Novellenbuch, 1. Band

Part 1

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Hausbücherei

9

Hausbücherei

der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

9. Band

Hamburg-Großborstel

Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

1910

26.--35. Tausend

Novellenbuch

1. Band

Conrad Ferd. Meyer ▣ Friedr. Spielhagen Ernst v. Wildenbruch ▣ Detlev v. Liliencron

Hamburg-Großborstel

Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

1910

26.--35. Tausend

Inhaltsverzeichnis zu den übrigen Bänden des Novellenbuchs

Band 2 (Hausbücherei Band 10):

Dorfgeschichten

_Ernst Wichert_: Ewe. _Heinrich Sohnrey_: Lorenheinrich. _Wilhelm von Polenz_: Zittelgusts Anna. _Rudolf Greinz_: Simerls guter Tag.

Band 3 (Hausbücherei Band 14):

Geschichten aus deutscher Vorzeit

_Adolf Schmitthenner_: Tilly in Nöten. _J. J. David_: Frühschein. _Wilhelm Hauff_: Jud Süß.

Band 4 (Hausbücherei Band 15):

Seegeschichten

_Joachim Nettelbeck_: Schiffbruch. _Wilhelm Hauff_: Das Gespensterschiff. _Hans Hoffmann_: Die unversicherte Brigg. _Wilhelm Jensen_: An der See. _Wilhelm Poeck_: Dütsche Blaujacken vör de Takuforts. _Johannes Wilda_: Kapitän Karpfs Abenteuer in Haïti.

Band 5 (Hausbücherei Band 22):

Frauennovellen

_Clara Viebig_: Brennende Liebe. _Lulu von Strauß und Torney_: Um den Hof. _Lou Andreas-Salomé_: Eine Nacht. _Marthe Renate Fischer_: Auf dem Wege zum Paradies.

Band 6 (Hausbücherei Band 23):

Kindheitsgeschichten

_Adolf Schmitthenner_: Der Seehund. _Helene Aeckerle_: Ein Opfer. _Meinrad Lienert_: Das Gespenst. _Marga von Rentz_: Krokus. _Hans Land_: Die Büßerin. _Adolph Bayersdorfer_: Die Tintenhose. _Charlotte Niese_: Die Wiege. _Thomas Mann_: Die Tanzstunde.

Band 7 (Hausbücherei Band 24):

Kriegsgeschichten

_Carl Beyer_: Ein Kampf auf der Ostsee um das Jahr 1400. _Heinr. v. Kleist_: Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege. _W. von Conrady_: In Rußland 1812. _Max von La Roche_: Todesritt. _Detlev von Liliencron_: Portepeefähnrich Schadius. _Theodor Fontane_: Drei Kriegsgefangene.

Inhaltsverzeichnis

zum 1. Bande des _Novellenbuches_.

Seite

Vorwort zum Novellenbuch 6--7

Vorbemerkungen zum ersten Bande 8

_Meyer, Conrad Ferdinand_: Das Amulet 9--111

_Wildenbruch, Ernst von_: Archambauld 112--138

_Spielhagen, Friedrich_: Breite Schultern 139--172

_Liliencron, Detlev von_: Greggert Meinstorff 173--194

Vorwort

zum Novellenbuch.

Eine der schönsten Sammlungen der deutschen Literatur ist der »Deutsche Novellenschatz«, den Paul Heyse in Gemeinschaft mit Hermann Kurz in den Jahren 1871 bis 1876 herausgab. Die Sammlung fand so großen Beifall, daß dem »Deutschen Novellenschatz«, obwohl er 24 Bände umfaßte, 1884 und 1885 der »Neue Deutsche Novellenschatz« mit 12 Bänden, herausgegeben von Paul Heyse und Ludwig Laistner, folgen konnte. Beide Sammlungen hatten den Zweck, aus der überreichen Fülle guter Novellen, die das deutsche Schrifttum aufwies, die besten herauszusuchen und in billigen Bänden einem größeren Leserkreise darzubieten.

