Oesterreich im Jahre 2020: Socialpolitischer Roman

Part 20

Chapter 203,652 wordsPublic domain

Nun that sich die Thüre auf und ein paar Prachtmenschen traten ein. Giulietta erhob sich: »Professor Lueger und Frau; Miß Ellen West.« Die Beiden standen eine Weile vor mir; Mary, sich an den Arm ihres Mannes hängend und den Kopf in zärtlicher Vertraulichkeit an seine Schulter gelehnt, betrachtete mich und sagte dann, mir die Hand entgegenstreckend: »Wie ähnlich unserem Freunde Julian. Wie geht es ihm und was macht Mr. Forest, der stumme Begleiter?« Da ich Antwort geben wollte, kamen Dr. Kolb und Lori. Ich erkannte sie nach den Medaillons, die ich gesehen, und rief erfreut ihre Namen, bevor Giulietta sie mir vorgestellt hatte. »Ich habe, bevor wir uns in das Wäldchen verloren, Auftrag gegeben, die Freunde für den Abend zu mir zu bitten; sie würden Julians Schwester bei mir finden,« erklärte sie. »Sie haben ihre Verabredungen für den Abend gerne fahren lassen, nur Zwirner ist durch Amtsgeschäfte verhindert. Macht es euch bequem, wir werden uns mit Stühlen versorgen müssen!«

Eben kam Lydia, die einige Bekannte aufgesucht hatte, und von Giulietta geladen worden war, und dann ein hübsches, halbwüchsiges Mädchen, mit dem Giulietta einiges bei Seite zu verabreden hatte. Bald darauf brachte man ein paar Tischchen und Stühle und während wir Frauen Platz nahmen, lud Giulietta die Männer ein, sich ein Tabouret in die Fensternische zu rücken; sie wisse, daß die Freunde das Schachspiel lieben, sie möchten ein Match machen.

Da Mary, die neben mir saß, bemerkte, daß mein Auge teilnahmsvoll auf Lori gerichtet war, flüsterte sie mir ins Ohr: »Ich habe auch seit ein paar Monaten Hoffnung auf Nachkommenschaft.« Die böse Frau hatte ein halbes Jahr gegen ihren Beruf gesündigt, war aber, wie in allem anderen, auch darin zur Pflicht zurückgekehrt. »Ich necke meinen Mann damit, daß ich ihm drohe, den Schlingel, wenn es ein Knabe ist, Boanerges zu taufen, denn er wird gewiß ein großer Redner vor dem Herrn. Die Luegers kommen immer mit viel Geschrei auf die Welt.«

Mittlerweile -- Giulietta hatte mit Lori geplaudert -- kam das Mädchen von vorhin mit einer großen Last von nützlichen und angenehmen Dingen. Der Oesterreicher kann in der Regel seine Mahlzeiten einnehmen, wo es ihm beliebt. Unsere Bewirthung machte also Giulietten keine Auslagen. Aber in Fällen, wo Fremde oder auswärtige Freunde irgendwo zu Gaste sind, pflegt die Verwaltung auch ein übriges zu thun, so weit die Vorräthe reichen. Es waren also viele köstliche Dinge gebracht worden. Den großen Samowar füllte Giulietta mit Wasser aus der Leitung und dann ging sie daran, den Punsch zuzubereiten, der uns in fröhliche Stimmung versetzen sollte. Dazwischen hatte Giulietta mit Peter zu thun, der aufgewacht war. Sie kleidete ihn an, rückte ihn im Kinderstühlchen an unseren Tisch, ließ ihn seine schwierigsten Worte sagen und das Bilderbuch erläutern und ging dann wieder an ihre Arbeit. Wir plauderten eine Weile und dann rief Giulietta: »Fertig! Laßt jetzt die Königin in Bedrängniß allein auf Rettung sinnen und kommt herüber, wir brauchen Männer, die uns den Hof machen.«

Die Herren übersiedelten zu uns und während wir uns ans Genießen machten, warf Dr. Kolb die Frage auf, was der Sommer bringen solle.

