Oesterreich im Jahre 2020: Socialpolitischer Roman
Part 14
»Was ihr aber nicht gesehen habt, das will ich euch jetzt verrathen. Er hat auch sein Weib, sein eigenes liebes Weib. Es ist das jene Stepperin, die mehr noch als alle anderen die Augen auf ihm hat, die sich nicht am meisten an ihn herandrängt, aber gewiß immer einspringt, wenn der Arme plötzlich durch Zufall irgendwo allein bleibt, die ihm die besten Bissen zuträgt und mit der größten Fröhlichkeit um ihn herum sich zu schaffen macht, als gäbe es kein größeres Glück, als die Beine an den Mann gebracht zu haben. Sie war in jungen Jahren schwächlich und sollte nicht heirathen und war recht verdrossen. Da erholte sie sich, ihre Lunge kräftigte sich, sie wurde das Bild der Gesundheit und als man sie jetzt unter die künftigen Ehefrauen einreihen wollte und ihr die Zöpfe wachsen ließ, trotzte sie und schnitt sich die Haare immer wieder ab. Man meinte, sie entsage aller Liebe und wolle der Gesellschaft nicht die Kränkung vergeben, daß man sie zurückgesetzt hatte. Da brachte man den blutenden Mann aus dem Maschinensaale, auch verstümmelt und halb, wie das Weib, das den Mann nicht haben soll, den es liebt, und Kinder zeugen und in den Armen geliebter Menschen sterben. Während der langen Leiden, die der Operation nachfolgten, pflegte sie den Armen in den Stunden, die ihr die Arbeit freigab. Sie kam anfangs häufig, dann immer öfter, schließlich wich sie nicht von seinem Bette und fing an, mit ihm zu scherzen und zu lachen, daß er alles Unglücks vergaß und ein lustiger Mann wurde, der derjenigen spottete, die Beine brauchen, um sich durch's Leben zu helfen. Sie war die erste, die ihn im Rollstuhle ins Freie brachte, aber sie machte doch auch anderen Mädchen gerne Platz, damit es dem Verstümmelten nicht an Freundinnen gebräche. Wir Communisten wollen uns nicht immer nur an _=einen=_ hängen wir wollen _=alles=_ besitzen und _=alle=_ zu Freunden haben. Und so hielt sie sich in der Reserve und lehrte alle, wie sie es ihm am besten machen konnten. Und da der arme Jakob nicht der Welt nachlaufen konnte, wie wir alle, lief die Welt dem Jakob nach und er wurde der fröhlichste Mensch in Tulln, dem es an nichts gebrach und der nur wünschen durfte, auf einen hohen Berg zu gelangen, um sicher zu sein, dahin gebracht zu werden.«
»Und nun brach sich der Trotz der schönen Anna. Jetzt ist der Mann hergestellt und versorgt, jetzt soll er auch sein Weib haben. Nicht nach den Gesetzen der Gesellschaft, nein, ihr eigenes Gesetz wollte sie machen, der gerade sollte glücklicher werden, als alle anderen; das jetzt in Schönheit, Gesundheit und Fröhlichkeit strahlende Weib sollte er besitzen, gerade der sollte jetzt vor allen begünstigt sein und sie erklärte ihm, er müsse ihr Mann werden. »So wie _=ich=_ es will, Jakob, _=ich=_ will es so, gerade du sollst ein Liebesglück genießen, wie ein Olympier; nimm mich und ich werde es niemals in meinem Leben bereuen.