Norby: Eine dramatische Dichtung

Part 2

Chapter 23,596 wordsPublic domain

Du schweigst! Ich will es! Jedes freche Wort wirft rechtlos Schmerz und Schande auch auf mich. Ich ging aus eignem Wunsch und Willen fort, was kümmern meines Lebens Zeichen dich?

=Holger=

zu =Naemi=

Sprich nicht von Recht. Die Pflichten, die mich schlagen und leiten werden, gabst nicht du mir ein. Soll ich ein Weib nach meinen Rechten fragen? Das ist der Schwachen Art und Tugendschein.

=Naemi=

weicht vor ihm zurück

Ich fürchte deine Drohung, deine Macht so wenig, wie ich deine Rechte kenne. Kein Band, kein Wort, kein Blick ward dir gebracht, daß ich dich mehr als meinen Bruder nenne. Und wahrlich hast als Bruder du mißbraucht die Liebe, die ein arglos Kind dir schenkte.

=Holger=

Dem Herzen, das aus Liebeseifer kränkte, hat noch kein Zorn zur Schande je getaugt. War ich als Bruder milde, nun wohlan! Erfahre, wer ich bin als Herr und Mann.

Er zieht sie zu sich hinüber

=Naemi=

befreit sich

Schmach über jeden, der des Leibes Kraft als Wert für seiner Seele Schwäche setzt!

=Holger=

Was eurem Leib die rechte Seele schafft, das hat noch jedes Mannes Blut ergötzt.

Zu =Arne=

Und nun, Herr Pfarrer, rührt Euch nicht die Not des armen Schäfleins vor des Wolfes Rachen? Hier herrscht das Leben, dort der große Tod, nun leitet den bedrängten Lebensnachen gerecht hindurch, nach göttlichem Gebot!

=Arne=

Bin ich berufen, euren Streit zu schlichten, ließt ihr mich holen, um mich anzuklagen, wo die Natur schon längst mit Kraft entschied? Ihr habt es leicht, von eurem Leid zu sagen, ich kann von meiner Mühsal nicht berichten, nicht, was mein Herz mit Leidenschaft vermied. Wer sagte euch, daß, wenn ich euch gefiele, ich Gott im Himmel nicht mit Schuld betröge, wenn ich mein Herz in eure seichten Spiele und mein Gefühl in eure Trauer zöge. Oh, tief gebeugt von meiner strengen Pflicht, an deren Recht ich nur mit Zweifeln glaube, fühl ich aufs neue, daß ich euch beraube, wo ich euch gebe, helfen kann ich nicht.

=Holger=

Ihr seid ein Pfarrer, wie ihn Gott erschaffen!

=Arne=

Mißt du den Wert des Gegners an den Waffen?

=Holger=

Nicht an den Waffen, aber an den Taten.

=Arne=

Wer hat dir meines Handelns Sinn verraten? Dank deinem Schöpfer, daß du arm und stark dein Dasein lebst in Mißgeschick und Freude. Im Leiden stolz, im Jubel ohne Arg. Du, den ich heiß um jeden Schmerz beneide.

Er wendet sich zum Gehen.

=Naemi=

hält ihn auf

Was könnte jemals meinem Leben sein die flache Kraft, die deinen Zwiespalt höhnt? Sieh, meiner Seele Zuflucht ward allein dein ruhlos Herz, von keinem Glück versöhnt. Schließ mich in Schuld und Zweifel ein und in das Schicksal, das dir frommt. Nie könnte meine Freude sein, was nicht aus deinen Händen kommt.

Sie wirft den Mantel um =Arne=, und =beide= eilen hinaus. =Holger= eilt ihnen nach, bleibt aber in der geöffneten Tür stehen und schaut ihnen ohne Entschluß im Bann der letzten Worte Naemis nach. Der Sturm dringt ins Haus.

=Der Küster=

Ich stand, mein Herr, nur schuldlos in der Mitte, laßt mich hinaus, mein Herr, ich bitte.

