Oesterreich im Jahre 2020: Socialpolitischer Roman

Part 5

Chapter 53,545 wordsPublic domain

Wir berechneten, wieviele Bücher Oesterreich brauche, wenn mehr als 40000 Lesesäle, die Oesterreich besitzt, mit so großen Mengen von Büchern dotirt sind, und noch so bedeutende Reservoirs in großen Centralbibliotheken bestehen, aber Dr. Kolb sagte, daß die Landgemeinden durchaus einen geringeren Bibliotheksstand hätten und nur die Bezirksbibliotheken, deren es 2000 gäbe, reichhaltig ausgestattet seien. -- Zwirner habe ihm übrigens erzählt, daß nach seinen Forschungen schon im 19. Jahrhunderte Deutschland allein jährlich über 6000 Werke von oft vielen Bänden und großen Auflagen druckte und man also wohl auf eine Jahresproduktion von 10 Millionen Bänden jährlich in Deutschland für jene Epoche schließen könne. Die vergleichsweise Bücherarmut jener Zeit sei nur daraus erklärlich, daß die Bücher meist jahrelang bei Buchhändlern müssig standen, dann kaum einmal gelesen wurden und wieder in Privatbücherregalen verstaubten, während jetzt jeder Band aus der Buchbinderei in die Bibliothek wandert. Die Jahresproduktion betrage jetzt in Oesterreich alljährlich 40 Millionen Bände, also etwa viermal soviel, als im 19. Jahrhunderte in Deutschland, und etwa 20 Millionen Bände würden jährlich ausgemustert und wieder in die Papierfabriken geliefert, daher der Jahreszuwachs 20 Millionen Bände beiläufig betrage, und da dieser Zuwachs in den letzten 20 Jahren constant blieb, so ergebe das allein für diese Jahre 400 Millionen Bände und erhöhe sich die Mannigfaltigkeit der Werke erstaunlich durch den internationalen Tausch, beziehungsweise internationalen Buchhandel, der meist 5 Millionen Bände im Jahre betrage. Es belaufe sich die Zahl der jährlich aufgestellten inländischen und ausländischen Werke auf 50000. -- Außerordentlich verschieden allerdings sei die Zahl der Exemplare, da man von manchen Werken 45000 Exemplare auflege, von vielen ausländischen Werken aber nur ein einziges beziehe. Wir bestritten die Möglichkeit, die Jahreskataloge im Drucke zu veröffentlichen, aber Dr. Kolb versicherte, er habe bei Zwirner einen Waarenkatalog von einem gewissen Rix in Wien aus dem 19. Jahrhunderte gesehen, worin Kinderspielwaaren und anderer Tand bis zu einem Preise von 5 Kreuzern verzeichnet waren. Viel mehr als das könne man für die Literatur thun. Uebrigens werden chinesische, japanische und andere Werke der fremdesten Literaturen meist nur summarisch der Zahl und dem Gegenstande nach am Schluße des Katalogs erwähnt.

Wir glaubten, eine Jahresproduction von 40 Millionen Bänden müßte die nationalen Papiervorräthe erschöpfen, aber auch das widerlegte Dr. Kolb, indem er darauf verwies, daß man den Papierverbrauch in Oesterreich schon im Jahre 1890 auf 3-1/2 Kilogramm per Kopf der Bevölkerung berechnete und jetzt betrage er 5 Kilogramm per Kopf. Da nun der Papierverbrauch per Band durchschnittlich nicht einmal ein halbes Kilogramm betrage, sei es leicht ausführbar, für jeden Kopf der Bevölkerung einen Band jährlich zu präliminiren.

