Oesterreich im Jahre 2020: Socialpolitischer Roman
Part 11
So, wie Bellamy, oder eigentlich ich als seine Puppe gesehen, könne Amerika im Jahre 2000 nicht ausgesehen haben und ebenso irrig seien die Anschauungen gewesen, die Michaelis den Mr. Forest habe äußern lassen. Bellamy habe unmögliche Dinge gesehen und Einrichtungen bewundert, die herzlich schlecht waren, aber nicht schlecht, weil sie communistisch waren, sondern schlecht, weil der Communismus nicht vollständig zum Durchbruch gekommen und das neue Prinzip möglichst ungeschickt angewendet worden war. »Auch sehen wir aus Bellamys Berichte wohl, wie es Dr. Leete ergeht, er gibt uns aber gar keinen Aufschluß über die Lage des Bauern- und Arbeiterstandes, über die Vertheilung der Bevölkerung, den Volksunterricht und vieles andere. Die Reste von Privatwirthschaft verwirren alle Verhältnisse, ohne irgend einen Nutzen zu gewähren. Das Eigenthum muß ganz abgeschafft, oder richtiger, alles muß Collektiveigenthum werden und wenn auch die Arbeitstheilung und damit die Berufstheilung nicht nur beibehalten, sondern bis ins kleinste hinein durchgeführt und noch weit über das dem 19. Jahrhunderte bekannte Maß vervollkommnet werden muß, so dürfen die einzelnen Berufe sich nicht wie hinterlistige Gegner gegenüber und in demselben Interessenkonflikte stehen, in dem früher die Individuen standen. Es hat sich ja auch unter den von Zwirner geprüften Werken des 19. Jahrhunderts ein Buch von Dr. Theodor Hertzka, »Die Gesetze der sozialen Entwicklung« betitelt, vorgefunden, wo neben scharfsinniger Kritik der landläufigen Lehren die abstrusesten Vorschläge enthalten waren, wie alle Berufe, die doch auf eigene Rechnung arbeiten und Eigenthümer der Produkte bleiben sollten, schuldig wären, darüber Rechnung zu legen, damit die ganze Welt sollte erfahren können, in welchem Berufe die höchsten Dividenden abfallen und jeder sein armes Gewerbe sollte aufgeben und dem lukrativsten beitreten können.«
»Es waren unklare Gedanken, die Eigennutz und Uneigennützigkeit durcheinander warfen, und immer zeigte sich ein Angstgefühl, daß der Wettbewerb erlöschen könnte. Man sah nicht, daß damals ein Wettbewerb für Spekulanten und Raubritter bestand, daß aber die ehrliche Arbeit keinen Lohn fand und der Wettbewerb der Arbeiter nur den Taschen der Unternehmer zugute kam und am Ende immer wieder zu verschärfter Sklaverei der Arbeiter führte, daher diese mit vollem Rechte, weil ihr eigenes Leben daran hing, besonderen Fleiß ihrer Kameraden mit ihrem Hasse verfolgten.«
»Auch war es ein Zeichen großer Begriffsverwirrung, daß man damals keinen Unterschied zwischen materieller und geistiger Produktion, zwischen jener menschlichen Thätigkeit, welche die bereits erworbene Kultur ausbeutet, und jener, welche dem Fortschritte dient und der Menschheit neue Bahnen eröffnet, machte und daß man nicht erkannte, daß die eine Art menschlicher Thätigkeit nur fruchtbar ist, wenn sie geregelt wird, die andere nur fruchtbar, wenn sie freien individuellen Impulsen folgt, und daß es ebenso absurd ist, alle menschliche Thätigkeit zu regeln, wie es absurd ist, für alle menschliche Thätigkeit Freiheit und Individualismus in Anspruch zu nehmen. Da aber dem Fortschritte und der geistigen Cultur offenbar nur ein kleiner Theil der wirthschaftlichen Mittel zugewendet werden kann, so war es ja auch offenbar, daß die überwiegende Masse der menschlichen Arbeit eine gebundene und kollektive sein müsse, wie sie es ja auch damals schon, aber nicht zum Vortheile des Volkes und der arbeitenden Classe, sondern zum Vortheile einer kleinen Zahl glücklicher Unternehmer wirklich war. Der Erfolg des Großbetriebes wies auf die absolute Nothwendigkeit hin, die mechanische Arbeit der Menschen zu regeln.«