=Holger= tritt zur Seite und läßt ihn vorüber. Der alte =Jörgen= sinkt auf die Bank am Kamin.

=Holger=

an der Leiche seines Vaters

Oh Schmach der Liebe, nun mit Schmerz gepaart, in dem die letzte Zuflucht mir versank, daß nun die Heimkehr, meiner Jugend Dank, zu dir, mein Vater, mir genommen ward. Ich fasse über deiner Augen Stille und bleicher Ruhe die Verlassenheit zum ersten Mal, eh' noch der arme Wille zu einer eigenen Zukunft recht bereit. Zum Abgrund wird nun die Vergangenheit, kein pochend Herz eint mich dem Ursprung mehr, daraus ich kam. Die Zukunft stürmt den Mann am Rand des Abgrunds ungebärdig an, und läßt ihm keinen Weg, als den: voran. Und machtvoll höhnt ihr mitleidsloser Schritt: Nimm deinen Schmerz zum eignen Grabe mit.

Ende des ersten Aufzugs

Zweiter Aufzug

Im Pfarrhaus von Norby. =Naemi=. =Arne=.

=Naemi=

Von allem unberührt, was uns bewegt, erstrahlt der Sommerhimmel überm Meer. Das blaue Wasser, das kein Wind erregt, schickt seine tausend Lichter zu mir her. Wie seltsam durch den Gleichmut der Natur stürmt unser übereifrig Tun und Hasten und läßt doch von uns allen keine Spur. Sag, ist es nicht, als ob selbst unsere Lasten und Lust, die wir als unser Teil zu tragen glaubten, sich einst Anderen geben? So still verhallt das ernste, eigene Leben.

=Arne=

Du denkst an deines alten Vaters Tod, lebt er nicht fort in deinem Leid, mein Kind? Erinnerung ist ein heiliges Gebot, und die Natur ist treuer als wir sind. Sieh, selbst die Einfalt weiß von dieser Pflicht. Oh, wie viel mehr kennt sie der Geist im Licht. Doch sich zu gründen, aller Welt zum Dank, bleibt allen Geistes höchster Lebenshang.

=Naemi=

Du sendest dein Verlangen in ein Reich, in das mein Herz nur zögernd folgen kann. Was, sag mir, unterscheidet Weib und Mann, was macht sie unter Gottes Augen gleich? Wie soll mich selbst die höchste Lust beglücken, weiß ich dein Herz vor meinem auf der Flucht, wenn meine Seele nicht in allen Stücken, der deinen ähnlich, ihre Heimat sucht?

=Arne=

Wie ahnst du lieblich den gespaltenen Sinn, um dessen Harmonie ich ruhlos ringe, doch schon, wenn ich dir meine Zweifel bringe, geb ich mich wieder neuen Kämpfen hin. Des Weibes Tugend und des Mannes Wert verbindet irdisch kein bestehend Recht. Gelobt sei, wer im Schicksal sich bewährt, des Weibes Schicksal aber heißt Geschlecht.

=Naemi=

So sieh in meinem Schicksal meine Tugend! Ich habe keinen andern Rat für dich. Geb ich nicht willig meine ganze Jugend und will nicht Preis noch Dank von dir für mich? Nur sag mir, daß ich innig dich erfülle, gib mir den Trost, daß ich dir alles bin. Ach, mich beseligt schon dein Wunsch und Wille.

=Arne=

Mein Wunsch zu dir ist meiner Sehnsucht feind. Du lenkst den Sinn zu fröhlichem Genügen. Den warmen Wohlstand, der die Menschen eint, sah ich noch nie in eines Kämpfers Zügen. Was kränkt mein Herz, verbittert meinen Mund, dir meine Liebe fröhlich zu gestehn? Von Furcht und Scham in tiefster Seele wund, bin ich bestimmt, allein den Weg zu gehn, der mich zu Gott, nach meiner Hoffnung führt. Und weiß, indem ich deine Liebe quäle, sucht doch allein nach Liebe meine Seele, von deinem Leid zu wehem Glück gerührt.

