Part 4
Wie lebt es sich gut! Und mit welchem Appetit verzehrt man nach einem zweistündigen Bad das lecker bereitete Schweinchen, das uns im Hause erwartet!
* * * * *
In Mataïéa fand eine große Hochzeit statt -- eine echte Hochzeit, legal und religiös, wie die Missionare sie den bekehrten Tahitianern vorschreiben.
Ich war dazu eingeladen und Tehura begleitete mich.
Das Mahl bildet auf Tahiti -- wie überall, glaube ich -- die Hauptfeier. Auf Tahiti wenigstens entfaltet man bei diesen Feierlichkeiten den größten kulinarischen Luxus. Auf heißen Steinen gebratene Schweinchen, eine unglaubliche Menge von Fischen, Bananen, Guaven, Taros u. a.
Der Tisch, an dem eine ansehnliche Zahl von Gästen saß, stand unter einem improvisierten Dach, das anmutig mit Blumen und Blättern geschmückt war. Alle Verwandten und Freunde der Neuvermählten waren anwesend.
Das junge Mädchen -- die Lehrerin des Ortes, eine Halb-Weiße -- nahm einen echten Maorie, den Sohn des Häuptlings von Punaauïa, zum Manne. Sie war in der »frommen Schule« von Papeete erzogen worden, und der protestantische Bischof, der sich für sie interessierte, hatte diese Heirat, die viele für etwas übereilt hielten, persönlich vermittelt. -- Was der Missionar will, ist Gottes Wille, sagt man draußen ...
Eine volle Stunde wird gespeist und -- viel getrunken. Dann beginnen die zahlreichen Reden. Sie werden der Reihe nach und mit Methode gehalten, es ist ein sehr komischer Wettstreit der Beredsamkeit.
Nun kommt die wichtige Frage: welche der beiden Familien gibt den Neuvermählten einen neuen Namen? Dieser aus sehr alter Zeit stammende nationale Brauch bedeutet ein geschätztes, sehr begehrtes und viel umstrittenes Vorrecht. Nicht selten artet der Streit über diesen Punkt in einen blutigen Kampf aus.
Diesmal kam es nicht zu einem solchen. Alles verlief fröhlich und friedlich. Allerdings war die Tischgesellschaft stark berauscht. Selbst meine arme Vahina, die nicht unter meiner Aufsicht bleiben konnte, kam, durch das Beispiel verleitet, in einen furchtbaren Rausch, und ich brachte sie nicht ohne Mühe nach Haus.
Mitten am Tische thronte in bewundernswerter Würde die Frau des Häuptlings von Punaauïa. Ihr auffallendes, phantastisches Kleid von orangefarbenem Samt gab ihr ungefähr das Aussehen einer Jahrmarktsheldin. Aber die unverwüstliche Anmut ihrer Rasse, wie das Bewußtsein ihres Ranges verlieh ihrem Flitter eine unbeschreibliche Größe. Die Gegenwart dieser majestätischen Frau von sehr reinem Typus gab diesem Fest eine stärkere Würze als alles andere, und die Wirkung davon blieb nicht aus.
Neben ihr saß eine hundertjährige Greisin, deren Hinfälligkeit durch eine voll erhaltene Doppelreihe Menschenfresserzähne abschreckend war. Sie nahm wenig teil an dem, was um sie herum geschah, und blieb unbeweglich starr, fast wie eine Mumie. Aber eine Tätowierung auf ihrer Wange, ein dunkles, in seiner Form unbestimmtes Zeichen, das an einen lateinischen Buchstaben erinnerte, sprach in meinen Augen für sie und erzählte mir ihre Geschichte. Die Tätowierung glich in nichts der der Wilden: sie stammte sicherlich von europäischer Hand!
Ich erkundigte mich darnach.
Ehemals, sagte man mir, als die Missionare gegen die Fleischeslust eiferten, zeichneten sie »gewisse Frauen« mit dem Stempel der Ehrlosigkeit, dem »Höllensiegel« -- dessen sie sich schämten, aber nicht etwa wegen der begangenen Sünden, sondern wegen der Lächerlichkeit und der Schande einer solchen »Auszeichnung«.
