Norby: Eine dramatische Dichtung

Part 3

Chapter 33,515 wordsPublic domain

Und Jesus Christus ist Euch gut genug als Heiliger für Euren Selbstbetrug. Er, der in wilden, übergroßen Flammen der einsam-starken Schöpferleidenschaft den Himmel und die Erde neu zusammen gebracht, die er in eigner Dulderkraft des großen Herzens rein geborgen trug. Nun soll der Pöbel, der ihm Kreuze schlug, bei Orgeljammern und bei Pfaffenplärren in sein erkämpftes Reich des Friedens ziehn? Sein Kreuz wird steil die goldne Pforte sperren. Und nur die Auserwählten finden ihn!

=Der Kirchenrat=

Mir bleibt sein Blut, das wir am Altar reichen, für alle Sünder das Erlösungszeichen!

=Arne=

Wer nicht den Gott im eignen Blut gefunden, der wird in keinem Abendmahl gesunden. Der Liebe ewig selig Element ist unerringbar, von Beginn gegeben! Gesegnet, wer die eigne Fülle nennt, er kennt die Ewigkeit, er kennt das Leben. Verfehlt Geschlecht, das du um Liebe ringst und Liebe lehrst, verraten Haus des Herrn, das Liebe spendet, selbst der Liebe fern. Betrognes Land, das so den Kelch empfängt, als Zeichen einer stets bereiten Huld. Es tilgt kein Gott die Fülle unsrer Schuld, wenn nicht in uns die Fülle Gottes drängt. Kein Opfer schließt die goldne Pforte auf! Ach, nur die Liebe findet keine Schranken, wie Licht zu Licht in ungehemmtem Lauf hinüberrinnt, Gedanke zu Gedanken. Das heißt ihr Wort: sie höret nimmer auf.

=Der Kirchenrat=

Mit solchem Hochmut Gottes Knecht zu sein, dünkt mich Verrat an allem, was wir ehren, mit Spintisieren und mit Grübeleien vergiftet Ihr des Heils erprobte Lehren: Nun fühl ich erst, von Herzen abgeneigt, wie recht die Klage war, die uns erreicht. Mich täuscht nicht Eure gut gespielte Kraft, Euch hetzt der Teufel Eurer Leidenschaft, der holt seit je für den Entschuld die Gründe frech aus den Tiefen der gescholtnen Sünde. Er hat noch stets, was er mit List beschmutzt, für den Verführten ruhmvoll aufgeputzt. Die Leidenschaften zeichnen Eure Spur, Ihr lästert Gott, Ihr lästert die Natur!

=Arne=

Ihr hörtet nie im Lenz die Erde kochen, saht nie den Zorn des Meers an Felsen sprühn, seht nur das Kleine, das der Kampf zerbrochen, und nie die Flammen, die zum Himmel blühn. -- Daß selbst im Kleinsten ewige Symbole, und daß im Größten nur wir selber glühn, erkennt Ihr niemals. Des Verführers hohle und arme Weisheit zeichnet Euch den Gott.

=Der Kirchenrat=

Ihr übt Verrat, Herr Pfarrer, diesen Spott wird Euch der Herr der Güte schwer vergeben. Der Satan, den Ihr nennt, hat Sinn und Leben von Euch in arg verwirrender Gewalt, hat Euch der Schrift beglückenden Gehalt verfälscht zu weltlich überspannten Lehren.

=Arne=

Ich will gewiß die alte Weisheit ehren, es wirkte Satan einzig im Zerstören. Jedoch was tuts, wenn auch ein Lichtlein lischt! Nein, daß er tückisch Licht und Nacht vermischt, daß er die hohe Wacht der Gegensätze herunterwürdigt auf die Pöbelplätze, das ist sein Reich. Er haßt den edlen Tod! Ein Dasein schal und ausgeglichen hat er mit frechen Höllenstrichen als seligstes Idol der Zeit gezeichnet. Der Vorgang hat sich auch bei Euch ereignet.

