Sir?»

«Lassen Sie mich nachdenken, Ma'am,» erwiderte der Doktor, «lassen Sie mich nachdenken.»

Mr. Losberne steckte seine Hände in die Taschen und ging einigemal im Zimmer auf und nieder, stand dann wieder still, wiegte sich auf seinen Fußspitzen, rieb heftig die Stirn und sagte endlich: «Ich hab's, Ma'am. -- Ja -- ich sollte meinen, daß ich es schon einrichten könnte, wenn Sie mir unbeschränkte Vollmacht geben wollen, Giles und Brittles, den großen Jungen, in das Bockshorn zu jagen. Giles ist ein alter Diener Ihres Hauses und ein treuer Mensch, das weiß ich; und Sie können es bei ihm auf tausenderleiweise wieder gutmachen und ihn obendrein dafür belohnen, daß er ein so guter Schütze ist. Sie haben doch nichts dawider?»

«Wenn es kein anderes Mittel gibt, das Kind zu retten, nein», antwortete Mrs. Maylie.

«Auf mein Wort, es gibt kein anderes Mittel», versicherte Losberne.

«Dann bekleidet Tante Sie mit Vollmacht», sagte Rose, durch Tränen lächelnd; «aber bitte, setzen Sie den beiden guten Leuten nicht härter zu, als es unumgänglich notwendig ist.»

«Sie scheinen zu glauben,» entgegnete der Doktor, «daß alle Welt heute zu Hartherzigkeit geneigt ist, Sie selbst allein ausgenommen, Miß Rose. Ich will nur um des aufwachsenden männlichen Geschlechts willen insgeheim hoffen, daß der erste Ihrer würdige junge Mann, der Ihr Mitleid in Anspruch nimmt, seine Werbung bei Ihnen anbringt, wenn Sie sich in einer ebenso verwundbaren und weichherzigen Stimmung befinden, und wünschte nichts mehr, als daß ich selbst ein junges Herrlein sein möchte, um sogleich einen so günstigen Augenblick wie den gegenwärtigen benutzen zu können.»

«Sie sind ein ebenso großer Knabe wie unser guter Brittles», sagte Rose errötend.

«Dazu gehört eben nicht viel», versetzte der Doktor herzlich lachend. «Doch um auf den kleinen Knaben zurückzukommen: wir haben die Hauptsache bei unserem Vertrage noch nicht erwähnt. Er wird ohne Zweifel in ungefähr einer Stunde aufwachen, und obgleich ich dem breitmäuligen Konstabler unten gesagt habe, daß bei Gefahr seines Lebens nicht mit ihm gesprochen werden dürfe, so denke ich doch, daß wir es ganz dreist tun können. Ich mache nun die Bedingung -- daß ich ihn in Ihrer Gegenwart examiniere, und daß er, wenn wir seinen Aussagen nach urteilen müssen, und wenn ich Ihnen zur Befriedigung Ihres kalten Verstandes dartun kann, daß er (was mehr als möglich) durch und durch verderbt ist, seinem Schicksale ohne weitere Einmischung -- zum wenigsten von meiner Seite -- überlassen wird.»

«Nein, Tante, nein!» flehte Rose.

«Ja, Tante, ja!» sagte der Doktor. «Sind wir einig?»

«Er kann nicht im Laster verhärtet sein», sagte Rose; «es ist unmöglich.»

«Desto besser», entgegnete Losberne; «dann ist um so mehr Grund vorhanden, meinen Vorschlag dreist anzunehmen.»

Der Vertrag wurde endlich geschlossen, und man setzte sich, um in großer Spannung Olivers Erwachen abzuwarten.

Die Geduld der beiden Damen sollte indes auf eine längere Probe gestellt werden, als sie nach des Doktors Äußerungen gefürchtet hatten, denn eine Stunde verging nach der andern, und Oliver lag fortwährend im festesten Schlummer. Es war Abend geworden, als ihnen der gutherzige Losberne die Nachricht brachte, daß der Patient endlich hinreichend wach geworden sei, um Rede und Antwort stehen zu können. Er sei sehr krank, wie Losberne sagte, und sehr schwach infolge des Blutverlustes, allein sein Gemüt, durch den Wunsch, etwas zu enthüllen, so beunruhigt, daß es unbedingt besser sei, ihn reden zu lassen, als -- was sonst geschehen sein würde -- darauf zu bestehen, daß er sich bis zum folgenden Morgen ruhig verhalten solle.

