Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten: Sechszehn heitere Erzählungen
Part 5
»Still!« donnerte der Herr Lehrer zornig, dem der Gedanke, eines seiner Schulkinder könne wirklich so etwas getan haben, bitter weh tat.
Aber Trinchen hatte das Wort auch gehört. Sie wurde plötzlich leichenblaß. Das dachte man von ihr? Für eine Diebin hielt man sie? Die Kleine taumelte, wie im Kreise drehte sich alles vor ihr, und in ein lautes Schluchzen ausbrechend, warf sie ihren Ranzen weg. Sie stürzte, ehe sie noch jemand halten konnte, zur Türe hinaus. An der Türe rannte sie mit jemand zusammen, der gerade die Klasse betreten wollte, obgleich er nicht in eine Schule gehörte.
»Na, was ist denn das für eine Aufregung?« rief der Mann, der an der Türe stand, und der kein anderer war als -- der Gendarm.
Er wollte Trinchen halten, aber die Kleine war schnell wie ein Blitz an ihm vorbei. »Mit Verlaub, Herr Lehrer,« sagte der Gendarm und trat näher, »das gehört wohl hierher?« und dabei stellte er -- die vermißte Sparbüchse auf das Pult und sah sich wohlgefällig im Kreise um: »Das ist mal 'ne Überraschung, was?«
Eine Überraschung war das freilich, und der Lehrer schüttelte erstaunt den Kopf: »Wie kommen Sie zu der Büchse?«
»Hm, das ist man so,« sagte der Gendarm und erzählte umständlich, daß er einen Landstreicher habe nach seinen Papieren fragen wollen, doch der Mann sei ausgerissen und habe dabei die Büchse weggeworfen. Er mußte durch das offene Fenster in das Schulzimmer gestiegen sein und die Büchse geraubt haben.
So etwas war seit Menschengedenken nicht in Oberheudorf passiert, und eine unbeschreibliche Aufregung befiel die Kinder. Sie vergaßen, daß sie in der Schule waren, und schnatterten wild durcheinander wie die Gänse auf dem Anger, bis der Lehrer Ruhe gebot und rief: »Doch jetzt wird zuerst das arme Trinchen gesucht!«
Da rannten alle aus der Klasse und schrien: »Trinchen, Trinchen!« aber so laut, daß, wenn es Trinchen gehört hätte, ihr wohl himmelangst geworden wäre.
Der Lehrer selbst eilte in die Mühle, weil er meinte, Trinchen sei gewiß dort. Aber das besinnliche Trinchen war nicht nach Hause gekommen, und seine Eltern gerieten in heftige Aufregung, als sie die traurige Geschichte erfuhren. Ihre Angst teilte sich bald dem ganzen Dorf mit, denn wo man auch suchte, nirgends war Trinchen zu finden. Kein Haus, keine Scheune im Dorf blieben undurchsucht, und der Müller durchstreifte in seiner Herzensangst mit seinen Knechten den Wald. Aber soviel er auch seines Kindes Namen rief, die Kleine blieb verschwunden.
Der schöne, helle Herbsttag wandelte sich allmählich zum Abend, und über die Wiesen zogen weißgraue Nebelstreifen, und mit der immer tiefer werdenden Dämmerung wurde die Angst um das verschwundene Kind in Oberheudorf immer größer. Einige Leute hatten das Trinchen aus der Schule laufen sehen, und alle sagten, sie sei nach dem Walde zu gelaufen. Aber der Wald war groß, über Berg und Tal zog er sich hin, und leicht konnte sich jemand darin verirren.
Friede, der Träumer, war am Morgen nicht in der Schule gewesen; er hatte für seinen Pflegevater in ein entferntes Dorf gehen müssen, und der Herr Lehrer hatte ihm auch Urlaub gegeben. Es war schon Dämmerung, als der Bube heimkam und auf der Dorfstraße von einigen Schulkameraden von Trinchens Verschwinden hörte. Da ging Friede nicht erst nach Hause, sondern drehte um und lief spornstreichs zum Dorf hinaus. Was alle nicht wußten, das wußte er, nämlich einen Ort, wo möglicherweise das Trinchen sein konnte.