« Und er nahm sie guten Muths, er vertraute, daß sie ihm, was sie ihm in dieser Stunde bot, niemals wieder rauben würde. Und so geschah es; sie sind ein glückliches Paar und niemals sah man sie verdrießlich oder besorgt, eifersüchtig oder gleichgültig. Der Fremde sieht es kaum, daß die zwei Mann und Weib sind. Es hat sie niemand getraut und sie haben keine Kinder, aber sie hängen so fest zusammen, als wären sie nur ein Leib. -- Man machte mit ihnen auch eine Ausnahme. Es ist Liebesleuten, die nicht gesetzlich verheirathet sind, sonst das Zusammenwohnen nicht gestattet. Auch nächtliche Zusammenkünfte werden strenge geahndet. Aber in diesem Falle, wo so viele Gründe der Billigkeit zusammentrafen und wo es sich um die Pflege eines Mannes handelte, der auf die Hilfe anderer angewiesen war, gestattete man, was sonst verpönt war. Die Gesellschaft hatte ja auch auf einen Mann Rücksicht zu nehmen, der in der Arbeit war verstümmelt worden.«
»So verstehen wir die Nächstenliebe und so weiß sich der, dem die gesellschaftliche Ordnung nicht ganz gerecht werden kann, sein eigenes Glück zu zimmern. Wüchsen dem Jakob die Beine, es wäre vielleicht aus mit seinem und seiner Anna Glücke. Und nun, Freunde, hören wir Dr. Leete und Mr. Forest.«
»Dr. Leete hat dich, lieber West, wie folgt belehrt:«
»Ich muß auch noch erwähnen, sagte er, daß wir für diejenigen, welche in geistiger oder körperlicher Hinsicht zu schwach sind, als daß sie billigerweise in das Hauptheer der Arbeiter eingereiht werden könnten, eine besondere Classe haben, die außer Zusammenhang mit den anderen ist, eine Art Invalidencorps, dessen Mitgliedern leichtere, ihren Kräften angemessene Arten von Arbeiten zugewiesen werden. Alle unsere geistig oder körperlich Kranken, alle unsere Taubstummen, Lahmen, Blinden und Krüppel und selbst unsere Irrsinnigen gehören zu diesem Invalidencorps und tragen dessen Abzeichen. Die Stärksten unter ihnen leisten oft beinahe die volle Mannesarbeit, die Schwächsten natürlich nichts, aber keiner, der irgend etwas thun kann, will die Arbeit ganz aufgeben. In ihren lichten Augenblicken beeifern sich sogar unsere Irren, zu thun, was sie können.«
»Die Idee des Invalidencorps ist wirklich gut,« sagte ich. »Selbst ein Barbar aus dem neunzehnten Jahrhunderte muß das einsehen. Sie ist eine sehr schöne Art, die Mildthätigkeit zu verhüllen, und muß für die Gefühle der die Gaben Empfangenden sehr wohlthuend sein.« -- »Mildthätigkeit!« wiederholte Dr. Leete. -- »Meinten Sie, daß wir die Classe der Untauglichen, von der wir sprechen, als Gegenstände der Mildthätigkeit ansehen?«[J]
»Wie hölzern ist die Versorgung der Untauglichen aufgefaßt, wie grausam, alle Krüppel zu einem besonderen Corps mit besonderen Abzeichen zusammenzuthun, und wo bleibt da das wahre Mitgefühl, wenn man die Leute nur eben abfüttert, wie abgerackerte Hausthiere? -- Und was sagtest du, lieber Forest?«
»Nun hat ohne Zweifel,« fuhr Forest mit großem Nachdrucke fort, »jedermann ein natürliches Recht auf die Früchte seiner Thätigkeit. Wir nehmen aber dem tüchtigen Arbeiter des ersten Grades einen Theil seiner Arbeitserzeugnisse fort, um sie einem faulen Kerl aus der sechsten Abtheilung zu geben. Das ist natürlich offenbare Räuberei, die sich nicht einmal unter dem schäbigen Mäntelchen eines »Regierungsgrundsatzes« verbirgt; denn durch die Einteilung der Arbeiter in sechs Abtheilungen wegen verschiedener Befähigung erkennen wir ja ausdrücklich an, daß es mit der Gleichheit nichts ist! Demnach werden alle diejenigen, welche diese Beraubung der Fleißigen zu Gunsten der Faulen nicht als Handlung höchster Staatsweisheit bewundern mögen, als Feinde der besten Gesellschaftsordnung verdammt, von welcher die Geschichte der Menschheit uns meldet?«[K]
