Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig: Eine Novelle
Part 8
Der General taumelte zurück. Die beiden Majore stützten ihn. Er fand keinen Atem, stieß einen unsagbaren Laut aus. Plötzlich stürzt er sich auf mich. Ich sehe nicht mehr das Gesicht eines kaltsinnig beherrschten Truppenführers, ich sehe das schmerzverzerrte Gesicht eines geschlagenen Vaters, ich sehe mehr noch, jetzt....
In diesem Augenblick traf mich breit über die Backe, dicht unterm Auge, der Hieb seiner Reitpeitsche!
Das erste war, daß ich sinnlos vor Schmerz die Hände vors Gesicht hob. Nach und nach, wie sich das Blut in die zerrissenen und gequetschten Gewebe wieder ergoß, verwandelte sich der unerträglich beißende Schmerz in ein etwas erträglicheres Brennen und Glühen. Besinnung kam und mit ihr grenzenlos die Wut.
Der General hatte die Gerte fallen lassen. Er keuchte und bohrte beide Fäuste gegen das Herz. Es schien ihn ein Krampf gepackt zu haben.
Ich sah das, wurde ganz kalt, schützte meine Wange mit dem Taschentuch und verließ, von keinem gehindert, Zimmer und Haus.
Auf der Straße straff ausschreitend, wie bei der Parade:
„Wenn nur niemand das Schandmal auf meinem Gesicht sieht! Übrigens ist das gleichgültig! Aber jetzt, zum erstenmal im Leben, bin ich Offizier! Offizier! Ja, Offizier! Ich muß Genugtuung haben. Ich werde mich mit ihm schlagen, mag auch die Welt drüber verrückt werden! Mein Gesicht brennt! Meine Wange brennt! Ist, was ich vorhabe, der richtige Weg? Ich weiß es nicht! Nur kalte und klare Entschlossenheit!“
Stumpfsinnig verfolgten mich diese letzten Worte ununterbrochen: Kalte und klare Entschlossenheit. Der Schmerz peinigte. Kein Gedanke!
Ich stand auf der Landstraße, die längs des Stromes führt. Weit draußen, fast in der Nähe jenes Hauses. Ich mußte besinnungslos eine Stunde lang und mehr gewandert sein. Wie kam ich hierher?
„Kalte und klare Entschlossenheit“ befahl ich mir selbst. Wo hatte ich diese Phrase nur gelernt? Ah! Ich sah einen schon wackligen Major auf dem Katheder hin- und hergehen. Mit einem Stock zeigt er auf die Tafel, auf der Vierecke, Rechtecke, Wellenlinien gemalt sind. Er skandiert scharf: Kalte und klare Entschlossenheit, I--ni--ti--a--tive!
Ich kehrte zur Stadt zurück und ging, ohne Angst, verhaftet zu werden, in mein Hotel.
„Ob jemand nach mir gefragt habe?“
„Nein, die ganzen Tage hat niemand nach dem Herrn Leutnant gefragt und auch kein Brief ist angekommen.“
„Aber Herr Leutnant,“ rief der Portier ganz entsetzt, „Herr Leutnant haben den Säbel vergessen, können leicht einen Anstand haben.“
„Ich weiß. Schon gut!“
Ich preßte das Taschentuch an die Wange.
„Hören Sie einmal, Portier! Können Sie mir sofort einen Zivilanzug verschaffen? Aber in einer halben Stunde spätestens muß er hier sein!“
Das ließe sich machen. Ich solle nur auf mein Zimmer gehen und mich gedulden!
Warum ich Zivil anziehen wollte, wußte ich nicht bestimmt, jedenfalls fühlte ich, das wäre der erste Entschluß meiner „Initiative“!
Ich schaute in den Spiegel. Meine Backe war geschwollen. Blutunterlaufen in allen Farben zog unterm Auge der lange Hieb der Reitgerte. Im Tobsuchtsanfall warf ich den Alaunstein gegen den Spiegel, der ein großes Loch davontrug, von dem nach allen Seiten hundert Radien ausgingen.
Endlich brachte der Portier den geliehenen Anzug. Er paßte ganz gut. Für einen Augenblick vergaß ich alles und drehte mich um mich selbst. Ich gefiel mir. Nur mit dem Hemdkragen hatte es seine Not. Alle waren zu niedrig und zu weit für meinen langen Hals. Ich band deshalb einen Shawl um und ging auf die Straße, um ein Modewarengeschäft zu suchen. Dort wollte ich mir den richtigen Kragen kaufen.
