Oliver Twist

Part 14

Chapter 143,683 wordsPublic domain

Er stellte den Leuchter der Tür des Zimmers gegenüber, in welchem sich nur ein gebrechlicher Sessel und hinter der Tür ein altes Sofa ohne Überzeug befand, auf das sich der müde Fremde warf. Der Jude setzte sich vor ihn in den Sessel. Da die Tür halb offen stand, so war es im Zimmer nicht ganz finster, und das draußen stehende Licht warf einen schwachen Schein auf die Wand gegenüber.

Sie flüsterten einige Zeit so leise miteinander, daß ein Horcher von ihrer Unterredung nur etwa so viel hätte verstehen können, um daraus zu entnehmen, daß sich Fagin gegen Beschuldigungen des Fremden verteidigte, und daß sich dieser in einer sehr gereizten Stimmung befand. Sie mochten etwa eine Viertelstunde geflüstert haben, als Monks -- denn so hatte der Jude seinen Besucher mehrere Male genannt -- etwas lauter sagte: «Ich wiederhol's Euch, es war schlecht ausgedacht. Warum habt Ihr ihn nicht hier behalten bei den anderen und ohne weiteres 'nen jämmerlichen Taschendieb aus ihm gemacht?»

«Hör' einer an!» rief der Jude achselzuckend aus.

«Wollt Ihr damit sagen, daß Ihr's nicht gekonnt hättet, wenn Ihr gewollt?» fragte Monks unwillig. «Habt Ihr's nicht bei hundert anderen Knaben verstanden? Hättet Ihr höchstens zehn bis zwölf Monate Geduld gehabt, so wär's Euch doch ein leichtes gewesen, zu machen, daß er verurteilt und vielleicht auf Lebenszeit deportiert wurde.»

«Wem würde dabei gewesen sein gedient, mein Lieber?» fragte der Jude im demütigsten Tone.

«Mir!»

«Aber mir nicht», fuhr Fagin fast noch unterwürfiger fort. «Wenn zwei Leute sind beteiligt bei einem Geschäft, so ist's doch nur billig, daß berücksichtigt wird der Vorteil beider.»

«Was weiter?»

«Ich sah, daß es nicht leicht war, ihn zu erziehen zum Geschäft; er hatte nicht denselben Charakter wie andere Knaben.»

«Hol' ihn der Satan, nein! denn er wäre sonst schon längst ein Spitzbube gewesen.»

«Ich hatte kein Mittel in Händen, ihn zu machen schlimmer», fuhr der Jude, angstvoll Monks Mienen beobachtend, fort; «er hatte in nichts die Hand drin; ich konnt' ihm mit gar nichts einjagen Furcht und Schrecken, und wir arbeiten immer vergeblich, wenn das nicht angeht. Was konnt' ich tun? Ihn ausschicken mit dem Baldowerer und Charley? Es geschah, und wir hatten genug an dem einen Male, mein Bester; ich mußte zittern für uns alle.»

«*Das* war meine Schuld nicht», bemerkte der finstere Monks.

«Freilich; nein, o nein, mein Lieber, und ich mache Euch auch keinen Vorwurf deshalb; denn wär's nicht geschehen, so wären Eure Blicke vielleicht nicht gefallen auf den Knaben, und wir hätten vielleicht niemals gemacht die Entdeckung, daß er es war, den Ihr suchtet. Nun gut; ich bracht' ihn wieder in meine Gewalt durch die Nancy, und jetzt fängt sie an und wirft sich auf zu seiner Freundin.»

«Schnürt ihr die Kehle zu!» sagte Monks ungeduldig.

«Geht jetzt eben nicht an, mein Lieber,» versetzte Fagin lächelnd; «und außerdem machen wir in dergleichen keine Geschäfte, sonst wär mir's schon lieb, wenn es geschähe über kurz oder lang. Monks, ich kenne diese Dirne, sobald anfängt der Knabe verhärtet zu werden, wird sie sich nicht kümmern um ihn mehr, als um 'nen Holzblock. Ihr wollt, daß er werden soll ein Dieb; ist er noch am Leben, so kann ich ihn jetzt dazu machen; und wenn -- wenn -- 's ist freilich nicht wahrscheinlich -- aber wenn sich das Schlimmste hat ereignet, und er ist tot --»

