Oliver Twist

Part 11

Chapter 113,854 wordsPublic domain

Er hatte anfangs nur geblättert, allein eine Stelle erregte seine Aufmerksamkeit im höchsten Grade, und bald las er um so eifriger. Das Buch enthielt Erzählungen von berüchtigten Verbrechern aller Art und trug auf jeder Seite die Spuren eines sehr häufigen Gebrauchs. Er las hier von furchtbaren Verbrechen, die das Blut zu Eis erstarren ließen, von Raubmorden, die auf offener Landstraße verübt worden waren, von Leichen, die man vor den Augen der Menschen in den tiefen Brunnen und Schächten verborgen hatte, ohne daß es jedoch gelungen wäre, sie für die Dauer unten zu halten, so tief sie auch liegen mochten, und zu verhüten, daß sie nach vielen Jahren ans Tageslicht kamen und die Mörder durch ihren Anblick so sehr um alle Besinnung brachten, daß sie ihre Schuld eingestanden und am Galgen ihr Leben endeten. Ferner las er hier von Menschen, die in der Stille der Nacht in ihrem Bette liegend von ihren eigenen bösen Gedanken zu so gräßlichen Mordtaten, wie sie selbst sagten, aufgestachelt wurden, daß es einen kalt überlief und einem die Glieder matt am Leibe niedersanken, wenn man es las. Die fürchterlichen Beschreibungen waren so lebensgetreu und packend, daß die schmutzigen Seiten ihm mit Blut bespritzt erschienen und die Worte, die er las, in seinen Ohren widerhallten, als würden sie in hohlem Murmeln von den Geistern der Ermordeten geflüstert.

In wahnsinniger Angst schloß Oliver endlich das Buch und schleuderte es von sich, fiel auf die Knie nieder und flehte den Himmel an, ihn vor solchen Untaten zu bewahren und ihn lieber sogleich sterben als so fürchterliche Verbrechen begehen zu lassen. Er wurde allmählich ruhiger und betete mit leiser, gebrochener Stimme um Errettung aus den Gefahren, in welchen er sich befand, und, falls einem armen, verstoßenen Knaben, der nie Elternliebe und Schutz gekannt, Beistand und Hilfe aufgehoben wäre, daß sie ihm jetzt zuteil werden möchte, wo er allein und verlassen von Schuld und Ruchlosigkeit umringt war.

Er lag noch, das Gesicht mit den Händen bedeckend, auf den Knien, als ein Geräusch ihn aufschreckte. Er sah sich um, erblickte eine Gestalt an der Tür und rief: «Wer ist da?»

«Ich -- ich bin es», erwiderte eine bebende Stimme.

Er hob das Licht empor und erkannte Nancy.

«Stell das Licht wieder auf den Tisch», sagte sie, das Gesicht abwendend; «die Augen tun mir weh davon.»

Oliver sah, daß sie sehr blaß war, und fragte sie mitleidig, ob sie krank wäre. Sie warf sich auf einen Stuhl, so daß sie ihm den Rücken zukehrte, und rang die Hände, antwortete aber nicht.

«Gott verzeih' mir die Sünde!» rief sie nach einiger Zeit aus; «es ist meine Absicht nicht gewesen -- ich habe nicht -- habe nicht von fern daran gedacht!»

«Ist ein Unglück vorgefallen?» fragte Oliver. «Kann ich dir helfen? Wenn ich es kann, so will ich's auch, gern, gern!»

Sie wiegte sich unter fortwährendem heftigen Händeringen hin und her, faßte sich an die Kehle, als ob sie etwas würgte, und keuchte atemlos.

«Nancy!» rief Oliver bestürzt; «was ist dir denn?»

Sie schlug krampfhaft mit den Händen auf ihre Knie und mit den Füßen auf den Boden und hüllte sich darauf schaudernd dicht in ihren Schal. Oliver schürte das Feuer an, sie setzte sich an den Kamin, schwieg noch eine Zeitlang, hob endlich den Kopf empor und blickte umher.

«Ich weiß nicht, wie mir bisweilen wird», sagte sie und stellte sich, als wenn sie eifrig beschäftigt wäre, ihr Haar wieder zu ordnen; «ich glaube, jetzt kommt's von der dumpfen Luft hier im Zimmer. Bist du bereit, mit mir zu gehen, Nolly?»

