Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig: Eine Novelle

Part 7

Chapter 73,694 wordsPublic domain

Dennoch überwältigt: „Blauer Himmel! Blauer Himmel!“

O, ich begriff ihn, Christus, den so unbegreiflichen, ich begriff ihn. Du selig schlauer Genießer du! Für die Menschheit sterben! Das glaube ich! --

Plötzlich sah ich eine Konditorei vor mir. Der Ladentisch biegt sich unter der Last von Schaumrollen. Die Generalin in dem neuen schönen Kostüm meiner Mutter schwelgt im Genusse der Näschereien. Ihre gefärbten Haare sind hochauf onduliert. Sie zeigt eine verschrumpfte Zungenspitze, an der ein Tropfen Schlagsahne hängt. „Christus -- Christus, exzellent, exzellent,“ lispelt die Generalin und bekreuzigt sich.

Ich rieb mir die Augen. Wie wild du doch spielst, Phantasie! Und dieses Gefühl von Größe und Aufopferung in meinem Herzen!

Was war nur mit Sinaïda gestern? Wie sieht sie denn aus? Ich konnte und konnte mich nicht besinnen!

Jetzt sah ich mich in der Stube um.

Fünf Eisenbetten standen an den Wänden. Über jedem Bett hing eine schwarze Kopftafel. Was war das? So viele Tafeln ohne chemische Formeln?

Und dann, diese Betten! Das war ja wie im Institut, da standen zehn Eisenbetten in jedem Zimmer. Zehn eiserne Schlafkerker, -- aber sie waren viel, viel kleiner, -- natürlich, wir sind ja damals noch Knirpse gewesen.

Pfui Teufel! Wie kann man denn nur Kinder, die doch so sehr gesunden Schlaf brauchen, des Nachts in solche Kotter sperren?!

„Das muß anders werden,“ schrie ich wütend. Da erwachte einer und wälzte sich auf seinem Bett. Es war mein einziger Nachbar hier in diesem Zimmer. Ich war ja immerhin noch Offizier und durfte deshalb in einem schwachbelegten Extrazimmer liegen.

Der Mann seufzte, versuchte von neuem einzuschlafen, stöhnte qualvoller, setzte sich endlich auf, jammerte vor sich hin:

„Nicht einmal Ehrenrat, nicht einmal....“

Ich trat an sein Bett.

Was war nur mit meinem Kopf?

„Nachbar,“ erklärte ich, „wir müssen niedrige Illusionen gegen höhere Illusionen eintauschen, aber ohne Illusionen geht es einmal nicht ab.“

Er wurde wütend und spuckte aus. Dennoch erzählte er mir später seine Geschichte.

Als Hauptmannrechnungsführer, der er war, hatte er Geschäfte mit ärarischem Gut gemacht.

„Wer tut das nicht? Aber den Schuften kommt man nicht darauf. Immer saust nur der anständige Mensch herein. Niederträchtig ist das Urteil. Zwei Jahre Garnison!

Und was dann? Was soll ich mit der Familie tun? Fünf unmündige Köpfe! Denn die Frau ist strohdumm und hochnäsig, eine richtige Generalstochter! Ah, die Gute, die Gute! Sie wird mich nicht mehr achten können. Und ich? Nicht einmal als Offizial werde ich mehr unterkommen. Mein Gott, mein Gott!“

Ich setzte mich zu ihm, streichelte seine Hand.

„Sie werden ~leben~! Das ist herrlich. Ich aber werde ~sterben~. Das ist herrlicher. Ich möchte nur wissen, ob das Gesetz den Galgen vorschreibt, oder ob einfach ein Detachement kommandiert wird: Ein Offizier, ein Profos, sechs Mann, zwei Spielleute! -- Dann an die Wand mit mir! Ein wenig seitab der aufgeklappte Sarg, den der Regimentsarzt abklopft, als wäre es ein Patient. Und dann, gut! Die Binde ums Aug’, aber ich bitte mir eine seidene aus. -- Das wäre mir viel lieber als die peinliche zivilistische Zeremonie. Ich freue mich, mein Wort, ich freue mich darauf! O, es ist ein Opfertod, sagen Sie nichts, es ist ein willkürlicher Opfertod! Soll ich Ihnen ein Geheimnis verraten? Ich flehe Sie an: Lachen Sie nicht!