An jenem Tage verstand ich besser denn je das Mißtrauen der Maories den Europäern gegenüber, ein Mißtrauen, das heute noch besteht, so milde es sich bei der großmütigen und gastfreundlichen Natur der australischen Seele auch zeigen mag.
Wieviele Jahre lagen zwischen der von dem Priester gezeichneten Greisin und dem von dem Priester verheirateten jungen Mädchen: Das Zeichen bleibt unauslöschlich und zeugt von dem Niedergang der Rasse, die sich ihm unterwarf, und von der Niedrigkeit jener, die es ihr aufzwang.
Fünf Monate später brachte die junge Frau ein wohlgebildetes Kind zur Welt.
Entrüstet forderten die Eltern eine Scheidung. Der junge Mann widersetzte sich:
-- Was tut es, da wir uns lieben, sagte er. Ist es bei uns nicht Brauch, fremde Kinder anzunehmen? Ich nehme dieses an.
Warum aber hatte der Bischof sich so sehr bemüht, die Trauung zu beschleunigen? Es wurde viel besprochen. Böse Zungen behaupteten, daß ...
Selbst auf Tahiti gibt es böse Zungen.
* * * * *
Abends im Bett haben wir lange Gespräche, mitunter sehr ernste.
Jetzt, wo ich Tehura verstehen kann, in der der Geist ihrer Vorfahren noch schlummert und träumt, bemühe ich mich durch diese Kinderseele zu sehen und zu denken und in ihr die zwar toten, aber in vagen Erinnerungen noch bestehenden Spuren der fernen Vergangenheit wiederzufinden.
Ich stelle Fragen, und sie bleiben nicht alle ohne Antwort.
Die von unsern Eroberungen mehr betroffenen und von unserer Zivilisation stärker beeinflußten Männer haben die alten Götter vielleicht vergessen. Aber im Gedächtnis der Frauen haben diese sich einen Zufluchtsort bewahrt. Und es ist ein rührendes Schauspiel für mich, wenn unter meiner Einwirkung die alten nationalen Gottheiten allmählich in Tehuras Erinnerung erwachen und die künstlichen Schleier abwerfen, in die protestantische Missionare sie einhüllen zu müssen geglaubt. Im ganzen war das Werk der Katecheten ein sehr oberflächliches. Die Erfolge ihrer Tätigkeit entsprachen, besonders bei den Frauen, nur wenig ihren Erwartungen. Ihre Lehren sind wie eine schwache Firnisschicht, die schnell bei der geringsten Berührung abbröckelt und schwindet.
Tehura besucht regelmäßig den Gottesdienst und befolgt die Vorschriften der offiziellen Religion. Aber sie weiß die Namen aller Götter des maorischen Olymps auswendig, und das ist keine Kleinigkeit. Sie kennt ihre Geschichte, sie lehrt mich, wie sie die Welt erschaffen haben, wie sie herrschen und wie sie geehrt sein wollen. Die strengen Lehren der christlichen Moral sind ihr fremd, oder sie kümmert sich nicht darum, denkt z. B. nicht daran zu bereuen, daß sie die Konkubine -- wie sie es nennen -- eines Tané ist.
Ich weiß nicht recht, wie sie Jesus und Taaro in ihrem Glauben zueinander stellt. Ich glaube, sie verehrt alle beide.
Nach und nach hat sie mir einen ganzen Kursus über tahitische Religion gehalten. Dafür versuche ich ihr auf Grund europäischer Kenntnisse einige Naturphänomene zu erklären.
Die Sterne interessieren sie sehr. Sie fragt mich nach der französischen Benennung des Morgen-, des Abendsterns und der anderen Gestirne. Es wird ihr schwer zu begreifen, daß die Erde sich um die Sonne dreht ...