«Soll ich mit dir fortgehen, Nancy?» fragte Oliver.

«Ja; ich komme von Bill Sikes», erwiderte sie. «Du sollst mit mir gehen.»

«Wozu denn?» fragte Oliver zurückschreckend.

«Wozu?» wiederholte sie, schlug die Augen auf und wandte das Gesicht ab, sobald sie Olivers Blicken begegneten. «Oh! zu nichts Bösem.»

«Das glaube ich dir nicht», sagte er. Er hatte sie genau beobachtet.

«So ist's gelogen, und glaub', was du willst», erwiderte sie und zwang sich zu lachen. «Zu nichts Gutem also.»

Oliver entging es nicht, daß er einige Gewalt über Nancys bessere Gefühle hatte, und wollte sich schon an ihr Mitleid mit seiner hilflosen Lage wenden; allein es fiel ihm ein, daß es kaum elf Uhr wäre, daß noch viele Leute auf den Straßen sein müßten, und daß ihm ja wohl der eine oder andere Glauben schenken würde, wenn er ihn um Beistand anspräche. Er trat vor, als ihm dieser Gedanke durch den Sinn flog, und erklärte hastig und verwirrt, daß er bereit sei.

Nancy hatte ihn indes scharf im Auge behalten, erraten, was in seinem Innern vorging, und ihr bedeutsamer Blick ließ ihn gewahren, daß sie ihn durchschaut.

«Pst!» sagte sie, beugte sich herunter zu ihm, blickte vorsichtig umher und wies nach der Tür. «Du kannst dir nicht helfen. Ich habe mir deinetwegen alle mögliche Mühe gegeben, aber vergeblich. Du bist umstellt und wirst scharf bewacht, und kannst du jemals loskommen, so ist es jetzt nicht die Zeit.»

Sie war offenbar erregt, Oliver war davon betroffen und blickte ihr sehr verwundert in das Gesicht. Sie schien die Wahrheit zu reden, war blaß und zitterte heftig.

«Ich habe dich schon einmal vor übler Behandlung geschützt, will es auch künftig tun und tue es jetzt», fuhr sie fort; «denn wenn ich dich nicht holte, würden dich andere zu Sikes bringen, die viel unglimpflicher mit dir umgehen möchten. Ich habe mich dafür verbürgt, daß du ruhig und still sein würdest, und bist du es nicht, so wirst du nur dir selbst und obendrein mir schaden, vielleicht an meinem Tode schuld sein. Sieh hier! -- dies alles hab' ich für dich schon ertragen, so wahr Gott sieht, daß ich's dir zeige.»

Sie wies ihm mehrere braune und blaue Streifen und Flecke an ihrer Schulter und den Armen und sprach rasch weiter: «Denk daran, und laß mich nicht eben jetzt noch mehr um deinetwillen leiden. Wenn ich dir helfen könnte, würde ich's gern tun, ich habe aber die Macht nicht. Sie wollen dir kein Leides zufügen, und was sie dich zwingen zu tun, ist nicht deine Schuld. Pst! jedes Wort, was du sprichst, ist soviel als ein Schlag für mich. Gib mir die Hand -- geschwind, deine Hand!»

Oliver reichte ihr mechanisch die Rechte, sie blies das Licht aus und zog ihn nach. Die Haustür wurde rasch und leise von jemand geöffnet und ebenso schnell hinter ihnen wieder verschlossen. Vor dem Hause stand ein Mietswagen, sie schob ihn hinein und ließ die Fenster herunter. Der Kutscher bedurfte keiner Weisung, sondern fuhr augenblicklich im raschesten Trabe davon.

Nancy hielt fortwährend Olivers Hand fest und flüsterte ihm Trost, Warnungen und Versprechungen in das Ohr. Alles war so überraschend gekommen, daß er kaum Zeit hatte, seine Gedanken zu sammeln, als der Wagen schon vor dem Hause hielt, in welchem der Jude am vergangenen Abend Sikes aufgesucht hatte.

