Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten: Sechszehn heitere Erzählungen
Part 3
Ungefähr eine Viertelstunde von Oberheudorf entfernt lag ein großer Teich und dicht daneben ein kleiner Bauernhof, auf dem ein altes Ehepaar wohnte. Die beiden Alten hatten ihren großen Hof im Dorfe ihrem Sohne übergeben und lebten nun still und friedlich in dem kleinen Hause. Im Winter kamen die Oberheudorfer Kinder oft und liefen auf dem Teiche Schlittschuh; die alte Bauersfrau hatte dann stets einen großen Topf voll Kaffee auf dem Ofen stehen, und manch ein blaurot gefrorenes Bübchen oder Mädelchen kam zu ihr und erhielt eine Tasse des warmen Trankes.
An einem mäßig kalten Wintertage liefen die Kinder wieder auf dem Eise Schlittschuh; der dicke Friede und der blaue Friede waren auch dabei.
Schuster Pechdraht, der von Niederheudorf kam, rief den Kindern zu: »Nehmt euch in acht, das Eis ist noch nicht ganz fest!«
»Ach, es hält schon!« schrien die Kinder und liefen kreuz und quer, als hätte der Schuster seine Warnung an die alte, krumme Weide am Teichrand gerichtet. Der blaue Friede besonders, der ein guter Schlittschuhläufer war, schoß wie ein Pfeil über das Eis. Der dicke Friede konnte nicht so gut laufen und ärgerte sich weidlich darüber. »Wollen sehen, wer zuerst an der Weide ist,« schrie da Heine Peterle.
Der blaue Friede fuhr, so schnell er konnte, auf das Ziel los, und keuchend folgte ihm der dicke Friede. »Er darf nicht zuerst kommen,« dachte der und nahm alle Kraft zusammen. Da hatte der Blaue schon die Weide erreicht, und ritsch -- griff auch der Dicke nach den kahlen Zweigen.
In diesem Augenblicke ertönte ein dumpfes Krachen.
»Das Eis bricht!« schrien die Kinder entsetzt und stoben auseinander wie eine Schar Tauben, auf die ein Habicht stößt.
Ein zweiter Krach ertönte. Schreiend purzelten die Kinder an das Ufer, und im Nu war der Teich wie abgekehrt. Nur der dicke Friede und der blaue Friede waren noch darauf, oder vielmehr sie saßen darin, denn das Eis war gerade dicht an der alten Weide geborsten, und die beiden Buben saßen bis an den Hals in dem eisigen Wasser.
Aber schreien konnten sie noch, und sie schrien gellend um Hilfe, während die andern Kinder wehklagend in das nahe Bauernhaus rannten. Zum Glück waren der alte Bauer und sein Knecht daheim, und sie kamen auch beide eiligst herbei, um die verunglückten Buben zu retten. Es gelang auch, die beiden, die bereits ganz blau gefroren waren, schnell aus dem Wasser zu ziehen. Sie wurden in das Haus getragen. Dort hatte die Bäuerin, als sie von dem Unglück gehört hatte, hurtig einen Topf Fliedertee auf das Feuer gestellt und ein Bett gewärmt. Flink zog sie die Verunglückten aus, und der Bauer und sie rieben die pudelnassen Buben mit einem dicken Tuche so kräftig ab, daß den Taugenichtsen Hören und Sehen verging. Dann wurden die beiden in das Bett gelegt, das breit und groß in der Stube stand und mit feuerroten Sternblumen und himmelblauen Bändern bemalt war. Die Bäuerin gab den beiden Fliedertee zu trinken und deckte ihnen ein ungeheuer dickes Federbett über. »Gelle, das ist gut?« fragte sie.
Wie zwei Brote in einem Backofen, so lagen die beiden Feinde ganz friedlich nebeneinander in dem warmen Federneste. Nur ihre runden, roten Gesichter, die vor Hitze glühten und glänzten, waren zu sehen.
