Oesterreich im Jahre 2020: Socialpolitischer Roman
Part 18
Gleichwohl blieb er am Leben und als seine Kameraden sich im Spätsommer aufmachten, um ihre Winterheimath am Nilstrome aufzusuchen, sah Peter -- so hatte man den Verunglückten getauft -- ihnen sehnsüchtig und traurig nach, fand sich aber schließlich in das Unvermeidliche. Der Winteraufenthalt wurde ihm von dem Hofbesitzer nach Möglichkeit erleichtert; um für Peter die erforderliche Nahrung allezeit bereit zu halten, ließ man Fische von einem benachbarten Küstenorte kommen und so gewöhnte sich der rothbeinige Invalide im Laufe der Jahre so sehr an seine Lage, daß er ganz zahm wurde und seinem Herrn, freilich auch nur diesem, überallhin folgte. Die traurige Zeit während der elf Jahre war für Peter nur immer diejenige, wann im Frühjahr seine Kameraden aus Afrika heimkehrten und es sich auf den Dächern im behaglichen Neste bequem machten. Dann stand er in der Regel auf dem höchsten Punkte des Gehöftes, dem Mistberge, und blickte traurig und liebeskrank zu den Glücklicheren seines Geschlechtes empor, die auf dem Dache ihre Zurüstungen zum Ehe- und Familienleben trafen. Vor zwei Jahren nun sollte auch für Peter eine glücklichere Zeit anbrechen; ein freundlicher Sonnenstrahl fiel in das Einerlei seines verkümmerten Daseins. Ein junges Storchenfräulein schwebte an einem schönen Frühlingstage auf die Einsamkeit des Misthaufens hernieder und -- mitleidig, wie gute Mädchen nun einmal sind -- fand sie Gefallen an dem Krüppel und kam seinem Liebeswerben freundlich entgegen.
Ja die barmherzige Storchenlady ließ sich sogar bereit finden, entgegen ihrer Gewohnheit, auf dem Dachfirste zu nisten, mit einem Bau auf ebenem Boden in der Nähe eines Lusthauses fürlieb zu nehmen. So verlebte denn Peter an der Seite eines geliebten Weibes einen glücklichen Sommer, wurde Vater mehrerer Kinder und Alles wäre in bester Ordnung gewesen, wäre nicht der Herbst gekommen. Als die Zugzeit herankam, siegte auch in Peters Gattin das Heimweh über Liebe und Treue und eines schönen Tages flog sie sammt ihren Kindern davon, ihren Peter in der Einsamkeit zurücklassend. Der arme Strohwittwer war den Winter über mehr denn je in sich gekehrt und war schier untröstlich, als im nächsten Frühjahre seine junge Frau nicht zu ihm zurückkehrte. Hatte die Ungetreue ihn so schnell vergessen? Eifersucht vergrößerte die Qual seines Herzens. Doch was half's? Er mußte sich in sein Schicksal fügen. Und der Sommer verging und wieder kam der Winter und nach ihm der neue Frühling. Wie alljährlich stand Peter vor einigen Wochen auf seinem Mist und verfolgte den Flug der heimkehrenden Freunde. Da, wer beschreibt seine Freude, kommt's rauschend herabgeflogen und vor ihm nach anderthalbjähriger Trennung steht frisch und gesund die verloren geglaubte Gattin.