Seit der Herausgabe der letzten Sammlung sind zwei Jahrzehnte verflossen, und die deutsche Literatur hat sich während dieser Zeit kraftvoll weiter entwickelt. Kein Wunder daher, daß heute vielfach das Bedürfnis empfunden wird, sich in eine ähnliche Bändereihe zu vertiefen, die die besten Novellen der letzten zwanzig Jahre vereinigen müßte. Die Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung will versuchen, eine solche Sammlung herauszugeben, in der Hoffnung, dem von ihr erstrebten Ziel dadurch abermals näher zu kommen: unseren Dichtern durch Verbreitung ihrer Werke ein Denkmal im Herzen des deutschen Volkes zu setzen.

Strenge Beschränkung auf Erscheinungen der letzten zwanzig Jahre liegt übrigens nicht in ihrer Absicht. Auch Novellen aus früheren Jahren gedenkt sie in die Sammlung aufzunehmen, wenn sie dessen würdig erscheinen.

Hamburg-Großborstel, 1. Oktober 1904.

_Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung._

Vorbemerkungen

zum ersten Bande

Die Novelle »Das Amulet« von Conrad Ferdinand Meyer ist mit freundlicher Erlaubnis der Erben des Verfassers und der Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus dem 1. Bande von Conrad Ferdinand Meyers »Novellen« (Leipzig: H. Haessel, 24. Auflage 1902).

Für die Abdruckserlaubnis von »Archambauld« schulden wir Herrn Ernst von Wildenbruch Dank.

Die Spielhagensche Novelle »Breite Schultern« ist mit gütiger Erlaubnis des Verfassers und der Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus Friedrich Spielhagens »Sämtlichen Romanen« Bd. 17 (~Quisisana~, Erzählungen) (Leipzig: L. Staackmann, 1904).

»Greggert Meinstorff« von Detlev von Liliencron endlich ist mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers und der Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus Detlev von Liliencrons »Sämtlichen Werken« Band 2 (Aus Marsch und Geest) (Berlin-Leipzig: Schuster & Löffler, 2. Auflage 1904).

Conrad Ferdinand Meyer:

Das Amulet.

Conrad Ferdinand Meyer wurde am 11. Oktober 1825 in Zürich geboren und starb in Kilchberg bei Zürich am 28. November 1898.

In der französischen Schweiz, im Juragebiet hat er einen großen Teil seiner Jugend verlebt, hat er wohl die frischesten und stärksten Eindrücke seiner Jugendzeit empfangen und ist er mit französischer Sprache und Literatur besonders vertraut geworden. Auch hat er 1857 eine Reise nach Paris gemacht, und nachdem ihm das Studium der Rechte, das er in Zürich betrieb, wenig Freude gemacht, hat er viele Jahre hindurch auf eigene Hand Geschichte studiert. Auf diesen Wegen hat er wohl auch das Material und die Anregung zu seiner herrlichen Novelle »Das Amulet« gefunden.