Die Unterredung dauerte lange, denn Oliver erzählte ihnen seine ganze Lebensgeschichte, und oft nötigten ihn Schmerz oder Erschöpfung, innezuhalten. Die schwache Stimme des kranken Knaben, sein rührend schauerlicher Bericht über eine lange Reihe trostloser Leiden und Mißgeschicke, von verhärteten Menschen über ihn verhängt, hörte sich in dem verdunkelten Zimmer gar feierlich an. Oh, wieviel weniger Unrecht und Ungerechtigkeit, Leid und Grämen, Grausamkeit und Elend, wie es jeder Tag mit sich bringt, würde es auf dieser Welt geben, wenn wir -- während wir unsere Mitmenschen unterdrücken und quälen -- nur mit einem einzigen Gedanken an die finster drohenden Anklagen gegen uns dächten, die gleich dichten, schweren Wolken freilich langsam, aber desto gewisser zum Himmel emporsteigen, um dereinst ihre Racheblitze auf unsere Häupter herabzusenden -- wenn wir im Geist nur einen Augenblick hören wollten auf das schauerliche Zeugnis der Stimmen der Toten und zu ihrem und unserem Schöpfer und Richter Hinübergegangenen, die keine menschliche Macht oder Gewalt unterdrücken, kein Stolz verstummen machen kann!

Olivers Kissen war in dieser Nacht durch Frauenhände geglättet, und Liebenswürdigkeit und Tugend bewachten seinen Schlummer. Er empfand eine selige Ruhe und hätte sterben mögen ohne Murren.

Sobald die Unterredung mit ihm beendet und er, was fast augenblicklich geschah, wieder eingeschlummert war, trocknete der Doktor seine Augen, verwünschte sie wie gewöhnlich wegen ihrer Schwäche und begab sich darauf in die Küche hinunter, um seinen Feldzug gegen Mr. Giles und Konsorten zu beginnen. Er fand die ganze Dienerschaft nebst dem Konstabler und dem Kesselflicker versammelt, der in Anbetracht seiner geleisteten Dienste eine besondere Einladung erhalten hatte, den ganzen Tag zu bleiben und sich wieder zu stärken und zu erquicken. Der Konstabler war ein Gentleman mit einem großen Stabe, großem Kopfe, großem Munde und großen Halbstiefeln und sah aus, als wenn er sehr reichlich im gespendeten Ale gezecht hätte, was auch in der Tat der Fall war. Als der Doktor eintrat, wurden noch immer die Abenteuer der vergangenen Nacht besprochen, Mr. Giles verbreitete sich über seine Geistesgegenwart, und Brittles bekräftigte, mit einem Alekrug in der Hand, alles, was Mr. Giles erst noch sagen wollte.

«Bleibt sitzen», sagte der Doktor mit einer Handbewegung.

«Schönen Dank, Sir», sagte Mr. Giles. «Misses befahlen mir, ein wenig Ale auszuteilen, und da es mir in meinem eignen kleinen Zimmer zu eng war, und da mich nach Gesellschaft verlangte, so trinke ich meinen Anteil hier.»

Brittles und die übrigen drückten durch ein leises Gemurmel ihr Vergnügen über Mr. Giles' Herablassung aus, und Mr. Giles blickte mit einer Gönnermiene umher, welche deutlich sagte, daß er, solange sie ein schickliches Benehmen beobachteten, ihre Gesellschaft sicher nicht verlassen würde.

«Wie befindet sich der Patient heute abend, Sir?» fragte Giles.

«Nicht eben gar zu gut», erwiderte der Doktor. «Ich fürchte, Giles, daß Sie sich selbst in eine arge Klemme gebracht haben.»