=Naemi=

Die Elemente, welche Gott verklären, sind wohl in allem, was da lebt und schafft, jedoch die Liebe nicht. Sie ist als Kraft nicht mehr als Licht und Wind auf toten Meeren. Erst als Gemeinschaft kann sie sich bewähren. So sage mir den einen großen Sinn, das letzte Ziel, nach dem die Guten streben. Wie soll ich anders werden als ich bin? Was gibt es mehr für mich als liebend leben?

=Arne=

Ich habe keinen andern Sinn gefunden, als den, in jener Harmonie zu ruhn, in welcher Unschuld mit Geduld verbunden die lichten Wunder neuer Hoffnung tun. Und diese Hoffnung führt zuletzt zu Gott, und nicht Natur noch Geist umfaßt ihn voll, du wirst ihn niemals ungewiß umschreiben. Er ist ein Schöpfer, und er wird es bleiben! Wahrhaftig wesenhaft und liebevoll. Im ewigen Wechsel wird kein Herz befreit, Gott ist als Wesen Sinn der Ewigkeit! Es ist nicht Einfalt, die sich sinnlos beugt, die solchen Glauben tief in mir erzeugt, es ist mein Anspruch, dem die Welt zu klein, ich will des ewigen Vaters Erbe sein.

=Naemi=

Wem sich das Liebste, was er sucht und meint, in tiefster Seele nicht als Gott vereint, der schließt Natur als arm und böse aus und schilt die Heimat in des Vaters Haus. Vergib, Geliebter, wenn mein hartes Wort als unverständig dein Gemüt verwundet; ich treib die Kraft, an der mein Blut gesundet, nicht von der Schwelle meiner Seele fort.

=Arne=

Gesegnet sei, was ich als schön empfinde, gesegnet die Natur im hellen Bilde. Ach, daß die Seele, wie bei einem Kinde, den Durst nach Gott in Spiel und Schlafen stillte! Doch die Natur erlöst nicht durch ihr Wesen, wer sie versteht, dem wendet sie den Sinn auf die Gemeinschaft mit dem Schöpfer hin, von dessen Herrschaft er in ihr gelesen. Zum Zeitlichen, zum Irdischen geschickt mit allen Sinnen und mit Kraft begabt, hab' ich in Kampf und Leiden Gott erblickt, wie ihr ihn nie im Glück gesehen habt! Und leuchtend lockt dies herrliche Gesicht den Geist zu Heimkehr, Frieden und Verzicht.

=Naemi=

Gib nicht das Gold von Lust und Freude hin! Des irdischen Lebens lichten Himmelsboten. Glaubst du, ich fühlte nicht, wie bang dein Sinn und stolz zugleich, den quälenden Geboten der zeitlichen Gerechtigkeit gehorcht? Doch wer die Ruhe vom Gewissen borgt, der findet sie erst dort, wo keine Schranken die Seele ziehn vom lieblichen Gedanken.

=Arne=

Dort seh ich alles, aber dich nicht mehr. Komm nah heran, laß mich den blauen Glanz aus diesen hellen Augen innig trinken. Oh, einmal bis zur Ohnmacht zu versinken! Daß sich in reiner Glut der blasse Kranz unendlicher Gedanken, wie im Meer ein Samenkorn, zu ewiger Ruh verliert.

=Naemi=

Ach, lerne preisen, was dich so verführt! Ich hörte einst aus ur-uralten Sagen der Priesterinnen, meiner Schwestern, Pflicht, die heilige Glut, das Feuer, zu bewahren. Ich lobte sie, doch ich verstand sie nicht. Erst heute fühl ich jene Menschheitsrechte, die ihrer Reinheit, ihrem Maß vertraut. Ach, daß der Altar, den mein Herz gebaut, auch deinem Leben Glück und Wärme brächte.

=Arne=

Bewundernd lausch' ich, Mädchen, dem Geschick, wie dein Geschlecht der Erde Sinn verwaltet. Solang ihr wirkt, ist keine Welt veraltet, als gäbe es kein Glück, als euer Glück ... Die heiligen Pflichten jener Priesterinnen glühn anderen Werten, als dem Licht des Bluts. Wahr' mir die Feuer meiner Seele rein, so sollst du ewig mir verbunden sein!