Die Kunstgesetzgeber verlangen von dem eigentlichen Epiker oder Erzähler, daß er objektiv verfahre, d. h., daß er niemals seine eigenen Gedanken und Gefühle in die Erzählung mische, sondern nur die Erlebnisse, Meinungen, Empfindungen und Handlungen seiner Gestalten darstelle. Ob diese Forderung immer berechtigt ist, soll hier nicht untersucht werden; es soll nur gesagt werden, daß Meyer sie in höchstem Maße erfüllt -- in so hohem Maße, daß man zuweilen glauben könnte, er fühle überhaupt nicht mit seinen Gestalten, sondern stehe ihnen und ihren Schicksalen kalt gegenüber. So hat man denn auch wohl bei gewissen Novellen und Gedichten Meyers von »Marmorkälte« gesprochen. Vielleicht aber handelt es sich um ein Gefühl, das nur dem oberflächlichen Sinne nicht gleich bemerkbar wird, und aus vielen seiner Gedichte und Novellen, so auch aus dem »Amulet«, schlagen jedenfalls die Flammen des Mitgefühls hell und heiß genug heraus. Dazu aber zeigt der große Schweizer bei aller Kraft des Gefühls die männlich-ruhige Hand des Bildners; wenn man seine Novellen liest, sieht man unwillkürlich Bild um Bild -- ja, oft wirkt eine ganze Novelle wie ein großes, einheitliches, in tiefen Farben leuchtendes Gemälde. Berühmt ist die Meyersche Kunst in der klaren und scharfen Charakteristik historischer Personen; so ist in der hier vorliegenden Novelle die kurze Schilderung Karls IX. während seines Besuches bei Coligny ein bewundernswertes Stück, und mit nicht geringerer Lebendigkeit treten der Herzog von Anjou, Katharina von Medici, Coligny, der berühmte Denker Michel Montaigne, der böhmische Fechtmeister, der liebenswürdig abergläubische Boccard und der Held der Novelle aus dem düstern Hintergrunde der Zeit hervor. Aber nicht nur im einzelnen waltet die Kunst des Dichters, auch die Gesamtstimmung: der Blutdunst und der meuchlerische Lärm der Bartholomäusnacht wie die unheilvolle Schwüle, die ihr voraufgeht, sind mit wunderbarer Sicherheit festgehalten. Der Leser, der die düster-prächtige Ballade Meyers »Die Füße im Feuer« kennt, wird bekannte Farben und Lichter wiederfinden.

O. E.

Das Amulet.

Erstes Kapitel.

Heute am 14. März 1611 ritt ich von meinem Sitze am Bielersee hinüber nach Courtion zu dem alten Boccard, den Handel um eine mir gehörige mit Eichen und Buchen bestandene Halde in der Nähe von Münchweiler abzuschließen, der sich schon eine Weile hingezogen hatte. Der alte Herr bemühte sich in langwierigem Briefwechsel um eine Preiserniedrigung. Gegen den Wert des fraglichen Waldstreifens konnte kein ernstlicher Widerspruch erhoben werden, doch der Greis schien es für seine Pflicht zu halten, mir noch etwas abzumarkten. Da ich indessen guten Grund hatte, ihm alles Liebe zu erweisen, und überdies Geldes benötigt war, um meinem Sohn, der im Dienste der Generalstaaten steht und mit einer blonden runden Holländerin verlobt ist, die erste Einrichtung seines Hausstandes zu erleichtern, entschloß ich mich, ihm nachzugeben und den Handel rasch zu beendigen.

Ich fand ihn auf seinem altertümlichen Sitze einsam und in vernachlässigtem Zustande. Sein graues Haar hing ihm unordentlich in die Stirn und hinunter auf den Nacken. Als er meine Bereitwilligkeit vernahm, blitzten seine erloschenen Augen auf bei der freudigen Nachricht. Rafft und sammelt er doch in seinen alten Tagen, uneingedenk daß sein Stamm mit ihm verdorren und er seine Habe lachenden Erben lassen wird.

Er führte mich in ein kleines Turmzimmer, wo er in einem wurmstichigen Schranke seine Schriften verwahrt, hieß mich Platz nehmen und bat mich, den Kontrakt schriftlich aufzusetzen. Ich hatte meine kurze Arbeit beendigt und wandte mich zu dem Alten um, der unterdessen in den Schubladen gekramt hatte, nach seinem Siegel suchend, das er verlegt zu haben schien. Wie ich ihn alles hastig durcheinanderwerfen sah, erhob ich mich unwillkürlich, als müßt' ich ihm helfen. Er hatte eben wie in fieberhafter Eile ein geheimes Schubfach geöffnet, als ich hinter ihn trat, einen Blick hineinwarf und -- tief aufseufzte.

