Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten: Sechszehn heitere Erzählungen
Part 10
Die Kinder begegneten Friederike mit großem Respekt. Wenn sie die weiße Ziege auf der Dorfstraße trafen, sagten selbst die unnützesten Buben, wie zum Beispiel Anton Friedlich, sehr höflich: »Guten Tag, Friederike!« Friederike blieb nämlich nicht wie andere Ziegen daheim in ihrem Stall oder auf der Weide, sie liebte es vielmehr, im Dorf herumzuspazieren. Bald guckte sie in den Schulzenhof hinein, bald ging sie vor dem Wirtshaus auf und ab, als sollte sie Gäste erwarten. Als einmal die Frau Gräfin Dachhausen wieder im Frühling ihren ersten Besuch in Oberheudorf machte, war es Friederike, die den vornehmen Gast zuerst mit ihrem »Meckmeck, meckmeck« begrüßte.
Ja, Friederike war klug. Einmal saß Anton Friedlich allein in der Wohnstube seines Elternhauses und sollte seine Schularbeiten machen. Mehr als seine Rechenaufgabe aber gefielen ihm die großen Butterbirnen, die seine Mutter am Morgen vom Baum genommen hatte, und die sie nach der Stadt zum Verkauf schicken wollte. Er schielte eine Weile danach hin, seufzte, guckte wieder auf das Buch, dann wieder auf die Birnen, und endlich stand er auf und ging bis an den Korb heran. »Ach was,« dachte er leichtsinnig, »eine kann ich schon nehmen, die Mutter wird es gar nicht merken.« Schon streckte er die Hand aus, da hörte er plötzlich ein lautes »Meckmeck, meckmeck« erklingen. Erschrocken ließ er die Birne wieder in den Korb fallen und sah sich um: Friederike guckte zum offenen Fenster herein. Ordentlich böse sah sie aus, dachte Anton. »Meckmeck, meckmeck,« rief sie noch einmal drohend, dann spazierte sie weiter.
Anton Friedlich nahm keine Birne, ja er wagte nicht einmal mehr hinzusehen, sondern steckte eifrig die Nase in sein Buch und rechnete vor lauter Angst so gut, daß der Herr Lehrer ordentlich verwundert darüber war.
Wirklich, Friederike war ausnehmend klug. Als Bäckermeisters Mariele einmal an einem heißen Maitag im Garten Unkraut jäten sollte, da dachte der kleine Faulpelz: »Ach was, das Unkraut kommt noch früh genug heraus, ich lege mich hintern Gartenzaun auf die Wiese und schlafe ein bißchen.«
Hopla! wollte sie über den Zaun klettern, um ihren Vorsatz auszuführen, da stand aber plötzlich wie aus der Erde gewachsen Friederike vor ihr und sagte vorwurfsvoll: »Meckmeck, meckmeck!«
Mariele wurde feuerrot und rief ärgerlich: »Dumme Friederike, geh doch weg!«
Aber Friederike stellte sich breitbeinig an den Zaun und meckerte laut und zornig. Da schlich sich Mariele beschämt an das Schotenbeet und begann seufzend jedes Unkräutchen auszuziehen. Einigemal warf sie einen scheuen Blick nach dem Zaun, da stand Friederike immer noch und sagte jedesmal mahnend: »Meckmeck, meckmeck!« Und Mariele wagte es nicht, ihre Arbeit im Stich zu lassen, sondern jätete so fleißig wie noch nie.
Eines schönen Tages spazierte die brave, gebildete Friederike wieder im Dorf umher. Es war recht warm und sonnig, obgleich der September gerade dabei war, sich wieder einmal für ein Jahr aus dem Staube zu machen. Am Tag vorher war das Erntedankfest in Oberheudorf gewesen, bei dem es recht lustig zugegangen war. Alle Leute waren noch müde von dem Festtag, und so war es stiller als sonst im Dorf. Außer dem Gackern einiger Hühner hörte man kaum einen Laut. Bedachtsam wandelte Friederike ihres Weges. Das Hoftor des Wirtshauses stand weit offen, aber auf dem Hofe war kein Mensch zu sehen. Kastor, der Hüter des Hauses, blinzelte nur ein wenig, als Friederike den Hof betrat. Diese guckte in die Scheune, in den Stall, sah sich eine Weile tiefsinnig den Düngerhaufen an und wandelte dann um das Haus herum bis an die Tür, die in den Garten führte. Dort standen zwei leere Bierfässer und daneben in einer großen, braunen Schüssel abgestandenes Bier. Es waren Reste aus den Fässern, die für Hans Rumps aufgehoben wurden. Der Nachtwächter aß nämlich für sein Leben gern Biersuppe, und dazu, meinte er, sei das abgestandene Bier ganz gut, frisches Bier sei zu teuer.