»Schäme dich, lieber Freund, dieser Anwandlung von Brutalität! Unter uns ist keiner, der nicht morgen in die Lage des armen Jakob gerathen kann. Ueberall kommen wir mit Maschinen in Berührung, die Eisenbahn schleppt uns mit großer Sicherheit herum, aber wir haben doch alljährlich über hundert Eisenbahnunfälle und die Statistik beweist, daß alle Jahre einer unserer Mitbürger die zwei Beine geradeso verliert, wie unser Jakob. Der Kaiser ist so wenig sicher davor, wie der Tischler, der mit den besonders bösen Holzbearbeitungsmaschinen zu thun hat, oder ein Eisenbahnbediensteter. Was wir diesen Armen thun, thun wir uns selbst, wir wissen, daß der Oesterreicher glücklich ist, wenn er auch zum Krüppel wird. Und wir wissen noch etwas, daß, so groß auch das Glück ist, das uns die Gesellschaft als solche sichert, immer noch das beste das ist, was ein liebendes Herz _=allein=_ uns sein und _=uns=_ allein bieten will.«
»Aber auch der Faule, von dem die Parasiten des neunzehnten Jahrhundertes mit so großer Verachtung sprachen, ist nicht mehr schuldig, als der Krüppel. Die moralische Welt ist genau so an die strengsten Gesetze gebunden, wie die materielle. Was immer an uns schlecht ist, ist uns von Geburt aus mitgegeben oder durch die Erziehung erworben. Keiner von uns thut, was seine Laune ist, sondern er thut, was er nicht lassen kann. Alle Eigenschaften der Menschen so auszunützen, daß sie der Gesellschaft doch wieder zum Vortheile gereichen, das ist die Aufgabe der Verwaltung. Wo sie das aber nicht kann, müssen wir unserer Mitbürger Gebrechen tragen lernen, wie die üble Ausdünstung eines Kranken. Wir fahren dabei auch am besten, wir bringen keine Opfer, wenn wir alle versorgen.«
»Läßt sich die moralische Krankheit heilen, wozu wir ja auch ein System von Disciplinarstrafen anwenden können und in früheren Zeiten oft angewendet haben, dann werden wir nicht anstehen, es zu thun, aber da wir moralische Krankheiten genau so wie physische ansehen und angeborene den erworbenen gleichstellen, so lassen wir niemand zu Grunde gehen und die Gesellschaft hat davon nur Vortheil. Wenn aber jemand fände, das sei ungerecht oder Räuberei, wie du das bezeichnest, so hüten wir uns, ihm Gewalt anzuthun.«
»Nun, wie verfahrt ihr dann?« frug Mr. Forest.
»Wir erlauben ihm wie jedem anderen auszuwandern, aber wir vertreiben ihn nicht gegen seinen Willen aus dem Lande. Wir geben ihm auch, wenn er es wünscht, seinen Theil am Volksvermögen ein und einhalbmal heraus, nach seiner Wahl Grund und Boden, Wohnung oder Baumaterialien, Werkzeuge und Sämereien, und dann lassen wir ihn, indem wir ihn von unseren _=räuberischen=_ Vertheilungen ausschließen, machen was er will, _=er behält seine Producte und wir die unseren=_. Er bleibt auf seinem Besitze und wir betreten ihn nicht.«
Dr. Kolb lächelte ironisch und Mr. Forest schwieg.
