Oesterreich im Jahre 2020: Socialpolitischer Roman

Part 17

Chapter 173,507 wordsPublic domain

Was das Eigenthum betrifft, so herrschen folgende Grundsätze. Die Socialisten des neunzehnten Jahrhunderts, sagt man, seien gemeiniglich von der Ansicht ausgegangen, der Arbeiter müsse Eigenthümer des Arbeitsproductes sein und dadurch in die Lage gesetzt werden, den vollen Ertrag seiner Arbeit aus dem Producte zu ziehen. Da es nun aber klar war, daß, wenn der einzelne Arbeiter für sich producirt, alle Vortheile der Großproduction verscherzt werden, wollte man dem dadurch abhelfen, daß die Arbeiter sich zu Genossenschaften vereinigen. Da auch das nicht viel versprach, da niemand gezwungen werden konnte, einer Vereinigung beizutreten, bestehende Vereinigungen nicht gezwungen werden konnten, neue Mitglieder aufzunehmen, so wollte man Zwangsgenossenschaften derart begründen, daß alle Angehörigen eines Gewerbes auf einem bestimmten Gebiete für gemeinschaftliche Rechnung arbeiten sollten. Dadurch wieder mußte ein Interessenconflict zwischen den einzelnen Productionszweigen entstehen. Wären die Bauern zu einer solchen Genossenschaft vereinigt, so könnten sie alle Gewerbsleute aushungern und in die drückendste Abhängigkeit versetzen, weil die Nahrungsmittel unentbehrlich sind, die Befriedigung aller anderen Bedürfnisse aufgeschoben werden kann. Da wollte man wieder festsetzen, daß jene Produzenten, die ihre Producte zurückhalten, um eine Preissteigerung herbeizuführen, sollten gezwungen werden können, ihre Producte zu verkaufen.[N] -- Wozu sollte nun der Producent Eigenthümer seines Productes bleiben, wenn man ihn dann wieder sollte zwingen können, zu verkaufen? Das hätte übrigens gerade bei den landwirthschaftlichen Producten gar keinen Sinn, denn der Bauer braucht Vorräthe für den Hausbedarf und für die Bestellung der Felder, und wer könnte ihm festsetzen, wie viel er verkaufen müsse und wie viel er für sich behalten könne. Alle Versuche, die Wirthschaftsordnung nach dem Principe zu regeln, daß jeder einzelne oder einzelne Berufsgenossenschaften über das ganze Reich oder nach Provinzen, Kreisen &c. für eigene Rechnung produciren sollten, mußten scheitern. Zudem ergeben sich vielerlei Wechselfälle, Viehseuchen, Hagel, Feuer u. s. w., gegen welche wieder Versicherung gewährt werden sollte, und die Verwirrung wurde immer größer, abgesehen davon, daß alles dahinzielte, noch mehr Vertheilungsarbeit hervorzurufen, als man damals ohnehin schon für den Güterumsatz und ein höchst mangelhaftes Versicherungswesen aufwenden mußte.

Eine niemals genügend untersuchte Frage war auch die, wie es mit den Wohngebäuden zu halten wäre. Da der Staat nicht selbst produciren sollte, so konnte er auch auf die Niederlassung der Staatsbürger nicht nur keinen Einfluß nehmen, sondern er konnte nicht einmal rathen, wohin sich jemand wenden sollte, der in die Production eintritt. Man bildete sich auch ein, jeder müsse sein eigenes Haus haben. Abgesehen davon, daß das äußerst unökonomisch ist, daß diese planlose Aufbauung zahlloser Häuser auch die größte Verwirrung in viele öffentliche Anstalten, Schulen, Straßen, Beleuchtung bringen mußte, war auch an ein öffentliches Leben, geordnete Geselligkeit, eine verläßliche Volksabstimmung nicht zu denken, wenn die Ansiedlung nur nach individuellen Impulsen sich ausdehnten oder verkümmerten. Und nun, was sollte derjenige thun, der ein Haus gebaut oder erworben hatte, um hier ein Geschäft zu betreiben, wenn er in seinem Berufe nicht fortkommen konnte? Man wollte ihm freien Uebertritt zu anderen Gewerben oder den Wechsel des Wohnsitzes aus Erwerbsgründen ermöglichen; nun war er aber Eigenthümer eines Hauses, das sollte er mit Verlust verkaufen oder es vermiethen und einem Dritten die Verwaltung überlassen. Es war doch klar, daß es vor allem galt, die Glieder des Volkes gegen die Wechselfälle im wirthschaftlichen Leben zu schützen, und man bereitete ihnen unter dem lockenden Namen »Freiheit« zahllose neue Gefahren, eine Zerfahrenheit und Verwirrung, die größer war, als man je erlebt hatte.