=Der Kirchenrat=

Ich danke Euch. Ich hab genug kapiert. Und weiß, was mir die bittre Pflicht diktiert.

=Arne=

Ich gebe frei und furchtlos alle Chancen des eignen Vorteils für die Kämpfe hin, die mich erfüllen. Schwächliche Nüancen, im flachen Alltag, sind der leere Sinn der armen Zeit, der Ihr begeistert huldigt, weil sie Euch selbst und Eure Not entschuldigt.

=Naemi= tritt auf.

=Naemi=

Ich seh die Herren erregt. Ich scheine sehr zu stören.

=Arne=

Was führt dich her zu uns, mein Kind, laß hören?

=Naemi=

Herr Holger Oerlsund kam, um dich zu sprechen.

=Arne=

Ich lasse mich jetzt ungern unterbrechen.

=Der Kirchenrat=

Ich bitte keine Rücksicht gegen mich.

=Naemi=

Ich weiß, der junge Herr geduldet sich nicht gern. -- Ich seh dich blaß und deine Hände zittern!

Zum Kirchenrat

Mit welcher Botschaft bracht Ihr bei uns ein? Was könnt Ihr diesem Leben noch verbittern?

=Der Kirchenrat=

Hier scheint die Keckheit überall zu Haus. Ich bitte mir ein wenig Rücksicht aus. Ist das der Ton, mit einem Vorgesetzten des eignen Herrn zu sprechen, liebes Kind?

=Naemi=

Wenn meine Worte in der Tat verletzten, so taten sie's, weil sie die Wahrheit sind.

=Der Kirchenrat=

Mit Frauen bin ich nicht geneigt zu streiten.

=Naemi=

Ich habe nicht im Sinn, Euch zu verleiten.

Zu Arne

Sag mir, Geliebter, sag mir, was geschah!

=Arne=

Du meldest mir, der Oerlsund wäre da. Ich bitte ihn, mich draußen zu erwarten. Was wir hier tun, bekümmere dich nicht. Es tat hier nur mit ungewöhnlich harten und ernsten Worten jeder seine Pflicht.

=Naemi=

Ich bin besorgt, ich laß dich nicht allein! Wem würdest du nicht leicht gewachsen sein, doch wer wie du beschaffen ist, der trägt am schwersten an den Wunden, die er schlägt.

=Arne=

Ich danke dir. Ich bitte dich zu gehn. Mir kann nur das Notwendige geschehn.

=Naemi= ab.

=Der Kirchenrat=

Ich kann den harten Spruch, der mir entfahren, nicht tief genug bedauern, seit dies Wort aus diesem Kindermund Euch widerfahren. Ich hörts erstaunt, und seltsam wirkt es fort. Es sprach die Inbrunst einer reichen Liebe und viel Verständnis für des Herzens Wert aus jenem Wort, das mir so schmerzlich trübe, mehr als ich fragte, liebevoll erklärt. Im Kopf verwirrt, im Herzen tief gerührt, fühl ich die Welt der alten Sätze schwanken. Oh, wieviel mehr als jegliche Gedanken hat uns das Leid der Wahrheit zugeführt!

=Arne=

Es mag, da schon so viel gesprochen ist, und da mein Herz sich wider Willen löste, auch noch ein Wort gesagt sein, das Euch tröste. Denn wie ich Euch und Eure Welt verstehe, tut es Euch wohl, wenn sich ein Frevel rächt, daß das erbarmungswürdige Geschlecht der armen Menschheit Eure Pflicht erflehe.

=Naemi= tritt auf. Ungesehn von Beiden verharrt sie zwischen den Vorhängen einer Seitentür.

=Der Kirchenrat=

Ich sah dies Mädchen, das Euch Gott geschenkt, wie soll ich fassen, was Euch so bedrängt? Laßt Ihr Euch nicht dies holde Wunder blühn? Verwirrend lieblich schien mir ihr Bemühn um Euer Wohlsein, Güte und Geduld. -- Warum entweiht Ihr diese Gunst zur Schuld?

