Oliver Twist

Part 15

Chapter 153,682 wordsPublic domain

«Ja, ja,» fiel der kleinere ein, «was Mr. Giles sagt, dem dürfen wir nicht widersprechen; nimmermehr, ich kenne meine Stellung Gott sei Dank zu gut, um mir's herauszunehmen.»

Der kleine Mann schien seine Stellung in der Tat nicht bloß genau zu kennen, sondern auch sehr unangenehm zu empfinden, denn er stand zähneklappernd neben den beiden andern.

«Sie fürchten sich, Brittles», sagte Mr. Giles.

«Nicht im mindesten», sagte Brittles.

«Sie fürchten sich allerdings!»

«Sie irren, Mr. Giles.»

«Sie lügen, Brittles.»

Das Zwiegespräch war eine Folge davon, daß Mr. Giles Verdruß empfand, und sein Verdruß war aus seinem Unwillen darüber entsprungen, daß die Verantwortlichkeit wegen der Rückkehr nach Hause in der Form eines Kompliments auf ihn zurückgewälzt worden war. Der dritte Mann beendete den Streit sehr philosophisch. «Lassen Sie mich Ihnen sagen, wie es ist», fiel er ein; «wir fürchten uns alle.»

«Sie reden nach Ihrer eigenen Erfahrung», versetzte Mr. Giles, der der blässeste von den dreien war.

«Allerdings», sagte der Angeredete. «'s ist unter solchen Umständen ganz natürlich und schicklich, daß man sich fürchtet.»

«Nun, ich fürchte mich auch», sagte Brittles; «aber warum ist es notwendig, es einem so geradezu in das Gesicht zu sagen?»

Diese offenen Geständnisse besänftigten Mr. Giles, der sofort einräumte, auch seinerseits einige Furcht zu empfinden, worauf alle drei in der vollkommensten Einmütigkeit zurückzueilen anfingen. Nicht lange nachher trug jedoch Mr. Giles, der den kürzesten Atem hatte und eine große Heugabel trug, auf ein kurzes Verweilen an, um sich wegen seiner Ausfälle zu entschuldigen.

«Man glaubt es aber gar nicht,» schloß er, «wozu man fähig ist, wenn einem das Blut warm geworden. Wahrhaftig, ich würde einen Mord begangen haben -- ich weiß es -- hätten wir einen der Bösewichter gefangen.»

Die anderen beiden hatten ähnliche Überzeugungen und konnten nur nicht begreifen, wie es zugegangen, daß in ihrer Stimmung eine so plötzliche Änderung eingetreten war.

«Ich weiß es», sagte Giles; «es kam von der Umzäunung her. Ja, die Umzäunung des Feldes, auf welchem wir die Halunken fast ertappt hätten, unterbrach alle Mordgedanken und hemmte die innere Wut. Ich fühlte sie bei mir im Hinübersteigen vergehen.»

Durch ein merkwürdiges Zusammentreffen hatten die beiden andern dasselbe Gefühl genau in demselben Augenblick empfunden, so daß Mr. Giles ganz offenbar recht gehabt hatte, als er sagte: es kam von der Umzäunung her -- namentlich, da hinsichtlich des Zeitpunktes, in dem die Veränderung Platz gegriffen hatte, gar kein Zweifel obwalten konnte, da sich alle drei entsannen, daß sie in dem Augenblicke, da sie eintrat, die Einbrecher zu Gesicht bekommen hätten.

Dieses Gespräch führten die beiden Männer, welche die Einbrecher überrascht hatten, und ein wandernder Kesselflicker, der in einem Nebengebäude geschlafen und sich nebst seinen beiden Hunden hatte entschließen müssen, an dem gefahrvollen Abenteuer der Diebesverfolgung teilzunehmen. Mr. Giles diente der alten Dame, welche das Haus bewohnte, in der doppelten Eigenschaft als Keller- und Haushofmeister, und Brittles war Bedienter, Gärtner, Ausläufer usw. Die alte Dame hatte ihn in ihren Dienst genommen, als er noch ein kleiner, vielversprechender Knabe gewesen war, und er wurde noch immer als ein solcher behandelt, obgleich er in den Dreißigern stand.

