Oesterreich im Jahre 2020: Socialpolitischer Roman
Part 19
»Es hat mich einen Kampf gekostet, aber ich habe deinen Bruder großmüthig freigegeben und der Liebe ganz entsagt. Seit dem Liebesfeste in Triest schien mir, als hätte ich den Gipfel des Glückes erreicht und als ob die zweite Hälfte des Lebens nur noch geringen Werth hätte. Ich hätte damals aus dem Uebermaße des Glückes willig in das Reich der Schatten hinüberschlummern mögen. Und als ich dann sah, daß die Liebe, losgelöst von der reinen Freude des Mutterglückes, nicht dauernd befriedigen kann, beschloß ich, ihr zu entsagen.«
»Kann man das, wenn man vom Kelche der Liebe gekostet?«
»Mir war es möglich, denn ich hatte zweimal mit aller Gluth geliebt und war zweimal um das Glück betrogen worden.«
»Und hast du dich wirklich wiedergefunden?«
»Das habe ich. Mein väterlicher Freund Dr. Kolb pflegt zu sagen, unsere Gesellschaftsordnung sei einem gesunden Organismus zu vergleichen, der einen mächtigen Heiltrieb in sich birgt. Alle Wunden vernarben schnell. Bei mir hat dazu dieser kleine Schatz viel beigetragen.« -- Giulietta wies auf ihren schlummernden Schützling und erzählte mir, daß sie den Knaben das erstemal gesehen habe, als sie mit Julian das letztemal im Garten gesessen. Sie habe ihn adoptirt und lebe jetzt nur der Pflicht, einen rechten Menschen aus diesem Kinde zu machen. »Dr. Kolb nennt das einen antiseptischen Verband,« sagte Giulietta lachend.
Es war mittlerweile dunkel geworden und als Giulietta Licht gemacht hatte, sah ich verwundert, daß ihre Stube reizend decorirt war und viele Kunstschätze barg. Eine in Holz geschnitzte Nymphe erkannte ich, da mir Julian davon erzählt. »Ich sehe daß Julian viel an Dich gedacht hat, denn von dieser Nymphe sprach er oft und gerne, und niemals wollte er sagen, wo er dies Meisterwerk gesehen. Aber ich bemerke da vielerlei was er mir wohl würde beschrieben haben, wenn es ihm bekannt gewesen wäre. Du nimmst wohl eine hohe Stellung im Staate ein, da dich solche Pracht umgiebt?«
»Nein, Ellen, ich bin nur Vorsteherin einer Unterrichtsanstalt für die Strohflechterei, in welchem Berufe ich mir wohl große Verdienste erworben habe, weil ich ebenso erfinderisch als ökonomisch bin. Aber diese kleine Schatzkammer verdanke ich nicht meiner Stellung.«
»War Julian nie hier?«
»Doch, unsere Schäferstunde haben wir hier genossen und gerade darum möchte ich die Stube nie vertauschen. Aber ich war erst aus Italien angekommen, was da angesammelt ist, hat sich nach und nach zusammengefunden. Zuerst sandte mir ein gewesener Arzt, Dr. Kolb, der jetzt ein großer Bildhauer ist, diese Broncefigur, eine Venus. Ich habe sie redlich verdient, denn ich stand ihm Modell zu der Marmorstatue, die er auf Wunsch der Kaiserin anfertigte, welche damit den Gemahl zu Weihnachten überraschte. Mit ihrer Erlaubniß hat der Künstler das Werk in verkleinertem Maße copirt und mir diesen reizenden Bronceguß übersandt. Aber das kostbarste in meinem Besitze ist diese Glastafel.«
Sie nahm eine Glastafel vom Fenster und hielt sie gegen das Licht, um mich das merkwürdigste Kunstwerk sehen zu lassen.
