Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter

Part 3

Chapter 33,694 wordsPublic domain

Dabei plauderte sie. Sie wusste ganz genau, was an ihr hübsch war. Sie mussten das oft besprochen haben. „Meine Arme sind noch zu dünn, aber in ein paar Jahren werden sie sein. Hier habe ich ein kleines, braunes Leberfleckchen. Das ist ganz niedlich. Elisabeth hat bildschöne Schultern. Dada ihre Füsse – sie hat ein Mal auf der Seite – das ist hässlich! Kathi solltest Du sehen! Die ist wunderhübsch, rund und weiss überall. Aber sie weiss es auch.“

Sie ist ganz nah bei mir, nackt, weich, duftig ... Ich küsse sie. Ich halte ihren zarten, glatten Leib. Ich presse sie an mich ....

Sie lässt sich Alles thun mit einer Art schläfrigen Wollust. Vielleicht denkt sie an den „Vetter“. „Nicht wahr, Du bist verständig, Liebchen“ ...

Ich empfinde nichts, gar nichts für sie, eine Art lässigen, physischen Wohlbehagens.

Manchmal bin ich rauh. Ich spreche hart mit ihr. Ich schelte sie.

Dann wird sie ängstlich und flehend. Zuletzt fängt sie an zu weinen, hülflos, wie ein kleines Kind.

Doch versucht sie es wieder hervorzurufen. Die Drohung kitzelt sie. Sie hat dann ungefähr das Gefühl, das man hat, wenn man seine Hand dem Löwen in den Rachen legt.

Manchmal traut sie mir auch nicht ganz: „Du liebst mich gar nicht. Du spielst nur mit mir. Oh, ich weiss es! Ich weiss es.“ Dann thut sie eifersüchtig oder versucht mich zu beleidigen.

Kleine Kanaille, die! Ich glaube, wenn sie dächte, ich erschösse mich ihretwegen, das würde sie noch mehr kitzeln.

Sie würde dann mit einem deliziösen Mörderinnengefühl in ihre vornehme, ehrbare Ehe gehen.

Manchmal versuche ich sie zu erschrecken: „Wenn ich dich nun nicht freigäbe? Wenn ich dich verriete?“

Sie schmiegt sich noch dichter an mich, ganz dicht, mit weichen, flechtenden Gliedern. Ihre Augen, die meine suchen, sind wie Sterne: „Das thust Du nicht, dazu bist Du viel zu anständig, zu sehr Gentleman, mein lieber, süsser Herri!“

Wie klug sie ist. Fischschwanz!

Und manchmal denke ich, man müsste sie hernehmen, ihr weh thun, sie es fühlen lassen, das ganze Leid, die ganze Schande ..

Dann würde vielleicht noch was aus ihr, dann würde sie ein Weib.

Ah, das grosse, das adelige Weib, das ihr Kind an die Brust nimmt und Mutter ist, schweigend, der ganzen johlenden, feigen Gesellschaft zum Hohne!

Aber sind wir denn nicht ebenso – Halbmänner – Gentlemen – auf Kosten unsrer Mannheit?

Bin ich nicht selbst ein Nix, ein Wassermann, der ich ein süsses, junges, warmes Weib in den Armen halte und sie nicht nehme, nicht mit Gewalt nehme, kraft der Urgewalt meiner Leidenschaft?

Was ist aus uns geworden, wenn die Gefühle, die uns das Leben gaben, zur Spielerei geworden sind, raffinierte Specialitäten. Delikatessen, die man mit den Zähnen kostet.

Ach, das grosse, adelige, echte Volk, arbeitend, liebend, Kinder zeugend, die triumphierende Arbeit des Lebens thuend, über den Tod hinweg – und die Toten!

Mein Herz zieht sich zusammen in schmerzlich-bitterem Erlösungsdrang. Ich fasse sie fester. Ich atme stärker .....

Sie murmelt: „Nur kein Baby, Liebchen! Nicht wahr, du thust mir nichts?“ ....

NEUNTER BRIEF.

Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.

Ich suche sie auf die Ehe vorzubereiten.

Es ist doch eine grosse und schreckliche Sache – in Not und Tod .. Leib und Seele .. ein Leben, um neues, lebendiges Leben zu zeugen.