Die drei kühnen Männer setzten unter ermutigenden und die Zeit kürzenden angenehmen Gesprächen in geschlossener Phalanx ihren Rückzug fort und bewiesen, obwohl ihnen noch mancher ungewöhnlich starke Windstoß Schrecken einjagte, die Geistesgegenwart, ihre Laterne abzuholen, die sie hinter einem Baume hatten stehen lassen, damit sie den Dieben nicht anzeigte, wohin sie schießen müßten, falls sie etwa Feuer zu geben geneigt wären.

Sie waren längst zu Hause angelangt, die Luft wurde immer kälter, je näher der Morgen kam, der Nebel bewegte sich am Boden entlang wie eine dichte Rauchwolke, das Gras war feucht, die Fußwege und niedrig gelegenen Stellen waren kotig und schlammig, ein naßkalter Wind verkündete sein Nahen durch ein hohles Brausen -- und Oliver lag noch immer bewußtlos in dem Graben, wo ihn Sikes niedergelegt hatte. Im Osten zeigte sich das erste matte Morgengrauen -- eher dem Tode der Nacht als der Geburt des Tages zu vergleichen. Die Gegenstände, die in der Finsternis unheimlich ausgesehen hatten, nahmen immer bestimmtere Umrisse an und erhielten allmählich ihre gewöhnliche Gestalt. Der Regen rauschte in Strömen nieder und schlug klatschend auf die entlaubten Büsche -- aber Oliver empfand kein Ungemach davon; er lag fortwährend hilflos und ohnmächtig auf seinem harten, feuchten Bette von Erde.

Endlich weckte ihn ein empfindlicher Schmerz; er schrie laut auf und erwachte. Sein linker, in der Eile mit einem Tuche verbundener Arm hing schwer und gelähmt an seiner Seite, und das Tuch war mit Blut getränkt. Er war so schwach, daß er sich kaum in eine sitzende Stellung emporzurichten vermochte; er blickte matt nach Hilfe umher und ächzte vor Schmerz. Bebend an allen Gliedern vor Kälte und Erschöpfung, suchte er sich aufzurichten, fiel aber ohnmächtig der Länge nach wieder nieder.

Eine ihn überfallende Ohnmachtsempfindung, die ihm die Warnung zuzuraunen schien, er werde unfehlbar sterben müssen, wenn er noch länger daläge, brachte ihn zum Bewußtsein zurück. Er stand mühsam auf, ihm schwindelte jedoch, und er wankte gleich einem Betrunkenen von einer Seite zur anderen. Er hielt sich nichtsdestoweniger aufrecht und taumelte mit gesenktem Kopfe vorwärts, ohne zu wissen wohin.

In seinem Innern drängten sich ängstigende, verwirrte Gedanken und Bilder. Es war ihm, als wenn er noch zwischen Sikes und Crackit ginge, die ergrimmt miteinander zankten; ihre Worte tönten noch in seinen Ohren, und als ihn ein Fehltritt zum Bewußtsein zurückrief, machte er die Entdeckung, daß er zu den beiden schrecklichen Männern redete, als wenn er sich noch in ihrer Gewalt befände. Dann kam es ihm wieder vor, als wenn er mit Sikes allein wäre, der ihm seine Rolle bei dem beabsichtigten Einbruche einzuprägen suchte. Unbestimmte, düstere Gestalten schwebten an ihm hin und wieder, er schreckte zusammen bei dem vermeintlichen Knalle eines Feuergewehrs, er hörte lautes Rufen und Schreien, vor seinen Augen flimmerten und verschwanden Lichter, es summte ihm vor den Ohren, alles vor Verwirrung und Lärmen, er fühlte sich durch eine unsichere Hand fortgetragen; und während er so halb wachend träumte, peinigte und ängstigte ihn fortwährend ein undeutliches Schmerzgefühl, ein Halbbewußtsein seiner unsäglich jammervollen Lage.

