Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten: Sechszehn heitere Erzählungen

Part 2

Chapter 23,851 wordsPublic domain

Der Wagen rollte auf der Landstraße dahin, Friede Hopserling war schweigsam wie immer, und wieder schlief Heine Peterle ein, und wieder weckte ihn sein Reisegefährte mit einem Rippenstoß: »Wir sind da!« und Heine Peterle riß die Augen auf. Der Wagen fuhr die Dorfstraße entlang, da schrien einige Buben: »Da kommt Heine Peterle, Heine Peterle ist wieder da!« Der Ruf pflanzte sich fort, die Mutter und Muhme Rese kamen aus dem Hause gelaufen, die Nachbarn kamen herbei, alle wollten sie wissen, warum Heine Peterle schon zurück sei.

Der Vater stand in der Haustür und lachte, und Friede Hopserling erzählte alles. »Dösbartel,« rief der Vater, »Christianstraße heißt's, wie der Schäfer, und Nummer 10 ist es, dummer Junge, du hast doch zwei Hände!«

Da lachten ihn alle aus, aber Heine Peterle machte sich nichts daraus, er war nur froh, daß er wieder daheim war. An diesem Abend aß er sieben Brotschnitten, eine halbe Schlackwurst und einen Handkäse, und sicher hätte er noch mehr gegessen, wenn er nicht beim siebenten Butterbrot eingeschlafen wäre, so fest, daß er gar nicht merkte, wie ihn die Mutter ins Bett trug.

Der Schulrat in Oberheudorf.

Wie Buben und Mädel wohl manchmal denken, so dachten auch die Oberheudorfer Kinder mitunter: »Wenn heute doch keine Schule wäre!« -- Sie dachten das bei den verschiedensten Gelegenheiten, zum Beispiel wenn im Winter schöne Eisbahn war oder im Frühling die ersten Veilchen blühten, wenn im Sommer die Kirschen reiften oder in Niederheudorf Vogelschießen war. Hundert Gründe gab es für den Wunsch, und die faulsten Buben und Mädel fanden wohl noch den hundertundeinsten Grund.

Einige ganz besondere Faulpelze, wie Bäckermeisters Mariele, Anton Friedlich und Schulzens Jakob, die wünschten sogar, es möchte gar keine Schule geben. »Wenn doch der Kaiser mal die Schule verbieten möchte!« seufzte Anton, wenn er seine Rechenaufgabe nicht gemacht hatte.

»Oder der Sturm das Dach abdeckte!« rief Mariele.

Letzthin hatte nämlich der Wind drei Ziegel vom Backofendach heruntergeworfen, seitdem ärgerte sich die Kleine, daß bei der Gelegenheit nicht das Schuldach ein bißchen kaput gegangen war.

Aber nichts dergleichen geschah. Breit und stattlich stand das Schulhaus da, von roten Ziegeln erbaut und von einem hübschen Garten umgeben. Schien die Sonne darauf, dann sah das Schulhaus so lustig aus, als lachte es alle faulen Buben und Mädel aus. Der Herr Lehrer war auch immer freudig bei seiner Arbeit, die nicht gerade leicht war, und für schulfreie Tage außerhalb der Ferien war er nicht sehr eingenommen.

Im Juni war es. Die Sonne brannte so heiß, daß es einem schon leicht zu warm werden konnte, und die Oberheudorfer Kinder meinten, es könnte schon gut mal hitzefrei sein, -- zumal im Walde die Erdbeeren reif waren. Aber an so etwas dachte der Herr Lehrer jetzt weniger als je, denn in diesen Junitagen wurde der neue Herr Schulrat zur Inspektion erwartet. Da gab es dreimal so viel Hausarbeit als sonst, und wehe dem, der schlecht gelernt hatte. In dieser Zeit verstand der Herr Lehrer keinen Spaß, denn er wollte Ehre einlegen mit seiner Klasse. Und doch guckte die Sonne so vergnügt in die Schulstube hinein, und der Gedanke an die Erdbeeren im Kuhberger Walde saß wie ein kleiner Kobold in den Kinderköpfen.