In dem Fache lagen neben einander zwei seltsame, beide mir nur zu wohl bekannte Gegenstände: ein durchlöcherter Filzhut, den einst eine Kugel durchbohrt hatte, und ein großes rundes Medaillon von Silber mit dem Bilde der Muttergottes von Einsiedeln in getriebener, ziemlich roher Arbeit.

Der Alte kehrte sich um, als wollte er meinen Seufzer beantworten, und sagte in weinerlichem Tone:

»Jawohl, Herr Schadau, mich hat die Dame von Einsiedeln noch behüten dürfen zu Haus und im Felde; aber seit die Ketzerei in die Welt gekommen ist und auch unsre Schweiz verwüstet hat, ist die Macht der guten Dame erloschen, selbst für die Rechtgläubigen! Das hat sich an Wilhelm gezeigt -- meinem lieben Jungen.« Und eine Träne quoll unter seinen grauen Wimpern hervor.

Mir war bei diesem Auftritte weh ums Herz und ich richtete an den Alten ein paar tröstende Worte über den Verlust seines Sohnes, der mein Altersgenosse gewesen und an meiner Seite tödlich getroffen worden war. Doch meine Rede schien ihn zu verstimmen, oder er überhörte sie, denn er kam hastig wieder auf unser Geschäft zu reden, suchte von neuem nach dem Siegel, fand es endlich, bekräftigte die Urkunde und entließ mich dann bald ohne sonderliche Höflichkeit.

Ich ritt heim. Wie ich in der Dämmerung meines Weges trabte, stiegen mit den Düften der Frühlingserde die Bilder der Vergangenheit vor mir auf mit einer so drängenden Gewalt, in einer solchen Frische, in so scharfen und einschneidenden Zügen, daß sie mich peinigten.

Das Schicksal Wilhelm Boccards war mit dem meinigen aufs engste verflochten, zuerst auf eine freundliche, dann auf eine fast schreckliche Weise. Ich habe ihn in den Tod gezogen. Und doch, so sehr mich dies drückt, kann ich es nicht bereuen und müßte wohl heute im gleichen Falle wieder so handeln, wie ich es mit zwanzig Jahren tat. Immerhin setzte mir die Erinnerung der alten Dinge so zu, daß ich mit mir einig wurde, den ganzen Verlauf dieser wundersamen Geschichte schriftlich niederzulegen und so mein Gemüt zu erleichtern.

Zweites Kapitel.

Ich bin im Jahre 1553 geboren und habe meinen Vater nicht gekannt, der wenige Jahre später auf den Wällen von St. Quentin fiel. Ursprünglich ein thüringisches Geschlecht, hatten meine Vorfahren von jeher in Kriegsdienst gestanden und waren manchem Kriegsherrn gefolgt. Mein Vater hatte sich besonders dem Herzog Ulrich von Würtemberg verpflichtet, der ihm für treu geleistete Dienste ein Amt in seiner Grafschaft Mümpelgard anvertraute und eine Heirat mit einem Fräulein von Bern vermittelte, deren Ahn einst sein Gastfreund gewesen war, als Ulrich sich landesflüchtig in der Schweiz umtrieb. Es duldete meinen Vater jedoch nicht lange auf diesem ruhigen Posten, er nahm Dienst in Frankreich, das damals die Picardie gegen England und Spanien verteidigen mußte. Dies war sein letzter Feldzug.

Meine Mutter folgte dem Vater nach kurzer Frist ins Grab, und ich wurde von einem mütterlichen Ohm aufgenommen, der seinen Sitz am Bielersee hatte und eine feine, eigentümliche Erscheinung war. Er mischte sich wenig in die öffentlichen Angelegenheiten, ja er verdankte es eigentlich nur seinem in die Jahrbücher von Bern glänzend eingetragenen Namen, daß er überhaupt auf Bernerboden geduldet wurde. Er gab sich nämlich von Jugend auf viel mit Bibelerklärung ab, in jener Zeit religiöser Erschütterung nichts Ungewöhnliches; aber er hatte, und das war das Ungewöhnliche, aus manchen Stellen des heiligen Buches, besonders aus der Offenbarung Johannis, die Überzeugung geschöpft, daß es mit der Welt zu Ende gehe und es deshalb nicht rätlich und ein eitles Werk sei, am Vorabend dieser durchgreifenden Krise eine neue Kirche zu gründen, weswegen er sich des ihm zuständigen Sitzes im Münster zu Bern beharrlich und grundsätzlich entschlug. Wie gesagt, nur seine Verborgenheit schützte ihn vor dem gestrengen Arm des geistlichen Regimentes.