Sie nennt mir die Sterne in ihrer Sprache, und während sie erzählt, sehe ich beim Schein der Gestirne, die selber Gottheiten sind, die heiligen Gestalten der maorischen Beherrscher der Luft, des Feuers, der Inseln und Meere deutlich vor mir.
Die Bewohner von Tahiti haben immer, soweit man auch in ihrer Geschichte zurückgreift, ziemlich ausgedehnte Kenntnisse in der Astronomie besessen. Die periodischen Feste der Aréoïs -- Mitglieder einer geheimen religiösen und zugleich politischen Gesellschaft, die auf den Inseln herrschte -- wurden nach der Stellung der Gestirne bestimmt. Selbst die Natur des Mondlichtes scheint den Maories nicht unbekannt gewesen zu sein. Sie nehmen an, daß der Mond eine der Erde sehr ähnliche Kugel sei, wie diese bewohnt und reich an Produkten wie die unsrigen.
Die Entfernung der Erde vom Monde schätzen sie auf ihre Weise: -- Eine weiße Taube brachte den Samen des Baumes Ora vom Mond auf die Erde. Sie brauchte _zwei Monde_, den Trabanten zu erreichen, und als sie nach abermals zwei Monden auf die Erde fiel, war sie federlos. -- Dieser Vogel hat von allen den Maories bekannten Vögeln den schnellsten Flug.
Dies aber ist die tahitische Benennung der Sterne. Ich vervollständige Tehuras Lektion mit Hilfe des Fragments einer uralten Handschrift, die in Polynesien gefunden wurde.
Ist es zu gewagt, darin eher die erste Andeutung eines von der Astronomie aufgestellten Systems, als ein zufälliges Spiel der Phantasie zu sehen?
Roüa -- groß ist sein Stamm -- schlief mit seinem Weibe, der Düsteren Erde.
Sie gebar ihren König, die Sonne, darauf die Dämmerung, dann die Nacht.
Da verstieß Roüa dieses Weib.
Roüa -- groß ist sein Stamm -- schlief mit der Frau, genannt »Grande Réunion«.
Sie gebar die Königinnen des Himmels, die Gestirne, sodann den Stern Tahiti, den Abendstern.
Der König der goldenen Himmel, der einzige König schlief mit seinem Weibe Fanoüi.
Von ihr stammt das Gestirn Taüroüa (Venus), der Morgenstern, der König Taüroüa, der dem Tag und der Nacht und andern Sternen, dem Mond und der Sonne gebeut und den Schiffern als Führer dient.
Taüroüa segelte links gen Norden, schlief dort mit seinem Weibe und zeugte den Roten-Stern, jenen Stern, der abends unter zwei Antlitzen leuchtet.
Der Rote-Stern flog gegen Osten und setzte seine Piroge instand, die Piroge des hellen Tages, und steuerte gen Himmel. Bei Sonnenaufgang segelte er davon.
Rehoüa tritt nun im weiten Raume auf. Er schläft mit seinem Weibe Oüra Tanéïpa.
Sie zeugten die Zwillings-Könige, den Plejaden gegenüber.
Diese Zwillings-Könige sind sicher dieselben wie unser Kastor und Pollux.
Die erste Version der polynesischen Genesis unterliegt Veränderungen, die vielleicht nur Entwicklungen sind.
Taaroa schlief mit der Frau, die sich Göttin des Äußeren (oder des Meeres) nennt.
Sie zeugten die weißen Wolken, die schwarzen Wolken und den Regen.
Taaroa schlief mit der Frau, die sich Göttin des Innern (oder der Erde) nennt.
Von ihnen stammt der erste Keim. Stammt alles, was auf der Oberfläche der Erde wächst.
Stammt der Nebel auf den Bergen.
Stammt, was sich das Starke nennt.
Stammt sie, die sich die Schöne nennt oder die zum Gefallen-Geschmückte.
Mahoüi[5] steuert seine Piroge.
Er setzt sich nieder auf den Boden. Ihm zur Rechten hängt der mit Haarsträhnen an der Leine befestigte Angelhaken.