»Da wir jetzt so gute Freunde geworden sind, lieber Professor, so plane ich für den Sommer Reisen und Ausflüge mit dir. Ich habe bei der Hofcentralverwaltung angefragt; man stellte mir für das Frühjahr die Wahl zwischen Gödöllö, Abbazzia und Miramar frei, im Hochsommer ein Schloß in den Karpathen oder Amras. Was sagst du zu Amras? Es hat eine reizende Lage auf dem Mittelgebirge; der Garten, den Erzherzog Karl Ludwig anlegen ließ, ist jetzt mit uralten Bäumen bewachsen, und außerordentlich poetisch ist der alte Park in den Bergen und Schluchten hinter dem Schlosse mit zahllosen Brücken und Grotten und einem verwirrenden auf und ab wohlgepflegter Wege, die oft einer tief unter dem anderen sich kreuzen.«

»Ich glaube,« sagte Mary, »du machst die Rechnung ohne den Wirth, Doktor. Willst du mit meinem Manne sein, so mußt du dir das alles aus dem Kopfe schlagen.«

»Ich wüßte nicht, Mary,« sagte der Professor »daß wir andere Pläne hätten.«

»Deine kleine Frau hat schon an den Sommer gedacht.«

»Laß hören, ich bin neugierig.«

»Vor allem kannst du ja nicht über deine Zeit verfügen, wie Dr. Kolb, du mußt deine Vorlesungen pünktlich einhalten, kein Tag wird dir geschenkt und zum ersten September hast du wieder einzutreffen. Für die Ferien habe ich meinen Plan festgelegt -- das heißt, wenn mein gnädiger Herr mir huldvoll beistimmen will, -- und Dr. Kolb rathe ich, im Frühjahre nach Schottland oder den schwedischen Fjords zu reisen und im Juni das Nordkap zu besuchen, der Mitternachtssonne wegen; vielleicht interessieren ihn diese Naturschönheiten auch, wenn er sich schon sattgesehen an den Herrlichkeiten, die er an seinen Modellen zwischen dem Kinn und den Knöcheln zu suchen gewöhnt ist.«

»Jeder bleibe bei seinem Leisten,« sagte Dr. Kolb lachend, »die Mitternachtssonne gebührt den Malern.«

»Und im Herbste schicke ich unseren Doctor auf eine Studienreise nach Griechenland und Kleinasien.«

»Das läßt sich hören,« sagte dieser, »und was ist's mit den Ferienplänen?«

»Ich glaube,« sagte Mary, »mein Mann könnte sich nicht auf sechs Wochen von seiner armen Frau trennen.«

»Bewahre; du mußt mitkommen, sage nur wohin du willst.«

»O bitte, das geht nicht so, deine Frau hat ein Amt.«

»Ich weiß, Frau Bibliothekarin, aber es gibt ja Urlaube.«

»Ich habe mit dem Verwaltungsbeamten gesprochen, aber er will nur von vierzehn Tagen wissen. Er sagt, ich hätte nicht mehr Anspruch, und« -- sagte der Schelm, wie zögernd und nachdenklich vor sich hinblickend, -- »mein Einfluß reicht nicht so weit, einen österreichischen Beamten zu verführen.«

»Vierzehn Tage, das geht nicht, was fangen wir mit vierzehn Tagen an!«

»Deine kluge Frau hat alles bedacht. Es wird vielleicht meinem Herrn Gemahl belieben, sich der Tage zu erinnern, die er mit seiner Braut in Königstetten verbrachte. Die Hochbergs residieren heuer wieder dort, ihre zweite Tochter vermählt sich und der einzige Sohn ist bei seinem Regimente in Sibirien; da wollen die alten Leute den Sommer in der Nähe Loris verbringen und bis dahin haben sie ja auch ein Enkelchen in Tulln.«