=Arne=

Mit raschem Wort und ungelenkem Rat nennt Ihr mein Glück mit diesem Mädchen Sünde, derweil ich ringe, daß ich Wege finde, um dem zu fliehen, was ihr Blut mir tat. Ich hasse sie um ihrer Kräfte willen, in ihrer Macht, die mir mein Blut bekennt. Es hat im Weib sich Gott von uns getrennt, um sich in ihrer Schwachheit zu erfüllen! In meiner Stärke war ich einst Gott gleich. In meiner Stärke suchte ich sein Reich. Von Haß und Liebe jämmerlich entstellt, seh ich mich arm und klein dem Sinn der Welt in eines Weibes Wesen unterstellt. Es lockt uns ihres Wesens Sinn und Licht die beste Kraft aus ihrer besten Pflicht. Ach, daß ich Demut hätte, still zu werden in dem Bewußtsein, die Natur erfüllt im Gang der Zeit auch meines Daseins Sinn. Daß Gottes schöpferische Kraftgebärden mir auch den Wunsch, ihm nah zu sein, gestillt! So aber weiß ich es, das höchste Heil des Daseins und sein ungeteilter Frieden wird nur dem Auserwählten ganz zu Teil, dem Kraft zu jeglichem Verzicht beschieden. Zwiespältig scheint der Zukunft lichtes Reich, die beiden Wege führen nie zusammen. Der eine heißt: Gehorsam allen gleich, und auf dem andern leuchten uns die Flammen des Kampfs mit Gott. Er duldet keine Götter und keine Leidenschaften neben sich. Und erst als Sieger wird er zum Erretter.

=Der Kirchenrat=

Wenn ich den Satan nicht vernommen hätte in Euren Worten, rissen sie mich fort. Daß mir der Herr die heilige Einfalt rette in diesem Wirrwarr von Begriff und Wort. Ich höre, daß es Euch erschreckend geht ...

=Arne=

Es hört doch jeder nur, was er versteht.

=Naemi=

hervortretend

Was er versteht, das hört er nur zu gut! Und du bist frei von dem gehaßten Gut!

=Arne=

zu =Naemi=

Hast du gehört, was ich gesprochen habe?

=Naemi=

Ich hab's gehört und weiß es bis zum Grabe!

=Holger Oerlsund= tritt auf.

=Holger Oerlsund=

Ich dulde nicht, daß man mich warten läßt! Ein Oerlsund braucht auf Norby nicht zu warten!

=Naemi=

ihm entgegen

Du brauchst nicht mehr zu fordern noch zu bitten. Mir ward das Herz in hellen Gluten frei. Es hat in diesem Haus genug gelitten.

Sie reißt =Holger Oerlsund= mit sich hinaus.

=Arne=

Auf daß nun mein Geschick vollkommen sei.

Ende des zweiten Aufzugs

Dritter Aufzug

=Moor=. =Nacht=. =Mond=. =Birkengebüsch=.

=Die Moorvettel=, Kräuter suchend und Sprüche murmelnd.

=Die Moorvettel=

Steigen im Nebel die Toten im Moor, bereitet sich Großes im Leben vor. Keine Ruh ist den Toten geschenkt, solang noch ein Lebender an sie denkt. Und brennt gar im Orte die Leidenschaft, die sie um ihr zeitliches Dasein gebracht, singen sie oft die ganze Nacht, locken die Menschen in kühler Kraft bis an die Ruhstätte, die sie trennt vom hellen Tag, den die Sonne verbrennt. Heute, als spät der Nachtkauz schlug, sang schon die Irme vom Fahrenkrug, lange und leise, in Nebel gehüllt, im Moorweiher stand ihr Schattenbild, der rasch ihr brennendes Herz gestillt. Konnt' einst nicht leben vor Lieb und Haß. Was bedeutet das? Was bedeutet das?