Und die Leine mit dem Angelhaken, die er in der Hand hält, läßt er in die Tiefe des Weltalls hinunter, um den großen Fisch (die Erde) zu fischen.
Der Haken hat sich festgebissen.
Schon kommen die Achsen zum Vorschein, schon fühlt der Gott das enorme Gewicht des Erdballs.
Tefatou (der Gott der Erde und die Erde selber) taucht noch, im unermeßlichen Raume schwebend, von dem Angelhaken erfaßt, aus der Nacht empor.
Mahoüi hat den großen Fisch gefischt, der im Raume schwimmt und den er nun nach Belieben lenken kann.
Er hält ihn in der Hand.
Mahoüi regelt auch den Lauf der Sonne, so daß Tag und Nacht von gleicher Dauer sind.
Ich bat Tehura, mir die Götter zu nennen.
-- Es schlief Taaroa mit Ohina, der Göttin der Luft.
Von ihnen stammt der Regenbogen, der Mondschein, die roten Wolken und der rote Regen.
Es schlief Taaroa mit Ohina, der Göttin des Erdbusens.
Sie zeugten Tefatou, den Geist, der die Erde belebt und sich durch unterirdische Geräusche zu erkennen gibt.
Es schlief Taaroa mit der Frau, genannt Jenseits-der-Erde.
Sie zeugten die Götter Téirii und Roüanoüa.
Darauf Roo, der seitwärts aus dem Leibe der Mutter kam.
Und dieselbe Frau gebar noch den Zorn und den Sturm, die Rasenden Winde und auch den Frieden, der ihnen folgt.
Und der Ursprung dieser Geister ist an dem Ort, von dem die Boten ausgesandt werden.
Aber Tehura gibt zu, daß diese Darstellung angefochten wird. Es ist die orthodoxeste Klassifikation.
Die Götter teilten sich in Atuas und Oromatuas.
Die höheren Atuas sind alle Söhne und Enkel des Taaroa.
Sie wohnen in den Himmeln -- es gibt deren sieben.
Die Söhne Taaroas und seines Weibes Féii Féii Maïtéraï waren: Oro (der erste der Götter nach seinem Vater, der selbst zwei Söhne hatte, Tetaï Mati und Oüroü Téféta), Raa (Vater von sieben Söhnen), Tané (Vater von sechs Söhnen), Roo, Tiéri, Téfatou, Roüa Noüa, Toma Hora, Roüa Oütia, Moë, Toüpa, Panoüa usw. usw.
Jeder dieser Götter hatte seine besonderen Abzeichen.
Die Werke des Mahoüi und des Tefatou kennen wir bereits ...
Tané hat den siebenten Himmel als Mund -- und dies bedeutet, daß der Mund dieses Gottes das äußerste Ende des Himmels ist, von wo aus das Licht die Erde zu erhellen beginnt.
Rii trennte Himmel und Erde.
Roüi wühlte die Wasser des Ozeans auf, durchbrach die feste Masse des Erdballs und teilte ihn in unzählige Teile, die jetzigen Inseln.
Fanoüra, dessen Haupt bis zu den Wolken und dessen Füße bis zum Meeresgrund reichten, und Fatoühoüi, ein anderer Riese, stiegen zusammen nach Eïva -- einem unbekannten Lande -- hinunter, um das ungeheure Schwein zu bekämpfen und zu vernichten, das die Menschen verschlang.
Hiro, Gott der Diebe, grub mit seinen Fingern Löcher in den Felsen. Er befreite eine Jungfrau, die Riesen an einem verzauberten Ort gefangen hielten: mit einer einzigen Hand riß er die Bäume aus, die am Tage das Gefängnis der Jungfrau verdeckten, und der Zauber war gebrochen ...
Die Atuas niederen Ranges kümmerten sich mehr um das Leben und die Arbeit der Menschen, ohne ihre Gewohnheiten zu teilen.
