Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten: Sechszehn heitere Erzählungen

Part 8

Chapter 83,818 wordsPublic domain

Gern ließ der König sein Kind freilich nicht ziehen, weil die Prinzessin aber gar so innig bat, willigte er ein. Er übergab ihr ein winziges Köfferchen, in dem waren die schönsten Kleider, die man sich denken kann, alle spinnewebfein, aber so wundervoll, wie sie noch keine Prinzessin je getragen hatte. Er gab seinem Kinde auch noch ein Beutelchen, in dem das Geld nie alle wurde, und dann nahm Schlampampe unter heißen Tränen Abschied von Eltern und Geschwistern. Sie zog ein graues Bettlerkleid an, setzte sich auf ein schneeweißes Rößlein und zog in die weite Welt hinaus.

Als die Nacht kam, kehrte sie in einem Bauernhaus ein, wo sie freundlich aufgenommen wurde. »Wie heißt du denn?« fragte die Bäuerin.

Schlampampe wurde rot wie ein Adonisröslein und sagte schüchtern ihren Namen.

»Mein Himmel!« schrie die Frau entsetzt und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Was ist das für ein Name! Nein, so etwas! Mach' nur, daß du fort kommst, für eine Schlampampe ist kein Platz in meinem Hause!«

Da ging die arme Prinzessin traurig weiter und beschloß, die Nacht im Walde zu bleiben. Als sie sich auf das Moos niederlegte, begannen die Vöglein süße Weisen zu singen, und die Bäume rauschten sanft und lind. »Armes, schönes Königskind,« flüsterte eine stolze Tanne, »sei nicht traurig über deinen Namen, das Herz ist die Hauptsache.«

»Ja, das ist wahr,« rief ein Mistkäfer, der am Boden kroch. »Ich bin nur ein Mistkäfer, aber ich habe ein gutes Herz!«

»Prahlhans!« rief ein dicker Specht. »Aber es ist wahr, das Herz ist die Hauptsache.«

Die Nachtigall setzte sich auf einen Busch neben die schlafende Prinzessin und sang, bis der Morgen heraufdämmerte. Schlampampe schlief so süß wie daheim in ihrem seidenen Himmelbette, und als sie am Morgen erwachte, war sie heiterer als seit vielen Wochen, und froh setzte sie ihre Reise fort.

Am Abend kam sie wieder in ein Bauernhaus, und die Bäuerin hieß sie herzlich willkommen. »Wie heißt du denn, du wunderholdes Mägdelein?« rief die Frau.

Schlampampe senkte den Kopf und sagte traurig: »Ach, gute Frau, ich habe einen schrecklichen Namen, den ich gar nicht nennen kann!«

»Ei, so nenne ich dich Namenlos,« rief die Bäuerin und führte die Prinzessin in ein kleines, sauberes Zimmer.

Schlampampe gefiel es gut in dem Bauernhaus, und sie blieb etliche Tage. Es tat ihr so wohl, daß niemand ihren Namen wußte und darüber lachte. Eines Morgens aber, als sie aus ihrer Kammer trat, hörte sie die Bäuerin rufen: »Ei du alte Schlampampe, wie unordentlich hast du wieder gefegt!«

Da erschrak die Prinzessin sehr. Wohl merkte sie bald, daß die Bäuerin die Magd gemeint hatte, aber es litt sie nicht länger in dem Hause, und sie zog weiter. Wohin sie auch kam auf ihrer Reise, überall wurde sie »Namenlos« genannt, weil sie ihren Namen nicht nennen wollte.

Nach etlichen Wochen kam sie zu einem Könige, der ein großes, schönes Schloß bewohnte, und der drei Söhne hatte. Die Prinzessin nahm aus ihrem Koffer ein Kleid, das blau wie ein Strauß Vergißmeinnicht war und silberne Borten hatte, zog es an und ritt in den Schloßhof hinein.

»Das ist eine Prinzessin,« riefen alle Diener und Mägde und purzelten gleich vor lauter Eifer übereinander. Auch der König kam herbei, begrüßte seinen schönen Gast und wollte ihren Namen wissen, aber Schlampampe seufzte tief und sagte, sie könne ihren Namen nicht sagen.