Rühren konnten sich die Buben nicht, dazu waren sie viel zu dick eingepackt, und wenn einer wirklich eine leise Bewegung machte, dann schrie gleich die alte Bäuerin: »Nä, nä, nich' die gute Wärme rauslassen! Ich behalt' euch hier bis morgen, -- gelle, das gefällt euch?«
»Hm!« brummten alle beide, und der Blaue sah nach rechts und der Dicke nach links.
»Na, ä bißchen plappern könnt ihr schon!« sagte die Bäuerin gutmütig. »Gelle, 's ist doch gemütlich, so zusammen zu sein?«
»Hm!« knurrten die beiden wieder und starrten zur Zimmerdecke empor.
Die Alte schüttelte den Kopf. »Nä, sagt doch, könnt ihr nich' reden?«
»Ich kann schon,« knurrte der Dicke, »aber --«
»Ich auch,« ächzte der Blaue, »aber --« Und nun sah einer wieder nach rechts, der andere nach links, und dann stöhnten sie herzbrechend.
»So'n dummes Gehabe!« brummte der Bauer in seiner Ofenecke und zündete sich ein Pfeifchen an.
»Nu sagt doch, wo fehlt's bei euch denn?« ermunterte seine Frau die Buben.
»Hm!« seufzten beide, und der Blaue schielte den Dicken an und der Dicke den Blauen, und plötzlich platzten beide heraus: »Wir sind Feinde!«
»Was seid ihr?« fragte die Bäuerin verdutzt.
»Feinde!« sagten beide kleinlaut.
Die Alte sah beide mit ihren hellen Augen freundlich an. »Warum denn?« fragte sie.
Wenn es möglich gewesen wäre, daß die Buben rot geworden wären, dann würden sie alle beide errötet sein, aber das ging nicht, weil sie ohnehin schon aussahen wie zwei Klatschrosen. »Ich weiß nicht,« sagte der Blaue kläglich. »Ich auch nicht,« ächzte der Dicke.
»Nä, potz tausend, so ä paar dämliche Jungen hab' ich noch nie gesehen!« rief der alte Bauer, der die Unterhaltung mit angehört hatte. »Sind Feinde und wissen nicht, warum! Nä, so was!«
Die alte Bäuerin aber faltete die Hände still im Schoß und guckte mit ihren klaren, guten Augen die Buben ernsthaft an. »Gelle, 's macht viel Freude, 'nen Feind zu haben?« fragte sie.
»Nä!« riefen die Buben wie aus einem Munde, und einer schielte verlegen den andern an.
Die Alte stand auf, holte zwei große Tassen Fliedertee herbei und sagte freundlich: »Den Tee trinkt jetzt, und wenn ihr fertig seid, stoßt ihr an. Eigentlich macht man das ja mit 'ner vollen Tasse, aber ihr schwappert mir sonst noch das Bett voll. Und nachher hat's 'n Ende mit der Feindschaft, gelle?«
»Ja,« sagten die Buben ganz demütig und tranken tapfer den Tee, obgleich es ihnen schon war, als sollten sie geschmort werden. Sie stießen auch wirklich miteinander an, und ob es nun der Fliedertee machte oder die Hitze oder das freundliche Zureden der alten Bäuerin, dem Dicken und dem Blauen kam die Sache auf einmal komisch vor. Sie prusteten alle beide los vor Lachen und zwickten und schubsten sich, und bums! fiel das dicke Federbett mitten in die Stube.
»Nä, die gute Wärme!« schrie die Bäuerin und packte das Bett schnell wieder auf die Buben drauf und stopfte es rechts und links fest, damit die Hitze nur ja im Bette blieb. »Dann seid ihr morgen gesund,« tröstete sie die schwitzenden Buben.
Dann holte sie sich einen großen, roten Strickstrumpf, setzte sich an das Bett und begann ihren Gästen eine Geschichte zu erzählen. Die alte Standuhr tickte laut dazu, und manchmal schnarrte sie, als wollte sie auch etwas sagen. Der Bauer saß in der Ofenecke und rauchte sein Pfeifchen, und neben ihm lag schnurrend ein dicker, schwarzer Kater.