Das führte uns noch einmal auf das Verlagswesen, worüber uns Zwirner erschöpfende Mittheilungen nicht gemacht hatte. Dr. Kolb sagte, es seien für den öffentlichen Verlag 3000 Werke mit 40 Millionen Einzelbänden jährlich präliminirt und sei das Verlagsrecht gewissermaßen budgetmäßig auf Civilliste, Reich, Provinzen, Kreise aufgetheilt und könne sogar jede Gemeinde nach einem 40 jährigen Turnus einen Band auf Rechnung des öffentlichen Verlags in 1000 Exemplaren drucken lassen. Der Verfasser reiche also das Manuscript der Centralregierung ein, welche die ausgestoßenen Manuscripte an die Provinzverwaltungen gebe und so weiter. Aber der Verfasser könne sich auch direct an die Civilliste oder einen Kreis, eine Gemeinde &c. wenden. Wer seit fünf Jahren Mitglied des literarischen Vereines sei, könne 1000 Exemplare eines einbändigen Werkes auch in Druck legen, ohne jemandes Erlaubniß einzuholen.

Das verhalte sich so. Wie schon erwähnt, können die Bibliotheken ihre Arbeit unmöglich vollkommen bewältigen. Sie würden zwar von Professoren und Studenten unterstützt, aber auch das genüge nicht und man habe daher einen literarischen Verein gegründet, der jetzt weit über 50000 Mitglieder in allen Theilen des Reiches zähle und sich nach Sprachen Wissenschaften und Literaturzweigen in Sectionen und Unterabtheilungen gliedere.

Die Regierung stelle dem Vereine ein Centralbureau, das sich derzeit in St. Pölten befinde, eine Druckerei und Buchbinderei und jährlich eine bestimmte Menge Druckpapier zur Verfügung und könne der Verein einmal jährlich 100 Werke auswählen, die auf Rechnung des öffentlichen Verlages gedruckt werden, er könne aber auch selbst Werke drucken. Letztere Werke müßten die Mitglieder, welche sie verfaßt haben, selbst setzen und es machten daher nicht viele von dem Verlagsrechte Gebrauch.

Der Verein habe dagegen der Regierung gewisse Dienste zu leisten. Sie weise den Mitgliedern Manuskripte zur Begutachtung und die ausländischen Werke zur Bearbeitung für die Bibliothekszwecke zu. Alle Vereinsthätigkeit sei aber freie Wirksamkeit und könne in die geregelte Arbeitsleistung nicht eingerechnet werden.

Es war Mitternacht und wir ergingen uns noch im Mondscheine im Garten und Dr. Kolb, der als alter Herr aufstehen kann, wann es ihm gefällt, war so gut, uns noch Gesellschaft zu leisten, wobei er uns auf die Straße führte und zeigte, daß eben jetzt der Lastenverkehr beginne, der Waaren und Vorräthe von den Bahnhöfen in die Quartiere bringe und dann den Unrath wegschaffe, was täglich geschehe. Der letztere Dienst gehe nur junge Leute der bestimmten Altersklassen an, aber die meisten hauptstädtischen Dienstleistungen würden, wie wir schon gehört hatten, von den alten Herren des Arbeiterberufes besorgt. Es lebten an 60-70000 solcher Pensionisten in Wien, welche aber meist wieder nach einigen Jahren auf diese Art von Pfründe verzichteten, weil die Oesterreicher es nicht lange in einer Großstadt aushielten. Von jenen Pensionisten hätte jeden Tag in der Woche der siebente Theil Dienst, trüge gewisse Abzeichen und besorge neben der Aufsicht auf den Straßen und in den öffentlichen Gebäuden manche hauswirthschaftliche Arbeiten, den Briefdienst u. s. w., insbesondere auch die Schneesäuberung und die Lenkung der Wagen und Pferde. Jeder Aeltere wähle sich den Standort, der ihm gefällt, und die Jüngeren müßten die zugewiesenen Arbeiten übernehmen.

Eben waren die Unrathsgefäße weggefahren worden und die jüngeren Männer, die den Dienst hatten, entstiegen den unterirdischen Canälen. Dr. Kolb regte den Gedanken an, daß wir uns die Canäle besehen sollten. Einer der jungen Männer stieg wieder hinab und wir folgten auf einer eisernen Leiter. Die durch das ganze Quartier verzweigten Canäle sind mehr als mannshoch, ganz trocken betonirt, können mit Glühlampen erleuchtet werden und, was uns verwunderte, es war merklich übler Geruch kaum wahrzunehmen. Die Canäle stehen nämlich mit mächtigen Essen in Verbindung, in welchen immer Feuer unterhalten wird, und außerdem setzt man vor dem Abstieg in den Canal einen mächtigen Ventilator in Bewegung.

