Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter
Part 1
Nixchen.
_Sämtliche Rechte vorbehalten_
*Nixchen.*
Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter
von
*Hans von Kahlenberg.*
_Umschlag von __Hermann Liebich__._
*12.-14. Tausend.*
_Wiener Verlag._ Wien 1904.
Maschinensatz von Oscar Brandstetter in Leipzig. 23217
ERSTER BRIEF.
Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl, Berlin, Nettelbeckstrasse.
Mein lieber, alter Mephisto!
Ich weiss zwar nicht, wie ich dazu komme an Dich zu schreiben, grade heute in meiner schönen Kirchtags- und Osterglockenstimmung; denn eigentlich war ich recht wütend auf Dich, wütend und entrüstet und etwas traurig von unserm letzten Berliner Beisammensein, als Du mir bei frappiertem Sekt und köstlichen Natives so nackt und klipp Deine Ansichten über ein gewisses Thema auseinandersetztest.
Und Du weisst, dass ich in dem Thema nun einmal ein unverbesserlicher, hartgesottener Idealist bin. Denn ich frage Dich, Skeptiker und Realist, was wäre das Leben überhaupt wert, all unsre Arbeit, mein Schuften hier auf der einsamen Klitsche, die Jagd nach Berühmtheit, die Freude an dem, was man in sich hat, an der schönen Gotteswelt draussen, wenn man sich nicht mitteilen könnte, wenn die lieben Frauen nicht wären, die liebe, schöne Aussicht, solch ein liebes, lebendiges, teilnehmendes Wesen sein eigen zu nennen.
Ja, die lieben Frauen! – Und Du magst nun sagen was Du willst und Erfahrungen haben so viele Du willst – ich bedauere Dich oft darum. Ich behaupte, sie sind das Einzige im Leben, das es für Unsereinen überhaupt erst lebenswert macht. Es giebt Engel unter ihnen, süsse, unschuldige Blumen, tausendmal besser, feiner, klüger wie wir, direkt vom Himmel herunter gesandt, damit man eine Ahnung behalten soll hier unten im Staube, wie’s da oben aussah.
Lache nun wie Du willst über den Romantiker, den Thoren, den Parzival! Es ist zu schön, ein Thor zu sein! Und um es kurz zu machen, Du alter, lieber Freund, trotz Deines infernalischen Beigeschmacks, – ich bin glücklich, unbeschreiblich, lautjubelnd, stillselig glücklich! – Ich liebe.
Da steht es nun. Das Wort kommt mir fast profan vor Dir gegenüber. Weisst Du überhaupt, was Liebe ist, so eine echte erste, gute, frohe und starke Liebe, Du grosser Kenner des menschlichen Herzens, vereidigter Sachverständiger in Liebesangelegenheiten, unvergleichlicher Vivisektor der Gefühle? – Du weisst sehr viel, viel mehr als Dein armer Krautjunker und dörflicher Pylades, aber das weisst Du doch nicht.
Und wie kannst Du es wissen? Du Grossstadtmensch, der sich immer zwischen Häuserreihen und elektrischen Lampen umhergetrieben hat, berühmt mit sechsundzwanzig, vergötterter Boudoirheld, dem die Königinnen des Salons zu Füssen lagen, diese Frauen, die Du kennst, die Du schilderst wie Keiner, Tigerinnen mit Madonnengelüsten, sentimentale Messalinen, Prostituierte des Herzens und der Phantasie, die für mich schlechter sind, als Strassendirnen, die ehrliche, schmutzige Gemeinheit ohne Eau de Lys und präraffaelitischen Faltenwurf.
Weisst Du, wenn ich so ein Buch gelesen habe in seinem grünen, glatten Eidechseneinband mit hochmodernen Winkeln und Schnörkeln und den beunruhigenden Halbfrauen- und Sphynxemblemen, hier in meiner alten, verräucherten Bude mit den Hirschgeweihen und den alten Preussenkönigen und ihren alten, strammen Soldaten darunter, dann möcht’ ich es gerade an die Wand werfen und hinausstürmen. Freie Luft! Bäume! Erdgeruch! Hier ist doch noch Natur, Wahrheit, Keuschheit!