Aber gibt es auch etwas Herrlicheres, Grösseres! Nein, ich beneide die Götter nicht. Grade das Vergängliche – die Not, das adelt Menschenliebe, das macht sie unvergänglich und göttlich. Nicht Prometheus ist’s, der in einsamem Zorn den Göttern trotzt – – _der_ Mann, der seines Weibes Hand fasst, wenn unter ihm die Welt zusammenkracht: Der letzte _Mensch_!

Durch die Ehe erst wird der Mensch zum Menschen. Der Mann, das Weib, das ist etwas Einseitiges, Unfertiges, ein irrendes Atom im All .. Erst der Vater, die Mutter bringt ihnen Vollendung, kettet sie an das Allgemeine, das Grosse, Vernünftige, Unsterbliche.

Ich denke viel über diese Dinge nach, dass wir doch durch Philosophieren erst finden müssen, was der sichere Instinkt des Weibes _fühlt_!

Wie überlegen sind sie uns! Nur das eine Ziel verfolgend – Weib sein – Mutter – wissend, dass darin die ganze Lebensleistung, die ganze Bedeutung des Geschlechtes beruht.

Ich versuche, sie teilnehmen zu lassen an meinem früheren Leben, meiner Kindheit, den Eindrücken und Ereignissen, die auf meine Entwicklung massgebend gewesen sind. Auch meine Fehler, meine Irrtümer verberge ich ihr nicht. Sie soll mich sehen, wie ich wirklich bin.

Das ist hart. Es ist die gerechte Strafe. So straft sich der Mann dem reinen Weibe gegenüber. So aber auch wird das reine Weib seine Erlösung, das Verworrene in ihm geglättet, die hitzige Leidenschaft zur edlen Lebensträgerin.

Sie sagt nicht viel. Ich halte ihre Hand. Sie entzieht sie mir nicht. Ich schäme mich nicht, es zu sagen – neulich habe ich sie mit Thränen benetzt.

Sie war betroffen.

Nein, Mathilde, Gute, Fromme, ich will gut sein! Du sollst nicht zurückschrecken brauchen vor mir.

Wenn ich jetzt so zurückkehre in mein Junggesellenheim, Grumke mir das Abendbrot aufgetragen hat, dann male ich mir unser künftiges Dasein aus. Sie sitzt am Tische, an meiner Mutter Platz, mit aufmerksamem Auge und leisen Bewegungen Alles leitend und lenkend.

Es ist ja nicht, dass sie eigentlich thätig ist. Ich schwärme nicht mal für diese sogenannten „guten Hausfrauen“ – unablässige Scheuerfeste, Küchenmobilmachungen. Ihre Gegenwart, ihr blosses Dasein ist es, das Alles wohlgeordnet macht, Allem etwas Festliches, Heiteres gibt.

Dann freue ich mich, dass ich reich bin, dass diese kleine, weiche Hand nicht hart und braun werden braucht, dieser zarte, schlanke Rücken gebeugt vom Herdfeuer und mühseliger Flickarbeit. Nicht dass ich diese Frauen missachte! Ich verehre sie! Ihre harten Hände rühren mich. Sie sind der beste Teil unsrer Volkskraft. Der Staat sollte ihnen Denkmäler setzen wie seinen Helden.

Aber doch bin ich dankbar, dass es nicht sein braucht, dass auch das Ästhetische gewahrt werden kann in unsrer starken und guten Liebe.

Ob sie überhaupt eine Ahnung davon hat? Sie frägt nie. Ein süsses Vertrauen! Ich glaube, wenn ich ganz arm wäre, sie folgte mir ebenso willig und vertrauensvoll.

Das ist mir ein rührendes Gefühl. Ich mache ihr keine grossen Geschenke. Ich selbst bin immer einfach – Du kennst mich ja. Neulich trug ich meinen Handkoffer selbst vom Bahnhof, weil gerade kein Gepäckträger zur Hand war. Sie denkt am Ende, ihr Schatz ist ein armer Mann.

