Norby: Eine dramatische Dichtung

Part 4

Chapter 43,609 wordsPublic domain

Die hat sich leicht zurechtgefunden und Gut und Böse überwunden, das gilt als stark in meiner Zeit. Darüber bleibt Unschuld mit Ewigkeit doch unzertrennbar verbunden. Das Böse in Grimm und Flammen, glüht sie nur fester zusammen.

Ab.

Ein =Moormännchen= tritt auf, ein Irrlicht in der Hand.

=Das Moormännchen=

ruft =Arne= nach

Komm hier, komm hier! Dein Weg geht irr! Die richtige Straße zeig ich dir.

=Ein zweites Moormännchen= tritt auf, ein Irrlicht in der Hand.

=Das zweite Moormännchen=

zum ersten

Wie hab ich mich bemüht! Leucht ich nicht hell? Was ist das für ein Gesell, der keine Irrlichter sieht?

=Das erste Moormännchen=

Mich schickte die Vettel zur Irme hinab, die Irme mir keine Antwort gab. Auf meine Frage, was sie bewegt, hat sie die Hand aufs Herz gelegt, als täte es ihr noch immer weh. Dann hob sie langsam den Arm in die Höh' und zeigte, stumm und starr, weit über das Moorland zum Pfarrhaus von Norby hinüber. Ich sah sie an und fragte wieder ... Kreuz Teufel, fuhr mir ein Schreck in die Glieder, als ich ihr Gesicht im Mondlicht erblickt! Daß man noch immer so kindisch erschrickt. Mein Licht im Schilfgrund tanzen ging, dies ist das dritte, das ich mir fing.

=Das zweite Moormännchen=

Horch! Horch! Wer kommt? Der Boden klingt. Verbirg dich rasch! Lösch aus dein Licht. Über den Moorgrund ein Feuer springt, siehst du sein Flattern im Wasser nicht? Das Feuer der Menschen ist böse und rot, bringt den Moorleuten Angst und Not.

=Beide= löschen ihre Lichter und flüchten.

Eine =Schar Burschen= tritt auf, bewaffnet und mit Fackeln.

=Erster Bursche=

Die Nacht ist wie von Hexenvolk besessen. Was wir beginnen, schien am Tag mir leichter.

=Zweiter Bursche=

Und was du schwatzt, scheint mir zur Nacht noch seichter, als es am Tage selbst die Dümmsten fressen.

=Dritter Bursche=

Ist dies der Ort, der uns befohlen?

=Erster Bursche=

Was Ort und Pfaff! Der Teufel soll sie holen. Ich weiß nicht mehr, wie mir bei dieser Fehde zu Mute ist und was mit mir geschehn. Zu Anfang war es eine schöne Rede, ein toller Scherz, ein Schwatz, ein Weib wie jede, jetzt aber kann ich es mit Augen sehn. Nun ist es Wirklichkeit und Tat geworden, wir ziehen aus zu brennen und zu morden.

=Zweiter Bursche=

Wo Oerlsund kocht, da frißt er auch den Brei. Seit lange war ich nicht so gern dabei. Wir sind zu oft gegerbt, und andere nahmen sich unseres Fells zu ihrem Nutzen an, als daß ich nicht den Herren und den Damen vergönnte, was ich selten haben kann: den Anblick ihrer Schmach und das Vergnügen, den Pfaffen einmal gründlich aufzuliegen.

=Erster Bursche=

Was mich bestimmte, sah ich anders an. -- Es wird auf diese Nacht ein Tag sich heben. Ob wir ihn noch bei freier Kraft erleben? Das frag ich mich, da denk ich dran. Mir war, als büßte oft schon unsereins den Irrtum dieser Herren, hochgeehrt. Der Galgen steht zu tief für hohe Leute. Das große und das kleine Einmaleins macht nicht die Rechnung, sondern umgekehrt, denn morgen weht der Wind von andrer Seite.