Unter den Augen dieses harmlosen und liebenswürdigen Mannes wuchs ich -- wo nicht ohne Zucht, doch ohne Rute -- in ländlicher Freiheit auf. Mein Umgang waren die Bauernjungen des benachbarten Dorfes und dessen Pfarrer, ein strenger Calvinist, durch den mich mein Ohm mit Selbstverleugnung in der Landesreligion unterrichten ließ.

Die zwei Pfleger meiner Jugend stimmten in manchen Punkten nicht zusammen. Während der Theologe mit seinem Meister Calvin die Ewigkeit der Höllenstrafen als das unentbehrliche Fundament der Gottesfurcht ansah, getröstete sich der Laie der einstigen Versöhnung und fröhlichen Wiederbringung aller Dinge. Meine Denkkraft übte sich mit Genuß an der herben Konsequenz der calvinischen Lehre und bemächtigte sich ihrer, ohne eine Masche des festen Netzes fallen zu lassen; aber mein Herz gehörte sonder Vorbehalt dem Oheim. Seine Zukunftsbilder beschäftigten mich wenig, nur einmal gelang es ihm, mich zu verblüffen. Ich nährte seit langem den Wunsch, einen wilden jungen Hengst, den ich in Biel gesehen, einen prächtigen Falben, zu besitzen, und näherte mich mit diesem großen Anliegen auf der Zunge eines Morgens meinem in ein Buch vertieften Oheim, eine Weigerung befürchtend, nicht wegen des hohen Preises, wohl aber der landeskundigen Wildheit des Tieres, das ich zu schulen wünschte. Kaum hatte ich den Mund geöffnet, als er mit seinen leuchtend blauen Augen mich scharf betrachtete und mich feierlich anredete: »Weißt du, Hans, was das fahle Pferd bedeutet, auf dem der Tod sitzt?« --

Ich verstummte vor Erstaunen über die Sehergabe meines Oheims; aber ein Blick in das vor ihm aufgeschlagene Buch belehrte mich, daß er nicht von meinem Falben, sondern von einem der vier apokalyptischen Reiter sprach.

Der gelehrte Pfarrer unterwies mich zugleich in der Mathematik und sogar in den Anfängen der Kriegswissenschaft, soweit sie sich aus den bekannten Handbüchern schöpfen läßt; denn er war in seiner Jugend als Student in Genf mit auf die Wälle und ins Feld gezogen.

Es war eine ausgemachte Sache, daß ich mit meinem siebzehnten Jahre in Kriegsdienste zu treten habe; auch das war für mich keine Frage, unter welchem Feldherrn ich meine ersten Waffenjahre verbringen würde. Der Name des großen Coligny erfüllte damals die ganze Welt. Nicht seine Siege, deren hatte er keinen erfochten, sondern seine Niederlagen, welchen er durch Feldherrnkunst und Charaktergröße den Wert von Siegen zu geben wußte, hatten ihn aus allen lebenden Feldherrn hervorgehoben, wenn man ihm nicht den spanischen Alba an die Seite setzen wollte; diesen aber haßte ich wie die Hölle. Nicht nur war mein tapferer Vater treu und trotzig zum protestantischen Glauben gestanden, nicht nur hatte mein bibelkundiger Ohm vom Papsttum einen übeln Begriff und meinte, es in der Babylonierin der Offenbarung vorgebildet zu sehen, sondern ich selbst fing an, mit warmem Herzen Partei zu nehmen. Hatte ich doch schon als Knabe mich in die protestantische Heerschar eingereiht, als es im Jahre 1567 galt, die Waffen zu ergreifen, um Genf gegen einen Handstreich Alba's zu sichern, der sich aus Italien längs der Schweizergrenze nach den Niederlanden durchwand. Den Jüngling litt es kaum mehr in der Einsamkeit von Chaumont, so hieß der Sitz meines Oheims.