– – – – Und doch ist auch sie keine Landblüte, nicht im Walde erschlossen beim Quellenrauschen, – eine Grossstadtblume, blaue Wunderblume über dem Sumpf und dem Steinmeer. Wie sollte es auch anders sein? Sechzehn Jahre! süsse sechzehn! – halb Kind noch, halb Jungfrau! Das ist das lieblichste Alter. Ich mag die „jungen Damen“ nicht, die schon drei Winter ausgegangen sind, deren Schultern jeder Laffe besehen hat, deren Unbefangenheit man mit faden Schmeicheleien vergiftet. Jedes Männerauge, das sie begehrte, hat einen Fleck darauf zurückgelassen.
Nein, so ist mein Liebling nicht. Ich bin der Erste, der glückliche, selbst nichts ahnende Jäger, der das Edelweiss an der steilen Bergwand entdeckt. Das ist buchstäblich zu nehmen. Du kennst die Partnachklamm. So faul warst selbst Du nicht bei Gelegenheit unsrer famosen Zugspitzbesteigung, die Du mit dem Fernrohr von der Terrasse in Eibsee aus verfolgtest. Da traf ich sie, ganz allein, die Eltern waren am obern Rande voraufgegangen. Sie war forsch gewesen. Sie hatte die Innentour machen wollen, die kleine, kecke Berlinerin. Da stand sie, gegen die nasse, riesige Felswand gedrückt, blass und zitternd mit ängstlich hochgehaltenem Kleidchen zwischen den brausenden, tobenden Wassern im sprühenden Wasserstaube, der das winzige, zierliche Sonnenschirmchen durchnässte wie ein Lümpchen.
Ich führte sie. Wie sie so ängstlich trippelte, Schrittchen für Schrittchen an meinem langen Bergstock! – und doch gläubig. Sie hatte Mut nun. Sie wusste, der grosse, grobe Mann im braunen Lodenkittel würde sie sicher durchsteuern durch das ängstliche, riesige Labyrinth von Steinen und Wassern. Es ist ja nur ein barbarischer Vorzug der Natur, aber derjenige, dessen man sich am häufigsten und reinsten freut, stark zu sein, Mann zu sein, und doch Alles wieder nur, um so ein kleines, schwaches, weiches Ding festzuhalten, zu schützen, das Einen mit einem Lächeln um den winzigen Finger wickelt.
Was soll ich Dir weiter erzählen? Ich stellte mich vor. Ich durfte mit den Eltern sprechen. Ich wurde ein Glied ihres kleinen Kreises – allmählich, mit Tasten und Zurückweichen, wie es bei vornehmen, vorsichtigen, norddeutschen Menschen ist, dann waren sie desto herzlicher. Zwei ältre Schwestern sind verheiratet. Ein Bruder ist Offizier, Leutnant bei den T....er Dragonern. Mathilde ist die Jüngste. Mathilde – etwas Klares, Reines, altdeutsche Kaiserinnen und blonde Burgfrauen. – Wie ich den Namen liebe! Sie haben alle hübsche Namen in der Familie: Elisabeth, Magdalene. Der Vater Geheimrat, preussischer Beamter vom alten Schlage, etwas trocken, etwas zugeknöpft, Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Die Mutter, die echte deutsche Frau, blühend, mütterlich, mit geschickten Händen. Etwas Reinliches um die Frau, keine Unordnung, keine Unklarheiten! Weil ich selbst keine Mutter gehabt habe, empfinde ich das doppelt, diese Frau hat mein ganzes Herz. Und Mathilde – ich hasse Abkürzungen. Ich nenne sie Mathilde, nicht Tildchen oder Tilly oder gar englisch-undeutsch Mattie, Maudie, – es passt am besten für sie. Blondes Flechtenkrönchen, blonde Augen, eine Haut von der Frische und dem duftigen Schmelz des Rosenblattes. Ich schwärme für schönen Teint bei Frauen. Er scheint mir ein Sinnbild der inneren Reinheit. Jede arglose Regung liest sich in den Wellen des Blutes unter der Milchweisse der Unschuld.