Ah, ein Königreich möchte ich haben, nur um es ihr in den Schoss zu legen! Sie griffe vielleicht nach meinem Kopfe: „Was soll mir das Königreich! Deine Liebe ist ja viel mehr als alle Königreiche.“

Darum bin ich glücklich, dass ich auch darin so reich bin. Ich habe meine Gefühle nicht vergeudet, keine fünfunddreissig weibliche Vornamen aus meiner Herzgrube herauszufischen, wie ein gewisser Freund von mir am Abend vor seiner Hochzeit. Sie hat noch nicht gelernt, die Liebe zu differenzieren, schlechte, ästhetische Unterschiede aus raffinierten Romanen von raffinierten Männern, die das Natürliche unnatürlich und hypernatürlich gemacht haben. Sie ist auch noch nicht herb und prüde geworden, wie manches arme, feine Mädchen, das sich verletzt in sich selbst zurückzog vor der Roheit und dem Cynismus der Welt. Wie einen königlichen Schatz, voll und ganz, empfängt sie, die Königliche, königlich.

Welch ein Frühling in unserm schönen alten Park, wenn der Flieder blüht und der Goldregen in lastenden, honigschweren Trauben herabhängt!

Wir werden viel Besuch haben – die liebe Mama, die Schwestern, die Kinder, Es soll wieder Leben kommen in unser altes Haus.

An Mutters Grabe unter den Fichten wird sie neben mir stehn. Sie wird uns lächeln.

Vielleicht ..........

Ach, Harry! kann’s denn soviel Seligkeit geben in dieser armen, engen Welt!

.... Vater sein! ein Eignes, Geschaffnes, von ihr, der Liebsten, der Meinen, in süssesten Schmerzen mir geboren!...

Was wäre das Leben ohne das? Möchte sie die Schmerzen lassen? Die Angst? Das Todesschauern in der Hochstunde des Lebens?

Und wir liegen nicht vor diesen hohen, himmlischen Wesen auf den Knieen und küssen ihnen die Füsse, wie der Katholik seiner Madonna!

Die Männer sind Egoisten. Was würden sie sein, wenn es nicht holde, zarte Wesen gäbe, um sie zu mahnen, dass es etwas Höheres giebt, als Kraft, Ehrgeiz – dass aller Ruhm Cäsars und Alexanders nicht die That des einfachen Weibes aufwiegt, das aus ihrem eignen Leben, still und heilig, Leben säugt.

ZEHNTER BRIEF.

Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.

Wir sprechen jetzt sehr vernünftig über ihre Ehe.

Dass man heiraten muss, das ist selbstverständlich, das ist der Ruheposten, die Versorgung. Sie denkt darüber gar nicht weiter nach. Eine alte Jungfer bleibt man nur, wenn man hässlich ist, oder Keinen gekriegt hat, oder überspannt ist. Sie missbilligt das. Sie ist stolz darauf, dass sie so bald Einen gekriegt hat, dass er reich ist, dass ihre Freundinnen sie beneiden werden.

Der Ärger der Freundinnen spielt eine grosse Rolle dabei – je intimer, desto intensiver der Ärger. Das ist diesem Geschlecht das Äquivalent für das, was wir Ehre, Ruhm etc. nennen. Keine Bewunderung! Sie kennen sie gar nicht, wollen sie nicht. Die Leistungen ihrer Geschlechtsgenossinnen in Kunst, Berufen u. s. w. lassen sie total unberührt, vielleicht nur insofern nicht, als sie ihnen das wirklich Beneidenswerte eintragen: Geld, Toiletten, Männer.

Und eigentlich haben sie ganz recht, der Neid, den man fühlt, der einem den Rücken runterläuft! Das kitzelt, das macht die Nerven prickeln, das Andre ist Unsinn.

Dass sie sich einem Manne hingeben soll, aus dem sie sich gar nichts macht, ist ihr sehr gleichgültig.

Ich glaube, wir übertaxieren das im allgemeinen bei der Frau. Oder ist es die Jahrtausende alte Knechtschaft, die sie stumpf und duldend macht?

Einen Mann, der einen nicht reizt? – Zum Lieben, niemals! Zum Heiraten – warum nicht?

Von der „Liebe“ wollen sie das Raffinement, die Leidenschaft, deshalb lieben Frauen Künstler, ästhetische Männer, die sie lange kitzeln. Von dem eigentlichen Akt haben sie ja am wenigsten, der ist Pflicht.