Eine Versicherung war überdies zu gewähren für Zufälle, durch die jemand erwerbsunfähig wurde. Es war also auch der Nichtarbeiter zu versorgen. Wenn nun die Arbeitsproducte Eigenthum der Producenten waren, wie sollte da der Erwerbsunfähige erhalten werden? Man mußte wieder die Producenten besteuern, also auch aus diesem Grunde einen Theil ihres Eigenthumes ihnen nehmen. Und wie sollten die Productionsmittel an die Producenten gelangen, wenn sie Staatseigenthum sind, was die Socialisten forderten? Sollte jeder einen gleichen Antheil an Grund und Boden und einen gleichen Antheil an Maschinen erhalten und was waren gleiche Antheile bei der außerordentlichen Verschiedenheit der Ertragsfähigkeit des Bodens? Oder sollte verpachtet werden? Mit Wohn- und Wirthschaftsgebäuden oder ohne selbe, an Einzelne oder Genossenschaften, auf wie lange, unter welchen Bedingungen? Und wer sollte investieren, wie sollte man Raubwirthschaft verhindern?

Das war alles unausführbar; ausführbar war nur die Nachahmung bes Großbetriebes, wie er im neunzehnten Jahrhundert mit so großem Erfolge gedieh, aber nicht für Rechnung eines Einzelnen oder eines Unternehmers, sondern für Rechnung des Staates, der die Niederlassungen nach statistischen Daten erbaute und besiedelte, die Bevölkerung nach dem Arbeitsbedürfnisse vertheilte, die Arbeiten anordnete und vertheilte, producirte, was das Volk brauchte und alle wirthschaftlichen Gefahren auf sich nahm. Jeder mußte nach Kräften an der Herstellung der Gesammtproduction mitwirken und erhielt dafür die Versorgung aus dem Gesammtproducte zugewiesen.

Der Staat also blieb Eigenthümer der Materie durch alle Stadien der Production und betrachtete die Arbeiter, wie sie ehemals der Unternehmer betrachtet hatte; der Arbeiter war besitzlos und blieb besitzlos, das Product gehörte ebenso dem Staate, wie der Grund und Boden und die Urstoffe, und der Arbeiter erhielt nur das zugewiesen, was er verbrauchen mußte, und zwar nur zum Verbrauch, nicht zur Ansammlung von Vorräthen.

Der Unterschied aber gegen früher war der, daß der Staat wieder nur die Gesammtheit der Arbeiter war, daß der Arbeiter als stimmberechtigter Bürger im Staate herrschte und daß das ganze Product unter die Arbeiter vertheilt werden mußte nach Grundsätzen, die die Gesammtheit der Arbeiter guthieß. Es entfielen alle Abgaben an Parasiten.

Da der arbeitenden Bevölkerung die Wichtigkeit tüchtiger und gewissenhafter Beamten, Lehrer und Aerzte, die Notwendigkeit der Monarchie, die Nützlichkeit der Adelsinstitution, der Ermunterung des Erfindungsgeistes, der Forschung und der Künste, die Notwendigkeit ferners der höheren Entlohnung fleißiger Arbeiter und gewisser gefährlicher und gesundheitsschädlicher Arbeiten einleuchtete, bewilligte sie, daß ein gewisser Bruchtheil des Productes dazu verwendet wurde, aber das sollte ein Zehntel des Gesammtproductes nicht übersteigen, und so konnte niemals eine erhebliche Beeinträchtigung des Einzelnen herbeigeführt werden.

