Oesterreich im Jahre 2020: Socialpolitischer Roman
Part 10
Ich gab meine Meinung folgendermaßen kund: Damals würde die Lori eine hochnasige Comtesse, geheimen Sünden ergeben und sehr fromm gewesen sein und schließlich, wenn sie etwa arm war, einen Cavalier um seines Reichthums willen geheirathet und sich für das, was ihm abging, bei einem Stallknechte schadlos gehalten haben. Die Hochbergs würden ebenso vor dem Kaiser gekrochen sein, wie die Bauern verachtet haben, und wenn ein Prinz an Lori Gefallen gefunden hätte, würde sie sich vor ihrer Verheirathung ihm pflichtschuldigst, aber ohne Liebe und wie eine Dirne hingegeben und damit den Wunsch ihres Herrn Vaters erfüllt haben, der sich das zur Ehre anrechnete, was er wieder in fürstlicher Herablassung seinem Schloßverwalter als Gunst erwies.
Zwirner wäre ein roher Holzhauer, der zwar rechtschaffen wäre, aber vielleicht doch in's Criminal käme, wenn es ihn juckte, einmal ein Stück Wild im Hochberg'schen Parke zu schießen.
Mary wäre vielleicht eine ehrsame Bauerndirne ohne Bildung und Geschmack, viel wahrscheinlicher aber, da sie ungewöhnlich schön und Wien nicht weit ist, ein lichtscheues Geschöpf, das sich bei Tage nicht sehen lassen kann, krank, dem Trunke ergeben, mit heiserer Stimme und verachtet, obgleich nicht ein Tüpfelchen schlechter, als alles um sie herum. Doctor Kolb wäre ein Quacksalber, der den reichen Leuten für theueres Geld zu Diensten steht, aber den Armen an die Klinik verweist; er würde sich am besten mit geheimen Krankheiten befassen, die er eher schonungsvoll pflegen, als heilen würde, und nicht _=ein=_ Recept würde er schreiben, ohne sich am nächsten Tage ein kleines Douceur beim Apotheker zu holen, der dafür den dreifachen Preis nehmen würde. Wenn eine Freundin heirathete, würde er nicht eine Photographie -- ich hatte zufällig etwas von seiner Absicht wegen eines Hochzeitsgeschenkes für Lori erfahren --, sondern, da nur Werth hatte, was viel Geld kostete, seinen Einkünften gemäß eine silberne Theekanne oder ein Porzellanservice schicken und die Empfängerin würde ihm sehr freundlich danken, sich aber im Stillen über seinen schlechten Geschmack und die Knauserei ärgern.
Dem kleinen Zwirner würde es am besten von allen gehen, vorausgesetzt, daß er sich ganz dem Gewerbe widmen und sein Lebtag nur Purzelbäume schlagen wollte.
Denke man an die Photographien, die Dr. Kolb von seinen weiblichen Statuen mache, so hatte das Europa von damals sein Gegenstück in schmachvollen Photographien, die allen feineren Sinnes baar, das Roheste auf das Roheste darstellen, und würden Hunderte davon leben, diese Photographien geheim herumzuzeigen und zu verkaufen, am liebsten an junge Leute, denen es recht zum Schaden gereicht und die ihren Eltern das Geld aus der Lade stehlen, um recht hohe Preise für solche schöne Sachen zu bezahlen.
Wollten sich die Dorfbewohner einen guten Tag machen, so würden sie sich betrinken und dann wechselseitig halb todt schlagen. Aber -- nicht wahr »Mr. Forest? -- damals war es doch schöner!«
»Das will ich nicht behaupten, aber auch damals hätte man ja das alles bleiben lassen können!«
Ich erwiderte darauf, daß ich wieder an der Richtigkeit seiner, des Mr. Forest, Anschauungen zu zweifeln angefangen hätte und, wenn ich noch hundert Jahre lebte, hoffte, die Wahrheit zu ergründen.