«Wenn er's ist, so ist's meine Schuld nicht!» unterbrach ihn Monks mit bestürzter Miene und mit bebender Hand den Juden beim Arme fassend. «Merkt wohl, Fagin! ich habe keine Hand dabei im Spiel gehabt. Ich hab's Euch von Anfang an gesagt, alles -- nur nicht, daß er sterben sollte. Ich mag kein Blut vergießen -- es kommt stets heraus und peinigt einen außerdem! Ist er totgeschossen, so kann ich nichts dafür; hört Ihr, Fagin? -- Was -- ist der Teufel in dieser verwünschten Spelunke los? -- was war das?»

«Was -- in aller Welt?» schrie der Jude, Monks mit beiden Armen umfassend, als derselbe plötzlich im höchsten Schrecken emporsprang. «Was -- wo?»

«Dort!» erwiderte der bebende Monks, nach der Wand gegenüber hinzeigend. «Der Schatten -- ich sah den Schatten eines Frauenzimmers in 'nem Mantel und Hut, wie 'nen Hauch an dem Täfelwerk dahingleiten.»

Der Jude ließ ihn los, und beide stürzten aus dem Zimmer hinaus. Das vom Zugwinde flackernde Licht, das an der Stelle stand, wo es Fagin hingestellt hatte, zeigte ihnen nur die leere Treppe und ihre erbleichten Gesichter. Sie horchten mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, allein die tiefste Stille herrschte im ganzen Hause.

«'s ist nichts gewesen als Eure Einbildung», sagte der Jude, das Licht aufhebend und zu Monks sich wendend.

«Ich will darauf schwören, daß ich's wirklich sah», versetzte Monks, fortwährend heftig zitternd. «Es beugte sich vor, als ich's erblickte, und verschwand, als ich zu Euch davon zu sprechen anfing.»

Der Jude warf ihm einen verächtlichen Blick zu, forderte ihn auf, ihm zu folgen, wenn es ihm beliebe, und ging voran die Treppe hinauf. Sie schauten in alle Gemächer hinein, begaben sich wieder hinunter auf den Hausflur, in die Keller, durchsuchten jeden Winkel, allein vergebens. Es war im ganzen Hause öde und still wie der Tod.

«Was meint Ihr nun, mein Guter?» sagte der Jude, als sie wieder auf dem Hausflur standen. «'s ist im Hause kein lebendiges Wesen außer uns und Toby Crackit und den Knaben, und die sind wohl verwahrt. Schaut!»

Er nahm zwei Schlüssel aus der Tasche und fügte hinzu, daß er, als er zuerst hinuntergegangen, Toby, Dawkins und Charley eingeschlossen habe, um jede Störung des Gesprächs unmöglich zu machen. Monks wurde wankend in seinem Glauben und erklärte endlich, daß ihm seine erhitzte Einbildungskraft einen Streich gespielt haben müsse, wollte die Unterredung jedoch für diesmal nicht fortsetzen, erinnerte sich plötzlich, daß ein Uhr vorüber sei, und das liebenswürdige Freundespaar trennte sich.

27. Kapitel.

In dem die Unhöflichkeit eines früheren Kapitels bestmöglich wieder gutgemacht wird.