Was die Menschen Verbrechen nennen, es ist eine mystische, höhere Art der Anbetung Gottes!“

Ich redete sinnlos. Der Rechnungsführer ward böse, drehte sich zur Wand, brummte:

„Kusch, Narr!“

Mittags fand ich in meinem Brot, als ich es aufschnitt, diesen Zettel, der die Handschrift Beschitzers trug.

„Gräme Dich nicht! Deine Tat erübrigt sich. Er, +N+(ikolaj) +A+(lexandrowitsch) +R+(omanow) hat seinen Besuch abgesagt. Ich bin dank der Organisation befreit worden. Auch Du fürchte nichts! Sei schweigsam, laß Dich nicht überrumpeln, sie wissen gar nichts Rechtes. Mein Herz ist sterbensmüde.“

Ein Wort noch stand auf dem Zettel, es war aber ausgestrichen, mit einem dicken Strich ausgestrichen; das Wort: Sinaïda!

Ich zündete ein Zündholz an und verbrannte langsam das Papier.

Ihr Name ist ausgestrichen vom Zettel des Lebens. Es ist klar, sie ist tot! Sie ist tot! Diese Fremde, sie stand in Tula an einer sonnigen Straßenecke im Frühling. In Tula, oder war es in Thule? Wer weiß das? Sie schoß und traf ein Kind, ihr Kind. Es war eine Freikugel! Wie sah sie denn aus? Ich weiß nicht. Doch! An den Mund und an ihren Duft erinnere ich mich. Ihr Mund war müde herabgezogen, aber ihr Duft war stark und wild. Und dann, o Gott, ich war, ich bin verliebt in ihr leises Hinken, in diese süße Gebrechlichkeit. Was ist mit ihr? Ist sie tot? Ah, das steht nirgends. Aber auf dem Zettel, der eben verbrennt, war ihr Name ausgestrichen. Sie ist tot. Doch warte nur! Auch ich werde sterben, auch ich, bald, bald.

Tremolo sublimer Geigen in meiner Seele! Das göttliche Schlußduett aus Verdis Aïda! O ruhige, ungebrochene Wehmut der starken Herzen vor dem Unabwendbaren:

+Leb’ wohl o Erde, o du Tal der Tränen, Verwandelt ist der Freuden-Traum in Leid.+

Ich bin ja kein Mensch, ich bin ja nur ein Saitenspiel. Niemals konnte ich so recht über Menschliches, immer und jedesmal über Musik weinen! Meine Tränen machten mich magisch und magnetisch, mich Verstoßenen und Häßlichen, dessen Gesicht schon in der Schule niemand leiden mochte.

Ja, ich wollte auch nichts Menschliches für mich. --

Aber ein Zauberer sein! Unsichtbar nachts, mit riesigen Rabenflügeln über die Städte der Menschen fliegen, auf Bergen ruhen in der Morgenröte, gefalteter Fittiche mit unterschlagenen Beinen auf Wiesen von Thymian und Alpenrosen sitzen, ewig einatmen den heiligen Duft der Cyklame. Dann aber sich wieder erheben, langsamen Fluges in Abgründe und Schluchten starren, wo die fernen Schleierfälle des Gebirges sausen! In der Gestalt des Nachtfalters, wenn der Mond scheint, durchs offene Fenster in die Wohnstuben der Familien schwirren, um die Lampe taumeln, wenn der kleine Kadett (es sind ja Ferien) seine Fleißarbeit anfertigen muß, und sein Vater, der Hauptmann, den Zigarettendampf durch die Nase stößt. Böses bringen den Bösen, Gutes bringen den Guten, allen Kindern Gutes bringen....

Die Mittagssonne gitterte noch immer auf dem schmutzigen Spitalsboden. Ich aber schwebte als Zauberer über meinem Bett -- und schlief ein, schlief den ganzen Tag, schlief die ganze Nacht und noch länger.

Am nächsten Tag wurde ich, nach der ärztlichen Visite, dem untersuchenden Auditor im Garnisonsgericht vorgeführt.

Aus seinen Fragen erkannte ich sogleich, daß er von dem Anschlag auf das Leben des Zaren keine Ahnung hatte.

