Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter
Part 2
Als ich um die Nachmittagsstunde zum Thee kam – ich bin ein für alle Mal Gast, wenn ich in Berlin bin, war Besuch da, Frau von F. Sie verkehren mit ihr. Sie gehört zu ihrem Kreis. Die Geheimrätin sagt, es geht nicht anders, man kann nicht die Erste sein. Es kommt da ein gewisser gesellschaftlicher esprit de corps mit in Frage.
Es ist ja auch was Wahres dran. Wie ich diese laxe Moral der Welt hasse!
Auch Mathilde war im Salon. _Sie_ sprach mit ihr, lobte ihren Anzug, küsste ihre unschuldige Stirn. Dies Weib! mit meinem Schatz, meiner Lilienknospe, meiner Madonna!
Aber ich begreife, ihr Mann ist in hoher Stellung. Sie ist reich und liebenswürdig, hat ihre Partei.
Ich bat Frau v. B., Mathilde nicht in den Salon kommen zu lassen, wenn sie da ist. Es ist gegen ihren Willen heute geschehen.
Ich war sehr alteriert. Mein Mädchen sah mich halb erschrocken an, welche böse Laune den Freund heut plage. Ach wenn Du wüsstest, dass es nur Deine Reinheit ist, die mich zittern macht, sonst nichts, nichts auf der Welt, seit ich Dich habe!
Es kommt mir vor, als sähe sie jetzt ernsthafter aus. Manchmal scheint es mir fast, als ob sie geweint hätte, holde, unschuldige Thränen einer süssen Furcht. Ob sie abends in ihrem schmalen, weissen Bettchen wohl öfters wachliegt und an was sie denkt? Ob sie dann auch an mich denkt?
Noch ein entzückender Zug.
Bei der ältesten Schwester wird ein Kindchen erwartet, schon das vierte.
Es war die Rede von der kleinen Ausstattung, Hemdchen, Bettchen, die man besorgen müsste. Die beiden Frauen sprachen leise zusammen. Man hörte nur das Murmeln ihrer Stimmen, zärtlich und geheimnisvoll wie vor einer Weihnachtsbescherung.
Mathilde war hinausgegangen um sich eine Schere zu holen.
„Das Kind ahnt ja nichts,“ sagte Frau von B. lächelnd.
Ich küsste ihr die Hände. Wie ich diese Frau verehre, die mir mein Kleinod gewahrt. Ich gelobe, es ihr eines Tages ebenso rein zurückzugeben, wenn Alles rein und licht ist, mein Weib, mein Juwel, meinen Sonnenstrahl!
VIERTER BRIEF.
Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
Das Abenteuer fängt an, mich zu interessieren, mehr von der psychologischen als von der persönlichen Seite. Ich bin schon so weit. Das bringt das Handwerk mit sich, die Seziergewohnheit.
Also am Mittwoch ein zierliches, rosa Billetchen, Höheretöchterschrift, steil, zimperlich, kapriziös: Mein Herr! Erwarten Sie mich morgen um dieselbe Zeit. Ich komme allein. Ihre J.
Ich öffnete selbst. Das erhöht das Geheimnisvolle und sieht aufmerksam und erwartungsvoll aus. Da stand sie in ihrem dunkelblauen Kleidchen mit schwarzem Astrachan, glühendrot.
Diesmal küsste ich sie natürlich.
Du weisst, dass ich Küssen für eine Kunst halte. Einige Menschen werden sie nie kapieren, Du zum Beispiel! Im Kuss liegt Alles: Anfrage, Bestätigung – Grenze ... Die ganze künftige Liebesmelodie im leisen, leichten Voranschlag. Man macht dann keine Dummheiten und Ungeschicklichkeiten hinterher.
Sie liess es sich gefallen, nicht viel erwidernd, aber stillehaltend. Das Herzchen bupperte zum Zerspringen, halb von der Angst. „Es merkt es doch auch niemand?“
Ich beruhigte sie: Eine Etage höher wohnt ein Photograph, da hätten Sie immer hingehen können, wenn Ihnen jemand auf der Treppe begegnet. Das Schlafzimmer hat einen zweiten Ausgang nach dem Hofe. Martin ist verschwiegen wie das Grab.