»Du hast recht, ich werde mit der Fürstin sprechen; wir lassen uns dein Zimmerchen zum ehelichen Gemache umgestalten. Weißt du noch, wie ich dir dort zuweilen vorlesen durfte? den wilden Jäger, Ekkehard --« »-- und was ich dir losem Werber anderes vorzulesen verwehrte.« »Das stimmt, Gestrenge, -- und wie ich im übrigen mit unverzeihlicher Härte behandelt wurde.« -- »Ja;« sagte Mary, »aber du sollst heuer dort allein wohnen.« »Was soll das heißen?« »Scheidung von Tisch und Bett, mein Lieber,« sagte Mary lachend. »__Divorçons!__« »Eine neue Variante,« sagte Lueger schmunzelnd. Mary verrieth nur unmerklich, daß das Wort ihre Heiterkeit errege, und wir blickten so harmlos, wie nur immer möglich. Lori warf nun ein: »Es wird nicht zu hart ausfallen.« »Siehst du,« erklärte jetzt Mary, »ich habe allerlei ausgebrütet. Du sollst deine Ferien haben und ich will dir die Kette etwas verlängern, aber aus den Augen laß ich dich nicht. Ich werde in Tulln wohnen.«

»Und die Bibliothek in Wien besorgen? Wie reimt sich das zusammen?«

»Frage Lori.«

»Wenn du einverstanden bist, guter Professor, so tauscht Mary für die Ferienwochen mit der Bibliotheksverwalterin in Tulln. Ich habe das auf ihren Wunsch ins Reine gebracht. Es ist eine ziemlich alte Wittwe, die den Wunsch hat, einmal Wien recht nach Herzenslust zu genießen. Ihre Tochter ist dort verheirathet und außerdem haben wir Veranstaltungen getroffen, daß ihr alle möglichen Annehmlichkeiten bereitet werden.«

»Das wäre ja vortrefflich, die Verwaltung wird das gewiß erlauben.«

»Hat schon!« sagte Mary.

»Aber jetzt sehe ich nicht ein, wozu die Trennung,« sagte Lueger. »Bleibe bei mir in Königstetten, der Fürst läßt dich täglich nach Tulln fahren und im Wagen zurückbringen.«

»Ich danke schön,« sagte Mary, »du weißt, in welchem Zustande ich mich befinden werde zu jener Zeit. Meinst du, die schöne Mary hat Lust, unter den Damen in Königstetten zu erscheinen mit verzerrtem Gesichte und entstelltem Leibe? -- Das nicht. Aber vielleicht wird es,« sagte sie mit heuchlerischer Miene, die Arme über der Brust gekreuzt und das Haupt demüthig vor ihrem »Herrn« gesenkt, »meinem Gebieter gefallen, einmal nächtlicher Weile sich aus dem Schlosse wegzustehlen und seine »Magd« zu Tulln aufzusuchen.«

»Vortrefflich! Bei der eigenen Frau fensterln!« lachte der Professor.

»Und wenn sich eine Vermummte abends im Schlosse einschleicht, beim Professor eindringt und demüthig an der Thüre stehen bleibt?«

»Dann wird sie der Professor nicht wieder fortlassen, bis die Lerchen zu schlagen anfangen.«

»Und wenn die Schwestern aus dem Schlosse mir dann klatschen kommen, das wird ein »Jux« werden.«

»Die Sommerpläne wollen wir uns überlegen,« sagte der Professor.

Schweigend hatte man den letzten Reden Marys zugehört und Dr. Kolb war aufgestanden, um einige ihm noch unbekannte Kunstgegenstände zu betrachten. Giulietta brachte das Gespräch plötzlich auf ein anderes Thema und Mary nahm daran unbefangen, aber etwas ernst theil. Peter war nach seinem Mahle wieder eingeschlafen und von Giulietta zu Bette gebracht worden.

Da es Zeit zum Aufbruche war, stellte man noch einige Fragen an mich, wie es Julian gehe, was sein Beruf wäre, ob er bald heirathen würde und ich sollte Vergleiche anstellen zwischen Oesterreich und Amerika. Ich sagte, ich sei zu patriotisch, als daß ich Vergleiche ziehen möchte, die meinem Vaterlande nicht zum Vortheile gereichen könnten, und man drang nicht weiter in mich. Die Kleine kam wieder und sagte, der Verwaltungsbeamte habe uns Wagen gesandt, weil wir den letzten Zug versäumten, und als wir uns von Giulietta verabschiedet hatten und die Treppe hinabgestiegen waren, standen zwei Wagen bereits vor dem Hause. Höflein ist halbwegs zwischen Wien und Tulln gelegen und wir hatten zwei Stunden scharfen Fahrens vor uns. Es war nur _=ein=_ junger Mann da, die Pferde zu lenken, und da Dr. Kolb seine Dame nicht verlassen durfte, übernahm jener dieses Gefährte und bat Lueger, unseren Wagen zu fahren. Mary wollte Protest einlegen; die Nachtluft sei gefährlich; aber der Professor war gut versorgt und mußte sich fügen, wenn wir nicht hier bleiben wollten. Es war niemand zu finden, dem man die Wagenlenkung hätte übertragen können.