»Also sind Sie Prinzessin Namenlos, mein schönes Kind?« sagte der König und führte sie ins Schloß und stellte ihr dort seine drei Söhne vor. Die drei Prinzen hatten nur einen Fehler, sie waren schrecklich dumm. Der älteste sagte immer: »Aha!«, der zweite: »Oho!« und der dritte: »Hmhm!« Das war ein bißchen langweilig. Sagte die Prinzessin: »Heute ist aber schönes Frühlingswetter!« dann lachten die drei Prinzen und riefen: »Aha!« -- »Oho!« -- »Hmhm!«

Lobte bei Tisch die Prinzessin die Pastete, so klopften sich die drei Prinzen auf den Magen und riefen vergnügt: »Aha!« -- »Oho!« -- »Hmhm!«

»Das ist mir aber doch zu dumm,« dachte Schlampampe. »Lieber behalte ich meinen Namen, als daß ich einen heirate, der immer nur aha, oho oder hmhm sagt.« Sie nahm daher Abschied und dankte dem alten König herzlich für seine Aufnahme. Die drei Prinzen wurden sehr traurig und riefen klagend: »Aha!« -- »Oho!« -- aber der dritte konnte nicht mehr »Hmhm« sagen, weil ihm ein großes Stück Pastete in die Kehle gekommen war. Er mußte schrecklich husten, und als er aufhörte, war die Prinzessin schon längst fortgeritten, da rief er noch hinterher: »Hmhm!«

Schlampampe ritt weiter durch fruchtbare Täler und stille Wälder und kam endlich an einem schönen Sommerabend an ein großes, weißes Schloß, das goldene Türme und ein goldenes Dach hatte. Es funkelte im Sonnenschein so, daß Schlampampe fast geblendet wurde. Da zog die Prinzessin ein Kleid an, das rosenrot war wie ein Strauß Centifolien und goldene Borten hatte, und so geschmückt ritt sie in den Schloßhof ein.

»Das ist sicher eine Prinzessin!« schrie der Torwächter, und Diener und Mägde liefen wieder eilfertig herbei und hoben Schlampampe vom Pferde herunter.

Da der König gerade regierte, kam die Königin herbei und begrüßte die Prinzessin und rief: »Ei, wie heißt du denn, schönes Kind?«

Schlampampe seufzte und sagte: »Ach, ich kann meinen Namen nicht sagen!« und die Königin erwiderte freundlich: »Nun, so nenne ich dich Prinzessin Namenlos.« Sie führte die Prinzessin in einen hohen Saal und stellte ihr dort Söhne und Töchter vor. Es waren drei Prinzen und vier Prinzessinnen, als sie sich aber alle an die Tafel setzten, sah Schlampampe, daß zwischen den Prinzen ein Stuhl leer blieb.

Sie fragte die Prinzessin Hildegund, die an ihrer linken Seite saß: »Hast du noch einen Bruder? Drüben ist noch ein Stuhl leer.«

Da fing das Prinzeßchen an bitterlich zu weinen und rief: »Ach, frage nicht, schöne Namenlos, mein armer Bruder hat ein großes Unglück zu tragen!«

Schlampampe schwieg, aber sie mußte immer an den Prinzen denken, von dem niemand sprach, und dessen Stuhl leer stand. Die Prinzessin bekam ein großes, schönes Zimmer mit einem Himmelbett aus rosenroter Seide darin. Trotzdem sie sehr gut in dem prächtigen Bett lag, wachte sie doch am nächsten Morgen sehr zeitig auf. Sie zog ihr Vergißmeinnichtkleid an und ging durch das Schloß, in dem noch alle Bewohner schliefen, und gelangte in einen schönen Garten, in dem die wunderbarsten Blumen blühten.

Die Sonne war gerade am Aufgehen, und eine Nachtigall sang noch in den Büschen. Wie Schlampampe so durch den Garten schritt, vernahm sie auf einmal einen köstlichen Gesang. Es war ein Mensch, der sang, und so schön war die Stimme, daß die Prinzessin tief ergriffen wurde. Die hellen Tränen rollten ihr aus den Augen, und unwillkürlich ging sie den Tönen nach. Sie gelangte in eine Geißblattlaube, darin saß ein schöner Jüngling, der die Laute spielte und sang. Als die holde Prinzessin, die aussah, als hätte sie ein Stück Himmelsblau angezogen, plötzlich vor ihm stand, ließ er die Laute sinken und sah Schlampampe unverwandt an.