Und sie ist ja so kinderjung noch! Es ist doch fast eine Sünde. Ich habe Frau von B. gebeten, ihr noch nichts zu sagen. Ich will um sie werben. Blatt für Blatt möchte ich diese Knospe erschliessen, Gedanken, Herz, Sinne, bis sie mein ist, Leib und Seele. Leib und Seele! welch ein Gedanke! welche Aufgabe!
Ehrfürchtig, fast zagend stehe ich davor. Was weiss denn so ein junges Geschöpfchen von der Welt, vom Leben, vom ganzen, grossen Menschheitswesen? Dass der liebe Gott in sieben Tagen Himmel und Erde geschaffen, dass Friedrich der Grosse mit einem Krückstock ausging, dass ein gewisser Goethe einen gewissen Faust geschrieben hat? _Meine_ Aufgabe wird es sein, sie einzuführen, ihr zu zeigen aus meinem Arm. Wie leicht erklärt sich das Rätsel der Welt, wenn das Köpfchen so sicher ruht an treuer liebevoller Brust!
Darum ist es mir auch so lieb, dass Mathilde nicht in Pension gewesen ist. Ich hasse diese Ansammlungen an gleichgültigen, unheimatlichen Orten unter ungenügender Aufsicht, wo schlechte Elemente ja nicht fehlen können. Ich habe meine ländliche Alleinerziehung stets als einen Vorteil empfunden. Und wenn Ihr mich nachher als „reinen Thoren“ verspottet habt, ich habe Euch nicht beneidet. Sie hat nur Privatunterricht genossen, in kleinen Kursen, mit Töchtern ausgewählter Familien. Ihre liebste Freundin ist die Tochter eines pensionierten Generals, ein lustiges, schwarzäugiges Plaudertäschchen. Sie sind fast unzertrennlich, da geht dann ein sehr liebliches, beständiges Tuscheln und Kichern vor sich, all dieser tausend kleinen Nichtigkeiten, ein neues Kleidchen, eine Schwärmerei für einen toten Dichter oder verehrten Lehrer ... Wie unendlich rührend diese Einfalt gerade ist! Sie hat für mich etwas Heiliges. Ich bete, dass ich würdig sein möge. Ich prüfe mich selbst, meine Gedanken, meine Worte. Selbst meine Augen möchte ich bewahren, sie nicht vorzeitig zu erwecken, zu beunruhigen, meine Blume, meine Lilienknospe, mein Elfenkind!
Lache über mich! Zucke die Achseln! Setze Deine spöttischste Mephistomiene auf über den Menschen, den Esel, den Dummkopf, der in einem sechzehnjährigen Kinde, einem Backfisch, einen Schatz gefunden hat, eine Krone, eine Erlösung!
Ich bin glücklich! Dein Achim.
ZWEITER BRIEF.
Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow, Templin bei Rathsdorf, Kreis Jüterbog in der Mark.
Teurer Parzival!
Heute also zu Deiner Epistel von gestern.
Ich habe weder gelächelt, noch eine spöttische Miene aufgesetzt. Ich kannte ja die dicken Couverts, das Wappen Semper idem, die engbeschriebenen Seiten à la Hainbundjüngling.
Aber ich habe nicht gelächelt. Nur geseufzt habe ich! Kommt denn der Mensch nie aus dem Zahnen heraus!
Da habe ich ihn mühsam einer angejahrten, stark magdalenenhaften Witib aus den Fängen gerissen, nun fällt er auf einen Backfisch herein, einen Berliner Backfisch, eine Geheimratstochter! – Mensch! Mensch! Die Götter wollen Dein Verderben.
Ich kenne die Beschreibung. Ich kenne das Original. Ich sehe es zu Dutzenden alle Tage zwischen Brandenburger Thor und Savigny-Platz, manchmal noch mit der Schulmappe und dem Bammelzopf sogar, das äugelt und kichert auf der Pferdebahn, giebt sich in Konditoreien Rendezvous, liest Tovote und Maupassant, wo Leihbibliotheksjünglinge erröten, und träumt von chambres séparées, alten Männern mit Millionen und Hausfreunden, die Gesandtschaftsattachés sind.
Der Schändliche! Der Pessimist! wirst Du sagen, und dann kommt die ganze Philippika gegen moderne Kunst und Volksvergifter.