Nur ruhig! Das Notwendige wird sich schon finden!
Ich trat in einen Laden.
„Haben Sie sehr hohe Stehkragen?“
Die Verkäuferin breitete eine Menge Kragen vor mir aus.
„Hier wäre die Marke „Kainz“, Stehumlegekragen. Sehr schick.“
„Nein, der ist zu niedrig.“
„Hier die Marke „Dandy“, Stehkragen mit englischen Ecken; wird sehr viel verlangt.“
„Der Kragen, den ich brauche, muß noch höher sein.“
„Noch höher? Bitte! Da hätten wir diese Marke! „Globetrotter.“ Sehr fein und elegant. Nur für Kavaliere.“
Auch der paßte nicht.
Plötzlich sah ich an der Wand des Ladens ein Reklameplakat: Ein alter, lachender Herr hält zwischen zwei koketten Fingern einen großen Knopf, auf den er einladend mit der Hand deutet. Sein Hals steckt in einem riesigen Kragen, der ihm bis über die Ohren reicht und vorne weit ausgeschnitten ist.
Ich zeigte auf das Plakat:
„Sehen Sie, so einen Kragen möchte ich haben!“
Das Fräulein lachte:
„Solche Kragen haben die Herren vor hundert Jahren getragen. Das sind doch sogenannte Vatermörder!“
Von diesem Augenblick an kam eine gewisse dumpfe Besonnenheit über mich, als wüßte ich, was zu tun wäre.
Ehe ich mit irgend einem Kragen, den ich gekauft hatte, den Laden verließ, verlangte ich noch einen Trauerflor und ließ mir den gleich um den Arm heften.
Warum ich das tat? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß mir unendlich wehe und heimatlos ums Herz war.
Ich kehrte ins Hotel zurück und vollendete meinen Anzug. Dann erkundigte ich mich nach Herrn Seebär.
Es hieß, er wäre zwei Tage ausgeblieben, heute morgen aber für einen Augenblick im Hotel aufgetaucht und sogleich zur Arbeit gegangen.
Jetzt erst fiel mir Sinaïda ein. Vielleicht ist sie gar nicht tot. Beschitzer hat ihren Namen ausgestrichen. Dafür gibt es manchen Grund. Sie lebt gewiß. Und er, vielleicht ist er nichts als ein alter Träumer, der die Welt nicht kennt. Und doch! Welche mächtige Organisation hat dieser Träumer hinter sich, da es ihm gelungen ist, jenen Zettel in mein Brot backen zu lassen. Also muß er in Verbindung mit der ärarischen Bäckerei stehen, muß einen Mann haben, der dieses ~eine~ Brot von der Pyramide wegstiehlt, zum Garnisonspital bringt und dort dem Wärter übergibt, der auch mit im Spiele sein muß.
Aber die Zarenreise? War sie Wahrheit, war sie Phantasterei verhungerter Gehirne?
Lebt Sinaïda? Ist sie denn überhaupt zu Boden gesunken? Nein! Das habe ich nicht gesehen. Sie lebt!
Aber wie ferne war mir dies alles. Habe ich sie denn jemals im Leben gesehen? War ich jemals mit Russen, Spielern, Opiumrauchern beisammen gewesen? Wer weiß? Ich habe schon ganz andere Dinge geträumt.
Russen, Spieler, Opiumraucher -- das hatte ich doch schon einmal geträumt! Aber ganz gewiß. Und der Schlitzäugige! Auch von ihm hatte ich geträumt. Sicherlich! Wann? Gleichviel!
Sinaïda lebt, oder -- hat überhaupt niemals gelebt. Wie wenig aber bedeutet das für mich, hatte ich doch eine Aufgabe, eine wichtige, endgültige Aufgabe ganz andrer Art, denn meine Wange ~brannte, brannte~!
Ich trat in ein Restaurant, um mich zu stärken. Kaum aber hatte ich ein Paar Löffel Suppe zu mir genommen, mußte ich hinaus und mich übergeben!
So also ging es nicht. Gott war streng und forderte das Gelübde der Enthaltsamkeit von mir, bis ich’s vollbracht haben würde.