Im Jahre 1570 gab das Pazifikationsedikt von St. Germain en Laye den Hugenotten in Frankreich Zutritt zu allen Ämtern, und Coligny, nach Paris gerufen, beriet mit dem König, dessen Herz er, wie die Rede ging, vollständig gewonnen hatte, den Plan eines Feldzugs gegen Alba zur Befreiung der Niederlande. Ungeduldig erwartete ich die jahrelang sich verzögernde Kriegserklärung, die mich zu Coligny's Scharen rufen sollte; denn seine Reiterei bestand von jeher aus Deutschen, und der Name meines Vaters mußte ihm aus frühern Zeiten bekannt sein.

Aber diese Kriegserklärung wollte noch immer nicht kommen, und zwei ärgerliche Erlebnisse sollten mir die letzten Tage in der Heimat verbittern.

Als ich eines Abends im Mai mit meinem Ohm unter der blühenden Hoflinde das Vesperbrod verzehrte, erschien vor uns in ziemlich kriechender Haltung und schäbiger Kleidung ein Fremder, dessen unruhige Augen und gemeine Züge auf mich einen unangenehmen Eindruck machten. Er empfahl sich der gnädigen Herrschaft als Stallmeister, was in unsern Verhältnissen nichts andres als Reitknecht bedeutete, und schon war ich im Begriff, ihn kurz abzuweisen, denn mein Ohm hatte ihm bis jetzt keine Aufmerksamkeit geschenkt, als der Fremdling mir alle seine Kenntnisse und Fertigkeiten herzuzählen begann.

»Ich führe die Stoßklinge,« sagte er, »wie Wenige, und kenne die hohe Fechtschule aus dem Fundament.«

Bei meiner Entfernung von jedem städtischen Fechtboden empfand ich gerade diese Lücke meiner Ausbildung schmerzlich und trotz meiner instinktiven Abneigung gegen den Ankömmling ergriff ich die Gelegenheit ohne Bedenken, zog den Fremden in meine Fechtkammer und gab ihm eine Klinge in die Hand, mit welcher er die meinige so vortrefflich meisterte, daß ich sogleich mit ihm abmachte und ihn in unsre Dienste nahm.

Dem Ohm stellte ich vor, wie günstig die Gelegenheit sei, noch im letzten Augenblick vor der Abreise den Schatz meiner ritterlichen Kenntnisse zu bereichern.

Von nun an brachte ich mit dem Fremden -- er bekannte sich zu böhmischer Abkunft -- Abend um Abend oft bis zu später Stunde in der Waffenkammer zu, die ich mit zwei Mauerlampen möglichst erleuchtete. Leicht erlernte ich Stoß, Parade, Finte, und bald führte ich, theoretisch vollkommen fest, die ganze Schule richtig und zur Befriedigung meines Lehrers durch; dennoch brachte ich diesen in helle Verzweiflung dadurch, daß es mir unmöglich war, eine gewisse angeborene Gelassenheit los zu werden, welche er Langsamkeit schalt und mit seiner blitzschnell zuckenden Klinge spielend besiegte.