=Naemi=

So sag mir, welche Macht des Wesens tuts? Die Priester nenn ich pfäffisch, welche scheiden, was Blut und Seele, eng verwoben, leiden, und was sie freut. -- Ich ahne, die Natur wird furchtbar wider deine Weisheit drohn, und ihre Bahn geht meine Leidensspur.

=Arne=

Du sprichst der Not der tiefsten Zweifel Hohn.

=Naemi=

Und du vergißt, daß deine hohen Pflichten nicht meine sind. Zu jung noch zum Verzichten, zum Kampf durch unverstandenen Wert beschränkt, seh ich dich, durch dein eigenes Schwert bedrängt, die guten Kräfte deines Geists vernichten. Mir war im Traum, als säh ich eine Zeit erneuter Offenbarung glühend nahn. Du hast ihr weit die Tore aufgetan, doch Andere schmeckten ihre Herrlichkeit. Ich sah dich über deine Fahne sinken und sah die Erde, die dich treu begehrt, mit gierigem Mund dein Blut und Leben trinken, wie wenn dein Wille ihr ein Recht verwehrt.

Es =pocht=. Der Kirchenrat tritt auf.

=Der Kirchenrat=

So hab ich, lieber Herr und Amtskollege, nach mancher Drangsal doch hierhergefunden und grüß Euch herzlich. Aber welche Wege! Die armen Pferde wurden arg geschunden. In meinem Alter ist es nicht mehr leicht. Ich bin erfreut, da nun das Ziel erreicht.

=Arne=

Ihr kommt zu seltsam abgepaßter Zeit und findet mich, Euch günstig, vorbereitet. Merkwürdig innig zu mir selbst verleitet und doch zugleich wie von mir selbst befreit.

=Naemi=

zum Kirchenrat

Daß kein Empfang am Tore Euch geehrt, woll' uns der Herr in Freundlichkeit verzeihn. Nach herzlichem Willkomm sei mir gewährt, für kurz zu gehn um Brot für Euch und Wein.

Ab.

=Arne=

So seid begrüßt und fühlt Euch wohl verwahrt. Wenn Ihr von Eurer mühevollen Fahrt nicht gar zu sehr ermüdet seid, Herr Rat, so sagt mir bald, was sie veranlaßt hat. Ich kenn Euch wohl aus längst verstrichenen Zeiten, da mir noch Wissen mehr galt als Verstand. Was konnte Euch zu dieser Fahrt verleiten in dieses von der Welt vergessene Land?

=Der Kirchenrat=

Fragt Ihr, Herr Pfarrer, nach der Reise Ziel? Ward nicht so manches Schreiben Euch gebracht und eine Antwort uns, bei der wir viel und sorgenvoll an Euer Wohl gedacht?

=Arne=

Nehmt meine Frage nicht, wie sie erscheint, nehmt sie als Antwort und als wohlgemeint. Daß ich sie stellte, mag dem Wunsch entstammen, es führte uns ein anderer Grund zusammen.

=Naemi= tritt auf.

=Naemi=

Vergebung, wenn ich störe. Dieser Wein wird sicherlich den Herren willkommen sein. Er soll den Ernst der allzu frommen Reden ein wenig durch den Geist der Welt befehden. Wenns mir erlaubt ist, einzuschenken?

=Der Kirchenrat=

Wie lieb und artig, so an uns zu denken, mein junges Fräulein, gebt mir Eure Hand. Seid Ihr aus diesem Ort und Land?

=Naemi=

Ich bin es nicht. Das Meer hat mich geboren. Ihr dürft nicht lächeln, denn ich rede wahr. Vor Jahren war mein Schiff in Seegefahr, auf jenen Klippen gings bei Nacht verloren. Ich weiß nur wenig aus der bösen Nacht, die mit mir litten, sind zur Ruh gebracht. Am Morgen schien die Sonne auf den Strand. Ein bärtig Haupt und eine starke Hand erkannte ich und fühlte mich getragen. Der alte Oerlsund, der vor wenig Tagen gestorben ist, trug mich zurück ins Leben.