»Was ist denn das?« dachte Friederike und sog den Bierdunst ein. Es ist nicht zu glauben, aber die tugendsame Friederike war so neugierig, daß sie an dem Bier zu lecken begann. Sie leckte erst zaghaft, dann immer mehr und mehr, denn sie hatte Durst, und das Bier schmeckte ihr vortrefflich. Hätte die Ziege gewußt, was für ein gefährliches Ding Bier ist, sie hätte sich wohl gehütet, davon zu trinken, aber Muhme Lenelis hatte nie Bier im Hause, woher sollte es Friederike da wohl kennen? Sie trank und trank, und auf einmal war die Schüssel leer. »Das hat gut geschmeckt!« dachte Friederike und trat den Rückweg an.
Aber was war denn das? Kastor sah die gebildete Friederike ganz erstaunt an: die hopste ja kreuz und quer, taumelte bald nach rechts, bald nach links, einmal stieß sie an die Pumpe an, einmal an das Scheunentor, und pardauz lag sie in einer großen Pfütze.
Es dauerte lange, bis Friederike wieder hoch kam. Endlich aber gelang es ihr, sich aufzuraffen, und sie wankte und schwankte nun zum Hoftor hinaus. Bald rechts, bald links an einen Baum oder einen Zaun anstoßend, geriet die Ziege auf ihrer seltsamen Wanderung an des blauen Friedes elterlichen Hof. Die Bäuerin hatte mal wieder gefärbt, und über den Zaun waren nasse Stoffstücke gehängt. Bums! torkelte Friederike daran. Der Stoff war naß und kühl, und der Ziege war es furchtbar heiß. Sie rieb sich also eine Weile an dem nassen Zeug und taumelte dann mit einem großen blitzblauen Fleck auf dem weißen Fell weiter.
Beim Schnipfelbauer lehnte an der Hausmauer ein schön rot und grün gestrichenes Blumenbrett, und die unglückselige Friederike, die gerade nach links schwankte, plumpste an das frisch gestrichene Brett. Nun hatte sie grüne und rote Streifen auf der andern Seite, und was sonst noch von ihrem weißen Fell übrig war, sah schmutzig aus.
Vor dem Schulzenhof stand Jakob mit Heine Peterle, Annchen Amsee und Röse.
»Seht doch mal, was kommt denn da?« rief Annchen plötzlich.
»Das ist 'ne Ziege,« brummte Jakob.
»Ja, aber wie sie aussieht!« schrie Annchen verwundert.
»Die ist ja blau!« rief Heine Peterle.
»Nein, grün!« -- »Nein, rot!« schrien Annchen und Jakob, die gerade die andere Seite erblickten.
Mit offenem Munde starrten die Kinder auf das seltsame Tier, das näher gewackelt kam und schauerliche, heisere Töne ausstieß.
»Das ist mir graulich,« quiekte Röse plötzlich und rannte in das Haus, um die Großmutter herbeizurufen.
Arm in Arm kamen gerade die einstigen Feinde, der blaue Friede und der dicke Friede, die Dorfstraße entlang. Beide blieben verdutzt stehen, als sie die Ziege erblickten. »Das ist ja eine Kasperleziege!« schrie der dicke Friede erstaunt.
»Ich hol' Schuster Pechdraht, der wird wissen, was das ist,« sagte Heine Peterle und lief in das Schusterhaus.