Wir gingen dann zu Dr. Kolb ins Atelier. Er war Bildhauer aus Liebhaberei und hatte im Bezirkspalaste neben der Modellirschule einen großen Saal für seine Zwecke angewiesen erhalten, da man seine Kunst für nützlich hielt und ihn auf alle Weise unterstützen wollte. Es stand neben ihm ein Modell -- nun ein Modell -- aber ohne mütterliche Begleitung, denn es war ein Riesenkerl, der, selbst ein Ruderer, Schultern und Arme hatte, die zur Zwirnerstatue vortrefflich paßten. Den Kopf Zwirners hatte Dr. Kolb unzähligemale nach der Natur modellirt, daher er eine Portraitstatue machen konnte, obgleich Zwirner nicht erfahren sollte, was im Werke sei. Während der Arbeit, die wesentlich nur mehr im Vollenden des Nackens, der Schultern mit den Schlüsselbeinen, der Arme und Hände bestand, plauderte Dr. Kolb mit uns und da wir unsere Verwunderung über die gestrige Improvisation der Abendunterhaltung aussprachen, sagte er, wo viele Hände zusammenwirken, vollbringe der Mensch Erstaunliches. Er bat uns, während er arbeitete, unter den zahllosen Statuen und Büsten auf den niederen Schemeln Platz zu nehmen, auf welche er seine lieben Modelle zu stellen pflegte, und erbot sich, uns eine Geschichte zu erzählen. Wir sahen eine Statue, die, ganz mit Tüchern verhüllt, im Hintergrunde stand.
»In Gutenstein,« fing er an, »lebt heute noch ein Ingenieur, der in jungen Jahren die unglaublichsten Dinge vorschlug und auch ausführte, und dem man sich seiner Findigkeit wegen gerne zu Diensten stellte, wenn er ein Projekt ausgesonnen hatte. Da war er eines Tages, -- es war ein Freitag Abend, -- mit einigen Freunden im Parke von Gutenstein, wohin sie sich ein kleines Fäßchen Bier gerollt hatten, das sie, auf die Wiese gelagert, zu vertilgen beschlossen hatten. Nun kam die Rede auf viele große Dinge, die schon durch das Zusammenwirken vieler rasch wären ausgeführt worden, und der Ingenieur vermaß sich, alles zu übertreffen. Man lachte und sagte, man wolle es auf eine Probe ankommen lassen, und als das Bier alle geworden, gingen die jungen Leute in der Nacht ihrer Wege. Sie waren ihrem Freunde zu Liebe aus verschiedenen Gemeinden gekommen, ihn zu beglückwünschen, weil er in Kürze sich vermählen sollte. Alle waren Techniker und am nächsten Tage bei der Tafel erhielten sie, jeder von ihnen an seinem Orte, ein versiegeltes Packet von dem Ingenieur, -- sein Name war Schneider, -- zugesandt, worauf stand, der Empfänger solle sich mit so vielen Männern und Jünglingen, als er auftreiben könne, um 6 Uhr beim Telephon einfinden und dann erst das versiegelte Packet eröffnen.«
»Das thaten nun die Empfänger auch, und da alles gespannt war, was denn der Teufelsschneider wieder ausgeheckt habe, blieben alle jungen und alten Männer auf Meilen in die Runde zu Hause, obschon sonst am Samstage alles mobil wurde und auf Ausflüge sann, besonders nahe dem Schneeberg, den in solchen Nächten viele Tausende erstiegen. Zwischen 6 und 7 Uhr löste sich das Räthsel. Schneider hatte beschlossen, auf eine Nebenkuppe des Schneeberges, die bisher von den Touristen war vernachlässigt worden, in 24 Stunden nicht nur ein Touristenhaus zu zaubern, sondern auch einen ganz neuen Aufstieg