Ein =Moormännchen= tritt auf, ein Irrlicht in der Hand.

=Das Moormännchen=

Komm hier, komm hier, dein Weg versinkt. Auf gute Bahn mein Lichtlein winkt.

=Die Moorvettel=

wirft ihren Stock nach ihm

Daß die Lichtfunze, die du reckst, dir deinen eigenen Schädel verbrennt! Such dir Narren, die du erschreckst, wo man dein närrisches Plappern nicht kennt.

=Das Moormännchen=

Kreuz Teufel, Hexe verflucht, halt ein! Mein Lichtlein tanzt ins Schilf hinein.

=Die Moorvettel=

Laß dein Geschrei, versumpfter Flegel. Herbei! Bring mir den Stock zurück, und merk dir die erteilte Regel, sonst gilt es morgen dein Genick.

=Das Moormännchen=

Ich hab dich nicht erkannt, Hexe verehrt. Nimm deinen Knüppel, aber halt ihn fest. Ich weiß, daß jeder dich in Ruhe läßt, und jeder weiß, warum er so verfährt.

=Die Moorvettel=

Merk auf! Fang dir ein neues Licht, spring nieder zum Weiher, zur Irme hin. Frag sie: »Was singst du, was schläfst du nicht? Welches Menschenkind liegt dir im Sinn? Was soll geschehn, was will sich erfüllen, wer sucht den Tod um Liebe willen?« So fragst du. Leucht ihr ins Gesicht, sei artig und vergiß die Antwort nicht. Von Toten hört man zuweilen wohl, was den Menschen geschehen soll.

=Das Moormännchen=

Mein Licht ist hin. Ich mag nicht gehn, mag nicht ihr weißes Gesicht ansehn. Nichts oben und unten auf der Welt ist so von Trauer und Schmerz entstellt.

=Die Moorvettel=

hebt den Stock

Fang dir ein Licht! Durchs Schilf huscht genug. Tote sind gut und ohne Betrug. Erst lockst du sie selbst ins Moor hinein und willst hinterher noch unhöflich sein.

=Das Moormännchen=

Die Irme vom Fahrenkrug kam allein, ich lockte sie nicht ins Moor hinein. Die folgte dem Licht nicht, das ich ihr bot, sah nur das Wasser, schwarz und tot. Versteckt blieb ich am Weiher stehn, ich sah sie stürzen und untergehn. Als früh am Morgen mein Licht verglommen, ist sie still, still emporgekommen, langsam, weiß und wunderschön. Die Augen auf, im kalten Gesicht, starrten ins blaue Morgenlicht. In die Seerosen floß ihr gelbes Haar. Wie schön das war. Wie schön das war. Ich hab sie sorgsam im Schilf versteckt, damit kein Mensch sie wieder erschreckt.

=Die Moorvettel=

Scher dich und tu, was ich gesagt.

=Das Moormännchen= ab.

=Die Moorvettel=

Die Irme vom Fahrenkrug singt und klagt. Sie mochte nicht leben vor Liebe und Haß. Was bedeutet das? Was bedeutet das? Seit die Zeit uns den neuen Pfarrer gebracht, wird's schlimmer im Moorland Nacht für Nacht. So ruhlos sah ich die nächtliche Welt der fahrenden Geister noch nie. Der Wandel der Menschen bekümmert sie, ihre betörte, verächtliche Weisheit, ihr Hochmut, ihr Glück.

Ein =zweites Moormännchen= tritt auf, ein Licht in der Hand.

=Das Moormännchen=

Komm hier. Komm hier. Dein Weg geht irr. Die richtige Straße zeig ich dir.

=Die Moorvettel=

Ist das Gesindel heute taub und blind? Leucht lieber, daß ich meine Kräuter find'.

=Das Moormännchen=

Dich ruf ich nicht, reg dich nicht auf; kommt Einer den Heideweg herauf.

=Die Moorvettel=

Da ist es besser, erst hinzuschaun. Man kann heut keinem Menschen mehr traun.

