Norby: Eine dramatische Dichtung

Part 5

Chapter 5810 wordsPublic domain

Nahm mich die alte Kirche freundlich auf? War ich ihr Kind noch, daß sie mich empfängt? Oh, welche Macht hat mich hierher gelenkt, die mich zuletzt in diesen Frieden drängt, als sei er noch mein Erbteil und mein Dank. Hast du dein Kind zurückgerettet, du trüber Geist, den ich mit Inbrunst haßte, daß nun dein Sinken spät noch die erblaßte und kalte Stirn in seinen Schatten bettet? Daß mir im Licht der neuen Lebensmacht der Wert der alten mütterlich erglänze, daß so die Zukunft die verwehten Kränze des alten Ruhms dem neuen würdig macht? Denn nur aus alter Wahrheit blüht die neue! Erlöser, gib, daß ich sie sterbend schau, und daß im Scheiden die verirrte Treue sehend dem neuen Licht vertrau.

=Naemi=

Oh sieh mich an! Bin ich dir nichts? Wem gilt das Leuchten deines Angesichts?

=Arne=

zu Christus empor

Ich haßte, was dein lichtes Bild entstellt, und haßte, die dein Erbe frech entweihten, der du, geneigt, den reinen Sinn der Welt geläutert hast im Licht der Ewigkeiten. Gekreuzigter, wer krönte dein Erblassen? Was sah dein Auge, als es einsam brach? Was litt dein Herz, als deine Lippe sprach: Warum dich Gottes Herrlichkeit verlassen? Sei mir geneigt, du, dessen Kraft besteht, in dessen Wahrheit endlich doch vergeht, was unsre Armut deinem Wert genommen. Wenn auch mein armes Lebenswerk verweht, ist doch dein Reich in mir gekommen. Du weißt, es gibt kein andres Gericht in der Welt als das Licht.

Zusammensinkend

Dem ich mich nun erst ganz vertrau, da ich es leiblich nicht mehr schau.

=Stimmen=, Lärm und stürmisches Pochen gegen die Tür der Kirche.

=Naemi=

Da kommt der Tod, den ich geweckt! Sie stürmen die Kirche, wir sind entdeckt. Ach, könntest du mich einmal noch erkennen, daß mich ein letzter guter Blick versteht. Dein Auge bricht, und deine Lippen brennen, derweil dein Leib vor Durst vergeht.

Das Kirchentor kracht unter dem Ansturm der Burschen.

Dein Blick erlischt. Oh, sieh mich an. Oh, sprich ein Wort. Beweg die Hand!

Sie entdeckt auf dem Altar den Kelch, hebt ihn herunter und setzt ihn dem Sterbenden an die Lippen.

Das ist das Letzte, was ich geben kann.

=Die Stimme Holgers=

von draußen

Stoß zu! Verflucht sei jede Hand, die nicht mit ganzem Willen schändet! Stoß zu! Solang der Satan nicht verendet, hält keiner unserm Ansturm stand.

=Eine schreiende Frauenstimme=

Errette deine Kirche, Jesus Christ!

=Eine zweite=

Die ganze Hölle ist zu Mord erwacht!

=Eine dritte=

Helft, helft, mein Sohn verblutet sich zu Tod!

=Eine Männerstimme=

dazwischen

Durch Blut wird mehr gereinigt als befleckt. Hol ihn der Teufel, wenn dein Sohn verreckt!

Die Kirchentür kracht zusammen. =Holger= tritt auf, gefolgt von den =Burschen=.

=Holger=

im Ansturm

Daß dein verfluchtes Leben endlich ende!

Er prallt entsetzt zurück, als er =Naemi= erblickt, den Kelch in ihrer Hand und den sterbenden Pfarrer am Altar im Licht der Morgensonne, das durch die zerschlagene Tür fällt. Hinter ihm sammeln sich, gehemmt durch ihn, die verwilderten und blutenden Gestalten der Burschen. Männer und Frauen drängen nach. Lärm und Rufe verstummen.

=Arne=

aufgerichtet

Ein neuer Morgen wird sein Licht auf fernes Blühn der Berge tun und über mein Gesicht ... Herr Christ, laß dein lebendig Blut auch über mein vergänglich Gut hinfließen. Laß mich ruhn.

Er stirbt.

=Holger=

langsam vordringend, zu =Naemi=, die sich schützend vor die Leiche des Pfarrers stellt

Ist das der Sinn, um den ich rang und litt? Ist das der Lohn, um den ich redlich stritt? So sei durch mich der Frevelmut gesühnt, zu dem dein Schmerz der Liebe sich erkühnt. War ich ein Tier, ein Narr, ein Ungeweihter, daß du mein Glühn mit dieser Schmach bedankst? So freß die Glut, an der du Dirne krankst, in alle Ewigkeiten an dir weiter!

=Holger= ersticht =Naemi=.

=Naemi=

Was ich dir antat, mußt ich tun ... Laßt mich an seinem Herzen ruhn.

Sie sinkt über die Leiche =Arnes= und stirbt.

Der =Amtmann=, der =Küster= treten auf, hinter den Säulen hervor.

=Der Amtmann=

zu den Burschen, auf =Holger= weisend

Er ist der Mörder. Haltet ihn! Im Namen des Gesetzes bindet ihn.

=Der Küster=

Wagt ihr zu trotzen, wo der Herr gerichtet!?

=Der Amtmann=

Hier hat ein schändlich Dunkel sich gelichtet. Gerecht und ernsthaft fügte das Geschick zu grausem Zeichen, euch, den arg Betörten, ein rasches Ende. Ungeweihtes Glück und Schmach der Sünde fällten die Zerstörten.

=Holger=

Tu deine Pflicht, doch schweige, närrischer Held, vor diesem Schauspiel unerhörter Leiden. Vernichte mich, den Mörder dieser Beiden, nach nützlicher Gerechtigkeit der Welt. Doch schweigen, schweigen soll das arme Recht der Lebenden, vor solcher Pflicht zum Sterben. Nur das Erbarmen reicht an ihren Thron. Erbarm auch meiner dich, o Gottes Sohn, laß meine arme Seele nicht verderben.

=Der Amtmann=

Hinaus mit ihm, in Kerkerhaft und Ketten!

Die Burschen dringen auf =Holger= ein.

=Holger=

Tut, was euch hilft. Ich habe nichts zu retten.

Ende

Anmerkungen zur Transkription

Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, nur offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.