=Zweiter Bursche=

Geehrte Rechnung, hochgeschätzter Wind! Uns wird er nur den Hut vom Kopfe nehmen. Wer Angst verspürt, der möge sich bequemen, ihn selbst zu ziehn. So hilft er sich geschwind. Und ob die Herrschaft Pfaff, ob Oerlsund heißt, am besten tut sich, wer auf beide scheißt. Für heute, dünkt mich, bläst der Wind vom Meer. Man soll nicht stören, wenn die Herrschaft streitet. Zu alledem geb ich mich gerne her, wenn man den Pfaffen ihre Brunst verleidet.

=Vierter Bursche=

Was streitet ihr? Mir ist das Herz bewegt. Ihr kränkt euch. Großes soll an uns geschehn. Zum Raufen bin ich wenig aufgelegt und habe nichts als Kummer zu gestehn. Ich möchte Schuld und Unschuld nicht verteilen, bin wie ein Nachen zwischen Meer und Küste. Dort fühl' ich Grund, hier aber kann ich weilen, dorthin zieht Gunst mich, hierher mein Gelüste. Ihr seht mich unter euch und mit euch gehn, und habt mir doch die rechte Lust verleidet. Mich lockt die Glut, in der das Gold sich scheidet, doch nicht der Wunsch, ihr möchtet sie bestehn.

=Zweiter Bursche=

In jedem Troß, der sich zur Tat geschickt, läuft einer mit, der ihm die Hosen flickt, der heute bebt, wenn Oerlsund nicht befiehlt, und der sich morgen in die Kirche stiehlt. Halt doch das Maul. Siehst du Naemi kommen, tust du ja doch, was sie sich vorgenommen.

=Vierter Bursche=

Und mehr vielleicht als du. Am rechten Ort sind mir die Fäuste lieber als das Wort.

=Erster Bursche=

Ihr seid zu früh mit euren Taten dran. Seid ihr von Sinnen, daß ihr hier mit Streit beginnt? Seid ihr des Teufels? Kommt heran und seht euch zeitig die Gestalten an, die dort sich nahn. Die Stunde ist nicht weit, da ihr für bessere Dinge einig seid.

=Fünfter Bursche=

Oerlsund! Er ist es. Ihm zur Seite, Naemi.

=Holger= und =Naemi= treten auf.

=Erster Bursche=

Herr! Nicht einer fehlt.

=Holger=

Es soll mir keiner fehlen! Leute, noch geb' ich Zeit für jeden umzukehren. Daß keiner sich den bittern Ernst verhehlt, in dem wir uns der Pfaffenränke wehren, die Norbys Freiheit um ihr Licht gebracht.

=Naemi=

Löscht aus die Fackeln! Hell ist die Nacht, sie haben uns sicher durchs Moor gebracht, nun laßt ihre rote Feuermacht ruhn, bis der Pfarrer von Norby erwacht. Er soll erwachen in ihrer Glut; wird ahnen und wissen, wer das tut. Rufen sollt ihr, Gesellen, schrein: Das ist Naemis Feuerschein! Er soll mich sehn. Er wird mich sehn. Mitten im roten Sturm will ich stehn, daß er im Feuer mich wiederkennt, wenn ihm sein Herd, sein Haus verbrennt. Und ihr sollt rufen, jubeln, schrein: Das ist Naemis Feuerschein!

Zu =Holger=

Dich soll er an meiner Seite sehn, den Arm um mich, herrisch und fest, eh' er in Schanden Norby verläßt, so soll mein Bildnis mit ihm gehn.

Zu den =Burschen=

Was steht ihr da, horcht und starrt mich an? Euch hat doch niemand ein Leid getan. Wer von euch wagt es, auch nur zu denken, er wolle den Pfarrer von Norby kränken? Gesindel, schert euch in euer Glück, in eure sichre Behausung zurück! Was hat euer schmutziges Henkertum mit meinem brennenden Herzen zu tun? Nie, nie habt ihr einen Mann gesehn, wie ihn, so groß, so herrlich, so schön. Daher kommt euer Pöbelhaß, den ich verachte. Wißt ihr das?