Vor dem Kinde hat sie Angst, weil das noch weher thut – die Schmerzen – die Entstellung – die Brüstchen, die schlaff werden ... „Elisabeth hat einen Bauch, der ihre ganze Figur verdirbt ...“

Der „Bauch“ von Elisabeth beunruhigt sie.

„.. Es geht ja noch, wenn man viel Leute hat und eine Amme nehmen kann. Babies sehen sehr niedlich aus in weissen Spitzen und rosa Schleifchen ....“

Das ist der ausschlaggebende Punkt, dabei verweilt sie sehr lange! Equipagen, Diener, dass sie die Hofbälle besuchen werden.

„Den ganzen Winter muss er mit mir hier in Berlin wohnen.“

„Aber wenn er nicht will?“

„Männer thun immer, was man will. Papa thut auch immer, was Mama will.“

Dabei kommt auf ihre rosigen Lippen ein kleines, listiges, grausames Lächeln ....

Oh ja, der wird thun, was sie will.

Und es giebt Tölpel, die immer noch an die stärkere Thatkraft des männlichen Geschlechts glauben!

Nur die Franzosen: Ce que femme veut, Dieu le veut. Die sind überhaupt viel aufrichtiger in dem Punkte. Der Deutsche bramarbasiert sich was vor, der alte, naive Barbar in ihm. – Und unsre Frauen sind klüger. Thusnelda lächelte kaum merklich, wenn Hermann Meth soff und Auerochsen spiesste.

Sie haben ja auch zuviel Machtmittel – die Verliebtheit! Und wenn die gar nicht mehr vorhanden ist – Es sind gewöhnlich ungeliebte Frauen, die den Pantoffel schwingen. – Das verliebte Weib ist unterwürfig. Das ist ihm Wollust: Die Tigerkatze, die sich streicheln lässt. – Der Kleinkrieg thut’s. Die Thränen, das Purren. Die Nerven geben nach. Alexander oder Cäsar beugt sich vor dem muffigen Gesicht, der schweigend heruntergewürgten Mahlzeit, der permanenten Nähe eines Hassenden, Vorwurfsgeschwollenen.

Nichts amüsiert mich mehr, wie das Streben nach offizieller politischer oder wirtschaftlicher Herrschaft bei diesem Geschlecht. Das sind hässliche Frauen, anmutlose Frauen, Zwittergeschöpfe. Das ist dumm.

Für Kokotten, Helenas, Kleopatras ruinieren sich Griechen und Trojaner, Antonius, – Nelsons, Gambettas, Boulangers alle Tage. Elisabeth, Katharina waren Genies, weil sie Weiber waren. Über Louise Michel und Frauenkongresse lächelt der armseligste Schneidergesell, den seine Frau prügelt.

Und mit Recht. Wie kann man die Wurzeln und das Mass seiner Kräfte so verkennen! Das ist wie die Königstigerin, die sich Hörner wünscht, um den Kampf mit dem plumpen Ochsen aufzunehmen.

Ach ja, Ochsen! Und wenn wir eben nicht Ochsen wären, liessen wir sie das ganz tranquil machen, alle Arbeit, allen politischen Krimskrams in den Parlamenten und Versammlungen, und setzten uns schliesslich ganz gemütlich auf das gutdressierte Pferdchen kraft der einfachsten Logik unsrer stärkeren Schenkel.

Aber wir sind eben Ochsen und viel zu verliebt! So’n kleines, zappeliges Füsschen, so’n weiches Wängelchen oder Brüstchen .. Simson lässt sich die Locken abschneiden. Die schönste Berechnung geht zum Teufel.

Sowas passiert denen nicht.

Ich bin das Äusserste, das Non plus ultra in der Beziehung.

Sie ist ganz stolz darauf, auf ihre Kühnheit, dass sie einem Droschkenkutscher leibhaftig die Adresse gegeben hat, dass ihr Schwager ihr neulich an der Kurfürstenstrasse begegnet ist, was sie der Mama alles vorlügt, wenn sie nach Hause kommt. Dabei lügt sie künstlerisch, mit Genuss, ganz unnötig komplizierte und lange Geschichten, nur weil das Lügen ihr Spass macht, aus Liebe zur Sache.