Es dauerte nicht lange, so verbreitete sich die Nachricht von dem schrecklichen Tier im ganzen Dorf, und natürlich kamen zu allererst sämtliche Kinder mit großem Geschrei an. Die Ziege lehnte mit verglasten Augen an einem Zaun und meckerte kläglich, und die Kinder standen alle um sie herum. Auf einmal rief Anton Friedlich: »Das ist doch Friederike! Ich kenn' sie doch am Halsband!«
»Friederike?« schrien die Kinder wie aus einem Munde. »Wirklich, es ist Friederike! Aber Friederike, was hast du denn gemacht?«
»Sie stirbt,« jammerten Röse und Annchen.
»Ihr wird schlecht,« murmelte der dicke Friede, und der blaue Friede und Schnipfelbauers Fritz liefen, was sie konnten, um Muhme Lenelis herbeizuholen.
Die alte Frau schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und die hellen Tränen rannen ihr über das gute Gesicht, als sie ihre Ziege in dem Zustand erblickte. »Sie ist krank, sie stirbt!« schluchzte sie.
»Sie hat sich vergiftet,« sagte der Schulze mit bedenklicher Miene, »sie sieht ja ganz blau aus.«
»Nein, grün und rot, wie mein Blumenbrett,« rief die Schnipfelbäuerin. »So was kommt doch nicht vom Vergiften.«
»Aber krank ist sie,« sagten alle, nur Mine, die Wirtsmagd, sagte plötzlich kichernd. »Ich glaube, sie ist betrunken. Ich habe gesehen, wie sie bei uns Bier gesoffen hat; wie ich dann nachsah, war die Schüssel leer.«
Betrunken? Friederike sollte betrunken sein?
Sprachlos sahen sich alle an, nur Schuster Pechdraht lachte und meinte. »Mine kann schon recht haben!«
Und sie hatte auch recht: die tugendhafte, kluge Friederike hatte sich wirklich betrunken. Sie wurde in den Stall getragen, und Muhme Lenelis legte ihr ein kaltes Tuch auf den Kopf. Und Friederike schlief ein und schlief vierundzwanzig Stunden lang. Immer wieder kamen die Kinder fragen. »Schläft sie noch?« und immer wieder antwortete dann Muhme Lenelis traurig »Ja, sie schläft noch.«
Anton Friedlich meinte: »Ich glaube, Muhme Lenelis, sie tut nur so, weil sie sich schämt!«
Es war wirklich eine schreckliche Geschichte. In Oberheudorf kannte man glücklicherweise keine betrunkenen Menschen, von einer betrunkenen Ziege aber hatte man noch nie etwas gehört. Jeder war entrüstet über Friederikes Benehmen, und die Kinder hatten allen Respekt verloren. Wenn sie Friederike mit ihren roten, blauen und grünen Flecken, die gar nicht abgehen wollten, sahen, lachten sie sie aus. Darüber kränkte sich Traumfriede sehr, und er sagte immer: »Friederike kann doch nichts dafür! Sie hat doch nicht gewußt, daß Bier so schlimm ist!«
»Aber sie hat genascht,« sagte Anton Friedlich und dachte dabei an die Butterbirnen.
Das war nun wahr, dafür mußte die arme Friederike jetzt ihre Strafe leiden. Die Kinder aber lachten nicht lange mehr, denn Friederike zeigte bald, daß sie wirklich gebildet war.
An einem Oktobertag nämlich lag der Knecht des Waldbauern auf dem Grasberg am Hause und schlief, statt im Stall nach dem Rechten zu sehen. Der Bauer war fortgegangen, und der Knecht dachte, wie auch oft faule Kinder denken: »Es sieht's ja niemand!«
Oben am Berg suchte Friederike einsam nach Gräsern, als sie den schlafenden Knecht erblickte. Sie kam näher, und plötzlich sprang sie ihm mit einem kühnen Sprung so heftig auf den Leib, daß der Knecht erwachte. »Wart, du abscheuliches Tier!« rief er empört und wollte die Ziege fangen, aber diese rannte eilig davon. Da der Knecht nun einmal munter war, ging er brummend auf den Hof. Da kam er aber gerade zur rechten Zeit, um ein braunes Tier im Hühnerstall verschwinden zu sehen -- es war ein Marder. Heisa, da rannte aber der Knecht, so schnell er konnte, dem gefährlichen Räuber nach und trieb ihn aus dem Hühnerstall heraus. Am nächsten Tag wurde der Marder dann in einer Falle gefangen.