=Holger=

zu =Naemi=

Still! Ich beschwöre dich zu schweigen. Wer wird dem Knecht die Fesseln zeigen. Mag sie dein Zorn in ihr Verderben treiben, den bittern Grund laß deine Sache bleiben.

=Erster Bursche=

Wir wünschen sehr, Euren Schmerz zu stillen, und sind Herrn Holger Oerlsund zu willen. Es gilt als Pflicht, den Ort von einem Mann zu säubern, der Euch Unrecht getan.

=Zweiter Bursche=

Seine falsche Lehre vom Teufel war. Er schändete Kirche und Altar.

=Dritter Bursche=

Wer wüßte nicht, daß er überdies ein Mädchen betrog und elend verstieß. Geschieht uns Unrecht, und niemand greift ein, wollen wir selber Richter sein.

=Holger=

zu den =Burschen=

Wer unter uns setzte sein Leben nicht ein, wenn es die Rettung der Anderen galt? Nun soll uns das Recht benommen sein, uns selbst zu retten vor fremder Gewalt? Der Pfarrer von Norby übte Verrat, ewige Wahrheiten hat er geschmäht, in schuldlose Herzen Zwiespalt gesät, und was er mir und Naemi tat, das wißt ihr, ihr Männer! Ich ruf euch nicht. Ich handle für euch und ihr für mich. Ich schwöre, im ersten Morgenschein soll der Pfarrhof Trümmer und Asche sein. Und wenn der Pfarrer den Ort nicht flieht, so ist es die letzte Nacht, die er sieht.

=Die Burschen=

Ein Schuft, der sich nicht zu Euch stellt.

=Holger=

Verlacht in euch den rätselhaften Streit, aus dessen Wirrnis nur die Tat errettet. Es ist das Recht der Kraft verschüchtert Kind, solang' wir noch bedrückt, zum Kampf bereit, nicht anders wie ein Schiff im Meer gebettet, getragen zwischen Not und Hoffnung sind. Ein stetig Recht, wer kann es fröhlich nennen? Doch frohe Tat scheint mir ein sicheres Gut. Und kommt Erfolg zu unserm festen Mut, so wird ihn morgen jeder anerkennen.

=Vierter Bursche=

schreiend, abgewandt

Wer naht sich, ein Geist, ein Höllenbetrug! Die tote Irme vom Fahrenkrug. Die tote Irme. Hell, weiß, im Schilf. Ich kenn sie genau. Herr Jesus, hilf!

Er bricht in die Knie.

Atemlos und in Hast tritt der =Großknecht Jörgen= auf.

=Jörgen=

zu =Holger=

Find ich dich endlich, lieber Herr.

=Vierter Bursche=

fällt ihm entgegen, außer sich

Wer bist du? Wer hat dich hergebracht? Wer gab dir über die Toten Macht?

=Jörgen=

Was ist dir, Bursche, ich kam allein.

=Der Bursche=

Du lügst! Du ließt dich mit Geistern ein. Ich schwöre bei allem, was Jesus litt, daß neben ihm her die Irme schritt. Den Arm empor und größer als er, zog sie ihn angstvoll neben sich her!

=Holger=

rüttelt ihn

Hast du den Verstand verloren, Gesell?

=Der Bursche=

verstört

Den Arm empor... Weiß und hell... Laßt mich. Ich hab nichts zu schaffen mit euch.

Er stürmt fort.

=Naemi=

zu =Jörgen=

Laß ihn, und wenn er zum Teufel rennt. Ist einer hier, der die Irme kennt? Sie ist gestorben? Er sah ihr Gespenst? Sag mir, Holger, ob du sie kennst?

=Holger=

Laß mich. Der Bursche war schrecklich entstellt.

