Oesterreich im Jahre 2020: Socialpolitischer Roman

Part 16

Chapter 163,347 wordsPublic domain

Es ist unter ihnen Tradition, daß Mäßigkeit in Allem, besonders in der Liebe -- aber auch in der Enthaltsamkeit -- die Schönheit bewahrt und daß auch heftige Gemüthsbewegung, Kränkung, Eifersucht, Zorn den Zauber vom Frauenleib nimmt. Auch dieser Glaube ist heilbringend. Und davon geleitet, überließ sich Giulietta nicht allzusehr dem Kummer, der sie doch immer an verlorenes größeres Glück gemahnte. --

Giulietta war noch nicht herabgekommen. Sehnsucht nach ihrem Anblicke quälte mich. --

Sie war zur Vorsteherin einer Strohflechtschule bestimmt worden, da sie in dieser Arbeit eine außerordentliche Geschicklichkeit erworben hatte. Diese Industrie beschäftigte tausende von Mädchen und Frauen im Lande und es sollte eine Schule in Höflein unterhalten werden. Wenn mein Liebling pädagogische und ökonomische Fähigkeiten zeigte, so konnte sie es zum Range eines Pädagogen bringen, womit große Vortheile, insbesondere ein sechswöchentlicher Urlaub, Arbeitsbefreiung vom zurückgelegten fünfzigsten Lebensjahre und etwas größerer Aufwand für Kleidung und Wohnung verbunden waren. Ihrer Schönheit, Anmuth und Bildung wegen hatte die Verwaltung den Auftrag erhalten, ihr allwöchentlich den Zutritt zu den geselligen Abenden der Residenz oder der höheren Beamten anzuweisen, worauf andere nur einigemale des Jahres und während der kurzen Ferien Anspruch hatten. Es war überhaupt Grundsatz der Staatsverwaltung, solche Mädchen, die in ihren Hoffnungen getäuscht worden waren und den Bedürfnissen der Gesellschaft ein so schweres Opfer bringen mußten, durch jede mit der Gerechtigkeit vereinbare Bevorzugung zu entschädigen. Dabei wirkte nicht nur die Frauencurie mit, die sich außer Stande erklärte, ihre Zusagen zu erfüllen, daß die weibliche Hälfte der Gesellschaft sich den allgemeinen Bedürfnissen unterordnen wolle, wenn nicht die größte Rücksicht für die Opfer dieser Interessen geübt würde, sondern es war in allen Theilen der Bevölkerung das Gefühl vorherrschend, daß solche Mädchen besondere Rücksichten verdienen, und mußte es das Bestreben aller werden, Giulietten mit ihrem Schicksale auszusöhnen. --

Wo bleibst Du, Berückende? Willst Du mich verschmachten lassen? Welches Bild gaukelt vor meinen Sinnen? -- --

Vor kaum vierundzwanzig Stunden hatte sie ihr Tagewerk in Triest beendet und mit dem nächsten Morgen um sechs Uhr sollte sie ihr neues Amt antreten. Es war wohl vorauszusetzen, daß Giulietta bald ein gern gesehener Gast im Schlosse zu Königstetten sein und im freundschaftlichen Verkehre mit Dr. Kolb stehen würde, wodurch sie in Kurzem mit vielen bedeutenden Personen des Bezirkes bekannt werden konnte. Die Sonntage brachte das kunstsinnige Mädchen wohl in den zahlreichen Museen der Residenz zu und auch an italienischer Musik konnte sie sich satt hören, die in Wien eifrig gepflegt wurde. Es soll uns nicht bange sein um Giuliettens Zukunft. -- Noch eine Aufgabe hatte sie übernommen. --

Ein Kleid rauscht in meiner Nähe, ich erwache aus meinem Traume. -- Sie ist es nicht.