Einen einzigen kurzen Augenblick schaute Oliver umher, und ein Hilferuf schwebte ihm auf den Lippen. Allein die Straße war öde und menschenleer. Nancys bittende Stimme tönte in seinem Ohr, und während er noch unentschlossen war, befand er sich schon im Hause und hörte dasselbe sorgfältig verriegeln. Sikes trat mit einem Lichte oben an die Treppe und begrüßte das Mädchen ungewöhnlich heiter und mild.

«Tyras ist mit Tom nach Hause gegangen», sagte er; «er würde im Wege gewesen sein.»

«Das ist schön», erwiderte Nancy.

«Du hast ihn also?» bemerkte Sikes, als sie in das Zimmer eintraten.

«Ja, hier ist er.»

«Ging er ruhig mit?»

«Wie ein Lamm.»

«Freue mich, es zu hören,» sagte Sikes, Oliver finster anblickend, «um seines jungen Leichnams willen. Komm her, Bursch, daß ich dir nur gleich 'ne gute Lehre gebe, je eher, desto besser.»

Er setzte sich an den Tisch, und Oliver mußte sich ihm gegenüber hinstellen.

«Weißt du, was dies ist?» fragte er, eine Taschenpistole zur Hand nehmend.

Oliver bejahte.

«Dann schau hier. Dies ist Pulver, dies 'ne Kugel und das ein Pfropfen.» -- Sikes lud die Pistole mit großer Sorgfalt und sagte, als er fertig war: «Nun ist sie geladen.»

«Ja, Sir, ich sehe es», erwiderte Oliver bebend.

Sikes faßte die Hand des Knaben mit festem Griffe und setzte ihm den Pistolenlauf an die Schläfe. Oliver konnte einen Angstschrei nicht unterdrücken.

«Nun merk wohl, Bursch,» sagte Sikes, «sprichst du ein einziges Wort, wenn du mit mir außer dem Hause bist, ausgenommen um zu antworten, wenn ich dich frage, so hast du ohne weiteres die ganze Ladung im Hirnkasten; also wenn du gesonnen sein solltest, ohne Erlaubnis zu sprechen, so sag erst dein letztes Gebet her. Soviel ich weiß, wird niemand besondere Nachforschung deinethalben anstellen, wenn dir der Garaus gemacht ist; 's ist also bloß zu deinem Besten, daß ich mir so viel Mühe gebe, dir ä Licht aufzustecken. Hast's gehört?»

Jetzt nahm Nancy das Wort und sagte sehr nachdrücklich und Oliver etwas finster anblickend, wie um ihn aufzufordern, ihr so aufmerksam als möglich zuzuhören: «Das Lange und Kurze von dem, was du sagen willst, ist dies, Bill: Wenn er dich stört bei dem, was du vorhast, so wirst du ihm, damit er nichts ausschwatzen kann, eine Kugel durch den Kopf schießen und die Gefahr auf dich nehmen, dafür zu baumeln, wie du diese Gefahr wegen sehr vieler anderer Dinge auf dich nimmst, die du im Geschäft jede Woche deines Lebens tust.»

«Ganz recht!» bemerkte Sikes wohlgefällig. «Die Weibsen verstehen sich drauf, alles mit den wenigsten Worten zu sagen, ausgenommen, wenn sie zanken und schimpfen, wo sie's desto länger machen und die Worte nicht sparen. Jetzo aber, nun er Bescheid weiß, schaff was zum Abendessen, und dann wollen wir noch ä bissel dormen[AC], eh' wir losgehen.»

[AC] schlafen.

Nancy gehorchte, deckte den Tisch und verschwand auf ein paar Minuten; dann kehrte sie mit einem Krug Porter und einer Schüssel Hammelfleisch zurück, die sie auf den Tisch stellte. Sikes aß und trank tüchtig und warf sich auf das Bett, nachdem er Nancy geboten, ihn Punkt fünf Uhr zu wecken, und Oliver, sich auf die Matratze neben seinem Bette zu legen. Nancy schürte das Feuer und setzte sich an den Kamin, um die bestimmte Zeit nicht zu verfehlen.

Oliver wachte noch lange und meinte, daß Nancy ihm vielleicht noch ein paar Worte zuflüstern würde; allein sie regte sich nicht, und er schlief endlich ein.