Sie hatte über das Alles nachgedacht. Sie liess sich noch mal so nett küssen hinterher.
Dann die moralischen Garantien.
„Du denkst doch auch nichts Schlechtes von mir, dass ich wegen „dem“ gekommen bin?“ (in Parenthese – hast Du schon jemals eine Frau getroffen, die „wegen“ mit dem Genitiv konstruierte? Traue ihr nicht! Sie trägt Jägerwäsche und philosophiert im Bette.) „Sage: Nicht. Wahrhaftig nicht! Es ist doch nur, weil ich Deine Bücher gelesen habe – und es ist so schrecklich langweilig zu Hause, und weil Du so nett bist.“
Ich sage: wahrhaftig nicht! und küsse sie, küsse ihr die weisse Kehle rot und beisse sie ins Ohrläppchen.
Was für Brüstchen sie hat! weiss, fest und zuckrig wie Apfelhälften! und das Hälschen so fein angesetzt! Ärmchen, die umstricken und festhalten, dünn, weich und unzerreissbar wie Seidenstränge ... Es ist ein kleiner, rührender Kinderton in ihrer Stimme, Lockung und Klage. Der Sirenenton.
Ich habe jetzt auch einen Namen für sie: Wassernixchen. „Nixchen“ passt ausgezeichnet. Es charakterisiert das ganze Genre, lüstern, spitzbübisch, zur Liebe geschaffen, unfähig im Grunde. Der Fischschwanz!
Eiskalt – das ist sie trotz aller Liebesbeteuerungen. Das geht zu glatt: „Ich liebe Dich, Herri! Ich hab’ Dich furchtbar gern! Du bist der einzigste, himmlischste Mann, den es giebt.“ Aber nett klingt’s doch.
Dazu kein lautes Wort, keine hässliche Geste, immer kleine Dame, so sauber, weiss und duftig, das ganze, zerbrechliche, feine Dingelchen! Ich habe die Kerle nie begriffen, die sich in Schwarzenseifengeruch und wattierte Unterröcke verliebten. Ich bin zu sehr Ästhetiker dazu.
Und dann das Psychologische! das ist einfach unbezahlbar.
Dann wird sie Meister und ich demütiger Schüler. Ich staune, was der Balg weiss. Und woher weiss sie es?
Sie lacht: „Das wissen wir Alle.“
Dann erzählt sie: Es entrollt sich vor mir eine ganze soziale Unterschicht, von der wir keine Ahnung haben, eine Haremswelt, weisse Pensionatsbettchen, in denen man sehr dicht aneinander schläft, Dienstbotengeschichten, am Schlüsselloch Erlauschtes, eine spielerische, knabbernde Lüsternheit an Büchern und Eindrücken. Selbst der Humor dieser Welt hat etwas Verstecktes, Kicherndes, Heimtückisches, ein Humor von Hinterhof und Watteauboudoir. Sie erzählte mir eine Geschichte von einer Bekannten, einer vierzigjährigen Frau und mehrfachen Mutter, die ihrem Ehemann vor der Nase mit einem Geliebten aus dem Cirkus durchging, während er mit ihrer Reisetasche und ihrem Regenschirm auf dem Perron stehen blieb. Dieser Regenschirm und diese Reisetasche erheiterten sie, kitzelten sie in ihrer kleinen, perfiden, unschädlichen Bestienhaftigkeit.
Dann hat man Brüder, Vettern ... Der „Vetter“ verdiente eine extra Naturgeschichte. Sowas ist nicht mehr ganz Bruder und noch nicht ganz „fremder Mann“. Es hat Vertraulichkeiten, ohne frech werden zu brauchen. Sowas kompromittiert nicht und verpflichtet zu nichts. Die Natur scheint es ganz extra geschaffen zu haben, ein Halb- und Mittelwesen, für diese delikaten, schummrigen Übergangsstadien, éclaireur-Dienste, Terrainsondierungen ... Sie ist nicht besonders explizit in dem Punkte. Sie hat Angst vor mir. Manchmal spüre ich die Vorarbeit des „Vetters“. Irgendwo und irgendwann ist er überall mal dagewesen. Du magst noch so früh aufstehn und noch so fein deduzieren: Im Anfang war der Vetter. Ich gebe Dir das als Axiom.