»Potzwetter nochmal,« sagte der Knecht, »Friederike ist aber wirklich gebildet. Denn warum ist sie mir auf den Leib gesprungen? Doch nur, weil sie den Marder gesehen hatte.«
»Friederike ist wirklich sehr klug,« sagten auch alle Leute im Dorf. »Das mit dem Bier war eben mal ein dummer Streich, aber sonst ist sie doch anders als andere Ziegen!«
Seitdem hatten die Kinder wieder Respekt vor Friederike, die übrigens nie mehr eine Dummheit gemacht hat.
Das Ständchen.
Daß die Oberheudorfer Buben und Mädel den Herrn Lehrer manchmal weidlich ärgerten und ihm das Leben recht schwer machten, wird jeder glauben, der es hört. Jeder darf es aber auch getrost glauben, daß die Oberheudorfer Kinder ihren Lehrer herzlich lieb hatten, wenn es auch manchmal nicht sehr zu spüren war. Es kann wenigstens niemand denken, daß es Liebe ist, wenn die Buben während der Stunde mit Papierballen schnipsen oder sich unter dem Tische knuffen und puffen, oder wenn die Mädel schwatzen, als wären sie Gänslein, die auf der Weide herumspazieren. Für Liebe läßt es sich auch schwer halten, wenn die Kinder handgroße Kleckse in die Schreibhefte machen und für die Lesestunde ihre Rechenbücher mitbringen oder aus Versehen (so haben sie wenigstens gesagt) ihre Honigbrote verkehrt auf den Stuhl des Herrn Lehrers legen, daß der Honig auf dem Stuhl kleben bleibt und der Lehrer dann auch festklebt. Daß es gerade Liebe war, als Schnipfelbauers Fritz einen Kasten voll Maikäfer mitbrachte, die er in der Geographiestunde fliegen ließ, und Anton Friedlich eine Maus ins Pult steckte, die dem Herrn Lehrer beinahe an die Nase sprang, wird niemand denken. Und ähnliche Liebesbeweise gab es öfter in der Oberheudorfer Schule, und doch liebten die Buben und Mädel ihren Lehrer wirklich aufrichtig. Sagten die Niederheudorfer Kinder: »Unser Lehrer ist gut,« dann schrien die Oberheudorfer sicher, so laut sie konnten: »Unser Lehrer ist viel, viel besser!«
Der Herr Lehrer selbst war von dieser großen Liebe nicht sehr überzeugt, und als man ihm eines Tages eine Stelle in der Stadt anbot, sagte er, er wolle sich die Sache überlegen. Noch ehe er aber ja oder nein gesagt hatte, erfuhren die Oberheudorfer davon, und die Kinder erschraken heftig. Standen zwei in diesen Tagen zusammen, so sagten sie sicher zueinander: »Glaubst du, daß er geht?«
Es war so gerade um die Frühlingswende. Der Schnee begann Abschied von der Erde zu nehmen, und die Kinder, die im Winter sein Erscheinen mit Jubel begrüßt hatten, klagten: »Wenn er doch erst weg wäre!«
Friede Hopserling, der Müllerknecht, der noch immer Heine Peterles besonderer Freund war, stand auf dem Mühlenhof und strich den Mehlwagen von oben bis unten mit himmelblauer Farbe an. Heine Peterle, Schulzens Jakob und noch etliche andere Buben kamen gerade an der Mühle vorbei, und als sie Friede Hopserling sahen, liefen sie rasch auf ihn zu und begrüßten ihn sehr lebhaft und freudig.
»Hm,« sagte Friede Hopserling, der nicht gern viel sprach, aber gern Gesellschaft um sich hatte.
»Weißt du schon, Friede, daß der Herr Lehrer weggeht?« begann Schulzens Jakob die Unterhaltung.
»Nä!« sagte Friede und schwenkte eine Weile vor Erstaunen seinen Pinsel in der Luft herum. Beinahe wäre er Anton Friedlich damit ins Gesicht gefahren, der flüchtete aber gerade noch zur rechten Zeit.