»Für den _=Fortschritt=_ allerdings mußte ein Wettbewerb fortdauern.«
»Wir _=haben=_ einen Wettbewerb, aber nur in der edelsten Form. Ich bin längst arbeitsfrei, das heißt, ich brauche keine geregelte Arbeit mehr zu leisten, weil ich als Arzt diente und daher, da Aerzte einen verantwortlichen Beruf haben und Tag und Nacht zur Verfügung stehen müssen, schon mit 47 Lebensjahren meine Dienstzeit abgeleistet hatte. Es sind seither drei Jahre verflossen und ich habe mich immer noch mit Liebe meinem früheren Berufe gewidmet, nur nicht mit der Gebundenheit eines Beamten und mit einer Einschränkung, die mir erlaubt, dem Vaterlande auch andere Dienste zu leisten, auf die es kein Recht mehr hätte. Wo man erfährt, daß ich mich im Orte oder in der Nähe aufhalte, lassen mich Schwerkranke oder ihre Angehörigen bitten, am Krankenbette zu erscheinen, und ist mein Rath manchesmal von Nutzen gewesen, denn die geschicktesten Collegen sind oft in einem einzelnen Falle mit Blindheit geschlagen, wie es mir ja auch oft ergangen. Ich betheilige mich oft an gelehrten Congressen, erstatte Gutachten über allgemeine Einrichtungen, diene als Sachverständiger in Rechtsfällen und schreibe Artikel für die Fachblätter. Aber das geschieht nur mehr aus Liebe zur Sache und zum Vaterlande und weil ich sehe, daß sich alle anderen Leute, die sich zur Ruhe gesetzt haben, nützlich machen, und weil wir Aerzte überdies genau wissen, daß man dadurch sein Leben verlängert. Es ergeht jedem übel, der nach beendeter Dienstzeit in Trägheit und Genußsucht verfällt.«
»Aber ich bin, wie jeder andere, nicht nur Berufsmensch, sondern auch Dilettant und habe mich, wie ihr schon wißt, hauptsächlich der Plastik zugewendet, wobei mir meine anatomischen Kenntnisse zustatten kamen. Ich habe dieser Kunst schon früher gehuldigt, seit Beendigung meiner Dienstzeit aber an hundert Büsten und Statuen in Thon geschaffen, wobei mir von Vortheil war, daß ich für meine Lehrjahre Materiale in Hülle und Fülle hatte und nicht um Stoff zu betteln brauchte. Ich habe bald einen Ruf erlangt und die Staatsverwaltung, wie auch die Civilliste, haben viele meiner Statuen gießen lassen und mir so einen weitbekannten Namen gemacht. Erst in neuerer Zeit habe ich mich daran gewagt, meine Werke in Marmor zu meißeln, und ist ein Werk für eine hohe Frau in Arbeit, von welcher die reizende Idee stammt, welche dem Ganzen zu Grunde liegt.«
»Es wird sehr viel in Bronze gegossen, weil die Feld- und Festungskanonen aufgelassen und auch die zahllosen Glocken größtentheils eingeschmolzen wurden, und es liegen noch einige tausend Uchatius in den Magazinen die darnach lüstern sind, sich in berühmte Männer oder schöne Frauen umgießen zu lassen. Das Ciseliren meiner Werke übernehme ich zwar in der Regel selbst, aber auch das Ciseliren ist zu einer weit verbreiteten Liebhaberei geworden und oft sehe ich in einer Ortschaft Freunde beschäftigt, einen Abguß meiner Statuetten zu ciseliren.«