»Ach, der Herr Schulrat!« seufzte Heine Peterle, als er eines Morgens seinen Ranzen nahm, um in die Schule zu gehen.

»Wie heißt er denn?« fragte Muhme Rese.

»Müller,« brummte Heine Peterle und stapfte davon; er konnte es nämlich nach seinen Erlebnissen in der Stadt nicht leiden, wenn man ihn nach einem Namen fragte.

»Ach, der Herr Schulrat!« seufzte Anton Friedlich, und Bäckermeisters Mariele heulte ein wenig, weil ihr alles mögliche tausendmal mehr Freude machte als der Schulrat.

»Bim bam, bim bam,« dröhnte die Schulglocke, und flink liefen alle Faulpelze in das rote Schulhaus, es half ja doch nichts.

In der gleichen Stunde betrat ein hübscher, junger Mann das Dorfwirtshaus und verlangte ein Glas Milch und eine Schnitte Brot. Der Wirt brachte ihm selbst das Verlangte, und der Fremde, der vor dem Hause Platz genommen hatte, begann ein Gespräch. Ob das die Schule wäre, fragte er und deutete auf das Schulgebäude, das rot und lustig hinter grünen Bäumen hervorsah.

Der Wirt, genannt Kaspar auf dem Berg, weil sein Gasthaus einen halben Meter höher als das Nachbarhaus lag, war ein schlauer Mann, und darum kam ihm bei dieser Frage gleich der Gedanke, der Fremde könnte vielleicht der erwartete Schulrat sein.

Schmunzelnd fragte er daher nach dem Namen seines Gastes. »Müller,« sagte der junge Herr freundlich.

»Ei, das dachte ich mir doch gleich,« rief der Wirt und machte eine ungeheuer tiefe Verbeugung. »Willkommen, hochgeehrter Herr Schulrat!«

»Was?« fragte der Fremde verdutzt, »wer bin ich?«

»Der Herr Schulrat Müller, zu dienen,« sagte der Wirt und verbeugte sich zum zweiten Male.

»Na nu?« rief der junge Mann erstaunt.

»Zu dienen, Herr Schulrat,« sagte der Wirt, sich zum dritten Male verbeugend, und dann lief er flugs ins Haus. »Mine, Mine,« schrie er seiner Magd zu, »flink, lauf in die Schule und sage dem Herrn Lehrer, der Schulrat wäre da; spute dich, Mädel!«

Hui, wie lief da die Mine! Sie war erst seit drei Jahren aus der Schule heraus und wußte noch ganz genau, was das heißt, wenn ein Schulrat kommt. Die jüngeren Kinder schrieben gerade: »Der Hase läuft in das Feld«, und die älteren rechneten, als Mine mit dem Rufe: »Der Herr Schulrat ist da!« in das Klassenzimmer stürmte.

Potzhundert, gab das eine Aufregung!

Dem Herrn Lehrer fiel vor Schreck der Rohrstock aus der Hand, und drei Mädel fingen an zu heulen, während dem dicken Friede, dem ewig Hungrigen, das Frühstücksbrot, das er just in aller Heimlichkeit verzehren wollte, in die unrechte Kehle kam. Er wurde krebsrot, hustete und würgte, einige Kinder kicherten, die andern stöhnten, und der Herr Lehrer lief, gefolgt von Mine, nach dem Wirtshaus, um dort den Schulrat zu begrüßen.

Der Fremde saß und trank behaglich seine Milch, als der Lehrer und der Schulze, den der Wirt selbst geholt hatte, kamen und ihn mit so schwungvollen Worten begrüßten, daß er zuerst ganz erstaunt dreinsah. Aber plötzlich fing er an zu lachen, er lachte so laut und lustig, daß der Wirt den Lehrer und der Lehrer den Schulzen ansah; so einen lustigen Schulrat hatten sie noch nie gesehen, -- freilich auch noch keinen so jungen. Dem Herrn Lehrer kam die Sache etwas sonderbar vor, aber der Wirt hatte ja gesagt, der fremde Herr wäre der Schulrat, also mußte es wohl richtig sein.