«Ich will doch hoffen, Sir, Sie wollen nicht sagen, daß er sterben werde», sagte Giles zitternd. «Ich könnte nie wieder ruhig werden, wenn es geschähe. Sir, ich möchte um alles Silberzeug im Lande keinem Knaben das Leben nehmen, nicht einmal Brittles.»

«Das ist nicht der Kernpunkt der Sache», fuhr der Doktor geheimnisvoll fort. «Fürchten Sie Gott, und haben Sie ein Gewissen, Giles?»

«Ja, Sir, ich sollte meinen», stotterte der sehr blaß gewordene Haushofmeister.

«Und wie steht es mit Ihnen, junger Mensch -- haben Sie auch ein Gewissen, Brittles?»

«Barmherziger Himmel, Sir -- wenn Mr. Giles ein Gewissen hat, hab' ich auch eins.»

«Dann sagt mir beide -- alle beide: wollt ihr es auf euer Gewissen nehmen, zu beschwören, daß der verwundete, oben liegende Knabe derselbe ist, der gestern nacht durch das kleine Fenster gesteckt wurde? Heraus mit der Sprache! Sagt an, sagt an!»

Der Doktor, der aller Welt als der sanftmütigste Mann von der Welt bekannt war, sprach diese Worte in einem so schauerlich-zornigen Tone, daß Giles und Brittles, die durch Ale und Aufregung ziemlich außer Fassung waren, einander vollkommen betäubt anstarrten. -- «Achten Sie auf die Antwort, welche erfolgen wird, Konstabler», sprach der Doktor weiter und hob mit großer Feierlichkeit den Zeigefinger empor; «es kann früher oder später viel darauf ankommen.»

Der Konstabler nahm eine so weise Miene an, wie er nur konnte, und griff zu seinem Stabe.

«Sie werden bemerken, es handelt sich einfach um die Identität der Person», fuhr der Doktor fort.

«Sie haben vollkommen recht, Sir», sagte der Konstabler unter heftigem Husten, denn er hatte rasch seinen Krug geleert, wovon ihm etwas in die unrechte Kehle gekommen war.

«Es wird in das Haus eingebrochen,» sagte der Doktor, «und zwei Leute sehen einen Knaben auf einen einzigen flüchtigen Augenblick, mitten im Pulverdampfe, in der Verwirrung des nächtlichen Schreckens und Aufruhrs. Am folgenden Morgen kommt ein Knabe in dieses Haus, und weil er zufällig den Arm verbunden hat, legen die Leute gewaltsam Hand an ihn, bringen sein Leben dadurch in die augenscheinlichste Gefahr und schwören, daß er an dem Einbruch teilgenommen habe. Die Frage ist nun die, ob das Verhalten besagter Leute durch die Umstände gerechtfertigt erscheint, und wo nicht, in was für eine Lage sie sich selber versetzen? Und nun noch einmal,» donnerte der Doktor, während der Konstabler Giles und Brittles mit bedenklich-mitleidiger Miene ansah, «seid ihr gewillt und imstande, vor Gott und auf das heilige Evangelium die Identität des Knaben zu beschwören?»

Brittles blickte Giles und Giles Brittles zweifelhaft und fragend an; der Konstabler hielt die Hand hinter das Ohr, damit ihm ja nichts von der Antwort entgehen möchte; die Köchin, das Hausmädchen und der Kesselflicker beugten sich vor, um zu lauschen, und der Doktor schaute mit scharfen Blicken umher, als das Heranrollen eines Wagens und gleich darauf das Läuten der Gartentorglocke vernommen wurde.

«Es sind die Polizeimänner aus London», rief Brittles, sich sehr erleichtert fühlend, aus.

«In aller Welt, wie kommen denn die hierher?» fragte der Doktor, seinerseits erschreckend.

«Ich und Mr. Giles haben heute morgen nach ihnen geschickt,» antwortete Brittles, «und ich wundere mich nur, daß sie so spät kommen.»

«Ah, Sie schickten nach ihnen! Ei, so wollt' ich, daß dieser und jener Sie holte! Ihr seid hier doch lauter verwünschte Dummköpfe!» sagte der Doktor im Hinauseilen.

31. Kapitel.

Eine kritische Situation.