»Klappklapp, klappklapp,« machten die Stricknadeln, als müßten sie mit erzählen helfen, und je schneller die Bäuerin sprach, je flinker klapperten die Nadeln. Immer heißer wurde es im Zimmer, denn der braune Kachelofen fauchte ordentlich vor Hitze. Den Buben wurde es auch immer wärmer in ihrem Bett; sie schwitzten wie zwei Teekessel, aber dabei wurde es ihnen immer friedlicher ums Herz. Sie vergaßen allen Streit und allen Trotz. Der dicke Friede blinzelte seinen einstigen Feind an, dann legte er seinen Kopf an dessen Schulter, und der tat ganz sacht seinen Arm um des andern Hals.
Leiser und leiser wurde die Stimme der alten Bäuerin, die Stricknadeln klapperten kaum hörbar, zuletzt verstummte die Erzählerin, und in den dicken Federkissen schnarchten die beiden Friede um die Wette, und bald schnarchte auch der Bauer in der Ofenecke mit.
Als die beiden Buben am nächsten Morgen aufwachten, da waren sie putzmunter, und ihre Augen blitzten wie lauter dumme Streiche. Nicht einmal einen Schnupfen hatten sie, und die allerbesten Freunde waren sie. Sie sind es auch seitdem geblieben.
Ehrenjungfern und Buben.
Eine Stunde von Oberheudorf entfernt, an einem kleinen See, lieblich von Wald und Wiesen umgrenzt, lag ein Schloß. Es gehörte dem Herrn Grafen Dachhausen, der es immer im Sommer mit seiner Familie bewohnte. Wie man anderswo vielleicht sagt: »Die Störche sind da!« so sagte man in Oberheudorf: »Grafens sind da!« Das war das Zeichen, daß der Frühling kam. »Grafens« besuchten in Oberheudorf die Kirche, und die Frau Gräfin kam auch manchmal in die Schule. Das war aber nicht so anstrengend, als wenn der Schulrat kam, sondern immer ein Festtag, denn die Frau Gräfin brachte gewöhnlich eine unglaublich große Zuckertüte mit, die freilich, wie leider alle Zuckertüten, im Umsehen leer war. Dann ließ die freundliche Dame sich einige Lieder vorsingen und verließ, nachdem sie noch der Frau Lehrerin einen Besuch abgestattet hatte, die Schule, und die Kinder riefen ihr immer sehr bittend nach: »Auf Wiedersehen!«
Wieder einmal waren »Grafens« gekommen, und zugleich war mit Sonnenglanz und Blütenpracht der Frühling eingezogen. Im Schloß herrschte große Aufregung. Maler und Tapezierer arbeiteten darin herum; der Gärtner grub und pflanzte mit seinen Gehilfen vom frühen Morgen bis zum späten Abend im Park, und in der Küche saß stöhnend Mamsell Bertchen, die Wirtschafterin, und sagte: »Nächstens sterbe ich ganz gewiß!« Sie wußte nämlich nicht, was für eine Pastete sie backen sollte. Schließlich gab sie das Stöhnen auf, blieb am Leben und buk drei Pasteten, »zur Auswahl«, wie sie sagte, eine aß sie aber ganz allein auf.
Im Schloß wurde hoher Besuch erwartet: der Landesfürst selbst sollte kommen. Ihm zur Ehre wurden alle Vorbereitungen getroffen, und der Graf und die Gräfin dachten sich allerlei aus, womit sie den vornehmen Gast erfreuen wollten. Unter anderem sollten ihm bei seiner Ankunft im Schloß kleine Mädchen in Landestracht Blumen überreichen.
In der Gegend, in der Oberheudorf liegt, haben die Dorfleute früher eine hübsche malerische Tracht getragen. Aber wie manchmal Kindern ihre schönen Spielsachen langweilig werden, so waren den Oberheudorfern auch ihre schönen Gewänder langweilig geworden, und nur die alten Frauen trugen sie noch hin und wieder. In manchen Familien lagen aber noch solche schöne, alte Sachen in den buntbemalten Truhen; an ihnen konnte man erkennen, wie stattlich früher die Oberheudorfer einhergegangen waren. Nach dem Muster dieser Gewänder wollte nun die Gräfin Dachhausen vier kleine Mädchen gekleidet haben, die sollten Verse sagen und Blumen bringen.