Ein Zehntel des Gesammtproductes war in Oesterreich die Arbeit von 2.200.000 Arbeitern und es ist evident, daß das nicht nur ausreichen mußte, um Krone und Adel, wofür nur ein Procent ausgeworfen wurde, sondern daß es auch genügen mußte, Beamte, Lehrer und Aerzte zu erhalten, die etwas mehr als ein Procent der Bevölkerung ausmachen und auf welche drei bis vier Procent des Productes verwendet werden konnten, was bei ungleicher Vertheilung unter den betreffenden Personen wieder eine glänzende Dotirung der höchsten Stellen verstattete. Der Rest von fünf Procent wieder war übergenug, um Künste und Wissenschaft zu fördern, Erfinder zu belohnen und eine Abstufung in der Entlohnung unter den Arbeitern nach Fleiß, Geschicklichkeit und Opferwilligkeit zu begründen, und endlich, um das Capital zu erhalten und zu vermehren. Der Staat nun konnte aber doch nicht alle Materie bis zum gänzlichen Verbrauche festhalten, weil dadurch jede freie Thätigkeit selbst auf dem Gebiete der geistigen Production wäre unterbunden worden. Das Volk bewilligte also, daß ein Theil des Productes unter der Bezeichnung Consumtibilien vertheilt werde. Auf diese Weise baute Schneider sein Schutzhaus, erzeugte man Photographien, Statuen, Schnitzereien, Modelle für neu erfundene Gegenstände, Werkzeuge und Maschinen &c. &c. An solchen Consumtibilien mußte man gewissermaßen das Eigenthum erwerben können, wenn auch kein volles, denn in Wahrheit gab der Staat sein Eigenthum an nichts auf. Wer in freien Stunden, und nicht im Auftrage des Staates, ein Bild malte, eine Zeichnung anfertigte, ein Werkzeug oder eine Maschine nach seiner Erfindung herstellte, war, da ihm alles dazu erforderliche zum Verbrauche war überlassen worden, ebenso berechtigt, daran zu ändern, es umzugestalten oder auch es dem Verbrauche auszusetzen, als wäre es sein Eigenthum, aber doch nur in Folge einer Gestattung des wirklichen Eigenthümers, der immer der Staat blieb. -- Dieser konnte sein Eigenthum auch jederzeit wieder geltend machen, dem Gebrauche und Verbrauche Einhalt zu thun und die Sache wieder zurückfordern, wie dem Staate auch zweifellos das Recht zustand, hinterlassene Briefe eines berühmten Mannes in Anspruch zu nehmen, wenn sie durch die Geschichte des Briefschreibers einen Werth erlangten. Auch war es Niemand erlaubt, etwas ohne Bewilligung des Staates ins Ausland zu schaffen oder irgend etwas zum Gegenstande des Handels zu machen oder gar in der Absicht, jemand zu corrumpiren, anderen geschenkweise zu überlassen. Das wäre nicht nur strafbar gewesen, sondern der geschenkte Gegenstand wäre auch zurückgefordert worden.

Dabei konnte aber die Staatsverwaltung auch nicht willkürlich, sondern immer nur nach dem Volkswillen verfahren. Hätte bei der Vertheilung von Consumtibilien Dr. Kolb soviel Erz, Feuerungsmaterial &c. auf seinen Antheil erhalten können, um eine Statue zu gießen, so würde er oder seine Familie oder die Gemeinde, ein Freund, eine Geliebte bis auf weiteres im ausschließlichen Genusse der Statue verblieben sein, aber die Statue bliebe Eigenthum des Staates und von diesem hinge es ab, ob die Statue etwa auch auf Erben übergehen dürfe.