Alles schien in Ordnung, nur auf dem flachen Erdboden schien das wiedervereinigte Paar nicht wieder bauen zu wollen. Der Hofbauer merkte das an Peters vergeblichen Versuchen, auf das Dach des Lusthauses zu gelangen, und ließ sofort eine bequeme Leiter bauen. Diese wurde von Peter auch richtig benutzt und heute nistet das Paar einträchtig auf dem Dache des Pavillons. In der Umgegend aber gehen schon jetzt die Leute Wetten ein, ob die Storchenmadame ihren Peter auch in diesem Jahre wieder verlassen wird oder nicht.«
»Nun, Jakob, was sagst Du zu dieser Erzählung, die über 100 Jahre alt ist?«
Jakob war nachdenklich geworden und sprach lange nicht: »Sollte es wahr sein, daß das Thier selbst daran Freude findet, sich dem Unglücklichen zu opfern? So wärst Du meine Störchin,« sagte er heiterer auf seine Anna blickend. -- »Es ist wohl so,« sagte diese lächelnd, »ich habe nichts lieberes auf der Welt, als dich. Was wir lieben, machen wir uns zum Schatze und ihn zu verlieren, ist unser Verderben.«
Nach einigem Besinnen sagte Jakob: »Wenn du meine Störchin bist, mußt du mich als deinen Storch gelten lassen. Was wäre dir denn von mir geblieben, wenn ich ertrunken wäre? Storch und Störchin hielten beisammen aus, aber sie hatten ihr Nest.« Anna wurde ernst und antwortete nicht. Jakob sagte dann wieder: »Lasse deinen Trotz fahren, liebes Weib, lasse dich mit mir regelrecht trauen und schenke mir Kinder, dann zweifle ich nicht mehr.«
Anna jubelte auf: »Aber Beine müssen die Jungen haben,« und damit fiel sie dem Kranken um den Hals. »Natürlich, denn wo fände sich eine Zweite wie du?« --
Jakob in den Armen haltend blickte Anna jetzt lustig zu mir auf und rief: »Nicht blos unsertwillen habe ich dich herüberbitten lassen. Ein Brief ist für dich eingelangt und er duftet nach Rosen, er wird von Frauenhand sein.«
Sie gab mir ein Schreiben, das ich sofort erbrach. Es war von Giulietta. Hier folgt es:
»Lieber Julian! Ich empfing deinen Brief aus Tulln. Er war frostiger, als ich denken mochte, obschon ich nicht zweifelte, was der Ausgang meines Romanes sein müsse. Freilich ist ja die Geschraubtheit des Amerikaners mit Schuld daran. Euch fehlen die Grazien. Ich mache dir keinen Vorwurf. Ich bereue nicht, was ich gethan; ich habe eine süße Stunde genossen und dir bereitet, aber ich habe auch erfahren, daß wir Frauen anders lieben, als ihr. Wir wollen erhalten, ihr wollt vermehren und verändern, ihr seid unersättlich.
Ich hatte am Sonntag kein Ziel, keine Absicht leitete mich; aber unvermerkt verband sich, da ich mich dir hingab, mit dem Entzücken des Augenblickes die Vorstellung von einem dauernden Glücke. Ich hoffte nicht, denn du machtest mir keine Hoffnungen, aber es schien, als ob das Glück werth wäre, festgehalten zu werden.
Hätte ich kühl überlegt, so hätte ich nicht geirrt, aber wie könnten wir Frauen überlegen, wenn wir liebend beglücken!
Wie bald wurde ich gewahr, daß du nicht vom selben Wunsche erfüllt bist, wie ich, und daß du nicht daran denkest, die Schwierigkeiten zu überwinden, die uns Frauen niemals abhalten, Liebe zu vergelten. Kein Mann wird Giulietta mehr umarmen. Ich habe nicht von dir, ich habe von der Liebe Abschied genommen, nicht ohne das Gefühl eines Menschen, der das bessere Gut verliert und sich an ein geringeres klammert, aber nur um zu erfahren, daß ihm auch dieses versagt ist. Gräme dich aber nicht darüber. Ganz ohne bange Zweifel konntest du nicht abgereist sein und ich will dich beruhigen. Es ist mir genug geblieben, daß du ohne Gewissensbisse in dein Land zurückkehren kannst. Ich bereue nicht und die Gewißheit, einem lieben Menschen eine Stunde seligen Entzückens geschaffen zu haben, bleibt mir doch.
Nun sieh' aber, was mir ein günstiges Schicksal gewährt hat. Peterchen wird doch mein Söhnlein. Ich habe ihn beobachtet und mir über ihn berichten lassen. So klein der Kerl ist, so weiß man doch, daß er gute Anlagen und das beste Gemüth hat. In so jungen Jahren vergißt er seine Mutter doch leicht und er wird an mir hängen. Der Verwaltungsbeamte hat ihn mir überlassen, nachdem Josefa und andere Verwandte dazu riethen.
