Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten: Sechszehn heitere Erzählungen

Part 4

Chapter 43,797 wordsPublic domain

Annchen, Liese, Röse und Mariandel hatten unterdessen einen vergnügten Nachmittag gehabt, und die Dorfleute hatten sich alle über das prachtvolle Feuerwerk gefreut und dazwischen auf die vier unnützen Buben geschimpft, denn natürlich hatten alle die Geschichte von den Schuhen erfahren. Der Schulze sagte, es sei eine Schande, daß der Landesherr barfuß begrüßt worden wäre. Na, sein Jakob sollte sehen! Ähnliches sagten die andern Väter und Mütter auch. Die vier Mädel aber waren so lustig auch ohne Schuhe, daß sie himmelhoch für die Buben baten, aber der Schulze sagte, Haue müßten sie kriegen, weil sie Oberheudorf blamiert hätten.

Daß die Buben Haue bekommen sollten, tat aber den Mädeln herzlich leid. Besonders Röse wurde ganz traurig darüber, und sie war es auch, die den Freundinnen vorschlug: »Wir wollen den Herrn Herzog bitten, daß er die Haue verbietet!«

»Röse!« schrien die drei Jüngferchen fast entsetzt, denn der Plan ihrer Kameradin erschien ihnen gar zu kühn.

Aber Röse blieb dabei. »Ich sag's, ihr müßt aber dann auch bitten!« Das versprachen die drei zwar, aber recht bange war ihnen doch zumute, als sie alle ins Schloß zogen und Röse herzhaft zu einem Diener sagte, sie wollten dem Herrn Herzog eine gute Nacht wünschen.

Der Diener ließ die kleinen Ehrenjungfern wirklich in den Saal, und die gingen schnurstracks auf den Herzog los und machten so tiefe Knickse, daß Liese nur mit Annchens Hilfe wieder hoch kam, und Röse sagte tapfer: »Nicht wahr, die Buben sollen keine Haue haben wegen der Schuhe!«

»Bitte, bitte, nicht!« schrien die andern; es war gerade, als wollte der Herzog selbst die Buben strafen.

Der lachte herzlich und ließ sich von dem Zorn des Schulzen erzählen, und dann mußte Röse ihren Vater herbeiholen. Und der Herzog bat wirklich selbst den Schulzen, er möge diesmal -- aber das »Diesmal« betonte er sehr -- die Buben ungestraft lassen; er habe die allerbeste Meinung von Oberheudorf, trotzdem die vier Ehrenjungfern barfuß gewesen wären.

Wenn ein Herzog bittet, dann muß freilich die Bitte erfüllt werden, und so kam es, daß die vier Buben am andern Tage zu ihrem großen Erstaunen außer ein paar Ermahnungen keine Strafe weiter erhielten. Es war freilich sehr beschämend für sie, daß sie diese Milde der Fürbitte der Mädel zu verdanken hatten. Übrigens wurden die vier Ehrenjungfern und die vier unnützen Buben bald darauf die allerbesten Freunde und machten in der besten Eintracht fortan ihre dummen Streiche gemeinsam.

Die Roggenmuhme.

Schulzen-Jakobs Großmutter erzählte einmal im Juli die Geschichte von der Roggenmuhme, die im Sommer im Felde sitzt und das Korn bewacht. Wehe dem Kinde, das in das Feld geht, um Kornblumen, Mohn und Rittersporn zu suchen und von der Roggenmuhme ertappt wird, wenn es Ähren zertritt! Unweigerlich bekommt es eine schwere Krankheit. In den Mittagsstunden, wenn die Sonne still und heiß auf die Fluren herabbrennt, ist die Zeit, in der die Roggenmuhme am liebsten mit leisen Schritten durch die Felder schreitet. Ihre Haare sind gelb wie das reifende Korn, und ihre Augen blau wie die Kornblumen, ihre Lippen rot wie blühender Mohn. Sie ist schön, die Roggenmuhme, aber furchtbar in ihrem Zorn und unerbittlich gegen den, der nur eine Ähre zertritt.

