Part 2
Ich lächelte über diese Bemerkung, und sie rührte mich. Hatte sie denn Verständnis für das Schöne? Was aber würden die Professoren der Akademie der Schönen Künste dazu sagen?
Nach einem fühlbaren Schweigen, wie es einer Gedankenfolgerung vorauszugehen pflegt, fügte sie plötzlich hinzu:
-- Ist das deine Frau?
-- Ja.
Ich scheute diese Lüge nicht. Ich, der _Tané_ der schönen Olympia!
Während sie neugierig einige religiöse Kompositionen der italienischen Primitiven prüfte, begann ich eilig, ohne daß sie es sah, ihr Porträt zu skizzieren.
Sie merkte es plötzlich, rief schmollend -- Aïta! (Nein) und lief davon.
Eine Stunde später war sie in einem schönen Kleid, die Tiaré hinterm Ohr, wieder da. -- Geschah es aus Koketterie? aus Freude, nach der Weigerung freiwillig nachzugeben? Oder war es einfach das Lockende der verbotenen Frucht, die man sich selber verwehrt? Oder noch einfacher vielleicht bloße Laune, ohne jeden andern Beweggrund, wie die Maories sie gewohnt sind?
Ohne Zögern machte ich mich an die Arbeit, ohne Zögern und fieberhaft. Ich war mir bewußt, daß von meiner Leistung als Maler die physische und moralische Ergebenheit des Modells, eine rasche, stillschweigende, unweigerliche Einwilligung abhing.
Nach unsern Regeln der Ästhetik war sie wenig schön.
Aber sie war schön.
Ihre Züge waren von einer raffaelischen Harmonie, und den Mund hatte ein Bildhauer modelliert, der es versteht, in eine einzige bewegliche Linie alle Freude und alles Leid zu legen.
Ich arbeitete hastig und leidenschaftlich, denn ich wußte wohl, daß auf die Zustimmung noch nicht zu rechnen war. Ich zitterte davor, in diesen großen Augen Furcht zu lesen und Verlangen nach dem Unbekannten, die Melancholie bitterer Erfahrung, die jeder Lust zugrunde liegt, wie das unfreiwillige, souveräne Gefühl der Selbstbeherrschung. Solche Geschöpfe scheinen uns zu unterliegen, wenn sie sich uns geben, und unterliegen doch nur ihrem eigenen Willen. Sie beherrscht eine Kraft, die etwas Übermenschliches hat -- oder vielleicht etwas göttlich Animalisches.
* * * * *
Jetzt arbeitete ich freier, besser.
Aber meine Einsamkeit quälte mich. Ich sah in dieser Gegend zwar junge Frauen und Mädchen mit ruhigem Blick, echte Tahitianerinnen, und einige darunter hätten vielleicht gern das Leben mit mir geteilt. -- Aber ich wagte nicht sie anzureden. Sie schüchterten mich wirklich ein mit ihrem sicheren Blick, der Würde ihrer Haltung und den stolzen Gebärden.
Dennoch wollen alle »genommen«, buchstäblich brutal genommen sein (_maü_, ergreifen), ohne ein Wort. Alle haben den geheimen Wunsch nach Vergewaltigung: weil durch diesen Akt männlicher Autorität der Weibwille seine volle Unverantwortlichkeit behält -- denn so hat es ja nicht seine Einwilligung zum Beginn einer dauernden Liebe gegeben. Möglich, daß dieser erst so empörenden Gewalt ein tiefer Sinn zugrunde liegt, möglich auch, daß sie ihren wilden Reiz hat. Ich dachte wohl daran, aber ich wagte es nicht.
Und dann hielt man mehrere von ihnen für krank, von jener Krankheit befallen, die den Wilden als erste Stufe des Kulturlebens von den Europäern gebracht wird ...
Und wenn die Alten, auf eine von ihnen weisend, zu mir sagten:
-- Maü téra (nimm diese), hatte ich weder die notwendige Kühnheit noch Vertrauen. Ich ließ Titi sagen, daß ich sie mit Vergnügen wieder aufnehmen wolle.
Sie kam sogleich.