»Das hat der Bruder meiner verstorbenen Mutter, __Matteo Folco,__ gemacht. Er ist der berühmteste Glasschleifer des Kontinents und seiner Arbeiten hätte sich der erste Gemmenschneider der alten Welt nicht zu schämen. Die Civilliste hatte ihn angeworben und er bedang sich viele Vortheile aus. Er hat sich und seine Kunst außerordentlich vervollkommt und viele Schüler ausgebildet. Mit fünfundvierzig Jahren wurde er vertragsmäßig in Ruhestand versetzt, und die Civilliste hat ihn bis an sein Ende zu erhalten und ihm alle Vortheile zu gewähren, die er früher genossen hat. Er arbeitet jetzt nur, wenn es ihm Freude macht, und alle seine neuen Werke stehen für dreißig Jahre zu seiner alleinigen Verfügung. Erst nach dieser Zeit fallen sie an die Civilliste. Er mag sie in seinem Besitze behalten, oder Freunden und Verwandten überlassen, oder verdienten Männern widmen, das ist seine Sache. Da ich sein Liebling bin und er gerade mir auch, weil ich Kränkung erlitten, nach seinem Vermögen eine Freude bereiten wollte, hat er mir dies Kunstwerk übersandt. Sieh nur, diese Pracht! Adam und Eva im Paradiese, die Menschheit in ihren Anfängen. Glücklich, in der Hoffnung ewigen Lebens auf dieser Erde; nicht von Sorge, Krankheit, Arbeit oder Schuld bedrückt, Urbilder menschlicher Schönheit. In trauter Gemeinschaft schreiten sie durch das hohe Gras, Adam mit Früchten des Waldes beladen, Eva mit Blumen tändelnd, die beiden Gruppen unseres Reichthums vertretend, das Nützliche und das Schöne. Dem entspricht auch die Riesenkraft des Urvaters und die Anmuth seiner Genossin. Das Paradies zeigt uns den Urwald, die reich bewachsene Flur, die strotzende Ueppigkeit des Pflanzenwuchses und alles Gethier umgibt das Menschenpaar, ihm unterthan. Welche Fülle der Formen und Gestalten hat der Künstler hier in den Bereich seiner Darstellung ziehen können. Herrlich sieht man dort zur Rechten zwischen Bergen in das weite Meer hinaus und in den leicht gekräuselten Wellen spiegelt sich die Sonne, welche eben emporsteigt. Der Rand ist mit farbigen Ranken und Blumen aus gesponnenem Glase umgeben. Die Spiegelscheibe, die Matteo nöthig hatte, könntest Du in Amerika für dreißig Cents kaufen; was aber hat die Kunst des Oheims daraus gemacht! Er selbst hat niemals etwas von dieser Vollendung und diesem Reichtum geschaffen. Der beste Zeichenkünstler in Oesterreich hat ihm das Bild entworfen und die Arbeit von zwei Jahren ist darauf gewendet worden. Ein englischer Lord hat zehntausend Pfund Sterling dafür geboten. Aber mir steht natürlich kein Recht zu, das Werk zu veräußern, wie ich auch kein Geld besitzen darf, und der Civilliste ist es gar nicht feil. Es wäre auch dem Volke gegenüber nicht zu verantworten, wenn man das Meisterwerk außer Landes gehen ließe. Im Gegentheile ist auch die Civilliste eifersüchtig darauf, daß kein __Matteo Folco__ in ihren Sammlungen fehle.«
»Und du verbirgst diesen Schatz neidisch?«
»Nein, das wäre eine Sünde; alles, was schön ist, soll genossen werden. In ganz Europa ist bekannt, daß hier diese Merkwürdigkeit zu sehen ist, und kein Reisender versäumt es, hier abzusteigen.«
»Da müssen dir doch die Besuche lästig werden.«
»Wenn ich alle empfangen müßte, die hierher pilgern, das wäre eine Qual! Aber es hängt von mir ab, wen ich zu meiner Stunde vorlassen will. Das Werk wird meistens in den Stunden besichtigt, die ich in der Schule verbringe. Nur berühmte Männer und schöne Frauen, die ich begünstigen will, lasse ich in den Stunden vor, die ich für den Empfang gewählt habe.«