»Wir haben auch andere Vervielfältigungsverfahren, wie den Steinguß nach einer Methode, die im 19. Jahrhunderte der Firma Matscheko und Schrödl patentirt wurde, deren Werkstätten, zehnfach vergrößert, noch an den südlichen Marken von Wien stehen. Dann hat man auch versucht, von schon ziselirten Bronzestatuen Formen zu machen und mit Hilfe elektrischer und galvanischer Prozesse in den Formen einen metallischen Ueberzug herzustellen, der mit einer Pasta ausgegossen werden kann, die steinhart wird. Wenn dann die Formen abgenommen werden, hat man eine Reproduktion, die die feinste Ciselirung haarscharf wiedergibt, und es ist mir nicht klar, weshalb diesem Abguß nicht dem Originale im Werthe vollkommen gleich gehalten werden sollte. So werden plastische Werke überallhin verbreitet und sie sind nicht mehr blos in Sammlungen zu finden.«
»Wie bemerkt, habe ich schon einen großen Ruf und da die Frauen die Künste verehren, fehlt es mir nicht an Modellen. Die schönsten Mädchen, auch solche, die zur Ehe bestimmt sind, kommen, natürlich unter dem Schutze der Mutter oder Adoptivmutter, in mein Atelier und hat mein Auge Schönheit geschaut, für die es keinen Ausdruck gibt. Als Anatom weiß ich das Entscheidende festzuhalten und wiederzugeben. Ich habe eben mein Meisterstück beendet, das noch niemand sehen darf und womit ich hoffe, -- es mag eine Täuschung sein --, einen Meisterpreis zu erringen. Der Wettbewerb für Plastik findet im Dezember statt und bis dahin will ich niemand mein Werk sehen lassen. Ihr sahet ja in meinem Atelier die verhüllte Statue stehen.«
»Es stellt die Braut dar, die, das Haupt soviel als möglich seitwärts gewendet, nur das Antlitz in dem im Ellbogen eingeknickten Arme vergräbt, um wenigstens davon soviel, als ohne Hilfsmittel geschehen kann, in holder Scham zu verbergen, die rechte Hand, wie ganz leise abwehrend, senkt, so tief der Arm reicht, und, man möchte glauben, es zu fühlen, wonneschauernd Schonung heischt. Den jungen Gatten müssen wir uns dazu denken, wie er, vor seiner Göttin zu Boden gesunken, die lieben Füße küßt. Ich schmeichle mir, daß die Haltung der Statue jeden das Bild so ergänzen läßt, und das scheint mir die Aufgabe der Kunst; sie soll keine Räthsel aufgeben, die sich nicht im bloßen Anschauen und mit voller Sicherheit lösen lassen.«
»An fünfzig Modelle habe ich Probe stehen lassen, bis ich das Mädchen fand, das nicht nur unvergleichlich schön war, sondern auch die plastische Haltung in meinem Sinne wiederzugeben schien.«
»Wenn mir nur die Frauencurie nicht den Vorwurf macht, ich hätte die Phantasie nicht bis in das Brautgemach führen dürfen, oder meinem Kunstwerke fehle die Wahrheit, weil kein keusches Weib solche Gunst selbst dem Gatten erweise. Ich aber werde nicht müde, für unsere armen schönheitshungrigen Männer zu wirken.«
»Die Statue,« sagte Mr. Forest, »könnte man wohl eher für eine zur Besichtigung ausgestellte Haremssklavin halten.«
Darauf bemerkte Dr. Kolb, ein wenig ärgerlich: »Das hängt von der Lebensanschauung des Beschauers ab. In unserer Zeit, in welcher wohl eher die Männer in einer Art -- allerdings süßer -- Sklaverei gehalten werden, wird diese Auslegung nicht leicht sich aufdrängen, und dagegen spricht auch die Rose, die wir unseren schönsten Jungfrauen verleihen, und der im Haare zurückgebliebene Brautschmuck.«
Unsere Lebensanschauung sträubte sich dagegen, die unserem Gesellschafter erwünschte Auslegung so unzweifelhaft zu finden, doch gaben wir unseren Gedanken nicht weiter Ausdruck.