Traumfriede hatte das stille, scheue Trinchen immer gut leiden mögen, mit ihr gesprochen hatte er freilich selten. Zwischen des reichen Müllers Kind und ihm, dem armen Waisenjungen, war doch eine weite Kluft, so meinte er und wußte nicht, daß das besinnliche Trinchen dankbar für seine Freundlichkeit gewesen wäre. Heimlich hatte Friede manchmal die Kleine beobachtet, und er kannte des scheuen Kindes Lieblingsplätzchen. In einer Sandgrube dicht am Dorf war eine kleine, verborgene Höhle. Friede hatte sie einmal entdeckt und zu seinem Erstaunen das Trinchen darin gefunden. Er lief jetzt auch schnell hin, und wie er die Höhle erreicht hatte, hörte er ein leises Rascheln. Er trat an den Eingang und rief: »Trinchen, bist du da?«
Ein unterdrücktes Schluchzen ward hörbar, und Friede rief bittend: »Komm, Trinchen, komm, ich tu dir doch nichts!«
Da kam die Kleine wirklich aus ihrem Versteck hervor, und in dem dämmerigen Licht sah der Bube, wie sie zitterte. Er legte seinen Arm um sie und sagte: »Komm nach Hause, Trinchen, du wirst gesucht!«
Aber die Kleine kauerte auf der Erde nieder und sagte leise, und ihr Stimmchen klang unsäglich traurig: »Ich kann nicht nach Hause!«
»Aber Trinchen!« Friede kauerte neben dem Kind nieder und streichelte es und erzählte alles, was er erfahren hatte, daß der Dieb gefunden sei und alle Leute schreckliche Angst um sie hätten.
Trinchen gab keine Antwort, und eine Weile saßen die Kinder nebeneinander auf dem Steingeröll, und Traumfriede dachte nach, was er wohl mit dem kleinen Mädel sprechen könnte. Endlich fragte er: »Trinchen, warum bist du denn nur fortgelaufen, du hattest ja nichts getan?«
Es war so dunkel geworden, daß Trinchen nur des Buben Gestalt, aber nicht sein Gesicht mehr erkennen konnte. Friedes tröstende Stimme kam aus dem Dunkel heraus zu ihr, und das hatte etwas so Trauliches, daß Trinchen ein wenig ihre Schüchternheit verlor und zaghaft von ihrem Plan zu erzählen begann. Friede sagte nichts dazu, er hielt nur Trinchens kleine, kalte Hand fest in der seinen. Da wurde das Kind mutiger und sprach weiter von der schrecklichen Angst, die es bei allen Dingen habe, und daß niemand etwas von ihm wissen wolle.
»Von mir auch nicht,« sagte Friede auf einmal aus tiefstem Herzen heraus, »mich mag keiner, weil ich bloß 'n armer Waisenjunge bin!«
Das besinnliche Trinchen schwieg, es mußte sich wirklich erst auf eine Antwort besinnen, und dann gab es eine, über das es selbst erschrak: »Ich mag dich leiden,« sagte die Kleine herzhaft.
»Ich dich auch,« gab Friede zur Antwort.
Weiter sagten sie nichts, aber von der Stunde an waren sie gute Freunde. Jetzt sträubte sich Trinchen auch nicht länger und ging still mit Friede nach Hause. Je näher sie freilich dem Dorfe kamen, desto größer wurde wieder ihre Scheu, und sie brachte, als sie daheim voll Freuden von den geängstigten Eltern begrüßt wurde, kaum ein Wort heraus. Friede mußte für sie sprechen, und der tat das auch so herzhaft, wie er es für sich selbst nie getan hätte. Trinchen sah auch so totenbleich aus und war so erschöpft, daß sie die Mutter gleich ins Bett brachte und niemand sie mehr mit Fragen quälte.
Am andern Tage war Trinchens Platz in der Schule leer, und in der Mühle hatte man den Doktor aus der Stadt geholt.
Das besinnliche Trinchen war krank.