So wankte er weiter und weiter, fast mechanisch durch Gitter oder Lücken in den Hecken kriechend, bis er einen Weg erreicht hatte; und jetzt fing es an so stark zu regnen, daß er wirklich erwachte. Er blickte umher und sah in geringer Entfernung ein Haus, bis zu welchem er sich fortschleppen zu können meinte. Die Bewohner desselben hatten vielleicht Mitleid mit ihm, und wo nicht, so war es doch besser, wie er dachte, in der Nähe menschlicher Wesen zu sterben als allein auf den öden Feldern. Er sammelte seine letzten Kräfte, und eilte so rasch er konnte, dem Hause zu.

Als er näher kam, war es ihm, als wenn er es schon gesehen hätte, wenn er sich auch seiner einzelnen Teile nicht erinnern konnte. Doch ach, die Gartenmauer! Und dort an jener Stelle hatte er sich in der vergangenen Nacht auf die Knie niedergeworfen und die beiden Männer um Erbarmen angefleht. Es war dasselbe Haus, das sie zu berauben versucht hatten. Auf ein paar Augenblicke überkam ihn ein Gefühl so entsetzlichen Schreckens, daß er den Schmerz seiner Wunde vergaß und nur an Flucht dachte. Flucht! Er war kaum imstande, sich auf den Füßen zu halten, und hätte er die Kräfte dazu gehabt, wohin hätte er fliehen sollen? Die Gartentür stand offen, er wankte über den Grasplatz, stieg mit Mühe die Stufen des Portals vor der Haustür hinan und klopfte leise; die Kräfte schwanden ihm, und er sank ohnmächtig nieder.

Gerade zu derselben Stunde stärkten sich Mr. Giles, Brittles und der Kesselflicker nach den Strapazen und Schrecken der Nacht in der Küche durch ein Schälchen Tee, und was es sonst Gutes gab. Nicht, daß es Mr. Giles' Gewohnheit gewesen wäre, zu große Vertraulichkeit mit der niederen Dienerschaft zu pflegen, gegen welche er sich vielmehr der Regel nach nur mit einer leutseligen Herablassung benahm, die stets an seine höhere Stellung in der Gesellschaft erinnerte. Allein Todesfälle, Feuersbrünste und Einbrüche machen alle Menschen gleich, und Mr. Giles saß mit ausgestreckten Füßen am Herde, hatte den linken Arm auf den Tisch gestützt, illustrierte mit dem rechten einen genauen und glühenden Bericht über den nächtlichen Raubanfall, und sein Publikum -- zumal die Köchin und das Hausmädchen -- hörte ihm in atemloser Spannung zu.

«Es mochte halb zwei Uhr sein,» sagte Mr. Giles, «indes kann ich nicht darauf schwören, ob's nicht dreiviertel war, als ich aufwachte, mich im Bett herumdrehte, ungefähr so» (er drehte sich bei diesen Worten auf seinem Stuhle herum und zog den Zipfel des Tischtuches über die Schultern, um bildlich desto lebhafter die Vorstellung einer Bettdecke hervorzurufen), «und ein Geräusch zu hören glaubte.»

Hier erblaßte die Köchin und forderte das Hausmädchen auf, die Küchentür zu verschließen; das Hausmädchen hieß es Brittles, der es den Kesselflicker hieß, der sich stellte, als ob er nicht hörte.

«Ein Geräusch zu hören glaubte», wiederholte Mr. Giles. «Ich dachte zuerst bei mir selbst: 's ist eine Täuschung! und legte mich schon wieder zum Einschlafen zurecht, als ich das Geräusch abermals und vollkommen deutlich vernahm.»

«Was war es denn für eine Art von Geräusch?» fragte die Köchin.

«Ein krachendes», erwiderte Mr. Giles.

«Ich denke, es war mehr, wie wenn eine eiserne Stange auf einem Reibeisen gerieben wird», fiel Brittles ein.

«So war es, als *Sie* es hörten», sagte Giles; «zu der Zeit aber, als ich es vernahm, hatte es einen krachenden Ton. Ich warf die Bettdecke zurück» (er wiederholte die Bewegung mit dem Tischtuche), «richtete mich zum Sitzen empor und horchte.»

Die Köchin und das Hausmädchen riefen zugleich aus: «Daß sich Gott erbarm'!» und rückten zusammen.