Der Abend beim Beamten verlief sehr angenehm. Man hat gesungen und getanzt und ich bin gebeten worden, zu improvisieren. Die Italiener lieben es, über ein aufgeworfenes Thema Gedichte zu rezitiren, die der Augenblick gebiert.
Ich hatte großen Beifall und freute mich, unter Deutschen meine göttliche Sprache zur Geltung zu bringen.
Die Empfangsräume der Mitglieder des Vorstandes der Gemeinde -- wozu wir auch die Lehrer rechnen -- sind, dem Fortschritte und dem Aufschwunge unseres Staatswesens entsprechend, ganz besonders prächtig. Sie reichen durch zwei Stockwerke des Wohnhauses, in dem ich meine Stube habe, und sie bilden zwei große und zwei kleine Säle, von welchen man auf einer Seite in einen reizenden kleinen Garten gelangen kann, und auf einer anderen Seite in einen blumengeschmückten Glassaal. Der schönste Saal ist mit Stuckmarmor, Spiegeln, Broncecandelabern und Lustern reich verziert. Die Herren vom Vorstande haben sich darüber geeinigt, daß sie hier abwechselnd ihre Abende geben werden. Jeder bestimmt seine Einladungen nach seinem Gutdünken. Es wird zwar niemand ganz ausgeschlossen, aber der Zutritt wird nicht ganz gleichmäßig vertheilt werden. Diesmal war auch ein Erzherzog auf kurze Zeit zu sehen, der im Auftrage gekommen war, die neue Gemeinde zu begrüßen.
Dr. Kolb war da. Ein gesprächiger Mann. Es machte ihm Freude, zu hören, daß ich von ihm weiß und daß ich die Bildhauerkunst hoch schätze. Auch die Arbeiten meines Wahlbruders haben ihm sehr gefallen. Er vertraute mir an, daß er den Auftrag habe, -- er sagte mir nicht, von wem, -- eine Venus in Marmor auszuführen. Ich solle ihm Modell stehen. Werde mir nicht eifersüchtig, kein Mann soll mich mehr schauen. Der Künstler aber erklärte mir den Vorwurf und er ist nicht von der Art, daß ich seinem Wunsche nicht willfahren könnte. Peterchen wird nackt ausgezogen und mir als Amor in den Nacken gesetzt, um mir die Augen zuzuhalten. Wir streiten uns darum, ob der kleine Gott auf den Schultern knieen oder rittlings hingesetzt werden soll. Wir neigen jetzt dem letzteren Gedanken zu.
Ich wollte einige alte Toilettestücke verwenden, um die den Absichten des Künstlers entsprechende Kleidung anzufertigen. Aber er wehrte mir; man brauche da nicht zu sparen, der Stoff müsse von der Art sein, daß der Faltenwurf schön ausfalle. Es werde eine Bekleidungskünstlerin aus der Residenz kommen und man werde es sich etwas kosten lassen, um etwas wahrhaft Schönes zustande zu bringen.
Wir -- Dr. Kolb und ich -- werden uns oft treffen, denn ich soll mehr als andere Mädchen von der Geselligkeit in meiner neuen Heimath und wohl auch in der Residenz genießen.
So magst du, Lieber, voraussetzen, daß Giulietta geachtet und glücklich leben wird.
Lebe wohl und gedenke deiner Giulietta.« --
Ich verabschiedete mich von Anna und Jakob, die mir dankten, daß ich Anlaß gegeben hatte zu einem Wiederaufleben ihres Liebesglückes. Als ich in meine Wohnung kam, las ich den lieben Brief noch einmal. Es war mir wirklich ein Stein vom Herzen, zu wissen, daß mich Giulietta ganz und gar und ohne Kränkung frei gegeben hatte. Sie maß mir keine Schuld bei und so konnte ich ohne Schuldbewußtsein aus Oesterreich scheiden. Bei blankem Himmel fuhren wir mit vielen Schweizern, Franzosen und Engländern auf dem Dampfer nach dem schweizerischen Ufer.