Mir selbst kam in keinem Augenblick der Gedanke:

„Hat Chaim phantasiert, ist die Zarenreise eine Erfindung gewesen?“

Während des Verhörs kristallisierten sich drei Anklagepunkte:

1. Umgang mit hochverräterischen und staatsgefährlichen aus- und inländischen Individuen.

2. Verbrechen der Insubordination.

3. Tätliche Mißhandlung eines Höheren.

Der Auditor schüttelte ununterbrochen den Kopf:

„Ein Duschek von Sporentritt! Wie ist das möglich? Ich begreife Sie nicht. Wie konnten Sie sich so vergessen!“

Er wollte mir helfen:

„Nicht wahr, Sie waren in N-dorf beim Heurigen. Gut! Man ist jung, man will sich amüsieren -- aber ein honetter Mensch -- das sollten Sie wissen -- legt bei solchen Anlässen des Bürgers Kleid an.

Sie haben eins über den Durst getrunken. Na, auch das verstehe ich! Auf dem Heimweg, nicht mehr ganz Ihrer selbst sicher, geraten Sie an ein Mensch.

Was?

An eine Prostituierte meine ich natürlich. Das muß aber eine von der saubersten Sorte gewesen sein. Das Weib zieht Sie in das „Hotel zum Loch“, wie es in der Gaunersprache heißt, in dieses Haus, wogegen jedes Bordell ein adliges Damenstift ist. So etwas! Wissen Sie denn eigentlich, wo Sie sich befunden haben? Unter dem schwärzesten Gesindel, unter Banditen und Nihilisten, unterm Abschaum, in der Kloake nicht dieser Stadt allein, sondern aller Metropolen der Welt.

Pfui Teufel! Sie wollen sich -- nochmals Pfui Teufel, -- gerade mit ihrem Mensch, wie soll ich mich nur ausdrücken, zur Ruhe begeben, -- da weckt Sie die Pfeife dieses chinesischen Gauners, dem man schon dutzendmal das Handwerk gelegt hat; aber der Schuft ist amerikanischer Staatsbürger. Also das Gepfeife weckt Sie aus Ihren so süßen Träumen, „Streifung“ weiß Ihre Dame sogleich und schleppt Sie zugleich mit all den anderen in den Keller hinunter.

Und in Ihrer Volltrunkenheit vollführen Sie dann diesen unerhörten Exzeß, der Ihnen die goldenen Sterne kosten wird, mein Lieber, jawohl, mindestens die goldenen Sterne!

Also, jetzt fassen Sie sich! Ich werde, was ich Ihnen hier geschildert habe, denn anders kann es sich ja gar nicht abgespielt haben, zu Protokoll nehmen. Ich werde Ihnen jedes Wort vorsprechen. Unterbrechen und verbessern Sie, wo Sie nur können. Sind Sie einverstanden?“

„Herr Auditor, ich bin nicht einverstanden!“

„Was, Sie sind nicht einverstanden? Himmelherrgottsdonnerwetter! Waren Sie betrunken? Ja oder nein?“

„Nein!“

Der Auditor wurde eisig dienstlich! Er nahm ein Blatt Papier und setzte den Bleistift an:

„Was haben Sie mir also zu sagen?“

Ich schwieg. Er stampfte ungeduldig mit dem Fuß:

„Ich warte!“

„Ich bitte für heute das Verhör zu unterbrechen!“

„Gut! Wie Sie wollen! Ich hatte zwar die Absicht, Sie vorläufig Ihrem dermaligen Kommando zur Verfügung zu stellen. Es ist auch ein besonderes Dienststück gekommen. Aber -- Sie wünschen es selbst anders. Ich danke!“

Die Ordonnanz trat ein. Ich wurde abgeführt.

Auf den Korridoren des Spitals schlichen die armen Bauernjungen, mit den unreinlichen Krankheiten des Soldatenstandes behaftet. Sie hatten blauweiße Lazarettmäntel an und pafften ihren Kommistabak.

Manche waren darunter, denen ich es ansah, daß sie aus dem letzten Loch pfiffen. Wie hatte man nur diese Jammergestalten assentieren können?

Doch, wer hatte danach gefragt, als ich assentiert worden war, damals, wo ich noch in die Volksschule gehört hätte.