Wie in allen deutschen Gemeinden gab es auch in Höflein viele Gemeindegenossen, die einige Jugendjahre in einer italienischen Gemeinde zugebracht hatten, um sich die italienische Sprache eigen zu machen, wie andere der ungarischen oder einer slavischen Sprache mächtig waren. Denn es war in Oesterreich beinahe zum Gesetze geworden, daß die Angehörigen aller Nationen sich die deutsche Sprache und die Deutschen wieder eine zweite Reichssprache aneigneten, um die lebendige Verbindung aller Nationen unter einander herzustellen. Und dadurch war Oesterreich in gewisser Hinsicht der geistige Mittelpunkt der Welt geworden, wo alle Völker der Erde ihre geistigen Schätze austauschten und verbanden.

Ja, man hatte auch allen orientalischen Völkern eine Heimstätte errichtet und es wurde allen Culturnationen des Erdkreises ermöglicht, eine Hochschule in Oesterreich zu unterhalten. Die Chinesen, Japanesen und Perser, Araber und Türken hatten ebenso, wie Spanier, Franzosen und Engländer, Dänen und Schweden, Russen und Finnländer, in Wien Hochschulen, die mit den österreichischen Anstalten wetteiferten, und an welchen Oesterreicher gemeinschaftlich mit den Gästen fremder Länder Unterricht ertheilten und genossen.

Die Deutschen aber, welche eine zweite Reichssprache sich eigen gemacht hatten, suchten in ununterbrochener Uebung zu bleiben und unterhielten nach Sprachen gegliederte Vereine, von welchen die Literatur dieser Sprachen verfolgt wurde. Giulietta nun, die ihre Muttersprache in herrlicher Vollkommenheit sprach und schrieb und die italienische Poesie leidenschaftlich liebte und auch selbst improvisirte, sollte dem italienischen Club präsidiren. So hatte sie mir in ihrem Stübchen mitgetheilt. --

Ich fuhr auf aus meinen Träumen. -- Es wogte noch fröhliches Leben um mich herum. Alle mieden, wie auf Verabredung, meinen Tisch und wenn die Kinder in meine Nähe kamen, wurden sie weggerufen. Man hatte offenbar bemerkt, daß ich allein sein wolle, und da, wie es schon finster zu werden beginnt, tritt dort Giulietta aus ihrem Wohnhause. Ein züchtiges, hellfärbiges Kleid umschloß die Gestalt der schönen Sünderin, ein goldschimmernder Gürtel hielt sie umfangen und im Haare trug sie die noch frische Rose mit dem Gefangenen. Gemächlichen Schrittes näherte sie sich mir und ließ sich mit freundlichem Nicken an meiner Seite nieder.

Die Aufwärterin trat an unseren Tisch und fragte nach Giuliettens Begehren: »Bist du nicht Schwester Giulietta aus Triest?«

»Das bin ich, ich heiße Giulietta Chiari. Wie nennst du dich, Kleine?«

»Ich heiße Josepha Ohnewas und bin von Klosterneuburg herübergekommen. Der Verwaltungsbeamte hat mir aufgetragen, dich für morgen abends in seine Empfangsgemächer zu laden. Er will einige hervorragende Glieder der neuen Gemeinde zusammenführen, damit sie engere Bekanntschaft knüpfen.« -- »Sage ihm meinen Dank, ich werde gerne kommen. Und nun reiche mir deine Hand, freundliche Botin, und werde mir eine treue Freundin.« -- »Das will ich dir sein,« sagte sie mit einem Händedrucke. --