Still und teilnahmslos lag die Kleine in ihrem Bettchen, und der Arzt schüttelte bedenklich den Kopf und sagte zu den Müllersleuten, Trinchen sei ein überzartes, schwächliches Kind. Ob sie oft in letzter Zeit über Schmerzen in der Brust geklagt habe. Nein, das hatte die Kleine nicht getan; in ihrer übergroßen Schüchternheit hatte sie nicht einmal gewagt, über Schmerzen zu klagen. Die Aufregung des gestrigen Tages und der lange Aufenthalt in der kühlen, feuchten Höhle hatten den raschen Ausbruch einer schweren Krankheit herbeigeführt. In der Nacht bekam Trinchen heftiges Fieber; sie begann laut zu sprechen, und manchmal schrie sie angstvoll, sie sei keine Diebin, dann wieder klagte sie traurig, daß sie niemand lieb habe.
Es war jammervoll! Die Eltern weinten sich fast die Augen aus vor Herzeleid, und die Müllerin saß am Bett des Kindes, und eine rechte Mutter hätte nicht trauriger sein können um ihr Kind, als sie es war.
Und Trinchen starb. Nach langen, langen Wochen schlief sie sanft und friedlich ein. Und in diesen Wochen war das scheue Kind so von Liebe umgeben gewesen, daß seine Augen immer strahlender, sein Lächeln immer glücklicher geworden war.
Der Lehrer hatte täglich an Trinchens Bett gesessen, die Schulkameradinnen und -kameraden kamen, und die Mutter verließ die Kleine kaum eine Stunde.
Wie ein lieblicher, kleiner Engel lag dann das besinnliche Trinchen auf seinem letzten Lager, und das ganze Dorf kam herbei, und man brachte die letzten bunten Herbstblumen, und zuletzt war Trinchen fast ganz von Blumen bedeckt. Ganz bescheiden, verborgen unter einem weißen Asternkranz lag ein Strauß Waldblumen. Einige blaue Glockenblumen, rote Brombeerblätter, Kleeblüten und Gräser hatte Traumfriede mühsam zusammengesucht und dem Trinchen gebracht. Und als die Kleine begraben wurde, da saß er, der nicht mit hatte auf den Friedhof gehen können, weil er keinen Sonntagsanzug hatte, in der kleinen Höhle im Steinbruch, und er meinte, das Herz müsse ihm brechen.
Eine aber hatte gesehen, wie Friede schüchtern Trinchen den Waldblumenstrauß brachte. Das war Muhme Lenelis, und seitdem dachte die alte Frau manchmal an den Waisenknaben. -- Doch das gehört in eine andere Geschichte.
Das besinnliche Trinchen wurde nicht vergessen. Alle, die es gekannt hatten, merkten nun erst, da die Kleine tot war, wie lieb sie ihnen gewesen war.
In der Mühle lag zu Weihnachten ein dicker, kleiner Junge in der buntbemalten Wiege und schrie vergnügt in die Welt hinein. Nach einem Jahr lag ein Mädel darin, und so fort, lauter lustige, pausbäckige Müllerkinder waren es, und die Eltern hatten Freude und Sorge mit ihnen. Über der eigenen Kinderschar aber vergaß die Müllerin nie das scheue, blasse Trinchen. Unvergessen lebte das Kind in ihrem Herzen.
Und auf dem Schreibtisch des Lehrers nimmt Trinchens Federkästchen noch heute einen Ehrenplatz ein.
Sommergäste in Oberheudorf.
An einem sehr heißen Julitag befand sich ganz Oberheudorf in Aufregung; an diesem Tage wurden nämlich die ersten Sommerfrischler erwartet, die allerersten überhaupt, denn es waren noch nie welche dagewesen. Ein Sommerfrischler war also den Dorfbewohnern ein ganz unbekanntes Ding.
»Was sie nur hier wollen?« fragte der dicke Friede, der im Kreise seiner Kameraden am Dorfeingang unter der großen Linde saß. Dort wollten die Kinder die fremden Gäste erwarten. Wann sie ankamen, wußte niemand genau. Der Wirt Kaspar auf dem Berge hatte gesagt, es könne auch sein, daß sie erst morgen kämen.