Als die Großmutter fertig war, sagte Jakob: »Ich glaub's net!« Seine kleinen Geschwister sahen ihn erschrocken an, aber Jakob stand auf, steckte die Hände in die Hosentaschen und sagte noch einmal: »Ich glaub's net!«

»Ach, du bist ein dummer, naseweiser Bube,« rief die Großmutter ärgerlich. »Dir könnt's nicht schaden, wenn dich die Roggenmuhme mal ordentlich durchbeutelte, du gehst auch immer mitten ins Feld hinein!«

Jakob verließ trotzig die Stube, ging auf die Dorfstraße und sagte zum drittenmal laut und patzig. »Ich glaub's doch net!«

»Was glaubst du nicht?« fragte der blaue Friede, der am Gartenzaun stand und Jakobs Worte gehört hatte. Der erzählte ihm die Geschichte von der Roggenmuhme, und wie er im besten Erzählen war, kam der dicke Friede herbei, der wollte die Geschichte auch wissen. Jakob fing geduldig wieder an, und nach einem Weilchen kam Heine Peterle; natürlich mußte Jakob noch einmal beginnen. Und da auch noch Bäckermeisters Mariele, die blonde Lisbeth, Anton Friedlich und mehrere andere dazu kamen, dauerte die Geschichte von der Roggenmuhme volle drei Stunden. »Ich glaub's doch net!« sagte Jakob, als er fertig war, und einige stimmten ihm bei, nicht alle, namentlich die Mädel waren nicht abgeneigt, an die Roggenmuhme zu glauben.

Sie stritten alle sehr lebhaft miteinander und hätten sich beinahe ein wenig geprügelt, wenn nicht Jakob auf einmal gerufen hätte: »Ich studier's!«

»Was willst du studieren?« schrien die andern erstaunt.

»Ob's eine Roggenmuhme gibt. Morgen geh' ich hin und seh' nach!«

Mariele kreischte laut auf, als käme die Roggenmuhme schon um die Ecke herum, Anton Friedlich aber und Heine Peterle riefen so laut »Bravo!«, daß alle Gänse und Hühner auf der Dorfstraße erschraken und schnatternd und gackernd davonliefen. Und weil gerade Abendbrotzeit war, rannten auch alle Kinder nach Hause. Jakob war auf seinen Einfall sehr stolz und sagte daheim auch zur Großmutter: »Ich studier's!«

»Was, studieren willst du? Aber Bube, du kannst ja net mal richtig schreiben! Beinahe der allerfaulste bist in der Schule, und nun willst du studieren?«

Jakob wurde sehr verlegen, von seinem Fleiß hörte er nicht gerne reden, und ärgerlich brummte er: »Das mit der Roggenmuhme will ich studieren!«

Die Großmutter lachte so herzlich, daß ihr die Brille von der Nase fiel, und sagte: »Studier lieber Lesen und Schreiben, das ist besser!«

Aber Jakob blieb bei seinem Vorsatz. Am andern Tage, der heiß und sonnig war, marschierte er gleich nach dem Mittagessen zum Dorf hinaus. Einige seiner Freunde gaben ihm das Geleit bis an die große Linde, die am Eingang des Dorfes stand. Dann legten sie sich gemütlich in den Schatten, während Jakob auf der sonnigen Landstraße weiter zog dorthin, wo die Felder seines Vaters lagen.

Um die gleiche Mittagsstunde kam von der andern Seite her ein Bäuerlein. Der führte an einem Strick ein rundes, fettes Schweinchen. Er hatte es auf dem Markt in der Stadt gekauft und kehrte nun in sein Dorf zurück, das eine gute halbe Stunde hinter Oberheudorf lag. Der Bauer war müde und das Schweinchen auch, denn der Weg war sonnig und die Hitze groß. Seufzend blieb der Bauer stehen. Freilich war Oberheudorf nicht mehr weit, und dort gab es ein Wirtshaus, aber vorher hätte er gern noch ein Mittagschläfchen gehalten. Auf einem schmalen Feldweg, zwischen Kornfeldern, die wie ein goldenes Meer wogten, stand ein wilder Apfelbaum. An den band der Bauer sein Schweinchen, er selbst legte sich an den Feldrand, und nach wenigen Minuten schlief er tief und fest.