»Also, mein lieber Herr Lehrer, da wollen wir einmal in die Schule gehen,« rief der lachende Schulrat und stand auf und ging mit dem Lehrer und dem Schulzen auf das rote Schulhaus zu.

Das muß man sagen, mucksmäuschenstill saßen die Kinder, als der Schulrat eintrat. Der ging auf das Katheder, sah die Buben und Mädel eine Weile vergnügt an und sagte dann: »Liebe Kinder, ich bin überzeugt, daß ihr fleißig seid und eure Pflicht tut!« Hier wurden einige sehr rot und verlegen, aber der Herr Schulrat schien das gar nicht zu bemerken, sondern fuhr fort: »Ich will euch darum nicht mit einer Prüfung quälen, nein, ihr sollt heute einmal frei haben, weil gar so schönes Wetter ist. Gefällt euch das?«

»Ja!« brüllten da alle und lachten, daß sich bei manchen der Mund von einem Ohr bis zum andern zog. »Na, dann nehmt eure Bücher und lauft! Ich habe im Walde gesehen, daß die Erdbeeren reif sind, also geht in die Erdbeeren!«

Das ließen sich die Kinder nicht noch einmal sagen, holter, polter wurden die Bücher gepackt, und dann rannten die Kinder alle hinaus wie Hasen, wenn sie den Jäger erblicken.

»Leben Sie recht wohl, Herr Lehrer,« sagte der Schulrat, »ich komme bald wieder. Ich denke, Ihnen wird ein ruhiger Tag auch mal gut sein,« und wutsch war der Herr Schulrat draußen.

»Na,« meinte der Lehrer, »so ein Schulrat ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen!«

»Mir auch nicht,« sagte der Schulze.

»Mir auch nicht,« sagte einige Minuten später der Wirt, als der Schulrat lachend von ihm Abschied nahm und fröhlich singend das Dorf verließ.

Die Buben und Mädel aber sagten gar nichts. Die rannten nur, was sie konnten, um ihre Schulmappen nach Hause zu bringen und sich ein Körbchen oder ein Töpfchen zu holen, und fünf Minuten später zogen die Oberheudorfer Kinder in den Kuhberger Wald in die Erdbeeren. Kein Schulkind blieb daheim. »Der Herr Schulrat hat's befohlen,« sagten sie, wenn Vater oder Mutter meinten, sie sollten doch lieber bei der Heuernte helfen.

War das ein vergnügter Tag!

Als wären sämtliche Erdbeeren noch in aller Geschwindigkeit gereift, so viele gab es. Es sah an manchen Stellen aus, als hätte Schnipfelbauers Kathrine ihren feuerroten Sonntagsrock auf den Waldboden gelegt, so dicht standen die Beeren beisammen. Aber freilich, es hätte doch noch zehnmal mehr Erdbeeren geben können, die Oberheudorfer Kinder hätten sie doch gepflückt und gegessen. In einen richtigen Oberheudorfer Kindermagen geht nämlich unglaublich viel hinein, gar nicht zu sagen wie viel.

Wie alle schönen Tage, so ging auch dieser schulfreie Tag zu Ende. Aber er endigte nicht, wie das manchmal vorkommt, mit Zank und Tränen, Verdruß, Leibschmerzen und zerrissenen Kleidern, sondern er blieb schön, bis die Kinder in ihre Federbetten krochen. Anton Friedlich träumte in dieser Nacht, der Schulrat säße an seinem Bette und sagte, er, Anton, brauche von jetzt ab nur in die Schule zu gehen, wenn er Lust dazu hätte. Und Heine Peterle sagte, als er am andern Morgen die Augen aufschlug: »Wenn doch heute wieder der Schulrat käme!«

Aber er kam nicht, und es war Schule wie alle Tage.

Und drei Tage später hatten die Kinder wieder einen sehr wichtigen Grund, um sich »schulfrei« zu wünschen.