«Ich hörte es so deutlich, als wenn es dicht vor meinem Bette wäre», fuhr Giles fort, «und dachte: Da wird eine Tür oder ein Fenster aufgebrochen. Was ist zu tun? Ich will den guten Jungen Brittles wecken und ihn retten, damit er nicht in seinem Bette ermordet wird; tu' ich's nicht, so kann ihm die Kehle vom rechten bis zum linken Ohre abgeschnitten werden, ohne daß er es merkt.»

Hier richteten sich aller Blicke auf Brittles, der die seinigen auf den Redner heftete und ihn mit weit geöffnetem Munde anstarrte, während seine Mienen den grenzenlosesten Schrecken ausdrückten.

«Ich stieß die Bettdecke von mir,» sprach Giles, das Tischtuch von sich schleudernd und die Köchin und das Hausmädchen scharf fixierend, «stieg leise aus dem Bette, zog --»

«Es sind Damen anwesend, Mr. Giles!» murmelte der Kesselflicker.

«-- Meine Pantoffel an, Sir,» fuhr Giles, sich zu ihm wendend und den stärksten Nachdruck auf seine Pantoffel legend, fort, «nahm die geladene Pistole zur Hand, die immer mit dem Silberzeugkorbe hinaufgebracht wird, ging auf den Zehen in Brittles Kammer und sagte, sobald ich ihn aus dem Schlafe gerüttelt hatte: >Brittles, erschrecken Sie nicht!<»

«Ja, das sagten Sie, Mr. Giles», fiel Brittles mit bebender Stimme ein.

«>Brittles, ich glaube, wir sind verloren<, sagt' ich,» fuhr Giles fort, «>aber seien Sie nur ohne Furcht.<»

«Zeigte er denn auch keine Furcht?» fragte die Köchin.

«Nein», antwortete Giles; «er war so unverzagt -- fast so unverzagt wie ich selber.»

«Ich wäre auf der Stelle gestorben, wenn ich's gewesen wäre», bemerkte das Hausmädchen.

«Sie sind ein junges Mädchen», fiel Brittles ein, der ziemlich herzhaft zu werden anfing.

«Brittles hat recht», sagte Giles mit beiläufigem Kopfnicken; «von einem Mädchen war nichts anderes zu erwarten. Wir aber, als Männer, nahmen eine Blendlaterne aus Brittles' Kammer und fühlten uns in der Pechrabenfinsternis hinunter.» (Er war aufgestanden, hatte die Augen geschlossen, tappte ein paar Schritte vorwärts und durchsägte, um seine Schilderung mit angemessener Aktion zu begleiten, mit den Armen die Luft, bis er mit der Köchin in eine unangenehme Berührung kam und die Köchin und das Hausmädchen zu schreien anfingen, worauf er nach seinem Stuhle zurückeilte.) «Was hat das zu bedeuten?» unterbrach er sich plötzlich; «es wird geklopft -- öffne jemand die Haustür!»

Niemand regte sich.

«Das ist doch seltsam, daß zu einer so frühen Morgenstunde geklopft wird», fuhr Giles, umherschauend und bleichen Antlitzes nur bleiche Gesichter gewahrend, fort; «allein die Tür muß geöffnet werden. He! Holla! hört denn niemand?»

Mr. Giles richtete bei diesen Worten die Blicke auf Brittles; allein der von Natur blöde, bescheidene Jüngling hielt sich mutmaßlich in der Tat für niemand und meinte sicher, daß die Frage unmöglich an ihn gerichtet sein könne. Jedenfalls gab er keine Antwort. Mr. Giles sendete dem Kesselflicker auffordernde Blicke zu, allein der Kesselflicker war urplötzlich eingeschlafen. Die Frauenzimmer kamen nicht in Betracht.

«Wenn Brittles die Tür etwa lieber in Gegenwart von Zeugen öffnen will,» sagte Mr. Giles nach einem kurzen Stillschweigen, «so bin ich bereit, einen solchen abzugeben.»

«Ich auch», sagte der Kesselflicker, ebenso plötzlich wieder aufwachend, wie er eingeschlafen war.