Endlich rief er: »Wie schön bist du!« und Schlampampe erwiderte: »Du bist noch schöner!«

Sie gaben einander die Hand und gingen miteinander durch den Garten. »Wer bist du?« fragte der Jüngling, und Schlampampe seufzte tief und erzählte ihm, daß sie eine Prinzessin sei und einen schrecklichen Namen habe.

»Oh,« rief der Jüngling, »das ist auch mein Unglück. Ich bin der Sohn des Königs, dem dieses Schloß gehört. Auch ich habe einen entsetzlichen Namen und werde immer ausgelacht.«

Die beiden sahen sich an, und plötzlich riefen sie wie aus einem Munde: »Wie heißt du?«

Aber keiner wollte den Namen zuerst nennen. Da sagte endlich der Prinz: »Hörst du die Schloßuhr schlagen? Drei Schläge wollen wir zählen, beim dritten nennen wir unsere Namen. Da zählten sie eins -- zwei --«

»Friederike,« schrie Heine Peterle erschrocken und purzelte samt seinem Holzeimer um, denn Friederike hatte ihm unvermutet einen sehr derben Stoß versetzt.

»Das ist frech!« riefen die Kinder empört, die so unsanft aus ihren Märchenträumen gerissen waren. Auch Muhme Lenelis war ärgerlich, und die sonst so kluge Friederike wurde angebunden, weil sie diesmal so gar nicht wußte, wie sie sich in Gegenwart von Prinzen und Prinzessinnen zu benehmen hatte.

»Die Uhr muß nochmal schlagen,« bat Annchen Amsee, und Muhme Lenelis nickte und erzählte weiter. »Die beiden zählten also eins -- zwei -- drei -- und riefen dann mit lauter Stimme: »Schlampampe!« -- »Schlampamperich!«

»Schlampamperich heißt du?« rief die Prinzessin erstaunt.

»Und du Schlampampe?« rief der Prinz nicht minder verwundert.

Plötzlich lachten sie beide hell auf und riefen einmal über das andere: »Schlampampe! -- Schlampamperich!« Dann fielen sie sich in die Arme und küßten sich und sagten, sie wollten sich heiraten. Sie liefen schnell in das Schloß, und die Diener, die gerade aufgestanden waren, mußten rasch den König, die Königin, die Prinzen und die Prinzessinnen wecken. Die freuten sich ungeheuer, als sie die Sache erfuhren, und die Königin sagte: »Gut, daß ich gestern einen Kuchen habe backen lassen, da können wir jetzt gleich Verlobung feiern!«

So geschah es auch, und Hochzeit wurde auch bald gemacht. Dazu wurden Schlampampes Eltern und Geschwister eingeladen; es sollte eine große Hochzeit werden. Die alte Königin sagte zu Schlampampe, sie möge am Hochzeitsmorgen ihren Bräutigam nur mit einem andern Namen rufen, den dürfe er dann für immer behalten.

Das Gleiche sagte Schlampampes Mutter zu dem Prinzen, und Braut und Bräutigam dachten sich wunderschöne Namen aus, mit denen sie einander rufen wollten. Schlampampe wollte ihren Prinzen »Friedhold« nennen, und dieser wollte seiner Braut den Namen »Morgenrot« geben, weil er sie beim Morgenrot zuerst gesehen hatte.

Schlampampe stickte auf ein großes rotseidenes Schlummerkissen den Namen Friedhold, und der Prinz machte ein schrecklich langes Gedicht, in dem er seine holde Frau Morgenrot besang.

So kam denn der Hochzeitstag heran. Wie sich das für einen richtigen Hochzeitstag schickt, schien die Sonne blitzblank, und alle Menschen im Königsschloß und im ganzen Lande machten vergnügte Gesichter. Die kleinen Mädchen hatten alle weiße Kleider an und die Buben neue Hosen. In jedem Hause war Kuchen gebacken worden, und zu Mittag gab es Kalbsbraten und hinterher noch eine süße Speise.