Als er erwachte, stand Teegeschirr auf dem Tische; Sikes steckte verschiedene Sachen in die Taschen seines über einer Stuhllehne hängenden Überrocks, und Nancy war beschäftigt, das Frühstück zu bereiten. Der Tag war noch nicht angebrochen, und das Licht brannte noch; der Regen schlug gegen die Fenster, und der Himmel sah schwarz und wolkig aus.

Sikes trieb Oliver zur Eile an, der hastig sein Frühstück einnahm, worauf ihm Nancy ein Halstuch umband; Sikes hing ihm einen großen, groben Mantel über die Schultern, faßte ihn bei der Hand, zeigte ihm den Kolben der Pistole und ging mit ihm fort, nachdem er sich von Nancy verabschiedet hatte.

Oliver drehte sich an der Tür um, in der Hoffnung, einen Blick von Nancy zu erhalten, die sich jedoch schon wieder an den Kamin gesetzt hatte und regungslos in das Feuer schaute.

21. Kapitel.

Der Aufbruch.

Es war ein unfreundlicher Morgen, als sie auf die Straße hinaustraten. Es ging ein scharfer Wind, und es regnete stark. Auf der Straße standen große Pfützen, und die Rinnsteine waren überfüllt. Am Himmel zeigte sich ein schwacher Schimmer des kommenden Tages, der aber das Düstere der Szene eher verstärkte als verminderte, da das trübe Licht nur dazu diente, das der Straßenlaternen zu dämpfen, ohne einen wärmeren oder lichteren Farbenton in das Grau der nassen Dächer und schmutzigen Straßen zu bringen. Es schien noch niemand in diesem Stadtviertel aufgestanden zu sein; die Fensterläden der Häuser waren noch fest verschlossen, und niemand ließ sich auf den öden, schmutzigen Straßen blicken.

Der Tag brach erst an, als sie sich Bethnal Green näherten. Viele Laternen waren schon gelöscht; dann und wann fuhr ein Marktwagen langsam daher, oder es rollte eine Postkutsche vorüber. Die Schenken standen schon offen und waren hell erleuchtet. Allmählich begannen sich auch einige Läden zu öffnen. Hier kamen Gruppen von Arbeitern, die zur Werkstatt oder Fabrik gingen, dort Männer und Frauen mit Fischkörben auf dem Kopfe, mit Gemüse beladene Eselkarren, Fleischerwagen mit geschlachtetem Vieh, Milchfrauen mit ihren Kannen -- ein ununterbrochener Menschenstrom, der zu Fuß oder zu Wagen in die östlichen Vorstädte hineinflutete. Als sie sich der City näherten, wurde der Lärm und der Verkehr immer stärker; als sie die Straßen zwischen Shoreditch und Smithfield durchschritten, war er zu einem sinnbetäubenden Gewühl angeschwollen. In Shoreditch und Smithfield war lautes Getümmel und Gedränge. Es war Markttag. Oliver war vor Erstaunen außer sich. Er meinte, ganz London wäre aus einer ganz besonderen Veranlassung in Bewegung. Welch eine Geschäftigkeit, welch ein Gewühl, Rufen, Lärmen, Zanken und Streiten -- jeden Augenblick neue Gegenstände, neue Gesichter und Menschenknäuel.

Sikes zog seinen Begleiter rastlos fort, beachtete kaum, was Oliver die Sinne verwirrte, nickte nur dann und wann einem begegnenden Bekannten einen Gruß zu und lenkte nach Holborn ein. Er trieb zur Eile an, Oliver vermochte, fast atemlos, kaum Schritt mit ihm zu halten und wurde so rasch fortgerissen, daß es ihm fast war, als wenn er über die Erde dahinschwebte. Auf der Straße nach Kensington hielt Sikes einen leeren Karren an und forderte den Eigentümer auf, ihn selbst und seinen Knaben bis Isleworth mitzunehmen. Er war mit dem Kärrner bald einig und hob Oliver in den Karren, wobei er nicht vergaß, bedeutsam auf seine Rocktasche zu schlagen.