Zu den =Burschen=

Wollt ihr, daß er in Norby bestellt, was hier im Moorland vor sich geht?! Rasch, holt ihn ein, bringt ihn zurück, schlagt ihm die Fäuste ins Genick, daß ihm bis morgen die Angst vergeht.

Ein Teil der Burschen ab.

=Jörgen=

zu =Holger=

Mich hat kein Spuk der Hölle gebracht, mich führte Gottes barmherzige Macht, ich such dich schon die halbe Nacht. Sieh mich ermattet, von Sorgen verzehrt, von Herzen dankbar, daß Gott mich erhört, daß ich dich gefunden hab, eh' es zu spät.

=Naemi=

zu =Jörgen=

Für was denn, glaubst du, sei es noch Zeit?

=Jörgen=

Wie schändlich bist du deines Werks gewiß!

=Naemi=

In dir seh ich kein Hindernis. Nenn immer schändlich, was du nicht verstehst. Für dich ist klüger, daß du gehst.

=Jörgen=

Holger, lieber Herr, schau mich an! Hab ich dir je ein Unrecht getan? Und wenn es dem Knechte zu schweigen gebührt, oh, höre dem Freund deines Vaters zu: Du bist in Irrtum und Schuld verführt, ins ewige Verderben taumelst du.

=Naemi=

zu =Holger=

Wend dich nicht ab, was fürchtest du? Er sucht sein Recht an dich und an dein Leben, er braucht sein Wort zu seiner Ruh. Was Knechten zukommt, soll man ihnen geben. Was kann sein Rat wohl unsrer Sache tun? Macht eines Greises Plappern sie zu Schanden, so möge sie in Gottes Namen ruhn. Mein Schicksal knüpft die blutgeglühten Banden um andre Werte als um guten Rat. Wer wollte das Notwendige verführen? Laß ihn. Er wird die lieben Flammen schüren, wie guter Wind noch stets dem Feuer tat.

=Jörgen=

zu =Holger=

Wend dich nicht von mir, oh versteh mich recht. Naemi sah, daß sie der Mann verschmähte, dem sie mit Leib und Seele sich vertraut, sah nicht den bittern Kampf, der ihn erhöhte, in dem er nur sein fernes Ziel geschaut. Mit seinem Tod wirst du ihr Klarheit bringen. Er läßt sein Wesen nur mit seinem Leben. Du kannst Naemi nie und nie erringen. Du kannst sie nur dem Toten wiedergeben.

=Holger=

Schweig still. Verwirr mir nicht Herz und Sinn. Vor müden Augen liegt die Erde grau. Ich habe recht, weil ich in Flammen bin, und weil ich ihrem heißen Sturm vertrau. Wollt ich bedenken, was das Meer vermag, ich ließe meinen Kahn bei Sturm am Strand. Sahst du mich je in Zaudern abgewandt, wenn uns ein Fahrzeug auf den Klippen lag? Und heute glaubst du mich von Furcht erfüllt, wo es mein Lebensschiff zu retten gilt? Ich danke deinem Rat und glaube dir, er war von Herzen gut und wohlgemeint. Ich ehre den Berater und den Freund, das Steuer aber läßt du heute mir. Laß dir genug sein, daß dich mein Befehl nicht zu den Helfern stellt, die ich mir wähl'!

=Jörgen=

Herr, Herr, dein Stolz. Oh, Oerlsunds alter Ruhm! Sieh meine Tränen, der du mich nicht siehst. Zur Knechtschaft sinkt dein freies Herrentum. Oh, dunkles Schicksal, dem du nicht entfliehst. Das Steuer brennt in eines Weibes Hand, du bist ihr Knecht, in ihren Haß gebannt -- Oh, wer ist wert, daß dies um ihn geschieht?

=Holger=

Und wenn die Besten meiner Schwäche lachten, ich habe nur auf mein Gefühl zu achten. Mein Herz ist fest und einzig schuld daran, daß ich mich solcher Knechtschaft rühmen kann. Will es mein Schicksal, mag ich denn vergehn. Ich will es fordern, will es ganz bestehn. Ich möchte wissen, wessen Welt zu Norbys Ehre recht behält.