Aus der „geschlossenen Abteilung“, der Überwachungsstätte für Geisteskranke, brach großer Lärm. Die gepolsterte Türe wurde aufgestoßen, und zwei Wärter führten einen halbnackten Mann über den Gang, der heftig brüllte und Grimassen schnitt. Als er meiner ansichtig wurde, blieb er stehen und hielt mit einem mächtigen Ruck auch seine Führer zurück.

„Herr Leutnant,“ es war ein gurgelnder Dialekt, „Herr Leutnant, Herr Leutnant -- i bin Luther, obs wollt’s oder net! Herr Leutnant, i bitt g’horsamst, Sö sullns glaubn, sunst Sakra! I bin Lutta und i mog kan heilen Vatta nöt habn. I mog kan heiln Vatta nöt!“

Die Wärter rissen ihn fort. Lange noch hörte ich ihn heiser lamentieren: „Kan heiln Vatta!“

Vor der Türe meines Zimmers, das abseits lag und vor dem der Gang durch ein Gatter abgeteilt war, verließ mich der Wachtposten und fing an, eintönigen Schrittes auf und ab zu patrouillieren.

Wollte ich ein Bedürfnis verrichten, nahm er mich wieder in Empfang, führte mich zum Retirat und wartete vor dem Eingang.

Auf der offenen Latrine saßen im Kreis die Männer und verrichteten ihre Notdurft.

War das möglich? So oft bin ich in den Kasernen an den Mannschafts-Aborten vorübergegangen und hatte das nicht bemerkt. Alles mit Allen teilen, Mahlzeit, Schlafraum, und selbst dies hier offen verrichten ~müssen~, welch’ eine Entwürdigung des Lebens! -- Und Sinaïda? -- Auch sie war in den Gefängnissen Rußlands gewesen!

Wo ist sie? Lebt sie? Oder liegt ihre geheimnisvoll geliebte Gestalt in irgend einer schäbigen Totenkammer? Vielleicht gar auf Eis, denn solche Leichen kommen auf die Anatomie, in die Menschenlatrine der Großstädte.

O, ich war voll Stolz, während ich solches dachte!

Was ist denn der Tod? Ich bestehe auf ihn. Ich lasse mich nicht von ihr, von niemandem lasse ich mich beschämen. Und jetzt! Jetzt wollen sie mich um den Tod bringen, mich zu einem Verbrecher dritter Klasse, zu einem Besoffenen, zu einem Exzedenten degradieren! -- Ich lasse mich aber nicht betrügen.

Nicht mehr will ich als ein Schulbub vor den Vater treten, als ein Kadettlein, das für jede Ohrfeige erreichbar ist, ja zu dem er sich noch niederbeugen muß, um ihm die Tachtel zu versetzen. Nein, meinen Kopf soll er gar nicht sehen, so hoch wird der in den Wolken stecken! Ich will gestehen und sterben! Ich bin bereit!

Der Hauptmannrechnungsführer war des Morgens schon aus dem Zimmer weggebracht worden. Nun gehörte der große Raum mir ganz allein. Der Arzt hatte heute sich recht lange mit mir befaßt, den Schädel abgetastet, meine Augen, meine Kniereflexe untersucht und am Schluß die Frage gestellt, ob ich durch keine Magenübelkeiten gequält werde, nicht Ohrensausen und Gesichtsstörungen verspüre? Nein, nein! Dies alles nicht! Im Gegenteil! Meine Beine schlenkerten und tanzten in den Gelenken. Ich fühlte mich leicht, göttlich leicht! -- Und dann dieser neue, nie gekannte Enthusiasmus in meiner Seele. Den aber verschwieg ich klüglich dem Doktor. Ich allein genoß ja diese Erhabenheit, diese Stromschnelle der Gedanken. Immer ging ich auf und ab, und es waren Wolken, auf denen ich ging.

Ich werde ihm gegenüberstehen und die Wahrheit sagen. Was ist Wahrheit, fragt wohl Pilatus. Ich aber weiß wenigstens, was die Wahrheit ist, für die ich sterben will. Ach, nicht das, was alle Menschen glauben werden. Kein kleines Geständnis, etwa, daß man den Zaren ermorden wollte, oder die tote Sinaïda liebt. (Ist sie tot? O Gott!) Anders ist ~meine~ Wahrheit.

Ich werde diesem General, diesem Vater sagen... Was denn?