Annchen Amsee hielt ihre Schürze vor das Gesicht und kicherte: »Sie -- sie -- wollen frische Luft haben!«
»So dumm!« brummte Schulzens Jakob. »Gibt's denn die in der Stadt nicht?«
Außer Heine Peterle war noch keines von den Kindern in der Stadt gewesen, also schauten alle den Buben an und fragten: »Weißt du's nicht?«
»Häuser gibt's da,« knurrte Heine Peterle und wurde feuerrot. Er war wütend, daß er nach der Stadt gefragt wurde. Wie konnte er wissen, ob es dort Luft gab! Die Sommerfrischler ärgerten den armen Heine Peterle ohnehin gewaltig. Zwei von ihnen kamen nämlich nirgends anders hin als in sein Vaterhaus. Der Gastwirt hatte nicht Platz genug für fünf Gäste, und da Heine Peterles Mutter seine Schwester war, hatte diese sich erboten, zwei Fremde bei sich unterzubringen. Im Giebel des Hauses lagen zwei unbewohnte Stuben, die waren sauber hergerichtet worden. Dort sollten die Fremden wohnen. Drei Tage lang war gescheuert und geputzt worden, und Heine Peterle hatte dabei so viele Ermahnungen bekommen, ungeheuer brav zu sein, wenn die Fremden erst da wären, daß ihm vor seiner künftigen Bravheit schon himmelangst wurde.
»Erzähl noch was von der Stadt!« mahnte auch noch Annchen Amsee.
Heine Peterle seufzte schwer, erstens wegen der Stadt und dann, weil er zu Mittag schrecklich viel süßen Reis gegessen hatte und nun müde und faul war. Er stand darum auf und sagte patzig: »Ich geh' heim. Die Stadtleute kommen doch noch lange nicht, und überhaupt ist mir's zu dumm, hier zu warten!« Damit trollte er ab, und seine Gefährten riefen ihm neckend nach: »Geh nicht in die Stadt, Heine Peterle!«
Da ging der Bube freilich nicht hin, sondern nach Hause; er war so müde, als wäre es Abend und nicht hellichter Mittag. Als er heimkam, stand Muhme Rese an der Haustür und sagte: »Heine Peterle, kannst kommen und mir Bohnen pflücken helfen!«
»Und hernach kannst du in den Hühnerstall gehen und die Eier holen,« rief seine Mutter von der Küche her, »und hier trag erst mal den Eimer in die Gaststube. Die Stadtleute werden wohl noch nicht kommen, es soll aber alles fertig sein.«
Seufzend nahm Heine Peterle den Eimer und kletterte die kleine, schmale Treppe hinauf. So viel Arbeit auf einmal war ihm aufgetragen worden! Er stöhnte ordentlich vor Müdigkeit und Faulheit und setzte den Eimer gleich an der Türe ab. Wie schön sauber und kühl es in den Stuben war! Leise schlich Heine Peterle in das zweite Zimmer. Da standen hoch aufgetürmt zwei mächtige Federbetten, und beim Anblick dieser dicken Federnester fühlte der Bube erst recht, wie müde er war. Er vergaß Muhme Rese, die Bohnen, den Hühnerstall und die Eier, und eins, zwei, drei lag er in einem der Betten. Seine Schuhe brauchte er nicht erst auszuziehen, denn er hatte keine an. »Ein kleines Weilchen kann ich schon schlafen,« dachte er, »nachher mach' ich das Bett glatt, da merkt es niemand!« Er kugelte sich vor lauter Behagen wie ein Igel zusammen. Ja, das war fein!
Den Kindern unter der Linde wurde nach und nach die Sache etwas langweilig, die Zeit verging, und kein Wagen ließ sich in der Ferne sehen. Anton Friedlich, der immer alles mögliche wußte, nur das nicht, was er in der Schule wissen sollte, rief auf einmal: »Wir wollen Negers spielen!«
»Hurra!« brüllten die andern begeistert, und Schulzens Jakob kugelte gleich vor Vergnügen ein Stück im Grase hin und her.