Mein lieber Junge! Ich hatte auch mal Grundsätze. Ich weiss nicht, ob sie ganz so schön waren wie Deine. Ebenso ehrlich waren sie. Ich habe keine mehr. Ich denke gar nichts mehr. Ich sehe nur noch und staune.
Ja, zuweilen staune auch ich noch! Ich neige in Demut vor der skeptischen Thatsache mein mephistophelisches Haupt: Leben! Du bist doch noch eine ärgere Komödie als ich dachte, ich Hans Herbert Gröndahl, alter, ausgelernter Komödiant und Komödienschreiber.
Übrigens ja doch! lachen musste ich doch.
Bei der Beschreibung: Flechtenkrönchen, blaue Augen, diese Zartheit, Blondheit. Geheimratstochter aus W.....
Weisst Du noch, wenn Du mir Standreden hieltest über meine Abenteuer, entrüstet warst, mich der Phantasie beschuldigtest, teuflischer Verführungskünste?
Diesmal wirst Du wenigstens zugeben müssen, dass ich auf unschuldige Weise dazu gekommen bin, auf die allerunschuldigste, buchstäblich im Schlafe, Du weisst ja „seinen Freunden u. s. w.“
Also ich liege gegen vier Uhr ganz sanft und wickelkindsfromm in Morpheus Armen, als Martin zwei Damen meldet.
Martin ist geaicht auf solche Fälle. Er hat dann förmlich etwas Priesterliches, die Allüren eines Offizianten, der das Allerheiligste öffnet.
Neulich war meine liebe, alte, dicke Schwester Jule bei mir, die in München der edlen Malkunst obliegt, nebenbei so ziemlich das garstigste, ehrlichste, fidelste Frauenzimmer von der Welt mit einer ausgesprochenen Abneigung gegen Korsetts und das Korsettentsprechende im moralischen Leben. Martin bediente uns während des Essens mit einer Grandezza und diskreten Feierlichkeit, die anfing lähmend zu wirken. Jule wurde stiller und stiller. Sie hat einen guten Witz bei noch mehr süddeutscher Gemütlichkeit und liebt es, denselben goutiert zu sehen auch von den geringeren Göttern. Martin zuckte mit keiner Wimper. Ab und zu warf sie einen fast schüchternen Seitenblick auf sein glattes, undurchdringliches Gesicht.
Nach dem Diner der Kaffee. Martin huscht lautlos ab und zu. Im Salon sind alle Jalousieen heruntergelassen und die Stores vorgezogen – notabene es war drei Uhr nachmittags. Die Lampen brennen durch rote Seidenschirme, feierlich und gedämpft wie Kirchenkerzen. Jule lacht und spricht sehr ungeniert. Sie raucht Pfeife mit selbstgeschnittenem Tabak und giesst einen Cognac nach dem andern hinter die Binde. Martin präsentiert Feuer von dem züngelnden Stirnflämmchen einer Serpentintänzerin und träufelt das Nass aus dem grünen Fischleib einer schlanken, schilfentsprossnen Najade. Sie vermisst ihren Hut und Paletot. Martin hatte beides vorsorglich von dem Riegel im Entree weggetragen und hinter einer opportun aufgestellten Staffelei mit dem Lenbachschen Bismarckbilde verborgen. Sie fühlt das Bedürfnis, im Schlafzimmer zu verschwinden. Im Schlafzimmer ist es Nacht. Das Bett steht zurückgeschlagen mit langherabrieselnder gelber Seidenkouvertüre. Über dem Kopfende hält ein gefälliger Cupido, lächelnd vorgeneigt, ein elektrisches Flämmchen. Vor der Toilette liegen, planvoll arrangiert, Kämme, Brennscheere, langbeinige Haarnadeln, glatte und gewellte, ein silbernes Schuhknöpferchen mit Elfenbeingriff. Jule trägt Lahmannsandalen und kurzgeschoren.
„Du –“, sagte meine alte brave Schwester, wiedereintretend, mit einem sehr energischen Klink der Thür, der ihm durch und durch gehen musste. „Wenn der im Paradies dabei gewesen wäre, den Apfel hätte der liebe Gott sich sparen können.“
Also Martin meldet. Du weisst, dass Höflichkeit gegen das weibliche Geschlecht eine schwache Seite von mir ist. Wenn Du wüsstest, was ich durch diese Höflichkeit schon gelitten habe! Das ist physisch bei mir.