Nun, die Wahrheit.

Ich werde solche Sätze zu ihm sprechen: Der Himmel ist blau. Schwalben schießen durch die Luft: Nachtfalter fliegen ins Licht. -- -- Das sind meine Wahrheiten, und wer sie erkennt, muß sich ja auf die Erde werfen vor zielloser Liebe.

Ja, ihr habt mich alle verstoßen, weil ich häßlich bin und ein recht mittelmäßiger Offizier, da hielt ich mich an die Gaststube der Frau Koppelmann und überließ mich der Führung eines Taubstummen. Und ich trat unter die Lumpen, die Opiumraucher und die Heiligen.

Das tat ich, weil es mir nicht gefiel, am Sonntag mit meinem Herrn Vater auszureiten, mit ihm, der mich immer so böse traktiert hat, wenn ich vor ihm beweisen wollte, daß auch ich Wer bin! Und nun soll er selbst krank sein!

Aber gleichviel!

Die Lumpen und Heiligen, sie sind ein durchsichtiger Nebel für mich, und jetzt sehe ich hinter diesem Opiumrauch überwältigt die geschaffene Welt.

Ja, ich sehe sie, die Wahrheiten, für die ich sterben will:

Der Himmel ist blau! Die Schwalbe fliegt. Nichts anderes will ich ihm sagen. Er aber wird sich wehren:

„Die Schwalbe fliegt,“ sage ich.

Er schreit den Adjutanten an:

„Bringen sie den Akt Nr. so und soviel!“

Aber meine Wahrheit wird die Akten und Dienststücke von seinem Tisch fegen, und ich werde siegen -- siegen!

Traumlos und schwer schlief ich auch diese Nacht.

Am frühen Morgen des nächsten Tages (es war der dreißigste Mai) ahnte ich schon, daß ich in wenigen Stunden vor meinem Vater stehen würde.

Ich putzte mir die Knöpfe blank, bürstete meine Stiefel und verwendete große Sorgfalt auf meinen Anzug.

Eine große Ruhe hatte sich meiner bemächtigt.

Noch immer war ich fest entschlossen, „die Wahrheit zu sagen“, -- jene Wahrheit, unter der ich mir selbst nichts Bestimmtes dachte.

Aber ich war voll Hoffnung. ~Heute~ mußte mich der Vater verstehen, dessen war ich sicher; ich fühlte mein Wesen von einer seltsamen Würde verklärt, gegen die auch er ohnmächtig sein würde.

Wie jung und unmündig war doch diese alte Existenz, diese recht steifbeinige Exzellenz, mein Vater?

Immer nur in Kanzleien sitzen, an der Tête reiten, Front abschreiten, Defilierung rechts, nachlässig den gebogenen Zeigefinger an die Kappe heben, Untergebene abkanzeln, Vorgesetzten stramm den Vortritt lassen, Sporenklappern, Hackenklappen, Zigaretten rauchen, -- ist das Leben?

Und ich?

Ich bin an der Queue marschiert, ich habe den Troß erlebt, Antlitz und Schritt Sinaïdas, ich bin in Katastrophen gestanden!

O, um ein Weltalter war ich älter als der Vater, dieser Abkömmling einer primitiven Zeit, dieser Berufssoldat +comme il faut+, diese Blase, aufgeworfen vom militärischen Reglement.

Man sagt, daß die Welt altert, daß die Zeit immer älter wird! Und die Väter, Geschöpfe der Welt und Zeit, die noch jünger, ungealterter ist, gelten für älter als die Söhne, die einer schon gealterten Welt und Zeit entstammen.

Das Alter der Person und das Alter des Universums steht also in einem merkwürdigen Widerspruch.

Wie alt bin ich doch mit meinen fünfundzwanzig Jahren! Und gerade deshalb! Meiner höheren Gereiftheit wird er nicht widerstehen können.

Die Katastrophe verwandelt sich in ein Versöhnungsfest, trotz alledem -- und dann, dann habe ich meinen Frieden mit der Welt gemacht und will den Tod des Königsmörders sterben, ihr nicht mehr nachhinken, werde alles gestehen, alle Vorbereitungen, die Bombe vorweisen......

Ein Offizier holte mich ab.