Es war ein ereignisvoller Tag für Oberheudorf. Eine neue Feuerspritze wurde erwartet und sollte gleich probiert werden. Bisher hatten die Oberheudorfer eine Spritze besessen, die allemal erst spritzte, wenn das Feuer bereits vorbei war, und das war manchmal recht unangenehm. Einmal hatte da zum Beispiel das Dach vom Schulzenhaus gebrannt; die Spritze wurde angefahren, ehe sie aber in Ordnung war, hatte der Schulze eigenhändig drei Eimer Wasser auf das Dach gegossen, und aus war das Feuer. Und als dann alle so recht beim Begucken und Bereden waren, ging auf einmal die Spritze los, und quatsch! war die ganze Schulzenfamilie und einige Nachbarn dazu von unten bis oben naß. Man hatte darum in der Stadt eine neue Spritze bestellt, und der Schulze hatte angeordnet, daß die Spritze gerade kommen sollte, wenn Schule war. »Das neugierige Kindervolk ist nur im Wege,« hatte er gemeint. Man muß sagen, nett war das nicht vom Schulzen, und die Kinder jammerten auch gehörig über diese Härte. Die Schule hatte noch nicht lange angefangen, als das Rollen eines Wagens erklang. »Ob das die Spritze ist?« flüsterte der blaue Friede seinem Nachbarn zu, und Annchen Amsee puffte Mariele: »Du, die Spritze!«

Aber es war nicht die Spritze, sondern ein Wägelchen, in dem ein älterer Herr mit einer goldenen Brille auf der Nase saß. Das Wägelchen hielt vor dem Schulhause, und Heine Peterle schrie: »Herr Lehrer, 's kommt wer!«

»Dummer Junge, wer denn?« rief der Lehrer ärgerlich.

»Ein dicker Herr, da ist er schon!« rief Heine Peterle und zeigte mit einem rabenschwarzen Tintenfinger auf die Tür, die der Fremde gerade öffnete.

Weil just der Herr Lehrer die Türe und nicht sie ansah, wollte Krämers Trude, die so flink und keck wie ein Eichkätzchen war, den günstigen Augenblick benutzen und dem dicken Friede einen Papierball an den Kopf werfen, weil ihr der auf dem Schulwege die Schürze abgebunden hatte. Doch der Ball verfehlte sein Ziel und flog dem fremden Herrn an die Nase. »Oha,« sagte der verblüfft, »das ist ja ein netter Empfang!«

»Pschrr,« platzte Annchen Amsee heraus und »hahaha, hihihi, pschrr,« kicherte und prustete das auf einmal an allen Ecken und Enden.

»Still!« rief der Lehrer ärgerlich; aber wenn die Oberheudorfer Buben und Mädel einmal ins Lachen kamen, hörten sie so bald nicht wieder auf. Sicher, sie hatten den besten Willen, still zu sein, aber sie konnten es einfach nicht.

Der fremde Herr schüttelte erstaunt den Kopf, und der Lehrer nahm seinen Rohrstock, schlug auf das Pult und sagte streng: »Gleich seid ihr still!«

Da trat wirklich etwas Ruhe ein, und der Lehrer verneigte sich nun höflich vor dem Fremden und fragte: »Was wünschen Sie, mein Herr?«

»Ich bin der Schulrat Müller,« gab der freundlich zur Antwort.

»Pschrrhu, hahaha, hihihi!« ging das Gelächter wieder los, und Schnipfelbauers Fritz, der naseweiseste Bube im Dorf, rief: »Der war doch erst da!« Dem Lehrer trat der Schweiß auf die Stirn, ihm erschien der heutige Schulrat viel glaubwürdiger als der andere, und er sagte ruhig und bestimmt: »Wer jetzt noch ein Wort spricht, der muß eine Woche lang jeden Tag eine Stunde dableiben!«

Da wurden die Kinder alle still, denn sie wußten, wenn der Herr Lehrer den Ton anschlug, hatte der Spaß ein Ende. Aber ein Spaß war es auch nicht, daß der fremde Herr wirklich der Schulrat war; der lustige junge Mann vor drei Tagen hatte des Wirtes Irrtum benutzt und aus Übermut die Rolle des Schulrates gespielt.

