Oliver Twist

Part 12

Chapter 123,805 wordsPublic domain

«Steh auf!» flüsterte Sikes und zog bebend vor Wut die Pistole aus der Tasche; «steh auf, oder ich schieße dir den Brägen aus'm Kopfe 'raus!»

«Oh, um Gottes willen, lassen Sie mich gehen!» rief Oliver; «lassen Sie mich fortlaufen und hinter dem Zaune sterben. Ich will nie wieder nach London kommen -- nie, nie; haben Sie Barmherzigkeit mit mir und zwingen Sie mich nicht, zu stehlen. Um der Liebe der Engel willen, die im Himmel wohnen, haben Sie Erbarmen mit mir!»

Sikes stieß einen fürchterlichen Fluch aus und spannte den Hahn, Toby schob indes seine Hand zur Seite, hielt Oliver den Mund zu und zog ihn fort nach dem Hause.

«Pst!» flüsterte er; «das ist hier nichts. Ist's nicht anders und soll's sein, so sprich ein Wort, und ich schlag' ihn auf den Kopf, was ebensogut ist und kein Geräusch macht. Hierher, Bill, brich den Fensterladen auf. Ich stehe dafür, er hat jetzt Courage genug. Ich hab's g'sehn, daß ältere als er in 'ner kalten Nacht 's Kanonenfieber auf 'ne Minute oder so was g'habt haben.»

Sikes murmelte Verwünschungen gegen Fagin, ihm Oliver zu einem solchen Unternehmen geschickt zu haben, setzte das Brecheisen an, und nach kurzer Zeit war der Fensterladen geöffnet. Das kleine Gitterfenster war fünf bis sechs Fuß über der Erde im Hinterhause und gehörte zu einem kleinen, zum Waschen oder Brauen bestimmten Gemach am unteren Ende des Hausflurs. Das Gitter war gleichfalls bald durchbrochen.

«Jetzt hör' und merk, du kleiner Teufelsbraten!» flüsterte Sikes, zog eine Blendlaterne aus der Tasche und hielt sie Oliver gerade vor das Gesicht. «Ich stecke dich durch dies Fenster hier. Nimm diese Laterne, geh leise die Stufen gerade vor dir 'nauf über den Flur nach der Haustür, mach' sie auf und laß uns ein. -- Ist die Waschhaustür offen, Toby?»

Toby antwortete, nachdem er hineingesehen hatte: «Sie steht weit offen, und sie lassen sie immer offen, daß der Hund, der hier sein Lager hat, im Hause 'rumspazieren kann. Ha, ha, ha! Wie hübsch ihn Barney gestern abend weggelockt hat!»

So leise Crackit gesprochen und gekichert hatte, befahl ihm doch Sikes in gebieterischem Tone, still zu schweigen und an das Werk zu gehen. Er setzte die Laterne auf die Erde, stellte sich unter das Fenster, die Hände auf die Knie gestützt, mit dem Kopfe gegen die Wand, Sikes stieg auf den Rücken Tobys und hob Oliver durch das Fenster in das Haus hinein.

«Nimm die Leuchte», flüsterte er ihm zu. «Siehst du die Stufen da vor dir?»

Oliver keuchte, mehr tot als lebendig, ein mattes «Ja». Sikes wies mit der Pistole nach der Haustür hin und erinnerte ihn, daß er ihn bis zur Haustür fortwährend in Schußweite hätte und ihn niederschießen würde, wenn er sich verweilte oder auch nur einen Schritt zur Seite ginge.

«'s ist in 'ner Minute geschehen», flüsterte er Oliver zu. «Sobald ich dich loslasse, tu, was dir geheißen ist. Pst!»

«Was ist denn?» fragte Toby.

Sie horchten.

«Nichts», sagte Sikes und ließ Oliver los. «Jetzt vorwärts!»

Der Knabe hatte sich indes wieder einigermaßen gesammelt und den raschen und festen Entschluß gefaßt, wenn es auch sein Tod wäre, den Versuch zu machen, auf dem Hausflur zur Seite zu springen und Lärm zu machen. Von diesem Gedanken erfüllt, ging er bebend vorwärts.

«Komm zurück!» schrie Sikes plötzlich laut; «zurück, zurück!»