»Das mag dir viel Anregung bieten.«
»Es wird mir vielleicht noch lästig werden, aber jetzt macht mir der Besuch merkwürdiger Menschen noch viel Vergnügen. Für nächste Woche erwarte ich den Besuch des Kaisers und der Kaiserin. Die Erzherzoge waren alle da; aber den Kaiser haben die Jagden und die Empfänge in der Hofburg bisher abgehalten. Nun hat mich die Kaiserin bitten lassen, Tag und Stunde für den kaiserlichen Besuch zu bestimmen. Ich ließ sagen, daß ich sie am nächsten Sonntage um 12 Uhr erwarte, es müsse aber der Kronprinz mitkommen und mir erlaubt sein, ihn zu küssen. Wir sind nämlich dem Prinzen sehr zugethan, weil er den Jakob aus dem Wasser gezogen.«
»Davon erzählte mir Julian.«
»Er soll ein allerliebster Junge sein und ich freue mich, ihn bei mir zu sehen. Die Kaiserin versprach, den Prinzen mitzubringen, meinte aber, den Kuß sollte ich erlassen. Ihr Sohn sei im vierzehnten Jahre, man wolle ihm die Unbefangenheit bewahren. Aber ich bestehe auf meinen Bedingungen; es wird ihm nicht schaden, wenn er bei Zeiten küssen lernt.«
»Du scheinst mir eine Egoistin zu sein.«
»Ellen, wo denkst du hin! Der Prinz muß es sich zur Ehre rechnen, wenn ihn ein schönes Mädchen küßt, und die Kaiserin hat auch nachgegeben.«
»Bei uns würde man einen Dollar Eintrittsgeld bezahlen.«
»Das kann ich mir denken. Nun aber habe ich doch auch allerhand Vortheile. Man sendet mir mancherlei schöne Sachen aus allen Theilen Europas. Teppiche, Vasen, Broncen, kostbare Möbel, Vorhänge und Tapeten haben sich nach und nach angehäuft. Es ist nicht das Kunstwerk allein, das mir Freunde macht, man will mir, so gut es geht, wettmachen, was ich verloren. Freilich ersetzen mir die zahllosen Tropfen von Liebe, die die Mitmenschen auf mich niederträufeln lassen, das weite Meer des Glückes nicht, das ich einmal geträumt habe, aber ich wäre eine Närrin, wollte ich die Freundlichkeiten zurückweisen. -- So hat sich nach und nach alles hier verändert, nur das Bett lasse ich mir nicht vertauschen.«
Und unverwandt den Blick auf diese Lagerstätte gerichtet, wandte sie ihr Antlitz mit einem reizenden Lächeln mir zu und küßte mich beinahe inbrünstig.
»Frachtgut,« sagte sie dann, mich etwas coquett anlachend. --
»Ich will es an die Adresse befördern,« sagte ich darauf. »Aber sage, Giulietta, soll Julian wiederkommen?«
»Um Gotteswillen, nein. Das Meer, das uns zusammengeführt, liegt jetzt zwischen uns und so soll es bleiben. Siehst du, ich denke mir, daß Julian sich nicht entschließen konnte, sein Vaterland zu verlassen, und daß er zu gewissenhaft war, mich zur Expatriirung zu bestimmen. Darin liegt ja doch noch keine Kränkung, wenn man es nicht vermag, dem Geliebten das Vaterland zu ersetzen, das Größte was der Mensch besitzt. Käme er wieder, so begänne vielleicht eine neue Reihe von Enttäuschungen, welchen ich nicht gewachsen wäre. Und andererseits denke ich, wenn ich bei dem mein Glück nicht fand, dem ich das kostbarste Geschenk darbrachte, das ich nicht wieder bieten kann, wie sollte ich bei irgend einem Manne auf jene nie verlöschende Gluth der Leidenschaft rechnen, ohne die mir die Liebe eine Unwürdigkeit scheint.«
Ich stellte jetzt die Frage:
»Hast du der Gesellschaft vergeben?«