=Der Kirchenrat=

Wie hold Ihrs sagt! Das hätte sich begeben?! Ich werde meiner Rührung mühsam Herr. Und Eure Heimat kennt Ihr wohl nicht mehr?

=Naemi=

Ich weiß nur dies: sie liegt im hohen Norden, zuweilen seh ich Berge, wenn ich träume. Dies Land ist meine Heimat nun geworden. Jedoch, Herr Rat, ich bin besorgt, ich säume zu lange hier und halt die Herren auf.

=Der Kirchenrat=

Ich möchte Euch um alles nicht vertreiben. Da ich genötigt bin, hier Gast zu bleiben, hab ich die Hoffnung auf ein Wiedersehn.

=Naemi=

Ich wünsche herzlich, daß die Diskussion nicht zu gelehrt wird, um den Gast zu ehren.

Ab.

=Der Kirchenrat=

Ich muß gestehn, Herr Pfarrer, diese Rede scheint mir ein schöner Lichtblick dieser Öde. Wie kommt es, daß ein Mann in Euren Jahren für seine Wirksamkeit sich hier versteckt? Ihr lebt hier ja wahrhaftig mit Barbaren. Gewiß, gewiß, ein Pfarrer ist auch hier von Nöten, doch, bei Gott, nicht Ihr! Für einen Mann von Euren reichen Gaben kann hier kein Einziger Verständnis haben. Nun wird mir klar, daß, wie gesagt, der Ort und die Gemeinde sich beklagt.

=Arne=

Zwar habt Ihr es noch nicht gesagt, Herr Rat, doch weiß ich wohl, was Euch bewogen hat, die sorgenschwere Fahrt zu übernehmen. Nehmt doch, ich bitte Euch, dort den bequemen und alten Sessel, daß des Leibes Ruhe dem Gang des Geistes gute Dienste tue. Und was den Ort und mich darin betrifft, und was Ihr allgemein nicht ganz begrifft, laßt Euch berichten, daß die Einsamkeit der ernsten, weiten Küste mich verlockt. Hier, wo der Puls des lauten Lebens stockt, lausch ich dem Widerhall der Ewigkeit. Ich bin gewiß geneigt Euch anzuhören, doch eins sei in Respekt vorausgeschickt: Ich lasse mich sehr ungern hierorts stören.

=Der Kirchenrat=

Mir scheint, wir nähern uns schon dem Konflikt. Doch hoffe ich, es geht im Lauf der Zeit vielleicht mit etwas zartrer Höflichkeit.

=Arne=

Die Höflichkeit wird uns nur hindern, Herr, sie wird in dieser Lage von uns Zwei doch nur ein Mittel, um den heißen Brei bis zur Erschöpfung ängstlich zu umkreisen. Ich hörte sie von guten Köpfen preisen, hier sind mir diese Köpfe einerlei. Sagt frei und offen, was Ihr denkt und wollt, versucht zu fassen, was Ihr hören sollt.

=Der Kirchenrat=

Ein sonderbarer Mann seid Ihr, nur Jugend kennt soviel Gleichmut gegen das Geschick, doch nur die Jugend hat zugleich das Glück, und Wagemut ersetzt ihr oft die Tugend der ernstlichen Besinnung, der Geduld. Doch eines Mannes Trotz wird rasch zur Schuld, wenn er die sittliche Gemeinschaft stört. Ich muß gestehn ...

=Arne=

Sagt mir, was Ihr gehört. Es wird Euch schwer? Ich nehme gerne an, daß oft nur Zartgefühl Euch hindern kann. So will ich mich aus Höflichkeit bequemen, Euch einen Teil der Rede abzunehmen: Man hat gehört, es kam den Herrn zu Ohren, in Norby sei der Pfarrer obstinat, die Seelen gingen unter ihm verloren wie unter Hagel Kohl und Kopfsalat. Nun kurz und gut, daß seine Kanzellehre mit keinem Dogma zu vereinen wäre.