Da es der geringen Person eines Schriftstellers schlecht anstehen würde, einen so wichtigen Mann wie einen Kirchspieldiener mit den Rockschößen unter dem Arme am Feuer stehen zu lassen, bis es dem Autor eben beliebte, ihn zu erlösen; und da ihm seine Stellung oder seine Galanterie noch weniger erlaubt, auf ähnliche Weise eine Dame zu vernachlässigen, auf welche besagter Kirchspieldiener ein wohlgeneigtes und zärtliches Auge geworfen und in deren Ohren er süße Worte geflüstert, welche, aus dem Munde eines solchen Mannes kommend, in den Herzenssaiten jeglicher Jungfrau oder Matrone Anklang finden mußten: so eilt der gewissenhafte Erzähler dieser Geschichte, der die gebührende Ehrfurcht vor denjenigen hegt, welche mit hoher und wichtiger Autorität bekleidet sind, ihnen jene Achtung zu zollen, welche ihre Stellung erfordert, und ihnen die ganze pflichtmäßige, rücksichtsvolle Behandlung angedeihen zu lassen, zu welcher ihr hoher Rang und folglich ihre großen Tugenden sie auf das vollkommenste berechtigen. Es war seine Absicht, zu diesem Zwecke hier eine Abhandlung einzufügen, in welcher das göttliche Recht der Kirchspieldiener erörtert und der Satz, daß ein Kirchspieldiener kein Unrecht tun könne, ins Licht gestellt werden sollte, -- eine Abhandlung, die für den verständigen und wohlgesinnten Leser sowohl angenehm wie nützlich hätte werden müssen; allein der Mangel an Zeit und Raum nötigt ihn unglücklicherweise, sie für jetzt noch zurückzustellen. Sobald es indes an Zeit und Raum nicht mehr gebricht, wird er zeigen, daß ein Kirchspieldiener in der wahren und höchsten Potenz -- das will sagen ein solcher, der beim Kirchspielarmenhause angestellt ist und in seiner amtlichen Eigenschaft die Kirchspielkirche besucht -- nach den Rechten und kraft seines Amtes alle Vortrefflichkeiten und mit einem Worte die besten Eigenschaften der menschlichen Natur besitzt, und daß bloße Vereins- oder Kapellen- oder Gerichtsdiener oder Pedelle auf jene Vortrefflichkeiten auch nur die mindesten begründeten Ansprüche keineswegs machen können.

Mr. Bumble hatte wiederholt die Teelöffel gezählt, die Zuckerzange gewogen, den Milchgießer geprüft und sämtliche Mobilien bis auf die Pferdehaarkissen der Stühle einer genauen Besichtigung unterworfen, ehe er daran dachte, daß es nachgerade wohl Zeit wäre, daß Mrs. Corney zurückkehrte. Sie ließ jedoch noch immer nichts von sich weder sehen noch hören, ein Gedanke pflegt einen anderen hervorzurufen, und so dachte Mr. Bumble weiter, daß er sich zum Zeitvertreibe nicht unschuldiger und gottseliger beschäftigen könne, als wenn er seine Neugier durch einen flüchtigen Blick in Mrs. Corneys Kommode befriedigte.

Nachdem er daher an der Tür gehorcht hatte, ob auch niemand in der Nähe wäre, fing er seine Untersuchung bei der untersten Schublade an, und die Kleider aus guten Stoffen, welche er fand, schienen ihm ausnehmend zu gefallen. In der obersten entdeckte er eine verschlossene Büchse, die er schüttelte, und das Geldgeklapper deuchte seinen Ohren gar liebliche Musik. Nachdem er sich eine Zeitlang daran ergötzt hatte, stellte er sich wie zuvor an den Kamin und sagte mit feierlich-ernster Miene: «Ich tu's», schien durch ein schlaues, wohlgefälliges Lächeln hinzufügen zu wollen, was er doch für ein rüstiger, lustiger und pfiffiger alter Knabe sei, und betrachtete endlich mit vielem Vergnügen und Interesse seine Waden im Profil.

Er war noch in sotane, befriedigende Wadenschau vertieft, als Mrs. Corney hastig hereintrat, sich atemlos auf einen Stuhl am Kamin warf, mit der einen Hand die Augen bedeckte, die andere auf das Herz legte und nach Atem rang.

«Mrs. Corney,» sagte Bumble, sich über sie beugend, «was ist Ihnen, Ma'am? Hat sich ein Unglück ereignet? Ich bitte, antworten Sie mir; ich stehe hier auf -- auf --» Mr. Bumble konnte sich in seiner Bestürzung nicht auf das Wort «Kohlen» besinnen, er sagte daher: «wie auf Zuckerzangen».

«Oh, Mr. Bumble,» rief die Dame aus, «ich bin ganz wie zerschlagen!»

«Zerschlagen -- wie?» zürnte Bumble. «Wer hat sich unterfangen -- ah, ich weiß es schon,» fügte er mit angeborener Würde und Feierlichkeit hinzu, «abermals so ein Stück von den spitzbübischen, gottvergessenen Armen!»

«'s ist schrecklich, nur daran zu denken!» sagte die Dame schaudernd.