Der Versuch mißglückte, und an der Langeweile, die ich in der Gesellschaft dieser an den banalen Luxus der Beamten gewöhnten Frau empfand, konnte ich ermessen, welche Fortschritte ich bereits in dem schönen Leben der Wilden gemacht hatte.
Nach Verlauf einiger Wochen schieden Titi und ich für immer voneinander.
Ich war wieder allein.
* * * * *
Meine Nachbarn sind mir Freunde geworden. Ich esse und kleide mich wie sie. Wenn ich nicht arbeite, teile ich ihr Leben der Einfalt und der Freude, das sich zuweilen jäh in Ernst verwandelt.
Abends versammelt man sich in Gruppen am Fuße der buschigen Sträucher, die die zerzausten Wipfel der Kokosnußbäume überragen, oder Männer und Frauen, Greise und Kinder vereinen sich. Die einen stammen aus Tahiti, andere von den Tongas- und wieder andere von den Marquesas-Inseln. Die matten Töne ihrer Körper stimmen harmonisch zu dem Sammet des Laubes, und aus ihrer kupfernen Brust steigen zitternd Melodien, die von den rauhen Stämmen der Kokosnußbäume gedämpft zurückgeworfen werden. Es sind tahitische Gesänge, die _Iménés_.
Eine Frau beginnt, ihre Stimme erhebt sich gleich einem Vogel im Fluge und geht durch alle Töne bis zum höchsten der Tonleiter, steigt und singt in starken Modulationen und schwebt schließlich über den Stimmen der übrigen Frauen, die ihrerseits nun auffliegen, wenn man so sagen darf, ihr folgen und sie getreulich begleiten. Mit einem einzigen gutturalen, barbarischen Schrei schließen zuletzt alle Männer einstimmig den Gesang.
Zuweilen kommt man zum Plaudern oder Singen in einer Hütte zusammen.
Mit einem Gebet wird begonnen, ein Greis spricht es gewissenhaft vor, und alle Anwesenden wiederholen es. Dann wird gesungen, oder es werden lustige Geschichten erzählt. Der Inhalt dieser Erzählungen ist sehr zart, kaum greifbar, es sind in das Gewebe gestickte, durch ihre Naivität so feine Details, die sie belustigen.
Seltener gibt man sich mit der Erörterung ernster Fragen oder weiser Vorschläge ab. Eines Abends wurde folgender gemacht, den ich nicht ohne Staunen hörte:
-- In unserm Dorf, sagte ein Greis, sieht man hier und dort zerfallene Häuser, geborstene Mauern und morsche halboffene Dächer, durch die Nässe dringt, wenn es zufällig einmal regnet. Warum? Jedermann hat das Recht, vor Wind und Wetter geschützt zu sein. Es fehlt weder an Holz noch an Laub zur Herstellung der Dächer. Ich schlage vor, gemeinschaftlich geräumige solide Hütten an Stelle der unbewohnbar gewordenen zu bauen. Wir wollen alle der Reihe nach Hand anlegen.
Alle Anwesenden spendeten ihm ohne Ausnahme Beifall:
Der Antrag des Greises wurde einstimmig angenommen.
Ein kluges und gutes Volk, dachte ich, als ich abends nach Hause kam.
Aber am folgenden Tage, als ich mich nach dem Beginn der gestern verabredeten Arbeit erkundigte, merkte ich, daß niemand mehr daran dachte. Das tägliche Leben nahm wieder seinen Gang, und die von dem weisen Ratgeber bezeichneten Häuser blieben zerfallen wie zuvor.
Auf meine Fragen erhielt ich nur ein ausweichendes Lächeln zur Antwort.
Aber gerunzelte Brauen zogen bedeutsame Linien in diese träumerischen Stirnen.
Ich zog mich verwirrt, aber mit dem Gefühl zurück, eine tüchtige Lektion von meinen Wilden erhalten zu haben. Sie taten wahrlich recht, dem Vorschlag des Greises beizustimmen. Vielleicht hatten sie auch recht, dem gefaßten Entschluß nicht weiter Folge zu leisten.