»Negers« war nämlich seit einiger Zeit ein ungeheuer beliebtes Spiel bei den Oberheudorfer Buben und Mädeln. In einem Geschichtenbuch, das dem Herrn Lehrer gehörte, und das dieser den Kindern geborgt hatte, stand eine Erzählung, worin Neger ein Dorf überfallen. Die Hauptsache bei dem Spiel war, daß eine Anzahl Buben sich die Gesichter schwarz färbten und mit furchtbarem Geschrei auf des Müllers alte Scheune zuliefen. Das war das Dorf, in dem die andern Kinder wohnen mußten. Das Geschrei und die schwarzen Gesichter aber waren bei dem Spiel die Hauptsache. Schulzens Jakob besaß einen ganzen Topf voll Ruß, damit schmierten die Buben sich immer an. Es dauerte auch heute nicht lange, da war das Spiel in vollem Gange. Annchen Amsee stellte eine Prinzessin vor, die auf irgend eine rätselhafte Weise unter die Neger geraten war. Gerade zog der blaue Friede unter schauerlichem Gebrüll die arme Prinzessin mit sich fort, als Schulzens Jakob, seine Negerrolle vergessend, schrie: »Die Stadtleute kommen!« Der Räuber ließ die Prinzessin los, aus der Scheune stürzten die belagerten Weißen heraus, und sehr einmütig rasten alle zusammen dem näher kommenden Wagen entgegen.
In dem bequemen Landauer saßen zwei Damen und zwei Herren auf dem Bock. Neben dem Kutscher saß noch ein junger Mann, der vergnügt um sich blickte.
Eine der Damen, die ein blasses Gesicht hatte, sah sich um und sagte mit leiser, müder Stimme: »Wie still es hier ist! Ach ja, hier in der Ruhe werde ich mich erholen!«
Der ältere Herr, der ihr gegenüber saß, nickte: »Ja wirklich, es ist so friedlich hier, wie so ganz anders als unsere geräuschvollen Straßen!«
»Hurra, sie kommen, hurra, hurra!« brüllte es da plötzlich neben dem Wagen, und schwarze und weiße Buben- und Mädelgesichter tauchten auf.
»Mein Himmel,« schrien die Damen entsetzt, »was ist denn das? Was sind denn das für schreckliche schwarze Kinder?«
»Oh das Geschrei!« stöhnten alle und hielten sich die Ohren zu, nur der junge Mann auf dem Bocke lachte lustig.
Die Oberheudorfer Buben und Mädel waren der Ansicht, daß zu einem richtigen Empfang auch ein ordentliches Geschrei gehört, und so begleiteten sie den Wagen unter lauten Freudenrufen in das Dorf hinein. Die Fremden winkten, sie sollten still sein, die Kinder aber nahmen das Winken für Beifall und schrien immer lauter.
In der Dorfstraße wurde alles Getier von dem Lärm angesteckt, und das schnatterte, meckerte, grunzte und gackerte an allen Ecken und Enden.
Der Wirt Kaspar auf dem Berge stand vor der Türe und verneigte sich schon, als er erst die Pferdenasen sah. Mine, die Magd, knickste so tief, daß sie, als der Wagen vor dem Hause hielt, nicht wieder hoch kam, sondern plötzlich auf der Schwelle saß.
Das kam Annchen Amsee so ungeheuer komisch vor, daß sie hell auflachte, und da Lachen ansteckt, brachen alle Mädel und Buben in ein jubelndes Gelächter aus.
»Sie lachen uns wohl gar aus?« sagte die eine der fremden Damen entrüstet und schaute die unnützen Dorfkinder strafend an. Doch diese, die ein gutes Gewissen hatten, lachten unverzagt weiter, und die Fremden ärgerten sich, weil sie nicht wußten, wem das Lachen galt.