„Herr Leutnant, machen Sie sich fertig! Wir müssen zum Korpskommando fahren, auf Befehl Seiner Exzellenz, Ihres Herrn Vaters!“

Trotz der Hoheit, die ich über mir ruhen fühlte, schrak ich wild zusammen.

Das Wort „Befehl“ hätte mich fast vergiftet. Der bittere Geschmack meiner Kindheit war mir im Mund. Fassung! Ich hätte mir gewünscht, gefesselt zu sein! Statt dessen salutierten mir auf Gängen und Stiegen alle Soldaten mit schroff erschrockenen Rucken.

In der rumpelnden Droschke ergriff mich plötzlich Unbehagen. Wie wenig paßte doch diese Uniform zu mir! Und warum hatte ich dunkelbraunes Haar? Glatte, blonde Strähnen gebührten mir, ein Havelock von Kamelhaar, Sandalen, kurz die Kleidung, wie sie die Naturmenschen, die Vegetarianer, die Wüstenpropheten und die ganz Befreiten tragen, die licht erhobenen Auges ruhig das Gerassel und Getümmel der großen Plätze überqueren.

Wir waren angekommen und stiegen aus. Ich machte lange, langsame Schritte, als würde eine Kutte mir um die Knie schlagen! Mein Begleiter sah mich von der Seite wie einen Verrückten an.

Das Haus quirlte von Geschäftigkeit.

Angstgepeitscht liefen Unteroffiziere auf und ab, eilten durch die langen Korridore, klopften an mächtige Türen mit nichtig devoten Fingern. Offiziere schimpften wie immer, Posten schritten übernächtig und mit nüchternem Magen in den Höfen auf und nieder.

Mir war’s, als müßte ich sie alle, alle zu mir rufen, denn mein Amt war es ja, ~Versöhnung~ zu bringen. Wenn ich dieses Haus verlassen werde, wird keiner mehr haßerfüllt verhaßten Befehlen gehorchen, keiner mehr auf offener Latrine sitzen müssen.

Der Offizier stieß mich an: „So salutieren Sie doch!“

Ich hatte einen vorübergehenden Major nicht gegrüßt.

„Auch das wird aufhören,“ sagte ich.

Der Offizier starrte mich entsetzt an, dann wandte er hoffnungslos den Kopf ab.

Wir mußten sehr lange warten.

Drei Tage hatte ich fast nichts gegessen. Mein Leib war wie ohne Materie, ein Schweben fast, eine Lauterkeit, die mir Freude machte. Mir fiel Beschitzers Ausspruch ein:

„Alle Angst ist Irrtum.“

Ich wiederholte diesen Satz immer wieder, denn irgendwo in einer antipodischen Landschaft meiner Selbst war ein Rest von lauernder Unruhe übriggeblieben.

Dennoch! Ich war bereit, mochte kommen, was da wollte. Für mein Gefühl -- das ist keine Floskel -- hing das Schicksal der Menschen von dieser Stunde ab.

Plötzlich aber wurde mein Kopf übermäßig klar.

Der Adjutant kam, grüßte kurz, richtete einige Worte an meinen Begleiter, der sich entfernte, -- und ich stand im Zimmer meines Vaters.

Er saß an seinem Schreibtisch und schien zu arbeiten. Zwei Stabsoffiziere hatten sich hinter ihm postiert, kurz auf seine Fragen zu antworten, die er noch lange nicht unterbrach.

Ich verschränkte die Arme auf den Rücken, wie es Gelehrte tun, senkte den Kopf und wollte langen und langsamen Schrittes vorwärts gehen.

Der Adjutant hielt mich am Arm fest und deutete auf eine Stelle nahe der Türe:

„Nein! Hier bitte!“

Er zischte das.

„Nur keine Umstände,“ glaubte ich zu sagen, aber ich sagte nichts.

Weitschweifig drückte der General seine Zigarette aus und erhob sich.

Er war bräunlich, trotz der apoplektisch violetten Flecken auf seinem Gesicht; schien schlecht geschlafen zu haben. Die Hand, in der er die Reitgerte hielt, zitterte.

Ich stellte mit Absicht einen Fuß vor den andern und machte keine Meldung.

Der General stand vor mir, wartete und gab es dann mit einem bösen Verkneifen der Augen auf.