Brittles kapitulierte auf diese Bedingungen, und als man beim Öffnen der Fensterläden die Entdeckung machte, daß es heller Tag war, und dadurch gar sehr an Mut gewann, so zog die kleine, tapfere Schar aus, die Hunde voran und die Frauenzimmer in der Nachhut. Gemäß dem Rate Mr. Giles' sprachen alle sehr laut, um dem Feinde sogleich kundzutun, wie zahlreich sie waren, und gemäß einer unübertrefflichen, von demselben Gentleman ausgesonnenen Kriegslist wurden auf dem Hausflur die Hunde in die Schwänze gekniffen, damit sie ein wütendes Bellen erheben möchten, was sie auch taten.

Nachdem diese Vorsichtsmaßregeln getroffen waren, faßte Mr. Giles den Kesselflicker fest am Arme (damit er nicht fortliefe, wie Mr. Giles scherzend sagte) und gab den Befehl, die Tür zu öffnen. Brittles gehorchte. Einer blickte dem anderen bebend über die Schultern, und die Schar gewahrte nichts Fürchterlicheres als den armen, kleinen Oliver Twist, der bleich und erschöpft die Augen aufschlug und stumm um Mitleid flehte.

«Ein Knabe!» rief Mr. Giles, den Kesselflicker mutig zurück- und sich selber vordrängend, aus. «Was ist das -- wie -- Brittles -- erkennen Sie ihn?»

Brittles, der beim Öffnen der Tür hinter dieselbe getreten war, stieß einen Schrei des Wiedererkennens aus, sobald er Oliver erblickte. Giles faßte den Knaben bei einem Beine und einem Arme -- zum Glücke nicht bei dem verwundeten -- zog ihn herein und legte ihn der Länge nach auf die Steinplatten nieder. «Hier, hier!» schrie Mr. Giles in größter Erregtheit die Treppe hinauf, «hier ist einer von den Dieben, Ma'am! Wir haben einen Dieb, Miß -- einen Verwundeten, Miß! Ich traf ihn, Miß, und Brittles hielt das Licht!»

«In einer Laterne, Miß!» schrie Brittles, eine Hand an den Mund haltend, damit sein Ruf desto sicherer hinaufdränge.

Die Köchin und das Hausmädchen liefen hinauf, um der Herrschaft zu verkündigen, daß Mr. Giles einen Räuber gefangen habe, und der Kesselflicker bemühte sich, Oliver zum Bewußtsein zurückzubringen, damit er nicht stürbe, bevor er gehängt würde. Nach einiger Zeit ertönte von oben durch den Lärm eine sanfte und wohlklingende, einer jungen Dame angehörende Stimme: «Giles, Giles!»

«Hier, Miß, hier bin ich! Erschrecken Sie nicht, Miß; ich habe keinen bedeutenden Schaden genommen! Er leistete keinen sehr verzweifelten Widerstand, Miß; ich überwältigte ihn sehr bald.»

«Still doch; Sie erschrecken ja meine Tante fast ebensosehr, wie es die Diebe selbst getan haben. Ist der arme Mensch stark beschädigt?»

«Er hat eine furchtbare Wunde, Miß», rief Giles mit unbeschreiblichem Wohlbehagen hinauf.

«Er sieht aus, als wenn er den Geist aufgeben will, Miß», schrie Brittles, wie zuvor eine Hand an den Mund haltend. «Wollen Sie nicht herunterkommen, Miß, und ihn sehen, falls er --»

«So schreien Sie doch nicht so entsetzlich. Seien Sie einen Augenblick still; ich will mit meiner Tante sprechen.»

Die Sprecherin eilte mit leisen Fußtritten fort, kehrte bald wieder zurück und erteilte den Befehl, den Verwundeten vorsichtig hinauf in Mr. Giles' Zimmer zu tragen; Brittles sollte sogleich den Pony satteln, nach Chertsey reiten und eiligst einen Konstabler und den Doktor holen.

«Wollen Sie ihn aber nicht erst einmal sehen, Miß?» rief Giles mit so viel Stolz, wie wenn Oliver ein seltener und prachtvoller Vogel wäre, den er heruntergeschossen hätte.

«Nicht um die Welt!» erwiderte die junge Dame. «Der arme Mensch! Giles, behandeln Sie ihn ja recht gut, und wenn es auch nur um meinetwillen wäre!»