Wozu arbeiten? Die Götter sind da, ihren Getreuen von den Gütern der Natur zu spenden.
-- Morgen?
-- Vielleicht! aber was auch geschehen mag, heiter und wohltätig wird die Sonne morgen aufgeben, wie sie es heute getan.
Ist das Sorglosigkeit, Leichtsinn, Unbeständigkeit? Oder vielleicht tiefe Philosophie? -- Wer weiß? Hütet euch vor dem Luxus! Hütet euch, unter dem Vorwande der Vorsorge Geschmack daran zu finden und ihn für notwendig zu halten ...
Das Leben gestaltete sich täglich besser. Ich verstehe die Sprache der Maories jetzt ziemlich gut und werde sie bald ohne Mühe sprechen können.
Meine Nachbarn -- drei ganz in der Nähe und andere zahlreiche in einiger Entfernung voneinander -- betrachten mich als einen der Ihren.
In der fortwährenden Berührung mit den Kieselsteinen sind meine Füße abgehärtet und an den Boden gewöhnt. Mein fast beständig nackter Körper leidet nicht mehr unter der Sonne.
Die Zivilisation verläßt mich allmählich.
Ich fange an einfach zu denken, nur wenig Haß gegen meinen Nächsten zu empfinden -- eher ihn zu lieben.
Ich genieße alle Freuden des Lebens -- animalische wie menschliche. Bin alles Erkünstelten, aller Konvention, aller Gewohnheiten ledig. Ich komme der Wahrheit nahe, der Natur. Mit der Gewißheit, eine Reihe freier, schöner Tage wie der heutige vor mir zu haben, senkt sich Friede auf mich herab, ich entwickle mich normal und beschäftige mich nicht mit unnützen Dingen.
Ich habe einen Freund gewonnen.
Er ist von selber zu mir gekommen, und ich darf gewiß sein, daß kein niedriger Eigennutz ihn dazu veranlaßt hat.
Es ist einer meiner Nachbarn, ein schlichter, sehr schöner, junger Bursche.
Meine farbigen Bilder und meine Holzschnitzereien haben seine Neugierde geweckt; meine Antworten auf seine Fragen haben ihn belehrt. Es vergeht kein Tag, an dem er mir nicht beim Malen oder Schnitzen zuschaut ...
Noch jetzt, nach so langer Zeit, erinnere ich mich gern der wahren, echten Gefühle, die ich in dieser wahren, echten Natur erweckte.
Abends, wenn ich von meiner Arbeit ausruhte, plauderten wir miteinander. Als neugieriger junger Wilder fragte er mich nach europäischem Leben, besonders nach Liebessachen, und mehr als einmal brachten seine Fragen mich in Verlegenheit.
Aber seine Antworten waren noch naiver als seine Fragen.
Eines Tages gab ich ihm meine Werkzeuge und ein Stück Holz, ich wollte, daß er den Versuch machte zu schnitzen. Verwirrt und schweigend schaute er mich erst an, dann gab er mir Holz und Werkzeug wieder zurück und sagte schlicht und treuherzig, ich sei nicht wie die andern, ich verstände Dinge, zu denen andere Menschen unfähig wären, und sei _andern nützlich_.
Ich glaube, Jotéfa ist der erste Mensch, der mir das gesagt hat -- es war die Sprache des Wilden oder des Kindes, denn man muß eins von beiden sein, nicht wahr, um zu glauben, daß ein Künstler -- ein _nützlicher Mensch_ sei.
* * * * *
Einmal brauchte ich Rosenholz zu meiner Schnitzerei. Ich wollte einen festen starken Stamm und fragte Jotéfa um Rat.
-- Man muß in die Berge gehen, sagte er. Ich weiß an einer bestimmten Stelle mehrere schöne Bäume. Wenn du willst, führe ich dich hin. Wir fällen einen Baum, der dir zusagt, und tragen ihn zusammen her.
Zeitig am Morgen brachen wir auf. Die Fußsteige auf Tahiti sind ziemlich beschwerlich für einen Europäer, und das Gehen im Gebirge erfordert, selbst für die Eingeborenen, eine Kraftanstrengung, zu der sie sich nicht unnötig entschließen.