»Was ist das für ein furchtsames Bübchen?« fragte Giulietta, indem sie freundlich den Knaben am Kinn faßte, der, ängstlich ihr in die Augen schauend, sich an Josephas Rockfalten hielt. -- »Es ist meiner Schwester Kind. Sie ist vor wenigen Tagen gestorben, ihr Mann schon früher, und nun ist der Kleine verwaist.« -- »Willst du ihn unter deinen Schutz nehmen?« -- »Es soll ihm eine Wahlmutter bestellt werden. Ich wurde befragt, ob ich ihn an Sohnesstatt nehmen wolle, aber ich sähe es lieber, wenn diese Sorge nicht auf mich fiele, denn ich werde in einigen Jahren meine eigene Familie gründen und ich halte es nicht für gut, wenn die Mutter eigener Kinder auch Verpflichtungen für ein fremdes Kind zu erfüllen hat.« -- »Wolltest du mich zur Mutter haben?« fragte Giulietta den Knaben; dieser aber sagte: »Du bist nicht meine Mutter!« -- Giulietta und Josepha sahen sich an, als ob sie sich dieselbe Frage stellen wollten. Diese sagte dann: »Ich habe Vertrauen zu dir. Möchtest du Mutterpflichten auf dich nehmen?« -- »Es wäre eine Wohlthat für mich,« sagte Giulietta seufzend. »Doch laß mich den Knaben einige Tage beobachten und besprechen wir uns darüber. Wir müssen uns erst kennen lernen.« -- »Ich will es mir bedenken und wir können dann dem Verwaltungsbeamten einen Vorschlag machen. Einstweilen ist Peterchen in meiner Obhut.« -- Damit schied Josepha.

Giulietta saß sinnend neben mir. Zuweilen sahen wir uns an, wir sprachen aber nicht.

Nach einer Weile bediente Josepha auch Giulietta und da diese sah, daß mein Glas noch unberührt war, trank sie mir freundlich lächelnd zu. Sie nippte, ich aber leerte mein Glas auf einen Zug bis auf die Neige. Sie sah ernst auf mein leeres Glas und verband damit wohl einen sinnigen Gedanken. Wir verharrten im Schweigen, aber sie ließ es geschehen, daß ich verstohlen ihr dankerfüllt das Händchen drückte. Es war jetzt badefrisch und frostig; ich hätte es gerne warmgehaucht, wenn es hätte ungestraft geschehen können.

Der Tag war gewichen, Stern um Stern flackerte auf, dort im Westen einer im wechselnden Lichte, als ahmte er das Funkeln der Augen meiner Giulietta nach. Es wurde stiller um uns, die Tische wurden abgeräumt. Alles war zur Ruhe gegangen; Giulietta sprach auch jetzt nicht, aber sie schien zu glauben, daß sie den Gast nicht verlassen dürfe. Sie nahm jetzt zögernd, als wäre sie nach einem Kampfe mit sich selbst zu einem Entschlusse gelangt, die Rose aus dem Haare, befreite den Gefangenen und lächelte mir, Vergebung kündend, zu. -- Nun sagte ich mit einem Händedrucke -- ein Kuß war mir hier durch strenge Sitte verwehrt --: »Gehe auch zur Ruhe, Liebste.« Sie erhob sich, freundlichen Gruß im Auge, und ging. Unter der Thüre wandte sie sich noch einmal langsam um, winkte grüßend und verschwand. Bald darauf erhellte sich das Fenster ihres Gemaches, sie wurde noch einmal sichtbar, dann, nach kurzem Verweilen, fielen die Blenden. -- Zu dieser Stunde in ihr Gemach zu dringen, war mir durch unerbittliche Satzungen verboten.

Jetzt erhob ich mich, ging nach den Ställen, zeigte meine Aufenthaltskarte vor und bat die Stallwache um ein feuriges Pferd. So jagte ich, mein Bündelchen am Sattelknopfe befestigt, im Sturme nach meinem Quartier, den flackernden Stern vor mir. Ein junger Mann, der die Nachtwache hatte, grüßte mich, als ich von den Ställen nach der Ansiedlung kam. Ich dankte schweigend und ging nach dem Bibliothekssaale, der, wie alle anderen Räume, offen stand, drehte eine Glühlampe auf und schrieb einige Zeilen an Giulietta. Ich kündete ihr, daß unsere Wege auseinander gingen, ich ihrer aber niemals vergessen würde. Ich bekannte mich unwürdig der königlichen Gunst, mit der sie mich beglückt.

Den Brief warf ich in den Briefkasten für die östliche Fahrt und nun suchte ich mein Lager auf.