Das Schweinchen aber hatte keine große Lust zu einer Mittagsruhe. Ungeduldig zerrte und zog es an dem Strick, der nur lose um den Baum geschlungen war, und auf einmal ritsch! war das Schweinchen frei. Vergnügt trabte es davon und kümmerte sich gar nicht um seinen schlafenden Herrn. Das war sehr herzlos, aber Schweine sind nun einmal so.

Je näher Jakob den Feldern seines Vaters kam, desto bänglicher wurde ihm ums Herz. Es war so heiß und still; kaum einen Luftzug spürte man, leise nur rauschten die wogenden Felder. Jakob hatte versprochen, zum Zeichen, daß er wirklich im Felde gewesen war, einen riesengroßen Blumenstrauß zu pflücken. Nicht gerade sehr vergnügt machte er sich an sein Werk, und sorgsam vermied er es, Ähren zu zertreten. Wie er im besten Pflücken war, hörte er plötzlich etwas im Felde rascheln, und erschrocken blieb er stehen und lauschte.

Ein Weilchen war alles still, er mochte sich wohl getäuscht haben. Seufzend pflückte er weiter, doch da -- die Haare sträubten sich ihm -- deutlich sah er, wie sich etwas im Felde bewegte. Stärker rauschte das Korn, und der Bube blieb vor Angst und Entsetzen ganz still stehen.

Da -- tauchte da nicht etwas Helles, Unheimliches auf?

Die Roggenmuhme, sie war es -- niemand anders!

Jakob wagte gar nicht ordentlich hinzusehen. Mit einem gellenden Schrei ergriff er die Flucht und warf die Blumen weit von sich.

Aber hinter ihm her kam es gerannt, seltsame Töne ausstoßend.

Jakob schrie immer lauter vor Angst. Er wollte über den kleinen Graben, der das Feld von der Landstraße trennte, springen, aber in seiner Aufregung strauchelte er, stürzte und lag plötzlich platt wie ein Frosch in dem Graben.

Plumps! sprang da etwas auf ihn drauf und krabbelte auf seinem Rücken herum; einmal rutschte das unheimliche Wesen nach rechts, einmal nach links.

Und Jakob brüllte in seiner Angst: »Die Roggenmuhme, die Roggenmuhme! Laß mich los, laß mich los!«

Er machte es dabei wie der Vogel Strauß, er steckte seinen blonden Struwelkopf tief in das Gras und zappelte mit Armen und Beinen und schrie, als sollte er auf der Stelle mit Haut und Haaren verspeist werden.

Je lauter Jakob brüllte, desto mehr quiekte die Roggenmuhme auf seinem Rücken. Sie trampelte dabei immer hin und her und stieß ganz merkwürdige Töne aus, die einem Dorfbuben eigentlich hätten bekannt sein müssen. Aber Jakob gab sich keine Mühe, das Gequieke der Roggenmuhme zu »studieren«, er schrie nur, und zwar so kräftig, daß das Bäuerlein am Feldrand davon erwachte.

Erstaunt richtete sich der Schläfer auf. Wo war denn er, und wo war sein Schweinchen?

Er hörte das Gebrüll und das Gequieke, und flugs war er auf den Beinen und rannte dorthin, woher der Lärm kam. Da erblickte er sein Schweinchen, das sich die Leine um die Beine gewickelt hatte, und das hilflos in einem Graben hin und her rutschte und als verkannte Roggenmuhme den armen Jakob in Angst und Schrecken versetzt hatte.

»Na, potz Blitz, was ist denn das for äne Schreierei?« sagte das Bäuerlein und zog sein Schweinchen aus dem Graben. »Du, Bube, komm doch raus! So än kleenes Schweinchen tut dir doch nischt!«

»Uah, uah, uah,« brüllte Jakob und strampelte und zappelte weiter. Da packte ihn der Bauer kurz entschlossen am Hosenboden und zog ihn aus dem Graben. »Nu sag mir nur, Bengel, warum schreist du denn so?« fragte er kopfschüttelnd.

»Die -- die -- Ro--roggenmu--muhme!« schluchzte Jakob.