So endete unsere Reise.
* * * * *
Hier sei es mir gestattet, noch einer Nachricht zu gedenken, die ich nach Jahresfrist empfing und die mir Giuliettens Wesen noch deutlicher machte. Meine Schwester Ellen ging nämlich auch nach Oesterreich, um sich das Land anzusehen, von dem ich gerne erzählte. Sie brachte den letzten Theil des Winters 2021 in Wien zu und blieb dann noch einige Wochen, um auch auf dem flachen Lande sich umzusehen. Sie hatte mit Lydia, der Tochter eines eingewanderten Amerikaners, Freundschaft geschlossen, und diese erleichterte ihr die Nachforschungen, die sie anstellen wollte.
Hier traf sie, ohne es zu wollen, mit Giulietta zusammen und den Theil ihres Reiseberichtes, der sich auf diese Begegnung bezieht, lasse ich hier folgen.
* * * * *
In Höflein angekommen bat ich meine Begleiterin, mich mit den Frauen und Mädchen bekannt zu machen, und wir wanderten daher nach dem Parke, wo zu dieser Stunde lebhaftes Treiben herrschte. Unter einem mächtigen Baume war eine große Anzahl von Damen versammelt und nachdem Lydia sich genannt hatte, stellte sie mich vor: »Miß Lydia West aus Boston.« -- Man erinnerte sich, daß im vergangenen Jahre ein Amerikaner meines Namens in dieser Gegend weilte, und ich bekannte, daß er mein Bruder sei und daß ich durch seine Schilderungen bewogen worden war, gleichfalls dieses Land zu besuchen, um es kennen zu lernen und mich insbesondere über die Stellung der Frauen aufzuklären.
Die Vorsteherin der Frauencurie, welche anwesend war, sagte mir alle Aufschlüsse zu, die ich wünschen möge. Ein Mädchen von strahlender Schönheit und stark sinnlichem Gepräge sah mir forschend ins Angesicht, als ich mein Verlangen kundgeben, und, indem sie mir die Hand entgegenstreckte, sagte sie: »Liebe Schwester, gestatte, daß ich dir meinen Namen nenne; ich heiße Giulietta Chiari und will dir helfen, deine Wißbegierde zu befriedigen.« Ich dankte lächelnd und wandte mich anderen Frauen zu.
Als sich nach einer Weile die Gruppe aufzulösen begann, schob Giulietta ihren Arm in den meinen und sagte: »Erlaube jetzt, daß ich dich entführe nach jenem Hain.« -- Sie rief einen Knaben, der in der Nähe spielte, und als sich Peterchen langsam erhoben hatte und herangetrippelt war, brachen wir nach dem schattigen Wäldchen auf. Lydia verabschiedete sich von mir und rief mir zu, daß wir beim Abendessen um neun Uhr uns finden und dann beim Einbruche der Nacht heimkehren wollten.