Dann will sie Abenteuer von mir wissen. Darin ist sie unersättlich. Es ist die Phantasie eines kleinen Ungeheuers, die sich zu befriedigen sucht: Notzucht, Incest, Unnatur. Die ganze Weltgeschichte, die ganze Kunst, die halbe Religion mindestens ist für sie nur das. Das merkt sie sich, das hat sie behalten. Und sie hat in dieser stupiden Einseitigkeit etwas Imponierendes und Schreckliches: Der Pfeil, der sehr grade abgeht, mitten ins Leben, in den Herzpunkt, die Achillesferse: „Das ist dumm, Liebchen! – Das ist so langweilig, das mag ich nicht ...“
Alle Details meiner Junggesellenwirtschaft interessieren sie, Whipchen, Martin, der bric à brac.
Und Küssen zwischendurch!
Der Sekt macht keinen Eindruck auf sie. Dazu ist sie zu subtil, zu wenig Natur.
Das ist Alles spielerisch wie bei einer jungen Katze. Sie lässt sich küssen, streicheln, anfassen ....
Dann eine Bewegung wie ein Schlängchen, die Angst vor dem Wehthun, dem Baby, die Heiratschance.
Dann wird sie geschäftsmässig: „Wir haben kein Vermögen. Else und Dada haben auch geheiratet.“
Die Heirat sieht sie ohne alle Illusionen. Das ist das Vernünftige, die Versorgung.
Vielleicht wird sie sogar eine ganz treue Ehefrau.
Schliesslich kann man es ihnen verdenken?
Die falsche, unnatürliche Erziehung, die Heimlichthuerei. Was haben die Würmer zu hoffen? Einen Mann, der sie gar nicht reizt, den sie sich nicht mal selbst aussuchen können, der sie sich bezahlen kann, ebenso brutal wie eine Cocotte. Kann man sich verwundern, wenn sie vorher etwas Champagnerschaum schlürfen wollen?
Und wie klug sie dabei verfährt, instinktiv, so ’n kleines, dummes Ding, nicht für zehn Pfennig Grips in ihrem Gehirnchen, total ungebildet, wie eine orientalische Haremsdame!
Und so ’n kleines Gänsegehirnchen sagt sich ganz instinktiv: „Der ist der Richtige. Der versteht etwas von der Sache. Il sait aimer.“
„– Wenn es rauskäme!“ das ist ihre einzige Angst, eine süsse, gruselige Angst. Dann kichert sie über die dummen Menschen, Papa, Mama, die Leute, da unten auf der Strasse, – dass sie hier oben allein ist, in seiner Wohnung, mit einem verworfnen Junggesellen.
Davon ist sie tief durchdrungen: „Du bist so unmoralisch!“ ..
Dann küsse ich sie wieder.
Sie legt mir die Ärmchen um den Hals, nennt mich Engelchen, Liebling, süsses Herz – und dass sie mich ewig, ewig lieben wird.
Kleine Kanaille! – Na, das sind sie Alle.
Bewunderungswert bleibt eigentlich nun immer die Dummheit der Männer, der Glaube an das Wunder, und dass er der Eine, Einzige ist, dem das Wunder passiert.
FÜNFTER BRIEF.
Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
Weisst Du, dass ich manchmal förmlich Mitleid mit Dir habe, dass es mir vorkommt, als müsste ich Dich bekehren.
Mathilde würde Dich bekehren. Du würdest glauben und niederknieen wie ich.
Schon wenn ich das Haus betrete, das friedliche, wohlgeordnete. – Die einigen Eltern. Nie ein spitzes Wort; nie eine Meinungsverschiedenheit. Wenn er erst männlich auf seinem Prinzipe steht, dann giebt sie wohl nach, eine echte und kluge Frau, um vielleicht im geeigneteren Moment den praktischeren Vorschlag wieder anzubringen, ihn zu suggerieren als eignen Beschluss.
Ich habe jetzt auch den Bruder kennen gelernt, der augenblicklich zum Telegraphendienst hierher kommandiert ist. Ein echtes Reiterblut, frisch und frei mit vortrefflichen, ehrenfesten Ansichten. Das ist und bleibt doch das Band, das Altpreussen zusammenhält, dem Einzelnen Kandare giebt, wenn er auch ab und zu, wie er mir selber freimütig gestand, etwas über die Stränge geschlagen hat.