Ich trieb mich wieder in den Straßen umher. Noch war die Zeit nicht gekommen. Wenn ein höherer Offizier mir begegnete, fuhr ich mit meiner Hand empor, um zu salutieren und nestelte dann verlegen an der Krämpe meines steifen Hutes.
Endlich, endlich! Von irgend einem Turm schlug es fünf Uhr.
Was das für ein vornehmes Viertel war, in dem mein Vater wohnte! Und ich? Pfui Teufel! Ich habe mir in meinem ganzen Leben kaum zweimal Bücher und Noten kaufen dürfen. (Herrgott! Ich bin der Leihbibliothek noch Geld schuldig!) Und mit dem Sattessen ist es auch nicht weit her. Selbst als Kind, als Kadettenschüler, Sonntags vom häuslichen Tisch stand ich hungrig auf. Wie gerne hätte ich ein Stückchen Fleisch noch auf den Teller gelegt, oder gar einen Kolatschen, eine Buchtel! Vielleicht auch würde es mir die Mutter nicht verwehrt haben. Aber ich war so bescheiden, so feige bescheiden!
Bitterkeit!
Ach, was hatte das alles zu bedeuten? War doch der Tag gekommen.
-- Einst wird kommen der Tag --
Ist das nicht der schönste Vers aus dem ganzen Homer? Dreizehn Jahre bin ich alt gewesen, als ich über diesen einzigen Vers Tränen unverständlicher Wonne vergoß.
Ich mußte stehen bleiben:
„Leb wohl, alle Schönheit dieser Welt!“
Eine halbe Stunde ging ich vor dem Haus, das eins der schönsten des ganzen Gesandtschaftsviertels war, auf und ab. Dann trat ich in die Portierloge.
„Ist die Generalin zu Hause?“
Der Mann in Livree hochherrschaftlich, backenbärtig, legte langsam die Brille auf die Zeitung, wurde vornehm:
„Ihre Exzellenz sind heute morgen abgereist!“
„Und mein ~Vater~ ist auch nicht zu Hause?“
Der alte Lakai machte zuerst ein dummes Gesicht, dann erhob er sich schnell, knickig, lächelte untertänigst, stammelte:
„Euer Gnaden bitte gnädigst zu verzeihen! Kompliment! Gehorsamster Diener! Habe nicht gleich erkannt. Seine Exzellenz sind ausgefahren, kommen immer erst gegen Abend zurück. Bitte schön, bitte sehr...!“
Ich stieg die breite Treppe hinauf.
Der Bursche des Generals öffnete mir.
„Ich werde hier auf meinen Vater warten. Führen Sie mich weiter!“
Der Bursche, starr erstaunten Gesichts, ließ mich in einem großen Zimmer allein.
In der Mitte des sehr weiten Raumes stand ein Billardtisch mit einem Schutzüberwurf von grüner Leinwand, am Fenster aber ein Mignonflügel.
Neben dem Klavier in einem Schragen häuften sich Klavierauszüge von Operetten und Notenheftchen mit den Schlagern dieses Jahrs. Meine Stiefmutter! Ich fühlte eine Grimasse auf meinem Gesicht.
Das Nebenzimmer, dessen Tür offen stand, war ein kleiner Rauchsalon. Von hier führte ein offener, von Portieren flankierter Eingang in das Schlafzimmer meines Vaters, das schon für die Nacht in Ordnung gebracht war. Ich sah das aufgeschlagene Bett. So deutlich war dieser Raum vom Billardzimmer sichtbar.
Ich wartete lange, dann rief ich den Offiziersburschen:
„Hören Sie, ich kann nicht mehr länger bleiben. Richten Sie ihm aus, daß ich hier gewesen bin und morgen wiederkomme!“
Ich ging in den Vorsaal. Der Diener folgte mir.
„Wie bringe ich den nur fort?“
Es fiel mir ein, meine Schuhbänder fester zu schnüren. Während dessen rief ich über die Schulter:
„Sie können an Ihre Beschäftigung gehen.“
Er verschwand.