»Was könntest du in Amerika für eine solche Statue bekommen und hier wird man dir gewiß kargen Lohn geben,« bemerkte Mr. Forest.
»Ich will meine Statuen im Lande behalten, der Lohn wäre aber nicht karg, wenn die Kunstrichter und das Volk mit mir zufrieden wären. Ich könnte mir ein Schloß auswählen und Gärten fordern, Pferde und Wagen und ein Dutzend Hausgenossen aussuchen, bis etwa die Geduld der Regierung reißen und man das Volk befragen würde, ob man meiner Unersättlichkeit noch ferner nachgeben solle. Aber wenn ich Lohn verlange, schließe ich mich selbst vom Wettbewerbe um die Ehrensäule aus und ein Communist, der bald hier, bald dort wohnen und den Freuden nachgehen will, hat kein Vergnügen daran, sich mit einem Schlosse an eine kleine Scholle binden zu lassen. Denn das ist eine gerechte Forderung, daß derjenige, welcher etwas ausschließlich für sich verlangt, sich dafür ausschließen läßt von jenem, was allen gemeinsam ist.«
Ich sagte darauf, wir glaubten, von dem Gegenstande, der hier alle Köpfe zu beherrschen scheine, genug zu wissen und daß ja jetzt vielleicht die Antwort auf Mr. Forests Frage folgen könnte, wie man es hier mit Religion halte, und ob denn keine Christen im Lande seien, da man keinen Gottesdienst sehe.
Darauf sagte Dr. Kolb, daß die sichtbare Kirche sich aufgelöst habe und es nur eine unsichtbare gebe. Es scheine geheime Sekten zu geben, die niemand eindringen lassen, den man für freigeisterisch hält, aber sie hätten es aufgegeben, sich gewaltsam aufzudrängen. Die Kirchen seien nach einem stillschweigenden Einverständnisse meist abgetragen worden, Geistliche habe man nicht wieder angestellt und beim letzten Conklave habe man zwar die weißen Wölkchen aufsteigen sehen, die von den nach beendeter Wahl verbrannten Wahlzetteln aus einem bestimmten Schornsteine aufzusteigen pflegen, aber als einige Nobili und Frauen begeistert riefen: »__Habemus papam!__« seien die Cardinäle unverrichteter Dinge aus dem Conklave gekommen und hätten gesagt: »__Papam non habemus.__«
»Die Evangelien wurden durchgeprüft und man fand, daß Christus eine _=öffentliche=_ Gottesverehrung _=ja gar nicht haben wollte=_ und daß der Kern des Christenthums ist: ‘Liebe Deinen Nächsten, wie dich selbst,’ was in eigenthümlicher, aber wirklich tiefsinniger Ausdrucksweise Paulus mit den Worten bezeichnet: ‘Keiner suche das seinige, sondern das des andern.’ Lange wurde hin- und her gekämpft und dann nahm die Bewegung doch jenen Verlauf, den die Denkenden vermuthet hatten. In Wien sind noch drei Kirchen zu sehen, die Stefanskirche, die Votivkirche und die Kapuzinerkirche, die der alten Kaisergruft wegen fortbesteht. Auf der Eingangsthüre stehen aber die Verse: Was ist das für ein Haus, das ihr _=mir=_ bauen wollt, und was ist das für ein Ort, da _=ich=_ ruhen soll?[D]« »Du aber, wenn du betest, gehe in deine Kammer und schließe die Thür zu und bete zu deinem Vater im _=Verborgenen=_«[E].