Es war wirklich wunderschön, und am allervergnügtesten waren der Prinz und die Prinzessin. Letztere konnte es kaum erwarten, ihr weißes, ganz und gar mit Edelsteinen besticktes Brautkleid anzuziehen. Das Kleid hatte eine so lange Schleppe, daß, wenn man am Ende der Schleppe stand, man kaum erkennen konnte, wer das Kleid eigentlich anhatte. Als die Prinzessin in ihrem schönen Kleide die Treppe hinunterstieg, an deren Fuße ihr Bräutigam stand und auf sie wartete, wollte sie in der Freude ihres Herzens ein bißchen rasch laufen. Dabei verwickelte sie sich in die lange Schleppe, verlor das Gleichgewicht und fiel die Treppe hinab.

Der Prinz sah es unten und erschrak sehr. »Schlampampe,« schrie er entsetzt und fing seine Braut in seinen Armen auf.

»Schlampamperich,« schrie die Prinzessin verwirrt, »wie bin ich denn die Treppe herunter gekommen?«

Plötzlich aber sahen sich beide an und schrien kläglich: »Oh weh, nun haben wir unsere Namen genannt!«

»Das ist schrecklich!« jammerte Schlampampe, der Prinz aber lachte und rief: »Wenn du auch Schlampampe heißt, lieb habe ich dich doch!«

»Und ich dich,« rief die Prinzessin, »und wenn du einen noch viel schrecklicheren Namen hättest. Nein, weißt du, eigentlich ist Schlampamperich ein ganz schöner Name, er klingt so besonders. Überhaupt hat die Tanne gesagt, das Herz sei die Hauptsache. Ich glaube, du hast ein sehr gutes Herz.«

»Und du auch,« sagte der Prinz, »also wollen wir zufrieden sein.«

Da lachten sie beide und gingen vergnügt in den Saal, wo die Hochzeitsgäste versammelt waren. Sie blieben nun für immer Schlampampe und Schlampamperich. Der Prinz verbrannte sein Gedicht und die Prinzessin trennte die Stickerei auf dem rotseidenen Kissen wieder auf. Weil aber Schlampampe und Schlampamperich so herzensgut waren und allen Menschen nur Liebes erwiesen, lachte bald niemand mehr über die Namen. Ja in dem Königreiche, in dem sie wohnten, wurde eine Straße Schlampamperichstraße genannt, und einen Schlampampeplatz gab es auch bald.

Die klugen Gänse von Oberheudorf.

Sagt einer in Oberheudorf: »Ja, die Gänse, die sind schon klug!« dann lachen die Buben, aber die Mädel ärgern sich, und Krämers Trude und Bäckermeisters Mariele, die halten sich gleich die Schürze vor die Augen. Na, man muß schon sagen, unrecht haben die beiden nicht, wenn sie sich schämen. Sie haben einen Streich ausgeführt, der ihnen viel Spott seitens der Buben eintrug und zeigte, daß auch gescheite Mädel einmal dumm sein können. Die Geschichte ist nämlich so.

Einmal, es war in dem Jahre, in dem Heine Peterle seine Stadtfahrt machte und Schulzens Jakob die schreckliche Geschichte mit der Roggenmuhme erlebte, war der Oberheudorfer Gänsejunge auf und davon gegangen. Er meinte, er sei plötzlich so klug geworden, daß er fortan Schafhirt sein wolle; für einen fünfzehnjährigen Buben sei Gänsehüten keine Arbeit, er wollte Schafe haben. Da die Oberheudorfer Bauern aber keine Schafe hatten, zog der Gänsejunge von dannen, und die Gänse hatten auf einmal keinen Hirten.

Da nun gerade Sommerferien waren, in denen Landkinder keine Badereisen machen, sondern fleißig in Haus und Hof helfen müssen, sagten die Bauern: »Die Mädel mögen halt die Gänse hüten!« Zwei Mädel zusammen mußten also immer eine Woche lang die Gänse auf die Weide führen, und wenn die Woche vorbei war, dann kamen zwei andere dran.