Dr. Kolb empfahl sich jetzt und sagte, er müsse am nächsten Tage früh nach Tulln zur Vorbereitung der Regatta fahren, und es stehe uns frei, mitzufahren oder uns an eine andere Begleitung weisen zu lassen oder auf eigene Faust zu flanieren. Letzteres wollten wir wagen und Mr. Forest sagte leise zu mir, er hätte längst gewünscht, die Begleitung los zu werden, die uns offenbar jeden Einblick in die Gebrechen der Zustände entziehe.

VI.

Es war Sonntag Morgen und wir hatten uns vorgesetzt, in Wien zu wandern, um verläßliche Informationen einzuholen, und zum Mittagessen nach Tulln zu fahren, weil abends die interessante Regatta stattfinden sollte. Wir fanden auch am Sonntag alles in Bewegung, alle öffentlichen Säle und Gebäude vom frühesten Morgen an geöffnet, denn Wien war die Stadt geworden, in der man sich nicht langweilen wollte. Obgleich wir recht müde waren, pilgerten wir doch nach den Museen. Die Ordner auf den Straßen gaben uns genau die Richtung an und da sie sahen, wir seien Fremde und rauchten nicht, fragte uns ein alter Herr, ob wir denn keine Cigarren hätten. Mr. Forest witterte einen Versuch, ein Trinkgeld zu ergattern, aber eingedenk der Vorschriften, die wir gedruckt in der Tasche hatten, wagte er sich doch nicht mit einem Versprechen hervor und sagte nur, wir hätten keinen Vorrath mehr. Der Alte bat sich die Aufenthaltskarten aus und sagte dann, damit könnten wir in jedem Speisesaale Cigarren beziehen, da man ja wisse, daß die Fremden rauchten. Wir meinten, wir seien in Tulln im regelmäßigen Aufenthalte, aber man beruhigte uns, man nehme es nicht so genau, sonst wäre es ja nicht gemüthlich. So wandten wir uns zum nächstgelegenen Speisesaale und erhielten richtig Cigarren für den Tag, nachdem die Daten der Aufenthaltskarte waren notirt worden. Das war uns sehr lieb, wir mußten aber jetzt im Freien bleiben, denn in den Gebäuden ist das Rauchen verboten, es wäre denn in der eigenen Wohnstube. Als wir unsere Cigarren geraucht hatten, besuchten wir die Museen, in denen sich viele Tausende drängten, weil an Sonntagen auch Leute von den benachbarten Dörfern in die Stadt strömen, und wir bewunderten nicht nur die reichhaltigen Sammlungen, sondern auch die herrlichen altersgrauen Gebäude mit den Kuppelsälen und Deckengemälden. Wir forderten einen Katalog, der uns bereitwillig mit der Bitte verabfolgt wurde, ihn beim Weggehen zurückzustellen, weil er nicht zum Verkaufe bestimmt sei. Wollten wir jedoch einen Katalog mit nach Hause nehmen, was wohl der Mühe werth wäre, weil auch interessante Abbildungen und Farbendrucke darin enthalten seien, so müßten wir uns an die Hausverwaltung wenden. Wir verlangten aber für heute nicht darnach, denn es drängte die Zeit und wir wollten lieber früher nach Tulln kommen. Auch waren wir betäubt und hatten uns bisher zu wenig Ruhe gegönnt. Unsere Anfragen bei diesem und jenem, ob man hier zufrieden sei, hatten zu nichts geführt und obwohl Mr. Forest immer Furcht vor Spionen und verkappten Oberbeamten witterte, konnte ich doch an den heiteren Gesichtern und dem ganzen Getümmel erkennen, daß es da Unzufriedene wirklich nicht gebe.