»Du weißt das nicht?« rief Heine Peterle überrascht.
»Nä!« brummte Friede Hopserling und strich weiter.
»Er geht in die Stadt,« schrien die Buben auf einmal.
»Na so!« sagte Friede.
»Ja, in die Stadt,« klagte Heine Peterle. »Er soll doch lieber hierbleiben. Meinste nicht auch, Friede?«
»Nä!« brummte der.
»Na nu,« schrien sämtliche Buben überrascht, »warum denn nicht?«
Friede Hopserling grinste höhnisch und fuchtelte mit seinem Pinsel in der Luft herum. »Weil ihr nischt taugt, die Stadtkinder sind besser!«
»Pfui, Friede!« Ein Schrei der Empörung durchgellte die Luft. »Das ist frech!« schrie Anton Friedlich und schnappte vor Wut nach Luft wie ein Frosch, der Fliegen fangen will. Die andern echoten: »Ja, das ist frech!«
»Na so!« sagte der Knecht kaltblütig und strich weiter, auf seinem Gesicht aber lag ein verschmitztes Lachen, daß die Buben merkten, er habe sie nur zum besten gehabt.
»Pfui, Friede, das war schlecht!« sagte Heine Peterle, schon wieder versöhnt. »Sag doch, womit können wir dem Herrn Lehrer eine Freude machen? Weißt du, wenn er sich sehr freut, bleibt er vielleicht.«
»Aber 's darf nichts kosten,« rief Schnipfelbauers Fritz vorsichtig. Er besaß nämlich nur fünf Pfennig, und dafür wollte er sich beim Krämer einen Kreisel kaufen.
»Hm,« machte Friede Hopserling und versank in tiefes Nachdenken. Die Buben standen still und andächtig um ihn herum, denn wenn Friede nachdachte, durfte er nicht gestört werden, er konnte dann fuchswild werden.
»Bringt doch ein Ständchen!« sagte er nach einer Weile und sah sich stolz im Kreise um.
»'n Ständchen? Was ist denn das?« riefen alle Buben erstaunt.
»'n Ständchen,« sprach Friede Hopserling langsam und bedächtig, »das ist, nu das ist eben -- hm -- das ist -- ein Ständchen!«
Verdutzt sahen die Buben einander an. Recht verständlich war ihnen diese Erklärung nicht, und Schnipfelbauers Fritz rief naseweis wie immer: »Aber sag doch nur, was ist ein Ständchen?«
Friede Hopserling sah den Buben strafend an und erhob drohend seinen Pinsel. Da verkroch sich der Naseweis hinter Schulzens Jakob und hielt seinen Mund; wenn Friede ein solches Gesicht machte, war nicht gut Kirschen essen mit ihm.
»Hm, na so, ein Ständchen, hm, da wird Musik gemacht,« erklärte Friede Hopserling weiter. »Bei den Soldaten, da hab'n wir ein Ständchen gebracht, hm, ich hab' aber nur zugehört, unser Oberst wollte auch abgehen.«
»Ist er dann geblieben?« riefen drei Buben hoffnungsfreudig.
»Nä,« sagte Friede Hopserling etwas verwirrt, »hm, nu so, aber fein war's.«
Fein war's! Das Wort machte die Buben noch neugieriger, als sie ohnehin waren. Sie bettelten so lange, bis Friede Hopserling sich stöhnend zu einer näheren Erklärung entschloß. Ja, schließlich versprach er noch, er wolle die Leitung des Ganzen übernehmen. Sehr musikalisch waren die Oberheudorfer Buben gerade nicht, aber Anton Friedlich fragte doch, ob man nicht ein besonderes Stück spielen müsse.
»Nä,« sagte Friede gelassen, der von Musik so viel verstand wie ein Essenkehrer von der Feinplätterei. »'n Stück ist nicht nötig, nur recht laut muß es sein, und 'ne Trommel und 'ne Trompete gehören dazu, dann wird's fein.«
Schulzens Jakob besaß zwar eine Trommel, aber die hatte schon ein Loch, und die Trompete vom blauen Friede hatte das Mundstück verloren. Woher also die Instrumente nehmen?