„Und im Notfall könntest Du doch immer Dein Ehrenwort geben, dass wir nichts zusammen haben. Wir haben doch nicht wirklich was.“

Nein, wir haben wirklich nichts.

.... „Und es ist doch nur, weil ich sonst gar nichts habe, weil ich jetzt heiraten muss, und ich habe dich doch so schrecklich gern, Herri!“ ...

Dann küsst sie mich fast leidenschaftlich; aber es ist nicht die Spur von Leidenschaft in ihr. Träte die geringste Unbequemlichkeit an sie heran, würde sie mich dreimal verleugnen: Ich kenne den Menschen nicht. Und das ginge ihr so glatt von der Zunge! und wenn sie ein Übriges dazu thun und mich aus der Welt schaffen könnte, würde sie es ebenso kaltblütig thun.

Dabei von eigentlicher Moral keine Spur. Siehst Du, das bewundre ich auch immer an diesem Geschlecht. Es ist das Praktische, der Erfolg, respektive Misserfolg, der entscheidet. Dabei machen wir die rührendsten Affären daraus. Gretchen im Zuchthause bereut, Gretchen, irgend einem dicken Hans seine brave Frau, wäre wahrscheinlich Frau Marthe geworden und hätte an „Heinrich! mir graut vor dir!“ nur eine angenehme Erinnerung mit fortgetragen, eine behagliche Rührung, dass sie ihre Jugend so gut genossen.

Eine Frau, die einen Skandal verursacht, das ist unmoralisch, ekelhaft, die schlaue Kokotte, die einen Prinzen kriegt für einen braven Ehemann, den sie betrogen, das imponiert ihnen.

Die Demi-monde-Dame, mit Diamanten beladen, die grosse Schauspielerin mit dem Messalinenrenommee, die Kaiserin, die sich mit dem Stallknecht liiert, darüber können sie nicht genug hören. Das lockt sie sogar mit einem Gemisch aus Neid und Bewunderung. Aber ein armes Dienstmädel, das ein Kind kriegt und ins Elend gerät. Pfui Teufel! Da hebt man sein Kleid auf.

Das ist das Perfide bei der Geschichte. Das andre nicht.

Was die Liebe thut, ist heilig. Ich nehme immer die käufliche Liebe aus. Das bereut man nicht.

Es liegt auch da eine Naivität der Männer zu Grunde oder ihre Arroganz. Der Lendemain ist sprichwörtlich geworden. Der Wüstling hat das doppelt angenehme Gefühl: Du hast eine Existenz vernichtet. Deshalb wird die Theorie erhalten, vielleicht auch als Abschreckungstheorie.

Eigentlich sollte uns doch die Leichtherzigkeit gewisser „guter Mädchen“ („gut“ ohne Nebenabsicht im Goetheschen Sinne) zu denken geben.

Ich kannte mal ein sehr nettes, kleines Mädchen. Sie hatte auch die Angst vorm Lendemain. Sie wartete auf den Lendemain.

Und dann war’s wirklich Morgen und der allerschönste Sonnenschein und Vogeljubilieren – und sie lachte, lachte übers ganze Gesicht: „Ich bin so froh, Schatz! Ich glaub’, ich könnte fliegen!“

So müsste Eine natürlich empfinden.

Ich habe neulich mal einen Roman gelesen, einen Roman von einer Frau, „die Geschichte eines Mädchens“. Das rührte mich fast. Die Arme! Sie hat gewollt und nicht gewagt, weil die Angst vorm schwarzen Mann zu gross war.

Ebenso albern finde ich den Mann, der absolut der Erste sein will. Wie lässt der grosse, gute, kluge Goethe seinen Jarno sagen: „Und, glauben Sie mir, es ist in der Welt nichts schätzbarer als ein Herz, das der Liebe und der Leidenschaft fähig ist. Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf kommt es nicht an.“

Überdies: On n’est jamais le premier.

Ist die Frau besser, die sich vielleicht physisch enthalten hat aus persönlicher Propertät oder Mangel an Gelegenheit, aber ihre Phantasie zu den unnatürlichsten Ungeheuerlichkeiten ausschweifen lässt, als diejenige, die vielleicht an einem hellen Maientage dem süssen Zug der Natur gefolgt ist, ohne zu rechnen und zu moralisieren?