Heine Peterles Mutter kam herbei, um die beiden Damen, die bei ihr wohnen sollten, in das Haus zu führen. Vor der Türe standen Muhme Rese, die Magd und ein rundes, weißes Schweinchen, das Muhme Reses besonderer Liebling war. Lieblinge aber, es mögen nun Kinder oder Ferkelchen sein, sind meist etwas vorwitzig, und so meinte auch das Schweinchen, es müsse die Fremden zuerst begrüßen. »Uiuiui,« quiekte es und rannte an eine der Damen an. Diese schrie entsetzt auf: »Entsetzlich, hier ist ein Schwein, ein Schwein!«
»Nu freilich,« brummte Muhme Rese unwillig, »was ist denn dabei zu schreien?«
»Ich falle in Ohnmacht!« rief die andere Dame und flüchtete in das Haus, und die Bäuerin folgte ihr erschrocken. Es erschien ihr höchst sonderbar, daß ein Mensch sich vor einem Schwein fürchten konnte.
»Wie es hier riecht!« flüsterte die eine der Damen im Hause.
»Nach Kuhstall,« sagte die andere und rümpfte die Nase.
Mit mißmutigen Gesichtern kletterten die Fremden die Treppe empor, die zu dem Obergeschoß führte. Blitzblank waren die beiden Gastzimmer gescheuert, feiner, weißer Sand war auf den Boden gestreut, und der Duft von Rosen und Nelken erfüllte die Luft. Wie sauber und nett das alles war, sahen aber die fremden Damen gar nicht. Eine von ihnen stolperte nämlich gleich beim Eintritt über den Eimer, den Heine Peterle an der Türe hatte stehen lassen. »Au, mein Knie!« rief die Dame empört und sah sich zornig um.
»Der vertrackte Bube!« murmelte die Bäuerin und trug den Eimer dahin, wo er hin gehörte.
»Pfui, was ist das für ein schmutziger Bengel im Bett!« rief da die eine Dame entsetzt. Sie hatte Heine Peterle erblickt, der rot und heiß im Bett lag und schlief, als sei es gerade Mitternacht.
»Heine Peterle!« schrie seine Mutter zornig.
»Nein, so ein Schlingel!« quiekte die Magd.
»Hinaus mit ihm!« riefen die Damen empört. »Das ist ja ein abscheulicher Junge!«
Von diesem Geschrei erwachte der Heine Peterle, und er, der sonst immer so verschlafen war, daß seine Mutter am Morgen ihn rütteln und schütteln mußte, ehe er aufstand, war auf einmal putzmunter. Hops! war er aus dem Bett und zur Stube hinaus, noch ehe ihn jemand fassen konnte. Er hörte aber noch ganz deutlich, wie die Damen sagten: »Der Junge müßte tüchtige Haue haben!«
Heine Peterle verkroch sich im Garten in einer kleinen Jelängerjelieberlaube; er hielt es für ratsam, seiner Mutter vorläufig nicht in den Weg zu kommen. Als er später zum Abendessen erschien, bekam er aber doch noch seine Schelte und die Ermahnung, recht höflich und freundlich zu den Fremden zu sein.
Das versprach er auch, und am nächsten Morgen mußte er so viel daran denken, was er den beiden Damen wohl zur Freude tun könnte, daß er darüber gar nicht hörte, was der Herr Lehrer ihn fragte. Das Ende vom Liede war, daß er eine Strafarbeit erhielt und sehr kleinlaut und niedergeschlagen nach Hause kam.
Die fremden Gäste waren am Morgen spazieren gegangen, und die Dorfleute hatten ihnen kopfschüttelnd nachgesehen. Nein, so etwas! Wie die Stadtleute aber wunderlich waren! Vor einer Kuh nahmen sie alle Reißaus, und wenn eine Pfütze auf der Dorfstraße war, taten sie, als müßten sie einen breiten Fluß überschreiten. Nur der eine der Herren lachte über alles und sah sich mit hellen Augen um.
»Jetzt, wenn ich nur wüßt', wo ich ihn schon gesehen habe,« sagte der Wirt Kaspar auf dem Berge.
»Ich weiß schon, wo,« erwiderte Mine.
»Na, da red' doch, Mädel! Kannst ja sonst schwatzen, als kriegtest du fürs Dutzend Worte 'nen Dreier!« brummte der Wirt.
»Das ist, hihihi, das ist, hihihi, der Schulrat,« rief Mine.