Annchen Amsee, Tischlers Liese, Schulzens Röse, die nicht faul wie ihr Bruder Jakob, sondern sehr eifrig in der Schule war, und des Waldbauers Mariandel waren die vier Auserwählten. Sie sagten, wo sie gingen und standen, ihre Verschen her, und als Waldbauers Mariandel einmal Kaffee und Spiritus holen sollte, sagte sie zu dem Krämer. »Wir grüßen dich, erlauchter Fürst!« Und der Krämer dachte nichts anderes, als das Mariandel habe seinen Verstand verloren.
In Oberheudorf vertrugen sich die Buben und Mädel sonst immer recht gut miteinander. Sie zankten sich mal und pufften sich auch hin und wieder, aber dann spielten sie auch wieder miteinander und vollführten in der allerschönsten Eintracht die allerdümmsten Streiche. Seit aber die Frau Gräfin die vier Mädchen zum Empfang des Fürsten erwählt hatte, waren die Buben wütend auf die Mädel, und die faulsten und unnützesten waren am ärgerlichsten. »Nur Mädels,« sagte Schnipfelbauers Fritz entrüstet, obgleich er doch sicher nicht ausgewählt worden wäre, selbst wenn die Frau Gräfin auch Buben genommen hätte.
»Und unsere Röse ist ein Jahr jünger als ich,« rief Schulzens Jakob empört.
»Es ist frech von ihnen,« schrien Anton Friedlich und Heine Peterle. Als ihnen aber Annchen Amsee am gleichen Tage eine Zuckerstange gab, die noch von ihrem Geburtstag stammte, da nahmen sie die Stange und aßen sie auf, aber böse waren sie darum doch. Aber aller Ärger half ihnen nichts: die vier Mädel waren zum Empfang eingeladen und blieben es, mochten die Buben brummen, soviel sie wollten.
Der Festtag kam heran. Erst hatten alle Oberheudorfer zugleich mit den vier Mädeln nach dem Schlosse ziehen wollen, um den Empfang zu sehen. Der Herzog jedoch liebte zu große Empfänge nicht, und darum hatte der Graf die Dorfbewohner bitten lassen, sie sollten erst am Abend kommen; es solle ein wundervolles Feuerwerk abgebrannt werden, und dazu könne jeder kommen, der Lust habe. Der Herzog, der mit seinem eigenen Wagen von seinem einige Stunden entfernten Jagdschloß Adlershorst kam, wurde am Nachmittag erwartet. Um Mittag traten daher, gefolgt von dem halben Dorf, die vier kleinen Ehrenjungfern ihren Weg nach dem Schlosse an. Bis zum Ende des Dorfes wurde ihnen das Geleit gegeben, dann ließ man sie mit vielen guten Wünschen und Ermahnungen ziehen, und die andern kehrten alle heim, um später den gleichen Weg zu wandern.
Die vier Mädel aber zogen stolz in ihren hübschen Gewändern fürbaß. Sie hatten bunte Röckchen, schwarze Mieder und schneeweiße, mit Spitzen besetzte Hemden an. Die schwarzen Hauben, die sie trugen, waren sehr reich mit schönen farbigen Bändern geschmückt. Weiße, feingefaltete Schürzen, weiße Strümpfe mit roten Zwickeln und blitzblanke, schwarze Schnallenschuhe gehörten noch zu dem Anzug. Es war eine Pracht, die vier anzuschauen, und sie gingen auch so steif und vorsichtig einher, wie die Puthähne Kaspars auf dem Berge, aber freilich so eingebildet und wütend wie diese waren die vier Mädel nicht.
Ein Stückchen waren Annchen, Liese, Rose und Mariandel auf der Landstraße dahingezogen, als plötzlich aus einem Graben am Wege vier Buben kletterten.