»Was?« sagte der Bauer, »den Rock--Muhme? Ja was soll denn das heißen?«

Es dauerte eine geraume Zeit, bis Jakob ihm schluchzend und stammelnd die Sache erklären konnte. »Nä, ä sowas! So än blitzdummer Bube, hält mein schönes Staatsschweinchen für die Roggenmuhme! Hahaha!« schrie das Bäuerlein und mußte sich geschwind auf einen Meilenstein setzen, sonst wäre er vor Lachen umgefallen.

Jakobs Freunden war unterdessen die Zeit unter dem Lindenbaume etwas lang geworden. Es hatten sich noch einige andere Kinder eingefunden, und sie beschlossen alle zusammen nachzusehen, ob Jakob mit »Studieren« fertig sei. Lustig trabten sie auf der Landstraße hin, und Jakob sah sie schon von weitem kommen. »Jetzt werd' ich aber ausgelacht,« dachte er beschämt, und ohne sich lange zu besinnen, rutschte er in den Graben, kroch am Felde entlang bis zu einem schmalen Weg, und dann rannte er heidi! auf und davon.

»Na, was ist denn das nu wieder?« sagte der Bauer verdutzt und sah dem Ausreißer nach. Aber dann bemerkte er die herankommenden Kinder, und er schmunzelte vergnügt, denn er verstand, warum Jakob die Flucht ergriffen hatte. Er zog also mit seinem Schweinchen den Kindern entgegen, blieb vor ihnen stehen und fragte listig: »Wo wollt ihr denn hin?«

»Schulzens Jakob wollen wir suchen, der >studiert< die Roggenmuhme,« antworteten alle.

»Na, dann geht man wieder nach Hause! Jetzt vor än Weilchen hat die Roggenmuhme einen Jungen mit fortgeschleppt, das wird er wohl gewesen sein!«

Entsetzt starrten sich die Kinder an, dann brachen sie in ein wildes Jammergeschrei aus und rannten spornstreichs in das Dorf zurück.

Dort kamen sie gerade an, als Jakob, der auf einem Umweg das Dorf erreicht hatte, in das Schulzenhaus schlüpfen wollte. »Da ist er ja, da ist er ja! Sie hat ihn losgelassen!« brüllten seine Kameraden und stürzten auf ihn zu; der eine packte ihn am rechten Arm, der andere am linken, einer am Jackenzipfel und einer sogar am Bein.

»Hat sie dich losgelassen?« -- »Wie sah sie denn aus?« -- »Hat sie dir was getan?« so schwirrten die Fragen durcheinander.

Dem armen Jakob wurde himmelangst, und es war sein Glück, daß gerade die Großmutter vor die Haustüre trat und ihn aus den Händen seiner teilnehmenden Freunde befreite. »Was schreit ihr denn so? Was ist denn los?« fragte sie ärgerlich.

»Die Roggenmuhme hat ihn gehabt, sie hat ihn mit fortgeschleppt,« riefen alle zusammen.

»Ich will rein, Großmutter,« bat Jakob ängstlich, und die alte Frau nahm ihn an der Hand und zog ihn ins Haus und klappte seinen Kameraden die Tür vor der Nase zu. Drinnen erzählte der Bube kleinlaut sein Abenteuer, und die Großmutter lachte, aber nur ein wenig, denn nach echter Großmutterweise hatte sie gleich Mitleid mit dem Jungen und versuchte ihn zu trösten. Zu diesem Zweck gab sie ihm ein dickes Honigbrot, das, wie man zu sagen pflegt, Jakob wieder etwas auf die Beine brachte.

Unterdessen war das Bäuerlein nach Oberheudorf gekommen und erzählte im Wirtshaus schmunzelnd Jakobs Abenteuer. So erfuhr das ganze Dorf die Geschichte, und alle lachten darüber. Man lachte noch lange, und Jakob wurde zu seinem Ärger noch recht oft zugerufen, wenn ihm ein Schweinchen in den Weg lief: »Gib acht, da kommt die Roggenmuhme!«

Das besinnliche Trinchen.