«So denken Sie nicht daran, Ma'am», sagte Bumble.

«Ich kann's nicht lassen», entgegnete Frau Corney zimperlich.

«So stärken Sie sich durch einen Tropfen Wein», riet der Kirchspieldiener in mitleidigem Tone.

«Nicht um die Welt!» erwiderte Mrs. Corney. «Es wäre mir ganz unmöglich! Geistige Getränke -- nein -- nie -- Ach, ach! auf dem obersten Simse rechter Hand; ach, ach!»

Die gute Frau hatte offenbar heftige Krämpfe und hatte schon die Besinnung verloren, als sie nach dem Eckschranke hinwies. Bumble flog auf denselben zu, fand eine grüne Flasche darin, nahm sie heraus, füllte eine Tasse mit ihrem Inhalt und hielt sie der Dame an die Lippen.

«Mir ist wohler!» sagte Mrs. Corney, nachdem sie die Arznei halb ausgetrunken hatte.

Bumble hob zum Zeichen seiner dankbaren Gefühle die Augen zur Decke empor, senkte sie nieder auf den Rand der Tasse und hielt dieselbe unter seine Nase.

«Pfefferminzwasser», sagte Mrs. Corney mit matter Stimme, aber dem Kirchspieldiener zulächelnd. «Kosten Sie doch einmal -- es ist noch ein wenig sonst was drin.»

Bumble kostete den heilkräftigen Trank, kostete noch einmal mit weiser, prüfender Miene, und stellte die Tasse leer auf den Tisch.

«Es bekommt vortrefflich», bemerkte die Patientin.

Bumble erklärte, derselben Meinung zu sein, setzte sich neben Frau Corney und fragte zärtlich: «Was ist Ihnen aber begegnet, Ma'am?»

«O nichts», erwiderte sie; «ich bin eine recht törichte, erregbare, schwache Frau.»

«Schwach, Ma'am», sagte Bumble, ein wenig näher rückend. «Sind Sie wirklich schwach, Mrs. Corney?»

«Wir sind alle schwache Geschöpfe», versetzte Mrs. Corney, einen allgemeinen Satz aufstellend.

«Sehr wahr», stimmte Bumble ein.

Ein paar Minuten lang schwiegen beide, und nach Ablauf derselben hatte Mr. Bumble den allgemeinen Satz praktisch dadurch erläutert, daß er seinen linken Arm von Mrs. Corneys Stuhllehne entfernt und um ihr Schürzenband gelegt, wo er nunmehr mit sanftem Drucke ruhte.

«Wir sind allesamt schwache Geschöpfe», wiederholte er.

Mrs. Corney seufzte.

«Seufzen Sie doch nicht, Ma'am!»

«Ach! Wenn ich's nur lassen könnte!» Sie seufzte abermals.

«Dies Zimmerchen ist sehr nett und behaglich, Ma'am. Es würde mit noch so einem eine artige Wohnung ausmachen.»

«Es würde zu viel sein für eine einzelne Person», murmelte die Dame.

«Aber nicht für zwei, Ma'am», fiel Bumble schmachtend ein. «Was sagen Sie, Mrs. Corney?»

Mrs. Corney senkte den Kopf bei diesen Worten Mr. Bumbles, und Mr. Bumble senkte den seinigen gleichfalls, um ihr in das Gesicht schauen zu können. Mrs. Corney blickte mit großer Züchtigkeit seitwärts, machte ihre Hand los, um nach ihrem Taschentuche zu greifen, und ließ sie unwillkürlich in die Hand Mr. Bumbles sinken.

«Gibt Ihnen die Direktion nicht freie Feuerung, Mrs. Corney?» fragte der Kirchspieldiener, ihr zärtlich die Hand drückend.

«Und freies Licht», erwiderte Mrs. Corney, den Druck leise erwidernd.

«Feuerung, Licht und Wohnung frei», fuhr Bumble fort. «Oh, Mrs. Corney, welch ein Engel Sie sind!»

Die Dame war gegen einen solchen Gefühlserguß nicht unempfindlich genug, um noch länger widerstehen zu können, sondern sank in die Arme Mr. Bumbles, welcher Gentleman ihr im Sturme seiner Gefühle einen leidenschaftlichen Kuß auf die keusche Nase drückte.