Da mich Giulietta mit sich fortzog, fragte sie: »Sage mir, Schwester Ellen, ist dir mein Name bekannt?« Ich antwortete mit einem ehrlichen nein! und sie sagte, nachdem sie sich umgesehen hatte, um sich zu überzeugen, ob Peterchen seiner »Mama« folge. »So ist dein Bruder doch verschwiegen.« -- »Hast du ihn näher gekannt?« -- »Gewiß, und was er pflichtgemäß verschwiegen, will ich dir ohne Scheu anvertrauen, denn wir Schwestern haben keine Geheimnisse unter uns.«
Giulietta versprach, mich am nächsten Donnerstage in die Versammlung der Frauencurie in Höflein einzuführen, und schilderte ihre Verfassung und Wirksamkeit. Jeden Donnerstag nach Tische versammelt sich die Frauencurie im großen Bibliothekssaale und ist zu dieser Zeit das ganze Stockwerk Männern und jungen Leuten verschlossen. Die Frauencurie besteht aus allen Mädchen und Frauen, die das achtzehnte Lebensjahr vollendet haben. Sie bestellt eine Vorsteherin und einige Lehrerinnen, welche die Pflicht haben, heranwachsende Mädchen zur geeigneten Zeit in die Geheimnisse des Geschlechtslebens einzuweihen und sie in allem zu unterrichten was erforderlich ist, um sich die Achtung der Männer und den Frieden unter den Frauen zu erhalten. »Innerhalb dieser Grenzen aber lassen wir umso größere Freiheit walten. Auch die staatlichen Gesetze betreffend die Ehe, die Zeugung, die Familie, die Erziehung und die Rechte der Mutter und Ehefrau sind Gegenstand des Unterrichtes. So auch der Inbegriff aller jener Geheimnisse, die es uns erleichtern, den Bedürfnissen der Gesellschaft zu entsprechen.«
»Nun liebe Freundin, haben die Bekenntnisse, die du mir versprochen, eine Beziehung zu dem Frauenleben?«
»Gewiß und sie werden umso größeren Eindruck auf dich machen, weil dein Bruder in meine Erzählungen verflochten ist. Sage ihm auch, wenn du zurückkommst in dein Land, daß ich ihn der Pflicht der Verschwiegenheit entbinde, wenn er dir seinerseits Bekenntnisse machen will, um dir noch bessere Einsicht in unsere Verhältnisse zu gewähren.«
Wir ließen uns abseits vom Wege auf eine Bank nieder und Peterchen, der sich neben einem Bache ins Gras legte, verfiel alsbald in Schlaf.
Ich sagte zu Giulietten mit einem Blicke auf den Knaben: »Bist du denn verheirathet?«
»Nein, der Knabe ist verwaist und ich bin seine Pflegemutter. Das hängt ein wenig mit der Begegnung zusammen, die ich mit deinem Bruder hatte.«
Giulietta erzählte mir ihre Lebensgeschichte; ich bat sie aber, darüber hinwegzugehen, denn darüber hatte mir Julian berichtet, nur hatte er mir keinen Namen genannt.
»Sage mir aufrichtig, liebe Schwester, hat er sich auch der Gunst berühmt, die ihm jene Ungenannte erwiesen?«
»Ich kann diese Frage wahrheitsgemäß verneinen.«
»Nun,« sagte Giulietta, »mir ist es nicht verwehrt, davon zu sprechen, denn es ist nur _=mein=_ Geheimniß. Höre.«
»An einem heißen Julitage badete ich in einer etwas abgelegenen Bucht des Meeres bei Triest, als ich in einiger Entfernung einen Mann gewahr wurde, der sich in den Fluthen tummelte. Ich war damals gegen meinen Willen frei geworden eines Versprechens, das mich seit zwei Jahren an einen Jugendfreund band. Die Bewerbungen anderer junger Männer, welchen mein Schicksal bekannt war, hatte ich zurückgewiesen, eben weil ich ihnen vorher mit der Hoheit einer für die Ehe geweihten Jungfrau begegnet war und sie nicht den Gedanken fassen sollten, aus meinem Unglücke Vortheil zu ziehen. Aber das Weib regte sich in mir, das Verlangen, zu beglücken und darin selbst mein Glück zu finden, brach zuweilen hervor und die Natur erinnerte mich daran, daß sinnliche Begierden Gewalt über uns haben. Meiner Rechte war ich mir bewußt und so wurde das Verlangen nach den Umarmungen jenes Fremdlings immer stärker. Dein Bruder, jener Fremdling, ist ein Apollo und da er sich mit dem Wasser balgte, bald mit mächtigen Stößen die Fluthen theilte, bald untertauchte, dann wieder emporschnellte, verlor ich mich in Betrachtung, ließ mich vom Wasser tragen und legte meine Wange auf die glatte Fläche, ohne meine Glieder mehr zu bewegen, als nöthig war, um nicht unterzusinken. Nun wurde jener Mann auf mich aufmerksam