Sogleich schlich ich mich auf den Zehen in das Billardzimmer zurück, wo ich mich nach einem Versteck umsah. Ich tastete die Wand entlang, um eine Tapetentüre, einen Wandschrank zu entdecken, dabei stieß ich, ich weiß nicht wie, mit der hoch ausgestreckten Hand gegen eine Etagere -- der Nagel löste sich -- und mit ungeheurem Gepolter fiel das Gestelle und alles, was darauf stand, zu Boden.
Hochauf horchte ich. Eine Sekunde, zwei Sekunden, eine Minute, zwei Minuten, fünf Minuten.... es rührte sich nichts. Niemand hatte den Lärm gehört. Ich begriff sofort, daß Dienerzimmer und Küche sehr weit entfernt, vielleicht in einem anderen Stockwerk sich befinden mußten.
Ich ging daran, die Etagere zur Seite zu schaffen und die Gegenstände aufzuklauben.
Billardkugeln! Zwei hatten sich unter die Möbel verrollt, die dritte, rote, hielt ich mit einem merkwürdigen Grauen in der Hand.
Warum?
Heute weiß ich es.
Sonst lagen noch gerahmte und ungerahmte Photographien auf der Erde, lauter unbekannte Menschen in Parade, Frack, Balltoilette, herausfordernde Gesichter, verächtlich auf mich gerichtet.
Da aber war noch eine Photographie.
Ein Kadett, nicht älter als dreizehn Jahre, die rechte Hand auf ein Geländer stützend, wie auf Befehl, das verängstigte Gesicht schief hinaufgedreht.
Mystischer Schreck!
Lebte der noch immer, wollte er denn nie und nimmer tot, begraben, vorbei sein? Dieser Kinderleichnam, warum schied er nicht aus meinem Blut? Mein Gott! Ich zerriß das Bild. Mein Herz brach fast dabei.
Er, der Vater, hatte es nicht unterlassen, diese Siegestrophäe in seinem Zimmer aufzustellen.
Noch etwas! Jesus! Das war ja eine der Hanteln, mit denen ich damals in den Ferien Turnübungen machen mußte. Wie schwer sie ist! Ich erinnerte mich an hundert Stunden und drückte das kalte Metall an meine Brust, diesen Zeugen von Angst und Unglück, das mich niemals verlassen hatte. Nach so vielen Jahren mußte ich sie hier finden! Das war kein Zufall.
„So lange war sie verborgen geblieben. Jetzt aber, in dieser Stunde, kommt diese alte Hantel mir entgegen, sucht mich gleichsam, lockt mich heran, mir jenen Gedanken einzugeben -- einzugeben -- nein zu sagen, zuzurufen, den ich sogleich verstehe.“
Ich stutzte einen Augenblick.
Sollte ich sie mißverstehen? Dieses Stück Eisen, ~bittet~ es etwa für meinen Vater, der es jahrzehntelang mit sich schleppt, der es nicht zum Gerümpel, nicht auf den Kehrichthaufen wirft, nicht dorthin, von wo es zum Schmelzofen wandern und um seine Form kommen muß.
Ist diese Hantel meiner Kindheit dem Vater für den Schutz dankbar?
Warum denn hat er sie aufbewahrt und ihr nach so vielen Übersiedlungen hier in diesem Staatszimmer einen Raum gegönnt? Warum?
War es ganz gewöhnliche Unachtsamkeit?
Ah, nein! Seinem Blick entgeht keine Blindheit auf einem Messingknopf.
War es Empfindsamkeit, verborgenes Erinnerungsgefühl, das dem kleinen Knaben galt, der einmal sein Sohn gewesen war?
Ich hielt den Eisenkopf der Hantel ans Ohr.
Keine Antwort! Sie blieb stumm.
Für mich Antwort genug. Ich verstand sie.
Es mußte geschehn.
Ich prüfte die Festigkeit der beiden Köpfe, ob sie gut auf dem Stiel säßen. Das Ding war wie aus einem Guß -- da steckte ich es in meine Tasche.
Indessen war es schon recht dunkel geworden. Draußen sprang das Licht der Laternen auf. Die Fenster malten gelbe Lichtquadrate auf Möbel und Fußboden.
Ich entschloß mich, unters Billard zu kriechen; so war ich am besten verborgen.
In die Leinwand des Überzugs schnitt ich mit dem Taschenmesser ein Loch, ähnlich der Klappe im Theatervorhang -- so, nun konnte ich genau beobachten, was hier und in den anstoßenden Zimmern vorging.