Natürlich stellte ich ihm für vorkommende Fälle meinen Kredit zur Verfügung, ganz unter uns, als Bruder und Kamerad. Bin ich denn nicht sein Bruder, der Bruder ihres Bruders?
Er musste mir in die Hand versprechen, dass dies Abkommen zwischen uns nicht nur leere Phrase sein soll.
Mathilde ist der Sonnenschein des Hauses. Sie kennt die kleinen Liebhabereien des Vaters, wieviel Zucker er in die Tasse nimmt, bringt ihm das Feuerzeug. Der Mutter geht sie hilfreich zur Hand in den kleinen Arrangements für Gesellschaften. Sie schmückt dann die Tafel, legt Silber und Krystall auf, immer mit der ihr eignen, stillen, gehaltnen Anmut. Wie sie Alle lieben! Und ich liebe sie Alle, weil sie meinen Liebling lieb haben, weil ich nie eine eigne Familie gekannt habe, die Süssigkeit eines Kreises teilnahmsvoller, geistesverwandter Menschen, die zu mir gehören, denen ich etwas bin. Sie sollen Alle die Meinen werden.
Man schenkt mir sehr viel Zutrauen.
Neulich war ich allein mit ihr. Es hatte sich ganz zufällig so gefunden.
Sie schien ängstlich zu werden, im unbestimmten Gefühl von etwas Aussergewöhnlichem, Nahendem.
Ich bemühte mich, ganz Gleichgültiges zu sprechen, wo ich ihr doch am liebsten zu Füssen gefallen wäre.
Eine kleine Episode, die mich ausserordentlich gerührt hat.
Ich habe Mathildens Stübchen gesehen.
Ich kam wohl zu etwas ungewöhnlicher Stunde. Gesellschaftsklug werde ich ja nie. Frau von B. war im Hause thätig, mit vorgebundner, grosser, weisser Schürze. „Wir haben die Gardinen neu aufgemacht in Mathildens Stübchen.“
Ob sie meine Gefühle ahnte? Sie liess mich in der Thüre stehen, während sie selbst am Fenster den bauschenden, weissen Mousseline ordnete.
Ein kleines Nestchen, ganz weiss in weiss. Über dem Bett die Raphaelschen Engelsköpfchen, – ein Bücherbrettchen, Geibel, Frauen-Liebe und Leben, Schillers Werke, Ekkehardt, Irrlichter, ein paar englische Tauchnitzromane ...
Wie soll ich es nur anfangen, dies zarte Gebilde nicht zu zerstören, zart genug zu sein, hochherzig, ritterlich!
Auch die zweite Schwester, Frau Buderus, ist jetzt aus dem Süden zurückgekehrt. Der Mann nimmt noch in Spaa die Bäder. Sie ist sehr schön. Ein Schatten von Schwermut macht dies schöne, stolze Gesicht fast noch anziehender. Die Ehe ist kinderlos geblieben. Aller Reichtum, die Zerstreuungen der grossen Welt, die ihr in so reichem Masse zu Gebote stehen, können ja einem Frauenherzen dafür keinen Ersatz geben.
Bei der ältesten Schwester ist das freudige Ereignis nun eingetreten. Ihr Mann ist Hauptmann im Generalstab, ein ausserordentlich tüchtiger und strebsamer Offizier.
Sie müssen sich einschränken. Wie ich sie liebe, diese Einschränkung um der Liebe willen, diese braven, tapferen zwei Menschen, die trotz der heutigen Anforderungen des Lebens und der Gesellschaft es gewagt haben, der Stimme des Herzens zu folgen.
Ich liebe Frauen, die viele Kinder haben, Mütter sind. Es ist solch hübsches Symbol, die Madonna mit dem Kinde, die wahre Erfüllung erst der Frau, die Erfüllung überhaupt des Lebens, vor der die ganze sündige Welt niederkniet, gläubig und erlöst.
SECHSTER BRIEF.
Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
Ich habe Talent zum Beichtvater. Diese ganze Familie liegt vor mir wie ein aufgeschlagenes Buch. Ich sehe sie Alle, Herz und Nieren.