Nachdem sie durch Kensington, Hammersmith, Chiswick, Kew Bridge und Brentford gefahren waren, ließ Sikes halten, stieg mit Oliver aus, wartete, bis der Fuhrmann vollständig aus seinem Gesichtskreise verschwunden war, und setzte dann mit Oliver seine Wanderung fort. Sie wandten sich erst nach links, dann nach rechts und kamen an vielen großen Gärten und schönen Villen vorüber, kehrten aber die ganze Zeit über nur einmal ein, um einen Schluck Bier zu trinken. Endlich erreichten sie eine Stadt, und Oliver sah an der Wand eines Hauses mit großen Buchstaben den Namen «Hampton» geschrieben. Sie warteten einige Stunden zwischen den Feldern und wandten sich dann nach der Stadt zurück; Sikes kehrte in einem alten, verfallenen Wirtshause mit einem verblichenen Schilde ein und bestellte ein Mittagessen beim Küchenfeuer.

Die Küche war ein alter, niedriger Raum mit einem großen Balken quer über die Decke und hochlehnigen Bänken in der Nähe des Feuers, auf denen mehrere rauh aussehende Männer rauchend und trinkend saßen. Sie beachteten Oliver gar nicht und Sikes sehr wenig, und da letzterer ebenfalls wenig Notiz von ihnen nahm, so saß er mit seinem kleinen Gefährten ganz allein in einer Ecke, ohne sich durch ihre Anwesenheit im geringsten stören zu lassen.

Sie aßen etwas kaltes Fleisch und blieben so lange sitzen, während Sikes sich den Genuß von drei bis vier Pfeifen gönnte, daß Oliver ganz sicher glaubte, sie würden heute nicht weitergehen. Da er von der weiten Wanderung ermüdet und so früh aufgestanden war, so wurde er schläfrig und versank endlich, überwältigt von den Strapazen und dem Tabakrauch, in tiefen Schlummer.

Es war schon ganz dunkel, als er durch einen Rippenstoß, den ihm Sikes versetzt hatte, geweckt wurde. Als er sich genügend ermuntert hatte, um aufrecht sitzen und sich umschauen zu können, sah er seinen würdigen Begleiter mit einem Fuhrmann, der ziemlich betrunken zu sein schien und nach Shepperton wollte, bei einem Glase Ale zusammensitzen und hörte, wie er ihn fragte, ob er ihn und den Knaben mitnehmen wolle. Der Fuhrmann willigte ein, und als es Zeit zum Abfahren war, hob Sikes Oliver in den Wagen, der sich sofort in Bewegung setzte und in scharfem Trabe aus der Stadt rasselte.

Der Abend war sehr dunkel. Ein dichter Nebel stieg von dem Flusse und dem moorigen Boden ringsherum auf und breitete sich über die nassen Felder aus. Dazu war es schneidend kalt; alles war düster und schwarz. Kein Wort wurde gesprochen; denn der Fuhrmann war schläfrig geworden, und Sikes befand sich nicht in der Stimmung, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Oliver saß zusammengekauert in einer Ecke des offenen Wagens, von Unruhe und Angst gepeinigt, und die riesigen Bäume, die wie in wilder Freude über die Trostlosigkeit der Gegend ihre Zweige heftig hin und her bewegten, kamen ihm wie gespenstische Wesen vor.

Als sie an der Kirche in Sunbury vorüberfuhren, schlug es sieben Uhr. Sie mochten noch zwei oder drei Meilen gefahren sein, als Sikes abstieg und, Oliver bei der Hand fassend, weiterging. Er kehrte, was der müde Knabe erwartet hatte, in Shepperton nicht ein, sondern ging durch den Schlamm, die Finsternis und düstere Gassen und über öde, offene Plätze weiter, bis sich die Lichter einer Stadt in geringer Entfernung zeigten. Sie gelangten an eine Brücke, und Sikes lenkte in einen Uferweg ein. Oliver erschrak heftig; er glaubte, daß Sikes ihn an diesen einsamen Ort gebracht hätte, um ihn zu ermorden. Er wollte sich schon niederwerfen, um verzweifelt für sein junges Leben zu kämpfen, als sie vor einem einzelnen, verfallenen Hause standen. Licht war darin nicht sichtbar; es schien unbewohnt zu sein. Sikes trat leise an die Tür, legte die Hand auf den Griff, und beide standen auf dem dunklen Hausflur.