Ich weiß nicht warum, plötzlich erfaßte mich eine wütende Lust, mich zu verraten, unerhört Klavier zu spielen, göttlich zu phantasieren, durch die ungeheuren Akkorde alles Häßliche zu vernichten. Nur mit Mühe hielt ich mich fest. Auf meiner Stirne stand der Schweiß in großen, kalten Tropfen, so viel Kraft brauchte ich, dieses Gelüste zu überwinden.
Jetzt erst merkte ich, daß gleichmäßigen Schrittes eine große Uhr im Zimmer tickte.
Ich klammerte meine Finger um die Hantel.
Es schlug acht Uhr....
Es schlug halb neun, es schlug neun. Draußen schallte die Brandung der Stadt schwächer.
Was wollte ich eigentlich hier?
Ich wußte es nicht.
Ich wußte nichts.
Da -- ganz ferne hörte ich einen Schlüssel knirschen. Ich drückte den Kopf in meine Hände.
„So war es gewesen -- damals! Sechs Jahre alt und noch jünger. Der Schlüssel knirschte genau so. Ich vernahm es bis tief in meinen Traum. Dann tappten Schritte, kamen näher, immer näher (o, ich verging vor Furcht), ich spürte hinter den geschlossenen Augenlidern eine sanfte Helligkeit, und jetzt beugte sich jemand über mich -- damals!“
Nun aber!
Meine Wange brannte wie Feuer.
„Wie Feuer!“ Laut stieß ich diese Worte hervor, als hoffte ich noch immer, mich zu verraten.
Im Vorsaal Schritte und Stimmen.
Es waren zwei, die sprachen. Einer befahl und einer wiederholte die Befehle.
Die Türe ging auf.
Mein Vater trat ein.
Der Bursche folgte.
„Also, er war hier gewesen?“
„Befehlen?“
„Ich frage: Mein Sohn war hier gewesen?“
„Jawohl, Exzellenz!“
„Wie hat er ausgesehen?“
„No -- so -- Exzellenz, ich bitt’ ghorsamst, ich weiß nicht.“
„Schauen Sie sich die Leute nächstens besser an!“
„Jawohl, Exzellenz!“
„Haben Sie mir die Pastillen vorbereitet?“
„Sie stehen auf dem Nachttisch, Exzellenz!“
„Und die Wärmflasche?“
„Die werde ich gleich bringen, Exzellenz!“
„Wann war er hier?“
„Befehlen?“
„Wann der Karl, -- wann mein Sohn hier war, frag’ ich.“
„So um halb sechs, und ist um viertel sieben wieder fortgegangen.“
„Hat er keine Nachricht hinterlassen?“
„Jawohl, Exzellenz! Der Herr hat gesagt, daß er morgen wiederkommen will.“
„Herr! Herr? Welcher Herr? Der Herr Leutnant!“
„Exzellenz! Ich meld’ ghorsamst, der Herr Leutnant waren in Zivil.“
„Was? In Zivil? Während einer Untersuchung, in Zivil? Unerhört!“
Sporenklirrend ging der General auf und ab. Die Worte: „Pastillen, Wärmflasche“ hatten mich fast verstört. Aber das „Unerhört“, von widerwärtigem Sporenhochmut begleitet, brachte mich in Wut.
Jetzt kam der Bursche mit der Wärmflasche.
Der General hustete.
„Hat der Herr Leutnant nicht -- so -- krank ausgesehen?“
„Jawohl, Exzellenz! Bissel blessiert.“
„Wo hat der Herr Leutnant denn gewartet?“
„Hier im Zimmer!“
„So?“
Der General machte eine Pause, rasselte heftig, dann sagte er als Abschluß mehrfach angestellter Erwägungen:
„Morgen sagen Sie dem Herrn Leutnant, daß ich dienstlich hier nicht empfange, daß ich hier überhaupt nicht empfange! Verstanden?“
„Zu Befehl, Exzellenz!“
Über den letzten Satz geriet ich außer Rand und Band. Er hatte mich geschlagen, gepeitscht und spielte die Allerhöchste Dienstkomödie weiter.
Fester faßte ich die Hantel. Ein Wort war jetzt in mir: „Es ist besiegelt.“
Die Haut auf meinem Gesicht spannte sich vor Brand und Erregung. Ich fühlte, daß jetzt das zerstörte Gewebe meiner Wunde durch die Spannung stellenweise aufbrach und das Blut langsam, warm über die Wange lief.