Die Mädel schrien laut auf vor Schreck, aber dann erkannten sie ihre Schulgefährten Anton Friedlich, Schnipfelbauers Fritz, Heine Peterle und Schulzens Jakob, die alle vier wie aus einem Munde riefen: »Aber ihr seid fein, uh je!«
Die Mädchen glaubten nicht anders, als die Bewunderung sei echt. Sie nickten vergnügt und zupften an ihren Bändern herum, und Annchen Amsee fragte freundlich: »Wollt ihr uns begleiten?«
»Freilich, freilich!« rief Heine Peterle, und Schnipfelbauers Fritz meinte verschmitzt: »Grad' dazu sind wir ja gekommen!«
Wie sie so miteinander gingen, sagte Waldbauers Mariandel auf einmal: »Ihr schaut ja immer unsere Schuhe an, gelt, die können euch gefallen?«
»Na ob!« rief Schnipfelbauers Fritz. »Aber dumm seid ihr Mädel doch!«
»Pfui!« quiekten die vier Ehrenjüngferchen entrüstet, »du bist mal ein Grober!«
»Na, wahr ist's doch!« behauptete Fritz lachend. »Bis ihr ins Schloß kommt, sind eure Schuhe schmutzig. Zieht sie doch aus! Gelt, ihr seid zu vornehm, um barfuß zu gehen?«
Die Buben lachten laut auf, und die Mädel sahen sich an und schämten sich, sie fanden, Fritz habe recht. »Woll'n wir?« fragte Mariandel, und die andern nickten: »Ja, wir wollen!« Hurtig begannen sich die vier Mädel Schuhe und Strümpfe auszuziehen, und bald standen sie mit nackten Beinchen auf der Landstraße. Die Buben lachten vergnügt dazu und nahmen dann jeder ein Paar Schuhe, in denen fein säuberlich die Strümpfe steckten. »Wir tragen sie euch ein bißchen,« sagten sie so gefällig, wie sie sonst nie waren. So trabten sie miteinander auf der Landstraße dahin. Aber weit waren sie noch nicht gegangen, als Schnipfelbauers Fritz plötzlich rief: »Dort läuft ein Hase!«
»Wo denn, wo denn?« fragten alle.
»Dort, dort!« schrie Anton Friedlich, »ich sehe ihn!«
»Ich auch,« schrie Heine Peterle, »ich lauf' ihm nach!« und er begann zu laufen.
»Ich auch,« »Ich auch,« »Ich auch,« schrien seine Kameraden und rannten hinter ihm her.
Die vier Mädel hatten zwar keinen Hasen gesehen, aber sie warteten geduldig auf die Rückkehr der Kameraden. Doch die Zeit verging, und kein Anton, kein Jakob, kein Fritz und kein Heine Peterle ließen sich sehen, sie waren spurlos verschwunden und mit ihnen Schuhe und Strümpfe.
Die Mädchen wurden ängstlich, sie mußten doch gehen, und sie begannen laut zu rufen. Aber ihre Stimmen verhallten in der mittäglichen Stille, und nichts regte und rappelte sich.
Annchen Amsee ahnte zuerst die Wahrheit, sie rief plötzlich klagend: »Sie haben uns einen Streich gespielt, sie sind fortgelaufen mi--mit unsern Schu--schuhen!« Die letzten Worte kamen nur stoßweise unter Tränen hervor, und als die andern ihre Kameradin weinen sahen, da wurde es ihnen klar, daß die Buben ihnen absichtlich Schuhe und Strümpfe weggetragen hatten. Sie brachen in ein jammervolles Geschrei aus und sanken einander in die Arme. Alle vier hielten sich umschlungen und weinten so, daß zwei Spatzenmütter, die auf einem Kirschbaum in der Nähe brüteten, vor Schreck und Mitgefühl aus dem Neste plumpsten. So dicht hatten die vier die Köpfe zusammengesteckt, daß immer einer die Tränen der andern über das Gesicht liefen. Wie ein Häuflein Unglück standen sie da mitten auf der Landstraße, und vor Schreien und Wehklagen sahen und hörten sie nicht, was um sie herum vorging.