und wie er errathen haben mochte, daß dort ein Weib bade, wandte auch er seinen Blick nicht mehr von mir. Er näherte sich langsam, nicht ohne mir Zeit zu lassen, mich zu flüchten, und da ich die Gelegenheit nicht ergriff, meine Augen auch nicht von ihm ließen, steuerte er endlich an meine Seite und grüßte achtungsvoll. Er bat um die Erlaubniß, in meiner Nähe zu bleiben, und nun durchmaßen wir die Bucht und schwätzten von unserer Heimath und dergleichen. Julian schlug mir vor, ins weite Meer hinauszuschwimmen, und da ich sah, daß er sich in den Schranken zu halten wisse, die wir den Bewerbungen der Männer setzen, willigte ich ein, sagte aber scherzhaft, ich wolle mich versichern, daß er mich nicht etwa auf der weiten Wasserwüste allein verschmachten lasse, wenn er meine Gesellschaft würde satt haben. Ich band einen Kahn, in welchem ich meine Kleider abgelegt hatte, vom nahen Ufer los, zog die lange Leine hervor und knüpfte sie an seinen linken Fuß. Er lachte und zog das Fahrzeug, als er mit mir ins Meer hinausschwamm, sich nach. Obwohl er nun nur _=ein=_ Bein zum Schwimmen frei hatte, ging es doch rasch vorwärts, denn Julian ist von herkulischer Kraft und wunderbarer Gewandtheit, was ich in der Erregtheit, die ich fortwuchern ließ, mit Wohlgefallen bemerkte. Bald waren wir soweit ins Meer hinausgekommen, daß wir kaum mehr die Ufer unterscheiden konnten, und Julian regte den Gedanken an, daß wir uns jetzt von den Fluthen tragen lassen und das Gesicht dem Himmel zuwenden sollten. Obwohl mein Schwimmkleid den Oberkörper nicht verhüllte, wies ich diesen Vorschlag nicht zurück und so lagen wir nun eine Weile wie Gatten auf einem endlos weiten Brautbette. Julian verschlang mich mit den Augen, hielt aber immer auf Armeslänge von mir, und so schwelgten wir im wechselseitigen Anschauen. Nun näherte ich mich selbst und schob meinen Arm unter des Gefährten Schultern. Er that desgleichen, aber da wir so verstrickt neben einander lagen, wagte der Genosse dieser süßen Stunde doch nicht, seine Lippen den meinigen zu nähern, und so zog ich ihn jetzt an meine Brust und besiegelte mit einem Kusse das Bündniß, nach dem wir beide verlangten. Und denke, auch jetzt noch beschränkte sich sein Mund auf meine Lippen und darum vergrub ich meine Finger in seine Haare und lenkte ihn sanft nach meinem Busen: Da erfaßte ihn wilde Begierde -- und doch, da ich sagte: »Julian, sei vernünftig, laß mich die Zeit wählen,« riß er sich los und wir trennten uns wieder. Nur seine Augen ließen nicht mehr von mir und zu unbefangenem Plaudern konnte ich ihn nicht mehr bringen.«
»Ich war jetzt seiner Selbstbeherrschung gewiß und so forderte ich ihn bald auf, den Kahn heranzuziehen. Wir nahmen in selbem Platz und Julian ruderte mich ans Land.«
»Als wir uns dem Ufer näherten, bat Julian um die Erlaubniß, mir die Dienste einer Zofe zu leisten, und ich erlaubte ihm, mich zu bekleiden.«
»An jenem Abend genoß ich das Liebesglück in seinen Armen; das erste Mal in den Armen eines Mannes!«
»Welcher Sturm des Genießens, welche Leidenschaft! Ich hätte mich wahrlich willig erdrücken lassen. Das Weib fühlt sich in diesem Augenblicke dem Universum verbunden und glaubt, in sich zusammenzufassen alles Liebesglück, das unzählbare Menschen in Aeonen genossen.«
»Eine Woche später trafen wir hier zusammen. -- Ich hatte mich von meiner Heimath losgerissen und war am Tage der Eröffnung dieser jungen Gemeinde hier eingetroffen. Der Zufall führte uns auf dem Gelände zusammen. Er warb noch einmal um meine Gunst, indem er sich eines Fingers bemächtigte und ihn zärtlich drückte. Nach kurzem Besinnen erwiderte ich den Druck und gab ihm so meine Einwilligung zu erkennen, ihm wieder anzugehören.«
Während dieser Erzählung hatten wir unseren Ruheplatz verlassen und Giulietta hatte ihren Schützling in ihre Arme genommen. Der hatte ein paarmal im Schlafe aufgeredet, dann lag er wie ein Mehlsack an ihrer Brust, das Gesicht auf ihrer Schulter. Wir betraten Giuliettens Stube und nachdem sie Peter in seinem Bettchen niedergelegt, den Schlummernden entkleidet und ihm zärtlich die Wange geküßt hatte, fuhr sie fort.