=Jörgen=

Wie leicht verrät ein Herz sein bestes Teil, wenn junge Hoffnung tief im Irrtum glüht, und wenn die Seele das erflehte Heil als fernen Trost für ihre Schmerzen sieht. Ach, daß den Besten das erreichte Ziel so wertvoll würde wie die ersten Schmerzen.

Zu =Naemi=

Da stehst du, Siegerin im bittern Spiel bewußter Allmacht und betörter Herzen, blind für die Kräfte, die dein Zorn zerstört, und dennoch schuldlos in das eigne Wesen und in sein wunderreiches Licht betört, in dem wir alle stöhnen und genesen.

Stimmen und Gelächter aus der Nacht.

=Naemi=

zu =Holger=

Dort kommt die Schar. Laß ihn, der Mond steht tief. Was ihn zu seinen Taten rief, das wird ihn richten, nicht, was er erreicht. Dasselbe Leben, das sein Haupt gebleicht, verbrennt auch mich und wird sich offenbaren in unsrer Glut, die, ewig unerfahren, dennoch unfehlbar die Vollendung zeugt.

Ab mit den Burschen.

=Holger=

zu =Jörgen=

Gehab dich wohl. Denk gern an mich zurück. Dein Schmerz ist reicher als manch rasches Glück.

Ab.

Ende des dritten Aufzugs

Vierter Aufzug

Die Dorfkirche von Norby. Im Hintergrund der Altar. Morgengrauen. Von draußen Feuerschein. Lärm. Der =Amtmann= und der =Küster= treten auf.

=Der Amtmann=

Das war ein guter Einfall für uns zwei. Gelobt sei Gott! Ist auch die Tür verschlossen?

=Der Küster=

Sehr fest, Herr Amtmann. In die Sakristei führt noch ein Pförtchen, das die Mordgenossen des Satans, draußen, hoffe ich, nicht kennen. Sie werden noch den ganzen Ort verbrennen.

=Der Amtmann=

Halunken sind es. Pack! Barbaren! Da hilft nicht Rechtsgewalt, da hilft kein Drohn. Doch später soll der Pöbel mir erfahren, wer Amtmann ist. Bernd Oerlsunds Sohn gebärdet sich, als sei er Herr im Ort. Mir liefen meine eignen Knechte fort und höhnten noch, als ich sie halten wollte: Ob man das Amthaus auch verbrennen sollte.

=Der Küster=

Der Himmel sei uns Heimgesuchten nah. Das ist das schlimmste Unheil, das ich sah. Um unsern schönen Pfarrhof ist's geschehn. Wer wird den Pfarrer lebend wiedersehn?

=Der Amtmann=

Ich warf mich der verrohten Schar entgegen und schrie, daß mir noch jetzt die Kehle brennt: Um Jesu willen und der Kirche wegen, zurück ein jeder, der den Amtmann kennt! Ein langer Flegel, den ich nicht erkannte, hob eine Stange, dick, wie Ihr hier seht, die er mir meuchlings in den Körper rannte. Ich wäre tot, hätt ich mich nicht gedreht. -- Gelobt sei Gott, der uns die Kirche gab. Ach, merkt doch gut, was ich gerufen hab', daß die Regierung später recht erfährt, daß ich dem Aufruhr nach Gebühr gewehrt.

=Der Küster=

Ich geb es Euch auf Eid, verbrieft, versiegelt. Mein Gott, was ändert das am Tatbestand? Naemi hat die Burschen aufgewiegelt. Wer gab die Macht in ihre schwache Hand? Wo führt das hin? Der Satan soll uns schonen. Wer hätte das von einem Weib geglaubt? Wir haben sie dem Meere einst geraubt, nun rächt es sich. Das Meer gebiert Dämonen.