»Und jetzt noch eine Reminiscenz aus dem 19. Jahrhunderte. Wir lesen in dem Jahrgange der »Heimat« vom Jahre 1891 die folgende kleine Mahnung aus der Feder der damals viel gefeierten Dichterin Karoline Bruch-Sinn:«
»Wie lassen wir doch unsere Mitmenschen verkümmern! Ich hatte in der Stadt zu thun und nahm den Weg durch die Währingerstraße, durch ein Gewühl von Wagen, Reitern und Fußgängern. Da, was humpelt über den Weg? Ich war starr -- und nun laß dir beschreiben, lieber Leser, wie es unseren Brüdern geht. Dort drüben vom anatomischen Institutsgebäude herüber schwang sich ein armer Schelm. Der starke knochige Mann, er mochte 30 Jahre zählen, schmutzig und verrissen, hatte keine Beine. Kaum drei Zoll lang waren die Stümpfe, die über den Rumpf hinabhingen. Und der Arme hatte es eilig, er lief wie ein Wiesel; ja er lief, glaub' es mir, lieber Leser! Die Hände hinter sich in den Straßenkoth gestemmt, schleudert der Unselige seinen Rumpf nach vorne, zieht die Arme wieder nach und schlendert den unförmlichen Sack, auf dem ein leibhaftiger Menschenkopf sitzt, weiter so fort, und jetzt geht es quer über die Straße vor den Passanten vorbei, jetzt entgeht er einer Escadron Cavallerie, dort streift ihn der Huf eines Tramwaypferdes, dann hätte ihn fast ein Karrenrad gefaßt und jetzt ist er herüber und wirft sich vor meinen Füßen auf das Trottoir, um weiter zu eilen gegen die Nußdorferstraße, wohin ich ihm entsetzt folge. Er kann nicht achten, wohin er seine Hände setzt, jetzt in eine Kothpfütze, dann auf die scharfen Schienen, hier in den Pferdemist, dort in den Auswurf eines Kranken. Und das ist ein Mensch, wie wir. Ich muß wissen, was ihm geschehen. Endlich bei einem elenden Häuserreste der Sechsschimmelgasse hält er vor einer Thüre, ein zänkisches Weib öffnet und mit den Worten: ‘Da kommt das Scheusal’ läßt sie ihn in ihre Wohnung ein.«
»Und der Mensch hat gearbeitet sein Leben lang, ist von einer Maschine erfaßt und verstümmelt worden und war unglücklich, daß man ihn an seinen Wunden nicht sterben ließ. Eine Wohlthat wäre es ihm gewesen, hätte man ihn mitleidig verbluten lassen. Nein, die medicinische Wissenschaft hatte ihn nöthig, die Klinik requirirte ihn als »Lehrmittel«, man heilte ihn, damit man am Armen lerne, wie man den Reichen gesund machen kann, und dann warf man ihn auf die Straße und die Unfallskasse bezahlte ihm zu wenig zum leben und zuviel zum sterben. Und nun ist er sich zum Eckel, den Seinigen zur Last. Wir aber sitzen auf den Stühlen, die er gemacht hat, und recken die Glieder, ohne zu denken, wie er sich durch's Leben schleppen muß.«
»Und Freunde, was hat die Dichterin damit gutes gethan? Nichts, denn wir lesen in der folgenden Nummer der ‘Heimat,’ daß die Erzählung der mitfühlenden Frau confiscirt worden war.«
Wir gingen einige Zeit schweigend unseres Weges, denn längst hatten wir uns aufgemacht und den Park von Tulln verlassen, um die herrliche Nacht einem Spaziergange in die Wälder zu widmen, wobei wir unvermerkt gar weit gewandert waren. Wir hatten Tulbing schon hinter uns und stiegen die Anhöhe hinan, als wir am Fuße des Tulbinger Kogels laut singen und scherzen hörten, und da eben der Mond sein mildes Licht zu verbreiten anfing, folgten wir dem Rathe des Dr. Kolb und erstiegen die Höhe dieses Berges. Es mochte etwa halb zwei Uhr morgens sein, als wir aus dem Walde in eine Lichtung heraustraten, auf der heiters Leben herrschte. Es war ein Zeltlager errichtet worden und etwa hundert junge Leute beiderlei Geschlechtes aus verschiedenen Dörfern der Nachbarschaft hatten sich hier zusammengethan, um einen Theil der Nacht bei Spiel und Tanz zu verbringen und den Morgen zu erwarten, dann aber ein wenig auszuruhen und erst gegen Mittag etwa das Lager wieder abzubrechen. Pferde weideten am Rande des Gehölzes, welche die Zelte, Decken und Kissen heraufgebracht hatten, und es fehlte auch nicht an Erfrischungen und Proviant.