=Der Kirchenrat=

Das wäre schließlich dennoch zu vergeben, wenn Ihr es ändert ...

=Arne=

Aber nun sein Leben! Es stieg aus seines Daseins Finsternis ein beispiellos verruchtes Ärgernis. Man sagt, daß er ein Fräulein bei sich hätt' und ließ sie Tag und Nacht bei sich verweilen. Er teilte mit ihr Haus und Tisch und Bett, kurz alles, was sonst Eheleute teilen. Und trotz der eklatanten Unmoral, um nicht von Hurerei und Schmutz zu sprechen, erteilte er den heiligen Pokal vor der Gemeinde schamlos dieser frechen und kecken Dirne. War es dies, Herr Rat?

=Der Kirchenrat=

Ich bin erschrocken -- aber -- in der Tat. Nur hätte ich das niemals so gesagt.

=Arne=

Ich glaube wohl. Ihr hättets kaum gewagt.

=Der Kirchenrat=

Nicht ohne Dank seh ich den schwersten Teil der Unterredung glücklich überwunden.

=Arne=

Der zweite wäre, daß ich nun mein Heil zu retten hätte. Aber unumwunden mach ich mir Eure Wahrheit gern zur Pflicht: Es ist kein falsches Wort an dem Gerücht.

=Der Kirchenrat=

Mein Gott im Himmel! Seht mich sehr erschreckt. Es ist unmöglich, was Ihr mir entdeckt.

=Arne=

Soll ich Euch diese Zweifel jetzt vertreiben? Ich glaube, dazu bin ich schlecht geschickt. Ihr müßt nun schon bei der Verpflichtung bleiben, mit der man Euch zu mir herausgeschickt.

=Der Kirchenrat=

So ist es wahr? Wie tief bin ich betrübt. Mit wieviel Hoffnung hab ich Euch begrüßt, und was mich ernst und bitterlich verdrießt, ist dieser kecke Hochmut, den Ihr übt. Da sinkt dem Mut die letzte Liebeswaffe, ich zweifle, daß ich jemals Wandel schaffe.

=Arne=

So werdet Ihr Euch sicher nicht verhehlen, das Beste bleibt, sich wieder zu empfehlen.

=Der Kirchenrat=

Mich Alten mögt Ihr rasch und leicht vertreiben, doch nicht die Welt, die gegen Eure prallt. Seid unbesorgt, ich will am Posten bleiben, und wenn mir Satan selbst die Fäuste ballt! Ich weiche nicht von dieser argen Stätte, bis ich des Übels Wurzel nicht gefällt. -- Wenn ich nur gründlich die Gewißheit hätte, daß Ihr so gottlos seid, wie Ihr Euch stellt.

=Arne=

Da Ihr in mir ein Kind des Satans seht, bedenkt Euch wohl, bevor Ihr weitergeht. Galt nicht von je für Euch als Ehrenzeichen, dem Bösen nach Vermögen auszuweichen?

=Der Kirchenrat=

Ihr seht mich zornig. Hört zunächst, ich wähne, das liebe Fräulein von vorhin ist jene ...

=Arne=

Muß denn zur Sache noch gesprochen werden, laßt die Personen gütigst aus dem Spiel.

=Der Kirchenrat=

Ihr braucht Euch nicht verletzend zu gebärden, der Gegenstand besagt zur Sache viel. Sagt mir nur eins, aus welchen bösen Gründen verweigert Ihr, Euch ehelich zu binden? In der Gewöhnung mütterlichem Segen wird sich der Geist der Widersprüche legen, der Euch verwirrt. Still gleicht die Glut sich aus und wärmt das Dasein, wärmt das ganze Haus. Ihr könnt Euch doch den großen Menschheitspflichten nicht auf die Dauer ungestraft entziehn. Des Herzens Wohlstand kommt mit dem Verzichten, in Maß und Demut fördert Gott uns ihn.