Der junge Mann gab noch seine Weisungen, nach welchem Stalle Pferde und Wagen zu bringen seien, und wir nahmen Platz.

Mary sagte: »Jetzt können wir englisch sprechen.« Ich nahm dankbar an und erwähnte, daß wir einen recht frohen Abend verbracht hätten. »Wenn ich mich nur nicht gegen das Gefühl meiner Schwestern vergangen hätte,« sagte Mary unbefangen. »Du hättest Lori nicht an ihr Aussehen erinnern sollen,« sagte Lydia. »Das war es wohl nicht; Lori hat wohl selbst das Gefühl, daß sie jetzt nicht viel unter fremde Leute gehen möchte. Aber man hat gewiß gefunden, daß ich zu frei geredet.« »Seid ihr so streng?« »Es ist schwierig, die richtige Linie einzuhalten und nicht langweilig zu werden. Man findet, man dürfe die Männer nicht an leichtfertige Reden gewöhnen; sie würden nur zu leicht in Rohheit verfallen. Ich bin schon einigemale getadelt worden. Auch sollen Eheleute alles aus dem Spiele lassen, was an ihr vertrautes Leben erinnert.« »Ich habe aber schon sehr vertrauliche Mittheilungen aus Frauenmund hierzulande gehört.« »Das mag sein, zu zweien oder in einer Curiatsversammlung. Gewiß nicht vor Männern oder aus muthwilligem Scherze.« »Das ist wohl richtig. Wird das Vorkommniß Folgen haben?« »Ich glaube, unsere Vorsteherin wird mir Vorstellungen machen, aber das geschieht mit größter Schonung.« »Wer wird ihr denn davon Mittheilung machen?« »Giulietta. Es war ja ihr Territorium und sie ist eine Haarspalterin.« »Führt das nicht zu Verdruß zwischen ihr und dir? Eine Denunciation!« »Das haben wir unter uns abgemacht; in der Curie darf alles zur Sprache gebracht werden und niemand darf eine Beschwerde, wenn sie auch ungerecht befunden wird, nachtragen.« »Die Geheimnisse des Ehelebens sind doch gewiß unantastbar,« sagte ich inquisitorisch. »Nicht so ganz unbedingt, ausgenommen sie bleiben eben unentdeckt.« »Was gehen die die Curie an?« »Ich will dir von meinen Erlebnissen erzählen und du magst daraus entnehmen, welche Gewalt die Curie über uns hat. Ich wollte keine Kinder haben. Ich war zu eitel und es fehlte mir an Muth und Selbstverleugnung. Zum mindesten wollte ich Frist haben. Das wurde mir nun von der Vorsteherin vorgehalten. Sie sagte, ich hätte auf die Ehe verzichten sollen, wenn es mir an Standhaftigkeit fehle. Mein Mann habe das Recht, zu fordern, daß ich ihm Kinder schenke, und auch die Gesellschaft rechne darauf. Ich brauchte Ausflüchte und schützte Zufall und Schwäche vor. Die Vorsteherin ließ sich aber nicht irre machen. Die Frau Doctor habe mir einige Besuche gegen meinen Willen gemacht, die Ursache meiner Unfruchtbarkeit sei nicht zweifelhaft. Diese Angelegenheit wurde wiederholt erörtert, immer mit großer Schonung, und die würdige alte Frau hatte mehrere Monate Geduld. Da vollzog sich dann ein Umschwung in meinem Gemüthe; mein Mann sprach wiederholt von seiner Hoffnung, Vater zu werden, und so -- wurde er es auch,« sagte Mary mit reizendem Lächeln, »das heißt in __spe__.« »Entstehen aus solchen Einmengungen dritter Personen keine Mißhelligkeiten?« »Wir sind von früher Jugend daran gewöhnt, uns der Frauencurie zu unterwerfen, und die Vorsteherin ist immer eine Frau, die sich die Liebe und das Vertrauen aller zu erhalten weiß. Sie schont auch die Empfindlichkeit auf das sorgfältigste und wir haben uns unserer kleinen Fehler nicht zu schämen, weil niemand davon frei ist.« »Diese Institution erinnert an die Beichte,« sagte ich. »Doch mit einem sehr wichtigen Unterschiede. Wir werden zu keiner Selbstanklage verhalten, wir werden nicht von einer ordinirten Person, sondern von einer selbstgewählten Vorsteherin beraten und vielleicht zuweilen getadelt und es darf sich kein Mann in Dinge mischen, welche ihm wahrlich Scheu und Ehrfurcht einflößen sollten.« »Es kann aber doch vorkommen, daß die Vorsteherin nicht das Vertrauen aller Schwestern ihrer Gemeinde hat.« »Gewiß, dann bezeichnet man eine Schwester der Vorsteherin als Vertraute und diese bedient sich ihrer als Vermittlerin.«