XVII.

Nun war es aber Ernst -- wir reisten ab. Mr. Forest und ich hatten uns von dem Beamten verabschiedet und harrten am Bahnhofe des Zuges, der von Wien her kommen sollte, und nun kamen sie alle, unsere neuen Freunde, uns die Hand zu reichen. Die vielen lieben Mädchen und Frauen, die uns bei Tische und sonst bedient hatten, nicht wie Diener, sondern wie Freundinnen und Schwestern, auch Anna, die wir näher kennen gelernt hatten, mit ihrem Jakob, den sie im Rollstuhle vor sich herschob, und der jüngere Zwirner und gar viele liebe Gesichter. Von der schönen Anna forderte ich resolut einen Abschiedskuß und sie sah zuerst Jakob ins Gesicht und dann bot sie mir ihren Mund, aber sie sagte, ein Abschiedskuß sei es nicht. Aufklärungen gab sie nicht. Und wie wir so inmitten vieler Freunde standen, kam Dr. Kolb eilends heran, sich zu verabschieden und uns auch etwas zu überbringen. Es war Zwirners Brief und ein Angebinde.

Zwirner schrieb, er bedauere, uns nicht mehr sehen zu können; er hoffe aber auf Briefe aus Amerika und auf ein Wiedersehen. Dr. Kolb habe ihm oft von uns geschrieben und er sei darüber beruhigt, daß wir in Oesterreich gut aufgehoben gewesen. Auch hätte uns Dr. Kolb ebenso, wie er, über alles Auskunft geben können und habe sie auch gegeben. Er selbst lebe in süßer Gefangenschaft und wolle auch unsertwegen nicht ausbrechen. Wir möchten das Angebinde annehmen, das uns Dr. Kolb überreichen werde, und fänden wir die glücklichen jungen Eheleute erstens im Plauderstübchen und zweitens im Speisezimmer. Auf Nummer drei und vier dürften wir Anspruch nicht erheben. Neben seiner Unterschrift standen die Worte: »Auch ich bin euch gut und wünsche euch das Beste. Aber meinen Gefangenen gebe ich nicht heraus. Seid mir gegrüßt. Lori Zwirner.« -- Das Angebinde waren zwei gleiche Cartons mit Photographieen. Das Carton war in schönem gepreßtem Leder ausgeführt und zeigte vorne vier Medaillons und in der Mitte ein Schild in Bronce. Die Medaillons enthielten kunstreich geschnittene Brustbilder unserer Freunde: Zwirner, Dr. Kolb, Lori und Mary und das Mittelschild die Landschaft, auf die wir so oft von unserem Fenster aus geblickt hatten. Dr. Kolb erklärte uns, daß die Liebhaberei, Medaillen zu schneiden, weit verbreitet sei, und schöne Köpfe, wie die hier dargestellten, zögen oft die Aufmerksamkeit der Künstler in diesem Fache auf sich. Dann erhält das Modell natürlich ein kunstvoll gearbeitetes Exemplar. Von diesen Bildnissen hatte man galvanoplastische Copien gemacht und auf den Cartons angebracht. Ebenso beiläufig verhalte es sich mit der Landschaft und die Cartons selbst seien auf Wunsch des Zwirner angefertigt worden und die Verwaltung habe gestattet, das Ganze den Fremden als Angebinde zu widmen. Die Photographien waren theils von Zwirner eingesandt, theils nach seinem Wunsche besorgt worden. Zwei allerliebste Bilder aus dem »Gefängnisse« in Königstetten, einige Bilder aus dem schon erwähnten Schneideralbum, die Bildnisse des Ehepaares Lueger, des Dr. Kolb, dann der schönen Anna und des Jakob und -- vorher mußten wir aber Treue geloben -- der »Braut«.

Eben kam der Zug heran. Noch ein rasches Händeschütteln, ein Winken, und wir waren im Wagen, der uns entführen sollte.