Erschreckt durch die plötzliche Unterbrechung der Totenstille und ein lautes Geschrei, ließ Oliver die Laterne fallen und stand still, ohne zu wissen, ob er vorwärts gehen oder entfliehen sollte. Das Geschrei wiederholte sich, es zeigte sich ein Licht -- es war ihm, als sähe er bestürzte, halb angekleidete Männer an der Tür -- es schwamm ihm vor den Augen -- ein Gewehr blitzte auf -- ein Donner traf sein Ohr -- er taumelte zurück. Sikes faßte ihn sogleich beim Kragen, feuerte nach den zurückweichenden Männern und zog ihn durch das Fenster.

«Drück den Arm dichter an den Leib», flüsterte er, während er ihn durchzog. «Toby, ein Tuch! Sie haben ihn getroffen. Geschwind! Höll' und Teufel, wie der Bursch blutet!»

Oliver war sich dunkel bewußt, daß der Lärm im Hause immer mehr zunahm und daß er rasch fortgetragen wurde. Das Geräusch verlor sich in der Ferne, die Sinne entschwanden ihm gänzlich, es war ihm, als wenn eine kalte Hand sein Herz umfaßte, es schlug, und er sah und hörte nichts mehr.

23. Kapitel.

Welches das Wesentliche einer anmutigen Unterredung zwischen Mr. Bumble und einer Dame enthält und zugleich dartut, daß sogar ein Kirchspieldiener in einigen Punkten empfänglich sein kann.

Der Abend war bitter kalt, und ein heftiger, schneidender Wind trieb dichte Schneewirbel durch die Luft. Es war ein Abend für die Wohlbehäbigen, beim lustigen, prasselnden Feuer Gott zu danken, daß sie daheim waren, und für die heimatlosen Elenden und Hungrigen, sich niederzulegen und zu sterben. Ach! viele solcher Auswürflinge der Gesellschaft schließen zu solchen Stunden die Augen auf unseren öden, verlassenen Straßen, und sie können dieselben, was auch ihr Verbrechen gewesen sein mag, kaum in einer schlimmeren Welt wieder öffnen.

So sah es draußen aus, als Mrs. Corney, die Vorsteherin des Armenhauses, in welchem Oliver Twist das Licht der Welt erblickt hatte, sich in ihrem kleinen Zimmer an ihren behaglichen Kamin setzte und wohlgefällig ihren kleinen runden Teetisch überblickte, und als sie gar von dem Tische nach der Feuerstelle hinsah, wo der denkbar kleinste aller Kessel ein leises Lied mit leiser Stimme sang, wuchs augenscheinlich ihre innere Befriedigung, und zwar in einem solchen Grade, daß Mrs. Corney lächelte.

«Ja,» sagte sie, indem sie ihren Arm auf den Tisch stützte und sinnend ins Feuer blickte, «ich bin überzeugt, wir haben alle volle Ursache, dankbar zu sein. Volle Ursache, wenn wir es nur anerkennen wollten.»

Sie schüttelte betrübt den Kopf, als wenn sie die geistige Blindheit der Armen beklagte, die es nicht erkannten, und fing an, ihren Tee zu bereiten, indem sie mit ihrem silbernen Löffel (Privateigentum!) tief in eine zinnerne Teebüchse fuhr.

Wie geringe Dinge das Gleichgewicht unserer schwachen Gemüter stören können! Der schwarze Teetopf war sehr klein und leicht gefüllt, das Wasser lief über und verbrannte ein wenig ihre Hand.

«Oh, über den verwünschten Topf!» sagte sie, ihn hastig aus der Hand setzend. «Das kleine dumme Ding hält nur ein paar Tassen. Wem ist er nütze -- ausgenommen einer armen, einsamen, verlassenen Frau, wie ich es bin! Ach, ach!»

Bei diesen Worten sank die würdige Dame auf ihren Stuhl und dachte, abermals den Arm auf den Tisch gestützt, über ihr Geschick nach. Der kleine Topf und die einzelne Tasse hatten traurige Erinnerungen an Mr. Corney (der noch nicht länger als fünfundzwanzig Jahre tot war) erweckt. Sie war davon ganz überwältigt.

«Ich bekomme niemals einen anderen,» sagte sie kummervoll und mißmutig; «bekomme niemals einen anderen -- wie ihn!»