Den Mädeln gefiel das ganz gut, und die Buben waren wütend; sie meinten, Gänsehüten sei leichter als Korn aufladen. Und schwer hatten es die Hüterinnen auch wirklich nicht; sie konnten im Schatten eines Baumes sitzen, schwätzen, mit Blumen spielen oder stricken. Die Gänse waren sehr gut erzogen und watschelten nicht weg.

An Oberheudorf vorbei fließt ein Bächlein durch ein schmales Wiesental. Das ist ein Gänsetummelplatz, wie er nicht schöner zu finden ist.

An einem sehr warmen Sommertag saßen Krämers Trude und Bäckermeisters Mariele dort unter einer großen Traueresche und walteten ihres Amtes als Gänsehüterinnen. Faul, nur manchmal leise schnatternd, lagen die Gänse auf der Wiese, und die beiden Mädel machten es ihnen nach. Sie lagen am Bachrand und guckten in die Luft. Sie hatten weder Lust zu spielen noch zu stricken, denn es war sehr schwül, und den beiden fielen schon bald die Augen zu.

»Mariele, schlaf doch nicht!« murmelte Trude und puffte die Freundin in die Seite.

»Ich schlaf' ja nicht,« lallte Mariele, riß die Augen weit auf und schloß sie gleich wieder.

»Faulpelz« brummte Trude und drehte sich auf die andere Seite. Sie blinzelte nach den Gänsen hin, die ruhig im Grase lagen, dann nahm sie ihre Schürze und deckte sie sich über das Gesicht, denn die Sonne schien durch das Blättergewirr hindurch gerade auf ihre kleine, dicke Nase. Und auf einmal schritt das Trudelchen unversehens durch einen Garten voll lustiger Träume, und das Mariele an ihrer Seite spazierte ebenso vergnügt im Traumland herum. Mariele träumte etwas so überaus Lustiges, daß sie im Schlaf hell auflachte, von dem Lachen aber wurde Krämers Trude munter, und erschrocken richtete sie sich auf. Sie sah sich verschlafen um. Wo war sie denn eigentlich? Sie saß auf der Wiese dicht am Bach, -- aber wo waren denn die Gänse?

Trude riß ihre Augen auf, soweit sie nur konnte, aber die Gänse erblickte sie nicht.

»Mariele,« schrie sie ängstlich, »wach auf, die Gänse sind weg!«

Wenn das Mariele aber schlief, dann schlief es. Ein Murmeltierchen war leichter munter zu bekommen als das kleine, dicke Mädel.

»Aufstehen sollst!« schrie Trude und puffte und schubste die Kameradin. Diese knurrte nur behaglich und schlief weiter. Da nahm Krämers Trude kurz entschlossen ihren braunen Henkelbecher aus dem Korb, schöpfte ihn voll Wasser und goß ihn der Freundin über den Kopf.

Das half. Mariele fuhr auf, wie von einer Tarantel gestochen, und begann fürchterlich zu schreien, daß es ihrer Kameradin himmelangst wurde.

Schließlich wußte diese kein anderes Mittel, als Mariele rasch den Mund zuzuhalten und ihr zuzurufen: »Die Gänse sind weg!«

Da verstummte auch Mariele und sah sich verwirrt um. Wirklich, die Gänse waren weg.

»Komm, komm,« drängte Krämers Trude, »wir müssen sie suchen. Paß auf, die sind nur ein Stück im Bach weitergeschwommen!«

»Es wird so dunkel,« jammerte Mariele ängstlich, »es kommt gewiß ein Gewitter.«

Auch Trude warf einen ängstlichen Blick auf den Himmel, der sich verdüstert hatte. Sie ergriff die Hand der Freundin, und beide rannten den Bach entlang und schrien von Zeit zu Zeit. »Wule, wule, wule!«

Aber keine Gänse gaben schnatternd Antwort, so dringend die beiden Hirtinnen auch lockten.

Den beiden Mädeln wurde das Herz immer schwerer.

»Wo sie nur sein mögen?« rief Mariele klagend.

»Komm nur um die Ecke rum,« sagte Trude ermunternd, »da werden sie sein.« Als sie aber um die Ecke herum kamen, waren die Gänse doch nicht zu sehen.