Eben hielt der Wagen vor meinem Wohnhause und ich verabschiedete mich.

_=Nachwort.=_

Ich folge dem Beispiele Tolstois, wenn ich, wie er in der Kreuzersonate, dem vorstehenden Buche ein Nachwort folgen lasse. Denn es entspricht unserer Zeit, die an der Wende einer neuen Weltordnung angelangt ist, daß eine Vision vorangeht und ihre Deutung nachfolgt.

Meine Vision wendet sich nicht nur gegen Bellamy und Michaelis, sondern auch gewissermaßen gegen Tolstoi und ganz besonders gegen seinen sonderbaren Posdnyschew. Tolstoi hat zwar den barbarischen Reinheitsfanatismus seines Helden im Nachworte gemildert, aber er findet das Ideal des Christenthums nicht in der Menschenliebe, sondern in der Vergeistigung und Entmaterialisirung des Menschen. Er sagt mit Recht, das Christenthum setze ein Ideal, das in seiner Vollkommenheit nie erreichbar sein wird, uns aber darum doch immer vorzuschweben hat. Dessen nächste Wirkung muß, wie ich meine, sein, uns über den das Christenthum überwuchernden Pharisäismus hinüberzuhelfen. Das christliche Ideal ist aber im Sinne Tolstois nicht die Liebe, sondern die Askese, wenn auch nicht die Askese im gottesdienstlichen Sinne, so doch die Askese im Sinne einer unnöthigen Verleugnung der thierischen Natur des Menschen. Nach Tolstoi hätte Christus gesagt: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, dich selbst aber hasse.«

Hierin ist Leo XIII. Tolstoi weit überlegen, denn in seiner __Encyklika de conditione opificum__, die in der Erörterung der socialen Frage herzlich unbedeutend ist, sagt Leo XIII. doch, daß der Mensch auch Thier sei, und zwar, daß die thierische Natur in ihrer Ganzheit und Vollkommenheit zum _=Wesen=_ des Menschen gehöre (Absatz 4). Und das entspricht auch ganz der Lehre Christi. Christus hat dem Menschen, der ißt und trinkt, volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. Die Pharisäer waren es, die Christus einen Fresser und Weinsäufer schalten und Christus antwortete darauf: »Jawohl, des Menschen Sohn ißt und trinkt.« Er vergab sogar der öffentlichen Sünderin. »Ihr werden viele Sünden verzeihen werden, denn sie hat viel geliebt.«[P] Johannes sagt von ihm: (11, 5.) »Jesus aber liebte die Martha und ihre Schwester Maria und den Lazarus.« Christus sagte: Meine Lehre ist in Wahrheit Brod und Wein, Nahrung und Getränke, und nicht im mystischen Sinn. Er setzte das gesellige Abendmahl als einzige religiöse Handlung ein und seine Anforderung geht schließlich nur auf wirthschaftliche Arbeit, denn wenn er beim letzten Gerichte verdammend ruft: Ich war hungrig und du hast mich nicht gespeist, ich war durstig und du hast mich nicht getränkt, ich war ein Fremdling und du hast mich nicht beherbergt, ich war nackt und du hast mich nicht bekleidet, ich war krank und im Gefängnisse und du hast mich nicht besucht, -- so sagt Christus doch nichts anderes, als daß der Mensch gerade als Thier Forderungen an den Menschen zu stellen und daß dieser gerade als Thier und Arbeiter Schulden zu zahlen hat, und diese wirthschaftlichen Verpflichtungen sind es, die den wahren Cultus des Christenthums ausmachen. Der Gottesdienst geht bei Christus in Menschendienst, der Menschendienst in Arbeit auf und diese Anforderungen setzen gerade die Fortdauer des thierischen Menschen mit seinen thierischen Bedürfnissen bis ans Ende der Zeiten voraus und dort ist das Ideal des Christenthums gewiß nicht zu suchen, wo es Tolstoi zu finden glaubt.