Wir können nicht entscheiden, ob sich dieser Stoßseufzer auf ihren Seligen oder den Teetopf bezog, auf welchen zum wenigsten ihre Blicke gerichtet waren, und der also auch gemeint sein konnte. Sie hatte kaum die erste Tasse gekostet, als leise geklopft wurde.

«Herein!» rief Mrs. Corney ärgerlich. «Sicher will eins der alten Weiber sterben. Sie sterben immer, wenn ich bei Tisch sitze oder meine Tasse Tee trinke. Bleiben Sie nicht da draußen stehen; Sie lassen sonst die kalte Zugluft herein. Was ist denn schon wieder los?»

«Nichts, Ma'am, nichts», antwortete eine Männerstimme.

«Himmel! sind Sie es wirklich, Mr. Bumble?» rief die Dame jetzt weit freundlicher aus.

«Zu Diensten, Ma'am», erwiderte Bumble, der draußen stehengeblieben war, um seine Schuhe zu reinigen und den Schnee von seinem Hute zu schütteln, und der jetzt eintrat, in der einen Hand seinen dreieckigen Hut und in der anderen ein Bündel. «Darf ich die Tür schließen, Ma'am?»

Mrs. Corney zögerte verschämt, zu antworten, weil es als eine Ungeschicklichkeit angesehen werden konnte, wenn sie mit Mr. Bumble bei geschlossener Tür eine Unterredung unter vier Augen hätte, und Bumble benutzte die Zögerung, um die Tür ohne erhaltene Erlaubnis zu schließen.

«Schlechtes Wetter, Mr. Bumble», bemerkte die Matrone.

«Ja, ja, Ma'am,» sagte Bumble, «schlechte Witterung für das Kirchspiel. Wir haben heute nachmittag zwanzig Brote und anderthalb Käse weggegeben, und das Armenpack ist doch nicht zufrieden. Da ist ein Mann, der in Anbetracht seiner Frau und einer zahlreichen Familie ein großes Brot und ein ganzes Pfund Käse erhielt, und bedankte er sich, bedankte er sich wohl? Prosit die Mahlzeit! Er bettelte obendrein um Kohlen, und wenn's auch nur ein Taschentuch voll wäre, sagte er. Und was wollte er mit den Kohlen? Seine Käse darüber rösten und dann wiederkommen und um noch mehr betteln! So machen sie's, Ma'am -- so machen sie's alle. Geben Sie ihnen eine Schürze voll Kohlen, und sie werden übermorgen wiederkommen und eine neue haben wollen -- die Frechdachse! Vorgestern kam ein Mann, der kaum einen Fetzen auf seinem Leibe hatte (hier schlug Mrs. Corney verschämt die Augen nieder) -- Sie sind verheiratet gewesen, Ma'am, und so kann ich's wohl sagen -- in des Direktors Haus, als der Herr gerade eine Mittagsgesellschaft hatte, und bat um Unterstützung. Da er nicht fortgehen wollte und die Gesellschaft belästigte, ließ ihm der Direktor ein Pfund Kartoffeln und ein Maß Hafermehl reichen. >Mein Gott,< sagte der undankbare Bösewicht, >was soll ich damit? Sie könnten mir ebensogut 'ne eiserne Brille geben.< -- >Sehr wohl,< erwiderte ihm der Direktor, die Spende wieder an sich nehmend. >Ihr werdet hier sonst nichts bekommen.< -- >Dann sterb' ich auf der offenen Straße<, sagte der Landstreicher. >Das werdet Ihr wohl bleiben lassen<, sagte der Direktor. Der Bettler ging und starb auf der Straße. Was sagen Sie zu 'nem solchen Eigensinne, Mrs. Corney?»

«Es übersteigt alle Begriffe», versetzte die Dame. «Aber halten Sie als ein Mann von Erfahrung die Unterstützungen außerhalb des Armenhauses nicht für sehr nachteilig, Mr. Bumble?»