Plötzlich packten sie starke Arme, und eine gutmütige Stimme sagte: »Aber Kinder, ihr werdet ja noch überfahren! Warum schreit ihr denn so?«
Vier heiße, tränenüberströmte Gesichtchen hoben sich zu dem Sprecher empor. Das war ein Mann, der einen braunen, mit goldenen Knöpfen besetzten Rock trug, kurze Hosen und lange, helle Gamaschen dazu. Und mitten auf der Landstraße hielt ein Wagen, in dem drei Herren saßen.
Einer von ihnen, ein älterer Mann mit einem milden, freundlichen Gesicht, rief: »Paul, bringe die Kinder doch einmal her, ich will fragen, was den armen Dingern fehlte.«
Paul nahm das Häuflein Mädel und schob es sanft nach dem Wagen hin.
»Ja, Kinder, sagt mir nur, warum weint ihr denn gar so fürchterlich?« fragte der freundliche Herr.
»Huhuuu -- unsere Schu--uhe!« schrien Annchen, Liese, Röse und Mariandel wehklagend, aber mehr war nicht aus ihnen herauszubringen, soviel die Herren auch fragten.
Endlich nahm der eine von ihnen Annchen Amsee einfach in den Wagen und sagte gütig, aber ernst: »Jetzt, Kind, erzähle mir, was geschehen ist!«
Annchen Amsee erschrak, sie nahm sich jedoch zusammen und erzählte unter Tränen, was die Buben ihnen für einen Streich gespielt hatten, und als sie mit Erzählen fertig war, da brachen alle wieder von neuem in Wehklagen aus.
Die Herren lachten. »Ihr armen kleinen Dinger,« sagte der, welcher zuerst gesprochen hatte, mitleidig. »Doch kommt, ich fahre auch nach dem Schloß, ich werde euch mitnehmen. Und daß ihr barfuß kommt, das schadet nichts; seid nur getrost, es wird schon alles gut werden!«
Ehe die vier recht wußten, was geschah, saßen sie alle in dem feinen Wagen. Ein bißchen eng war es freilich, aber schön war es auch, und die drei Herren trösteten die kleinen Ehrenjungfrauen so gütig, daß diese zuletzt ganz vergnügt wurden. So kam es, daß sie schon wieder ordentlich lachen konnten, als der Wagen in die breite Allee einfuhr, die zum Schlosse führte. In der Allee standen zwei Diener, die, als sie den Wagen erblickten, laut etwas riefen und rasch ins Schloß rannten. Auf der breiten Terrasse vor dem Schloß standen der Graf und die Gräfin und noch viele andere schöngekleidete Herren und Damen, und der Graf kam eilig die Treppe herabgelaufen und verbeugte sich sehr tief vor dem freundlichen älteren Herrn.
Kein anderer als der Herzog selbst war das.
Als die vier Mädelchen dies merkten, hätten sie beinahe vor Schreck und Verlegenheit wieder angefangen zu heulen, der Diener Paul aber meinte, Wasser sei doch schon genug geflossen, sie sollten doch lieber still sein. Das taten sie denn auch, ja sie lachten sogar mit, als der Herzog die Geschichte von den Schuhen erzählte und der Graf und seine Gäste herzlich darüber lachten. Der Herzog war früher, als er erwartet worden war, gekommen und meinte, es sei nur gut, daß er die kleinen Ehrenjungfern gleich mitgebracht hätte. Sie mußten noch ihr Sprüchlein sagen, und da sie es sehr gut konnten, wurden sie viel gelobt. In einem besonderen Zimmer wurde ein Tisch für sie gedeckt, und Annchen, Liese, Röse und Mariandel ließen sich all die guten Sachen, die ihnen vorgesetzt wurden, trefflich schmecken. Der Kummer um ihre Schuhe und Strümpfe hatte sie hungrig gemacht, auch schmeckten ihnen Braten, Kompott und Torte besser als ein Oberheudorfer Käsebrot.