Lange fuhren wir schweigend dahin und als wir Tulln aus dem Gesichte hatten, begehrten wir nach Büchern und lehnten uns zurück, um uns in Lectüre zu vertiefen.

Fort ging's nach St. Pölten, wo wir umzusteigen hatten, und weiter über Linz und Salzburg, wo wir diesmal nicht wieder anzuhalten gedachten.

Die Reise ging Tag und Nacht weiter und kamen wir am 4. August morgens nach Meran und von da mittels Wagens und zum Theile zu Fuße gegen 4 Uhr auf die Ortlerspitze. Am Fuße des Gletschers fanden wir im Unterkunfthause viele Fremde und darunter über fünfzig Engländer und Amerikaner. Vom Ortler sprechen wir nicht, er steht am selben Flecke, wie im neunzehnten Jahrhunderte, und herrscht über alle Berge wie ehemals.

Wir blieben vom 4. August abends bis zum 6. August morgens und setzten dann unsere Reise über Finstermünz und Landeck nach Bregenz fort.

* * * * *

Bevor wir von Oesterreich Abschied nehmen, will ich noch einige Informationen zusammenfassen, welche ich an verschiedenen Orten mir verschaffte und welche in meinem bisherigen Reisebericht keine Aufnahme fanden.

Was die Familie anbelangt, so ist sie durch die Antheilnahme des Staates an der Erziehung keineswegs beseitigt. So lange die Eltern, insbesondere die Mutter, das Recht auf die Erziehung nicht durch Nachlässigkeit oder Mißbrauch verwirken, steht ihnen dieses Recht vorzugsweise zu. Nur eine Oberleitung und Aufsicht haben die staatlichen Organe und wenn die Eltern durch Arbeit oder Abwesenheit oder andere Gründe verhindert sind, die Kinder zu beaufsichtigen, oder ihre erziehliche Thätigkeit auszuüben, geht die Erziehung an die staatlichen Organe über. Bei der Wahl der Aufsichtspersonen und Kinderpflegerinnen haben die Mütter einen entscheidenden Einfluß. Ebenso sind sie es, welche die Pflegerinnen wählen, wenn die Kinder an anderen Orten Erziehung oder Unterricht genießen; sie können testamentarisch Adoptivmütter für den Fall ihres Todes delegiren, sie vertreten die Kinder gegen den Staat und die staatlichen Organe, durch sie werden Belohnungen und Strafen zugetheilt und auch sonst werden die Kinder mit allen ihren Bedürfnissen und Wünschen an die Mutter gewiesen, soweit das überhaupt angeht. Die Weisungen des Arztes bezüglich der körperlichen Erziehung und die des Pädagogen bezüglich der Ausbildung des Geistes und Herzens müssen sie befolgen und das Erziehungsrecht kann ihnen entzogen werden, wenn sie sich Nachlässigkeit oder Mißbrauch zu Schulden kommen lassen. Es steht den Eltern frei, die arbeitsfreie Zeit mit den Kindern in ihren Zimmern zuzubringen und sich dem öffentlichen und gesellschaftlichen Leben zu entziehen, insoferne darunter die Erziehung nicht leidet. Einblick in dieses Privatleben konnten wir nicht gewinnen, weil wir fremd waren und in den Familienkreis nicht gezogen wurden.

Der Volksschulunterricht beginnt mit dem vollendeten sechsten und endet mit dem vollendeten achtzehnten Lebensjahre. Der Unterricht in den ersten vier Jahrgängen wird Kindern beiderlei Geschlechtes von den weiblichen Aufsichtsorganen ertheilt. Erst vom fünften Jahrgange an werden die Geschlechter getrennt unterrichtet und zwar von eigentlichen Fachlehrern in Classen, die selten mehr als 25 Schüler zählen. Jede Gemeinde hat mit Einschluß des Pädagogen, der die Oberleitung des Erziehungswesen hat, acht Volksschullehrer, und zwar sind diese Lehrkräfte für die Mädchenclassen den Frauen und Mädchen entnommen, unterstehen aber auch dann einem Manne, der das Erziehungswesen leitet. Benachbarte Gemeinden sind immer so zu zweien verbunden, daß die Mädchen aus der einen und die Knaben aus der anderen den Unterricht in der Nachbargemeinde empfangen, und werden sie entweder unter gemeinsamer Aufsicht hin- und wieder zurückgebracht oder die Mütter wählen ihnen eine Pflegemutter, bei welcher sie untergebracht werden.