Der Bach floß in Windungen zwischen Wiesen, Wald und mäßig hohen Bergen dahin. Das erste Dorf, das er auf seinem Wege erreichte, war Niederheudorf. Bei jeder Biegung sagte Trude tröstend: »Wenn wir um die Ecke herum kommen, werden wir sie finden.«

Aber immer wieder gab es eine Enttäuschung. Mariele weinte laut, Trude heulte leise. Einmal blieb Mariele an einem Busch hängen und riß sich ein riesengroßes Loch in ihren Rock, beinahe so groß war es wie der ganze Rock. Trude rutschte bei dem hastigen Laufen auf einer morastigen Wiese aus und bespritzte sich von oben bis unten mit Schlamm. »Die dummen Gänse!« jammerte sie.

»Frech sind sie,« klagte Mariele.

Plötzlich stießen beide ein wahres Freudengeheul aus und stürzten mit dem Rufe: »Da sind sie ja!« auf eine Herde Gänse los, die friedlich im Grase lagen. Bei dem lauten Geschrei der Mädchen brachen die Gänse in ein aufgeregtes Schnattern aus und drängten sich dicht aneinander.

»Wollt ihr wohl heimgehen, ihr dummen Gänse!« schalt Trude, und beide Hirtinnen trieben eilig die Gänse heimwärts, die ihnen freilich recht widerwillig folgten.

»Es sind doch so viele,« sagte Mariele nachdenklich.

»Ach wo,« rief Trude. »So dumm! Wo sollen denn die andern herkommen? Spute dich nur, es wird so trübe!«

Der Himmel hatte sich immer mehr verdüstert, und Eile tat wirklich not. Die Mädchen schalten laut auf die Gänse, diese schnatterten immer wilder, und über dem Lärm hörte weder Trude noch Mariele, daß ihnen jemand nachrief. Auf einmal aber fühlten sie sich gepackt. Hinter ihnen stand eine große, alte Frau, die die Mädel mit ihren knochigen, braunen Händen festhielt. »Wartet nur, ihr Gänsediebinnen,« schrie die Alte, und ihre Augen funkelten vor Wut, »ihr abscheuliches Pack ihr, eingesperrt werdet ihr!«

Die beiden schrien Zeter und Mord, aber die Alte ließ nicht los. Wie Schraubstöcke umkrallten ihre Finger die Arme der Kinder, und so sehr sich Trude und Mariele auch sträubten, sie zog sie mit fort.

»Wir ha--ha--haben nicht ge--ge--stohlen,« schluchzte Mariele.

»Huhuhu! Das sind unsere Gänse! Huhuhu!« heulte Trude.

»Was, eure Gänse? Na, da schlägt's dreizehn,« schrie die Alte. »So ein freches Gesindel! Na, wartet nur, ich sperr' euch jetzt ein, und Leberecht Sperling mag euch ins Dorf führen!«

Leberecht Sperling! Einen Augenblick waren die beiden sprachlos vor Entsetzen.

Leberecht Sperling sollte sie ins Dorf führen, -- ja warum denn?

»Laß mich los, huhuhu!« kreischte Trude.

»Los!« quiekte Mariele.

»Fällt mir gar nicht ein, nä, so dumm bin ich nicht. Jetzt marsch, da rein! Ich treib' meine Gänse heim und schick' Leberecht Sperling nach euch!«

Ehe die beiden noch recht zur Besinnung gekommen waren, saßen sie in einem kleinen, feuchten, dunklen Raum.

Es war ein kleines Häuschen, in dem sich Fischkästen befanden, in das die Alte die Kinder eingesperrt hatte. Einige Minuten schrien diese, so laut sie konnten, und stießen mit Händen und Füßen um sich. Krämers Trude gebärdete sich am tollsten, aber plötzlich hörte Mariele einen Plumps und sah im dämmrigen Licht ihre Freundin verschwinden.

»Wo bist du denn?« rief sie ängstlich. Trude gab nur eine undeutliche Antwort, sie war in einen Fischkasten gefallen. Sie fühlte, wie es um sie herum kribbelte und krabbelte, und entsetzt versuchte sie herauszukommen. Da sah sie einen hellen Schein und lief in dem Wasser, das ihr nur bis an die Brust ging, entlang bis an ein Loch. »Da komm' ich raus,« dachte sie und bückte sich, kletterte über eine Planke und saß auf einmal mitten im Bach. Ein Weilchen blieb sie ganz verwirrt sitzen.