Der alte Diener des Hauses blickte, als sie sich entfernte, zu ihr hinauf, so stolz und wohlgefällig, als ob sie sein eigenes Kind gewesen wäre, und half sodann Oliver mit der liebevollen Sorgfalt und Aufmerksamkeit einer Frau hinauftragen.

29. Kapitel.

Von den Bewohnern des Hauses, in welchem Oliver sich befand.

In einem artigen Zimmer -- dessen Mobilien freilich mehr nach altmodischer Bequemlichkeit als nach moderner Eleganz aussahen -- saßen zwei Damen an einem wohlbesetzten Frühstückstische. Mr. Giles wartete im vollständigen schwarzen Anzuge auf. Er stand kerzengerade in der Mitte zwischen dem Schenk- und Frühstückstische mit zurückgeworfenem und fast unmerklich zur Seite geneigtem Kopfe, den linken Fuß vorangestellt und mit der rechten Hand im Busen, während die herunterhängende Linke einen Präsentierteller hielt, und sah aus, als wenn er sich des angenehmen Bewußtseins seiner Verdienste und Wichtigkeit freute.

Die eine der beiden Damen war betagt, allein die hohe Lehne ihres Stuhles war nicht gerader als ihre Haltung. Ihr Anzug war ein Muster von Sauberkeit und Genauigkeit, altmodisch, doch nicht ohne Spuren der Einwirkung des Tagesgeschmacks. So saß sie stattlich da, die gefalteten Hände auf dem Tische vor ihr, die Augen -- denen die Jahre nur wenig von ihrem Glanze genommen -- aufmerksam auf die jüngere Dame geheftet, die in der ersten zarten Blüte der Weiblichkeit stand, eine der jungfräulichen Gestalten, von welchen wir ohne Sünde annehmen mögen, daß Engel sie bewohnen, wenn der Allmächtige zur Ausführung seiner Absichten jemals zuläßt, daß sich die Himmelsbewohner in Gestalten der Sterblichen verkörpern dürfen.

Sie befand sich noch im siebzehnten Jahre, und ihre Figur war so leicht und ätherisch, so zart und edel, so lieblich und schön, als wäre die Erde ihre Wohnstätte nicht, als könnten die gröberen Wesen dieser Welt keine zu ihr passende Mitgeschöpfe sein. Der Geist, der aus ihren dunkelblauen Augen leuchtete und aus ihren edlen Zügen sprach, schien ihrem Alter zuvorgeeilt und kaum von dieser Welt zu sein; und doch verkündete der lebensvolle, freundlich-holde Ausdruck ihrer Mienen, die tausend Lichter, die auf ihrem rosigen Antlitz spielten und keinen Schatten auf ihm lagern ließen, ihr Lächeln -- ihr frohes, seliges Lächeln -- die höchste Gesinnungsschöne, den reinsten Herzensadel, die wärmste Liebe und Zärtlichkeit, die besten Gefühle und Eigenheiten der menschlichen Natur. Ihr Lächeln, ihr heiteres, glückstrahlendes Lächeln war für häuslichen Frieden, häusliches Glück geschaffen.

Sie war eifrig mit den kleinen Anordnungen zum Frühstück beschäftigt, und als sie zufällig die Augen aufschlug, während die ältere Dame sie anblickte, strich sie freundlich ihr einfach auf der Stirn gescheiteltes Haar zurück, und aus ihren Blicken leuchtete eine solche tief-innige Zärtlichkeit und natürlich-ungefälschte Liebenswürdigkeit hervor, daß selige Geister gelächelt haben möchten, sie so zu schauen.

Die ältere Dame lächelte, doch ihr Herz war schwer, und sie trocknete eine Zähre in dem freundlichen Auge ab.

«Brittles ist also schon seit einer Stunde fort?» fragte sie nach einem kurzen Stillschweigen.

«Eine Stunde und zwölf Minuten, Ma'am», antwortete Giles, auf seine silberne Uhr blickend, die er an einem schwarzen Bande herauszog.

«Er ist immer langsam», bemerkte die alte Dame.

«Er war von jeher ein langsamer Bursche, Ma'am», sagte Giles, und in Anbetracht dessen, daß Brittles, beiläufig gesagt, einige dreißig Jahre ein langsamer Bursche gewesen war, war es nicht eben wahrscheinlich, daß er jemals ein hurtiger werden würde.