Wir bestiegen einen Straßenwagen, kamen auf den Franz-Josefs-Bahnhof und gelangten ziemlich früh nach Tulln. Nach dem Lunch gingen wir, da wir noch zwei Stunden bis zum Mittagstisch hatten, nach dem Centralrudersporthause, das von der eisernen Brücke etwas stromabwärts dastand, ein schöner Bau mit Empfangssälen, Berathungszimmern und Archiven, an den Wänden Trophäen mit den Namen der einzelnen Sieger und der preisgekrönten Ortschaften. Wir fanden da Zwirner und Dr. Kolb, die alle Hände voll zu thun hatten und uns nur flüchtig begrüßen konnten.

Ruderer in allen Farben, mit bloßem Halse und Armen, hatten hin und her zu laufen und zu ordnen und wurden unzählige Boote in's Wasser gelassen, Ruder eingeseift, Wimpel aufgesteckt und man sah in der Ferne den Rauch von Dampfern, welche Gäste aus Wien brachten, die den Ruderern zur Seite fahren wollten.

Ein kräftiger Junge, selbst Ruderer, belehrte uns über die Farben. Es wäre hier, wie bei Wettrennen, Bicyclefahren &c. jeder Kreis, ja jeder Bezirk erkennbar. Einheimische seien mit den Farben vollkommen vertraut, Fremden gebe man eine Karte mit Provinzen und Kreisen, woraus man die Farben entnehme. Der Knabe hatte eine dunkelrothe Mütze, hellrotes Wamms und eine dunkelorangefarbige Schärpe. Er sagte, die Farben seien von dunkelroth beginnend nach dem Prisma geordnet und zwar: dunkelroth, hellroth, dunkelorange, hellorange, dunkelgelb u. s. f., dann endlich weiß und schwarz, insgesamt vierzehn Farben. Dann kämen in derselben Ordnung zwei aufeinanderfolgende Farben, als dunkelroth-hellroth, hellroth-dunkelorange, u. s. w. bis zu schwarzroth wieder 14 Farben. Da nun Niederösterreich die erste Provinz des Reiches sei, sei die Kappe dunkelroth und da Sct. Pölten der zweite Kreis sei, -- Wien bilde den ersten, -- sei das Wamms hellroth, nachdem Tulln der dritte Bezirk im Kreise St. Pölten sei, sei die Schärpe dunkelorangefarbig. So sei der Bezirk außer Zweifel. Das genüge den meisten, aber das letzte Abzeichen zeige sogar die Gemeinde an, nämlich das Band, das von den Schultern flattert.

Da Alles vorbereitet war, luden Zwirner und Dr. Kolb die ganze Menge von Gästen zum gemeinsamen Mahle auf dem großen Wiesenplane vor dem Gemeindepalaste.

Da kamen Kinder, Mädchen und Frauen zur Begrüßung, der Bezirksbeamte hielt eine Ansprache, mit einem Hurrah ging's zu Tische und da fehlte es nicht an Jubel und Trinksprüchen aller Art, wobei vor allen Zwirner gefeiert wurde, dem man zutraute, daß er im Einzelkampfe den Meisterpreis erringen werde. Die erschienenen Ruderer waren alle Meister in der Kunst, wohl trainirt und hatten bei kleineren Wettkämpfen Preise errungen, und nur die fünf tüchtigsten Vereine waren zum Start erschienen. Es sollte das Clubwettfahren von der Eisenbahnbrücke bis Greifenstein gehen, wo die ersten Tribünen errichtet waren, und nach einiger Rast sollten drei Matadore, worunter Zwirner, von der Krümmung, die die Donau bei dem ehemaligen und längst verfallenen Dorfe Höflein beschreibt, bis zur neuen Donaubrücke bei Klosterneuburg um die Wette rudern. Beim Clubruderwettfahren kam es nicht darauf an, welchem Club das erste Boot angehörte, sondern welcher Club im Durchschnitte siegte, was schwierig zu bestimmen war, daher gewiegte Schiedsrichter aufgestellt waren. Sie nahmen übrigens Momentphotographien auf, wodurch die Beurtheilung erleichtert wurde.