Das ist gewissermassen das System der Kuhpockenimpfung ... Ich habe vielleicht mein Wassernixchen zu einer sehr guten Ehefrau gemacht.

Aber freilich die Konsequenzen!

Ich hatte mal eine starkgeistige Freundin von schwachem Fleische, die behauptete, wenn die Konsequenzen nicht wären, wär’s ein Gesellschaftsspiel.

Vielleicht ist es gut, dass es noch nicht so weit ist. Man ist noch immer der „Erste“, mit der offiziell aufgestempelten Eins vom Standesamte, der Kolumbus, der Schleierlüfter, der Dornröschenerwecker.

Sie mokiert sich darüber. Sie hat eine Art Ranküne, wenn sie von ihrem „Ersten“ spricht. Vielleicht ist es ein Gefühl des Torts, das sie in meine Arme getrieben hat, mir dem Wissenden, dem Verzeihenden.

„Ich hätte Angst vor Dir. Du weisst so viel“ ... sagt sie manchmal.

„Aber hast Du denn keine Angst mit „ihm“ – immer fremd sein – immer Komödie spielen?“

Sie tröstet sich mit dem Geld, der Equipage, den Kleidern.

Lügen ist ja nicht schwer. Sie werden darauf erzogen. Sie finden sich so merkwürdig. Das ist wieder die bewunderungswürdige Lebensfähigkeit dieses Geschlechts.

Er wird immer an sie glauben, immer nur die weisse Stirne sehen, mit seinen blöden, guten, gesunden, tölplischen Bauernaugen.

Aber der arme Kerl, wenn der mal Bankerott machte!

ELFTER BRIEF.

Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.

Meine Hochzeit! Am 24. Juni ist meine Hochzeit. Sonnwendtag! am Rosenfeste! – Hochzeit – hohe Zeit! – Weisst Du, was das heisst? Wer kann es wissen! Wer kann es aussprechen!

Wie ich vorher gelebt habe, begreife ich nicht, wie ein Egoist, ein Selbstling. Selbst die hohen Träume, die Ideale und Gedanken! Ich komme mir vor, wie ein Mensch, dem über Nacht das Geheimnis des Lebens aufgegangen ist. Und er lebt nun. Er wirkt Leben.

Und wer hat mich das gelehrt? Ein kleines, stummes, wunderbares Wunder, eine zarte, weisse Knospenhülle, um eine träumende, unschuldige Seele.

Mathilde! Mein Mädchen! Mein Weib!

Und wir sprechen von überlegnem Geist, von Klugheit, von Grossthaten. Hier ist der Kern des Rätsels: das Unbewusste, die Unschuld in der Lieblichkeit.

Ob sie denkt und philosophiert, wie ich. Das geschieht Alles so selbstverständlich. Sie lässt sich von mir küssen, in die Arme schliessen.

Sie lächelt. Sie bereitet die Aussteuer.

Wie ich diese schöne Sicherheit liebe! So wird sie als Gattin, als Mutter bleiben, ihr Geschick erfüllt. Wieviel sichrer geht die Natur im Weibe. – Jungfrau – Geliebte – Mutter! Wir irren auf allen Pfaden, beflecken Seele und Leib, um zuletzt demütig niederzuknien vor so einem holden, nicht denkenden, kinderthörichten Wesen: Nimm mich! Lehre mich leben! Mach’ mich glücklich!

Wenn ich jetzt zu ihr komme, finde ich sie vergraben zwischen weisser Leinwand und Spitzen, bunten Seidenstoffen.

Ah, dieser holde und mysteriöse Apparat, der die Braut in das Haus des Gatten geleitet wie auf einer schneeigen Rosenwolke, Dinge, die verhüllen, Wollust versprechen, Reinheit, Zartheit. Ich getraue mich kaum sie anzufassen mit meinen groben Fingern. Ihr Zweck ist mir ein süsses Mysterium, macht mich träumen .. wie diese Festtags-Packete unsrer Kinderzeit, sorgfältig eingeschlagen und umwickelt, um die holde Spannung, die Sehnsucht zu erhöhen.

Sie nimmt das sehr ernsthaft. Sie scheint ganz damit beschäftigt. Ist es denn nicht ernsthaft, ihre kleine Person, die sie schmückt, reizend macht. Bin ich es nicht, für den sie sich schmückt?