Es sind: die Atuas Maho (Götter-Haie), Schutzgeister der Seeleute: die Pëho, Götter und Göttinnen der Täler, Schutzgeister der Ackerbauer; die No Te Oüpas Oüpas, Schutzgeister der Sänger, Komödianten und Tänzer; die Raaoü Pava Maïs, Schutzgeister der Ärzte; die No Apas, Götter, denen Opfer dargebracht werden, nachdem sie jemand vor Hexerei und Zauber bewahrt haben; die O Tanoü, Schutzgeister der Arbeiter, die Tané Ité Haas, Schutzgeister der Zimmerleute und Baumeister; die Minias und Papéas, Schutzgeister der Dachdecker; die Matatinis, Schutzgeister der Netzeknüpfer.
Die Oromatuas sind Hausgötter, die Laren.
Es gibt wirkliche Oromatuas und Genien.
Die Oromatuas strafen die Streitsüchtigen und halten den Frieden in den Familien aufrecht. Es sind: die Varna Taatas, Seelen verstorbener Männer und Frauen jeder Familie. Die Eriorios, Seelen der in frühem Alter eines natürlichen Todes gestorbenen Kinder. Die Poüaras, Seelen von Kindern, die bei der Geburt getötet wurden und in den Körper der Heuschrecke zurückgekehrt waren.
Die Genien sind von den Menschen gemutmaßte oder vielmehr wissentlich erdachte Gottheiten. Sie legen irgendeinem Tiere oder einem Gegenstand, einem Baume z. B., ohne jeden Grund willkürlich göttliche Bedeutung bei und fragen ihn dann bei jedem wichtigen Anlaß um Rat. -- Vielleicht ist das noch eine Spur der Seelenwanderung der Inder, die die Maories höchst wahrscheinlich gekannt haben.
Ihre historischen Gesänge sind überreich an Sagen, in denen man die Götter wieder die Gestalt von Tieren und Pflanzen annehmen sieht.
Nach den Atuas und Oramatuas kommen in letzter Reihe der himmlischen Rangordnung die Tiis.
Diese Söhne Taaroas und Hinas sind sehr zahlreich.
Als den Göttern untergeordnete und den Menschen fernstehende Geister, vermitteln sie nach der Schöpfungssage der Maories zwischen organischen und unorganischen Wesen und verteidigen die Ansprüche und Rechte dieser gegen die widerrechtlichen Angriffe der anderen.
Ihre Entstehung ist diese:
Es schlief Taaroa mit Ani (Sehnsucht) und sie zeugten: die Sehnsucht der Nacht, den Boten der Finsternis und des Todes; die Sehnsucht des Tages, den Boten des Lichts und des Lebens; die Sehnsucht der Götter, den Boten des Himmlischen, und die Sehnsucht der Menschen, den Boten des Irdischen.
Sodann zeugten sie: Tii-des-Inneren, der über Tiere und Pflanzen wacht, Tii-des-Äußeren, der alle Wesen und Dinge des Meeres hütet; Tii-des-Sandes, Tii-der-Küsten und Tii-der-lockeren Erde; Tii-der-Felsen und Tii-des-Festen-Landes.
Später wurden noch geboren: Nachtleben, Tagesleben, Kommen und Gehen, Ebbe und Flut, Freudenspenden und Genießen.
Die Bildnisse der Tiis waren an der Außenseite der Maraës (Tempel) angebracht und begrenzten das Innere des heiligen Bodens. Man sieht deren auf Felsen und an Küsten, und diese Götzenbilder haben die Aufgabe, die Grenze zwischen Erde und Meer zu bezeichnen, die Harmonie zwischen den beiden Elementen aufrechtzuerhalten und ihren wechselseitigen Eingriffen zu wehren. Reisende haben noch jetzt auf der Ile-de-Pâques einige Tii-Statuen gesehen. Es sind Riesendenkmäler in halb menschlicher, halb tierischer Gestalt, die von einem eigentümlichen Schönheitsbegriff und großer Geschicklichkeit in der Behandlung der Steine zeugen, die architektonisch in Blöcken von geschickt gewählter Farbenzusammenstellung übereinander getürmt sind.