Ein klein wenig lachte der echte Schulrat, als er die Geschichte erfuhr, ans Freigeben aber dachte er nicht, sondern er schickte sich an, eine strenge Prüfung abzuhalten. Mit ernster Miene, die Hände auf den Rücken gelegt, spazierte er vor dem Katheder auf und ab und musterte scharf die Buben und Mädel. Denen wurde angst und bange bei diesen forschenden Blicken, das Lachen verging ihnen ganz und gar, und sie bekamen rote Köpfe vor Verlegenheit.

»Sage mir mal,« fing der Herr Schulrat an und sah auf Schulzens Jakob, »wer war Karl der Große?«

Nun kannte Jakob jedes Pferd, jede Kuh und jedes Schaf im Dorfe, aber von den deutschen Kaisern hatte er keine Ahnung. Er sperrte denn auch seinen Mund auf, daß man ganz gut ein Dreierbrot hätte hineinstecken können; das war das Zeichen, daß Schulzens Jakob nachdachte. Auf einmal aber verklärte sich sein Gesicht, und mit strahlenden Augen rief er: »Windmüllers Ältester ist das!«

»Wer?« fragte der Herr Schulrat verdutzt, der natürlich nicht wissen konnte, daß Windmüllers Ältester seiner ungewöhnlichen Länge wegen »der große Karl« genannt wurde. Ärgerlich runzelte er daher die Stirn und rief: »Höre mal, mein Sohn, du bist« -- -- -- schiiih ging das da plötzlich draußen, und schwapp kam ein dicker Wasserstrahl durch das offene Fenster und überflutete den Schulrat und die Kinder. Schulzens Jakob bekam so viel Wasser in den Mund, daß er ihn vor Schreck schloß.

»Na, was soll denn das bedeuten?« schrie der Schulrat prustend. »Das ist doch« -- -- schiiih -- kam ein zweiter Wasserstrahl in das Schulzimmer und traf gerade auf die Mädel, die quiekend unter die Tische krochen.

»Die neue Spritze,« riefen der Lehrer und die Kinder ahnungsvoll, »sie probieren« -- -- schiiih kam ein dritter Strahl und überschwemmte das Schulzimmer so gründlich, daß sich der Herr Schulrat auf das Katheder flüchten mußte, während die Kinder auf Tische und Bänke kletterten. Der Herr Lehrer aber rannte hinaus, und flugs folgten ihm einige Buben. Draußen auf dem freien Platz vor dem Schulhaus stand die neue Feuerspritze, und mehrere Bauern arbeiteten aufgeregt an ihr herum. Aufgedreht war die Spritze, aber zudrehen konnte sie niemand, und da sie außerdem mit einem Rad in ein tiefes Loch geraten war, konnte sie nicht einmal zur Seite gefahren werden. -- Schiiih, schiiih, schoß das Wasser ins Schulzimmer hinein, und triefend, weinend und lachend, wie Fröschlein im Sumpfe hopsend, flohen die Schulkinder.

»Jetzt hab' ich's,« rief der dicke Bäckermeister und drehte mit einem Ruck die Spritze zu.

Und der Schulze, der vor Aufregung rot geworden war wie ein Ziegeldach, sagte: »Ach, ach, Herr Lehrer, mir scheint, 's ist Wasser ins Schulzimmer gekommen!«

»Na, mir scheint auch,« riefen der Schulrat und der Lehrer wie aus einem Munde; sie trieften alle beide, als hätten sie in einer Badewanne gelegen.

»Huhuhu, ich bin naß,« heulte Mariele, und »Huhuhu, ich auch, ich auch,« schrien einige andere Kinder.

»Geht doch nach Hause, Kinder,« rief der Herr Schulrat, »mit der Schule ist es jetzt doch nichts!«

Das war ein Wort! Einige Kinder quiekten vor Freude, und Buben und Mädel vergaßen auf einmal ihre nassen Kleider so vollständig, daß sie gar nicht daran dachten, nach Hause zu gehen. Wie eine Mauer standen sie um die neue Spritze herum, während der Schulrat und der Lehrer in das Haus gingen. Der Schulze ärgerte sich zwar sehr über das neugierige Kindervolk, aber was half es? Die Kinder waren da und blieben da, soviel er auch darüber brummte.