Ich erhebe mich also. Ein rascher Blick in den Spiegel, eine Handbewegung nach dem Schnurrbart, eine ebensolche an die Halsbinde. Der äussere Mensch wäre gerüstet.
Mein Junggesellenheim kann sich immer zeigen. Das ist mein Stolz, und Martin ist darin gut erzogen. En avant donc!
„Meine Damen, was verschafft mir die Ehre?“ Zwei Backfische, allerliebst! ein blonder und ein brauner, süss, frech, puterrot. Aus gutem Hause – Handschuh, Stiefel – viel Wasser und Seife. Ich sehe sowas sofort.
„Sie sind doch der berühmte Herr Gröndahl? Wir haben Ihr Buch: „Verbotne Früchte“ gelesen. Meine Freundin und ich wollten Sie gern mal kennen lernen.“
Es ist die Braune, die spricht, forciert naseweis mit dreisten, hellen Augen. Die Blonde steht verschämt mit schlagenden Wimpern.
„Ich bin meinem Buche sehr dankbar, dass es mir solch reizende Bekanntschaft vermittelt hat.... Wollen Sie nicht Platz nehmen, meine Damen?“
Sie setzen sich, beide natürlich auf einen Stuhl. Sie kichern. Die Blonde bearbeitet die Braune sehr energisch in der Knie- und Ellenbogengegend.
Die ist schon ganz frech: „Ich heisse Kathinka Schnebeling und meine Freundin heisst Isolde Schulze. Wir schwärmen für moderne Litteratur. Meine Freundin schwärmt für Ihre Bücher. Sie hat auch eine Photographie von Ihnen. Sie hat sie bei sich.“
„Und nun sind Sie sehr enttäuscht natürlich – ein alter Mann mit einem kahlen Kopfe....“
Erneutes Kichern. Diese kleinen Mädchen müssen sehr solide Knochen haben, dass sie ihre gegenseitigen Püffe und Ellenbogen so gut vertragen.
„Unsre ganze Klasse schwärmt für: „Verbotne Früchte“. Wir haben es Alle gelesen. Oh wir lesen Alles!“
Das Alles kommt atemlos heraus, in ganz kurzen Sätzen.
Ich spiele den Moralisten: „Das ist doch aber eigentlich in Ihrem Alter ....“
„Oh, ich bin auch schon mal im Wintergarten gewesen mit meinem Vetter Hubi und „Sodoms Ende“ haben wir gesehen, heimlich!“
„Der Vetter Hubi ist ein glücklicher Mensch ... Aber merkt denn das Ihre Frau Mama oder Ihr Herr Vater nicht?“
„Oh, Papa! Der sitzt zu Haus und legt Patiencen,“ (schriftlich nicht wiederzugebende Nüance der Verachtung für diese ehrenwerte Beschäftigung des wackren alten Herrn). „Itta“ – was diese kleinen Mädchen für Namen haben! Das ist alles: Issy, Cissy, Missy, eine Mischung von Kätzchenmiauen und Babygelalle, als ob ihnen ein ordentlicher, honetter, christlicher Vorname ebenso unmöglich wäre wie ein ordentliches, honettes Ja oder Nein – –, „Itta wollte so gern zu Ihnen und da bin ich mitgegangen. Itta schwärmt für Künstler. Ich habe Offiziere am liebsten, hauptsächlich Garde und Kavallerie.“
„Aber Kitty!“ ...
Also die Blonde! Die Blonde war auch eigentlich die Niedlichste.
Ich liess Wein und Süssigkeiten bringen. Martin ist darin vollkommen.
Sie knabberten wie die Mäuse. Von dem Wein nippten sie nur.
Dabei gingen die Augen im Zimmer herum. Sie brannten förmlich vor Interesse. Eine dekolettierte Kabinettphotographie der Kaiserin auf meinem Schreibtisch enttäuschte sie sichtlich: „Ach die Kaiserin!“ ... Einige Bouchers entschädigten sie etwas. Sie stiessen sich an und kicherten. Sicher hatten sie erwartet, die ganzen Wände voll nackender Frauenzimmer zu finden, alle fünf Barrisons mindestens!