»Das habe ich allerdings. Zuweilen träume ich von dem Glücke, das ich mir in jungen Jahren ausgemalt. Mein Giacopo sitzt wieder zu meinen Füßen, er flüstert von unseren Hoffnungen, und rasch zieht Bild um Bild an meiner Seele vorüber. Die Vorbereitung der Trauung, die süße Bangigkeit der Braut, die Hochzeitsfeierlichkeit, die Besitzergreifung vom heißersehnten Glück, die zärtliche Besorgtheit des jungen Gatten; jetzt glaube ich, daß sich ein neues Glück ankünde, ich sehe den Mann frohlocken über meine Botschaft, dann umstehen Frauen mein Bett, bereit, mir beizustehen und jetzt will ich den Sprößling an meine Brust drücken. Da grinst mir ein sieches, unschönes Geschöpf entgegen und mit einem Angstruf werde ich wach. Mache ich dann Licht und sehe den blühenden Schützling neben mir sorglos schlummern, so fühle ich mich wie erlöst.«
»Dr. Kolb pflegt zu sagen: Gut und bös, schön und häßlich streiten sich um die Materie, ohne welche nichts ist. Wir müssen alle Materie für die Schönheit gewinnen, die Erde muß ein Himmel werden. Ich bin dem Schönen zu sehr ergeben, daß ich mich ihm in den Weg stellen möchte.«
Nach einer Pause sagte ich, um Giulietta aus ihren Träumereien zu reißen:
»Julian wird mich fragen, was aus seinen Bekannten geworden ist.«
»Man erinnert sich gerne an ihn und ich kann mir denken, was ihn interessiert. Dr. Kolb hat zwar nicht mit seiner ‘Braut,’ wohl aber mit der ‘Venus’ den ersten Preis errungen, ist Akademiker geworden und hat vom Staate unbeschränkte Mittel angewiesen erhalten, seine Kunst zu pflegen. Er will Tulln nicht verlassen, hat dort aber einen Kreis von Schülern um sich versammelt, die ihn in der Ausführung großer Werke unterstützen. Anna hat noch am Tage der Abreise deines Bruders sich mit Jacob trauen lassen. Da die kaiserliche Familie noch in Bregenz war, nahm diese an den Hochzeitsfeierlichkeiten theil und der Kronprinz selbst überbrachte Anna einen herrlichen Blumenstrauß. Jacob war zur Stunde gesund geworden, denn er wollte wohl noch am selben Tage für Nachkommen sorgen. Und Anna hofft auch, am 7. Mai Mutter zu werden. Jacob ist jetzt sehr stolz. -- Die Hochzeitsferien brachten die ‘jungen’ Eheleute auf dem Rigikulm zu; der Kaiser hat den Aufwand zu Lasten der Civilliste übernommen. -- Aber Jacob wollte auch mit seiner Anna die »Jungfrau« besteigen. Das hatte einige Schwierigkeiten. Es müssen zwölf gewandte Bergsteiger mit eigenem Geräthe zusammenwirken, um den Verstümmelten auf solche Höhe zu schaffen. Das Geräthe übersandte man von Tulln aus und im Berner Touristenvereine fanden sich auf Empfehlung des Schwestervereines von St. Pölten ein Dutzend junge Männer, die das Wagniß unternahmen und glücklich durchführten.«
»Lori ist zweite Vorsteherin der Krippe in Tulln und hat nach dem Zeugnisse des Arztes eine vollendete Geschicklichkeit und Kenntniß in der Pflege der Neugeborenen erworben, unter welche wohl noch im April ihr eigener Sprößling wird aufgenommen werden. Ihren Mann haben sie zum Tribun erwählt und er zeichnet sich durch Besonnenheit, Festigkeit und persönliche Würde vor allen seinen Amtsgenossen aus.«
»Martin ist Wagenlenker am kaiserlichen Hofe und Selma oberste Verwalterin der Kleiderkammer unserer Kaiserin.«