Die Schulstube sah aus wie ein See, einzelne Hefte, die bei der hastigen Flucht zu Boden gefallen waren, schwammen wie blaue Fische im Wasser. Ein Glück war es, wie Anton Friedlich sagte, daß das Wasser auch in die Nebenstube gelaufen war, es konnte auch darin am Nachmittag keine Stunde abgehalten werden. Also hatten die Oberheudorfer Kinder wieder einen schulfreien Tag, was sie ungemein vergnüglich fanden. Der Herr Schulrat war liebenswürdig genug, über die Spritzengeschichte mehr zu lachen als sich zu ärgern. Er blieb im Pfarrhause als Gast, und am nächsten Tag hielt er die Schulprüfung ab, die ohne jeden Zwischenfall verlief. Und um die Wahrheit zu sagen, die Kinder wußten mehr, als der Schulrat erwartet hatte. Schulzens Jakob behauptete zwar kühnlich, es gebe sieben Erdteile, und Bäckermeisters Mariele sagte, China sei eine Provinz von Deutschland, auch verwechselte sie die Mark Brandenburg mit Afrika, und Heine Peterle versicherte, 10 × 7 sei 90 und die Hälfte von 100 sei 200: na, aber das schadete weiter nichts, -- so etwas kann schon vorkommen.

Zwei Feinde.

In Oberheudorf gab es drei Buben, die alle drei den Namen Friede trugen. Sie waren ziemlich in einem Alter, und ihre Kameraden hatten ihnen, damit sie beim Spielen nicht verwechselt wurden, Spitznamen gegeben: den einen nannten sie den dicken Friede, den andern den blauen Friede und den dritten Traumfriede.

Der dicke Friede trug seinen Namen eigentlich mit Unrecht, denn so dick war er gar nicht. »Er kann's noch werden, weil er so viel ißt,« meinten aber die Oberheudorfer Kinder, und damit hatten sie freilich recht. Hungrig war der dicke Friede eigentlich immer, und er konnte zu jeder Tageszeit und Nachtzeit essen. Schlug er früh seine Augen auf, so schrie er schon: »Hab' ich mal 'nen Hunger!« und eine Viertelstunde nach dem Mittagbrot, bei dem er so lange aß, als noch etwas in der Schüssel war, pflegte er zu sagen: »Mir rumpelt's so im Magen, 's scheint, ich könnt' 'ne Schnitte essen!«

Es war ein Glück, daß er als eines wohlhabenden Bauern Sohn zur Welt gekommen war. In ein Häusel, in dem Schmalhans Küchenmeister war, hätte er schlecht gepaßt. Übrigens war der dicke Friede ein kreuzbraver Junge; er lernte fleißig und vertrug sich mit allen seinen Kameraden, nur mit seinem Namensvetter, dem blauen Friede, nicht.

Die Mutter vom blauen Friede hatte einmal ein graues Tuch blau färben wollen, und da sie eine Färberstochter war, wollte sie auch das Färben selbst besorgen. Die Botenmarie sollte ihr darum Farbe aus der Stadt mitbringen. Die Frau schrieb also auf einen Zettel: Ein viertel Pfund Farbe, und darunter: Zehn Pfund Zucker; sie wollte nämlich Kuchen backen. Aber die Botenmarie verwechselte beides miteinander und brachte zehn Pfund Farbe und ein viertel Pfund Zucker. Mit der Farbe hätte ganz Oberheudorf blau gefärbt werden können. Die Bäuerin war auch sehr böse, aber was half es, der Kaufmann in der Stadt nahm die Farbe nicht zurück, und seitdem färbte Friedes Mutter alles, was ihr unter die Finger kam, schön kornblumenblau. Der Mann, die Frau, die Kinder, ja auch die Knechte und Mägde gingen immer in blauen Sachen. Die Farbe mußte doch verbraucht werden! Friede wurde darum der blaue Friede genannt, und sein Vaterhaus hieß der blaue Hof.