22. Kapitel.

Der Einbruch.

«Wer da?» rief eine laute heisere Stimme.

«Mach keinen solchen Hamore[AD]», sagte Sikes, während er die Tür verriegelte. «Ä Chandel[AE], Toby!»

[AD] Lärm.

[AE] Licht.

«Aha, mein guter Chawwer», erwiderte dieselbe Stimme; «ä Chandel, Barney, ä Chandel! Führ den Herrn 'nein, Barney; wach aber erst auf, wenn dir's recht ist.»

Man hörte, daß irgend etwas Gewichtiges nach jemand geworfen wurde und sodann auf die Erde fiel.

«Hörst nicht?» rief dieselbe Stimme. «Da steht Bill Sikes draußen im Dunkeln, und du dormst, als wenn du 'nen Schlaftrunk g'soffen hätt'st und nichts Stärkeres. Wirst du jetzt munter, oder soll ich dich mit'm eisernen Leuchter wecken?»

Endlich schlürfte der Kellner im Hotel von Saffron Hill mit Licht heran und begrüßte Sikes mit wirklicher oder erkünstelter Freude. Sikes stieß Oliver voran in ein niedriges, düsteres Gemach mit einigen gebrechlichen Stühlen, einem Tische und einem sehr schlechten Bette, auf welchem ein Mann ausgestreckt und aus einer langen Tonpfeife rauchend lag. Er trug einen dunkelbraunen Rock mit großen Metallknöpfen, ein orangefarbenes Halstuch, eine buntfarbige Weste und hellbraune Beinkleider. Mr. Crackit (denn er war es) hatte dünnes, rötliches, in Locken gedrehtes Haar, durch das er von Zeit zu Zeit mit schmutzigen, beringten Fingern hindurchfuhr. Er war etwas über Mittelgröße, und seine Beine schienen ziemlich dünn zu sein, wodurch indes keineswegs die Bewunderung und Zufriedenheit vermindert wurde, womit er oft genug seine hohen Stiefel beäugelte. «Bill, geliebter Freund,» rief er Sikes entgegen, «ich freue mich, dich zu sehen. Fürchtete fast schon, daß du's aufgegeben hätt'st, in welchem Fall ich's auf meine eigene Faust versucht haben würde. Was der Teufel!» setzte er, als er Oliver erblickte, erstaunt hinzu, richtete sich zum Sitzen empor und fragte, wer der Knabe wäre.

«Nun, 's ist eben der Knabe», erwiderte Sikes und setzte sich an den Kamin.

«Einer von Fagin seinen», bemerkte Barney grinsend.

«Von Fagin, so?» rief Toby, nach Oliver hinblickend, aus. «Was für'n prachtvoller Junge er werden wird für die Taschen der alten Damen in Kirchen und Kapellen! Sein Ponum[AF] ist so gut wie 'n Kap'tal für ihn.»

[AF] Mund, Gesicht.

«So schweig doch still -- 's ist schon mehr als zuviel Schwätzens davon», unterbrach ihn Sikes ungeduldig und flüsterte ihm etwas in das Ohr. Toby Crackit lachte ausgelassen und starrte Oliver lange verwundert an.

«Gebt uns zu essen und zu trinken -- es wird uns Courage machen -- mir wenigstens», sagte Sikes. «Setz dich ans Feuer, Bursch, und ruh dich aus, du gehst noch mit uns aus heute nacht, wenn auch eben nicht weit.»

Oliver sah ihn in stummer und furchtsamer Verwunderung an, setzte sich ans Feuer und stützte, kaum wissend, was um ihn her und mit ihm vorging, den schmerzenden Kopf auf die Hände. Der jüdische Jüngling trug Speisen und Getränk auf, und Toby und Sikes tranken auf ein glückliches Schränken. Toby füllte ein Glas, reichte es Oliver und forderte ihn auf, es auszutrinken. Der Knabe versicherte, nicht trinken zu können, und bat mit jammervollen Mienen, ihn damit zu verschonen. Toby ließ sich jedoch nicht abweisen.