»Habt ihr keinen Religionsunterricht mehr?« fragte ich. Dr. Kolb sagte, daß man das Evangelium Matthäus von einigen für Kinder unpassenden Stellen gereinigt und bedeutend gekürzt habe und daß die Lehren Christi vorgetragen würden, wie eine Legende oder ein Märchen. Dogmen lehre man Kindern gar nicht und die Erzählungen von Christus übten doch eine große Wirkung aus, da man auch zwei Feste daran knüpfe, die das Gemüth der Kinder feierlich stimmen. Man habe den Christbaum mit der Krippe darunter und das Osterfest im dunkel gemachten Bibliothekssaal, in welchem farbige Lichter mehr glühen als leuchten, beibehalten und an letzteres Fest schließe sich die Auferstehung an und ergreifende Gesänge begleiteten die Feier.
»An die Stelle des Dogmas ist die Symbolik getreten und lehrt man -- wie Christus erwiderte: ‘Ich aber sage euch, Elias ist schon wiedergekommen[F]’ --, daß Christus in Wirklichkeit schon auferstanden sei, denn in unserem Staate hätten wir das Reich Gottes verwirklicht und die Auserwählten seien bereits eingezogen in das Reich, das ihnen von Anbeginn der Welt bestimmt war, da jeder Hungrige gespeist, jeder Durstige getränkt, jeder Nackte bekleidet, jeder Fremdling beherbergt und jeder Kranke besucht werde.«[G]
Der mächtige Christbaum werde beim Weihnachtsfeste in Stücken in den Saal gebracht und von den Müttern mit Lichtern besteckt und geschmückt. -- Spielzeug und Näschereien fehlten nicht und der Abend bringe manches Neue, so insbesondere auch Kleidchen und Bücher. Man lasse noch immer die kleinsten Kinder bei den Glauben, daß alles von dem hoch oben schwebenden Christkinde herbeigezaubert sei. »Wir halten dafür, daß gerade _=wir=_ Christen und unsere Gegner Pharisäer seien. _=Wir=_ sind es, die das Christenthum verwirklichen, aber aus Ueberzeugung, nicht nach den Irrlehren der Confessionen.«
»Die Erfahrung wurde gemacht, daß das Einschlafen des öffentlichen Gottesdienstes keine üblen Folgen hatte. Wer ein Bedürfniß empfindet, sich an religiösen Uebungen zu betheiligen, kann in privaten Conventikeln Erbauung suchen oder die zahllosen Erbauungsbücher der früheren Zeit lesen. Das Bedürfniß darnach wird aber niemand durch Schule und Erziehung aufgezwungen. Wir glauben, daß viele unverheirathete Mädchen dieser Schwärmerei sich hingeben, aber es wird nichts davon bekannt. Die staatliche Ordnung ist so mächtig geworden, daß sie einer Unterstützung der Kirche nicht bedarf, religiöse Secten aber niemals gefährlich werden können. Jemand seiner Ueberzeugung oder seiner religiösen Uebungen wegen zu kränken, ist strenge verpönt.«
»Und die Frauenemancipation hat keinen Schaden angerichtet?«
»Sicher nicht. Die Frauen haben sich von allem Anfange an mit großem Tacte ein Gebiet erobert, auf dem sie herrschen, die Liebe und die Familie. Sie haben eingesehen, worin die Familie dem Staate Zugeständnisse machen muß. Dagegen ist in dieser Hinsicht und in der Liebe nichts geregelt worden, was die Frauen nicht einmüthig gebilligt hätten. Es hat sich gewissermaßen von selbst gemacht, daß sie sich eine Art geheimer Nebenregierung errichteten, und der Gebrauch, ihre Ideen über diese Gegenstände in geheimen Berathungen und einer geheimen Zeitung auszutauschen, ermöglicht eine reifliche Erwägung ganz im Sinne der Frauen. -- Für alle Feierlichkeiten und Gebräuche gingen die Vorschläge von ihnen aus und sie billigen jede Freiheit, die die Frauen in überwiegender Mehrheit gutheißen. Gegen den Frauentact verstößt keine und die Position, die die Frauen in der Ehe und in der Liebe einnehmen, ist unerschütterlich. Gegen Bewilligung der Aufnahme ihres Curiatsrechtes in die Verfassung haben sie eingewilligt, daß weder der Staatsbeamte, noch der Tribun, noch der Pädagog oder der leitende Arzt aus den Frauen solle gewählt werden können. Dagegen haben sie ihre medicinische Schule, wo nur Frauen tradiren und demonstriren, auch nur Frauen behandelt und weibliche Leichname zergliedert werden, und ihre medicinische Wissenschaft entwickeln sie in ihrer Frauenzeitung. Nur Forschungsergebnisse und Lehrmeinungen, die ohne Zusammenhang mit dem Geschlechtsleben sind, verhandeln sie öffentlich und in den öffentlichen Blättern.«