dahin zu machen, der, in Serpentinen sachte ansteigend, für Fußgänger und Saumthiere zu brauchen sein sollte. Jeder von den Freunden hatte für seine Section, in welcher er die Arbeiten leiten sollte, an zehn Gehilfen zu ernennen und zu instruieren. In den versiegelten Packeten waren die zehn Sectionen der Wegstrecke von dem bergkundigen Erfinder auf das klarste angegeben und fand sich auch der Plan des Touristenhauses mit Zeichnungen aller Werkhölzer und genauen Anweisungen beigegeben, welche Materialien erforderlich seien und wie viele Tragthiere man brauche, um alles richtig auszuführen, und welche Werkzeuge man mitnehmen müsse, wobei auch Dynamitpatronen nicht vergessen waren, da an gewissen Stellen Sprengungen erforderlich waren. Aber man brauche 5000 Arbeiter, legte der Erfinder dar, denn die gesammte Länge des Weges betrage des sanften Anstieges wegen 15.000 laufende Meter und er wolle im Durchschnitte keinem mehr als 3 Meter der Wegstrecke zumuthen. Die am Fuße des Berges hatten aber 7 Meter herzustellen und jene, die bis zur Spitze zu wandern hatten, brauchten nur 2 oder 1 Meter zu übernehmen. Für jede Gemeinde war die Stelle angegeben, wo sie zu arbeiten habe, und so genau waren die einzuschlagenden, oft nur dem Schneider bekannten Wege, auf welchen zur Arbeitsstelle zu gelangen sei, angegeben, daß man sich auch im Finstern hätte zurechtfinden können. Es war aber eine mondhelle Nacht. Die Zimmerleute, Tischler, Schlosser und Glaser sollten in der ersten Hälfte der Nacht oder mindestens bis 4 Uhr Morgens alles fertig machen und die Hütte in ihren einzelnen Theilen hinaufschaffen, was nicht schwierig sei, da bis dahin der Weg schon gangbar sein müsse. Freilich müßten viele zusammenarbeiten und die Beamten, die ja eine Art Dispositionsfond für solche Zwecke besaßen, trockenes Holz und die Dampfsäge sammt anderen Holzbearbeitungsmaschinen zur Verfügung stellen. Da aber in Neunkirchen eine große Bautischlerei mit allen Maschinen sei, könne es nicht fehlen, daß der Plan gelinge. Die Maurer brauchten nur gelöschten Kalk in Truhen mitzunehmen, die ja von zwei Saumthieren getragen werden könnten. Sand, Stein und Wasser fänden sie im Ueberflusse und bedürfe es ja nur unbedeutender Fundamente.«
»Man jubelte und ging an's Werk und schleppte auch aus den Vorräthen die ganze Einrichtung sammt Kochherd mit. Morgens holte sich der Schlaue, der in der Nacht vom Freitag auf Samstag rastlos an seinen Plänen und Instruktionen gearbeitet hatte, vom Samstag auf Sonntag aber ganz ruhig in seinem Bette schlief, sein Bräutchen ab und sagte, er wolle ihr ihre Morgengabe heute schon geben. Da sie reisefertig war und er durch das Telephon erfahren hatte, alles sei gelungen, führte er sie den neuen Serpentinenweg hinan, von jenen, die noch die letzte Hand ans Werk zu legen hatten, stürmisch applaudirt, bis zur Schutzhütte, leerte ein Glas Wein, das er dann 200 Meter tief in einen Abgrund schleuderte, auf das Wohl seiner Braut und sagte. ‘Nun, Freunde! tauft die Hütte ‘zur schönen Schneiderin’ und entweiht mir sie nicht bis zum Ablauf meiner Flitterwochen, die ich hier mit meiner Kathi verleben will. Dann gehört das Haus der ganzen Welt.’ -- Das fand man gerecht, und, nachdem er sich vermählt hatte, zog er mit Proviant, Büchern und Bildern und einem Photographenapparate mit ihr hinauf und verjubelte einen Monat. Als er zurückkam, zeigte er zahllose photographische Ansichten, die er aufgenommen hatte, und man begriff nicht, was der Teufelskerl gemacht hatte; denn es war doch keine Seele bei ihnen und auf allen Bildern war er mit seiner jungen Frau abgebildet; da sah er ihr kochen zu, dort schnitt sie einem Huhn, das sie verzehren wollten, den Kragen ab, dann wieder speisten sie oder tranken sich fröhlich zu, hier neckten sie sich, dann hielt er ihr eine Strafpredigt und sie schien ganz unbändig zerknirscht, bald darauf wieder lag er wie verzweifelt vor ihr auf den Knieen und sie drehte ihm ärgerlich den Rücken, und so ging es fort; auf allen schönen Plätzen und Ruhebänken und Aussichtspunkten waren Schneider und Schneiderin verewigt, und an einem Abgrunde stand er gar, als wollte er sich hinabstürzen, und sie zog aus Leibeskräften an seinen Rockschößen. Nachdem man sich den Kopf zerbrochen hatte, wie das zugegangen, zeigte Schneider, wie er mit Häckchen, Bindfaden, Rollen und Steinen, die als Gewichte dienten, es zu Stande gebracht hatte, daß sich die Klappe des Apparates zur bestimmten Zeit blitzschnell von selbst öffnete und wieder schloß, und so hatte er, nachdem er den Apparat eingestellt hatte, Zeit, seine Stelle einzunehmen und mit seiner Frau das gewünschte Stück zu spielen. Aber die Freunde behaupteten, Schneider verheimliche einen Theil seiner Bilder, man wisse, daß er 100 Platten mitgenommen, und es wären nur 97 Aufnahmen da. Das sei gegen den Communismus, er müsse auch die drei anderen Bilder zeigen. Frau Schneider wurde unmerklich roth, er aber schwur hoch und theuer, das sei Verläumdung, bei seinem Kampfe mit seiner Frau am Abgrunde seien drei Platten hinabgestürzt und wenn sie es nicht glaubten, möchten sie nur nachspringen.«
»Da habt ihr die Entstehungsgeschichte vom Schutzhause zur schönen Schneiderin, die ihr gesehen haben müßt, als ihr auf dem Schneeberge übernachtetet.«
Das hatten wir auch. Wir glaubten dem Erzähler alles aufs Wort.
XII.
Wir fuhren am Mittwoch den 29. Juli 2020 nach Wien, wo heute die Vermählung der 100 Schönsten stattfinden sollte. Die Nächstbetheiligten waren schon früh in Kutschen voraus gefahren und wir gelangten vom Franz Josefs-Bahnhofe aus auf einem Straßenbahnwagen bis zum Burgtheater, wo wir ausstiegen und durch den Rathhauspark zum Palaste des Tribunats wanderten, um über eine Prachtstiege in den großen Festsaal emporzusteigen, wo man uns neben vielen Broncestatuen die des Dr. Johann Nepomuck Prix, des ersten Bürgermeisters von Groß-Wien, zeigte. Wir stellten uns mit den anderen Zusehern im Kreise der Fensterseite gegenüber auf und ließen von den Thüren her Gänge frei für den Einzug der Bräute. Auf der Gallerie wimmelte es von Frauen aller Art, die Eintrittskarten erobert hatten, und uns gegenüber war unter einem Zelte von rothem, goldgesticktem Sammt und vergoldeten Zeltstangen ein Thron aufgerichtet, zu dem man über Stufen aus seltenem Holze, auf denen ein kostbarer Teppich lag, hinaufschritt.