Sie verbirgt sich hinter den Birken.

=Das Moormännchen=

Komm hier. Komm hier. Dein Weg geht irr. Die richtige Straße zeig ich dir.

=Die Moorvettel=

Laß sein, spring fort. Verbirg dein Licht, den Pfarrer von Norby täuschst du nicht, der hat sich von seinen frühsten Tagen mit andern Verführern herumgeschlagen.

=Der Pfarrer von Norby= tritt auf.

=Arne=

In Gottes Licht und Satans Nacht hab ich gekämpft und nie geruht. Was hat mir aller Kampf gebracht für mein vergeudet Lebensgut? Die Liebste hat im Zorn mein Haus verschworen. Nun weiß ich erst, wie sehr mein Herz begehrt nach ihrer Liebe, die mein Stolz verloren. Ist, was ich finde, einst der Opfer wert?

=Ein Moormännchen=

Bist du dir nicht genug bedankt, daß dir nach Lohn die Seele krankt? So schwer trägst du an eignen Sachen, und willst es Andern leichter machen?

=Ein zweites Moormännchen=

Wer sich um eigenes Glück betrogen, kuriert sich bald im kranken Sinn, stellt, was das Schicksal ihm entzogen, als selbstgewolltes Opfer hin.

=Arne=

Fern durch den Nebel glühn die letzten Lichter, die Menschen traun dem liebevollen Dunkel und traun der Arbeit, die sie müde macht, derweil in mir das herrische Gefunkel der blauen Himmelsewigkeiten wacht. Oh glücklich ihr, in ruhigem Verzichten. Wer kennt die Fesseln, die das Blut uns schlägt, um die in Gottes Licht erblühten Pflichten, die seine Herrlichkeit uns auferlegt? Und nie und nie wird die Natur vergehn! Nun erst begreif ich ihren klaren Sinn, da ich im Leid von ihr gemieden scheine. Oh, Lenkerin aus stammelndem Beginn, bis in die helle Freiheit, wo Erkennen und unser Herz des Vaters Namen nennen, durch dich befreit von allem falschen Scheine, daß Gott in dir sich unserm Wesen eine. Du bist nur Lenkerin, bist Mittel, Weg und Hort, doch nie die Heimat, nie das eine Wort.

=Die Moorvettel= tritt auf.

=Die Moorvettel=

Ich seh den hochwürdigen Pfarrer allein. Wird ein Fräulein im Moor zu erwarten sein?

=Arne=

Eine menschliche Stimme hier noch so spät?

=Die Moorvettel=

Wir sehn uns nie auf den täglichen Wegen. Ich bitte um einen übrigen Segen, wenns nah vor Mitternacht noch geht.

=Arne=

Es ist der Tag den Guten lang genug. Daß du um einen Segen flennst, scheint mir ein wenig witziger Betrug. Halb Weltgewissen, halb Gespenst, schaust du bald hundert Jahre weit und wardst darüber nicht gescheit.

=Die Moorvettel=

Nicht alle Kräuter blühn bei Tag. Soll sie stehn lassen, wer sie nicht mag! Und wenn die Guten den Schlaf nicht versäumen, so müßte der Pfarrer erst recht schon träumen. Statt dessen spaziert er im Sumpf herum und nimmt einen frommen Segenswunsch krumm.

=Arne=

Dich heilt kein Segen, stört kein Fluch, laß mir die Ruh, die ich hier such'.

=Die Moorvettel=

Das Moor ist lebendig, das Moorland klingt. Was der Tag den Menschen an Herzleid bringt, führt oft, statt unter das Kirchentor, ins Wasser vom Moor.

=Arne=

Laß die Toten ruhn, bis sie dich in ihre Gesellschaft tun. Dann können sie dir ihr Sprüchlein sagen.

=Die Moorvettel=

Sie lassen sich vorher auch befragen, auch sprechen sie, ohne daß man sie fragt.