«Hinunter damit!» rief er. «Meinst du, ich wüßte nicht, was dir gut ist? Bill, sag's ihm, daß er trinkt!»

«Soll ich dich lehren, gehorsam zu sein?» sagte Sikes, die Hand in die Tasche steckend. «Gott verdamm' mich, wenn mir der Bube nicht mehr Beschwerde macht, als ein ganz Dutzend Baldowerer. Trink aus, Galgenstrick, oder --!»

Erschreckt durch die drohenden Gebärden der beiden Männer, stürzte Oliver hastig den Inhalt des Glases hinunter und wurde sofort von einem heftigen Husten befallen, worüber Toby und Barney in ein lautes Gelächter ausbrachen und sogar der grämliche Sikes den Mund verzog.

Nachdem Sikes seinen Hunger gestillt hatte (Oliver konnte außer einer Rinde Brot, die er zu essen gezwungen wurde, nichts zu sich nehmen), legten sich die beiden Männer zu einem kurzen Schlafe nieder. Oliver blieb auf seinem Stuhle am Feuer sitzen, und Barney streckte sich, in eine Decke gehüllt, dicht neben dem Kamine aus.

Sie schliefen oder schienen zu schlafen, denn es regte sich niemand außer Barney, der ein paarmal aufstand, um Kohlen in das Feuer zu werfen. Oliver verfiel in einen dumpfen Schlummer, der von schweren, ängstlichen Träumen beunruhigt wurde, bis Toby aufsprang und erklärte, es sei halb zwei Uhr. Im nächsten Augenblicke waren die beiden anderen auf den Beinen, und alle drei waren eifrig dabei, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Die beiden Schränker zogen sogleich ihre Überröcke an und verhüllten sich mit Tüchern bis über den Mund. Barney füllte eiligst ihre Taschen mit mehreren Gegenständen an, die er aus einem Schranke holte.

«Barney, meine Lupperts[AG]», sagte Toby Crackit.

[AG] Pistolen.

«Da sind sie. Ihr habt sie selbst geladen.»

«Ja, ja. Die Wurmer[AH].»

[AH] Bohrer.

«Die hab' ich», fiel Sikes ein.

«Chlamones[AI], Drehbarsel, Hänenehres[AJ], nichts vergessen?» fragte Toby, ein kleines Brecheisen einsteckend.

[AI] Diebesschlüssel.

[AJ] Laterne.

«Alles da», antwortete Sikes. «Barney, die grandige Makel. Es ist höchste Zeit.»

Barney reichte ihm und Toby große Knotenstöcke und legte Oliver den Mantel um.

«Jetzt also», sagte Sikes, seine Hand ausstreckend.

Oliver, der durch die ungewohnte Anstrengung, die schlechte Luft und das ihm aufgezwungene Getränk völlig betäubt war, legte seine Hand mechanisch in die Sikes'.

«Nimm seine andere Hand, Toby», sagte Sikes. «Schau nach, Barney, ob alles sicher ist.»

Der Kellner ging vor die Tür und kehrte mit der Meldung zurück, daß alles still sei. Die beiden Schränker eilten hinaus und zogen Oliver mit sich fort.

Die Nacht war rabenschwarz und der Nebel so dicht, daß nach wenigen Minuten große Tropfen an Olivers Augenbrauen hingen. Sie eilten im tiefsten Schweigen über die Brücke und durch den nächstgelegenen Ort und erreichten um zwei Uhr ein einzeln stehendes, von einer Mauer umgebenes Haus, die Toby Crackit sogleich erklomm. Sikes hob Oliver empor, und nach wenigen Augenblicken waren alle drei hinüber. Sikes und Toby schlichen nach dem Hause und zogen den Knaben mit sich fort, dem die Sinne fast entschwanden, denn jetzt zum erstenmal tauchte der Gedanke in ihm auf, daß Sikes auf Raub, wo nicht auf Mord ausginge und ihn als Werkzeug dabei zu gebrauchen denke. Er schlug die Hände zusammen, und seinen Lippen entfloh ein unwillkürlicher Schrei des Entsetzens. Ihm schwindelte, kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, er wankte und fiel auf die Knie nieder.