An vielen Punkten an der Donau waren optische Signale aufgestellt, die sich bis zum Tullner Gemeindepalaste fortpflanzten, um den Verlauf telegraphisch nach Sct. Pölten und von dort über Wien weiter in die Provinzvororte zu melden; die Provinzvororte gaben die einlaufenden Nachrichten an die Kreise weiter und so fort, so daß man im ganzen Reiche Nachrichten hatte, und hieß es bald: »Graz hat Vorsprung,« dann: »Linz kommt heran,« und »Pest überholt alle,« bis zuletzt Tulln, wie erwartet, von den Schiedsrichtern als Sieger erklärt wurde. Zwirner stieg aus dem Boote und eilte die Treppe der Frauentribüne hinan, um den Seinigen den Frauendank zu bringen, den eine Erzherzogin überreichte.

Aber das Interessanteste stand uns bevor, denn wir wußten, daß der Sieger im Einzelkampfe den Preis aus der Hand der Lori Hochberg empfangen solle, und wir waren froh, daß unser Dampfer das rechte Ufer entlang fuhr, weil wir gerade vor der Tribüne anhalten sollten. Zwirner siegte um zwei Bootlängen und kam vor unseren Augen zur Tribünentreppe, um von Lori einen Kranz von goldenen Lorbeerblättern zu empfangen, wofür ihm die Sitte gestattete, die Hand der krönenden Dame zu küssen. Mit donnerndem Bravorufen von den Booten und Schiffen, der Brücke, die dicht voll Menschen war, den Ufern und Tribünen wurde der Sieger gefeiert, der noch seine Anordnungen wegen vorläufiger Bergung der Boote traf und dann mit den Genossen und uns Begleitern den Zug bestieg, der ihn erwartete.

Wir zweifelten nicht, daß der Lorbeerkranz, der übrigens in den Trophäensaal wanderte, für Zwirner mehr bedeute, als nur eben einen Siegespreis.

VII.

Zwirner war von vielerlei Geschäften in Anspruch genommen, weil Deputirte aller Hauptrudervereine da waren, Statuten und Preisausschreiben berathen werden sollten und internationale Verhandlungen schwebten wegen einer Regatta, die den Sieg unter allen Meistern Europas für die nächsten drei Jahre entscheiden und welche im nächsten Jahre am Rhein stattfinden sollte. Wir nahmen daher seinen Vorschlag gerne an, Reisen und Ausflüge auf eigene Faust zu unternehmen.

Wir besuchten den Badeort Baden und kamen dann auf den Semmering, wo noch ein altes Hôtel der vormals bestandenen Südbahngesellschaft steht. Wir sahen auf Photographien, die noch aufbewahrt waren, die ursprüngliche Anlage, die natürlich sehr erweitert und verschönert worden war, wie auch ein kaiserliches Lustschloß jetzt am schönsten Punkte steht, wo heuer ein Graf Coronini Hof hielt. Wir hätten uns kaum an diesem schönen Platze aufhalten können, der meist überfüllt ist, wenn nicht viele Gäste eines Festes wegen nach Graz gefahren wären. Man bat uns aber, nicht länger als bis zum nächsten Abend zu bleiben, weil der Aufenthalt für Leute von schwacher Gesundheit bestimmt sei, die hier Stärkung fänden.

In Bruck an der Mur, einem reizend gelegenen kleinen Orte, brachten wir eine Nacht zu. Um ein Uhr ertönten alle Gongs. Wir fuhren erschreckt auf und hatten nur noch Zeit, über die Stiege hinabzustürzen, da unser Wohnhaus in hellen Flammen stand. Kein Leben wäre in Gefahr gekommen, da überall Nachtwache gehalten und jedermann rechtzeitig gewarnt werden soll. Pflichtvergessenheit hatte das Uebel aber vergrößert. Alle waren guten Muthes; man half das Feuer localisiren und eine tapfere, todesmuthige freiwillige Feuerwehr, wohl ausgerüstet, rettete, was zu retten war.