=Arne=

Da hast du recht, Gott sei's geklagt. Ich gesteh dir, wenn auch in anderem Sinn, daß ich doch ganz deiner Meinung bin.

=Die Moorvettel=

Die Menschen sind töricht, taub und blind und haben vergessen, was sie sind. Ihr Wohl, ihr Ungemach, ihr Wesen ist überall auch hier zu lesen. Ich seh ihr Lächeln, Klagen, Mühn in Licht und Nacht hier draußen blühn. Kein Unterschied, wohin man sieht, immer das Gleiche, was geschieht. Hier klein und nichtig, kein Mensch schaut sich um, dort nennt ihr es wichtig und wißt nicht warum.

=Arne=

Alte, die Weisheit ist ungewaschen, läßt mir das Wichtigste durch die Maschen.

=Die Moorvettel=

Kommt der Herr Pfarrer mit Gott und Gericht, tut der Herr Pfarrer seine Pflicht. Oder auch gar mit Moral und Vernunft? Spricht von der Menschheit und meint seine Zunft. Stehn Euch die Dogmen kurios zu Gesicht, aber ich Alte glaub sie Euch nicht. Sollt mir mit Euren geborgten Waffen nicht meine Sinne Lügen strafen. Vier Pfarrer sah ich hier, Jahr nach Jahr. Der Erste von ihnen mein Liebster war, der Zweite brachte mir Schmach und Skandal, der Dritte gab mir das Abendmahl. Doch statt daß es mich in den Himmel gebracht, hat es mich wieder gesund gemacht. Dann hat er den eigenen Tod gehört, was war ihm da Kelch und Kanzel wert? Er schickte nach mir und meinem Kraut. Ich hab's ihm nach meinem Willen gebraut; fürs zeitliche Leben hat er's genommen und ist ins ewige Leben gekommen. Da hatte die heilige Seele Ruh und machte die lüsternen Äuglein zu. Der Vierte wart Ihr. -- Was wollt Ihr hier? Die Anderen waren nicht »ja« und nicht »nein«, so muß wohl ein brauchbarer Pfarrer sein. Nur im »vielleicht« gedeiht seine Pflicht, aber Ihr taugt zum Pfarrer nicht.

=Arne=

Narrt mich ein Spuk? Was zwingt mich dir zu lauschen und gar mit dir die Meinung auszutauschen, als läge mir nicht bess'rer Wert im Sinn.

=Die Moorvettel=

Immerhin, immerhin ... Wer hat Euch erklärt, daß Euer Wert von besonderem Wert?

=Arne=

Du bist zu Lob und Urteil nicht geschickt, im Finstern wird der tiefste Glaube schlecht.

=Die Moorvettel=

Doch in den Besten wird er zum Konflikt. Wer nichts als brav ist, findet sich zurecht.

=Arne=

Mir liegt eine singende Stimme im Ohr.

=Die Moorvettel=

Die Irme vom Fahrenkrug singt im Moor. Habt Ihr vergessen das Fräulein blond, das Ihr vor Jahren so liebreich geschont, das Ihr zurück in ihr Elternhaus sandtet, als Ihr sie nachts auf der Pfarrtreppe fandet? Von Liebe wegen, um Euretwillen, mußte ihr Schicksal sich einst erfüllen. Glaubt mir, glaubt mir, ich rede wahr, ihr nächtliches Klagen bringt Euch Gefahr.

=Arne=

Ich hatte nie mit diesem Weib zu schaffen.

=Die Moorvettel=

Ich weiß, Herr Pfarrer, deshalb ging sie schlafen. Hättet Ihr sie ans Herz genommen, wäre sie nicht zu uns gekommen. Aber nicht alle Verschmähten tun das ... Manch Einer Lieb' ward zu tödlichem Haß.

=Arne=

Des Einen Tugend macht des Andern Schuld, denn die Natur läßt sich nicht korrigieren. Die Menschen können die arme Geduld nur selten messen mit der ihren.