Wenn mitten unter lustigen Geschichten eine ernsthafte steht, so ist das so, als wenn sich zwischen lauter sonnige Frühlingstage ein grauer Regentag schiebt. Den lieben langen Tag will es dann nicht hell werden, und alle Freude scheint auf einmal verschwunden, bis sich, vielleicht gegen Abend, der Himmel aufhellt und zarte Rosenwölkchen zeigen, daß sicherlich am andern Tag die Sonne wieder herauskommen wird.

Unter all den fröhlichen Oberheudorfer Buben und Mädeln ging des Wassermüllers Trinchen immer still und traurig einher. Immer saß es ein wenig abseits, immer ging es allein von der Schule heim, und wenn die andern spielten, dann sah das Trinchen von ferne zu. Die andern Kinder nannten Trinchen darum »hochmütig«, denn Trinchens Vater war ein reicher Mann, und sie meinten nicht anders, als das Trinchen sei eingebildet darauf. Schuster Pechdraht aber meinte, Trinchen besänne sich immer zu lange auf eine Antwort, bis dann die Zeit, eine zu geben, vorüber sei, und er nannte die Kleine manchmal scherzend »das besinnliche Trinchen«. Der Name blieb dem Kinde, und bald wurde die Kleine im ganzen Dorf so genannt.

Das besinnliche Trinchen aber war nun ganz und gar nicht hochmütig, sondern im Gegenteil ein furchtbar schüchternes kleines Mädchen. Es war so ängstlich und zaghaft, daß es kaum zu sprechen wagte, und wenn jemand unversehens ein strenges Wort zu ihm sagte, war das Mädchen tief unglücklich. Nur aus Schüchternheit hielt sich Trinchen von den Gespielen fern. Ganz einfach hinzugehen und zu sagen: »Ich will mitspielen!« das hätte die Kleine gar nicht fertiggebracht. Aus Schüchternheit wagte sie auch in der Schule nicht ordentlich zu antworten, obgleich sie die meisten Fragen hätte beantworten können und manchmal mehr wußte als die, die stolz mit ihrer Klugheit prahlten. Hatte Trinchen aber einmal etwas unrichtig gemacht und bekam darum Schelte, dann verlor sie alle Fassung und konnte überhaupt nicht antworten. Sie wurde dann »trotzig und verstockt« genannt, und der Lehrer, der eigentlich sehr gütig war, bestrafte wohl aus diesem Grunde Trinchen besonders streng. Obendrein wurde sie auch noch von ihren Mitschülern ausgelacht, wenn sie so stumm und bleich dastand und kein Wörtchen sagen konnte.

Daheim im Elternhaus ging es dem besinnlichen Trinchen nicht besser. Des Kindes Mutter war früh gestorben, und als Trinchen sechs Jahre alt war, kam eine Stiefmutter ins Haus. Die alte Male, die schon bei Trinchens Mutter Kindsmagd gewesen war und nach dem Tode der Frau in der Mühle die Wirtschaft führte, sah scheel auf die neue Hausfrau. Sie erzählte in ihrem Ärger dem Trinchen lauter schreckliche Geschichten von bösen Stiefmüttern, die alle gar nicht wahr waren, und jagte dadurch der schüchternen Kleinen eine heillose Angst ein. Die neue Mutter war eine gütige, fröhliche Frau, die ihrem Stiefkinde ein Herz voll Liebe entgegenbrachte. Aber Trinchen in ihrer Schüchternheit, zu der noch die Angst vor der Stiefmutter kam, blieb dieser gegenüber so fremd und befangen, daß sie immer wie ein scheues Mäuslein im Hause herumhuschte.

Am unglücklichsten über diese Schüchternheit war das besinnliche Trinchen selbst. Niemand ahnte, wie tieftraurig die Kleine oft war, wie schrecklich einsam sie sich oft fühlte, denn sie hatte ein zärtliches, liebebedürftiges kleines Herz. In aller Stille hing sie zum Beispiel mit inniger Liebe an ihrer Stiefmutter, aber es dieser zu zeigen wagte sie nicht. Auch den Herrn Lehrer liebte Trinchen schwärmerisch, aber wenn die andern Kinder zutraulich zu ihm liefen und ihm von ihren Freuden und Leiden erzählten, da stand die Kleine abseits. Wie gern hätte Trinchen eine Freundin gehabt und hätte einmal vergnügt mit den andern gelacht oder wäre mit zu Muhme Lenelis gelaufen.