Die Mutter eitel, ehrgeizig, ihn vorwärts stossend, fortwährend thätig, um mit schmalen Mitteln Gesellschaften zu bestreiten, Toiletten herauszuschlagen. Daher dann im Hause fortwährende Nörgeleien, Sticheleien. Das Morgen-, Mittags- und Abendgespräch dieser Familie ist Geld. Vor jeder Gesellschaft erst ein Zank. Er will nicht mehr, Er ist alt, müde, mürbe. Er möchte in Arnstadt oder Eberswalde vier Stübchen haben, Rosen anbinden ... Aber er geht, er zieht den Frack an, er buckelt und schustert weiter. Auf diese Weise wird er Ministerialdirektor werden.
Das Nixchen steht natürlich auf Seiten der Mutter. „Mama“ ist eine grosse Frau. Was Mama will, geschieht. Und Mama hat immer recht.
Die beiden Ältesten hat sie glücklich losgeschlagen. Mit der Ersten haperte es. Die Verlobung dauerte lange, ein entfernter Neffe er, aber er hatte ja Karriere vor sich. Thränen und Szenen in der Familie. Man hielt ihn bei der Ehre fest, bis sie glücklich unter Dach und Fach waren. Seitdem ersticken sie in Brut.
Das ist Mamas Hauptärger. Auch das Nixchen wird ganz naserümpfend: „Wie kann man nur! Sie könnten doch wirklich „was thun“ – wo er noch nicht mal Major ist.“ – Über das „was“, das man thun könnte, scheint sie sich ziemlich im klaren zu sein. Bei Geheimrats geniert man sich nicht, wenn die Diskussion heftig wird.
Die Zweite war die Schönheit der Familie. Die sollte hoch hinaus, wurde auf Excellenzen- und Verwandtenbesuch geschickt mit Toiletten und Dekolettiertheiten. Einem kleinen, sentimentalen Zwischenspiel mit einem Marinevetter machte die Mama ebenso nachdrücklich wie effektiv ein Ende. Der Mann ist ein ekelhafter, impotenter Kerl, aber Geld, schweres Geld. Dada entschädigt sich. Der Marinevetter ist zu seinem Recht gekommen. Das Nixchen erzählt mir Alles: „Ach, du bist ja nich so“ .... Sie haben eine Wohnung hier irgendwo.
Es findet Dada nicht zu bedauern.
Der Bruder ist der Liebling der Mutter, der echte Bruder Liederlich, macht Schulden, jeut, rennt Frauenzimmern nach, mit Einschluss des geheimrätlichen Küchenpersonals, zur grossen Erheiterung des Nixchens. Daher fortwährende Szenen. Der reiche Schwager lässt sich nicht anpumpen. Mama hat Schulden gemacht: „Weisst Du, es ist manchmal unausstehlich bei uns.“ Ich glaube es gern.
Auch das Nixchen hat einen Freier auf der ersten versuchsweisen Angelreise eingefangen, ein ländlicher, reicher Mensch, mit vornehmem Namen.
Er scheint etwas dämlich zu sein .. „Dann hat er so grosse Hände!.. Nicht halb so nett wie Du!“ ....
Sie weint dann thatsächlich, obgleich sie natürlich fest entschlossen ist, ihn zu nehmen, und wieder weinen wird im Myrtenkranze.
Oh, Weiber!
Arme Natur, wo bist du?
Über die Taktik des „Fangens“ giebt sie einige ganz hübsche Details.
„Natürlich musst du immer thun, als wüsstest du von nichts. Das ist die Hauptsache. Wenn er kommt, ganz erstaunt sein und weglaufen, um sich die Haare zu machen, wo Mama schon den ganzen Morgen auf ihn lauert, und ich meine neue Bluse angezogen habe ... Alles glauben, was er sagt, gar nicht fragen! Als ob wir uns nicht ganz genau erkundigt hätten, bei Tante Otti, was er hat und woher er stammt. Mama spricht immer, als ob ich ein Kind wäre, dass ich noch mal in Pension soll. Dabei hat sie schon alle Zimmer eingerichtet auf seinem Gute. Sie denkt, dass ich meinem Bruder heimlich was abgeben soll, wenn wir verheiratet sind. Aber ich werde es grade thun! Ich habe genug von der poveren Wirtschaft zu Hause!“
Lukretia Borgia und Goneril im Taschenformätchen!