Um mir das mangelnde Feuer zu geben, verfiel er auf ein seltsames Mittel. Er nähte sich auf sein Fechtwams ein Herz von rotem Leder, das die Stelle des pochenden anzeigte, und auf welches er im Fechten mit der Linken höhnisch und herausfordernd hinwies. Dazu stieß er mannigfache Kriegsrufe aus, am häufigsten: »Alba hoch! -- Tod den niederländischen Rebellen!« -- oder auch: »Tod dem Ketzer Coligny! An den Galgen mit ihm!« --

Obwohl mich diese Rufe im Innersten empörten und mir den Menschen noch widerlicher machten, als er mir ohnehin war, gelang es mir nicht, mein Tempo zu beschleunigen, da ich schon als pflichtschuldig Lernender ein Maß von Behendigkeit aufgewendet hatte, das sich nun einmal nicht überschreiten ließ. Eines Abends, als der Böhme gerade ein fürchterliches Geschrei anhob, trat mein Oheim besorgt durch die Seitentüre ein, zu sehen, was es gäbe, zog sich aber entsetzt zurück, da er meinen Gegner mit dem Ausruf: »Tod den Hugenotten« mir einen derben Stoß mitten auf die Brust versetzen sah, der mich, galt es Ernst, durchbohrt hätte.

Am nächsten Morgen, als wir unter unsrer Linde frühstückten, hatte der Ohm etwas auf dem Herzen, und ich denke, es war der Wunsch, sich des unheimlichen Hausgenossen zu entledigen, als von dem Bieler Stadtboten ein Schreiben mit einem großen Amtssiegel überbracht wurde. Der Ohm öffnete es, runzelte im Lesen die Stirn und reichte es mir mit den Worten: »Da haben wir die Bescherung! -- Lies, Hans, und dann wollen wir beraten, was zu tun sei.«

Da stand nun zu lesen, daß ein Böhme, der sich vor einiger Zeit in Stuttgart als Fechtmeister niedergelassen, sein Weib, eine geborene Schwäbin, aus Eifersucht meuchlerisch erstochen; daß man in Erfahrung gebracht, der Täter habe sich nach der Schweiz geschlagen, ja, daß man ihn, oder jemand, der ihm zum Verwechseln gleiche, im Dienste des Herrn zu Chaumont wolle gesehen haben; daß man diesen, dem in Erinnerung des seligen Schadau, seines Schwagers, der Herzog Christoph sonderlich gewogen sei, dringend ersuche, den Verdächtigen zu verhaften, selbst ein erstes Verhör vorzunehmen und bei bestätigtem Verdachte den Schuldigen an die Grenze liefern zu lassen. Unterzeichnet und besiegelt war das Schreiben von dem herzoglichen Amte in Stuttgart.

Während ich das Aktenstück las, blickte ich nachdenkend einmal darüber hinweg nach der Kammer des Böhmen, die sich, im Giebel des Schlosses gelegen, mit dem Auge leicht erreichen ließ, und sah ihn am Fenster beschäftigt, eine Klinge zu putzen. Entschlossen, den Übeltäter festzunehmen und der Gerechtigkeit zu überliefern, erhob ich doch unwillkürlich das Schreiben in der Weise, daß ihm das große, rote Siegel, wenn er gerade herunter lauerte, sichtbar wurde -- seinem Schicksal eine kleine Frist gebend, ihn zu retten.

Dann erwog ich mit meinem Ohm die Festnehmung und den Transport des Schuldigen; denn daß er dieses war, daran zweifelten wir beide keinen Augenblick.

Hierauf stiegen wir, jeder ein Pistol in der Hand, auf die Kammer des Böhmen. Sie war leer; aber durch das offene Fenster über die Bäume des Hofes weg -- weit in der Ferne, wo sich der Weg um den Hügel wendet, sahn wir einen Reiter gallopieren, und jetzt beim Hinuntersteigen trat uns der Bote von Biel, der das Schreiben überbracht hatte, jammernd entgegen, er suche vergeblich sein Roß, welches er am hintern Hoftor angebunden, während ihm selbst in der Küche ein Trunk gereicht wurde.

Zu dieser leidigen Geschichte, die im Land viel Aufsehn erregte und im Mund der Leute eine abenteuerliche Gestalt gewann, kam noch ein anderer Unfall, der machte, daß meines Bleibens daheim nicht länger sein konnte.