«Mrs. Corney,» erwiderte der Kirchspieldiener mit dem Lächeln bewußter Überlegenheit, «es ruht vielmehr in ihnen des Kirchspiels Schutz und Sicherheit. Ihr großes Prinzipium ist, den Armen just das zu geben, dessen sie nicht bedürfen; sie werden es dann überdrüssig, wiederzukommen. Deshalb, Mrs. Corney, ist in den impertinenten Zeitungen so oft die Rede davon, daß arme Kranke mit Käse unterstützt würden, was jetzt im ganzen Lande die Regel ist. Dies sind jedoch Dienstgeheimnisse, wovon zu reden jedermann verboten sein sollte, ausgenommen uns Kirchspielbeamten. Mrs. Corney,» fügte Bumble, sein Bündel öffnend, hinzu, «dies ist echter Portwein von bester Qualität, den das Kollegium für die Kranken abzuziehen befohlen hat.»

Er stellte die beiden mitgebrachten Flaschen auf die Kommode, steckte sein Tuch bedächtig in die Tasche und schickte sich zum Fortgehen an. Die mitleidige Dame bemerkte, es wäre recht kaltes Wetter, und fragte ihn schüchtern, ob ihm nicht beliebe, ein Schälchen Tee anzunehmen. Er legte sogleich den Hut wieder aus der Hand, nahm an dem kleinen, runden Tische Platz, lächelte und blickte Mrs. Corney so zärtlich an, daß sie verlegen wegsehen und den Teekessel anblicken mußte. Sie schenkte ihm ein, er breitete sein Taschentuch über die Knie und fing an zu trinken und zu essen, seinen Genuß von Zeit zu Zeit mit einem tiefen Seufzer begleitend, was jedoch seinem Appetit keineswegs schadete, sondern denselben vielmehr zu stärken schien.

«Ich sehe, Ma'am,» sagte er nach ziemlich geraumer Zeit, «Sie haben eine Katze und auch kleine Kätzchen.»

«Sie glauben gar nicht, wie lieb ich sie habe, und wie vergnügt und lustig sie bei mir sind, Mr. Bumble.»

«Mrs. Corney, ich muß sagen: jede Katze, die bei Ihnen und täglich um Sie wäre und Sie nicht lieb hätte, müßte ein Esel sein.»

«Ah, Mr. Bumble!»

«Es ist die Wahrheit, und ich würde sie mit Vergnügen ersäufen.»

«Mr. Bumble, was Sie für ein hartherziger Mann sind!»

«Ein hartherziger Mann?» wiederholte Bumble mit einem zärtlichen Seufzer, ergriff und drückte Mrs. Corneys kleinen Finger, rückte ein wenig um den Tisch herum und rückte immer näher, bis sein Stuhl dicht neben dem Stuhle Mrs. Corneys stand, die nicht fortrücken konnte, weil sie sonst dem Kamin zu nahe gekommen sein würde, was zwischen den beiden Feuern die noch gefährlichere Nähe war. Rechts konnten ihre Kleider Feuer fangen, links nur ihr Herz; rechts konnte sie auf den Rost, links nur in Mr. Bumbles Arme fallen. Sie war eine kluge und umsichtige Frau, berechnete ohne Zweifel die möglichen Folgen, blieb ganz still sitzen und schenkte Mr. Bumble noch eine Tasse Tee ein.

«Ein hartherziger Mann, Mrs. Corney?» sagte Bumble, seinen Tee umrührend und ihr in das Angesicht schauend; «sind Sie eine hartherzige Frau?»

«Mein Gott! Was für eine Frage für einen unverheirateten Mann!» rief die Matrone aus. «Was wollen Sie damit sagen, Mr. Bumble?»

Bumble trank bis auf den letzten Tropfen aus, verspeiste eine geröstete Butterschnitte, entfernte die Krumen von seinen Knien, wischte sich die Lippen und küßte die Matrone bedächtig.

«Mr. Bumble!» rief die keusche Dame flüsternd; denn ihr Schrecken war so groß, daß ihr die Stimme fast versagte: «Mr. Bumble, ich werde schreien!»

Bumble sagte gar nichts, sondern legte langsam und mit Würde den Arm um ihren Leib. Da sie die Absicht, schreien zu wollen, bereits angekündigt hatte, so würde sie bei dieser neuen Keckheit natürlich geschrien haben; allein es wurde unnötig, indem hastig an die Tür geklopft wurde, worauf Bumble ebenso eilig aufsprang und mit großer Vehemenz die Portweinflaschen abzustäuben anfing. Mrs. Corney rief: «Herein!» Eine alte Frau steckte den Kopf in das Zimmer und verkündete, daß die alte Sarah im Sterben läge.

