Noa Noa

Part 6

Chapter 61,270 wordsPublic domain

Mit leichtem Schwung fuhr unsere Piroge auf den Strand, und die Verteilung der Beute begann sogleich.

Alle Fische wurden auf die Erde gelegt, und der Anführer teilte sie in so viele gleiche Teile, wie die Anzahl der Personen -- Männer, Frauen und Kinder -- betrug, die sich am Fischfang und dem Fischen der Köderfischchen beteiligt hatten.

Es waren 37 Teile.

Ohne Zeit zu verlieren, nahm meine Vahina ein Beil, spaltete Holz damit und zündete ein Feuer an, während ich noch ein wenig Toilette machte und mich wegen der Nachtkühle einhüllte.

Von unseren beiden Anteilen wurde der eine gekocht, und den anderen bewahrte Tehura roh auf.

Dann fragte sie mich des langen und breiten über die verschiedenen Vorkommnisse beim Fischfang aus, und ich befriedigte willfährig ihre Neugierde. Genügsam und kindlich erheiterte sie sich an allem, und ich beobachtete sie, ohne sie meine geheimen Gedanken merken zu lassen. Im Grunde meiner Seele war ohne jede Ursache eine Unruhe erwacht, die nicht zu beschwichtigen war. Ich brannte darauf, an Tehura eine Frage zu stellen -- eine gewisse Frage ... und es half mir nichts, mir zu sagen: Wozu? Ich antwortete mir selber: Wer weiß?

* * * * *

Die Zeit des Schlafengehens kam heran, und als wir beide ausgestreckt nebeneinander lagen, fragte ich plötzlich:

-- Bist du vernünftig gewesen?

-- Ja.

-- Und dein Geliebter, war er nach deinem Geschmack?

-- Ich habe keinen Geliebten.

-- Du lügst, der Fisch hat es verraten.

Tehura erhob sich und blickte mich starr an. Ihr Antlitz hatte einen seltsamen mystischen Ausdruck majestätischer Größe, der mir fremd war und den ich in ihren heiteren, fast kindlichen Zügen nie vermutet hätte.

Die Atmosphäre in unserer kleinen Hütte hatte sich verwandelt: Ich fühlte, daß etwas Erhabenes sich zwischen uns erhob. Und wider Willen unterlag ich dem Einfluß des Glaubens und erwartete eine Botschaft von oben. Ich zweifelte nicht, daß sie kommen würde, obwohl die fruchtlosen Bedenken unseres Skeptizismus dieser glühenden, wenn auch nur einem Aberglauben geltenden Inbrunst gegenüber noch ihre Macht auf mich ausübten.

Tehura schlich leise zur Tür, um sich zu vergewissern, daß sie gut verschlossen war, und als sie bis in die Mitte der Kammer zurückgekommen war, sprach sie folgendes Gebet:

Rette mich! Rette mich! Es ist Abend, es ist Abend der Götter. Wache über mich, o mein Gott! Wache über mich, o mein Herr! Behüte mich vor Betörung und schlechten Ratschlägen. Bewahre mich vor einem plötzlichen Tode, Vor dem Bösen und Verwünschungen; Bewahre mich vor Streit um die Teilung des Landes, Möge Frieden herrschen unter uns! O mein Gott, schütze mich vor den rasenden Kriegern! Hüte mich vor dem, der mich bedroht, Den es freut zu ängstigen, Vor dem, dessen Haar sich beständig sträubt! Auf daß ich und mein Geist leben können, O mein Gott!

An diesem Abend, wahrlich, habe ich mit Tehura gebetet.

Als sie ihr Gebet beendet hatte, kam sie mit Tränen in den Augen zu mir hin und flehte mich an, sie zu schlagen.

Und vor dem tiefen Ernst dieses Antlitzes, vor der vollkommenen Schönheit dieser lebenden Statue glaubte ich die von Tehura heraufbeschworene Gottheit selber vor mir zu sehen.

Verflucht sei ewig meine Hand, wenn sie es wagte, sich gegen ein Meisterwerk der Natur zu erheben!

Sie wiederholte ihr Flehen, sie zu schlagen.

-- Tust du es nicht, so zürnst du lange und wirst krank.

Ich küßte sie.

Und jetzt, wo ich sie ohne Mißtrauen liebe, so liebe, wie ich sie bewunderte, kamen mir die Worte Buddhas auf die Lippen:

»Ja, durch Sanftmut muß man den Zorn besiegen, durch das Gute Böses, und durch Wahrheit Lüge.«

Diese Nacht ward göttlich, köstlicher als die anderen alle -- und strahlend erwachte der Tag.