XVIII.

Wir kamen nachmittags nach Bregenz. Der Bodensee bot im hellen Sonnenscheine einen entzückenden Anblick. Tausende von Booten aller Größen drängten sich an den Ufern, in der Ferne sah man zahlreiche Dampfer, welche heute viele Tausende von den schweizerischen und deutschen Ufern des Sees herangebracht hatten, laviren.

Es war Donnerstag der 6. August, der Vorabend unserer Abreise aus dem uns liebgewordenen Oesterreich. Vom Bahnhofe bis zu den schönen Gebäuden der Stadt und die Ufer entlang war ein Gedränge von Menschen zu sehen, worunter auch Fremde aller Zungen und aus allen Welttheilen. Wir eilten zu Tische, denn in kurzem stand die Ankunft des Kaisers und des kaiserlichen Hofes bevor. Die Nachrichten liefen von Zeit zu Zeit ein, wie der kaiserliche Zug die Stationen durchfuhr und nun eilten viele zum Bahnhofgebäude, den Monarchen zu empfangen.

Die Kaiserin am Arme, gefolgt vom Kronprinzen und dessen jüngeren Brüdern, dann von zahlreichen Erzherzogen und Prinzessinnen und dem Hofstaate, schritt der Fürst, begrüßt und grüßend über den mit Teppichen belegten kurzen Weg nach dem mächtigen Portale des herrlichen Baues, der heute eröffnet werden sollte. Er war noch verschlossen und am Eingange harrten die Baumeister und die Werkleute in alterthümlicher Tracht, die kunstreich angefertigten Schlüssel in den Händen, um, nachdem einige der Feier angemessene Reden gewechselt worden waren, die Thore zu öffnen, über deren Schwelle voran der Kaiser und die Kaiserin schritten und ihnen nach die Prinzen und Prinzessinnen, dann hohe Beamte und Mitglieder des Adels, Einheimische und Fremde flutheten und in kurzem beinahe den Riesensaal füllten. Der Seeseite gegenüber an der Längswand, von wo aus man durch hohe Fenster und Glasthüren in einen herrlichen Wintergarten blickte, war eine erhöhte Bühne, mit Teppichen bedeckt, aufgerichtet, welche der Kaiser mit seiner Familie, dem Adel und den hohen Beamten hinanstieg und, nachdem der Saal gefüllt und Ruhe eingetreten war, nahm der Kaiser, die Kaiserin zur Rechten und den Kronprinzen zur Linken, auf dessen goldgelockten Kopf er seine Hand legte, das Wort, um eines Ereignisses in seiner Familie zu gedenken, das Anlaß zum Baue des Palastes und zur heutigen Feier bot.

Am selben Tage vor drei Jahren war der Kronprinz, der jetzt in blühender Gesundheit neben dem Kaiser stand, im Bodensee, wo er, noch des Schwimmens unkundig, badete, von einer Welle ergriffen und in den See, der ziemlich bewegt war, hinausgetragen worden. Händeringend stand die Mutter am Ufer und zwei Schiffer stürzten sich ins Wasser, um den Prinzen zu retten. Sie wollten nichts von Dank wissen und sagten freimüthig, es sei ihnen um das Menschenkind, nicht um den Prinzen gewesen, und der Kaiser, darum nicht weniger dankbar, beschloß, zur Erinnerung an diese That der Nächstenliebe die Stadt Bregenz mit einem Palaste zu beschenken, der auf Kosten der Civilliste erbaut werden sollte. Nachdem der Kaiser noch einmal den Rettern, die weder genannt werden wollten, noch bei der heutigen Feier erschienen waren, den Dank ausgesprochen, erklärte er, den Bau nunmehr den Einwohnern der Stadt zu übergeben, damit sie hier sollten frohe Stunden verleben und den vielen Gästen, die das ganze Jahr über hier zusammenströmten, bereiten können.