Die Gänse, die Alte, Leberecht Sperling, das dunkle Gefängnis, dem sie so unvermutet entronnen war, das alles ging ihr wie ein Mühlrad im Kopfe herum.

Marieles Jammergeheul in dem Fischhäuschen brachte Trude endlich zu sich. »Wir müssen ausreißen, ehe Leberecht Sperling kommt,« dachte sie. Sie sprang von ihrem feuchten Sitz auf und lief an das Häuschen, um die Freundin zu befreien. Die Tür war verschlossen, also mußte auch Mariele durch den Fischkasten kriechen. Unter Stöhnen und Ächzen entschloß sich das kleine, dicke Mädel endlich dazu. »Ich kann nicht,« klagte sie, als sie schon einen Fuß im Wasser hatte, »ich graule mich!«

»Leberecht Sperling kommt!« rief Trude von draußen. Das half. Mariele sprang in das Wasser und kam auf dem gleichen Wege wie Trude pudelnaß aus dem Gefängnis heraus.

»Uff,« ächzte sie, als sie im Bach saß, »das war graulich!«

»Komm nur,« drängte Trude, »sonst holt uns Leberecht Sperling.«

»Aber die Gänse!« klagte Mariele und lief hinter der Freundin her.

Krämers Trude blieb betroffen stehen und jammerte: »Ach, die Gänse!« Doch da sah sie mit langen Schritten einen Mann sich dem Häuschen nähern. »Leberecht Sperling,« stöhnte sie und raste im Galopp davon und Mariele heulend hinter ihr her.

Es war aber gar nicht Leberecht Sperling, der da kam, um die Gefangenen abzuholen, sondern ein Bauer. Verdutzt starrte er in das leere Häuschen, dann ging er kopfschüttelnd um das Häuschen herum. Aber er sah nichts, und endlich brummte er: »Die Karline hat wohl geträumt,« und damit trollte er ab.

Die beiden Mädel liefen unterdessen über Stock und Stein und wagten es gar nicht, sich umzusehen. Das dicke Mariele stöhnte etlichemal: »Ich kann nicht mehr!« Dann rief Trude mahnend: »Leberecht Sperling!« und weiter ging die wilde Jagd.

Keuchend, atemlos, triefend und mit zerrissenen Kleidern langten die beiden Hüterinnen im Dorfe an. Sie rannten so, daß sie nicht rechts und nicht links sahen. Auf einmal liefen sie jemand direkt in die Arme und fühlten sich festgehalten.

»Na, wohin denn so eilig?« fragte eine knarrende Stimme. Entsetzt blickten die beiden auf und sahen in das brummige Gesicht -- Leberecht Sperlings. Das war zu viel des Schrecklichen! Mariele wurde totenblaß und schnappte nach Luft, und Trude legte matt den Kopf auf die Seite.

Der Waldhüter erschrak. »Aber Kinder, Kinder, was ist euch denn geschehen?« fragte er angstvoll. Doch er erhielt keine Antwort, und kurz entschlossen nahm er die Mädel auf seine Arme und trug sie in das Dorf. Er langte gerade an, als der erste schwache Donner hörbar wurde und von allen Seiten die Leute vom Felde hereinkamen. Auf einem leeren Wagen saßen Schulzens Jakob, Heine Peterle und noch etliche andere Buben. Als sie den Waldhüter mit den Mädeln erblickten, schrien sie so laut, daß die Pferde beinahe scheu wurden.

Wenn in Oberheudorf etwas geschah, dann wußte es geschwind das ganze Dorf, und es dauerte nicht lange, da schaute aus jeder Haustür jemand neugierig heraus. So war es auch heute. In wenigen Minuten hatte sich ein Kreis um den Waldhüter gebildet. Er sollte erzählen und wußte doch nichts zu sagen. Und die Mädel, die er sanft auf den Boden gesetzt hatte, schluchzten nur erbärmlich.