Aber wir Armen! Wir hatten von unserer ganzen Habe nur das Hemd und die Socken gerettet und waren in Verzweiflung, deren Eingeständniß nur mit Lachen beantwortet wurde. Einige Männer nahmen uns, um uns vor den Frauen zu verbergen, in die Mitte, führten uns in ein gesichertes Gebäude, und ehe wir uns dessen versahen, waren wir mit neuer Wäsche und Kleidern aus den Vorräthen versehen und der Verwaltungsbeamte bat uns anzugeben, was uns sonst abhanden gekommen wäre. Wir hatten Ersatz, aber nicht das geringste persönliche Eigenthum mehr. Wie sollten wir nach Amerika kommen? Doch fühlten wir uns geborgen und begriffen, daß der Communismus auch sein Gutes habe. Nun erfuhren wir aber, daß uns alles, was noch fehlte, in Graz ersetzt werde, wo wir ja doch einige Stunden verweilen würden.

Wir wurden auch unterrichtet, daß die bezahlte Reisegebühr auch als Versicherung für Zufälle gelte und wir nach unserer Wahl beim Austritte aus Oesterreich die uns zur Verfügung gestellten Sachen, die besser und schöner waren, als was uns verbrannt war, behalten oder baaren Ersatz begehren könnten, der nach unserer Schätzung werde bezahlt werden.

Endlich fertigte uns noch der Ortsbeamte eine Interimsreisekarte aus. Da unsere Karten verbrannt waren, und er sagte uns zu, daß wir Duplicate unserer Reiselegitimationen in zwei Tagen aus Salzburg in Graz zugestellt erhalten würden.

Noch in der Nacht wurde Gericht gehalten über die schuldtragenden Personen. Es waren drei angeklagt. -- Ein 15jähriges Mädchen hatte sich spät nachts, nachdem es sich entkleidet hatte, im Spiegel beguckt und dabei war das Licht dem Vorhange zu nahe gekommen. Da entstand das Feuer. Eine Matrone, welche in den Schlafsälen der unmündigen Mädchen die Aufsicht hatte, war auf ihrer Runde nach diesem Gemache gekommen und hatte auf die Bitten der kleinen Uebelthäterin versucht zu löschen und es unterlassen, das Haus und die Verwaltung zu alarmieren, was mit einem Drucke auf eine elektrische Klingel hätte bewirkt werden sollen. Der junge Mann endlich, welcher auf dieser Seite die Nachtwache hatte, war im Garten auf einer Bank eingeschlafen.

Die Angeklagten wurden vor den Verwaltungsbeamten gerufen, der die Disciplinargewalt hatte. Ein Verbrechen lag nicht vor und es kam daher die Jurisdiction ihm zu. Der Sachverhalt war in wenigen Minuten festgestellt, da viele Zeugen zugegen waren.

Die jungen Leute, welchen nur Nachlässigkeit zur Last fiel, kamen gelinde durch. Es wurden ihnen die Sonntage auf ein Jahr und die Ferien auf drei Jahre gestrichen. Der junge Mann sollte auf die Hochschule kommen, da man ihn zum Verwaltungsdienste hatte ausbilden wollen; daraus konnte nun wohl nichts mehr werden, weil dieser Beruf Aufmerksamkeit, Ordnungssinn und Pflichttreue voraussetzt.

Die Matrone aber wurde am härtesten bestraft, weil sie im Amte war und die Schuld einer Person hatte verhehlen wollen, die unter ihrer Aufsicht stand.

Sie traf zunächst dieselbe Strafe, wie die beiden anderen, außerdem aber verlor sie das Amt und dessen Vortheile, und wurde zu dreijährigem Nachdienen verurtheilt. Das seit vielen Jahren vorwurfsfrei bekleidete Amt gab ihr gesetzlichen Anspruch, nach dem vollendeten sechzigsten Lebensjahre in Ruhestand versetzt zu werden, und ihre Zeit wäre in zwei Jahren um gewesen. Nun sollte sie nicht nur weitere fünf Jahre dienen, wie der einfache Arbeiter, sondern noch drei Jahre nachdienen, also erst nach vollendetem achtundsechzigsten Jahre arbeitsfrei werden.