Es war eben 2 Uhr; die Thurmuhr schlug dröhnend und man hörte drei Schläge an der Saalthüre, die aufsprang und hinter Hellebardieren und den Tribunen in ihrer Amtsfesttracht schritt der Unterrichtsminister im rothen Talare mit dem rothen Barett auf den weißen Haaren, die Amtskette mit zahllosen Diamanten auf der Brust, herein, gefolgt von hohen Beamten und Hellebardieren, die den Schluß machten. Die Julisonne spielte in den Bäumen im Parke und durch die mächtigen Fenster sah ich das Burgtheater, über dem der verdächtige Apollo thront, uns gegenüber stehen.
Nachdem der Unterrichtsminister, der heute die Stelle des Kaisers vertrat, sich niedergelassen und die Begleitung und die Hellebardiere ihre Plätze eingenommen, wurde das Zeichen gegeben und zwei Saalthüren öffneten sich, durch welche die Bräute, geführt von ihren Auserwählten und zu beiden Seiten geleitet von einem Schwarm von Ehrenfräulein, eintraten und einen engeren Kreis um den Thron bildeten. Der junge Mann stand hinter seiner Braut und weiter zurück die Ehrenfräulein. Die Bräute trugen das Haar in Flechten. Die Tracht war griechisch, das Oberkleid an beiden Schultern aufgeknüpft, und hatte man heute Goldbrocat gewählt. Das an den Hüften aufgeschürzte Oberkleid bildete dort etwas überhängende Falten und floß bis zu den Knöcheln; an den nackten Füßen trugen sie reichgezierte Sandalen und mit Geschmeide an Hals und Armen war man nicht sparsam umgegangen, da nicht nur die Brautschatzkammer zur Verfügung stand, sondern das Obersthofmeisteramt auf Befehl des Kaisers die ganze kaiserliche Schatzkammer geplündert hatte. Schon seit drei Tagen waren die Bräute zur Probebekleidung gekommen, denn das Schmücken einer Braut war eine Kunst, welche nur wenige verstanden, und tagelang wählte man unter dem Schmucke herum, bis man das richtige gefunden hatte, das zu Haar- und Hautfarbe am besten stand. Jede einzelne Braut war in der Eigenart ihrer Schönheit auf das sinnigste geziert. Da nicht _=eine=_ Braut im Saale war, die nicht Rosenkönigin gewesen wäre, hatten sie alle die goldene Rose im Haare und man war geblendet von der Schönheit, die hier zu schauen war. Vergebens suchten Perlen und Diamanten uns irre zu machen, wir sahen nur Hälse und Schultern, kräftige Arme im schönsten Ebenmaße, die Haut schimmernd vom reinsten matten Weiß bis zum hellen Bernstein und ein Königreich hätte man geben können für das allerkleinste Muttermal oder eine Sommersprosse. In allen Farben spielten die Haare, aber das Schwarz überwog; nur unsere Mary Zwirner hatte aschblonde Haare.
Nun hielt der Unterrichtsminister sitzend, etwas vorgebeugt, die Ansprache und beglückwünschte erst die jungen Männer, welche so herrliche Frauen heimführten, aber auch die Bräute, die Freude an ihren Männern erleben würden. Den Bräuten sagte er, daß sie eine schwere Bürde auf sich nähmen und viel zu leiden haben würden, aber es beseelige sie der Gedanke, daß in ihnen das Geschlecht fortleben werde, und das Vaterland sei dankbar. Niemand stehe höher in Ehren im Vaterlande, als die Mutter, von blühenden Kindern umgeben, und es würde ihnen an solchen nicht fehlen. Oesterreich habe sich seiner Frauen nicht zu schämen. Schönheit, Anmuth, Kraft und Geschmeidigkeit zierten ihren Leib und Grazie entzücke in ihren Bewegungen und ihrem Mienenspiele, aber die hundert Freundinnen, die hier vor ihm stünden, hätten ihresgleichen nicht auf dem Erdenrund; die Gottheit sei in ihnen lebendig geworden und diese Stunde sei für alle, die anwesend seien, eine weihevolle.