«Oh, Sie Ausbund aller Kirchspielvollkommenheiten!» rief Mr. Bumble ganz verzückt aus. «Sie wissen doch, meine Himmlische, daß Mr. Slout heut' abend viel kränker geworden ist?»

«Ach ja», sagte Mrs. Corney verschämt.

«Der Doktor sagt, daß er keine acht Tage mehr leben könnte», fuhr Bumble fort. «Sein Tod hat die Vakanz des Haushofmeisterpostens zur Folge. Oh, Mrs. Corney, welche Aussichten eröffnen sich da! -- welche Aussichten auf die allerseligste Herzens- und Haushaltsverschmelzung!»

Mrs. Corney schluchzte.

«O meine bezaubernde Mrs. Corney!» sprach Bumble weiter, «das kleine Wörtchen -- nur das kleine, süße Wörtchen!»

«Ja -- a -- a!» hauchte Mrs. Corney.

«Und noch eins -- nur das eine noch -- wann soll es sein?»

Sie versuchte zweimal zu reden, doch vergebens. Endlich faßte sie sich ein Herz, schlang die Arme um Bumbles Nacken und sagte, sobald es ihm nur irgend gefiele, und er wäre ein gar zu lieber und ganz unwiderstehlicher Mann.

Nachdem die Angelegenheit auf diese freundschaftliche und befriedigende Weise geordnet war, wurde der Vertrag durch eine zweite Tasse Pfefferminzwasser feierlich besiegelt, was bei der Erregtheit und Beklemmung der Dame um so notwendiger war; und während die Tasse geleert wurde, erzählte Mrs. Corney ihrem Zukünftigen von dem Tode der alten Frau.

«Schön», bemerkte Bumble, sein Pfefferminzwasser schlürfend. «Ich will auf meinem Rückwege nach Hause bei Sowerberry vorsprechen und die erforderlichen Anordnungen treffen. Was war es denn aber, worüber Sie so ganz außer sich zu sein schienen, meine Liebe?»

«Oh, es war nichts Besonderes, Bester», erwiderte die Dame ausweichend.

«Ei, es muß doch etwas Besonderes gewesen sein. Warum wollen Sie es Ihrem Bumble nicht sagen?»

«Ein anderes Mal -- wenn wir erst verheiratet sind, mein Teuerster.»

«Wenn wir erst verheiratet sind! Es wird sich doch kein Armer eine Unverschämtheit gegen Sie herausgenommen haben?»

«O nein, nein, durchaus nicht!» fiel die Dame hastig ein.

«Wenn ich das auch annehmen müßte,» fuhr der Kirchspieldiener fort, «denken müßte, daß es ein Armer gewagt hätte, seine gemeinen Augen zu dem liebenswürdigen Antlitze zu erheben --»

«Das hätte keiner gewagt -- nimmermehr --»

«Ich wollt's ihnen auch wohl raten!» zürnte Bumble, die Faust schüttelnd. «Ich will den Menschen sehen, arm oder nicht arm, der sich's unterfinge, und kann ihm nur so viel versichern, daß er's nicht zum zweitenmal tun würde.»

Die Worte hätten vielleicht wie eine nicht eben große Schmeichelei gegen die Reize der Dame geklungen, wenn sie nicht durch heftiges Gebärdenspiel verschönt gewesen wären; da jedoch Bumble seine Drohung mit vielen kriegerischen Gestikulationen begleitete, so erblickte Mrs. Corney darin sehr gerührt nur einen Beweis seiner aufopfernden Ergebenheit und versicherte ihm bewundernd und mit großer Wärme, daß er wahrhaftig ein Täubchen wäre.

Mr. Bumble knöpfte den Rock bis unter das Kinn zu, setzte seinen dreieckigen Hut auf, umarmte seine Taube zärtlich und lange und ging, um abermals dem Sturme und der Kälte Trotz zu bieten, nachdem er zuvor bloß noch fünf Minuten im Zimmer der männlichen Armen verweilt und gegen dieselben ein wenig getobt hatte, um zu erproben, ob er der Stelle des Haushofmeisters auch mit der gebührenden Autorität würde vorstehen können. Nachdem er sich von seiner Befähigung überzeugt, verließ er das Haus mit einem leichten, fröhlichen Herzen und glänzenden Vorausahnungen seiner bevorstehenden Beförderung.