«Wer ist hier?» fragte Brittles, indem er die Haustür ein wenig öffnete und die Kerze mit der Hand beschattend, hinausschaute.

«Öffnen Sie die Tür», entgegnete ein Mann von draußen. «Es sind die Polizeibeamten aus Bow-Street, nach denen heut' geschickt worden ist.»

Durch diese Auskunft völlig beruhigt, öffnete Brittles die Tür in ihrer vollen Breite und stand einem stattlichen Manne in einem großen Mantel gegenüber, der sofort ohne weiteres eintrat und sich die Stiefel so ruhig auf der Matte reinigte, als gehöre er ins Haus.

«Schicken Sie sofort jemand, der meinem Kollegen die Sorge für Pferd und Wagen abnimmt. Haben Sie nicht eine Remise hier, daß wir den Wagen kurze Zeit unterstellen können?»

Als Brittles eine bejahende Antwort gab und auf das Gebäude deutete, schritt der stattliche Mann zur Gartenpforte zurück und half seinem Kollegen beim Aussteigen aus dem Gig, wobei ihnen Brittles mit dem Ausdruck hoher Bewunderung leuchtete. Hierauf kehrten beide Beamte nach dem Hause zurück und legten, ins Besuchszimmer geleitet, ohne weiteres Überrock und Hut ab. Der erste, der geklopft hatte, war ein starker Mann von Mittelgröße, etwa fünfzig Jahre alt, und hatte glänzendes, ziemlich kurz geschnittenes Haar, ein rundes Gesicht und scharfe Augen. Der andere war ein Rotkopf und hager, trug Stulpenstiefel und hatte ein abstoßendes Gesicht und eine aufgeworfene, widerwärtige Nase.

«Melden Sie Ihrer Herrschaft, daß Blathers und Duff hier wären», sagte der stattlichere von beiden, sein Haar niederstreichend und ein Paar Handfesseln auf den Tisch legend. «Ah! guten Abend, Sir. Kann ich ein Wörtchen allein mit Ihnen reden?»

Diese Anrede war an Mr. Losberne gerichtet, der eben mit den beiden Damen eintrat und Brittles einen Wink gab, hinauszugehen. «Dies ist die Dame des Hauses», sagte Losberne mit einer Handbewegung auf Mrs. Maylie zu.

Mr. Blathers machte eine Verbeugung. Auf die Aufforderung, Platz zu nehmen, stellte er seinen Hut auf den Fußboden, setzte sich und veranlaßte Duff, das gleiche zu tun. Der letztere, der sich weniger in guter Gesellschaft bewegt zu haben schien oder sich doch jedenfalls nicht mit großer Leichtigkeit darin bewegte, nahm erst nach manchem umständlichen Kratzfuße Platz und legte dann sofort den Knauf seines Handstockes an den Mund.

«Lassen Sie uns nun aber sogleich auf den hier verübten Einbruch kommen, Sir», sagte Blathers. «Wie verhält es sich mit der Sache?»

Losberne wünschte Zeit zu gewinnen und berichtete der Länge nach und mit großer Weitschweifigkeit. Die Herren Blathers und Duff hörten mit äußerst weisen Mienen zu und blinzelten einander dann und wann sehr pfiffig zu.

«Ich kann über die Sache natürlich nicht eher etwas Gewisses sagen,» bemerkte Blathers, als Losberne mit seinem Bericht zu Ende war, «als bis ich die Stelle in Augenschein genommen habe, wo der Einbruch versucht worden ist; jedoch meine Meinung ist rund heraus die -- denn ich stehe, selbst auf die Gefahr, zu irren, nicht an, so weit zu gehen -- daß er von keinem Kaffer verübt ist -- was sagst du, Duff?»

Duff war derselben Meinung.

«Sie wollen sagen,» versetzte Losberne lächelnd, «der Einbruch sei von keinem Landmanne, von keinem Nicht-Londoner verübt?»

«Ganz recht, Sir. Wissen Sie noch etwas über das Verbrechen zu sagen?»

Losberne verneinte.

«Was ist denn das aber mit dem Knaben, von dem die Dienerschaft im Hause spricht?»