Sie brach in Thränen aus und bat um Milderung. Der Beamte solle bedenken, daß ihr Sohn ein berühmter Arzt in Graz sei und sich bald vermählen werde; sie habe gehofft, zu ihm ziehen zu können und Enkel auf ihren Knieen zu wiegen. Sie habe doch nur aus Herzensgüte gefehlt.

Der Beamte entgegnete ihr, daß ein anvertrautes Amt gewissenhaft geübt werden müsse, und sie selbst müsse wünschen, daß Strenge walte, denn auch ihr Leben sei jederzeit von der Pflichttreue anderer abhängig. Sie habe das Leben von mehr als zweihundert Menschen in Gefahr gebracht und der Schade, der hätte verhütet werden können, sei auf mindestens 300 Arbeitsjahre zu schätzen.

Da traten die beiden jungen Uebelthäter vor und erboten sich, je vier Jahre Arbeitszeit auf sich zu nehmen, damit die Alte davon befreit werde.

Der Beamte lachte über diesen Vorschlag und sagte, sie seien junges Blut und dächten leichtsinnig von einer Last, die sie für ihre alten Tage auf sich nehmen. Er wisse, wie man ganz anders davon denke, wenn man alt geworden. Auch hingen sie noch von jenen ab, in deren Gewalt sie stünden, und dann stehe es nicht in Uebereinstimmung mit den Gesetzen, daß Freiwillige für einen Straffälligen eintreten. Endlich sei es der Verwaltung nicht gleichgiltig, wann die Arbeit geleistet werde, die einen theilweisen Ersatz schaffen soll.

Die Matrone erklärte nun, an den Bezirksbeamten berufen zu wollen, und bat den Tribun, sich ihrer Berufung anzuschließen. Da dieser aber die Bitte abschlug, hatte die Arme geringe Hoffnung, daß ihre Berufung Erfolg haben werde. Viele bezeigten ihr Mitleid, aber man fand das Urtheil doch gerecht und nicht übermäßig hart.

Die obdachlos Gewordenen waren schon versorgt und theilweise in benachbarten Ortschaften untergebracht und für den zweiten Tag waren schon alle Arbeitsleute bestellt, um den Bau in kürzester Frist wiederherzustellen.

In Graz erhielten wir alles Versprochene pünktlich übergeben.

Nichts von der Adelsberger Grotte, dem herrlichen Miramare, den Kriegsschiffen.

Oesterreich hat kein Heer mehr, da längst ein Abrüstungstraktat in Europa besteht; aber man unterhält eine sehr bedeutende Seewehr. Alle Continentalstaaten, welchen im Osten Rußland gegen Subsidien und Mannschaften vollen Schutz sichert, haben einen Küstenschutzverband verabredet und unterhalten nicht nur Küstenbefestigungen, sondern auch eine starke Marine, theils zum Schutze gegen England, das von Gibraltar bis zum rothen Meere aus allen Meeren und Inseln verdrängt worden ist, theils zum Schutze gegen die Raubstaaten in Argentinien und China, von wo aus die Piraterie schamlos betrieben wird.

Wir erkundigten uns, ob die Seeleute für den Handels- und Marinedienst ausgehoben würden, und erfuhren, daß man dazu, wie auch für die Truppen, welche in Sibirien dienen, nur jene Freiwilligen nehme, welche dafür die geringste Entschädigung fordern. Natürlich könnten sie kein Handgeld fordern, aber sie begnügten sich meist damit, daß ihnen ein Friedensjahr für 18, ein Kriegsjahr für 24 Monate gerechnet würde.

Auch von Abbazzia und dem großen Feuerwerke, das dort zu Ehren fremder Gäste stattfand, brauchen wir wohl nicht zu berichten. Wohl aber will ich einiges von unserem kurzen Besuche am kaiserlichen Hoflager auf der Insel Lacroma erwähnen.