Mr. und Mrs. Sowerberry befanden sich in einer Abendgesellschaft, und da Noah Claypole zu keiner Zeit geneigt war, sich einem größeren Maße physischer Anstrengung zu unterziehen, als durch eine gemächliche Betätigung der Funktionen des Essens und Trinkens erfordert wird, so war der Laden noch nicht verschlossen, obgleich die Stunde längst vorüber war, zu welcher es hätte geschehen sollen. Bumble klopfte mehreremal mit seinem Rohre auf den Ladentisch; allein da niemand erschien, und da er durch das Glasfenster des kleinen Zimmers hinter dem Laden Licht schimmern sah, so trat er näher, um nachzusehen, was in dem Zimmerchen vorginge, und war nicht wenig erstaunt, zu sehen, was er sah.

Der Tisch war gedeckt, und auf ihm standen Brot und Butter, Teller und Gläser, ein Krug mit Porter und eine Weinflasche. Noah Claypole ruhte in nachlässigster Stellung in einem Sessel und hatte ein mächtiges Butterbrot in der Hand. Dicht neben ihm stand Charlotte und öffnete Austern, welche Noah sich herabließ, mit großem Behagen zu verschlingen. Eine mehr als gewöhnliche Röte in der Gegend der Nase des jungen Herrn und ein gewisses Blinzeln seines rechten Auges verkündigten, daß er ein wenig angetrunken war, und die besagten Symptome erhielten noch eine Verdeutlichung durch seine augenscheinliche Begier nach den Austern, die er offenbar hauptsächlich wegen ihrer kühlenden Eigenschaften bei innerlicher Glut genoß.

«Da ist 'ne prächtige, fette, Noah!» sagte Charlotte. «Die mußt du probieren.»

«Wie wundervoll doch Austern schmecken!» bemerkte Noah; «und wie schade ist's, daß man sich immer unbehaglich fühlt, wenn man sie in einiger Menge genossen hat.»

«'s ist wirklich grausam und unrecht», sagte Charlotte. «Hier ist wieder 'ne ganz herrliche.»

«Tut mir leid, ich kann nicht mehr. Komm her, Charlotte, daß ich dich küsse», sagte Noah.

«Wie -- was?» schrie Bumble, hineinstürzend. «Sag das noch einmal, Bursch!»

Charlotte stieß einen Schrei aus und verbarg ihr Gesicht hinter der Schürze, während Noah, ohne seine Lage zu verändern, den Kirchspieldiener mit dem Starrblicke der Trunkenheit angaffte.

«Sag' das noch einmal, du schändlicher, schamloser Schlingel!» fuhr Bumble fort. «Wie kannst du es wagen, von Küssen zu sprechen? Und Sie, freches Weibsbild, wie unterstehen Sie sich, ihn dazu aufzumuntern? Küssen! Pfui!» rief er in starker und gerechter Entrüstung aus.

«Ich wollt' es gar nicht!» sagte Noah bestürzt und flehend. «Sie küßt mich immer, ich mag es haben wollen oder nicht.»

«O Noah!» rief Charlotte mit einem Blicke des Vorwurfs.

«Ja, es ist wahr,» sprudelte Noah, «du tust's immer. Mr. Bumble, sie läßt's und läßt's nicht und klopft mich immer unter das Kinn und flattiert mir auf alle ersinnliche Weise.»

«Schweig!» donnerte Bumble. «Sie packen sich sogleich hinaus, und du, Musjö Noah, verschließt den Laden und sprichst, bis dein Herr nach Hause kommt, kein Wort mehr, auf deine eigene Gefahr; und wenn er nach Hause kommt, so sag ihm, ich ließe ihm sagen, er möchte morgen früh nach dem Frühstück 'nen Sarg für 'ne alte Frau schicken. Hörst du? -- Küssen! Die Sündhaftigkeit und Gottlosigkeit der geringeren Klasse in diesem Kirchspielbezirke hat eine schreckliche Höhe erreicht, und zieht das Parlament ihre Verdorbenheit nicht in Betracht, so ist das Land zugrunde gerichtet und die Sittlichkeit des Volkes für immer zum Henker!»