Frühmorgens brachte ihre Mutter uns einige frische Kokosnüsse.

Mit einem Blick befragte sie Tehura.

Sie _wußte_.

Mit feinem Mienenspiel sagte sie zu mir:

-- Du warst gestern auf dem Fischfang, ist alles gut verlaufen?

Ich erwiderte:

-- Ich hoffe, bald wieder dabei zu sein.

* * * * *

Ich war genötigt, nach Frankreich zurückzukehren. Wichtige Familienangelegenheiten riefen mich zurück.

Lebe wohl, gastfreies Land, köstliches Land, Heimat der Freiheit und der Schönheit!

Zwei Jahre älter geworden und um zwanzig Jahre verjüngt gehe ich fort, _verwilderter_ als ich gekommen war und doch _gescheiter_.

Die Wilden, diese Unwissenden, haben den alten Kulturmenschen vieles gelehrt, vieles in der Kunst zu leben und glücklich zu sein: Vor allem haben sie mich gelehrt, mich selber besser zu kennen, ich habe von ihnen nur tiefste Wahrheit gehört.

War das dein Mysterium, du geheimnisvolle Welt? Du hast mir Licht gebracht, und ich bin gewachsen in der Bewunderung deiner antiken Schönheit, der unvergänglichen Jugend der Natur.

Das Verständnis und die Liebe zu der Seele deiner Menschen, zu dieser Blume, die aufhört zu blühen, und deren Duft niemand mehr einatmen wird, hat mich besser gemacht.

* * * * *

Als ich den Quai verließ, um an Bord zu gehen, sah ich Tehura zum letztenmal.

Sie hatte Nächte hindurch geweint, jetzt saß sie erschöpft und traurig, aber ruhig mit herabhängenden Beinen auf einem Stein, und ihre starken, festen Füße berührten das schmutzige Wasser.

Die Blume, die sie am Morgen hinters Ohr gesteckt hatte, war welk auf ihre Knie herabgefallen.

Hier und dort starrten andere, wie sie, matt, schweigend, düster, gedankenlos, auf den dichten Qualm des Schiffes, das uns alle für immer weit fort tragen sollte.

Und von der Schiffsbrücke aus glaubten wir, während wir uns immer weiter entfernten, mit dem Fernglas auf ihren Lippen noch lange jene alten maorischen Verse zu lesen:

Ihr leisen Winde von Süd und Ost, Die ein zärtlich Spiel über meinem Haupte vereint, Eilt schnell zur nächsten Insel hin. Dort findet ihr im Schatten seines Lieblingsbaumes Ihn, der mich verlassen hat. Sagt ihm, daß ihr in Tränen mich gesehn.

Fußnoten

[1] Paréo -- Gürtel, einziges Kleidungsstück der Eingeborenen.

[2] Leichtes, aus einem Stamm gemachtes Fahrzeug der Wilden.

[3] Tupapaüs -- Geister von Verstorbenen, Kobolde und Nachtgespenster.

[4] Vivo -- Musikinstrument.

[5] Dieser Mahoüi scheint ebenso wie Roüa, der die Sterne schuf, derselbe wie Taaroa. Es sind wahrscheinlich verschiedene Namen desselben Gottes.

[6] Die symbolische Bedeutung dieses Ritus, das klare Verbot der Anthropophagie, ist nicht zu verkennen.

[7] Es ist zu befürchten, daß die Missionare (von denen diese Überlieferungen stammen) zu einem leicht zu erratenden Zweck, in diesem wie vielen anderen Punkten, die Vorfahren ihrer Pfarrkinder verleumdet haben. Aber trotz alles Brutalen, Grotesken und vielleicht Abstoßenden wird man doch zugeben müssen, daß dieser merkwürdige Ritus nicht einer eigentümlichen Schönheit entbehrt.

[8] Das Wort _Mara_ kommt in der Sprache der Buddhisten vor, wo es _Tod_ bedeutet und, davon abgeleitet, _Sünde_.

[9] Die Legende ist _eine_ der vielen maorischen Erklärungen der Sintflut.

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Anmerkungen zur Transkription

Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 41]: ... deren Bewohner noch nach altem maorischem Brauch ... ... dessen Bewohner noch nach altem maorischem Brauch ...

[S. 60]: ... Hochzeit, legal und religiös, wie die Missionare so den ... ... Hochzeit, legal und religiös, wie die Missionare sie den ...

[S. 73]: ... fernstehende Geister, vermitteln sie nach der Schöpfungsfrage ... ... fernstehende Geister, vermitteln sie nach der Schöpfungssage ...