Dann gab der Kaiser, der stehend und unbedeckten Hauptes gesprochen, das Wort dem obersten Beamten der Provinz, der die Festrede hielt, in welcher er die Nächstenliebe pries und schilderte, was sie schon Großes in Oesterreich vollbracht habe.

Nach Beendigung der Festrede intonirten die anwesenden Sänger eine passende Cantate, worauf man den Rundgang im herrlichen Baue antrat, der in den letzten drei Jahren ausgeführt worden war und, wie wir Amerikaner sagen würden, mehr als zwei Millionen Mark gekostet hatte. In Oesterreich schätzte man den Bau auf zweitausend Arbeitsjahre.[O]

Die Gesammtanordnung war dieselbe, die alle diese Bauten zeigten. Doch war das Geschoß, welches den großen Saal enthielt, höher, als gewöhnlich und erreichte eine Höhe von sechzehn Metern. Die Pfeiler zwischen den bis zur Decke reichenden Fenstern und die Säulen, welche die Decke und den darüber errichteten Bau trugen, waren mit Stuck bekleidet, die Stuckadorung der Gesimse und der Decke war weiß mit Gold und an den Pfeilern sah man, gestützt von Consolen, die Büsten des Kaisers und der Kaiserin, dann der Prinzen, endlich die der Reichstribunen und der Provinzialtribunen des Jahres. Die Büsten der Lebensretter durften nicht aufgestellt werden, weil diese es nicht gestatteten.

Der Ausblick nach der Seeseite war ebenso entzückend, wie der Blick nach dem gegenüberliegenden Wintergarten, der mit Palmen und anderen Gewächsen geziert war. Auch der Bibliothekssaal war reich geschmückt und war dort die Statue des Dichters Hermann von Gilm aufgestellt. Diesen großen Saal, der sechshundert Quadratmeter maß, umgaben sechzehn kleinere Säle, die in den verschiedensten Stilarten auf das herrlichste ausgestattet und eingerichtet waren, und befanden sich dort zahllose Broncen, Marmorbildwerke und Gemälde.

Für die Ventilation hatte man ein neues System angewendet, das nach vielen Versuchen und Verbesserungen allgemein anwendbar war gemacht worden. Man erzeugte durch Maschinen, die im Dachraume angebracht waren, große Kälte in einem geschlossenen Raume, in dem die von außen eingeführte Luft stark abgekühlt wurde, und diese wurde dann durch im Mauerwerke und den Säulen angebrachte Röhren zum Fußboden der Säle und dem des großen Speisesaales geleitet.

Dagegen waren die hohen Saalfenster an den Decken der zu ventilirenden Räume zu öffnen und zog dort die verdorbene und erwärmte Luft umso rascher ab, weil die am Fußboden nachströmende kältere und schwerere Luft sie verdrängte. Die Luft, die man den Räumen zuführte, wurde aus dem angrenzenden Fichtenwalde eingesaugt und duftete auf das köstlichste.

Auch von außen bot der Bau einen schönen Anblick. Die Thürme an den vier Ecken, welche die Stiegen enthielten, waren mit Epheu umrankt und ragten hoch über den Bau hinweg, oben mit einer Brustwehr abgeschlossen. Auch die Hauptmauern des Baues waren weit über das obere Geschoß hinaufgeführt und über dem eigentlichen Dache eine flache Bühne aus starker Construction errichtet, welche theils mit Erde bedeckt, theils gepflastert, einen reizenden Garten bildete, in dessen Mitte der obere Theil des Bibliothekssaales emporragte. Zum Baue gehörte auch noch ein Schatz von Glas und Porzellan, Tafelsilber und Tafelwäsche, sowie die kostbare Einrichtung der Küche und der unterirdisch angebrachten Bäder.