Die europäische Invasion und der Monotheismus haben diese Spuren einer einst hohen Kultur verwischt. Wenn die Tahitianer heutzutage ein Monument errichten, zeigen sie Wunder von schlechtem Geschmack -- wie in der Art des Grabmals des Pomare. Sie haben ihre ursprünglichen Instinkte verloren, die in dem steten Verkehr mit der Tier- und Pflanzenwelt in so reichem Maße bei ihnen entwickelt waren. Im Umgang mit uns, in _unserer Schule_ sind sie erst wahrhaft »Wilde« in jenem Sinne geworden, die der lateinische Okzident diesem Worte unterlegt. Sie sind schön geblieben wie Kunstwerke, aber sie sind (wir haben sie) moralisch und auch physisch unfruchtbar gemacht.
Es existieren noch Spuren der Maraës. Sie waren von Mauern umgebene Vierecke, die durch drei Öffnungen unterbrochen wurden. Drei Seiten bestanden aus Steinmauern von vier bis sechs Fuß, eine weniger hohe als breite Pyramide bildete die vierte. Das Ganze hatte eine Breite von etwa hundert und eine Länge von vierzig Metern. -- Bildnisse von Tiis schmückten dies einfache Bauwerk.
Der Mond nimmt einen wichtigen Platz in der metaphysischen Anschauung der Maories ein. Daß ihm zu Ehren ehemals große Feste veranstaltet wurden, ist schon gesagt worden. Hina wird in den überlieferten Erzählungen der Aréoïs oft genannt. Jedoch ist ihre Mitwirkung an der Weltharmonie, ihre Rolle darin eine mehr negative als positive.
Dies geht deutlich aus dem oben angeführten Gespräch zwischen Hina und Tefatou hervor.
Den Exegeten würden solche Worte den schönsten Stoff liefern, wenn sich die australische Bibel auffinden ließe, um sie auszulegen. Vor allem würden sie darin die Lehren einer Religion auf der Verehrung von Naturkräften aufgebaut sehen -- ein gemeinsamer Zug aller primitiven Religionen. Die Mehrzahl aller maorischen Götter sind eigentlich eine Personifikation verschiedener Elemente. Aber ein aufmerksamer Blick, der nicht von dem Wunsch abgelenkt und beeinflußt ist, die Überlegenheit unserer Philosophie über die jener »Völkerschaften« zu beweisen, wird in diesen Legenden sicherlich interessante und eigentümliche Züge finden.
Ich möchte zwei davon anführen -- aber ich begnüge mich, darauf hinzuweisen. Es ist Aufgabe der Gelehrten, die Richtigkeit dieser Hypothesen zu bestätigen.
Vor allem ist es die Klarheit, mit der die beiden einzigen und allgemeinen Grundideen des Lebens sich unterscheiden und offenbaren. Die eine, Seele und Intelligenz, Taaora, ist das Männliche, die andere, gewissermaßen Stoff und Körper des nämlichen Gottes, das Weibliche, und dies ist Hina, Ihr gehört die ganze Liebe des Menschen, ihm seine Ehrfurcht. -- Hina ist nicht nur der Name des Mondes; es gibt auch eine _Hina der Luft_, _Hina des Meeres_, eine _Hina des Inneren_, aber diese beiden Silben charakterisieren nur die untergeordneten Teile der Materie. Die Sonne, der Himmel, das Licht und sein Reich, sozusagen alle edlen Teile der Materie -- oder vielmehr ihre spirituellen Elemente sind Taaroa. Das geht deutlich aus mehr als einem Ausspruch hervor, in dem die Definition von Geist und Materie wieder zu erkennen ist. -- Oder was bedeutet wohl, wenn wir es bei dieser Definition bewenden lassen, die Grundlehre der maorischen Schöpfungsgeschichte:
Das Weltall ist nur die Schale des Taaroa --?