Er ließ die Ehepaare, welche ein Herold beim Namen aufrief und der Reihe nach vor ihn hintraten, nachdem er die Stufen herabgeschritten war, den Ringwechsel vollziehen, und entließ jedes Paar mit den Worten: »Von dieser Stunde an seid ihr Mann und Frau.«
Als die Ceremonie vorüber war und die Ehepaare mit den Ehrenjungfrauen den Saal verlassen hatten, stürzte alles nach den Ausgängen, um auf die Straße zu kommen und ein Plätzchen nahe dem Burgtheater uns zu sichern, denn nun kam der Brautfestzug, der sich um die Ringstraße bewegen sollte. Voran die Herolde mit silbernen Trompeten, aus welchen ab und zu Fanfaren klangen, dann die Ehrenfräulein auf weißen Pferden, endlich die herrlichen 100 Brautwagen, von Isabellen gezogen, mit glänzendem Geschirre, von schönen und reichgekleideten Jünglingen gelenkt und in jedem saß die liebliche Braut neben ihrem Erwählten in großer Bewegung und sich beständig verneigend, während der von Glück strahlende Gatte den Freunden winkte und grüßte, die Rechte aber nicht wollte von der Schulter seiner Frau nehmen, der er am liebsten um den Hals hätte fallen mögen. Da der Zug sich sehr langsam bewegte, um all' den Tausenden von Zuschauern Zeit zur Bewunderung der Schönen zu lassen, eilten wir, als der Zug, in dessen Mitte der Unterrichtsminister, umgeben von berittenen Tribunen und Beamten fuhr, kaum vorüber war, durch das Gedränge voraus und konnten gerade noch auf den Stufen des Monumentes der Kaiserin Maria Theresia einen Platz erobern, als die ersten Wagen auf dem Forum anlangten und links einbogen, um im Halbkreise unter den Fenstern der dreitheiligen kaiserlichen Burg vorüberzufahren, die mit Teppichen und Gewächsen geschmückt war. Dort in der Mitte auf einem weiten Balcon stand der Kaiser, der vom Hoflager auf der Rosenburg bei Horn hereingefahren war, und die Kaiserin mit den Prinzen und Prinzessinnnen und alle Fenster waren besetzt mit Hofbeamten und Adeligen, fremden Gesandten und den Hausgenossen des Kaisers, von den Ehrendamen und Castellanen bis zu den Wagenlenkern und Köchen mit ihren Gehilfen und Gehilfinnen. Alle schwenkten die Tücher und man sah einige Bräute in Thränen ausbrechen. So ging es weiter über die Ringstraße bis wieder zur Burg zurück, wo mittlerweile die Tafel gedeckt wurde, weil die jungen Eheleute und das ganze Gefolge, worunter wir uns auch mischen durften, beim Kaiser zu Tische waren.
Im Riesensaale, der, nachdem man, um das Tageslicht auszuschließen, die Fenster geschlossen hatte, hell erleuchtet worden war, waren die Tafeln aufgerichtet. Das Mahl verlief fröhlich und war nicht nur eine große Pracht entfaltet, sondern es fehlte auch nicht an Musik, welche der Natur des Festes angepaßt war. Nach dem dritten Gange erhob sich der Kaiser und alle Tischgenossen folgten seinem Beispiele. Mit weithin tönender Stimme sprach der Fürst den Trinkspruch: »Ich leere mein Glas zum Preise und zur Ehre der Frauenschönheit, die in so vielen und mannigfaltigen Gestalten hier verkörpert ist, und zum Ruhme der jungen Frauen, die das kostbare Gut göttlicher Schönheit vererben auf kommende Geschlechter, ihren Ehegenossen zum Entzücken, ihren Kindern zum Segen und dem menschlichen Geschlechte zur Vervollkommnung, -- hoch die jungen Frauen!«
Die Männer fielen ein und die Frauen verneigten sich lächelnd. Der Kaiser ließ das Glas an das seiner Nachbarin, der Fürstin Anselma Lobkowitz, anklingen. Diese erwiderte: »Dank Dir, dem Fürsten so vieler edler Völker, die den vaterländischen Boden besitzen, im gleichen Ansehen und durch redliche Arbeit habsburgischer Kaiser in wechselseitigem Vertrauen und Frieden vereint. Dir und deinem Hause hängen wir an und unsere Söhne und Enkel, solange dein Haus den Völkern Treue bewahrt. Habsburg hoch!« -- »Habsburg hoch!« scholl es von Aller Lippen. -- Der Kaiser sah lächelnd auf die freimüthige Sprecherin.