Der dritte Friede war ein armer Waisenjunge. Er war beim Kohlbauern, der im ganzen Dorfe seiner Härte und seines Geizes wegen verrufen war, in Pflege. Gut ging es ihm im Hause seines Pflegevaters wirklich nicht; es gab viel Arbeit, Schelte und Schläge, aber wenig zu essen. Niemand kümmerte sich sonst um den Buben, der still und verschlossen seines Weges ging. Auch in der Schule blieb Friede immer einsam. Er hätte wohl manchmal gern mit den andern Kindern gespielt, aber er traute sich nicht heran, und wenn er wirklich einmal gerufen wurde, dann wich er aus, denn er schämte sich, weil er immer in Lumpen ging. Das Lernen wurde ihm leicht, und er lernte auch gern, aber er hatte nie Zeit, ordentlich seine Arbeiten zu machen, und galt darum in der Schule als faul. Oft war er in der Schule auch so müde von all der schweren Arbeit, die er bei seinem Pflegevater verrichten mußte, daß er schon etliche Male eingeschlafen war. Darum wurde er auch spottend Traumfriede genannt. Der Name paßte gut für ihn, denn der Bube träumte wirklich viel, aber nicht, wenn er im Bett lag und schlief, sondern am hellen Tage mit offenen Augen. Lichte, heitere Träume, die wie Märchen waren, kamen dann zu ihm und machten sein Leben froh, und leicht vergaß er, wenn er so träumte, sein hartes Los.

Mit Traumfriede gaben sich die beiden andern Friede so wenig ab wie die andern Kinder; sie sprachen nicht mit ihm und zankten nicht mit ihm, sondern ließen ihn seines Weges gehen. Schlimm aber war es zwischen dem dicken Friede und dem blauen Friede: die konnten einander nicht leiden. Warum, wußte niemand, und sie selbst wußten es am allerwenigsten. Doch sie waren wie Hund und Katze zusammen. Ging einer hier, so ging der andere da; lachte der eine, so brummte der andere, und wenn einer dem andern einen Schabernack spielen konnte, tat er es mehr als gern. Vielleicht konnten sie sich darum nicht leiden, weil sie immer zusammen genannt wurden. Zu ihrem größten Ärger saßen sie auch nebeneinander in der Schule; denn weil der dicke Friede fleißig war, lernte auch der blaue Friede eifrig, und so kam es, daß sie gleich gut standen.

Die andern Kinder neckten die beiden Friede: »Du, Dicker,« schrien sie, wenn der gerade sein Frühstück aß, »da kommt der Blaue,« und dem armen Dicken verging dann beinahe der Appetit.

Einmal war der dicke Friede auf einem Kirschbaum eingeschlafen, da holte Anton Friedlich den blauen Friede und sagte, Heine Peterle sitze oben, er möchte ihn herunterholen. Flugs kletterte der Blaue hinauf, und als er oben den Dicken sah, wurde er fuchswild. Der Dicke, der durch diesen unverhofften Besuch unsanft aus seinem Schlaf gerissen wurde, schrie: »Gleich gehst runter, marsch!«

»Nä, das fällt mir net ein!« trotzte der Blaue. »Das ist doch net dein Baum!«

»Aber ich war zuerst oben,« knurrte der Dicke.

»Nachher kannst ja auch zuerst runter,« gab sein Feind patzig zur Antwort.

So saßen sie eine Weile auf dem Baume und fauchten einander an wie zwei Katzen, und keiner wollte zuerst herunterklettern. Und unter dem Baum standen einige Buben und Mädel und riefen lachend: »Aber kommt doch nur! Komm, Blauer! Komm, Dicker!«

Die beiden Friede aber säßen wohl heute noch auf dem Baume, wenn die Schulglocke nicht geläutet hätte. Heidi, da fuhr ihnen der Schreck in die Glieder, und sie wollten beide zugleich hinunter. Darüber aber verloren sie das Gleichgewicht -- und plumpsten herab wie zwei reife Kirschen.

Schaden tat ihnen der Fall nichts, und in die Schule kamen sie auch noch zur rechten Zeit, aber so böse waren sie aufeinander, als hätte einer dem andern etwas ganz Schlimmes zugefügt.