„Ist es wahr, dass Sie jeden Tag Liebesbriefe kriegen? Olga Krohn sagt es.“
Olga Krohn ist ein charmantes Mädchen. Ich zeige männliche Bescheidenheit: „Ab und zu .. wie heute .. dass holde Lichtelfchen einem armen Sterblichen ihre Gunst erweisen.“
„Aber furchtbar viel Lieben haben Sie gehabt?“
„Es giebt soviel Liebreiz in der Welt.“
„Sie sind sicher schon oft sehr unglücklich gewesen?“
„Unsäglich!“
Dabei betrachten sie mich kritisch wie zwei kleine, menschenfressende Ungeheuer, ob ich nun die makellose, weisse Hemdenbrust aufknöpfen und das traditionelle blutende Herz mit dem grossen Knax mittendurch entfalten werde.
„Aber wollen wir nicht von meiner bescheidnen und gänzlich unromantischen Person ..“
Sie tauten riesig auf: von Vetter Hubi, Gymnasiasten, einem Studenten, einem Courmacher der Blonden ... Was die Eine nicht sagte, verriet die Andre, – die Braune immer ein Schrittchen voraus und die Blonde nachhelfend ... von Susi Hausner und Litty Mehring und Daisy Grimme ... Oh, die war ganz schlimm, Daisy Grimme!
Und als ich ganz bescheidentlich einmal einen rein technischen Zweifel zu äussern wage inbetreff der „Gelegenheit“ ... Man hatte ja seine Musikstunden, Kurse, die Schneiderin zum Anprobieren. Das System funktionierte vorzüglich. Eine ganze geheime Konnivenz aller dieser Faktoren blickte durch, die Angst, Schülerinnen zu verlieren, Kundschaft einzubüssen.
Ich sage Dir, es war entzückend, die beiden heissen, niedlichen, kleinen Käfer!
Es schlägt sechs Uhr.
Die Braune erhebt sich: „Jetzt müssen wir aber gehn.“
„Schon?“
Mit einem ermutigenden Puff an die Blonde: „Du kannst ja wiederkommen.“
_Ich!_ „Wenn ich auf ein solches Glück hoffen dürfte?“ ...
„Ich werde Ihnen schreiben,“ haucht die Blonde.
Ich quittiere mit stummem Handkuss. Der stumme Handkuss ist ausserordentlich wirkungsvoll, ehrfürchtig, bescheiden, vielsagend – und stumm! Ich empfehle Dir den stummen Handkuss. – – –
Ich muss gestehen, etwas chokiert war ich doch.
Kreuzschockschwerenotnochmal! Sowas sind am Ende unsre Schwestern. Sowas heiratet man. Mit sowas setzt man Töchter in die Welt, die wieder schlechtbeleumundeten Junggesellen auf die Bude rücken. Brrr .....
Da hast Du was für Dein glühendes Herz!
DRITTER BRIEF.
Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
Nun denkst Du, Du hast ins Schwarze getroffen mit Deinem Gift-Pfeil. Fehlgeschossen, alter Seelenvergifter!
Ich flüchte mich einfach zu Mathilde. Wenn man die Thatsache vor sich sieht, schwinden die Zweifel. Der Gläubige, dem die Madonna leibhaftig erschienen ist, braucht weder Dogmen noch Logik. Ein Glücklicher entrüstet sich nicht einmal moralisch.
– – – – Sie ist noch immer geschlossen, süss und ahnungslos.
Aber manchmal kommt es mir vor, als ginge ein Erschauern durch die schlanke Hülle, ein tieferes Atmen, die Ahnung künftigen Frühlingssturmes, heller, glorreicher Sonnenwärme.
Wir sassen auf dem Balkon.
Ich sah sie wohl zu heiss an.
Sie verwirrte sich. Sie war still.
Diese süsse Stille! Kennst Du einen hübscheren Ausdruck als den Koriolans an sein Weib: „Mein süsses Schweigen!“ Es liegt darin eine solche Tiefe der Unberührtheit. Auf vieles wäre es schlechterdings unanwendbar, auf Dich zum Beispiel. Nur die Natur hat dieses Schweigen – der See – der Himmel – die Frau ...