Der Unterricht ist mit productiver Arbeit verbunden und steckt sich das Ziel, nicht nur in alle Zweige des Wissens einzuführen und zum Selbstunterrichte zu befähigen, sondern auch zur Arbeit im Felde und in der Industrie zu qualificieren. In den Ferien werden gemeinschaftliche Ausflüge und Reisen unternommen. Die Schüler älterer Jahrgänge müssen sich am Unterrichte der jüngeren Kinder betheiligen, mit ihnen correpetiren und üben und sind alle Kinder ununterbrochen unter Aufsicht erwachsener Personen. Bei der Berufswahl hat die Mutter,[M] in ihrer Verhinderung der Vater, mitzuwirken, und müssen ihnen alle erforderlichen Informationen ertheilt werden. Der Uebergang zu einem wissenschaftlichen Berufe ist von dem Erfolge der Studien abhängig.

Mit Beendigung des achtzehnten Lebensjahres endet der Schulunterricht und tritt mit der Verpflichtung zur vollen Arbeitsleistung auch Selbständigkeit und Stimmrecht in öffentlichen Angelegenheiten ein.

Der Arzt einer jeden Gemeinde und eines jeden Quartiers hat für die Verhütung und Heilung aller Krankheiten, Beobachtung aller auf die Gesundheit Bezug habenden Daten, dann für Hygiene zu sorgen, Einfluß auf die Vertheilung von Arbeit und Gütern zu üben und die Bevölkerungs-, Mortalitäts- und Morbilitätsstatistik aufzustellen. Er hat alle Gemeindemitglieder einmal des Jahres genau zu untersuchen und tägliche Berichte an den Bezirksarzt zu erstatten, wobei insbesondere Befund und Diagnose für jeden Kranken vorzulegen sind. In zweifelhaften Fällen hat er Abordnung eines Specialarztes zu beantragen und bei chirurgischen Fällen alle bis zum Eintreffen des Operateurs erforderlichen Maßnahmen zu beobachten. Der Gemeindearzt kann vom Krankenbette nie ferngehalten, wohl aber die Beiziehung eines anderen Arztes vom Kranken oder dessen Angehörigen beantragt werden. Der Arzt hat die Geburtshilfe und die Pflege der Zähne, wofür geeignetes ärztliches Personal geringerer Art bestellt ist, zu überwachen, den Einfluß der Arbeit und Lebensweise auf Gesundheit und Lebensdauer zu beobachten, die Ernährungsfrage zu studiren und alle Leichname zu seciren.

Die europäischen Continentalstaaten bilden einen gemeinsamen Sanitätsbezirk und werden alle von auswärts kommenden Reisenden einer so genauen Untersuchung unterzogen, daß die Einschleppung von Krankheiten ganz unmöglich ist.

Der Staatsbeamte für die Gemeinden und Quartiere hat die eigentliche Executive, da die Oberbehörden sich zumeist auf Ueberwachung, Entscheidung von Berufungen und allgemeine Leitung zu beschränken haben. Nur das Zeitungswesen gehört in den Bereich der höheren Beamten. Die Beamten repräsentiren auch bei der offiziellen Geselligkeit und können diese Function auch bestimmten anderen Personen übertragen. Sie haben das Disciplinarstrafrecht. Bei schweren Vergehen und Verbrechen gegen das Staatseigenthum, die persönliche Sicherheit und gegen den Staat erkennen Schwurgerichte unter Leitung pensionirter Beamten, welche das Richteramt als Ehrenamt ausüben. Die Gesetzgebung ist einfach und werden die Gesetze in den Volksschulen gelehrt.