Aber allerliebst ist sie, fast leidenschaftlich in ihrer Art, mit ihren kleinen, prüden Zärtlichkeiten, das Händchen, das mir über den Schopf fährt, die Küsse .. sie drückt dann sehr, um sie heiss zu machen. Manchmal küsst sie mich sogar auf den Mund jetzt: „Ich könnte sterben für dich! Wahrhaftig!“
Man könnte es fast glauben. Dann stelle ich sie auf die Probe: „Wir könnten uns doch heiraten“ ....
Sie wird dann sofort wieder Nixchen: „Ein Künstler wie du .. und sieh mal, er ist Baron und furchtbar reich. Er muss zu Hofe mit mir gehn, hat Mama gesagt, und ich nehme alle Kleider aus Paris wie Dada. – Man muss doch vernünftig sein, Schatz.“
Dazu knabbert sie Pralinees, wie eine kleine, weisse, sehr artige Madonna.
Ich liege auf der Chaiselongue und staune.
... „Und sieh mal, Dich _liebe_ ich doch. Du bist doch meine wirkliche, einzige Liebe. Du _hast_ mich doch.“
Sie ist darin furchtbar naiv, dann kann sie ordentlich sentimental werden:
„Du bist so frivol!... Und ich liebe dich doch so sehr, und Liebe ist doch nichts Schlechtes.“ ...
Eigentlich könnte man sie durchprügeln.
Aber echt ist sie.
„Warum bist du zu mir gekommen, Nixchen?“
Sie sieht mich ungewiss an, dann verbirgt sie ihr Köpfchen an meinem Halse und küsst mich: „Du bist so unmoralisch!“ ....
Ich kitzle sie. Voilà.
Weisst Du, an was sie mich erinnert?
Das moderne Kunstgewerbe hat die entzückendsten neuen Ziergläser in den Handel gebracht, Tiffanys, Koeppings, wie sie alle heissen. Das ist meine Schwärmerei. Ich habe eine ganze Kollektion davon, Lilienkelche, Tulpen, hohe geschmeidige Glockenblumen.
Sie liebt sie auch. Sie fasst sie zierlich an mit feinen, spitzen Fingern, und lässt sie in der Sonne spiegeln. –
Früher sah man die ganz einfach, weiss oder rot oder blau. Das naive Auge sieht sie noch so .. Aber jetzt sind alle Farben darin, violette, grüne, alles Schillernde, Flimmernde, Äderchen, Nerven ...
Und teuer sind die Dinger! teuer!.....
Das ist sie.
SIEBENTER BRIEF.
Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
Ich glaube, dass sie anfängt, mich zu lieben.
Sie muss es ja gefühlt haben, dass seit Wochen mein ganzer Sinn sich in ihr konzentriert, dass ich nur von ihr lebe, nur für sie leben möchte. Jede Frau, auch die unschuldigste, argloseste fühlt das.
Es ist in ihrem Wesen ein Nachgeben. Diese grosse Liebe, die in sie eindringt, sie an sich reisst. Sie richtet das Wort an mich. Sie fängt an, für mich mitzusorgen. Ich habe meinen Platz am Tische, meine Tasse, meinen Serviettenring, die sie kennt.
Ich habe sie geküsst .......
Meine Lippen haben diese weichen, frischen Lippen berührt, die Rosenrundung der Wangen gestreift.
Sie erglühte. Ich fühlte sie zittern. Der erste Kuss, den eines Mannes Mund ihr aufdrückt! Wie unendlich viel reiner und heiliger ist dieser Akt beim Weibe wie bei uns!
Mir fiel eine hässliche Episode ein. Das Mädchen des Gärtners in Templin. Ich war noch ein Knabe. Es war Heu gemacht worden am Tage, und der Heuduft lag in der Abendstille. Das Mädchen hatte frische Lippen und weisse Zähne ..... Ich küsste sie ...
Ich will würdig werden.
Ich bin es schon.