In allen wirthschaftlichen Fragen sei die Frau natürlich ebenso fähig zu stimmen, wie die Männer, aber auch in Verfassungsfragen und anderen öffentlichen Angelegenheiten seien die Frauen gerade so competent, wie Männer. In gewissen Fällen vertraue sich eine Frau oder ein Mädchen nur dem weiblichen Arzte an und müsse die Frau Doctor sich übrigens der Leitung des ärztlichen Beamten unterwerfen und die amtlichen Geschäfte ihm überlassen, wie auch ihm Aufschlüsse ertheilen. So sei das uralte Unrecht der Hörigkeit der Frau abgeschafft und gerade die Frauen hätten dem Lande zu den möglichst vollkommenen, wenn auch gewiß noch immer verbesserungsfähigen Zuständen des Geschlechtslebens verholfen.
Wir wollten nun hören, ob kein Mißbrauch der kaiserlichen Gewalt und keine Parteilichkeit oder Tyrannei der Beamtenschaft vorkomme. -- Darin gerade, sagte unser Gewährsmann, unterscheide sich Europa von Amerika, daß es die Monarchie beibehalten habe und daß die Beamten nicht so, wie man es oft als ein Erforderniß der Freiheit betrachtete, vom Volke, sondern vom Kaiser oder in seinem Namen ernannt werden. Damit hänge auch die Ersprießlichkeit der Monarchie zusammen. Der Kaiser habe vor Allem eine Stelle zu besetzen, auf die sich niemand drängen kann, und er sei in der Lage, sich über die Würdigkeit und Rechtschaffenheit der Beamten ein Urteil zu bilden, das dem Volke großen Schutz gewährt. Das Tribunat habe auch Gelegenheit, über Beamte direct beim Kaiser Klage zu führen, was rascher zum Ziele führe, als eine zeitraubende Volksabstimmung, mit der das Volk gerne verschont bleibe, wenn andere Abhilfe gefunden werden kann. Die Staatsverwaltung müsse sich aber als eine offenbar organische Institution auf eine Organisation stützen und diese sei die Beamtenschaft. Eine Organisation erheische ebenso Stetigkeit, wie Stoffwechsel, das heißt, es müssen unbrauchbare und absterbende Theile rasch ersetzt werden können, ohne das Ganze in Zerfall gerathen zu lassen. Das treffe zu in einem Beamtenkörper, der im Ganzen beharrt, aber immer in der Lage ist, faule Theile abzustoßen und für diese, sowie sonst ausscheidende Elemente, geeigneten Ersatz zu finden. So geartet sei nicht nur die monarchische Beamtenschaft, sondern auch jede Beamtenschaft in einem prosperirenden Privatunternehmen. Ganz im Gegensatze damit stehe ein gewählter Beamtenkörper, der von vier zu vier Jahren oder in anderen Intervallen abtreten und anderen Beamten Platz machen müsse. Das sei der Gipfel der Unvernunft, hervorgegangen aus einem Mißverständnisse, daß es nämlich die Organisation sei, wodurch die Bureaukratie schädlich wirke. Das Volk könne die Ernennung der Beamten getrost der Regierung überlassen, wenn es in der Lage ist, in die Beamtenthätigkeit Einsicht zu gewinnen und den einzelnen Beamten, wie auch die Regierung selbst, zur Rechenschaft zu ziehen. Die Einrichtung des Volkstribunats und die Verwirklichung der Volkssouveränität habe allen Uebeln der Beamtenwirthschaft ein Ende gemacht, ohne die Stetigkeit der Verwaltung zu beeinträchtigen. Der von der Regierung ernannte Beamte habe zwar die eigentliche Entscheidung in allen Fragen der Production, dann der Vertheilung von Arbeit und Gütern, aber er arbeite mit einem vom Volke gewählten und jederzeit absetzbaren Volkstribune, vor dem er keinen seiner Schritte verbergen könne, der von allem Einsicht nehme, der jederzeit an den vorgesetzten Beamten berufen, über alles an das Volk berichten könne.