«Was geht es mich an!» entgegnete Mrs. Corney verdrießlich. «Kann ich sie am Leben erhalten?»

«Das kann freilich niemand, Ma'am; ihr ist nicht mehr zu helfen. Ich habe viel Kranke sterben sehen, kleine Kinder wie Männer in ihren besten Jahren, und weiß es auf ein Haar, wann der Tod im Anzuge ist. Jedoch ist sie unruhig in ihrem Geist und sagt, daß sie Ihnen noch etwas Notwendiges anzuvertrauen hätte. Sie könnte nicht ruhig sterben, eh' Sie nicht bei ihr gewesen wären, Ma'am.»

Die würdige Matrone murmelte eine beträchtliche Anzahl von Verwünschungen gegen die alten Frauen, die niemals sterben könnten, ohne absichtlich ihre Vorgesetzten zu belästigen, hüllte sich in einen wärmenden Mantel, bat Bumble, zu bleiben, bis sie wieder da wäre, und entfernte sich verdrießlich und keifend mit der an sie abgeschickten alten Frau.

Was Mr. Bumble tat, als er sich allein sah, war etwas unerklärlich. Er öffnete nämlich den Schrank, zählte die Teelöffel, wog die Zuckerzange, prüfte einen Milchgießer, ob er auch von echtem Silber wäre, setzte, nachdem er seine Wißbegier befriedigt, den dreieckigen Hut auf und fing an, sehr gravitätisch im Zimmer umherzutanzen, nahm darauf den Hut wieder ab, setzte sich an den Kamin, blickte umher und nahm offenbar im Geist ein Inventar über die im Zimmer befindlichen Mobilien auf.

24. Kapitel.

Welches sehr kurz ist, aber doch für wichtig befunden werden könnte.

Die Alte, welche die Ruhe des Zimmers Mrs. Corneys gestört hatte, war keine unpassende Todesbotin. Die Jahre hatten ihren Leib gekrümmt, alle ihre Glieder zitterten, denn sie war vom Schlage gerührt worden, und ihr runzliges, entstelltes Antlitz glich mehr einer grotesk-phantastischen Zeichnung als einem Werke aus den Händen der Natur.

Ach! wie wenige alte Gesichter gibt es, die uns durch ihre Schönheit erfreuen! Angst, Sorgen und Kümmernisse der Welt verwandeln das menschliche Antlitz, wie sie die Herzen umwandeln, und erst wenn jene schlummern und für immer vorüber sind, schwinden die unruhig bewegten Wolken und verhüllen und verdunkeln den hellen Himmel nicht mehr. Es ist sehr häufig bei den Gesichtern der Toten der Fall, daß sie selbst in ihrer Erstarrung den längst vergessenen Ausdruck schlummernder Kinder wieder annehmen und die Züge der Kinderjahre wieder bekommen, so ruhig und friedlich wieder werden, daß diejenigen, die sie in ihrer Kindheit gekannt, mit Ehrfurchtsschauern an ihren Särgen niederknien und den Engel schon auf Erden schauen.

Die Alte humpelte ihrer keifenden Vorgesetzten voran, blieb endlich keuchend stehen, um Atem zu schöpfen, und Mrs. Corney nahm ihr das Licht aus der Hand und ging allein in das Zimmer der Sterbenden, in welchem eine Lampe düster brannte. Am Krankenbette saß eine andere alte Frau, und am Kamine stand der Lehrling des Apothekers und Doktors und schnitt einen Zahnstocher aus einem Federkiel.

«Ein kalter Abend, Mrs. Corney», bemerkte der junge Herr, als die Dame eintrat.

«Sehr kalt, in der Tat, Sir», erwiderte die Vorsteherin im höflichsten Tone.

«Sie sollten bessere Kohlen von Ihren Lieferanten verlangen», sagte der Apothekerlehrling; «diese hier taugen absolut nichts für ein so kaltes Wetter.»

«Das ist Sache des Kollegiums, Sir», erwiderte die Dame.

Hier wurde das Gespräch durch das Stöhnen der Kranken unterbrochen.

«Oh,» sagte der junge Mann, indem er sein Gesicht dem Bette zugewandt, «mit der ist's vorbei.»