»Die jüngere Schwester der Lori ist die Braut des Erzherzogs Adolf geworden. Die Hochberg'schen Mädchen sind zur Liebe geschaffen, aber wehe dem Manne, der nicht Treue hielte. Der Erzherzog ist etwas verliebter Natur. Ich sah ihn in den ersten Tagen meines Hierseins beim Verwaltungsbeamten. Er fand später oft einen Vorwand, unsere Montagabende zu besuchen und bald verrieth er sich: er hatte Gefallen an mir gefunden. Obgleich er ein schöner junger Mann ist, wollte ich meinem Vorsatze nicht untreu werden, und ich ermunterte ihn nicht. Als er eines Abends immer nur mit mir tanzte und sich noch einmal um einen Tanz bewarb, willigte ich zwar ein, aber unter der Bedingung, daß er demnächst einen allgemeinen Tanzabend in Höflein besuche und mit allen Mädchen ohne Unterschied tanze. Das sagte er lachend zu, aber er kam nicht mehr zum Montagempfange. Als nun im Dezember die Wintertanzabende begannen und wir im tollsten Tanze begriffen waren, hörten wir auf der beschneiten Landstraße lustiges Schellengeklingel und schon hielt ein Zug Schlitten vor dem Gemeindepalast und Erzherzog Adolf entstieg mit vielen Herren und prächtigen Mädchen den Pelzen und warmen Decken, um an unserem Feste theilzunehmen. Der Prinz begrüßte mich hochachtungsvoll und sagte, er wolle sein Wort einlösen, und so tanzte er denn auch mit allen Mädchen und jungen Frauen, nur nicht mit mir. Er sagte, den jungen Männern habe er Ersatz mitgebracht für das, was sie an ihn und die Herren seiner Begleitung verlören. Die Wiener Mädchen waren durchweg hervorragende Schönheiten der Residenz, allen voran die jugendliche Schwester des Erzherzogs. Sie unterhielten sich vortrefflich, etwas ungezwungener vielleicht, als auf den Bällen in Wien, und Erzherzog Adolf verabschiedete sich am Morgen mit einem Händekuße von mir und sagte, er habe sich Hoffnungen auf meine Gunst gemacht, halte aber seine Bewerbungen für abgelehnt. Ich erwiderte ihm daß ich keinem Manne Gehör schenken würde und meine Zurückhaltung ihn nicht kränken solle. Als die Gesellschaft heimfuhr, stiegen einige junge Männer zu Pferde und geleiteten die Gäste mit Fackeln bis Klosterneuburg. Die Mädchen riefen ihnen zum Abschiede zu, sie hätten sich königlich unterhalten.«
»Ich erzähle mehr als billig von mir, liebe Ellen aber es ist mir, als spräche ich mit Julian.«
»Von Mary Lueger hast du mir noch nichts berichtet.«
»Mary! Sie ist eine Convertitin geworden.«
»Wie soll ich das verstehen?«
»Mary war voll Liebenswürdigkeit und voll Herzlosigkeit. In den ersten Monaten ihrer Ehe spielte sie mit ihren Manne wie die Katze mit der Maus. Lächelnd beobachtete sie seine Werbungen, lächelnd ergab sie sich ihm, lächelnd ruhte ihr forschendes Auge auf ihm, wenn er seine Lust gebüßt hatte. Es wollte sich kein rechtes Glück in der Ehe einstellen. Sie glaubte ihn unzufrieden und mit Tändeleien und Coquetterien führte sie ihren Mann immer wieder zu sich zurück, wenn es schien, er werde gleichgiltig. Es kam zu keiner Aussprache. Es erweckte aber doch einiges Mißbehagen in Marys Gemüth, da sie zu entdecken glaubte, daß Lueger sich unglücklich fühle. Sie war sich klar darüber, daß ihr Mann nicht nur Leidenschaft fühlen, sondern auch erwecken wolle. Sie war aber von Natur kalt und glaubte, da sie seine Frau wurde, es wäre genug, wenn sie den stürmischen Mann gewähren ließe. Sie fühlte aber später doch, die »Lebensart« fordere etwas mehr, und es widerstrebte ihr, eine Dissonanz in ihrem Verkehre mit dem Manne ihrer