»Wie halten es aber Monarch und Prinzen mit den Frauen?«
»Was das Privatleben der Glieder des kaiserlichen Hauses anbelangt, so ist es ebenso heilig gehalten, wie das der einfachen Bürger. Oeffentliches Aergerniß aber darf nicht geboten werden. Gerichtsbarkeit unter ihnen kann nur der Kaiser üben und alle sind unverletzlich.« Aber wer ihnen nur im geringsten in etwas ungerechtem oder auch nur unschicklichem diene oder auch nur passive Assistenz leiste, werde von dem Volksgerichte bestraft. Wenn ein Mädchen, eine geschiedene Frau oder eine Witwe mit dem Kaiser oder einem Prinzen ein Liebesverhältniß unterhielte, so würde sie nur dann Tadel treffen, wenn ein Hauch von Käuflichkeit gewittert würde. Auch wolle man keine kaiserlichen Bastarde haben. Glaube man, daß diese Frauen nicht aus Liebe gewähren, sondern um äußeren Vortheil oder gewisse Parteilichkeit, so werde das Volk und vor allem die Frauencurie, sich immer Recht zu verschaffen wissen. -- Die Geliebte in seine Nähe zu bringen, sei dem Kaiser oder Prinzen nicht schwierig, da in allen Palästen der kaiserlichen Familie männliche und weibliche Hausgenossen, die der Civilliste zur Last geschrieben werden, angestellt seien. Käme aber eine Ueberführung wegen Käuflichkeit vor, so würde die Schuldige abgerufen und die Fortsetzung des Liebesverhältnisses unmöglich gemacht, indem man sie internirt. -- Die Frauen wollten ihre Ehre und Würde corporativ wahren, und das sei von unermeßlichem Werthe.
Da warf Mr. Forest ein, daß man zwar den Mitgliedern der kaiserlichen Familie nicht verwehren könne, in der Liebe dieselbe Freiheit zu genießen, wie der einfache Bürger, aber man scheine es da mit der Heiligkeit der Ehe minder genau zu nehmen, als im Volke. Dr. Kolb bemerkte darauf, es habe sich ja vorhin nur darum gehandelt, ob die Bürger nicht für die Ehre ihrer Frauen und Töchter zu fürchten hätten. Was die Frauen in der kaiserlichen Familie anbelange, so könnten sie jederzeit Schutz gegen Untreue finden, wenn sie die Hilfe der Frauencurie anriefen. Wenn man auch keine Gewalt über den Gatten habe, so habe man doch volle Gewalt über die Mitschuldige. Auch könne die beleidigte Frau ihren Gatten verlassen und das Volk sei reich und mächtig genug, ihr Ersatz für den Hausstand zu bieten, den sie aufgebe.
Er wolle aber noch einiges über die Beamtenschaft auseinandersetzen.