«Wirklich?» fragte die Matrone.

«Ich würde mich darüber wundern, wenn sie noch eine Stunde lebte. Heda, schläft sie, Alte?»

Die Wärterin nickte. Der Lehrling machte Gebrauch von seinem Zahnstocher, während sich Mrs. Corney stumm an das Bett setzte, und schlich nach einigen Minuten auf den Zehen hinaus. Gleich darauf erschien auch die Wärterin wieder, die Mrs. Corney gerufen hatte, winkte der anderen, und beide setzten sich an den Kamin und fingen leise miteinander zu sprechen an.

«Hat sie noch mehr gesagt, Anny, wie ich fort war?»

«Kein Sterbenswörtchen.»

«Hat sie den gewärmten Wein getrunken, den ihr der Doktor verordnete?»

«Sie konnte keinen Tropfen hinunterbringen; ich trank ihn daher selbst aus, und er hat mir sehr gut geschmeckt.»

«Ich weiß die Zeit noch sehr wohl, da sie's ebenso gemacht und hinterher weidlich darüber gelacht hat.»

«Freilich; sie war 'ne lustige alte Seele, hat manch liebe Leiche angekleidet und so hübsch ausstaffiert wie 'ne Wachspuppe. Ich hab' ihr mehr als hundertmal dabei geholfen.»

Mrs. Corney hatte ungeduldig auf das Erwachen der Schlummernden gewartet, stand auf, trat zu den beiden alten Megären und fragte ärgerlich, wie lange sie denn eigentlich warten sollte.

«Nicht lange mehr, Mistreß. Wir brauchen nicht lange auf den Tod zu warten. Geduld, Geduld! er wird uns allen bald genug kommen.»

«Halten Sie den Mund und sagen Sie mir, Martha, hat die Patientin früher auch schon so gelegen?»

«Oft genug.»

«Wird's aber nicht wieder tun», fiel die andere Wärterin ein; «ich meine, sie wird nur noch einmal wieder aufwachen, und wohl zu merken, Mrs. Corney, nur auf eine kurze Zeit.»

«Ob sie auf eine lange oder kurze Zeit erwacht, sie wird mich nicht hier finden. Ihr alle beide, belästigt mich nicht noch einmal um nichts und wieder nichts, sonst geht's euch schlecht. Ich habe durchaus nicht die Verpflichtung, alle alten Weiber im Hause sterben zu sehen, und was noch mehr sagen will, ich mag's und will's nicht. Merkt euch das, ihr unverschämten alten Schlumpen! Habt ihr mich noch einmal zur Närrin, so nehmt euch in acht, das sag' ich euch.»

Sie ging hinaus, als ein Schrei der beiden Wärterinnen, die wieder an das Bett getreten waren, sie zum Stillstehen brachte. Die Kranke hatte sich kerzengerade emporgerichtet und streckte die Arme nach ihnen aus. «Wer ist da?» rief sie mit hohler Stimme.

«Pst, pst! Legen Sie sich nieder», sagte eine der Wärterinnen.

«Ich lege mich lebendig nimmermehr, nimmermehr wieder nieder», rief die Patientin. «Ich will mit ihr sprechen. Kommen Sie, Mrs. Corney, daß ich Ihnen ins Ohr flüstern kann.»

Sie faßte die Vorsteherin beim Arme und drückte sie auf einen Stuhl, der neben dem Bette stand, nieder und war im Begriff, zu sprechen, als sie bemerkte, daß die beiden Wärterinnen so nahe wie möglich herangetreten waren, um zu horchen, und sagte mit matter Stimme: «Schicken Sie sie hinaus -- geschwind, o geschwind!»

Mrs. Corney befahl ihnen, hinauszugehen, und die Sterbende fuhr fort: «Hören Sie mich nun an! In diesem selbigen Zimmer -- diesem selbigen Bette lag einst eine hübsche, junge Frau. Sie ward mit blutenden Füßen, staub- und schmutzbedeckt ins Haus gebracht, wurde von einem Knaben entbunden und starb. Ich war ihre Wärterin. Ich will mich besinnen -- in welchem Jahre war es doch?»

«Auf das Jahr kommt's nicht an», unterbrach Mrs. Corney ungeduldig. «Was haben Sie mir von ihr zu sagen?»