=Der Amtmann=

Wär nur die wüste Bande eins geblieben; es würde leichtes Spiel gewesen sein. Sie hätten uns den Pfarrer bald vertrieben. Nun aber plötzlich bilden sich Partein. Schon kracht die Tür, der Dachfirst loht, da plötzlich sieht sich Freund von Freund bedroht, und unterm Tor, im rauchenden Gedränge, entwickelt sich ein blutig Handgemenge.

=Der Küster=

Ich sah's. Ein Bursch, ein halber Knabe noch, warf sich dem jungen Oerlsund blind entgegen, ganz ohne Waffen, schweigend, totverwegen. Wo Oerlsund zupackt, schließt das letzte Loch. Er sank ihm wie ein Toter von der Brust. Der Oerlsund hat den rechten Griff gewußt. Herr Gott, wenn ich mir denke, diese Faust säß' mir am Halse ... Heiland, wie mir graust!

=Der Amtmann=

Was soll man da für Recht und Unrecht halten? Mir schwankt das Herz in Zorn und tiefem Leid. Und wo der Himmel, wo die Hölle walten, erkennt kein Sterblicher mit Sicherheit. Gewiß ist nur, der Pfarrer =wollte= leiden, was trieb sein Herz in Kämpfe und Gefahr? Ich möchte nicht mit Sicherheit entscheiden, von welchem Geiste dieser Fremde war.

=Der Küster=

Mir scheint vor allen Dingen eins gewiß, er säte Zwiespalt, brachte Ärgernis.

=Der Amtmann=

Das kann man auch von Jesus Christus sagen, ist man in Zweifel, darf man Euch nicht fragen. Doch still! Horcht hin! Die Tür der Sakristei! Sie haben uns entdeckt. Es ist vorbei!

=Der Küster=

Uns sucht ja niemand. Still, gemach ... Die wollen Schutz hier unter unserm Dach. Das sind nicht Feinde, hört sie draußen heulen. Wir werden sehn, dort decken uns die Säulen.

=Beide= ab.

Der =Pfarrer= von Norby und =Naemi= treten auf, hinter dem Altar hervor, der Pfarrer auf Naemi gestützt.

=Arne=

sinkt auf den Stufen des Altars nieder

Der Bursche traf mich gut!

=Naemi=

Oh sieh mich an! Erkennst du mich? Ich bin es, die dich führt, und was geschah, hab ich, nur ich getan. Du darfst nicht sterben!

=Arne=

Nur was mir gebührt, geschieht mir. Laß nun dein Bemühn, das du als gut und böse nicht erkannt. Es ist zu spät, mein Leben floß dahin.

=Naemi=

Oh laß dir helfen! Laß mich meine Hand auf deine Wunde pressen. -- Hilf mir doch! Du grausam Unerbittlicher am Kreuz!

=Arne=

Laß mich, sei ruhig. Sieh, ich leide kaum. Dein Schmerz verdunkelt mir den letzten Traum. Ich weiß, daß sich mein Dasein nun beschließt. Hab Dank, daß du mich nicht verließt. Gerechtigkeit, oh Mutter du im Leid! Du Ursprung aller Schmerzen, du ihr Heil, du ihre Stillung, segne nun mein Teil am Gut des Guten, das ich unbereit und ohne Kraft, im nie befleckten Kleid, empfing und nahm, nach aller Menschen Weise. Gerechtigkeit, du Ziel der irdischen Reise, du Ursprung aller Schmerzen, du ihr Heil, du ihre Stillung, nun der liebste Teil der weiten, weiten Hoffnung meiner Seele.