Nachdem der Bau in allen Theilen war besichtigt worden, strömte nach und nach alles zu den drei großen Ausgängen, die nach dem See führten, und da sah man zuerst den Kaiser, die Kaiserin und die Prinzen und dann das Gefolge und die Sänger, Fremde und Einwohner heraustreten, um über den Vorplatz und die Treppen nach den Schiffen zu gelangen. Zuerst füllte sich das reich geschmückte kaiserliche Boot und dann die Sängerpontons. Es waren drei berühmte Sängervereine zum heutigen Feste gekommen. Voran der Wiener Verein, der noch immer den ersten Platz behauptete und dessen Leitung in den Händen eines Mannes lag, dessen Aeußeres kaum den Künstler verrathen hätte. Ein breites etwas rothbrüchiges Gesicht, eine große knochige Gestalt, ein etwas verkürztes Bein waren Merkmale, die an einen berühmten Sänger aus alter Zeit erinnerten, dessen Name und Gedenken den Oesterreichern überliefert waren. Aber auch die Stimme war dieselbe, ein entzückender lyrischer Tenor, der, sobald er nur anschlug, sich schon alle Herzen gewann. Der Name des Sängers war Rieger.

Dann waren hier die Kölner, die lange rangen, es den Wienern zuvorzuthun, aber auch mit der zweiten Stelle zufrieden sein konnten, und der dritte Verein war der Berner Sängerbund.

Die Pontons für die Sänger waren auf großen Booten, die die schwere Last zu tragen vermochten, errichtet und konnte jedes über vierhundert Sänger fassen. Die Fortbewegung geschah durch eine verstellbare Schiffschraube, die vom Verdecke aus mit der Hand in Bewegung gesetzt werden konnte. Diese Pontons schwammen langsam in den See hinaus, das kaiserliche Boot und einige andere Boote in die Mitte nehmend und von außen von tausenden kleiner Boote und den Dampfern umschwärmt. Die Berner eröffneten das Sängerfest, dann folgten die Kölner und dann harrte man erwartungsvoll des altberühmten Sanges der Wiener. Ein mächtiger Chor begann und nachdem er leise verhallt war erhob sich der himmlische Tenor des Wiener Meisters in getragenen, anschwellenden und wieder verklingenden Weisen. Nach wenigen Tönen hatte diese herrliche Stimme alle Herzen bezaubert, aller Lärm erstarb und nicht nur die Menschen lauschten athemlos, auch der Wind und die Wellen, die eben noch spielten, schienen sich zu legen, kein Ruder rührte sich und die Vögel des Himmels ließen sich auf den Booten nieder, um zu hören. Andächtig folgte man den Tönen, die, vom Wasser getragen, so leise sie auch klangen, doch weithin hörbar waren.

Da plötzlich ein markerschütternder Schrei: »Jakob, mein Jakob!« und da man sich nach einem Boote mitten zwischen den Sängerschiffen wandte, sah man auch die Kaiserin erschreckt und mit herzbrechendem Jammer sich nach dem Wasser neigen. Doch der Kaiser gebot mit einer Handbewegung Ruhe, daß kein Ruder ins Wasser tauche und kein Boot in dem fürchterlichen Gedränge sich bewege, und sieh', da taucht ein Blondkopf neben dem Sängerschiffe auf, der Kronprinz erfaßt die Planken, die sicheren Halt bieten, und indem er sich hinaufschwingt, zieht er aus dem See den halbtodten Jakob nach, der unfehlbar hätte ertrinken müssen, wenn der Prinz sich nicht, ehe ihn die Kaiserin zurückhalten konnte, ins Wasser gestürzt und das eigene Leben gewagt hätte, -- und dort, wo tausende von Booten eingekeilt und sich stoßend, das Emporkommen erschwerten. Allgemeiner Jubel erscholl und die arme Anna, die schon fürchtete, den Schützling zu verlieren, fiel der Kaiserin und dem Kronprinzen um den Hals. Eine mächtige Bewegung pflanzte sich über den See und bis ans Ufer fort, als man erfuhr, was vorgegangen war. Sie nahmen den armen Jakob, der sich bald erholte, auf das kaiserliche Schiff und nachdem man die Geretteten ans Land gerudert hatte, um ihnen trockene Kleider zu besorgen, traten die ersten Sänger zusammen, um sich auf das Lied zu einigen, das für diese Stunde sich am besten zu eignen schien. Es war das Lied: Freiheit, Gleichheit und Menschenliebe, das die drei Chöre vereint erschallen ließen. Voran die Berner die Strophe von der Freiheit, wo dem Chore eine mächtige Baßstimme folgte, dann die Kölner die Strophe von der Gleichheit, die ein sympathischer Bariton pries, und am Ende die Wiener, welche abwechselnd mit dem Tenor die Menschenliebe besangen.