Doch Friede Hopserling erwies sich als Retter. Sein Schwager in Niederheudorf besaß eine Trommel, die wollte er borgen, und der Oberheudorfer Küster hatte eine Trompete und ein Waldhorn.
»Das haben wir auch,« rief Heine Peterle.
»Na so,« sagte der Knecht, »zwei sind besser als eins! Kasper auf dem Berge hat 'ne Geige, die wird auch geholt, na, und wer nischt hat, der kann pfeifen oder singen.«
»Ich kann singen,« schrie der blaue Friede und stimmte mit krähender Stimme an: »Heil dir im Siegerkranz!«
Aber Anton Friedlich sagte noch einmal: »Wenn wir ein Stück hätten, wär's doch besser!«
»Nä,« schrie Friede Hopserling empört, und diesmal schwang er seinen Pinsel so heftig, daß Anton einen großen blauen Fleck auf die linke Backe bekam. »Wenn du's besser wissen willst, denn man los! Was ich weiß, weiß ich; beim Ständchen kommt's nur auf den Lärm an, nu so!«
Da wagte auch Anton keinen Widerspruch mehr und fügte sich in Friede Hopferlings Vorschlag »Sollen die Mädel mittun?« fragte Schulzens Jakob, der an seine Schwester dachte.
»Nä,« beschied der Müllersknecht, »Mädel haben bei so was nichts zu tun, die dürfen nur zuhören.«
»Das ist fein,« lobte Schnipfelbauers Fritz, »wir Buben machen's alleine!« Und dabei blieb es.
Von diesem Tage an flüsterten und wisperten die Oberheudorfer Buben zusammen, wo sie sich nur trafen. Begegneten sich zwei unversehens, dann rief der eine »traratrara«, und der andere antwortete »bumbum«, denn in Gedanken spielten sie schon die Instrumente, die Friede Hopserling ihnen zuerteilt hatte.
Schuster Pechdraht, der das Bumbum und Traratrara einmal hörte, sagte: »Da wird eine rechte Dummheit zusammengeschustert. Ich seh's den Buben an den Nasenspitzen an, daß sie was vorhaben!«
Es mußte auch jeder merken, daß sie ein Geheimnis hatten. Am allergeheimnisvollsten aber taten die Buben, wenn die Mädel in der Nähe waren. Da wisperten und tuschelten sie, pfiffen, summten und lachten. Sie zwinkerten sich zu und riefen laut und protzig: »Uh je, wird das fein werden!«
Fragte ein Mädelchen, was fein werden würde, dann lachten die Buben noch mehr und riefen alle zusammen: »St! St!« Das sollte Ständchen heißen, was die Mädel freilich nicht wissen konnten. Natürlich wurden diese ganz gewaltig neugierig, und sie gaben sich die größte Mühe, das sorgsam gehütete Geheimnis herauszubekommen. Doch alles Forschen und Fragen half nichts. Selbst Annchen Amsee, die sonst alles wußte und überall ihre kleine Nase hineinsteckte, konnte nichts erfahren. Sie wurde darüber so böse, daß sie ihren Freundinnen erklärte, sie würde nie wieder mit einem Buben sprechen. Eine halbe Stunde später aber schwatzte sie schon wieder mit Heine Peterle.