Eine Weile sahen wir dem fröhlichen Treiben zu und lauschten den Wechselgesängen, die Jünglinge und Mädchen bei solchen Gelegenheiten erschallen lassen, und erfuhren von Dr. Kolb, daß solche fröhliche Gelage sehr beliebt seien und man dazu gerne die Nacht von Samstag auf den Sonntag benütze, weil an diesem die Arbeit ruht. Die Zelte rührten meist von der ehemaligen Heeresausrüstung her und dienten jetzt hauptsächlich für die Beherbergung der Arbeiter, welche bei Flußregulierungen, Kanal- oder Straßenbauten oder bei Erbauung neuer Ansiedlungen beschäftigt wären, deren jährlich in Oesterreich über zweihundert errichtet werden müssen, um für die nachwachsende Bevölkerung Wohnungen zu schaffen.
Man schlug uns vor, uns an den Spielen zu betheiligen und den Aufgang der Sonne, die dort über der Burg Kreuzenstein heraufkomme, abzuwarten, und da wir die für den nächsten Morgen beschlossene Abreise vorschützten, beredete man uns, diesen Gedanken fahren zu lassen und noch einen Tag zuzugeben, da wir durch nichts gebunden seien.
Die frische Morgenluft war so verlockend, daß wir uns überreden ließen und den Rest der Nacht mit den Anderen verjubelten. Dr. Kolb aber war etwas ermüdet und legte sich in einem Zelte schlafen.
Man schlug Pfänderspiele vor und die Burschen waren nicht eifersüchtig, wenn die Amerikaner ihre Pfänder ziemlich oft mit einem Kusse auslösen mußten. So gingen etwa zwei Stunden herum, als der Mond zu erblassen anfing, die Sterne erloschen und nun auch wir die lärmende Unterhaltung einstellten. Es bildeten sich Gruppen und mancher, der liebte, legte seinem Mädchen den Arm um den Nacken. Alles sah nach Osten, nicht mit abergläubischen Geberden, aber in feierlicher Erwartung des Naturschauspieles, das sich vorbereitete. -- Auch Dr. Kolb kroch aus seinem Zelte und einzelne Schläfer wurden aufgeweckt, denn um diese Zeit wollte keiner fehlen. Die Vögel, die schon längst den Wald mit Gezwitscher und Gesängen erfüllt hatten, verstummten jetzt auch und ein frisches Lüftchen strich über unsere Köpfe hin. Der Himmel war schon hell, aber zu unseren Füßen lag das Thal im Morgengrauen und die fernen Berge hoben sich dunkel vom Himmel ab.
Die leuchtenden Wölkchen am östlichen Horizonte glitzerten, von der noch verborgenen Sonne beschienen, in blendendem Licht. Sie drängten sich der Sonne entgegen, wie die Höflinge erwartungsvoll an der Thüre des Erscheinens ihres Königs gewärtig sind.
Jetzt erstrahlte eine Bergspitze um die andere, die höchste voran, in hellem Morgenroth, das sich leuchtend von dem Gewoge dunkler Bergreihen abhob. Noch einige Secunden und aufschwebte die mächtige Feuerkugel, die bald darauf frei am Himmel thronte. Ein lautes Freudengeschrei begrüßte sie, die, wie die Erde, das gemeinsame Erbtheil aller ist, und wußte man doch, daß viele, viele Tausende auf allen Bergen Oesterreichs und weit hinaus über die Grenzen des Reiches jetzt desselben Schauspieles froh wurden. Nichts belebt die Liebe zur Natur so mächtig, als die Ruhe und Sorglosigkeit, welche das Leben des Communisten begleitet. Das war die Frühmesse im Tullner Gebiete.
Und jetzt war überall Tag und die Sonne spiegelte sich in der Donau dort unten. Der Hahn, der auch eine Zeit geschwiegen, rief jetzt, als verkündete er die Beendigung dieser wahrhaft ergebenden Feier, sein kräftiges: »___=Ite, missa est=___« und der Ruf pflanzte sich von Dorf zu Dorf, so weit man hören konnte, fort. Und so war es fünf Uhr geworden; jetzt erschollen die Gongs in den Dörfern, alle Schläfer zu wecken, und bald sah man dort, weit unten, die Menschen sich regen, ab und zu auch hörte man sie rufen.