Bestätigt diese Lehre nicht den Urglauben an die Einheit des Stoffes; wie die Definition und die Trennung von Geist und Körper die Analyse der zwiefachen Manifestation dieses Stoffes in seiner Einheit! So selten solch ein philosophisches Vorausempfinden bei den Primitiven auch sein mag, darf doch dessen Wahrscheinlichkeit nicht bestritten werden. Es ist wohl zu erkennen, daß die australische Theologie in den Handlungen des Gottes, der die Welt erschuf und sie erhält, zwei Ziele im Auge hat: die erzeugende Ursache und die befruchtete Materie, die treibende Kraft und den verwandelten Gegenstand, Geist und Materie. Ebenso muß man in den beständigen Wechselwirkungen zwischen dem leuchtenden Geist und der empfänglichen Materie, die er belebt, in den aufeinander folgenden Verbindungen des Taaroa mit den verschiedenen Hina-Gestalten, den fortwährenden und wechselnden Einfluß der Sonne erkennen, wie in den Früchten dieser Verbindungen die durch eben diese Elemente hervorgerufenen Wandlungen von Licht und Wärme. Aber hat man dieses Phänomen, von dem aus die beiden Hauptströmungen sich vereinigten, erst einmal vor Augen, so verschmelzen in der Frucht die zeugende Ursache und die befruchtete Materie, in der Bewegung die treibende Kraft und der verwandelte Gegenstand, im Leben Geist und Materie, und das eben erschaffene Weltall ist nichts _als die Schale des Taaroa_!
Aus dem Zwiegespräch zwischen Hina und Tefatou geht hervor, daß Mensch und Erde untergehen, während der Mond und die Wesen, welche ihn bewohnen, fortdauern. Wenn wir uns erinnern, daß Hina die Materie vorstellt -- in der sich einem wissenschaftlichen Ausspruch nach »alles verwandelt und nichts vergeht« --, werden wir annehmen müssen, daß der alte maorische Weise, von dem diese Sage stammt, ebensoviel davon wußte wie wir. Die Materie vergeht nicht, das heißt, sie verliert ihre sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften nicht. Der Geist dagegen und die »spirituelle Materie«, das Licht, sind Wandlungen unterworfen: es gibt Nacht und den Tod, wo die Augen sich schließen, von denen Helle auszustrahlen schien, die sie zurückwarfen. -- Der Geist, oder die höchste aktuelle Manifestation des Geistes ist der Mensch. _Und der Mensch muß sterben ... Er stirbt, um nicht mehr zum Leben zu erwachen._ -- Wenn aber der Mensch und die Erde, die Früchte der Verbindung von Taaroa mit Hina, auch untergehen, ist doch Taaroa ewig, und uns wird verkündet, daß Hina, die Materie, fortfahren wird zu sein. In alle Ewigkeit werden nun Geist und Materie, das Licht und der Gegenstand, den es zu erhellen strebt, von dem gemeinsamen Verlangen nach einer neuen Verbindung erfüllt sein, aus der ein neuer »Zustand« der unendlichen Evolution des Lebens hervorgehen wird.
Evolution! ... Einheit des Stoffes ... Wer hätte erwartet, in den Vorstellungen ehemaliger Kannibalen die Beweise einer so hohen Kultur zu finden? Ich kann mit gutem Gewissen sagen, daß ich der Wahrheit nichts zugefügt habe.
Tehura zweifelte zwar durchaus nicht an diesen Abstraktionen, aber sie war nicht davon abzubringen, in den Sternschnuppen schweifende Tupapaüs und trauernde Genien zu sehen. Im selben Sinne wie ihre Vorfahren Taaroa für den Himmel in Person und die von ihm stammende Atuas für Götter und Himmelskörper zugleich hielten, schrieb sie den Sternen menschliche Empfindungen zu. Ich weiß nicht, inwiefern diese poetischen Vorstellungen den Fortschritt der positivsten Wissenschaft hemmen, und bis zu welchem Punkt die höchste Wissenschaft sie verwerfen würde ...