Wahl aufkommen zu lassen. Aus purer Güte und geselliger Gentilliezza spielte sie jetzt ein wenig die Sinnliche. Sie lächelte weniger, zeigte sich unruhig, schien sich in seinen Armen zu erwärmen, drückte ihm dankbar die Hand und da sie früher mit ihren Reizen Verschwendung trieb, wurde sie zurückhaltend, als wünsche sie den Mann zu größerer Leidenschaft aufzustacheln. Dieser zeigte sich freudig überrascht, die erste Leidenschaft kehrte zurück und je stürmischer er wurde, umso weniger konnte sie es über sich bringen, die Maske fallen zu lassen und einzugestehen, daß sie sich verstellt habe. Im Gegentheil, je glühender der Mann wurde, umso größere Wollust heuchelte die Frau. Da, im vierten Monate der Ehe, löste sich der Bann. Eines Tages, fühlte Mary in den Umarmungen ihres Gatten wirkliche Wollust, ein elektrischer Schlag durchzuckte ihren weißen Leib und sie sah mit Sehnsucht und Verehrung auf ihren Mann. Immer mächtiger wurde ihr Liebesbedürfniß, sie umschlang den Gatten mit einer Gluth, die ihm bisher fremd war, und einmal, da er gleichgiltig schien, warf sie sich vor ihm auf die Kniee und warb in sinnloser Begierde um seine Liebe. Er streichelte ihr erst mitleidig die Haare und da sie nicht müde wurde, seine Sinnlichkeit herauszufordern, zog er sie endlich entzückt in seine Arme und es folgte eine jener süßen Stunden, in denen sich zwei Menschen alles sind.«
»Lori hatte ihre Freude daran, als ihr Mary bekannte, sie sei jetzt von Sinnlichkeit beherrscht, wie jede andere Frau. Es habe ja so kommen müssen, sagte Lori, Kälte sei unnatürlich an einer Frau.«
»Seid ihr so offen gegenseitig?« fragte ich.
»Die Frauen untereinander schenken sich jedes Vertrauen. Uns Unvermählten gegenüber sind sie sonst verschlossen, wie auch wir den verheiratheten Frauen gegenüber eine geschlossene Kaste bilden. Wir tauschen unsere Erfahrungen sonst nur theoretisch aus und lassen Offenheit nur walten, wo sie durch die Gesetze geboten ist, die wir uns selbst gegeben.«
»Welcher Art sind diese Gesetze?« fragte ich.
»Sie zielen darauf ab, die Männer uns unterthan zu erhalten in allem, was die Liebe betrifft. Sie sollen nicht erkalten, aber auch nicht in stumpfe Sinnlichkeit verfallen, es soll ihnen nicht gelingen, Uneinigkeit unter uns zu säen. Kein Ehemann darf Gehör finden, wenn er sich von seiner Frau wendet, ausgenommen, er erwirkt die Scheidung und wird von der Frauencurie schuldlos befunden.«
»Fürchtet ihr nicht die Geschwätzigkeit der Männer, wenn ihr untereinander keine Geheimnisse habt?«
»Wir führen ein strenges Regiment. Es ist vorgekommen, daß ein Unersättlicher sich, um eine Umworbene willfähriger zu machen, auf Gunstbezeugungen berief, die ihm andere Mädchen erwiesen. Das wurde hart geahndet. Ein solcher Rebell wurde für ein halbes Jahr unter Bann gethan und wir kehrten ihm alle den Rücken, bis er seine Strafe abgebüßt hatte.«
»Sollte sich da keine Schwache unter euch finden, die den Verbrecher heimlich begünstigt?« entgegnen ich.
»Das halte ich für unmöglich. Jede einzelne von uns hat heiligen Respect vor der Curie.«
»Und woran ist denn die Vervehmung erkennbar?«
»Wir haben genügende Mittel, uns untereinander zu verständigen, unsere Rache verfolgt den Verbrecher bis an die äußerste Grenze des Reiches.«
»Und wie bist du, eine Unvermählte, hinter die Geheimnisse Marys gekommen?« forschte ich weiter.