Wenn Christus sagt: ‘Mann und Weib sind zwei in einem Fleische’, so gibt er der Geschlechtsliebe einen gerade wegen der materiellen Fassung charakteristischen Ausdruck und bestätigt die Berechtigung der Animalität auch in der Liebe, und da er sagt, jener, die viel geliebt, wird auch viel vergeben werden, bestätigt er weiter, daß auch darin sich die Nächstenliebe bekunden kann und immer wird.

Sagt er: ‘Nicht was zum Munde eingeht, sondern was zum Munde herausgeht, verunreinigt den Menschen, denn was zum Munde hineingeht, kommt in den Magen und nimmt seinen natürlichen Ausgang, aber, was zum Munde herausgeht, kommt aus dem Herzen und verunreinigt den Menschen,’ so sagt Christus damit ganz offenbar, nicht durch die Paarung verunreinigt sich der Mensch, sondern durch die Paarung ohne Liebe. Posdnyschew sucht die Dissonanz am unrechten Orte; nicht die Verunreinigung durch einen sinnlichen Genuß ist abscheulich, sondern die Fälschung der Liebe darin, daß man nur eigene Befriedigung sucht, nicht zugleich, ja mehr noch, die des anderen. Ich habe nicht ohne Grund, und ohne Zögern, Julian West sagen lassen, daß die Oesterreicherin der Zukunft dem Fremden gegenüber Gastfreundschaft gewährt, und niemand wird mich überzeugen, daß darin Frivolität liegt, oder, daß ich darin den Boden des Christenthums verlassen habe. Weßhalb sollen wir härter sein gegen die Oesterreicherin, die nicht gebunden ist, als Christus gegen die Ehebrecherin?

Aber eine egoistische Liebe, eine Liebe, die mit Geld bezahlt und sich mit Geld bezahlen läßt, eine Liebe, die nicht fragt, welchen Schaden wirst du davon haben, oder ob ein Herz davon brechen wird, mit einem Worte der Egoismus in der Liebe, dessen Abscheulichkeit Posdnyschew richtig erkannt hat, eine solche Liebe ist dem Christenthume, der Nächstenliebe zuwider.

Allerdings ist eine Askese aus Menschenstolz, wie sie Tolstoi imaginirt, edler, als eine Askese aus pietistischem Hasse gegen das Fleisch. Aber Reinlichkeit ist nicht Reinheit und das hat Christus classisch gelehrt mit dem, was er vom Händewaschen sagt. Die bloße Paarung ohne alle Liebe ist vielleicht um ein Geringes unästhetischer, als gieriges Essen, oder unmäßiges Trinken, aber die Liebe, angetrieben von dem Verlangen, zu beglücken, ist gewiß nicht unrein und der Instinkt, der uns lehrt, uns zurückzuziehen, wenn wir lieben, und unser Glück vor anderen zu verbergen, zeugt keineswegs von schlechtem Gewissen oder davon, daß wir einer bloß verzeihlichen Schwäche opfern, sondern er weist uns darauf hin, ganz und gar in der Geliebten aufzugehen. Und ich sage in meinem Sinne absichtlich: der Geliebten, denn wehe der Frau, die aufhörte, die Geliebte zu sein.