«Ich glaube, er wird eher schlimmer als besser», fuhr die alte Dame fort.

«Es würde gar nicht zu entschuldigen sein, wenn er sich aufhielte, um etwa mit anderen Knaben zu spielen», fiel die junge Dame lächelnd ein.

Mr. Giles überlegte offenbar, ob er sich mit Schicklichkeit auch ein ehrerbietiges Lächeln erlauben dürfe, als ein Gig vorfuhr, ein dicker Herr heraussprang, in das Haus hereinstürmte und so eilig in das Zimmer hereinpolterte, daß er fast Mr. Giles und den Teetisch umgeworfen hätte.

«So etwas ist mir ja in meinem ganzen Leben nicht vorgekommen!» rief er aus. «Meine beste Mrs. Maylie -- daß sich der Himmel erbarme -- und obendrein in der Stille der Nacht -- es ist ganz unerhört, ganz unerhört!» Er schüttelte bei diesen Beileidsbezeigungen beiden Damen die Hände, nahm Platz und erkundigte sich nach ihrem Befinden. -- «'s ist ein Wunder, daß der Schreck Sie nicht getötet -- auf der Stelle getötet hat!» fuhr er fort. «In aller Welt, warum schickten Sie nicht zu mir? Wahrhaftig, mein Bedienter hätte in einer Minute hier sein sollen oder ich selbst und mein Assistent -- jedermann würde mit Freuden herbeigeeilt sein. Es versteht sich ja ganz von selbst -- unter solchen Umständen -- Himmel! -- und so unerwartet -- und in der Stille der Nacht!»

Der Doktor schien besonders durch den Umstand ganz außer sich geraten zu sein, daß der Einbruch unerwartet und zu nächtlicher Zeit versucht worden war, als wenn es die feststehende Gewohnheit der im Fache des Einbrechens arbeitenden Gentlemen wäre, ihre Geschäfte um Mittag abzumachen und ihr Erscheinen ein paar Tage vorher durch die Briefpost anzukündigen.

«Und Sie, Miß Rose», sagte der Doktor zu der jungen Dame; «ich --»

«Ich befinde mich vortrefflich», unterbrach sie ihn; «aber oben liegt ein Verwundeter, und die Tante wünscht, daß Sie ihn besuchen.»

«Ah, ich entsinne mich», versetzte der Doktor. «Wie ich höre, haben Sie ihm die Wunde beigebracht, Giles.»

Mr. Giles, der in einem Fieber von Aufregung die Tassen geordnet hatte, errötete sehr stark und erwiderte, daß er die Ehre habe.

«Die Ehre?» sagte der Doktor. «Doch mag sein, daß es ebenso ehrenvoll ist, einen Dieb in einem Waschhause, wie einen Gegner auf zwölf Schritte weit zu treffen. Bilden Sie sich ein, er hätte in die Luft geschossen und Sie haben ein Duell gehabt, Giles.»

Mr. Giles, der in dieser scherzhaften Behandlung der Sache einen ungerechten Versuch erblickte, seinen Ruhm zu verkleinern, erwiderte ehrerbietig, daß es seinesgleichen nicht zukäme, ein Urteil darüber auszusprechen, allein er lebe doch des Glaubens, daß die Sache für den Getroffenen kein Spaß gewesen sei.

«Beim Himmel, das ist wahr!» sagte der Doktor. «Wo ist er? Führen Sie mich zu ihm. Ich werde bald wieder bei Ihnen sein, Mrs. Maylie. Das ist das kleine Fenster, durch das er eingestiegen ist? Es ist kaum zu glauben.»

Er folgte, fortwährend sprechend, Mr. Giles die Treppe hinauf, und während er hinaufgeht, sei dem Leser gesagt, daß Mr. Losberne, der auf zehn Meilen im Umkreise unter dem Namen des «Doktors» bekannte Wundarzt, mehr infolge eines heiteren Temperaments als guten Lebens beleibt geworden und ein so gutherziger und biederer, nebenher auch wunderlicher alter Junggeselle war, daß man in einem fünfmal größeren Umkreise kaum seinesgleichen finden dürfte.