Zwischen zwei Bergen, zwei steilen Basaltwänden, die nicht zu erklimmen sind, gähnt ein Spalt, in dem das Wasser sich zwischen Felsblöcken hindurchwindet, die sich von der Seitenwand gelöst haben, um einer Quelle den Weg zu bahnen. Die zum Bach angewachsene Quelle hat an ihnen gerüttelt und gerückt und sie schließlich etwas weiter fortgedrängt, bis der Bach, zum Strom angeschwollen, sie mitgerissen und bis zum Meer getragen. An jeder Seite dieses Baches führt, oft von wahren Kaskaden unterbrochen, eine Art von Weg durch ein buntes Gemisch von Bäumen, Brotbäumen, Eisenbäumen, Bouraos, Kokosnußbäumen, Hibiscus, Pandanus, Guavabäumen und Riesenfarnen, eine tolle Vegetation, die immer wilder und dichter und schließlich zu einem immer undurchdringlicheren Dickicht wird, je weiter man zum Mittelpunkt der Insel vordringt.
Wir gingen beide nackt, mit dem weißblauen Paréo umgürtet, das Beil in der Hand und mußten unzählige Male den Bach durchschreiten, um ein Stück Weges abzuschneiden, den mein Führer mehr mit dem Geruche als mit dem Auge zu entdecken schien, denn ein prächtiges Gewirr von Gras, Blättern und Blumen hatte den Boden ganz bedeckt.
Es herrschte vollkommene Stille, trotz des klagenden Rauschens des Wassers in den Felsen, eines einförmigen Rauschens, einer sanften, leisen Klage -- wie die Begleitung der Stille.
Und in diesem Walde, in dieser Einsamkeit, dieser Stille wir beide allein, -- er, ein ganz junger Mann, und ich, fast ein Greis, dem viele Illusionen den zarten Hauch von der Seele gestreift, viele Anstrengungen den Körper erschlafft und eine physisch und moralisch kranke Gesellschaft ihre Laster, dies alte verhängnisvolle Erbe hinterlassen!
Mit der animalisch geschmeidigen Anmut seiner Androgynen-Gestalt schritt er vor mir her. Ich meinte die ganze Pflanzenpracht ringsum in ihm verkörpert zucken und leben zu sehen.
War es ein Mensch, der da vor mir ging? War es der kindliche Freund, bei dem mich das Einfache und Komplizierte seiner Natur zugleich angezogen? War es nicht vielmehr der Wald selber, der lebendige Wald, geschlechtlos und -- verführerisch?
Bei diesen nackten Völkerschaften ist der Unterschied der Geschlechter, wie bei den Tieren, weniger betont als in unsern Klimaten. Mit Gürtel und Schnürleib ist es uns gelungen, aus der Frau eine Anomalie, ein künstliches Wesen zu schaffen, das die Natur uns, den Gesetzen der Vererbung gehorchend, zu komplizieren und zu entkräften hilft, und das wir sorgfältig in einem Zustand nervöser Schwäche und unzulänglicher Muskelkraft erhalten, indem wir es vor Ermüdung bewahren und ihm die Gelegenheit nehmen, sich zu entwickeln. Da unsere Frauen nach einem so bizarren Ideal von Schlankheit geformt sind -- bei dem wir, seltsam genug, verharren --, haben sie nichts Gemeinsames mehr mit uns, was vielleicht nicht ohne ernste moralische und soziale Nachteile bleibt.
Auf Tahiti kräftigt die Wald- und Meeresluft die Lungen, macht Schultern und Hüften breit, und weder Männer noch Frauen werden von den Strahlen der Sonne und den Kieselsteinen am Strande verschont. Sie verrichten zusammen die gleichen Arbeiten, mit demselben Fleiß oder demselben Gleichmut. Es ist etwas Männliches an diesen, und an jenen etwas Weibliches.