»Ich bin exemt« sagte Giulietta. »Ich gelte für eine Philosophin und Gelehrte in Liebessachen, die sich darüber nur aus wissenschaftlichem Interesse informirt, daher ich auch zu Rathe gezogen werde und Anwartschaft habe, zur Vorsteherin gewählt zu werden. Ich vereinige auch eine große Summe von Erfahrungen in mir. Ich bin halb und halb Frau, denn ich war nahe daran, mich zu vermählen. Ich habe die Liebe gekostet und bin dann doch Vestalin geworden. Seither habe ich die Frauenliebe in den edelsten und abschreckendsten Formen zum Gegenstande des Studiums gemacht. In unserer Frauenbibliothek habe ich alles durchforscht, was auf die Liebe Bezug hat; Geschichte, Dichtung, Psychologie und Physiologie habe ich unermüdlich ausgebeutet, um die Frage zu erschöpfen, was Leib und Seele in der Liebe gewirkt, genossen und gelitten haben. Und gerade diese theoretische Befassung mit dem großen Räthsel »Liebe« hat mich gefeit gegen jede Versuchung, meinem Vorsatze untreu zu werden. Ich habe viele Vorträge in der Frauencurie gehalten, und da man erfahren hat, wie sehr meine Wissenschaft und Lehre meinen Schwestern nützlich werden kann, tragen mir alle Bausteine zu für den Aufbau meiner Theorieen. Allerdings habe ich mir das Vertrauen aller erworben, da ich keinen Mißbrauch mache von dem, was man mir mittheilt.«
»Unter diesen Umständen wage ich nicht zu forschen, wie Marys Eheroman weiter verlaufen.«
»Ich rechne darauf, daß du und Julian mich nicht blosstellen werdet. Amerika ist weit und du bist gewiß nicht weniger gewissenhaft, als sich dein Bruder erwiesen hat.«
»Mary und Lueger wurden die verliebtesten Eheleute, die man sich vorstellen kann. Mary, welche vorher kalt wie Eis war, fürchtete, in unersättliche Sinnlichkeit zu verfallen und sich gegen alle anderen Reize des Lebens abzustumpfen. Auch regte sich die Eifersucht, bevor noch ihr Mann ihr den geringsten Anlaß zu Befürchtungen gegeben, und eines Tages, als Lueger mit seiner Frau tändelte, zog sie einen scharfgeschliffenen Dolch hervor und ließ ihn die Inschrift lesen, die darauf eingeprägt war: ‘Jeder, der ein Weib, mit Begierde nach ihr, ansieht, hat schon die Ehe gebrochen mit ihr in seinen Herzen.’ Betroffen sah er auf und seine blonde, gleichmütige, immer freundliche Mary war ganz verändert. Sie küßte ihren Mann und sagte: ‘Ebenso heilig, wie dir die Gattenrechte deiner Brüder sein sollen, muß dir auch das Recht sein, das ich auf dich habe. Gieb mir je Anlaß, an dir zu zweifeln, und, ich schwöre es dir zu, diese Waffe wird das Band lösen, das dich an mich kettet.’ Er umarmte sie stürmisch und versprach ihr Treue auch in Gedanken.«
»Mary wurde nun gewahr, daß sie von einem Fehler in den entgegengesetzten verfallen war. Sie wurde ungesellig, abstoßend gegen andere Männer, sie schloß sich mit ihrem Manne ein, und unsere »Medizinschwester,« wie wir die Frau Doktor nennen, machte ihr Vorstellungen. Die junge Frau wurde bleich, die Augen verloren den Glanz, sie war oft in Gedanken verloren, wenn ihr Mann abwesend war, es drohte Gefahr, daß ihr Nervensystem erschüttert werde, und da rieth ich zu theoretischen Studien über die Liebe. Ich sagte, sie solle ihren Mann auffordern, ihr Geschichtsvorträge über die Liebe und Ehe zu halten. Er sammelte Material und that ihr ihren Willen. Gewöhnt, die Geschichte mit philosophischem Geiste zu erfassen und zu tradieren, wurden diese Vorträge ihm und seiner Frau zu einer heilsamen Belehrung und mittlerweile hatte ich Mary auch unser reichhaltiges Materiale erschlossen, und so hielt auch sie dem Gatten Vorträge, in welchen zu seiner Ueberraschung neue historische Bilder und philosophische Theoremen zu einem Ganzen verwebt waren, wobei Mary aber gewissenhaft allem auswich, was zu unseren Geheimlehren gehört. Die Eheleute vermieden es, die Folgerungen auszusprechen, die sie aus der Wissenschaft auf das eigene Eheleben zogen, aber Erkenntniß macht weise, und sie fanden von selbst den Weg zu der Ausgeglichenheit im Leben, welche zu dauerndem Glücke erforderlich ist.«