Manchmal, wenn sie einsam an einem verborgenen Plätzchen, etwa unter einer Trauerweide am Mühlbach, saß, da nahm sie sich vor, so zu sein wie die andern Kinder. Sie schwatzte lauter lustige Sachen vor sich hin, und wenn sie am nächsten Tag in die Schule kam, da war sie so still und scheu wie immer, da war sie wie eine jener Blumen, die ihren Kelch geschwind schließen, wenn eine Menschenhand sie berührt.

In der Oberheudorfer Schule saßen die Kinder alle in einer Klasse, die Kleinen unten und die Großen oben. Es gab aber außer dem eigentlichen Schulzimmer noch ein zweites, in dem hatten die Mädchen bei der Frau des Lehrers Handarbeitsstunde, oder diejenigen, die schreiben mußten, während die andern lasen, saßen darin. In diesem zweiten Schulzimmer stand ein großer Schrank, in dem Bücher, Landkarten, Kreide, Tinte und dergleichen aufbewahrt wurden. In dem Schrank stand auch eine kleine Sparbüchse. Wenn ein Kind Geburtstag hatte oder sonst ein besonders freudiger Tag war, dann erbat es sich daheim von seinen Eltern einige Pfennige, die in die Sparkasse getan wurden. In Niederheudorf war ein Armenhaus, in dem auch einige Oberheudorfer Arme wohnten, denen wurden zu Weihnachten dann von dem ersparten Geld kleine Geschenke gemacht.

An einem Herbsttag wanderte das besinnliche Trinchen noch zaghafter als sonst zur Schule. Es hatte nämlich einen Plan, von dessen Ausführung ihr schon seit Wochen bangte, und doch war sie glückselig bei dem Gedanken, ihr Plan könnte ihr gelingen.

Vor einiger Zeit hatte sie von einer Tante, die in der Stadt wohnte, einen hübschen Kasten mit allerlei kleinen, niedlichen Handarbeiten bekommen, ein Geschenk, das ihr viel Freude bereitet hatte, wenn von der Freude auch niemand etwas merkte. Unter den Arbeiten war auch ein zierliches, kleines Federkästchen gewesen, und in einer Stunde, in der das besinnliche Trinchen in aller Heimlichkeit lustig und unternehmend gewesen war, hatte es sich vorgenommen, das Kästchen dem Herrn Lehrer zu schenken. Acht Tage lang trug sie das ganz sauber gestickte Kästchen in ihrem Ranzen in die Schule, und jedesmal brachte sie es wieder heim: sie hatte es nicht gewagt, ihre Arbeit dem Herrn Lehrer zu geben. Schließlich nahm sie sich vor, sie wolle es ihm heimlich auf das Pult stellen, vielleicht würde er es gar nicht merken, daß die Gabe von ihr kam.

Der Schultag verlief wie alle Schultage. Einige Kinder hatten gut gelernt, einige weniger gut. Trinchen, deren Gedanken viel bei ihrem Kästchen waren, wußte einige ganz einfache Fragen nicht zu beantworten. Die andern Kinder lachten, und der Lehrer schalt und sagte die Antwort, die Trinchen wiederholen sollte. Die Kleine war durch Lachen und Schelte so verschüchtert, daß sie trotz aller Mühe, die sie sich gab, kein Wort herausbrachte.

»Du bist ein trotziges Kind,« sagte der Herr Lehrer ärgerlich. »Nachher, wenn ich die neuen Bilder zeige, die ich gestern bekommen habe, gehst du in die andere Stube und schreibst die Antwort zehnmal auf.«

Trinchen stiegen die Tränen in die Augen, und zu allem Unheil machte sie in ihr neues Heft noch einen dicken Klecks. Tief unglücklich saß sie zusammengekauert wie ein kranker kleiner Spatz da, und als gegen Ende der Schule der Herr Lehrer die Bilder herausholte und alle Kinder vergnügte Gesichter bekamen, schlich sie traurig in das Nebenzimmer.