Diese Ähnlichkeit der Geschlechter erleichtert ihre Beziehungen, und die stete Nacktheit gibt den Sitten eine natürliche Unschuld und vollkommene Reinheit, weil den Gemütern die Beschäftigung mit dem gefährlichen Mysterium fehlt, das einen »glücklichen Zufall« so bedeutungsvoll macht, und ihnen das verstohlene oder sadistische Wesen der Liebe bei den Kulturmenschen fremd ist. Mann und Frau, die Kameraden und mehr Freunde als Liebende sind, leben in Freud und Leid fast unausgesetzt zusammen, und selbst den Begriff des Lasters kennen sie nicht.
Warum erwachte in diesem Rausch von Duft und Licht nun plötzlich bei dem alten Kulturmenschen, mit dem Reiz des Neuen, Unbekannten, trotz der geringeren sexuellen Unterschiede, jene furchtbare Begierde?
Das Fieber pochte in meinen Schläfen und mir wankten die Knie.
Aber der Weg war zu Ende, mein Gefährte wandte sich, um den Bach zu durchschreiten, und kehrte sich mir bei der Bewegung zu: der Androgyne war verschwunden. Es war ein wirklicher Jüngling, der vor mir schritt, und seine ruhigen Augen hatten die feuchte Klarheit des Wassers.
Sogleich kam wieder der Friede über mich.
Wir rasteten einen Augenblick, und ich empfand einen unendlichen, eher geistigen als sinnlichen Genuß, als ich in das frische Wasser tauchte.
-- Toë, toë (es ist kalt), sagte Jotéfa.
-- O nein! erwiderte ich. Und dieser Ausruf, der zu dem Beschluß des Kampfes paßte, den ich im Geiste eben gegen eine ganze verderbte Zivilisation bestanden hatte, weckte ein lautes Echo im Walde. Und ich sagte mir, daß die Natur mich hatte kämpfen sehen, daß sie mich hörte und mich verstand, denn jetzt antwortete sie auf meinen Siegesruf mit ihrer klaren Stimme, daß sie nach dieser Prüfung willig sei, mich in die Reihe ihrer Kinder aufzunehmen.
Wir setzten unseren Weg fort, und ich drang mit leidenschaftlichem Eifer immer tiefer in das Dickicht, als könnte ich dadurch bis ans Herz dieser gewaltigen, mütterlichen Natur vordringen und mich mit ihren lebenden Elementen vereinen.
Mit ruhigem Blick ging mein Gefährte immer gleichen Schritts vor mir her. Er war ohne Argwohn, ich trug die Last meines bösen Gewissens allein.
Wir langten an unserm Ziel an.
Die steilen Wände des Berges waren allmählich flacher geworden, und hinter einem dichten Vorhang von Bäumen dehnte sich, wohl versteckt, eine Art Plateau aus. Aber Jotéfa kannte die Stelle und leitete mich mit erstaunlicher Sicherheit hin.
Ein Dutzend Rosenholzbäume breiteten dort ihr gewaltiges Geäst aus.
Wir fällten den schönsten mit dem Beil und mußten ihn ganz opfern, um ihm einen für mein Vorhaben passenden Zweig zu rauben.
Das Fällen machte mir Freude, und mit wahrem Vergnügen und freudiger Erregung in mir, ich weiß nicht welch göttlich rohe Begierde zu befriedigen, riß ich mir die Hände blutig. Nicht auf den Baum hieb ich ein, nicht ihn wollte ich überwältigen. Und dennoch hätte ich den Klang meines Beiles gern noch an andern Stämmen vernommen, als dieser am Boden lag.
Und was mein Beil mir im Takt mit den hallenden Schlägen sagte, war dies:
Den ganzen Wald mußt du niederschlagen! Den ganzen Wald des Bösen vernichten, Der seine Keime dir einblies mit giftigem Hauch! Zerstöre die Eigenliebe in dir! Zerstöre das Böse und reiß es heraus, Wie die Lotosblume im Herbst!
Ja, von nun an ist der alte Kulturmensch verschwunden, tot. Ich ward wiedergeboren -- oder vielmehr ein anderer Mensch, ein reiner, stärkerer erstand in mir.