Aber in Königstetten sahen wir deutlich unter den Linden ein weißes Morgenkleid flattern und wir priesen den glücklich, dem eine andere Sonne aufgegangen war, die nicht jedem dasselbe bedeutet.
Nun legten sich die anderen zur Ruhe und wir traten mit Dr. Kolb den Rückweg an.
XVI.
Als wir nach Tulln gekommen waren, fühlten auch wir das Bedürfniß, etwas auszuruhen, und so ließen wir den Plan, schon diesen Morgen abzureisen fahren und verschliefen einen Theil des Vormittags. Dann fuhren wir auf den Rath des Dr. Kolb, der sich uns bisher schon zuviel geopfert hatte, nach Klosterneuburg mit der Absicht, abends der Eröffnung und Besiedelung einer neuen Gemeinde im Bezirke, nämlich des früher verfallen gewesenen und jetzt wieder aufgebauten Dorfes Höflein a. d. Donau beizuwohnen.
Klosterneuburg, berühmt wegen seines vortrefflichen Weines, ist gegenwärtig Vorort eines Bezirkes und zählt etwa 1500 Einwohner. Aus alter Zeit steht nur noch die Abtei mit der Kirche, die aber ohne Priester und Mönche sind. Wir besuchten den weitausgedehnten Klosterbau, der gegenwärtig nur zur Aufbewahrung bibliographischer Raritäten und historischer Urkunden dient und ein unermeßliches Material birgt. Alle europäischen Staaten haben nicht nur ihre Archive der historischen Forschung geöffnet, sondern auch ihre Urkundenschätze, theils im Facsimile, theils in modernen Lettern gedruckt, vervielfältigt und sich dadurch gegenseitig zugänglich gemacht. Dieser unermeßliche Urkundenschatz ist im Bezirke Klosterneuburg in den verschiedenen Gemeinden aufgetheilt und lockt unzählige Forscher nach diesem Bezirke. Die Centralsammlung aber befindet sich im ehemaligen Kloster von Klosterneuburg und füllt dort alle Räume und auch die ehemalige Kirche, in welcher riesige Schränke aufgestellt sind, die bis zur Decke reichen. Zahlreiche Beamte verwalten den Schatz und ist jedermann die Forschung dort freigegeben. Wir besuchten den Bau und wurden von einem Castellane auch in den Kreuzgang geführt, der noch erhalten ist. Nebst einigen Grabmälern fesselte uns ein prachtvolles Marmorbildniß, Maria, die, in Trauer aufgelöst, den Leichnam ihres gekreuzigten Sohnes auf dem Schooße liegen hat, darstellend. Unser Führer machte uns auf die Schönheit des Meisterwerkes aufmerksam, fügte aber bei, daß das Kunstwerk den Evangelien widerspreche, da Maria zur Zeit der Kreuzigung nicht in Jerusalem gewesen sei und überhaupt mit Christus, seit er das Lehramt angetreten, keine Gemeinschaft gehabt habe. Es könne kaum einem Zweifel unterliegen, daß Maria der allmächtigen Secte der Pharisäer angehört und darum Christo die Gesellschaft seiner Brüder vorgezogen habe, die nach Johannes Gegner Christi waren. Darum sagte Christus verzweifelnd, daß er nirgends weniger gelte, als in seiner Familie, darum sagte er, wenn man seiner Mutter und Brüder erwähnte, nur jene seien ihm Mutter und Brüder, die den Willen Gottes thun, und daraus erkläre sich, daß die Seinigen, zu welchen auch seine Mutter gehörte, ihn in Gewahrsam nehmen wollten und aussprengten, er sei wahnsinnig. So auch berichteten die Evangelien nichts davon, daß Christus nach der Auferstehung nach seiner Mutter verlangt habe, wohl aber, daß er seine Freundinnen und Schüler zu sehen begehrte.[L]
Wir mußten uns von dem eifrigen Bibelforscher verabschieden, denn wir hatten auf Zureden unserer Freunde die Absicht gefaßt, der Eröffnung der Gemeinde Höflein beizuwohnen, welche für vier Uhr den 2. August 2020 angesetzt war. Da die Zeit schon vorgeschritten war, entlehnten wir von der Verwaltung ein paar Zweiräder und kamen gerade noch zu rechter Zeit an, um der Eröffnungsfeierlichkeit beizuwohnen.