Nun, mir war’s recht, mehr noch, willkommen. Mein Vater hatte sich unterdessen in sein Schlafzimmer begeben. Der Diener half ihm beim Auskleiden. Ich wandte mich ab. Scham verhinderte mich, hinzuschauen.
Deutlich hörte ich nur das Ächzen, Stöhnen und Gähnen eines Mannes, der nicht der gesündeste ist.
Endlich entfernte sich der Diener.
Der General drehte (der Knopf war über dem Bett) das elektrische Licht mit einer Bewegung in allen Zimmern ab.
Nun war es ganz finster.
Ein unwilliger Körper warf sich hin und her.
Feucht war meine Stirn.
Immer noch rann das Blut über die Backe.
Meine Hände waren schon ganz naß davon.
Ich wartete das nächste Schlagen der Standuhr ab.
Zehn!
Nach dem letzten Schlag kroch ich aus meinem Versteck hervor.
Was geschehen werde, ich wußte es nicht. Meine Gedanken wurden von diesem sinnlos wiederholten Satz beherrscht:
„Ins Reine kommen!“
Meine Rechte hielt die Hantel fest umfaßt. Ich zählte bis drei, gewillt, beim Dritten das Zeichen zum Weltuntergang zu geben.
Eins -- zwei -- -- -- drei!
Ich gab mir einen Ruck, trat auf Fußspitzen zur Portièrentüre des Schlafzimmers, stellte mich so auf, daß ich nicht gesehen werden konnte.
Lange verweilte ich so. -- Dann hob ich die Hantel und klopfte mächtig an den dumpfschallenden Türpfosten.
Ich hörte, wie einer aus dem Bett auffuhr.
Heisere Halbschlafstimme wurde laut.
„Wer ist hier?“
Ich antwortete nicht.
Jetzt war im Zimmer wieder alles ruhig.
Aber ich fühlte: Er sitzt atemlos im Bett und horcht.
Zum zweitenmal drei furchtbare Schläge an den Pfosten.
Der drinnen sprang aus dem Bett. Ein schneller, fast jammernder Atem flog. Tasten einer Hand nach dem Knopf des elektrischen Lichtes.
Da klopfte ich, weitausholend, zum drittenmal und rief: „Vater!“
Wild sprang das Licht in allen Räumen auf.
Und jetzt!
Hoch erhob ich die Hantel...
Wer aber trat mit entgegen?
Die Füße in schlurfenden Pantoffeln, einen langen, grauen Schlafrock umgehängt, die Gürtelschnur vorne nicht zugebunden, weiße Haare zerzaust, der Schnurrbart ungestutzt, ungefärbt, grau, hart hinabstechend, schwere Tränensäcke unter kleinen sterbenserschrockenen Augen, totgezeichnete Backenknochen, blaue Lippen, die der Zähne häßliches Gold angstklaffend nicht mehr verbargen, der also aus der Türe schwankte, der alte Mensch -- war mein Vater.
„Du?“ fragte eine röchelnde Stimme.
„Ich!“ sagte eine andere scheppernd zerbrochenen Klanges.
Langsam rann mir das Blut über Wange, Kragen, Anzug und tropfte dick auf die Parketten.
Ich trat, die Hantel immer hoch erhoben, zum Billard und befahl dem Alten:
„Komm!“
Wo war der General? Wo der rasselnde Feld- und Weltherr? Ein Greis im Schlafrock, sein betäubtes Auge auf die Waffe in meiner Hand, auf das Blut in meinem Gesicht richtend, gehorchte wortlos und blieb in Entfernung zitternd stehen.
Ich stampfte mit dem Fuß:
„Komm!“
Den Körper meines Vaters schüttelte sichtliches Fieber. Er sah aus wie ein Mensch, der gegen wüsten Traum kämpft. Er duckte sich, versuchte etwas zu sagen, kein Wort, kein Ton gelang.
Mein ganzes Wesen erschütterte göttlicher Rausch. Ah! Ich wartete auf das große Stichwort! Die Hand mit der Hantel straffte sich immer höher, höher!
Mit aufgerissenen Augen sah mich der Vater an. Kein Wort noch immer brachte er hervor.