Sie ist jetzt meine Braut, noch nicht in den Zeitungen. Das Offizielle, Tanten- und Basengratulation, erschreckt mich. Du kennst meine Schüchternheit. Mama, liebenswürdig wie immer, ging auf meinen Wunsch ein.
Ich sehe sie jetzt täglich. Sie trägt meinen Ring. Wir nennen uns „Du“ und mit Vornamen. Ich habe das nicht gehört seit Mamas Tode. Ich könnte es immer von ihren Lippen hören.
Sie ist noch immer die Rosenknospe. Ich möchte sie nicht erschrecken. Diese plumpen, öffentlichen Zärtlichkeiten, mit denen Brautpaare einander überhäufen, sind mir widerwärtig, das unwürdige, lüsterne Spielen und Tändeln um den einen Punkt. Die Edelblüte erschliesst sich in einer Nacht. Grade so soll sie sein, wenn die Schleier fallen, meine weisse, zarte, jungfräuliche Braut, vor dem heiligen Mysterium der lebenschaffenden Liebe.
Ein junger Vetter, der hier Jura studiert, kommt zuweilen. Mathilde spielt Klavier mit ihm. Sie nennen sich „Du“, lachen zusammen, Ereignisse und Namen einer gemeinsam verlebten Kindheit werden zurückgerufen, an denen ich keinen Teil habe .. Ich möchte nicht eifersüchtig sein. Es ist eine Beleidigung dieser Unschuld des süssesten, holdesten Geschöpfes.
Aber ich küsse sie heiss, leidenschaftlich.
Ich war unglücklich hinterher.
Ich sprach mit Mama. Wir haben die Hochzeit für bald festgesetzt. Es ist besser so, obgleich sie sehr jung ist.
„Weil Sie ein so guter, edeldenkender Mensch sind,“ sagte Mama, als sie einwilligte.
Bin ich gut? Ich will es sein.
Mein Weib soll die Liebe nie anders als heilig empfinden, ein Sakrament in sich, wo Himmel und Welt ineinanderfliessen. Nie die Scham! Um Gottes willen keine Scham!
Ich bin freundschaftlich gegen Fritz Rönne. Ich lade ihn ein. Er soll zur Jagdsaison bei uns Hirsche schiessen.
Er ist ein lieber, gescheiter, taktvoller Mensch.
Das Vertrauen ist der feste Anker der Liebe, an dem sie sicher ruht im tiefen Grunde.
Das ist das Schöne, das Adelige der Ehe, das sie unterscheidet von flüchtigen Verhältnissen, Feststimmungen der Leidenschaft, um die ich die seligen Götter nicht beneide.
ACHTER BRIEF.
Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
Ich habe sie bei mir im Bett gehabt. Ich habe sie nackt gesehen.
Das machte sich so ganz natürlich. Ich hatte mir das Knie ausgerenkt und lag im Bett, als sie kam. Das amüsierte sie, dies Schlafzimmer des Mannes, mit den Bildern in weissen Holzrahmen, dem grossen Spiegelschrank, dem brennenden Kaminfeuer, den dunkeln, herabgelassenen Vorhängen, durch die man undeutlich einen Lärm vom Hofe aufsteigen hörte.
Sie liess sich ein bischen bitten erst. Dann handelte sie: „Aber nicht das, Liebchen ... nicht wahr, das nicht ...“ Förmlich Angst hatte sie. Sie haben eine ganz extravagante Vorstellung von unserem Mangel an Selbstbeherrschung. In diesen kleinen Mädchenerzählungen sind wir Oger, wilde Tiere, die sich auf Alles stürzen, schön und hässlich, jung und alt, jede Nacht eine Andre, grässliche Orgien feiernd.
Aber sie lieben das. Das kitzelt sie ... Das Kraftgelüst, das das dekadente Weib und die dekadente Zeit peinigt, ein Bekenntnis der Impotenz, die des Fortreissenden erst bedarf um handeln zu können, eines Bismarcks alle Tage.
Sie machte das sehr niedlich, ordentlich der Reihe nach, wie ein kleines Pensionsmädchen, das sich auszieht des Abends. Korsett, Unterröckchen, Höschen, die Strumpfknipser, die Haarnadeln hübsch zusammengelegt auf das Nachttischchen.