Dieser furchtbare Anfall war der letzte Abschied von der Zivilisation: vom Bösen. Und dieser letzte Beweis verderbter Instinkte, die auf dem Grunde aller dekadenten Seelen schlummern, erhöhte durch den Kontrast die gesunde Einfachheit des Lebens, mit dem ich schon den ersten Anfang gemacht, bis zu einem Gefühl unsagbarer Wonne.
Gierig atmete ich die herrliche, reine Luft ein. Von nun an war ich ein andrer Mensch: ein wahrer Wilder, ein echter Maorie.
Jotéfa und ich kehrten nach Mateïéa zurück und trugen vorsichtig und einträchtig unsere schwere Rosenholzlast: _noa, noa_!
Die Sonne war noch nicht untergegangen, als wir sehr ermüdet vor meiner Hütte anlangten.
Jotéfa sagte zu mir:
-- Païa?
-- Ja, erwiderte ich.
Und im Grunde meines Herzens wiederholte ich für mich:
-- Ja!
Ich machte keinen Schnitt in dieses Rosenholz, ohne jedesmal stärker den Duft des Sieges und der Verjüngung einzuatmen: _noa, noa_!
Durch das Tal von Punaru -- eine tiefe Kluft, die Tahiti in zwei Teile trennt -- gelangt man zu dem Plateau von Tamanoü. Von dort kann man das Diadem, Oroféna und Aroräï, -- den Mittelpunkt der Insel sehen.
Man hatte mir davon oft wie von etwas Wunderbarem gesprochen, und ich hatte mir vorgenommen, allein hinzugehen und dort einige Tage zu verbringen.
-- Aber was wirst du nachts machen?
-- Die Tupapaüs[3] werden dich ängstigen!
-- Man darf die Berggeister nicht stören.
... Du bist toll!
Ich war es wahrscheinlich, denn diese besorgte Unruhe meiner tahitischen Freunde stachelte meine Neugierde nur noch mehr.
In einer Nacht machte ich mich also vor Tagesanbruch auf.
Etwa zwei Stunden konnte ich einen Pfad an dem einen Ufer des Punaru-Flusses verfolgen. Aber dann war ich mehrmals gezwungen, den Fluß zu überschreiten. Zu beiden Seiten ragten steile Bergwände, auf enorme Felsblöcke wie auf Strebepfeiler gestützt, bis in die Mitte des Wassers vor.
Mir blieb schließlich nichts anderes übrig, als meinen Weg mitten im Fluß fortzusetzen. Das Wasser ging mir bis zu den Knien, zuweilen bis zu den Schultern.
Zwischen den beiden Wänden, die mir von unten erstaunlich hoch und oben sehr nah aneinander schienen, war die Sonne am hellen Tage kaum sichtbar. Mittags unterschied ich an dem tiefblauen Himmel funkelnde Sterne.
Gegen fünf Uhr, beim Eintritt der Dunkelheit, begann ich darüber nachzudenken, wo ich die Nacht zubringen sollte, als ich zur Rechten etwa ein Hektar fast flaches Land mit einem Gemisch von Farnen, wilden Bananen und Bouraos bemerkte. Ich hatte das Glück, ein paar reife Bananen zu finden, und machte eilig ein Holzfeuer, sie für mein Mahl zu kochen.
Dann legte ich mich zum Schlafen, so gut es ging, auf die untersten Zweige eines Bananenbaumes, dessen Blätter ich ineinander geflochten hatte, um mich vor Regen zu schützen.
Es war kalt, und ich fröstelte nach dem Marsch im Wasser.
Ich schlief schlecht.
Aber ich wußte, daß der Morgen nicht fern war und ich weder Menschen noch Tiere zu fürchten hatte. Hier auf Tahiti gibt es weder Raubtiere noch Reptilien. Die einzigen »wilden Tiere« sind die frei im Walde lebenden Schweine. Ich hatte höchstens einen Angriff auf meine Beine zu fürchten und behielt darum den Griff meines Beiles in der Hand.