=Arne=

Wärt Ihr mir nicht Repräsentant der flachen Mächte, die wir hassen, ich hätte längst mich abgewandt und Euer Glück in Ruh gelassen. So will ich Euch denn eine Antwort sagen und nicht erwägen, wer sie just empfängt. Nicht nur durch Weise läßt ein Schatz sich tragen, wenn Not gebietet. Alles Wahre drängt ganz unerbittlich, trotz Gefahr und Banden allmählich doch dorthin, wo es verstanden.

=Der Kirchenrat=

Ich muß gestehn, das Wort war wenig fein.

=Arne=

Nehmts nicht persönlich, nehmt es allgemein, versucht es meiner Einsicht zu verzeihn. Wie leicht vergibt nicht, wer verstehn kann, die Schwierigkeit fängt erst beim Zweifel an.

=Der Kirchenrat=

Ihr sprecht so eigenartig in Symbolen. Wozu das Bild aus weiter Ferne holen? Auch ist mir oft, ich weiß nicht wie ... Ihr sprecht nicht ohne Ironie. Auch in der Ironie bin ich erfahren und habe manchen heftig eingeschüchtert, doch glaubt mir, mit ironischem Gebahren wird keinem eine Weisheit eingetrichtert. In allem Hohn verrät sich nur der Geist des eignen Zwiespalts, der das Herz zerreißt.

=Arne=

Was Ihr der Ironie an Kraft bestreitet, das ist's, Herr Rat, was mich zu ihr verleitet. Stets hat die Ohnmacht sie heraufbeschworen, bald die der Rede, bald auch die der Ohren. Und was uns trennt, Herr Rat, das ändert sich durch keinen Segen und durch keine Flüche. Ihr fandet Euch, und ich such mich, da liegt der Grund für unsre Widersprüche.

=Der Kirchenrat=

Für guten Willen ist es nie zu spät. Neutraler Boden! Objektivität!

=Arne=

Um wirksam objektiv zu sein, muß man sich erst persönlich gleichen, sonst wird ein Punkt zum Fragezeichen. Ich seh zu groß und Ihr zu klein. Nun, wenn Ihr wollt, auch umgekehrt! Doch für Erkenntnis seid Ihr zu gelehrt. Euch ist das Herz von Wissenschaft verschüttet, der Kopf ist Euch von lauter Halt zerrüttet. Was nützt die Objektivität, wenn Ihr beharrlich und mit Willen doch nur den Schein der Dinge seht.

=Der Kirchenrat=

Ihr urteilt rasch und ohne guten Willen.

=Arne=

Mir dient mein Urteil nicht, um zu verhüllen, was ich erstritt in Finsternis und Leid.

=Der Kirchenrat=

Es ist der böse Geist der neuen Zeit, nur Widersprüche überall zu finden, statt ernst in Ruhe und Beharrlichkeit, in Demut, still das Gute zu ergründen.

=Arne=

Allein im Streit der harten Gegensätze wird uns als gut das Gute offenbart. Im Kampfe tobt der ewigen Gesetze erbarmungslose Schöpfereigenart. Was hat ihr Sturm mit Eurem Halt zu tun! Ihr dürft bequem in Resultaten ruhn.

=Der Kirchenrat=

Das ist ein Irrtum. Wer den Vater kennt, der weiß, daß er in ewiger Ruhe thront.

=Arne=

Wir aber sind von ihm getrennt. Und nur die Auserwählten sind verschont. Nicht alle sind zu ihrem Kampf berufen, und die berufen sind, haßt Eure Welt. Zeigt Ihr Euch würdig, wo Ihr an den Stufen des Heiligsten als Wächter aufgestellt.

=Der Kirchenrat=

Mir scheint, ein Irrtum jagt bei Euch den zweiten, und der Verwirrungsgeist nimmt überhand. Von Gott getrennt? Hat er uns nicht vor Zeiten den eignen Sohn als Bürgen zugesandt?

=Arne=