Meine Hypnose war so stark, daß er den Blick von mir nicht wegwandte, noch auch zur Türe lief, was für ihn leicht gewesen wäre. Ich bog den Arm ausholend zurück! Und da geschah etwas Wahnsinniges.
In meine Beine fuhr ein Rhythmus, über den ich nichts vermochte. Gebieterisch streckte ich die unbewaffnete Hand aus. Der Vater duckte sich noch tiefer, schützte mit den beiden Händen sein Hinterhaupt und ich, ich verfolgte ihn gleichmäßig stampfenden Schrittes, Runde auf Runde um den Billardtisch.
Er keuchte vor mir her und ich, die Beine im Tempo dieses unheimlichen Triumphmarsches streckend, Abstand niemals verringernd, niemals erweiternd, schritt hinterher, die Hand mit der Waffe erhoben, den Kopf zurückwerfend in bewußtloser Begeisterung.
Immer asthmatischer wurden die Atemzüge des Gejagten. Sein Schlafrock, aufgebunden, weitärmelig, rutschte über die Schulter, immer weiter, fiel endlich ganz von ihm!
Das war kein Offizier mehr.
Ein nackter Greis mit mager tiefdurchfurchtem Rücken schwankte vor mir her.
„Die Wahrheit“, dachte ich, „die Wahrheit“.
Das Triumphgeheimnis des unverständlichen Rhythmus genießend, immer mit hocherhobener Hantel, stampfte ich weiter.
Wie lange der Marsch, die gemessene Jagd um den Tisch währte, -- ich weiß es nicht.
Der andere verlor erst den einen Pantoffel, dann den zweiten, schließlich torkelte er splitternackt vor mir.
Ich hielt nicht inne. Die schwarze Magie, wußte ich, darf nicht schwächer werden.
Plötzlich blieb der alte, nackte Mann stehn, drehte sich zu mir um und fiel keuchend auf die Knie. In seinen flehend erhobenen Händen lag die Bitte:
„Tu es schnell!!“
Vor mir kniete kein Neunundfünfzigjähriger, vor mir kniete ein Achtzigjähriger.
Noch einmal Wahnsinn, unerträglicher Triumph!!
Doch jetzt!
„Das hatte ich nicht gewollt, daß dieser Vater vor mir kniet. Er soll es nicht tun. Keiner! Ist das Papa? Ich weiß es nicht. Aber ich werde diesen Kranken nicht töten, weil ich es nicht genau weiß.“
Leid, Mitleid!
Noch immer kniete mein Vater vor mir. Aber was ist das? Überall auf der Erde in breiten Klecksen -- Blut. Was habe ich getan? Ist das ~sein~ Blut? Habe ich sein Blut vergossen? O Gott! Was ist das? Nein, nein! Dank, Dank! Ich bin kein Mörder. Es ist ja ~mein~ Blut, das ~er~ vergossen hat. ~Mein~ Blut! Und doch! Geheimnis! Sein Blut, ~unser~ Blut hier auf der Erde!
In diesem Augenblick hatte ich eine Vision, einen Gedanken, den ich jetzt noch nicht verraten darf.
Ich hob den General auf, und warf ihm seinen Schlafrock um die Schultern.
„Geh schlafen!“
Das war der einzige Satz, der in dieser Nachtstunde gesprochen worden war.
Später, auf der Straße, schleuderte ich die Hantel und mit ihr die Krankheit der Kindheit von mir.
Dritter Teil
Was seit jener abgründigen Stunde in Jahr und Tag sich begeben hat, das des Weiteren aufzuzeichnen, widerstrebt mir.
Nun! Ich war in allen drei Anklagepunkten schuldig befunden und hauptsächlich wegen tätlicher Mißhandlung eines Höheren nach militärischem Strafrecht zu neun Monaten Garnisonsarrest verurteilt worden.
Meinen Vater habe ich während meiner Haft und auch nachher nicht mehr gesehen.
Später, zu Beginn des Weltkrieges, in New-York, las ich in den Zeitungen öfters seinen Namen, der aber nach und nach aus den Berichten verschwand. Der sogleich zum General der Infanterie avancierte Führer dürfte unter den ersten Generalen gewesen sein, die schuldig oder unschuldig, meist jedoch schuldig abgesägt worden waren.