«O ganz und gar nichts», erwiderte der Doktor. «Der Haushofmeister hatte es sich in seiner Bestürzung in den Kopf gesetzt, der Knabe wäre bei dem Einbruche, der Himmel weiß wie, beteiligt gewesen -- 's ist aber durchaus nichts als Torheit und alberne Einbildung gewesen.»

«Das heißt die Sache gar zu sehr auf die leichte Achsel nehmen», bemerkte Duff.

«Du hast ganz recht, Duff», sagte Blathers mit bekräftigendem Kopfnicken und mit den Handfesseln spielend, als wenn sie ein Paar Kastagnetten gewesen wären. «Wer ist der Knabe? Welche Auskunft gibt er über sich? Woher kam er? Er wird doch nicht aus den Wolken gefallen sein, Sir?»

«Natürlich, nein», sagte Losberne, den Damen einen unruhigen Blick zuwerfend. «Mir ist indessen sein ganzer Lebenslauf bekannt, und -- doch wir können nachher darüber sprechen. Wollen Sie nicht vor allen Dingen die Stelle sehen, wo die Diebe einzubrechen versuchten?»

«Allerdings,» erwiderte Blathers. «Wir nehmen zuerst die Stelle in Augenschein und verhören sodann die Dienerschaft. Das pflegt der gewöhnliche Gang des Geschäfts zu sein.»

Es wurde Licht gebracht, und die Herren Blathers und Duff, in Begleitung des Konstablers des Ortes, Brittles', Giles' und, mit einem Worte, sämtlicher sonstiger Hausbewohner, begaben sich in das kleine Gemach am Ende des Hausflurs und sahen aus dem Fenster, gingen darauf hinaus und sahen in das Fenster hinein, besichtigten den Fensterladen, spürten den Fußtritten nach beim Scheine einer Laterne und durchstachen die Büsche vermittels einer Heugabel. Nachdem dies alles geschehen war und alle das Vorgehen der Beamten mit atemloser Teilnahme verfolgt hatten, gingen Blathers und Duff wieder hinein und vernahmen Giles und Brittles über ihren Anteil an den Begebenheiten der Schreckensnacht; beide Diener erzählten sechsmal statt einmal und widersprachen einander beim ersten nur in einem einzigen wichtigen Punkte und beim letzten nur in einem Dutzend wesentlicher Aussagen. Nach Beendigung des Verhörs wurden Giles und Brittles entlassen, und die Herren Blathers und Duff hielten eine lange Beratung ab, im Vergleich zu der in Beziehung auf Heimlichkeit und Feierlichkeit eine Konsultation berühmter Doktoren über den schwierigsten Krankheitsfall bloßes Kinderspiel gewesen wäre.

Losberne ging unterdessen im anstoßenden Zimmer sehr unruhig auf und ab, und Mrs. Maylie und Rose schauten ihm mit noch größerer Unruhe zu.

«Auf mein Wort,» sagte er, plötzlich stillstehend, «ich weiß kaum, was hier zu tun ist.»

«Wenn den beiden Männern», versetzte Rose, «die Geschichte des unglücklichen Knaben erzählt würde, wie sie ist, es wäre sicher genug, ihn in ihren Augen von Schuld zu entlasten.»

«Das muß ich bezweifeln, meine werte junge Dame», wandte der Doktor kopfschüttelnd ein. «Ich glaube nicht, daß es sie oder auch die höheren Polizei- oder Justizbeamten befriedigen würde. Sie würden sagen, er sei jedenfalls ein fortgelaufener Kirchspielknabe und Lehrling. Nach rein weltlich-verständigen Erwägungen und Wahrscheinlichkeiten beurteilt, unterliegt seine Geschichte großen Zweifeln.»

«Sie schenken ihr doch Glauben?» fiel Rose hastig ein.

«Ich schenke ihr Glauben, so befremdlich sie lautet, und bin vielleicht ein großer Tor, weil ich es tue,» versetzte der Doktor; «allein nichtsdestoweniger halte ich sie keineswegs für eine solche, die einen erfahrenen Polizeibeamten zufriedenstellen würde.»

«Warum aber nicht?» fragte Rose.