Mit diesen Worten schritt er majestätisch und düster hinaus; und da wir ihn nun so weit auf seinem Heimwege begleitet und alle nötigen Anordnungen zum Begräbnisse der alten Frau getroffen haben, wollen wir uns nach Oliver Twist umsehen und unsere Wißbegier befriedigen, ob er noch in dem Graben liegt, in welchem Bill Sikes und Toby Crackit ihn haben liegen lassen.

28. Kapitel.

Was Oliver nach dem mißlungenen Einbruche begegnete.

«Daß euch die Wölfe zerrissen!» murmelte Sikes zähneknirschend. «Wollte, daß ich einem von euch nahe genug wäre, er sollte mir erst Ursache zum Heulen bekommen!»

Indem Sikes mit dem wütendsten Ingrimme, dessen er fähig war, diese Worte vor sich hin sprach, legte er den verwundeten Knaben über sein niedergebeugtes Knie und sah sich nach seinen Verfolgern um. Er vermochte in dem Nebel und der Finsternis nichts zu unterscheiden, allein desto heller und lauter tönte das Rufen und Schreien der Nachsetzenden, das Gebell der Hunde rings umher und der Schall der Lärmglocke durch die Nacht.

«Steh, feiger Schuft!» schrie Sikes Toby Crackit nach, der den eilfertigsten Gebrauch von seinen langen Beinen zu machen angefangen hatte, und schon eine Strecke voraus war. «Steh' augenblicklich!»

Toby gehorchte, da er noch nicht vollkommen gewiß war, außer Schußweite zu sein, und deutlich erkannte, daß Sikes nicht in der Stimmung wäre, mit sich scherzen zu lassen.

«Hilf mir den Knaben forttragen», tobte der Wütende. «Komm zurück -- hierher!»

Toby kehrte langsam einige Schritte zurück, wagte indes leise und atemlos einige bescheidene Gegenvorstellungen.

«Geschwinder!» schrie Sikes, legte den Knaben in einen trockenen Graben und zog eine Pistole hervor. «Hab' mich ja nicht zum Narren!»

Gerade in diesem Augenblick verdoppelte sich der Lärm, und Sikes konnte erkennen, daß die Verfolger bereits über die Umzäunung des Feldes kletterten, auf welchem er sich mit Toby und Oliver befand, und daß ihnen ein paar Hunde mehrere Schritte voraus waren.

«'s ist nichts mehr zu machen, Bill», sagte Toby; «laßt den Schreiling[AM] und nehmt die Bein' untern Arm!»

[AM] Knabe.

Er mochte sich lieber der Möglichkeit aussetzen, von dem Freunde niedergeschossen zu werden, als unfehlbar dem Feinde in die Hände zu fallen, und rannte daher, so schnell ihn seine Füße tragen wollten, davon. Sikes biß die Zähne zusammen, warf einen Tuchkragen über den Knaben, lief an der nächsten Hecke hin, um die Verfolger zu täuschen, stand vor einer zweiten still, die mit jener in einem rechten Winkel zusammenstieß, schleuderte seine Pistole hoch in die Luft, wagte einen verzweifelten Sprung und rannte in einer anderen Richtung als Toby fort.

Seine Eile war unnötig, denn während er über Stock und Block davoneilte, rief schon einer der drei Nachsetzenden die Hunde zurück, die gleich ihren Herren kein großes Behagen an der Verfolgung zu finden schienen und daher augenblicklich gehorchten. Das Kleeblatt war nur wenige Schritte weit auf das Feld vorgedrungen und stand still, um zu beraten.

«Mein Rat, oder wenigstens mein Befehl ist der,» sagte der dickste der drei Männer, «daß wir auf der Stelle umkehren und wieder nach Hause gehen.»

«Mir ist alles recht, was Mr. Giles recht ist», fiel ein kleinerer Mann ein, der indes auch keineswegs schmächtig genannt werden konnte und sehr blaß und sehr höflich war, wie es die Leute häufig sind, wenn die Furcht sie beherrscht.

«Meine Herren,» nahm der dritte das Wort, der die Hunde zurückgerufen hatte, «ich möchte nicht gern ungezogen erscheinen. Mr. Giles muß es am besten wissen.»