Ist es nicht urälteste, heilige Sitte, die Braut, die sich salbt und schmückt, das süsse Geschenk ihres Leibes noch süsser machend. Es sind nörgelnde Kritiker, Frauen, die ihren Beruf, ihr innerstes Wesen verkannt, die gegen die Eitelkeit polemisieren, Uniformen, Trachten einführen wollen. Die Frau giebt nur sich selbst. Ihre Seele ist so ganz eins mit ihrem Leibe in diesen Momenten – Lebensträgerin ... Sie soll ja das Glück sein, die Wonne, die Schönheit.

Hochzeit – hohe Zeit! – –

In mir ist’s hohe Zeit.

Ahnt sie die Kämpfe, diese Begierden, die mich manchmal zerreissen, dass ich sie nehmen möchte, wie ein wildes Tier, sie fortschleppen, verschlingen ... Sie ist sehr ruhig, mit der Heiligkeit der Unschuld alle bösen Begierden dämmend, dass ich sanft bin, folgsam. Nur den grossen Jubel in mir, der mich hochträgt, wie ein Adler, dass ich sie in die Arme nehmen und gegen die Sonne halten möchte.

Hochzeit! hohe Zeit!

Mein Heim steht geschmückt. Seit Wochen sind Tapezierer und Tischler thätig. Die Mama hat Alles angeordnet. Um manches ist mir’s leid, das Alte, Altgewohnte. – Ich werde ja auch ein neuer Mensch. Es ist recht, dass Alles neu ist.

Die Hochzeit soll hier in Templin sein, ein Fest für alle meine Leute. Sie üben schon dafür. Der Lehrer mit den Schulkindern. Ein Flüstern geht unter den Arbeitern. Alle sehen mich freundlich an. Ach die Menschen sind doch gut!

Es giebt ein vollkommenes Glück auf der Erde. Es giebt Engel. In vier Wochen ist der Engel mein Weib.

Wie süss muss es sein, das Leben sich in ihr entwickeln zu sehn, die strahlende Einfachheit des Naturgangs – Leben gebend vollendet sich ihr Leben. – Was ist das Mädchen, das Weib gegen die Mutter? Ist nicht Mutter der Inbegriff aller menschlichen Tugenden, Selbstlosigkeit, Güte, Leidertragen ...

Mein Weib! Mein Mütterchen!

Wie eine kleine Königin wird sie empfangen werden. Ist es denn nicht auch ein kleines Königreich, eine ganze Welt im Kleinen, ihre Welt, der sie Vorbild und Vorsehung ist. „Hausvater und Hausmutter“, der alte, schöne, deutsche Begriff. Hier kann er sich noch verwirklichen. Wir können es noch sein.

So lange es das giebt, steht die Gesellschaft sicher, auf festen Füssen: Reine Frauen, Männer, die ein Heim schaffen können, die an Reinheit glauben.

So, das ist ein Hieb für Dich! Und nun eine liebe, schöne Bitte. Komm! Du darfst nicht fehlen. Komm und sieh einen glücklichen, glückseligen Menschen.

Hohe Zeit – Hochzeit!

Einmal sei auch Du froh. Sag: Ich sehe das Glück und ich glaube es.

Und wenn Du über den Schwärmer lachst, sieh Mathilde im Brautschmuck, weiss unter der weissen Myrtenkrone – und wie Thomas: Geh’ und glaube. Geh’ und schreib ein Buch des Glaubens und der Liebe.

Ich habe so viel davon in mir, dass auch auf Dich etwas übergehn müsste. Ich fühle mich sieghaft, die grosse Lehre der Weltfreude zu verkünden – und Mathilde heisst meine Madonna.

Noch ein kleiner, hübscher Zug von ihr, in unsrer Zeit der Mitgiftjägerinnen, des höheren Kokottentums, wo Mütter schon ihre halberwachsenen Töchter auf „die gute Partie“ dressieren.

Sie hatte den Katalog eines Wäschegeschäfts neulich. Es waren da Muster von teuren Spitzen, die ihr gefielen.

Die Mama, verständig wie immer, riet lächelnd zu billigeren: „Das ist ja für eine Prinzessin, Kleine, – und Du bist ein armes Geheimratstöchterchen.“