Jetzt stemmte er die Faust in die Hüfte:

„Leutnant Duschek! Sie sind ein Schandfleck der Armee!“

Ich dachte vor mich hin: Sinaïda! Mein Mund war offen, und ich fühlte fast ein Lächeln.

„Lachen Sie nicht, lachen Sie nicht!“

Es war eine dumpfe, kaum beherrschte Stimme, die das sprach. Ich sah, wie die Hand mit der Gerte zitterte. Der General holte schwer Atem. Sein Schnurrbart war glänzend aufgefärbt, aber sein Scheitel nicht so ordentlich wie sonst.

„Leutnant Duschek,“ -- die gleiche merkwürdig unsitzende Stimme -- „beantworten Sie mir folgende Fragen:

Haben Sie mit sub-ver-siven Individuen verkehrt?“

„Diese subversiven Individuen sind heilige Menschen. Ich habe mit ihnen verkehrt.“

Der General schluckte mehrmals. Jetzt zitterte auch seine andere Hand. Er wandte sich um. Die beiden goldenen Krägen kamen auf Zehenspitzen näher. Endlich hatte er sich von meiner Antwort erholt. Wieder diese Stimme, so ganz und gar ungewohnt!

„Sie leugnen nicht. Gut! Weiter! Haben Sie in betrunkenem -- Zustand -- den Befehlen eines Höheren, des Herrn Majors Krkonosch Widerstand geleistet? Antworten Sie!“

„Ich habe vollkommen nüchternen Bewußtseins vor einem bübischen Überfall Menschen geschützt, die dieses Schutzes wert waren. Den Anführer dieses Überfalls, mag es Herr Krkonosch oder ein anderer gewesen sein, kannte ich nicht!“

Der General schlug mit dem Fuß einen unheimlichen Takt und beschaute sehr lange seine Fingerspitzen. Als er wieder aufsah, war sein Gesicht in das eines Schwerkranken verwandelt.

„Gut! Auch das leugnen Sie nicht. Nun, die letzte Frage: Gestehen Sie, an einem Höheren, eben dem Herrn Major Krkonosch sich tätlich vergriffen zu haben?“

„Ja! Ich habe diese Handlung in einem Augenblick der äußersten Erbitterung begangen, denn durch den Überfall dieses Mannes kam es zu einer Schießerei, bei der -- vielleicht, -- Blut geflossen ist!“

„Leutnant Duschek, Sie bekennen sich hier drei schwerer Verbrechen gegen den allerhöchsten Dienst schuldig!“

Ich richtete mich auf. Jetzt wollte ich die große „Wahrheit“ sagen:

„Vater!“

Der General trat einen Schritt zurück; dieses Wort erst hatte ihn um die ganze Fassung gebracht. Er herrschte mich an:

„Was soll das?“

Jetzt hatte ich schon meine wachsende Gehässigkeit zu überwinden. Warum schickte er die zwei Tröpfe dort nicht weg? Nochmals:

„Vater!“

Auf einmal war der General ganz kalt und ruhig. Die Gerte zitterte nicht mehr.

„Im allerhöchsten Dienst gibt es nur Dienstes-, keine Verwandtschaftsgrade.“

Allerhöchster Dienst! Allerhöchster Dienst! Dieses Wort kroch mit tausend Würmern durch meine Seele. Ach, ich verstand ihn! Jetzt hatte er sich wieder in seine Rolle gefunden. Jetzt wieder war er der starre Römer und Spartaner, den zeitlebens zu spielen so bequem war. Haß fraß sich in mir weiter und weiter. Dennoch zum drittenmal, doch sehr leise, sehr leise:

„Vater!“

Nun aber hatte er wieder Oberwasser. Der Schreck von vorhin war aus seinem Gesichte gewichen, das seine alte Maske annahm. Gemessen und von der Ferne des Polarsterns schnarrte er mit den unklaren Vokalen der militärischen Sprechart:

„Leutnant Duschek! Ich befehle Ihnen im Namen des allerhöchsten Dienstes, diese Ausdrucksweise zu unterlassen!“

Zertreten, besiegt, wie immer! Es schlug über mir zusammen. Speichel war Gift, jede Haarwurzel Wunde. Ich sah in eine von gelben Kreisen durchtanzte Finsternis.

Mit aller Kraft schrie ich:

„Ich scheiße auf deinen allerhöchsten Dienst!“