Nun erhob sich Zwirner zur Rechten der Kaiserin, Lori an der Hand haltend: »Unsere Frauen vererben mit uns vereint den kommenden Geschlechtern Schönheit und Kraft. Ein Erbe wollen wir Männer vor Allem auf sie übertragen, Treue und Verehrung den Frauen und Treue der bürgerlichen Gesellschaft, jene Pflichttreue, worin uns die Habsburger bisher Wegweiser gewesen. -- Dem wir Alle dienen, Oesterreich, hoch!« -- Begeistert fielen alle ein und nun machte man der Tafel, an welcher nur wenige Schüsseln, aber vortreffliche Weine gereicht wurden, bald ein Ende, denn die Ehemänner wollten nach Hause fahren.
Die Nacht war schon hereingebrochen und die Kutschen geschlossen und es steht uns frei, Betrachtungen anzustellen, ob da vielleicht das Küssen schon angegangen.
Unserem Freunde war für die Honigmonde ein allerliebster Pavillon im Schloßparke von Königstetten, versteckt im rückwärts gelegenen Theile unter hohen Linden, eingeräumt und dieser Theil weit herum in Bann gethan, daß niemand bei schwerer Strafe eindringen dürfe, ausgenommen die Freundinnen, die gerufen wurden, um die Mahlzeiten aufzustellen und die Gemächer in Stand zu halten. Wir konnten weder Zwirner noch Lori mehr zu Gesichte bekommen und erwarteten, daß sie uns ganz vergessen würden. Wir mußten uns an Dr. Kolb als Vertreter unseres Freundes genügen lassen, der uns für den nächsten Tag versprach, uns über einige Zweifel Aufschluß zu geben.
Zwirner, der anderes zu thun gehabt, habe ihm die Bücher von Bellamy und Michaelis zum Lesen überlassen und er wisse uns Bescheid zu geben.
XIII.
Am nächsten Tage wanderten wir mit Dr. Kolb über Tulbing ins Gebirge, wo wir, das sei im Vorbeigehen bemerkt, später von einer Höhe aus den verzauberten Pavillon unserer Freunde ein wenig durch dichtes Baumgezweige schimmern sahen, und widmeten einige Stunden der Besprechung jener Frage, die uns hierhergeführt hatte.
Dr. Kolb leitete seine Erörterungen mit einem Ueberblicke über die Bücher von Bellamy und Michaelis ein und wies nach, daß Bellamy viele Irrthümer begangen hätte, aber Michaelis noch weit mehr und daß offenbar beide fehlerhaft berichtet hätten. Das Fernsprechwesen diene nach Bellamy nur zu kindischen Spielereien, nicht als Hilfsmittel der Produktion und Vertheilung; die größeren Städte ließen auf zerstreute Farmen schließen, welchen alle geistige Kultur fehlen müsse, und wenn Dr. Leete mir berichtet habe, daß die Waaren durch pneumatische Röhren in die Dörfer befördert würden, so habe er mir offenbar einen Bären aufgebunden. Aus solchen Verhältnissen müsse sich nothwendig eine Schichtung im Volke ergeben zwischen überfeinerten und rohen Elementen, die sich nicht verstehen und anfeinden, daher man sich den Anfall des Fest auf Dr. Leete recht wohl erklären könne.