Mittlerweile flammten auf den Bergen in Vorarlberg und der Schweiz die Freudenfeuer auf, die der alten Sitte gemäß den Kaiser begrüßten und deren Schein vortrefflich zu der Stimmung paßte, welche sich über so viele hier verbreitet hatte.

So hatten wir am letzten Abende unseres Aufenthaltes in Oesterreich Zeuge sein können, wie der Kronprinz für seine Rettung den einzigen Dank abstattete, der dem empfangenen Dienste ebenbürtig war. Und da nun, spät am Abende, nachdem längst alle Schiffe waren beleuchtet worden, die gesammte Flotte den Bernern, die nach Rorschach fuhren, das Geleite gab, schlossen wir uns an und kehrten erst um Mitternacht nach Bregenz in unsere Quartiere zurück.

Des anderen Morgens ließ mir die schöne Anna sagen, ich möge sie besuchen und ihr Hilfe bringen. Jakob liege im Fieber und wenn er ab und zu zu sich komme, zeige er eine unbegreifliche Melancholie. Er beklage, daß er nicht den Tod im See gefunden, und härme sich ab, daß seine Anna, an einen Krüppel gekettet, ihr Leben vertrauere, wie er sich ausdrückte. Hier theile niemand die Sorge um ihn mit der Gefährtin und da er jetzt krank liege, bedrücke ihn der Gedanke, daß sie sich ihm opfere. Gewiß habe sie längst bereut, wolle aber ihrem Worte nicht untreu werden. Der Freund möge kommen und versuchen, ob er rathen könne.

Ich hatte noch einige Stunden vor unserer Abreise vor mir und bat Mr. Forest, die Geschäfte mit der Verwaltung abzumachen, während ich zu dem unglücklichen Paare eilte. Gerade gingen die Kaiserin und der Kronprinz, dem das kalte Bad nicht geschadet hatte, vom Krankenbette weg. Erstere grüßte freundlich und erinnerte sich, daß wir nun schon zum dritten male zusammentrafen. Dem Kronprinzen reichte ich die Hand, indem ich seiner muthigen That rühmend gedachte. Er ergriff sie zögernd und befangen.

Als ich bei Anna eintrat, fand ich die zwei in Verzweiflung. Jakob ließ sich nicht überreden. Das Opfer sei unnatürlich. Da zog ich ein uraltes vergilbtes Zeitungspapier aus der Tasche und bat um die Erlaubniß, ihnen daraus vorlesen zu dürfen. Er lächelte wehmüthig und willigte ein. Folgendes war meine Erzählung.

»Eine Storchengeschichte.

Auf einem holsteinischen Gute, so erzählt die »Kieler Zeitung,« ereignete sich vor elf Jahren, daß ein Storch im Kampfe mit einem eifersüchtigen Nebenbuhler dermaßen verletzt wurde, daß er flügellahm vom Neste herabpurzelte. Trotz sorgsamer Pflege, die dem armen Invaliden zu Theil wurde, gelang es nicht, ihn so weit wieder herzustellen, daß er seine Schwingen gewohntermaßen gebrauchen konnte. Vielmehr wanderte Meister Rothbein von jetzt an trübselig auf dem Hofe umher, drückte sich in Scheunen und Ställen herum und schien an seinem Schicksale schwer zu tragen.