Da saß sie denn und schrieb, und es sah aus, als hätten Krähen rechtsum, linksum auf dem Heft getanzt, denn so schwere Tränen saßen ihr in den Augen, daß sie kaum etwas sehen konnte.

Natürlich bekam sie auch wieder Schelte wegen der Schreiberei, und der Herr Lehrer sagte, sie müsse am Sonnabend nachmittags in die Strafstunde kommen. Das war eine schreckliche Schande! Trinchen meinte, sie müsse in den Boden sinken vor Scham.

Das Schlußgebet war gesprochen, und schon wollten alle heimgehen, als Schmieds Grete wichtig hervortrat und einen Groschen brachte, der für die Sparbüchse bestimmt war. Ihre Mutter hatte Geburtstag, da hatte sie ihr den Groschen gegeben. Das war ein Ereignis! Heine Peterle und der blaue Friede stürzten gleich in das andere Zimmer, um die Büchse zu holen, und kamen gleich darauf wieder mit dem Jammerruf: »Die Büchse ist nicht da!«

»Ach Unsinn,« sagte der Herr Lehrer, »ich habe sie heute früh selbst gesehen; es wird etwas davorstehen. Ruhe, Kinder, rennt nicht so, nur drei dürfen nachsehen!«

Nach einigen Minuten kamen die drei Boten wieder und riefen klagend: »Sie ist nicht da!«

»Ich will selbst nachsehen,« sagte der Herr Lehrer, »bleibt alle an euren Plätzen!« Er ging, und nach wenigen Minuten kehrte er mit tiefernstem Gesicht zurück. »Die Büchse ist nicht da. Wer von euch war heute im Nebenzimmer?«

Einige meldeten sich, und Anton Friedlich sagte, er habe bestimmt die Büchse gesehen.

»Hat der Schrank offen gestanden, als ihr nachgesehen habt?« fragte der Lehrer Heine Peterle und den blauen Friede.

»Ja, weit offen,« riefen beide.

»Wer hat ihn offen gelassen?«

»Ich nicht!« -- »Ich nicht!« schrien die Kinder, nur das besinnliche Trinchen saß stumm und teilnahmslos auf seinem Platze.

»Einmal hat's drin gerappelt!« rief Anton Friedlich, der sich doch nicht ganz klar war, ob er nicht den Schrank offen gelassen hatte.

»Ich hab's auch gehört!« -- »Ich auch!« riefen einige andere. »Es ist jemand drin gewesen!«

Der Herr Lehrer rief seine Frau, die allein noch von ihrer Wohnung aus das Zimmer betreten konnte, und die Frau Lehrerin sagte, sie sei darin gewesen; ob aber der Schrank offen gestanden habe, darauf konnte sie sich nicht besinnen.

»Müllers Trinchen ist zuletzt in der Stube gewesen,« rief Schnipfelbauers Fritz auf einmal, und aller Augen richteten sich auf Trinchen, die blutrot wurde.

»Hast du gesehen, ob der Schrank offen war?« fragte der Lehrer die zitternde Kleine.

Trinchen schwieg verwirrt und wagte nicht aufzusehen. Es wurde mäuschenstill in der Klasse.

»Trinchen, komm einmal mit deinem Ranzen zu mir,« sagte der Lehrer ernst, aber nicht unfreundlich.

Der Gedanke an das Kästchen durchzuckte Trinchen. »Wenn der Herr Lehrer das findet und danach fragt!« dachte sie angstvoll, und unbeweglich blieb sie auf ihrem Platze.

»Trinchen,« sagte der Herr Lehrer strenger, »du kommst sofort her!«

Trinchens Füße wurden bleischwer, sie war halb sinnlos vor Angst. Warum rief der Lehrer sie nur, sie hatte doch nichts getan?

Die Nachbarinnen schoben die Kleine ärgerlich aus der Bank heraus. »Geh doch, geh doch!« sagten sie böse, denn Trinchens Schweigen und Verlegenheit bestärkten bei allen den schrecklichen Verdacht, und von hinten hervor kam auf einmal eine Stimme: »Müllers Trine hat die Büchse gestohlen!«