Da die Bevölkerung in Oesterreich sich jährlich um mehr als 200.000 Seelen vermehrt, werden alljährlich etwa 200 Gemeinden neu aufgebaut, um die Bevölkerungsüberschüsse aufzunehmen. Man zieht es vor, in dieser Weise vorzugehen, statt die Gemeinden zu vergrößern, weil durch eine solche Ausdehnung der Gemeinden die Verwaltung erschwert und mancherlei, insbesondere das Schulwesen, in Verwirrung gebracht würde. Die Besiedlung geschieht im Wege der freiwilligen Anmeldung und da es einerseits immer Unzufriedene gibt, welche durch eine Veränderung ihre Lage zu verbessern hoffen, andererseits aber bei der stets fortschreitenden Cultur die jüngeren Ansiedlungen meistenteils Annehmlichkeiten bieten, die in den älteren noch nicht eingeführt werden konnten, so ist die Zahl der Anmelder immer weit größer als die der frei werdenden Wohnstellen. Die allgemeinen Grundsätze für die Auswahl der neuen Ansiedler sind folgende: Zunächst wählt die Regierung für die Verwaltung, den ärztlichen Dienst und das Lehrfach besonders tüchtige Männer aus, weil es schwieriger ist, unter einer neu zusammengewürfelten Bevölkerung den Dienst erfolgreich zu versehen, als in einer Gemeinde, in welcher die Mehrzahl der Bewohner zusammen aufgewachsen ist, und unter einer längeren stabilen Verwaltung bereits sich Ordnung eingelebt hat. Sodann ist man bedacht, für die Produktionszweige welche in der neuen Gemeinde betrieben werden sollen, tüchtige Leiter und Vorarbeiter zu gewinnen. Auch sollen alle Lebensalter dergestalt vertreten sein, daß die verschiedensten Aufgaben der Erziehung, des Unterrichtes und der Versorgung sofort die ganze Administration beschäftigen. Das wird auch dadurch erreicht, daß man überall die Ueberzähligen zur Uebersiedlung bestimmt und auf diese Art ein gewisses Gleichgewicht auch dort herstellt, wo es gestört wurde. Darum findet man nirgends überfüllte Schulklassen und die Lehrer können ihren Schülern überall eine ziemlich gleiche Sorgfalt widmen. Endlich werden die der neuen Gemeinde näher wohnhaften Anmelder vor jenen bevorzugt, welche aus größerer Ferne her zuwandern wollen, damit doch eine möglichst homogene Bevölkerung größere Gewähr eines friedlichen Zusammenlebens biete.
Da das Gemeindegebiet von Höflein an der Donau nicht groß ist und wenig Gelegenheit zur Viehzucht bietet, hatte man eine große electrotechnische Fabrik dort errichtet. Diese Industrie machte ohnehin eine Erweiterung nothwendig. Dagegen war der Viehstand gering und rechnete man nicht nur auf keine Ueberschüße von Milch zur Butter- und Käsebereitung, sondern man erwartete, daß auch der tägliche Bedarf an roher Milch aus dem fruchtbaren Gebiete des Tullner Bodens würde theilweise zugeführt werden müssen. Große Obstculturen waren bereits auf dem Gemeindegebiete, das von Nachbargemeinden abgetrennt werden mußte, errichtet, und war also Obstbau ein wichtiger Produktionszweig. Besonders Beerenobst wurde hier reichlich gewonnen und lieferten die Johannisbeeren auch ein erfrischendes Getränk.