«Was ich von ihr zu sagen habe -- oh, ich weiß es wohl», murmelte die Sterbende, richtete sich plötzlich mit gerötetem Gesicht und vorspringenden Augen wieder empor und schrie fast: «Ich bestahl sie! Sie war noch nicht kalt -- noch nicht kalt -- als ich's tat.»

«Sie bestahlen sie? -- Um Gottes willen, was nahmen Sie ihr?»

«Es -- das einzige, was sie hatte. Sie bedurfte Kleider, um sich vor der Kälte zu schützen, und Speise, um nicht Hungers zu sterben, hatte es aber trotzdem aufbewahrt, trug es im Busen; und es war von Gold, und sie hätte sich damit vom Tode erretten können.»

«Gold! -- Weiter, weiter, Frau. Wer war die Mutter -- wann starb sie?»

«Sie gab mir den Auftrag, es aufzubewahren, und vertraute mir als der einzigen Frau, die um sie war. Ich stahl es ihr schon in Gedanken, als sie's mir zeigte; und vielleicht bin ich auch am Tode des Kindes schuld! Man würde den Knaben besser behandelt haben, wenn man alles gewußt hätte.»

«Alles gewußt! -- Sprechen Sie, sprechen Sie!»

«Der Knabe ward seiner Mutter so ähnlich, daß ich immer an sie denken mußte, wenn ich ihn sah. Ach, die Ärmste! -- und sie war so jung -- und so sanft und geduldig! Ich muß Ihnen aber noch mehr sagen -- noch viel mehr; -- hab' ich's Ihnen noch nicht alles gesagt?»

«Nein, nein, nein -- nur schnell -- oder es wird zu spät werden!»

«Als die Mutter ihren Tod herannahen fühlte, flüsterte sie mir ins Ohr, wenn das Kind am Leben bliebe, so würde der Tag erscheinen, wo es sich beim Nennen des Namens seiner Mutter nicht beschimpft achten, und Freunde finden --»

«Wie wurde das Kind getauft?»

«Oliver. Das Gold, das ich stahl -- war --»

«Was, ums Himmels willen, was war es?»

Frau Corney beugte sich in höchster Spannung über die Sterbende, die noch ein paar unverständliche Worte murmelte und leblos auf das Kissen zurücksank. --

«Mausetot!» bemerkte eine der Wärterinnen, als Frau Corney die Tür wieder geöffnet hatte.

«Und hatte gar nichts zu erzählen», sagte Frau Corney und entfernte sich, als wenn nur etwas ganz Gewöhnliches vorgegangen wäre.

25. Kapitel.

Worin die Erzählung wieder zu Fagin und Konsorten zurückkehrt.

Während sich die erzählten Ereignisse im Armenhause zutrugen, kauerte Fagin brütend an einem matten, rauchigen Feuer in seiner alten Höhle -- derselben, aus welcher Oliver von Nancy entfernt worden war. Er hielt einen Blasebalg auf seinen Knien, mit dem er sich augenscheinlich bemühte, das Feuer zu hellerer Flamme anzufachen. Aber er war in tiefe Gedanken versunken und blickte unverwandt, die Ellbogen auf den Blasebalg gestützt und das Kinn auf seinen Daumen ruhen lassend, auf das rostige Gitter.

An einem Tische hinter ihm saßen der gepfefferte Baldowerer, Charley Bates und Tom Chitling bei einer Partie Whist. Der Baldowerer spielte mit dem Strohmanne und gewann fortwährend, die Karten mochten fallen, wie sie wollten. Chitling zahlte, sprach seine Verwunderung über Dawkins' stets glückliches Spiel aus und erklärte, daß nicht gegen ihn «anzukommen» sei. Charley Bates lachte ausgelassen, und Fagin blickte auf und bemerkte, Tom müsse sehr früh aufstehen, um gegen den Baldowerer zu gewinnen.

«Ja, du mußt früh aufstehen, wenn du das willst, Tom,» fiel Charley ein, «und obendrein die Stiefel über Nacht anbehalten und 'ne doppelte Brille aufsetzen.»

Dawkins hörte die ihm gezollten Lobsprüche mit philosophischem Gleichmute an, und zeichnete sinnig den Grundriß vom Newgategefängnis mit Kreide auf den Tisch.