Die vier Buben hatten, zu ihrer Ehre sei es gesagt, gar nicht die Absicht gehabt, den Mädeln Schuhe und Strümpfe ganz und gar wegzunehmen, sie hatten die vier nur etwas ängstigen wollen. Sie waren daher in den Wald gelaufen, und nach einer Viertelstunde ungefähr wollten sie die Sachen zurücktragen. Als sie so im Walde saßen, erblickten sie auf einmal den Waldhüter Leberecht Sperling, der von allen Buben Oberheudorfs gefürchtet wurde.
Leberecht Sperling glaubte nämlich, jeder Bube sei unnütz. Schön war das nicht von ihm, aber er glaubte es nun einmal. Traf er daher einen Buben im Walde, so hatte der seiner Ansicht nach irgend eine Dummheit begangen, und es war schon vorgekommen, daß er ohne irgend eine Vorrede diesen Buben einfach durchgewichst hatte. Kein Bube aber liebt dergleichen besonders, und es war nicht verwunderlich, daß die Buben Leberecht Sperling in der Entfernung lieber sahen als in der Nähe. Anton, Fritz, Heine Peterle und Jakob erschraken daher sehr, als sie den Waldhüter auf sich zukommen sahen, und weil sie obendrein ein grundschlechtes Gewissen hatten, nahmen sie Reißaus.
»Die haben etwas Dummes gemacht,« dachte Leberecht Sperling, und da er recht lange Beine hatte, war die Sache nicht ungefährlich, und die vier Missetäter hatten auch gehörige Angst und waren heilfroh, als sie zum Walde raus waren und der Waldhüter von der Verfolgung abließ.
Niedergeschlagen dachten sie an die vier Mädel auf der Landstraße. Durch den Wald trauten sie sich nicht wieder, und so blieb ihnen nichts weiter übrig, als nach dem Dorf zurückzukehren und von dort aus auf die Landstraße zu gelangen. Die Nähe des Dorfes aber war gefährlich; leicht konnten sie mit den Schuhen gesehen werden. Und verbergen ließen sich die Schuhe zu schlecht. Anton Friedlich versuchte sie in die Tasche zu stecken, als er aber einen mit Not und Mühe hineingezwängt hatte, platzte die Tasche. »Die dummen Mädel!« schrie er wütend, als ob diese seine Tasche zerrissen hätten, und seine Gefährten stöhnten: »Hätten wir sie nur gehen lassen!«
Sie gelangten jedoch glücklich am Dorf vorbei und rasten dann die Landstraße entlang, aber soviel sie auch riefen und spähten, von den Mädeln war keine Spur mehr zu sehen. Sie rannten beinahe bis ans Schloß, aber nirgends erblickten sie die bunten Röcke ihrer Schulgefährtinnen. Recht kleinlaut kehrten sie um. »Die dummen Trinen sind heimgegangen,« rief Anton Friedlich zornig.
»Und haben uns verklatscht!« stöhnte Fritz dumpf.
»Meine Mutter haut mich,« jammerte Heine Peterle kleinlaut.
»Mein Vater auch,« ächzte Jakob.
Auf der Landstraße konnten sie nicht bleiben, nach Hause trauten sie sich nicht, so beschlossen sie, sich in einem Schuppen zu verstecken, der Jakobs Vater gehörte. Dort wollten sie warten, bis die Dorfbewohner nach dem Schloß gezogen waren, und dann ganz heimlich nach Hause gehen. Es war zu trostlos! Das schöne Feuerwerk, auf das sie sich so gefreut hatten, entging ihnen nun, und hungrig wurden sie mit der Zeit auch. Sie seufzten jämmerlich und schlichen, als es dunkel geworden war, sehr bedrückt heim. Im Dorf waren nur wenige Leute geblieben, meist nur die Alten, die lieber an dem lauen Frühlingsabend ruhig in den kleinen Gärten saßen, statt den weiten Weg bis zum Schlosse zu gehen. So gelang es den vier Missetätern leicht, in die Häuser zu schlüpfen, nachdem sie die Schuhe noch heimlich jeder Besitzerin vor die Türe gestellt hatten.