=Die Moorvettel=

Ihr pilgert um Euch selbst spazieren, bis Euch zum Sterben schwindlig wird. Seit wann ist Euch der neue Wert so klar im Herzen eingekehrt?

=Arne=

Die wahrhaft Reichen können nicht verlieren, solange die Natur nicht irrt. Drei Jahr lang lacht' ich über dich, jetzt steh ich hier und wundre mich, wo hast du die närrische Weisheit her, sprich?

=Die Moorvettel=

Mein toter Liebster war hochgelehrt, da hab ich nicht närrische Weisheit gehört. Und was man lernt, ist häufig dem, was man schon ist, nur unbequem, und wen die Bestimmung vom Leben entfernt, der hat auch im Wachsen nicht leben gelernt. Und wäre das Sterben nicht aller Pflicht, ich glaube, er könnt auch das Sterben nicht.

=Arne=

Dir Antwort geben, hieße sich zerstreun, ich möchte meine Worte nicht bereun, denn auch der beste und schönste Gedank' bleibt wertlos ohne Zusammenhang.

=Die Moorvettel=

Schon gut, euch leuchtet der eifrige Schädel nicht leicht bei einem vertrockneten Mädel, aber ist sie noch drall und jung, redet ihr mehr als bei Männern und Trunk. Habt doch von allem, was ihr erreicht, höchstens einmal ein Weib überzeugt. Bleibt doch das Beste, was ihr gesagt, immer noch, was ihr den Mädchen geklagt. Und ich kenn das betroffene Greinen, wenn ihr nach all eurem Geistesverrat endlich so einen zappelnden Kleinen still adoptiert als das Endresultat.

=Arne=

Dein Hohn tut meinem Herzen leid. Der Menschen Schwächen zu erkennen, ist leichter, als ihr Gutes nennen, und Spott der Narren täglich Kleid.

=Die Moorvettel=

Nennt Ihr mich närrisch immerhin, weiß schon alleine, wer ich bin. Ich mochte nicht unter den Menschen sein, trollte ins Moor und blieb allein, merkte das Beste vom Wesentlichen, und hab es in Muße mit allem verglichen.

=Arne=

Was nützt dir Muße und Vergleichen, kann jeder nur sich selbst erreichen. Die Besten wurden im Vergleich bescheiden, das Alter mag nur eigne Weisheit leiden.

=Die Moorvettel=

Wenn euer Wein nur zehn Jahr' ruht, nennt ihr ihn schon besonders gut. Wieviel mehr als ein Tröpflein Wein wird nicht ein Fünklein Weisheit sein. Seht nun, Herr Pfarrer, daraus ergibt sich, daß man wohl doch nicht immer irrt, wenn eine Weisheit im Kopf, an die siebzig Jahre lang, aufgehoben wird.

=Arne=

Zwischen Verachtung und Verdruß findet sich oft noch ein kleiner Genuß. -- Du machst dir's leicht, das Wirken der Natur ins eigne Denken zu verlegen. Das Wichtigste vergißt du nur, das Böse wirkt in uns dagegen.

=Die Moorvettel=

Was ihr im eignen Haushalt kennt, und rasch entschlossen böse nennt, hat draußen sich als gut bewährt, genau so oft wie umgekehrt. Denn zu des Durchschnitts Zeitbegriffen und seiner armen Plänkelei, hat Gott dem Satan oft gepfiffen, auf Satans Pfiff kam Gott herbei. Die Menschen aber, die das Gute gut und die das Böse tief als böse fühlen, sind die Gesellen, die in blinder Wut nach Ewigkeit, an ihrem Grabe wühlen! Sie können lieben und sie können hassen und haben nichts mit Menschenglück zu tun. Ihr wolltet Euch nicht warnen lassen, ich geh und wünsche gut zu ruhn. Ich kenn die Ruh, um die Ihr trauert, und wünsche, daß sie nicht zu lange dauert.

Ab.

=Arne=