Es war an einem Märztage. Da sagte Muhme Lenelis: »Es riecht nach Frühling!« Sie guckte zu ihrem Fenster heraus und ließ sich behaglich den sanften warmen Wind um die Ohren wehen und dachte an Sommerwärme, Sonnenschein und blühende Gartenbeete. Der Schnipfelbauer dachte an seine neue Scheune, die er bauen lassen wollte; die Hausfrauen sprachen von dem großen Frühjahrsreinemachen; die Mädel überlegten, ob sie Schneeglöckchen suchen sollten, und die Buben -- ja, die waren an diesem warmen Märztage auf einmal spurlos verschwunden. Als hätte der Tauwind sie aufgeleckt, wie er es mit den letzten Schneefleckchen getan hatte, so unsichtbar waren sie geworden. Die Dorfstraße, die sonst von ihrem Geschrei widerhallte, war einsam und still, und Schuster Pechdraht schüttelte verwundert den Kopf: »Wo mögen sie nur sein?«
Die Mädel saßen allesamt im Schulzimmer. Sie hatten Handarbeitsstunde bei der Frau Lehrer, die es auf sich genommen hatte, ihnen das Nähen, Stricken und Sticken beizubringen. Sonst tobten um diese Zeit die Buben draußen gewaltig um das Schulhaus herum, und ihr lustiges Spiel entlockte den armen Mädeln manch tiefen Seufzer. Bäckermeisters Mariele, die ohnehin mit Nadel, Zwirn und Fingerhut auf Kriegsfuß stand, machte dann stets ellenlange Stiche, ihr riß der Faden, oder sie schnitt unversehens ein Loch in ihre Arbeit. Trotzdem heute nun kein Bube draußen lärmte, hatte Mariele doch wieder Pech mit ihrer Arbeit gehabt, sie hatte das Hemd, das sie nähte, unten zusammengenäht statt an der Seite, und die Frau Lehrer hielt ihr gerade eine Strafrede, als ein seltsam dumpfes, verworrenes Geräusch in das Schulzimmer hineindrang.
Alle horchten auf.
Die Mädel rückten ängstlich zusammen, und die Frau Lehrer machte ein nachdenkliches Gesicht. »Klingt das nicht wie Feuerlärm?« fragte sie plötzlich.
Ein wahres Zetergeschrei erhob sich. »Feuer, Feuer!« quietschten die Mädel, und einige kletterten gleich auf die Tische, als käme das Feuer schon zur Türe hereinspaziert und sagte guten Tag. Der Lärm hielt an, und die Frau Lehrer dachte voll Angst an ihre beiden kleinen Kinder, die sie unter der Obhut eines Dienstmädchens zurückgelassen hatte. »Wir wollen aufhören,« rief sie rasch. Im Nu waren alle Arbeiten in die Beutel versenkt, und die Mädel liefen schreiend auf die Straße: »Es brennt, es brennt!«
Die Erwachsenen hatten auch das Getöse gehört, und einer fragte den andern: »Wo brennt es denn?«
Der Schulze ließ eilfertig das Spritzenhaus aufschließen und rief: »Sagt nur, wo's raucht!«
Rauchen tat es aber eigentlich überall, es war gerade Zeit, den Nachmittagskaffee zu kochen, und so stieg beinahe aus jedem Schornstein lustig ein blaues Rauchwölkchen in die Luft.
»Wo brennt's denn nur?« schrie der Schulze aufgeregt. Da kam der Nachtwächter, der Feuerlärm blasen mußte, an und sagte ruhig: »'s brennt nirgends, und überhaupt hat Friede Hopserling mein Horn geholt, ich kann nicht blasen!«
»Dummkopf!« schrie der Schulze. »Aber sagt doch, woher kommt der Lärm?«
Alle lauschten. Immer fürchterlicher wurde das Getöse, aber wo es herkam, konnte niemand recht sagen, denn der Wind blies die Töne bald hierhin, bald dorthin.
»Ich denk', das ist gar Krieg, uh je, und nun ist mein Horn weg!« schrie der Nachtwächter Hans Rumps, der nicht gerade zu den klügsten Leuten gehörte, ratlos.
»Unsinn,« rief der Schulze, »das sind Zigeuner!«
»Ja, sicher sind's Zigeuner,« meinten alle und blieben stehen, um die Ankömmlinge zu erwarten. Aber niemand ließ sich blicken, die Hunde heulten, und das Getöse hielt an.
»Ich weiß, wo's lärmt,« schrie Annchen Amsee plötzlich, die atemlos angelaufen kam und ihre Schürze wie eine Siegesfahne schwenkte. »In des Müllers Scheune ist's, man hört es von draußen.«
Die Scheune des Müllers lag am Eingang des Dorfes; sie war alt und baufällig und sollte bald abgerissen werden. Dach und Gemäuer hatten so viele Löcher wie ein Schweizerkäse, sie wurde darum auch nicht benutzt. Je näher die Dorfbewohner der Scheune kamen, desto lauter wurde das Getöse. Zuletzt meinten alle, einen so erschrecklichen Lärm hätten sie noch nie gehört.