Prozesse wegen Ersatzleistung für besondere Belastung -- z. B. anläßlich eines Elementarereignisses oder wegen sonstiger Verkürzungen -- werden gleichfalls von Schwurgerichten, welche aus Pensionisten des Arbeiterstandes zusammengesetzt sind, unter Leitung höherer pensionirter Beamten entschieden. Ueber Ersatzleistungen von Provinz zu Provinz oder Streitigkeiten zwischen Nationalitäten entscheidet der Kaiser persönlich. Jederzeit gehen Vergleichsversuche voraus. Die Disziplinarstrafen bestehen in Entziehung von solchen Genüssen, welche nicht zum nothwendigen Unterhalte gehören, Herabsetzung des Ranges, Verweigerung des Urlaubes, Verlängerung der Arbeitszeit, die Strafen wegen Vergehen und Verbrechen in der Versetzung in Strafgemeinden, Entziehung des Stimmrechtes, und wird bei den allerschwersten Verbrechen die Todesstrafe verhängt. Den Disciplinarstrafen kann man sich durch Ausscheidung aus dem gesellschaftlichen Verbande gegen Anweisung von Grund und Boden, Baumaterialien, Werkzeugen und Sämereien, den schwereren Strafen durch Auswandern oder freiwillige Verbannung in die österreichische Colonie in Afrika entziehen. Die Arbeit ist bei weitem nicht so vermindert worden, als Bellamy oder sonst ein socialistischer Theoretiker des neunzehnten Jahrhunderts gelehrt hat. Die volle Arbeitsleistung beginnt nicht mit dem 21., sondern mit dem 19. Lebensjahre und dauert für einfache Arbeiter bis zum beendeten 65. Lebensjahre, kürzer für geschickte Arbeiter, Productionsleiter, Lehrer, Aerzte und Beamte. Die tägliche mittlere Arbeitszeit war Anfangs zehn Stunden an 300 Tagen im Jahre und sank erst allmählig auf neun und acht Stunden. Es hat sich erwiesen, daß eine noch weiter herabgesetzte Arbeitszeit nicht genügt hätte, um den Aufwand für eine rationelle physische und geistige Versorgung des Volkes zu bestreiten. Es war nothwendig, den ganz verwilderten Zustand der Gewässer und Waldbestände zu verbessern und zu diesem Ende enorme Investirungen vorzunehmen. Zur Erhöhung des Bodenertrages waren gleichfalls sehr große Anlagen zu schaffen und es mußten nach und nach für die ganze Bevölkerung neue Wohnungsansiedlungen erbaut werden, welche Arbeiten sechzig Jahre in Anspruch nahmen. Oesterreich ist nun vom Welthandel ganz unabhängig und tauscht Güter mit dem Auslande nur aus, wo es zur Vermehrung des Volkswohlstandes dienlich erscheint. Es besitzt zweijährige Reserven von allen Bodenproducten. Die ökonomischen Vortheile des neuen Wirthschaftssystems sind übrigens unermeßliche. Beste Ausnützung aller Arbeitskräfte, größte Stetigkeit der Production, Ersparung der Handelskosten oder jener volkswirthschaftlichen Arbeit, welche den Umsatz der Güter durch Kauf und Verkauf bewirkt, vielfach höhere Ausnützung der Gebrauchsgüter, Ersparung an Capital, bessere Verwerthung der Fäcalien durch stärkere Besiedlung der landwirthschaftlichen Flächen, vollständigere, raschere und kostenlose Gewinnung aller Abfallstoffe, wechselseitige Unterstützung der industriellen und landwirthschaftlichen Arbeit, vor allem aber Erhöhung der körperlichen und geistigen Kräfte des Volkes und demgemäß nicht nur Belebung des Erfindungsgeistes, sondern auch vielfach raschere Einführung erprobter Erfindungen.