Die Nacht war finster. Unmöglich etwas zu unterscheiden, außer nahe an meinem Kopf eine Art phosphoreszierenden Staubes, der mich seltsam beunruhigte. Ich lächelte bei dem Gedanken an die Erzählungen der Maories von den Tupapaüs, jenen bösen Geistern, die in der Finsternis erwachen, um schlafende Menschen zu ängstigen. Ihr Reich ist im Herzen des Berges, den der Wald in ewige Schatten hüllt. Dort wimmelt es von ihnen, und ihre Legionen wachsen unaufhörlich durch die Geister aller Verstorbenen.
Wehe dem Lebenden, der sich an einen von Dämonen bewohnten Ort wagt! ...
Ich war dieser Tollkühne.
Meine Träume waren freilich auch sehr aufregend.
Jetzt weiß ich, daß dieser leuchtende Staub von einer besonderen Art kleiner Champignons herrührt, die an feuchten Stellen auf abgestorbenen Zweigen wachsen wie jene, deren ich mich zum Feueranmachen bedient hatte.
Am folgenden Tage machte ich mich frühzeitig wieder auf den Weg.
Der immer wechselvoller gestaltete Fluß, der bald Bach, bald Strom, bald Wasserfall war, machte seltsam launenhafte Krümmungen und schien zuweilen in sich selbst zurückzufließen. Ich verlor unaufhörlich den Weg und mußte mir von Zweig zu Zweig oft mit den Händen vorwärts helfen, wobei ich selten den Boden berührte. Vom Grunde des Wassers sahen Krebse von außerordentlicher Größe zu mir empor und schienen zu sagen: Was tust du hier? -- und hundertjährige Aale flohen bei meinem Nahen.
Plötzlich, bei einer jähen Wendung, bemerkte ich an einen Felsvorsprung gelehnt, den es mit beiden Händen eher liebkoste als es sich daran hielt, ein junges, nacktes Mädchen. Es trank aus einer Quelle, die leise aus großer Höhe zwischen den Steinen rieselte.
Nachdem es getrunken hatte, nahm es Wasser in beide Hände und ließ es zwischen den Brüsten niederrinnen. Dann -- obwohl ich nicht das geringste Geräusch gemacht hatte -- senkte es wie eine furchtsame Antilope, die instinktmäßig die Gefahr wittert, den Kopf und blickte forschend nach dem Dickicht, wo ich unbeweglich stand. Mein Blick begegnete dem ihren nicht. Aber kaum hatte sie mich erspäht, als sie mit dem Ruf: Taëhaë! (wütend) untertauchte.
Ich stürzte an den Fluß: niemand, nichts -- nur ein riesiger Aal, der sich zwischen den kleinen Kieseln auf dem Grunde hinwand.
Nicht ohne Schwierigkeit langte ich endlich nahe beim Aroraï, dem Gipfel des gefürchteten heiligen Berges, an.
Es war Abend, der Mond ging auf, und als ich ihn die rauhe Stirn des Berges weich in seinen leichten Schimmer hüllen sah, erinnerte ich mich der berühmten Sage:
_Paraü Hina Tefatou_ (Hina sprach zu Tefatou ...), eine uralte Sage, die die Mädchen abends gern erzählen und für die sie als Schauplatz gerade den Ort bezeichnen, wo ich mich befand.
Ich glaubte es zu sehen:
Den mächtigen Kopf eines Gottmenschen, das gewaltige Haupt eines Helden, dem die Natur das stolze Bewußtsein seiner Kraft gegeben, ein herrliches Riesenantlitz, wie an der Schwelle des Alls. Und eine sanfte zärtliche Frau, die leise das Haar des Gottes berührt und spricht:
-- Lasse den Menschen wieder auferstehen, wenn er gestorben ist ...
Und die strengen, doch nicht grausamen Lippen des Gottes öffnen sich, um zu antworten:
Nein, ich werde ihn nicht auferstehen lassen. Der Mensch wird sterben; die Pflanzen werden sterben wie sie, die sich davon nähren, die Erde wird untergehen, sie wird untergehen, um nicht wieder zu erstehen.
Hina erwiderte:
-- Tue, wie es dir gefällt. Ich aber werde den Mond wieder auferstehen lassen.
Und was Hina gehörte, fuhr fort zu leben. Was Tefatou gehörte, ging unter, und der Mensch mußte sterben.
* * * * *