Auch August Bebel in seinem kostbaren Buche: »Die Frau und der Socialismus«, verkennt das Christenthum, wenn er lehrt, das Christenthum predige die Verachtung der Frau, es verlange Enthaltsamkeit und Vernichtung des Fleisches.[Q] -- Christus, der dem Weibe volle Gleichberechtigung zuerkannte, da er, über Moses hinausgehend, auch dem Weibe ein Recht auf Gattentreue zusprach, Christus, dem so viele Frauen nachfolgten, bei dessen Kreuzigung nur Frauen ausharrten, der der Ehebrecherin selbst keine andere Zurechtweisung ertheilte, als: »Geh' und sündige nicht mehr,« dessen Freundschaft zu Maria und Martha eine so menschlich edle war, soll Verachtung der Frauen gepredigt haben, und er, dessen Schlußlehre war: »Gebt den Menschen zu essen und zu trinken, kleidet sie, beherbergt sie und besucht sie, wenn sie krank sind, _=anderen Gottesdienst gibt es nicht=_« -- er soll Vernichtung des Fleisches gefordert haben, als ob nicht gerade dessen Erhaltung allein das Endziel jener Werke nicht der Liebe, sondern der christlichen Gerechtigkeit, der productiven Arbeit wäre? Dabei will ich aber nicht unterlassen, zu bemerken, daß im Sinne Christi jener uns ernährt, kleidet und beherbergt, der seine Hände rührt, nicht der Parasit, der blos seinen Beutel aufmacht. Christus wird verlästert von jenen, die ihn einen Asketen schelten. Noch einmal, er lehrt, daß der Menschensohn ißt und trinkt. Gewiß ist, daß er sagt: »Geht alle hin, verlasset Güter und Häuser, Weiber und Kinder um des Himmelreiches willen,« aber er fügt hinzu, »dann werdet ihr hundert Güter und Häuser, und hundert Kinder haben und das ewige Leben dazu.«

Mein Roman zeigt, daß, wer alles verläßt in dem Sinne, wie es Christus versteht, nämlich zur Begründung des Collectivismus, reicher wird und nicht ärmer, und ein Bild dafür ist der verstümmelte Jacob, der mehr Beine hatte, als irgend einer seiner Volksgenossen. Christus fordert, daß wir das Himmelreich suchen, aber er lehrt, _=daß die Aufgabe des Himmelreiches sei, Nahrung, Kleidung und Wohnung nach Gerechtigkeit zu vertheilen=_[R], daß es also eine irdische und höchst praktische Einrichtung ist. Das Christenthum ist helle Freude am Leben, das Christenthum ißt und trinkt nicht nur, es liebt auch, und die Aesthetik des Christenthums ist nicht Enthaltsamkeit sondern göttergleiche Mäßigkeit und vor Allem Gerechtigkeit gegen unsere Tafelgenossen.

Auch Paulus, leider neben Johannes der erste Dogmatiker, versteht das Christenthum in meinem Sinne. Auch er ist liberal gegen die animalische Natur des Menschen und sagt im ersten Briefe an die Corinther 6, 12: »Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll die Herrschaft über mich erhalten,« und nach diesen Grundsätzen lasse ich die Oesterreicher der Zukunft leben; diese Lehre des Paulus ist nicht pietistisch, sondern philosophisch.

Wie thöricht es ist, das helle, lebensfreudige Christenthum der Askese anzuklagen, zeigt Paulus an die Colosser 2, 20. 21. 22. 23. Paulus spottet über die pharisäische Lehre: »Rühret nicht an, kostet nicht, tastet nicht an,« und tadelt, »den selbstgewählten Dienst und die Verdemüthigung und Nichtschonung des Lebens, dem man keine Ehre gibt zur Sättigung des Fleisches.«

Askese zu _=üben=_ ist ganz und gar nicht christlich und Askese zu _=fordern=_ geradezu unchristlich.