»In diesem Stübchen warb dein Bruder wieder um mich. Er war weniger rücksichtsvoll als in Triest. Ich mußte ihn mehr als einmal zurechtweisen.«
»Endlich siegte sein Werben über meine Zurückhaltung und da ich ihm willfahren wollte, entließ ich ihn auf kurze Zeit aus meiner Gegenwart unter dem Vorwande, daß ich nach einer Rose begehrte, die er mir aus dem Garten holen solle.«
»Ich hatte dort eine herrliche Rose gesehen, in deren innerstem Kelche ein Insekt, halbbetäubt vom Dufte, wie taumelnd nach einem Auswege suchte. Es kam mir vor, wie ein verliebter Mann, der seinen Wunsch erfüllt sah und nun nach Freiheit begehrt. Ich wollte es nicht entkommen lassen und meinte, es solle im Uebermaße des Wohlgeruches den Tod finden. So nahm ich ein Stück vom Spinnengewebe, das sich von einem Zweige der Rose zum andern spann, und versperrte ihm alle Auswege. Dieser Rose erinnerte ich mich und Julian sollte sie mir bringen. Als er, schönen Lohnes sicher, davon gerannt war, um die Rose zu holen, bereitete ich mich und mein kleines Gemach vor, ihn zu empfangen. Da er wieder kam und sich an meine Brust warf, wurde er die Gelegenheit gewahr, die ich ihm bot; er bemächtigte sich ihrer und holte sich aus der losen Hülle seine Najade hervor. Da er sah, daß ich unserer ersten Zusammenkunft gedacht, hob er mich mit einem Freudenrufe in seine Arme und bettete mich auf meinem Lager. Noch einmal schwelgten wir im Entzücken des Liebesgenusses. Aber da kam dann eine Enttäuschung. Es bemächtigte sich meiner ein süßes Gewöhnen, ich suchte nach dauerndem Glücke, ich träumte davon, mich immer wieder aufs Neue zu berauschen, ich glaubte, wir sollten uns immer angehören. Er konnte ja hier bleiben oder mich nach Amerika mitnehmen. Ich war mir nicht klar, wie es werden sollte, aber ich wurde für einen Augenblick Sclavin einer Leidenschaft.«
»Als wir uns später im Garten begegneten, mochte er ebenso, wie ich, gedacht haben, was werden solle. Ich glaubte aber zu bemerken, daß seine Neigung zu mir weniger ernst sei; ich zweifelte daran, daß er meine Gunst nach ihrer ganzen Größe zu schätzen wisse, und da nahm ich die Rose aus meinem Haare und entließ das Insekt. Er deutete die symbolische Handlung offenbar richtig, protestirte nicht, und ich war überzeugt, daß er der Freiheit, die ich ihm eröffnete, sich bemächtigen wolle. So schieden wir und ich suchte mein Verlangen niederzukämpfen.«
»Von meinem Fenster sah ich noch, wie er, vorgebeugt und innerlich zerrissen, nach meiner Stube blickte. Aber bald darauf hörte ich auf der Landstraße einen Reiter davon stürmen und ich wurde Herr über meine Schwäche.«
»Und hast du deine Ruhe wieder erlangt, liebe Giulietta?«