Ich bemühe mich, ihr unschuldiges Tagewerk kennen zu lernen. Sie hat im Hause ihre kleinen Ämter, den Thee zu bereiten, Staub zu wischen, dem Papa den Frühstückskakao zu bringen. Auch ihre eigenen Sachen hält sie selbst in Ordnung, die kleinen Röckchen, Strümpfchen, Ziertüchelchen und Bändchen. Die Mutter hat sie schlicht und häuslich erzogen, wie sie selber ist. Mathilde kann kochen. Sie kann sogar das Plätteisen selber führen. Ich finde das entzückend.
Dazu nimmt sie noch einige Stunden weiter mit ihrer Freundin Katharina v. W. Sprachen, Litteratur, Musik. Sie gehen dazu zu den Kursen hin. Damit wird dann wohl ein kleiner Spaziergang mit der Freundin verbunden. Die beiden Mädchen sind unzertrennlich. Wie das schwätzt und schnäbelt! – all diese unschuldigen Vertraulichkeiten, die allerliebsten Geheimnisse der sechzehn Jahre.
Das thut mir manchmal fast weh.
Wieviel muss da sein, von dem wir nichts ahnen, für das wir kein Verständnis haben, ein grober, einfacher Landjunker, wie ich, ohne Mutter, ohne Schwestern aufgewachsen, den Frauen gegenüber ein schüchterner Stümper!
Wieviel andrerseits haben wir nicht zu geben, einzuweihen hinein!
Vorerst mein liebes, altes Templin selbst mit allen seinen Erinnerungen, seinen Schönheiten. Unsre Mark _hat_ Schönheiten, ihre sehr intimen, keuschen Schönheiten, die sich nur dem Verstehenden enthüllen, dem Freunde, dem Liebhaber, dann die weite, schöne Gotteswelt, Italien, Norwegen – das Meer ...
Die Partenkirchner Tour war ihre erste Reise. Dann bin ich dankbar, dass ich reich bin, soviel Schönes erschliessen kann für mein Lieb.
Wie wird sie staunen vor den grossen Offenbarungen der Kunst, die kleine, barbarische Berlinerin, die nichts kennt!
Alle meine Lieblingsbücher will ich mit ihr lesen! Goethe, Gottfried Keller, Storm.
Selbst eine gute Patriotin soll sie werden, teilnehmen an den Hoffnungen und Schmerzen, die das Vaterland bewegen, stolz sein auf unser stolzes, grosses Hohenzollernhaus, unsern herrlichen, alten Bismarck.
Die Mama lächelt dann: „Sie sind ein vortrefflicher Mensch, lieber Achim!“
Ich bin so froh, dass sie mich Mathildens würdig finden.
Bin ich ihrer würdig?
Diese Frage beschäftigt mich sehr. Du weisst, ich habe nie ein ausschweifendes Leben geführt. Das Gemeine hat mich stets abgestossen, sowohl bei Männern wie bei Frauen, und keine künstlerische Verklärung, keine Sophismen der Leidenschaft es in meinen Augen zu übertünchen vermocht. Ihr verspottet mich oft mit meinen Ansichten, meiner Josephhaftigkeit.
Und doch, wieviel bleibt haften auch in einer reinen Jugend, Worte – Eindrücke – was man vielleicht nur gehört, gesehen hat. Was ist meine sogenannte Ehrenhaftigkeit gegen Mathildens strahlende, unbewusste Reinheit und Unschuld. Ich zittre, dass ein Fleck darauf fallen könnte. Ich bewache meine Worte, meine Blicke. Fast versuche ich, meine Stimme zu mässigen.
Wie zart und rührend diese kleinen Gespräche mit ihr! Ich frage und sie antwortet: Ja und Nein, als wagte sie kaum, einen Willen zu haben, bevor man ihn ihr giebt, er, der ihr Lebensinhalt sein wird, die Schrift auf das weisse, süsse Lilienblatt. Gott möge mich wert machen, dass es die rechte Schrift sei!
Ich hatte eine Erschütterung dieser Tage.