=Naemi=

Oh dunkle Mächte, die ihr dies gewollt und dies gekonnt, erbarmt euch meiner Qual! Die ich durch dich dies Schreckliche gesollt, erlös mich, Liebster, noch dies letzte Mal. Sprich gut zu mir! Mach alles wieder gut, wie du so oft mein rasches Blut geheilt. Oh sieh mein Dasein, martervoll zerteilt, wie es zerstört in deinen Händen ruht. -- Ich war ein Kind, als ich die Augen hob zu deiner Kraft und deinem großen Wesen. In deiner Andacht und in deinem Lob bin ich zu jener Freiheit erst genesen, der ich vertraute, ohne Recht und Glück, weil =deine= Seele sie in mir erschuf. Nun schlug die Glut auf ihren Gott zurück, die nicht bestand aus eigenem Beruf. Oh, sei barmherzig, sieh, mein blinder Haß war dir zur Ehre, wie einst jede Lust. Wie meine Liebe, die ohn' Unterlaß nur dich und nur von dir gewußt.

=Arne=

Auf meinem Sinn lag noch der dunkle Kranz verblichnen Ruhms und überwundner Stärke. In meinem Herzen war der lichte Glanz der neuen Zukunft zweiflerisch am Werke. Nun ist mir so, als ob ein groß und schwer Vermächtnis an die Menschheit mich bedrückte, als ob ein Licht von weit, weit her meine zerbrechenden Kräfte schmückte. Als müßt ich aufspringen, die Arme empor, und endlich, endlich alles verkünden. Und weiß doch nur: Ich wollte finden, und brach in die Kniee am Tor.

=Naemi=

Oh, lehr mich fassen, was mein Herz getan. Sieh nicht sein Tun, sieh seine Wunden an. Oh Übermaß, oh tugendlose Glut, mein höchstes Heil und Elend, du mein Blut, dich klag ich an, du Strom, der nie geruht! Der seligsten Gewißheit freies Weinen, der helle Stolz, von hohem Wert entfacht, erlischt zerbrochen, klagend, unter deinem, in meines Schmerzes wilder Übermacht. Verflucht sei Anspruch, Glut und jene Treue, die mich erhob im Abglanz meines Rechts. Verflucht sei meines törichten Geschlechts Beruf, die ich den eignen Wert bereue.

=Arne=

Klag nicht Natur, klag nicht dein Wesen an, Beschwörerin des Todes du in Flammen. Sein kühles Kleid schließt uns erst ganz zusammen, erst mit dem Tode führt der Weg hinan. Der reichen Herzen oft beweintes Glück bleibt irdisch doch in Schuld und Weh verwoben. Natur, unwandelbare, dich zu loben, erleichtert mich, beständiges Geschick! Du hast den Geist zum Licht emporgehoben. Wer aber faßt dich, unverführten Sinns, wer will Gott nennen, noch in dir betrübt? Wir rühmen traurig, was wir heiß geliebt, und preisen es als Krone des Gewinns. Oh Traum der Welt, so lieblich du, so eitel, wie sank dein Glanz, wenn ich im Geiste lebte. Da lag des Vaters Hand auf meinem Scheitel, da war mein Glück so rein, daß ich erbebte. Erkenntnis du, oh aller Sehnsucht Herz, du reines Glück, du Liebe ohne Schmerz!

=Naemi=

Ich hab's getan. Ich hab's getan! Oh, laß mich sterben. Ich bin schuld daran.

=Arne=

Mein abgewandtes Antlitz war dir feind. Wo ist dein Sohn, daß du mir ganz vergibst? Wo ist dein Sohn, daß du mich ewig liebst, wie eines edlen Weibes Sehnsucht meint. Oh Heil, oh Gram in deinem Leib und Wesen. Du Pfad, du blühender, der Wiederkunft. Berufen du, in Leiden zu genesen, als Gottes Mutter selige Vernunft! Triumph im Leid, du Sieg auch über mich! Du blühst im Licht, oh liebliche Gestalt. Ach, daß mein Blut dem frohen Sinn entwich, aus dessen Glanz, mit zwingender Gewalt, das neue Angesicht des Gottes taut, der noch so schmerzreich auf uns niederschaut.

=Naemi=

Der Altar deiner Kirche hütet dich. Du bist in Sicherheit. Oh, sieh auch mich!

=Arne=