»Potzwetter ja,« schrie Kaspar auf dem Berge, »der falsche Schulrat vom vorigen Jahre ist's! Na, der Herr Lehrer wird aber Augen machen!«
Der Herr Lehrer lachte, als der Wirt zu ihm gelaufen kam; eben war nämlich der fremde Herr dagewesen und hatte sich ob seines lustigen Streiches von damals entschuldigt. Es war wirklich der verkannte Schulrat, dem die Kinder einen schulfreien Tag zu verdanken hatten.
Am Nachmittag saß Heine Peterle in der Stube und schrieb unter vielen schweren Seufzern seine Strafarbeit. In Haus und Hof war es ganz still, der Vater war mit dem Knecht und der Magd zum Heueinholen, und die Mutter begoß auf der Bleiche die Wäsche. Muhme Rese saß auf dem Bänkchen vor der Türe und strickte, und die Fremden waren oben in ihren Zimmern.
Mitten in seiner Arbeit fiel es Heine Peterle ein, daß er unbedingt einmal nach den jungen Kätzchen sehen mußte. Vier Stück mausgraue, possierliche Dingerchen waren es, die in einer Ecke des Kuhstalles lagen, und die erst acht Tage alt waren. Als der Bube die kleinen Dinger betrachtete, fiel ihm ein, daß er doch gegen die Stadtdamen höflich und freundlich sein sollte. »Ich werde ihnen die Kätzchen bringen,« dachte er, »da werden sie sich aber arg freuen!« Gedacht, getan. Er nahm die vier Kätzchen auf den Arm und kletterte die Treppe hinauf. Miauend folgte ihm die Katzenmutter, und Sultan, der Hofhund, schloß sich auch noch an.
Da Heine Peterle die Hände voll hatte und doch als höflicher Junge anklopfen wollte, stieß er etliche Male mit dem Fuß an die Tür des Gastzimmers. Das polterte gehörig, und drinnen wurde ein lauter Schrei hörbar. Eine der Damen riß erschrocken die Türe auf. »Was gibt es? Was ist geschehen?« schrie sie ängstlich.
»Da!« sagte Heine Peterle und setzte ohne weitere Erklärung die kleinen Katzen auf den Fußboden. »Gelt, die sind fein?«
»Wauwau, wauwau!« bellte Sultan hinter dem Buben, und die Katzenmama versetzte ihm für das Gebell fauchend eine Ohrfeige.
»Ratten, das sind Ratten!« quiekten die fremden Damen. »Pfui, du abscheulicher Junge! Zu Hilfe, Ratten, Ratten!« Eine der Damen kletterte auf den Tisch, die andere sprang auf das Bett. Angstvoll rafften sie ihre Röcke zusammen und schrien, als wäre Heine Peterle mit den kleinen, unschuldigen Katzen ein furchtbares Ungeheuer.
Muhme Rese, die unten den Lärm hörte, kam, so rasch es ihre alten Füße erlaubten, die Treppe heraufgelaufen; sie dachte, es sei ein großes Unglück geschehen.
»Das ist der schreckliche Junge wieder, der gestern im Bett gelegen hat,« zeterte die eine der Damen, die andere hatte einen Sonnenschirm ergriffen und drohte: »Marsch, hinaus mit deinen Ratten, böses Kind du!«
»Ratten? Nä, das sind junge Katzen!« sagte Muhme Rese, die erstaunt an der Türe stehen blieb. »Und böse ist unser Heine Peterle auch nicht, mal en bißchen faul und mal en bißchen vorlaut und frech, aber sonst ist er en ganz guter Junge. Und Ratten sehen allemal anders aus. Das hier sind Katzen, die tun niemand nichts. Schreien Sie man nicht so!«
Heine Peterle sah dankbar zu Muhme Rese auf, weil die ihn so gut verteidigte, dann nahm er seine Kätzchen und entfernte sich eilig, die Dame mit dem Sonnenschirm sah ihn gar zu drohend an.
Es war doch schrecklich mit den Stadtleuten, nie konnte man es ihnen recht machen! »Dumm sind sie, die Stadtleute,« dachte Heine Peterle, als er wieder vor seiner Strafarbeit saß. »Wie kann man nur Katzen für Ratten halten!«